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Sechzigstes Kapitel.
Ein Spazierritt


Baron von Breda ritt langsam die Anhöhe hinauf, einen Weg, den wir bereits kennen und den wir schon ein paar Mal mit ihm gemacht. Er hielt die Zügel seines Pferdes nachlässig in beiden Händen, die er vor sich auf den Sattelknopf stützte, sein Kopf war tief hinabgebeugt und er so in Gedanken versunken, daß Lord es allein übernehmen mußte, allen Begegnenden auszuweichen, was denn auch das kluge Thier gerade so gut that, als würde es von einem aufmerksamen Reiter gelenkt.

Seit längerer Zeit vermochte der Baron nur einem einzigen Gedanken nachzuhängen, einem süßen und doch wieder so schmerzlichen Gedanken, der nach und nach sein ganzes Wesen erfüllte, den er wohl auf Augenblicke verjagen konnte, der aber dann wieder mit der Gewalt einer wilden Wasserfluth alle die Schutzdämme zerriß, welche seine Vernunft mühsam aufgebaut, alle die guten Pläne zerstörte, die er zum eignen Heil und zu dem eines anderen geliebten Wesens gefaßt, – glühende, wilde Gedanken, von denen er wohl fühlte, sie müßten sein Herz zerstören, seine Sinne abstumpfen, ihn selbst zum bedauernswerthesten der Menschen machen. – Vergebens; er, sonst so starren und unbeugsamen Sinnes, vermochte dem Eindringen dieser Gedanken nicht zu widerstehen, und es schien ihm eine Lust zu sein, ihren wilden Fluthen zuzuschauen, die Zerstörungen zu betrachten, die sie in seinem Inneren anrichteten.

Eugenie hatte sich seit zwei langen Tagen nicht vor ihm sehen lassen; er hatte es über sich vermocht, sie, wie er wohl gekonnt hätte, nicht aufzusuchen. – Vielleicht beruhigt es mich, sie ein paar Tage nicht zu sehen, hatte er gedacht; aber er hatte das achselzuckend gedacht, denn er fühlte im selben Augenblicke, daß jetzt um so mehr all sein Denken, all sein Fühlen sich mit ihr, der Abwesenden, beschäftigen werde.

Und so war es auch. Früher, nachdem sie mit ihm gesprochen, nachdem sie ihm zugelächelt, nachdem sie ihm ihre liebe Hand gereicht, hatte er gern sein Haus verlassen, sich schon beim Fortgehen auf das Wiederkommen freuend, auf ihren lustigen Ruf: Ah, Onkel George! mit dem sie ihm entgegen flog. Jetzt, wo er sie nicht mehr sah, hielt es ihn gewaltsam fest in der Nähe seines Hauses, ja, so viel es ihm möglich war, in der Umgebung ihrer Zimmer. Freilich hatte er sich vorgenommen, diese nicht zu betreten, aber es konnte ja möglich sein, daß sie dieselben verlassen würde, daß sie ihm plötzlich entgegen träte oder daß er vielleicht ihre Aeußerung vernähme: Onkel George könnte mich wohl besuchen.

Aber sie that das nicht, sie blieb still auf ihrem Zimmer, sie saß viel an ihrem Fenster, von wo man nach den Bergen blicken konnte, hinter denen das alte Landhaus ihres Vaters lag. So sagte Frau von Breda und setzte hinzu: »Die arme Eugenie leidet; sie sieht bleich aus, und leicht treten ihr die Thränen in die Augen, was man sonst nicht an ihr gewohnt ist.«

Wir müssen gestehen, daß den Baron diese Nachricht nicht schmerzlich berührte; er athmete tief auf und fand eine Beruhigung darin, daß Eugenie nicht heiter sei; es bestärkte ihn in seinem Vorsatze, noch eine Weile zu warten, ehe er sie aufsuchte; ja, er vermochte es über sich, das Haus zu verlassen. Und so sehen wir ihn denn langsam und in tiefe Gedanken versunken nach der bewußten Anhöhe reiten.

