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Siebentes Kapitel

. Die so unglücklich verlaufne Flucht des Königs, seine Verhaftung in Varennes und seine Gefangenschaft in den Tuilerien hatten dem Brande der Revolution neue Nahrung gegeben. Die klägliche Rolle, die Ludwig der Sechzehnte bei den Ereignissen des 20. und 21. Juni gespielt hatte, mußte das Selbstbewußtsein seiner Feinde stärken, und was noch schwerwiegender war, sogar bei seinen Anhängern Zweifel erwecken, ob das monarchische Prinzip noch stark genug sein würde, sich von diesem Schlage zu erholen. In jenen Tagen wurde zum erstenmal der Gedanke an eine völlige Beseitigung des Königtums laut, anfangs zaghaft und verblümt und ohne daß man seiner Tragweite bewußt war, dann immer deutlicher und herausfordernder. Der Pöbel, der vor allem Neuen zuerst erschrickt, ihm bald darauf aber um so begeisterter huldigt, griff die Idee einer Republik um so begieriger auf, als sich die Journale, die jetzt wie Pilze emporschossen, zur vornehmsten Aufgabe machten, auf die Zeiten der römischen Republik als eine Periode der allgemeinen Glückseligkeit, der Menschlichkeit und der Tugend hinzuweisen. Und weil das Volk im dunkeln Bewußtsein seiner Urteilslosigkeit des Glaubens an Autoritäten bedarf und sich bei seinem Tun gern an Namen klammert, mit denen es einen unklaren Begriff verbindet, so beschloß es die feierliche Überführung der Gebeine Voltaires aus der stillen Gruft von Scellières nach dem Pantheon. Der Staub des großen Spötters, aufgebahrt im Heiligtum der Revolution, sollte dem Kampfe gegen Despotismus und Hierarchie die Weihe der Philosophie geben. Nicht als ob die Fanatiker der Freiheit und der Gleichheit einer Rechtfertigung vor sich selbst bedurft hätten! Aber sie sahen die Augen der ganzen Welt auf sich gerichtet und hielten es für nötig, die Völker durch Entfaltung eines theatralischen Pompes zu blenden und für die neuen Ideen zu gewinnen. Im Auslande freilich hatte sich längst ein Wechsel der Anschauungen vollzogen: auch dort, wo man die Anfänge der Revolution mit teilnehmender Begeisterung begrüßt hatte, war inzwischen die Überzeugung durchgedrungen, daß die von Paris ausgegangne Bewegung ihren anfänglichen Zielen untreu geworden und auf dem besten Wege sei, das Übel der Despotie durch das tausendmal schlimmere und widerlichere der Demagogie zu ersetzen.

Die Monarchen Europas, durch die Ereignisse des 20. und 21. Juni unsanft aus dem Schlummer aufgerüttelt, kamen langsam – ganz langsam – zu der Einsicht, daß das, was ihrem allerchristlichsten Bruder von Frankreich zugestoßen war, auch ihnen selbst einmal drohen könnte, wenn sie sich nicht bald entschlössen, einen kalten Wasserstrahl in den Pariser Feuerbrand zu senden. Und in der allgemeinen Not vergaßen sie ihre kleinen Zwistigkeiten und trafen Anstalten zu gemeinsamem Vorgehn. Sogar zwischen Preußen und Österreich wurde ein Bündnis vorbereitet, dessen Verwirklichung sich bei der grundsätzlichen Meinungsverschiedenheit der Monarchen über die zu gebrauchenden Mittel und bei der Schwerfälligkeit der beiderseitigen Kabinette freilich sehr verzögerte und in der schwächlichen Deklaration von Pillnitz zunächst seinen Abschluß fand. Am tatkräftigsten zeigte sich noch der König von Schweden: er erschien in eigner Person in Aachen, um mit dem nach Luxemburg geflüchteten General Bouillé einen Kriegsplan zu entwerfen.