Oben angekommen, stand Lord einen Augenblick still und wandte, wie er hier gewöhnlich that, seinen Kopf nach der Stadt zurück. Es war ein wundervoller klarer Nachmittag, die erste Frühlingszeit, welche sich rings umher in Jubel und Lust ankündigte. Die seinen Zweige und Aeste der niederen Bäume und Gesträuche zeigten nicht mehr ihre kahlen, eckigen Formen; sie waren mit jenem uns so wohl bekannten duftigen Flor umsponnen, der jetzt schon anfing, aus dem Violetten ins Grüne überzugehen. Ein freudiges Aufathmen, ein inniges Sehnen nach der nächsten herrlichen Zeit schien die ganze Natur zu beleben, und was lange geschlummert unter Schnee und Eis im starren Schooß der Erde, schickte sich jetzt an, überall an das Tageslicht hervorzubrechen. Wohin das Auge blickte, drangen die feinen grünen Blätter aus dem Boden hervor, zeigten sich die ersten Frühlingsblumen. Und nicht bloß das Auge allein bemerkte die herannahende entzückende Zeit, sah dieses neue, schöne, regsame Leben, auch jedes Herz fühlte in diesem Augenblicke den Drang, wenn es in starrem Schlafe befangen war, seine Fesseln zu brechen und sehnsuchtsvoll aufzublühen, sei es in glücklicher Liebe, in herrlicher Blumenpracht, sei es im hoffnungsreichem Grün, sei es im Glanze fließender Thränen.

Da lag die Stadt vor dem einsamen Reiter, glänzend im Strahl der Sonne, umwallt von flimmernden Nebeln und vergoldetem Rauche. Deutlich sah er sein Haus vor sich liegen, das Dach mit der rothen Fahne, über welcher die vergoldete Spitze wie ein funkelnder Stern stand. Unter diesem Sterne war das Fenster, an welchem sie jetzt wohl saß und vielleicht nach dem Berge blickte, wo er so eben hielt. Ja, es war ihm, als wisse er bestimmt, daß sie sich jetzt dort befinde, daß sie ihre süßen Augen hieher richte, daß sie an ihn denke, herzlich und lieb. Es konnte nicht anders sein; so kann ein Gefühl nicht lügen, ein Gefühl, das ihm zauberhaft mit einem Male nicht nur ihr Bild, sondern ihr inneres Wesen, selbst wenn er die Augen schloß, so unerklärlich nahe brachte, daß es ihm war, als spüre er den Hauch ihres Mundes, als höre er ihre Worte: O Onkel George!

Doch auch diese liebliche Phantasie flatterte vorüber, und als sie dahin gezogen war und er sein Herz wieder ruhiger schlagen fühlte, da erkannte er deutlich, daß es mehr als ein Traum gewesen, was ihn eben umgaukelt; da wußte er genau, daß ihre Gedanken den seinigen in diesem Momente wirklich begegnet waren.

Er wollte eben sein Pferd umwenden, um nach der Stadt zurückzukehren, als er den Berg herauf einen anderen Reiter in starkem Trabe sich nähern sah. Sein scharfes Auge erkannte Fremont, der ihm schon von Weitem mit der Hand zuwinkte. George von Breda hielt sein Pferd zurück, und der Andere war in einigen Minuten bei ihm.

»Ich dachte es mir doch,« rief ihm Fremont zu, »dich hier auf deinem gewöhnlichen Wege zu treffen. – Wenn es dir nicht unlieb ist, so reiten wir eine Strecke zusammen.«

»Wie soll mir das unlieb sein?« fragte Herr von Breda. »Reiten wir. Welcher Zufall führt dich hieher?«

»Eigentlich kein Zufall; ich suchte dich in deinem Hause, und als mir deine Frau sagte, du seiest ausgeritten, dachte ich mir gleich, dich hier zu finden.«

»Du sahst meine Frau?«

»Ja, sie war im Wintergarten mit Fräulein von Braachen. Letztere aber,« setzte Fremont mit etwas spöttischem Tone hinzu, »hatte ich nicht das Glück zu sprechen; deine Frau sagte, die junge Dame wäre leidend, und diese zog sich, als ich das Glashaus betrat, auf ihr Zimmer zurück.«

So war sie doch an ihrem Fenster! dachte aufathmend der Baron, den die Nachricht, Eugenie sei im Wintergarten gewesen, schmerzlich berührt hatte.

Die Beiden ritten im Schritt den Abhang hinunter.

»Ein herrlicher Tag!« sprach Fremont, »ein entzückender Tag! Man fühlt ordentlich mit den Pflanzen und Gräsern; man möchte auch ausschlagen, wenn man nicht schon zu alt dazu wäre. Was meinst du, guter George?«

Er sagte das mit einer Munterkeit, die aber etwas Forcirtes an sich hatte, wobei er seinen ernsthaft aussehenden Freund mit einem scharfen Blicke von der Seite betrachtete.

George von Breda nickte mit dem Kopfe und erwiderte: »Es ist wirklich sehr schön, und man ist erfreut, den langen Winter hinter sich zu haben.«

»Wo steckst du denn eigentlich?« fuhr der Andere nach einer kleinen Pause in demselben munteren Tone wie früher fort. »Was treibst du? Man sah dich ja in den letzten Tagen nirgendwo. Ich wette, daß ich eine ganze Menge Neuigkeiten für dich habe. – Apropos! weißt du auch, daß dieser famose Czrabowski abgereist ist? – weißt du, verschwunden, ohne daß er seine Abschiedsbesuche gemacht hat. – Ein pfiffiger Schuft! Er hat manches ehrlichen Mannes Beutel leichter gemacht.«

»Und auch wohl den deinigen,« gab Herr von Breda zur Antwort; »ich habe dir das voraus gesagt. – Aber du warst in meinem Hause, wie du sagtest?« setzte er mit einem fast ängstlich forschenden Blicke hinzu. »Hättest du mit mir etwas Besonderes zu sprechen?«

»O – ja, ich hätte schon Einiges auf dem Herzen,« versetzte Fremont zögernd, »doch hat das noch Zeit.«

»Wie du willst,« sprach der Baron mit einem scheinbar gleichgültigen Tone.

»Ich wollte,« fuhr der Baron fort, »dir nur von diesem Czrabowski sagen, daß er mich auch einiger Maßen daran gekriegt hat. Aber daran ist Niemand schuld, als der verdammte Tondern.«

»Dein intimster Freund.«

»Hol' ihn der Teufel! ich hielt ihn für einen noblen Kerl, und ich gestehe es, er war mir zuweilen angenehm.«

»Er gab dir gute Rathschläge.«

»Die ich besser nicht befolgt hätte. Aber über geschehene Dinge soll man nicht klagen.«

»Namentlich nicht,« erwiderte George von Breda mit einem trüben Lächeln, »wenn man eine gute Lehre für die Zukunft empfangen hat.«

»Die habe ich empfangen; sie war etwas theuer, hat mich jedoch curirt.«

»Und ist Tondern mit deiner Heilung zufrieden?«

»Ich werde das nicht genau sagen können,« meinte Fremont nach einer Pause; »auch er ist abgereist.«

Dabei beugte er sich nieder und schien die Zügel seines Pferdes ordnen zu wollen.

»Ah, er ist abgereist?« fragte verwundert Herr von Breda. »In der Art wie Czrabowski?«

»Fast ebenso, nur mit mehr Glanz und mehr Uebermuth. Du kennst ihn ja. Die vielen Opfer, die ich ihm gebracht, bezahlte er mir auf seine Weise mit Grobheiten –«

»Und negociirte dabei eine neue Anleihe?«

»Den Teufel auch! er wäre schön bei mir angekommen! Meine Kasse ist nicht unerschöpflich wie die Seiner Erlaucht des Herrn Grafen Helfenberg, dem es auf Zehntausend mehr oder weniger nicht ankommt, um seine Plane durchzusetzen.«

Das sagte er mit einem sehr sarkastischen Tone, wobei er abermals einen scharfen beobachtenden Blick auf seinen Nachbar warf.