In Frankreich war man für diese Vorgänge nicht blind. Man schrieb sie den Einwirkungen der Emigranten zu, obgleich diese an den Höfen keinen nennenswerten Einfluß hatten und überall mit Mißtrauen aufgenommen wurden. Ludwig der Sechzehnte selbst, in andern Dingen weniger scharfsichtig, sah nicht mit Unrecht in den Flüchtlingen und ihrem Verhalten eine ernstliche Gefahr für sich und seine Sache und bemühte sich – freilich erfolglos –, seine Brüder und ihren Anhang zur Rückkehr zu bewegen. Die Nationalversammlung ging gegen das »auswärtige Frankreich« mit aller ihr zu Gebote stehenden Strenge vor, sie bedrohte alle Aristokraten, die bis zum 1. Januar des kommenden Jahres nicht zurückgekehrt sein würden, mit der Todesstrafe und stellte die Prinzen und ihre Ratgeber unter Anklage des Hochverrats.

Diese Maßnahmen steigerten den Haß und die Wut der Emigranten ins Ungemessene und führten sie zu einer Überschätzung ihrer politischen und militärischen Bedeutung. Seit der Graf von der Provence, der ältere der beiden Brüder des Königs, ebenfalls in Koblenz Aufenthalt genommen und den fremden Mächten gegenüber jede Regierungshandlung Ludwigs des Sechzehnten für unverbindlich erklärt hatte, war die kurfürstliche Residenz zu einem kleinen Versailles geworden. In demselben Maße, wie die Mittel der Prinzen zusammenschmolzen, vergrößerte sich ihr Hofstaat und der Apparat, der die Bestimmung hatte, ihre geheiligten Personen und ihr kostbares Leben zu schützen. Der alte Korporal Noll, in dessen Händen bisher die Aufrechterhaltung von Ruhe und Ordnung gelegen hatte, mußte seine Autorität jetzt mit einem ganzen Aufgebot französischer Polizisten teilen. Die Folge davon war, daß er jetzt noch öfter als sonst ein Extraspeziälchen ausstach, in den Kneipen und Tabagien »in der Bracke« ausgiebig auf das ganze fremdländische »Saupack« schimpfte und seinem Ärger gelegentlich mit dem Haselstocke Luft machte, wenn er, was freilich selten genug geschah, einen der jüngern Kavaliere dabei erwischte, wie er sein Reitpferd mitten durch die Beete des Hofgartens tummelte.

Ein Regent – denn als solcher wurde der Graf von der Provence nun von mehreren Höfen anerkannt –, ein Regent ohne Armee wäre undenkbar gewesen, und so begann man denn zu rüsten. Was den Kompagnien, die bei dieser seltsamen Mobilmachung die Regimenter ersetzen mußten, an Stärke, Disziplin und einheitlicher Organisation abging, ersetzten sie durch ihre Zahl, durch den Klang ihrer Namen und die Pracht der Uniformen. Da gab es vier Kompagnien königlicher Leibgarde, je eine Kompagnie Gardes de Monsieur, Gardes d'Artois, Musketiere, leichte Reiter und Gendarmen, ferner die Kompagnie des heiligen Ludwig, die Karabiniers, die Dragoner de Monsieur, d'Artois und d'Angoulême, die Ritter der Krone und endlich eine Reihe von Kompagnien, die sich aus dem Adel der einzelnen Provinzen rekrutierten. Der alte Marschall von Broglio übernahm in dieser lustigen Armee den Oberbefehl; alte Generale traten an die Spitze der Kompagnien, von denen übrigens manche nur auf dem Papier existierten. Man übte sich im Fechten, allerdings mehr mit dem Munde als mit den Waffen, sparte für den bevorstehenden Feldzug, indem man nichts mehr bar bezahlte, und entschädigte sich im voraus für die kommenden Strapazen, indem man die Freuden der Liebe, des Weines und der Tafel bis auf den letzten Rest auskostete. Über die Art, wie man die Rebellen im Vaterlande züchtigen wollte, war man nicht durchaus einig, aber soviel stand fest: wehe den Demokraten, wenn dieses Heer von betreßten Knaben und besternten Greisen seinen Einzug in Paris hielt!