»So? Helfenberg hat ihm geholfen, sich mit seinen Gläubigern zu arrangiren?«

»Was willst du? Manus manum lavat, sagt der Lateiner; du siehst, ich bin nicht umsonst in die Schule gegangen. – Reiten wir den Waldweg zu Braachens?« fragte Fremont, indem er sein Pferd anhielt.

»Wenn es dir egal ist, so reiten wir auf der Chaussee weiter,« gab George von Breda zur Antwort, ohne den Blick nach links zu wenden.

»Wie du willst. – Ja, dieser Helfenberg ist ein glücklicher Kerl.«

»Ich gönne ihm sein Glück, vor Allem aber seine wieder hergestellte Gesundheit. Es war doch ein gar zu entsetzliches Loos, das ihn betroffen. Mit welch freudigem Blicke der das Frühjahr betrachten muß!«

»Man sagt, er wolle eine größere Reise antreten.«

»Ich hörte nichts davon.«

»Und sich vorher verheirathen!« lachte Fremont mit einem boshaften Blicke.

»Bah! Stadtgeschwätz! – So viel ich weiß, hat Helfenberg durchaus keine Liaison.«

»Das weißt du so genau?« fragte der Andere lauernd in langsamem Tone.

»Mir ist wenigstens nichts bekannt.«

Fremont fuhr spöttisch lächelnd mit den Fingern durch die Mähne seines Pferdes, worauf er dasselbe einen Sprung vorwärts thun ließ. Dann sagte er: »Wird dir noch bekannt werden, guter Breda, sehr bekannt werden; darauf kannst du Gift nehmen.«

»Und wenn auch – du thust ja gerade, als müsse mich das außerordentlich interessiren. Mir kann es wahrhaftig gleichgültig sein, wer Gräfin Helfenberg wird; ich habe weder eine Schwester, noch eine Tochter, die danach trachtet.«

»Nein – aber eine Cousine, der das vielleicht gefallen könnte, aber –«

»Ah, Fremont!« rief der Andere, indem er sein Pferd anzog; »das ist ein Scherz, den ich von dir am allerwenigsten erwartet hätte.«

»Und warum gerade von mir nicht?« rief Fremont in sehr übermüthigem Tone. »Wohl gar, weil die Leute sagten, auch ich trachte nach der Hand des Fräulein von Braachen?«

»Du warst so eben in meinem Hause?« fragte Herr von Breda in sehr ernstem Tone.

»Zum Teufel! ja, das war ich.«

»Und wolltest mich sprechen?«

»Allerdings.«

»So sprich denn! Ich will dir aufmerksam zuhören.«

»Ich war eben dabei, als du mich unterbrachst,« sagte Baron Fremont mit einiger Heftigkeit. »Es scheint, du willst mich nicht zu Worte kommen lassen. Und doch habe ich Sachen zu berichten, die dich ebensowohl interessiren werden wie mich, die vielleicht dein ruhiges Blut in einige Wallung bringen könnten.«

George von Breda biß sich auf die Lippen, als der Andere so sprach; er fühlte den heftigen Schlag seines Herzens und gab sich gewaltige Mühe, ruhig zu scheinen, was ihm auch gelang. Dann erwiderte er: »So rede denn, Fremont! Aber erlaube mir, dir zu bemerken, daß ich gerade nicht in der Laune bin, um mich von Stadtgerede unterhalten zu lasten.«

»Was will ich von Stadtgerede!« versetzte Fremont, der mit einem Male sehr aufgeregt erschien. »Wer bekümmert sich darum? Ich sage nur, was ich und gute Freunde gesehen.«

»So, du hast etwas gesehen?« fragte der Baron in ziemlicher Spannung.

»Gesehen und gehört. Wo soll ich mit meinen Berichten anfangen?«

»Wo du willst,« sprach Herr von Breda anscheinend mit großer Ruhe. Darauf faßte er die Zügel von Lord fest mit der linken Hand, stemmte die rechte in die Seite und ließ den Kopf niedersinken, als betrachte er aufmerksam die frischgrünen Ränder des Chausseegrabens und die aufbrechenden Knospen der Gesträuche.

»So will ich denn bei dem anfangen, was ich gehört. Es ist auch älter als meine eigenen Wahrnehmungen und bildet eigentlich das Fundament dieser höchst merkwürdigen Geschichte. – Du wußtest wohl nicht einmal,« unterbrach sich Fremont, seinen Freund befragend, »daß Fräulein Eugenie von Braachen den Herrn Grafen von Helfenberg schon seit längerer Zeit kennt?«

»Sie kennt ihn nicht,« gab Baron von Breda leise zur Antwort.

»Ob sie ihn kennt! – Schon ehe sie in dein Haus kam, hatte sie Zusammenkünfte mit ihm.«

»Das ist nicht wahr!«

»Wenn du mich auf diese Art unterbrichst, lieber George, so ist es am Ende besser, ich behalte das für mich, was ich dir mittheilen wollte.«

»Du hast Recht; ich will dir ganz ruhig zuhören.«

»Die Zusammenkünfte zwischen Beiden fanden in dem kleinen Försterhause Statt, welches der Jäger Klaus in der Nähe des Gutes des Herrn von Braachen bewohnt. Dort sah Eugenie den Grafen.«

»Sie ging oft dorthin,« murmelte Breda. »Vielleicht traf sie ihn zufällig,« setzte er lauter hinzu.

»Nehmen wir an, sie habe ihn zufällig getroffen, wenn es dir Vergnügen macht, so zu glauben. Mir verschlägt es wenig, da ich meiner Sache gewiß bin und dir den Beweis geben kann, mit welch überraschendem Interesse Graf Helfenberg für die junge Dame nicht nur dachte, sondern handelte. Du wirst dich erinnern, daß er vor einiger Zeit ein Testament machte. Wir hatten die Ehre, als Zeugen dabei zu sein. Es war, wie die Rechtsgelehrten sagen, ein mystisches Testament; doch erhielt ich zufällig Kenntniß von einigen Legaten.«

»Nun – – Fremont?«

»Eines derselben bestimmte Fräulein Eugenie von Braachen nach dem Ableben des Grafen das große Schloß Stromberg mit allen Ländereien und Einkünften. – Konnte er einen größeren Beweis von Interesse, ja, ich wage zu behaupten, von glühende Liebe für Eugenie geben?«

»Wenn das wahr wäre,« sagte Baron von Breda mit dumpfer, klangloser Stimme.

»Wovon du dich gleich überzeugen sollst,« fuhr Fremont eifrig fort und zog ein Papier aus seiner Rockasche. »Sieh das gefälligst durch.«

George von Breda ließ die Zügel seines Pferdes fallen, griff hastig nach dem, was ihm sein Freund darreichte, und entfaltete das uns wohlbekannte Concept. Während er las, biß er die Lippen auf einander, seine Wangen entfärbten sich mehr und mehr, und das Papier zitterte auffallend in seinen Händen. – »Wie kamst du dazu?« fragte er alsdann, indem er es, ohne aufzublicken, zurückgab.

»Ich erhielt es durch einen Zufall.«

»Ah!« wachte Breda, indem er seine Hand an die Stirn drückte und einige Augenblicke über etwas nachdachte. Dann zuckte es verächtlich um seinen Mund, und er sagte: »Dir war also bekannt, daß Eugenie eine reiche Erbin werden würde – und darauf fandest du es für gut, dich um ihre Hand zu bewerben? – Pfui, Fremont!«

»George!«

»Das Pfui mußt du nicht auf dich beziehen, mein lieber Fremont,« fuhr Herr von Breda nach einer Pause mit sonderbarem Lächeln fort; »es war ein Ausruf des Bedauerns, welches der Blindheit galt, mit der deine Augen geschlagen waren. Also« – er betonte jedes Wort aufs schärfste – »du mußtest dieses Mädchen erst mit Geld umgeben sehen, ehe du ihren Besitz für wünschenswerth hieltest? Ich bedaure dich aufrichtig. – Und wie Recht hatte ich!« – Dieses Letztere murmelte er vor sich hin.