Die kriegerische Stimmung blieb nicht ohne Einfluß auf die äußern Umstände des Marquis von Marigny und seines Schwiegersohnes. Die Galadiners, die Jagdfestlichkeiten und Maskenbälle, mit denen Clemens Wenzeslaus wohl oder übel seinen französischen Neffen die Langeweile vertreiben mußte, stellten immer höhere Ansprüche an die Kochkunst des alten Herrn, und da er es nicht verschmähte, sich seine wunderbaren Leistungen wie ein echter Künstler bezahlen zu lassen, so kam er gar nicht in die Lage, die Familienjuwelen verkaufen zu müssen. Im Gegenteil: er konnte nicht nur von seiner Hände Arbeit gemächlich leben, sondern erzielte noch ansehnliche Überschüsse. Wenn andre Sterbliche das Einstreichen des Honorars als den annehmlichsten Teil ihrer auf Erwerb gerichteten Tätigkeit betrachten, so war bei dem alten Aristokraten das Umgekehrte der Fall. Er kochte mit Begeisterung und nahm die Röllchen neugeprägter trierischer Gulden, die ihm die kurfürstliche Mundküchenkammer allmonatlich zweimal übermittelte, mit Widerstreben. Er vermied es sogar, das Geld beim Empfange mit der Hand zu berühren, und hatte einen Modus des Einkassierens erfunden, der wesentlich zur Beruhigung seines aristokratischen Gewissens beitrug. Wenn der Kanzleidiener mit dem Honorar in der Mansarde des »Englischen Grußes« erschien – an solchen Tagen war der Marquis zufälligerweise stets zu Hause! –, lag die fertig geschriebne Quittung nebst dem üblichen Gulden Douceur für den Boten schon auf dem Tische. Dann mußte der Beamte, einer genau getroffnen Verabredung gemäß, ohne Marigny zu grüßen oder auch nur von seiner Anwesenheit Notiz zu nehmen, die Geldrollen auf den Tisch legen und schweigend, wie er gekommen, mit Quittung und Douceur wieder verschwinden. War er fort, so erhob sich der Marquis, zog die Schieblade des Tisches auf und hob diesen selbst an der entgegengesetzten Seite mit einem kräftigen Ruck empor, daß die Rollen in die Schieblade hüpften, die dann durch einen Stoß mit dem Fuße zugeschoben wurde. Hatte das Geld eine Weile dort gelegen, so ließ es sich verwenden, ohne seinem Besitzer weiter Kopfschmerzen zu bereiten.

Wie aber die steigende Flut an der einen Küste des Ozeans Ebbe an der entgegengesetzten hinter sich läßt, so ging unter den Emigranten mit der gesteigerten Wertschätzung materieller Genüsse eine Abnahme des Interesses an den schönen Künsten Hand in Hand. Und in dem Maße, wie sich Marignys Schieblade füllte, leerte sich die seines Schwiegersohnes. Wer hätte jetzt noch Lust und Geld gehabt, sich malen zu lassen! Jetzt, wo man gleichsam schon einen Fuß im Bügel hatte und nur auf das Signal wartete, den andern über die Kruppe zu schwingen!

Es ging Villeroi und seiner jungen Frau in der Tat schlecht genug, und hätte nicht gelegentlich ein Mitglied der Koblenzer Noblesse oder des Ratsstandes das Bedürfnis empfunden, die liebe Gattin zu ihrem Namensfeste mit seinem wohlgetroffnen Konterfei zu erfreuen, so würde das Paar die bitterste Not gelitten haben.

Marigny konnte dies nicht unbekannt bleiben. Die Leute, mit denen er im Klub zusammentraf, stellten sich zwar nach wie vor, als ob sie weder von seinen Einkünften aus der kurfürstlichen Küche noch von seiner Eigenschaft als Vater einer verleugneten Tochter etwas wüßten, unterließen es aber doch nicht, ihm in schonender Weise Andeutungen über die mißliche Lage zu machen, in die ein junger Standesgenosse, der sich bemühe, sich und seine Frau durch Porträtieren zu ernähren, geraten sei.

Wie zu erwarten stand, verklang dieser Appell an die väterlichen Gefühle des alten Herrn nicht wirkungslos. Er brachte Marguerite aufrichtiges Mitleid entgegen – daran vermochte auch die Tatsache nichts zu ändern, daß seine Eigenliebe über das Eintreffen des von ihm prophezeiten Elends eine gewisse Befriedigung empfand. Welcher Triumph für ihn, den so schnöde verlassenen Vater, daß er jetzt einspringen mußte, um das gestrandete Schifflein der törichten jungen Leute wieder flott zu machen!

Er leerte also seine Schieblade, machte aus den Rollen ein Paketchen, versenkte es in eine Tasche seines Rockes und begab sich in den Kurtrierischen Hof zum Besuche der Baronin von Gramont, von der er wußte, daß sie mit Marguerite noch in den engsten Beziehungen stand.