»Du bist sehr aufgeregt,« versetzte der Andere achselzuckend, »deßhalb will ich deine Worte nicht genau nehmen. Auch möchte ich gern mit deiner Erlaubniß in meinem Berichte fortfahren.«

»Thu das.«

»An dem Interesse, welches der Graf an Eugenien nimmt, ist also nicht mehr zu zweifeln, ja, ich möchte behaupten, auch daran nicht, daß er sie leidenschaftlich liebt. Wie sehr diese Liebe von der jungen Dame erwiedert wird, kann ich begreiflicher Weise mit Bestimmtheit nicht sagen, doch spricht dafür eine Zusammenkunft, welche Beide vor wenigen Tagen in der Stadt hatten.«

»Eine Zusammenkunft – in der Stadt?«

»In der Stadt, und zwar in einem alten, unscheinbaren Hause in einer engen Gasse.«

»In der Nähe des Blumenmarktes?« fragte George von Breda fast unhörbar, und es schien, als müsse er die Worte fast gewaltsam hervorpressen.

»Du weißt darum?«

»Vielleicht. Doch fahre fort.«

»In jenem alten Hause also,« sprach Fremont, nachdem er einen Blick des Erstaunens auf seinen Nachbar geworfen, »traf der Graf Helfenberg mit Fräulein von Braachen zusammen. Was sie da –«

»Halt, Fremont!« rief Baron von Breda in diesem Augenblicke mit lauter Stimme, indem er den Arm des Anderen faßte und stark drückte; »habe die Freundschaft für mich, und sprich keine Dinge, die du nicht beweisen kannst – denn ich will das bewiesen haben,« setzte er zitternd vor Aufregung, hinzu. »Wer sich untersteht, so etwas zu sagen, soll den Beweis gegen mich zu führen im Stande sein, oder er oder ich hätte das letzte Wort auf Erden gesprochen.«

»Was ich sagte, kann ich beweisen,« gab Fremont kalt zur Antwort, »du wirst aber am besten einen Beweis erhalten, wenn du dir die Mühe nimmst, Fräulein von Braachen in dieser Angelegenheit zu befragen.«

»Wenn sie es mir eingestände!« rief George von Breda in schmerzlicher Bewegung.

»Will sie diese Geschichte verheimlichen, so werde ich mich bemühen, dir die besten Beweise beizubringen. Sollte mir das indessen nicht gelingen können, so wirst du mich zu allen deinen Wünschen bereit finden.« – Aber dieses hochmüthige Mädchen wird nicht läugnen, dessen bin ich sicher, dachte er, indem er anhielt und sich mit einer entschlossenen Miene gegen seinen Nachbar wandte.

Dieser aber schien nichts davon zu bemerken; er ließ sein Pferd noch einige Schritte ausgehen, dann wandte er es und ritt ein paar Minuten im langsamsten Schritte gegen die Stadt zurück, indem er beide Hände wie früher fest auf den Sattelknopf drückte und den Kopf tief herabsinken ließ.

Fremont blickte ihm erstaunt nach.

Auf einmal zeigte sich eine andere Bewegung in dem davoneilenden Rosse und seinem Reiter. George von Breda hatte sich hoch aufgerichtet, und einen Moment darauf flog Lord in einem rasenden Galopp dahin.

Die Strecke zurück zu messen, zu welcher er vorhin eine ziemliche Zeit gebraucht, dauerte nur wenige Minuten, und erst auf der Anhöhe, von wo man auf die Stadt hinabsah, mäßigte er einen Augenblick den Lauf des Thieres. Er schaute ein paar Sekunden wie gedankenlos auf die Häusermassen unter sich. Die Physiognomie derselben hatte sich in der kurzen Zeit geändert; die Sonne war hinter einem leichten Gewölk verschwunden, welches den Horizont umsäumte; Dunst und Nebel, der auf der Stadt lag, war kalt und farblos geworden; die Fernen, die vorhin so kräftig und violet leuchteten, sahen frostig aus, wie zum Einschlafen bereit.

Der Reiter warf einen Blick auf sein Haus – der Stern, der vorhin so schön über demselben gefunkelt, war ausgelöscht, verschwunden.

Es dauerte noch eine kleine Viertelstunde, da lenkte George von Breda sein Pferd in den Hofraum bis zur Haupttreppe des Hauses, wo er anhielt und abstieg. Er war so in Gedanken vertieft, daß er nicht einmal bemerkte, wie eine Menge neugieriger Leute sich an die Einfahrt drängte und das Gebäude betrachtete: er sah nicht einmal die beiden Polizeisoldaten, welche am Eingange des Wintergartens standen und ihn ehrerbietig begrüßten. Bei dem Hufschlage seines Pferdes lief einer der Stalljungen eiligst herbei und machte ein gar bestürztes und sonderbares Gesicht. Aber der Herr des Hauses achtete nicht darauf.

Der Jäger Brenner öffnete die Thür, und erst als derselbe sagte: »Es passirt eben hier eine sehr unangenehme Geschichte« – denn er glaubte nicht anders, als der Baron habe die Leute am Thor und die Polizei am Glashause bemerkt – fuhr dieser aus seinen Träumereien empor und fragte: »So, was gibt's denn? Es ist doch – nichts passirt?« Er sprach glücklicher Weise den Namen nicht aus, der sich ihm gewaltsam aufdrängte.

»Die Polizei ist im Hause,« versetzte der Jäger, »um den Gärtner Andreas in Verhaft zu nehmen.«

»Ah so! – weiter nichts?« gab der Baron mit einer Gleichgültigkeit zur Antwort, die den treuen Diener ins höchste Erstaunen setzte.

»Andreas,« fuhr derselbe nach einer kleinen Pause fort, »hat heute, glaube ich, Streit in einem kleinen Wirthshause gehabt und dort mit einem Leuchter Jemand auf den Kopf geschlagen, der nun gefährlich verwundet, man könnte sagen, sterbend, darniederliegt.«

»Gut, gut!« versetzte eilig der Baron, »sage das meiner Frau.«

»Die Frau Baronin sind ausgegangen.«

»Nun, so melde es ihr, wenn sie zurückkommt.«

Damit ließ er den Jäger stehen, und eilte in flüchtigen Sätzen die Treppe des Hauses hinan. Doch nur die erste Hälfte erstieg er so rasch, dann faßte er das Geländer mit der Hand, blieb stehen und sprach zu sich selber: Ruhig, ruhig! was könnte es wohl nützen, wenn ich wie ein Rasender, der ich freilich bin, in ihr Zimmer stürzte! Gelassen – ruhig! Es wird mir viel kosten, es nur zu scheinen, aber ich will. – Ja, ich will, setzte er hinzu und lächelte trübe vor sich hin. Wo ist der starke Wille geblieben, den ich früher zu haben wähnte? – Ja, früher, früher, das war eine glückselige Zeit, und wenn ich mir vornahm, an etwas nicht zu denken, nicht unter quälenden Gedanken zu leiden, so sagte ich einfach: ich will! und dann geschah es. – Und auch jetzt möchte mein guter Wille sein altes Recht behaupten, aber er kann nicht, er kann gewiß nicht. Wenn mir auch das Herz zerspringen möchte – ich kann nicht eine Sekunde leben, ohne an sie zu denken, und wenn ich mich zwingen will, so zuckt es mir in meinen Augen. – O des Unglücks!

Der Baron knirschte mit den Zähnen und stieg alsdann nach einiger Zeit die Treppe vollends hinauf, langsam, oft stehen bleibend, Stufe um Stufe.

Aber so zögernd sein Schritt auch war, er hatte jetzt den ersten Stock erreicht, er wandte sich links – er stand vor ihrem Zimmer noch ein paar Sekunden mit ebenso liefen Athemzügen, und er klopfte leise an.

»Herein!«


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