Frau von Gramont mochte ahnen, was das Erscheinen des Marquis zu bedeuten habe, aber sie gab sich den Anschein, als sei sie über den unerwarteten Besuch aufs höchste erstaunt. Sie weidete sich innerlich an seinen nicht gerade geschickten Bemühungen, in unauffälliger Weise das Gespräch auf den Gegenstand zu bringen, der ihm am Herzen lag. Sie kam ihm keineswegs hierbei entgegen, sondern entschlüpfte ihm, wenn er seinem Ziele nahe zu sein glaubte, gleichsam unter der Hand. Es reizte sie, den alten Herrn ein wenig zappeln zu lassen, ehe sie auf seine Absichten einging.

Endlich suchte er sich einen etwas gewaltsamen Ausweg. Indem er durch die Lorgnette ein Bildnis des Kurfürsten betrachtete, das über dem Kamin des Gasthofszimmers hing, sagte er: Ich kann so etwas nicht ansehen, ohne die lebhaftesten Gewissensbisse zu empfinden.

Sie Gewissensbisse, Marquis? Sie – der rechtschaffenste aller Männer? gab die Baronin zurück.

Ja, ich. Sehen Sie, Frau Baronin, ich komme mir immer wie ein Barbar vor. Ich habe nie etwas für die Kunst getan. Wenn die Maler keine bessern Kunden hätten als mich, so wären sie alle ohne Ausnahme längst verhungert.

Je nun – dafür werden Sie den Pastetenbäckern um so mehr zu verdienen gegeben haben.

Marigny tat, als habe er diesen Einwand überhört.

Und ich glaube, fuhr er fort, Leute unsers Standes haben doch auch der Kunst gegenüber gewisse Verpflichtungen.

Sie beabsichtigen also, sich ein Kabinett zuzulegen? Wollen Sie hierzu nicht lieber eine günstigere Zeit abwarten?

Daran denke ich gar nicht. Ich meine vielmehr, es sei angebracht, gerade jetzt, wo die Kunst daniederliegt, irgend einen begabten Künstler zu unterstützen.

Ein Gedanke, der Ihrem Herzen Ehre macht!

Sehen Sie, weil ich mich auf solche Dinge wenig verstehe und die geringen Mittel, die mir zu einem solchen Zwecke zu Gebote stehn, an keinen Unwürdigen verschwenden möchte, bitte ich Sie als eine Dame von Takt und Welterfahrung, mir in dieser Angelegenheit behilflich zu sein.

Recht gern. Aber ich fürchte, ich verstehe Sie noch nicht ganz. Gibt es Bedingungen, von deren Erfüllung Sie die Unterstützung abhängig zu machen wünschen?

Bedingungen? Nein! Das heißt, der Betreffende müßte natürlich Franzose sein.

Selbstverständlich. Das ist auch meine Ansicht.

Ferner müßte er von Adel sein.

Bedenken Sie, daß Maler von Adel selten sind.

Um so nötiger ist es, daß man sie nicht Hungers sterben läßt.

Da haben Sie Recht.

Drittens müßte er verheiratet sein.

Ist das unbedingt notwendig?

Ganz unbedingt. Bei unverheirateten Künstlern ist man nie sicher, ob sie das Geld auch auf eine würdige Art verzehren.

Sie bestehn also auf dieser Bedingung?

Gewiß. Ich lege sogar den allergrößten Wert darauf.

Gut denn! Bedenken Sie aber, daß durch eine derartige Einschränkung die ohnehin kleine Zahl der Kandidaten noch mehr zusammenschmilzt.

Tut nichts. Es kann ja doch nur ein einziger sein, der die Gabe empfängt.

Ich wüßte schon jemand, der eine Unterstützung gebrauchen könnte. Den Chevalier von Roquelaure. Er malt Kühe und Schafe –

Dann mag er zusehen, ob ihm die Kühe und die Schafe eine Unterstützung zukommen lassen. Ich werde nur für einen Künstler etwas tun, der Menschen malt.

Es muß also ein Porträtmaler sein. Wie wäre es da mit Herrn von Larousse, dem, der auf Wunsch des Herzogs von Orléans vom Könige nobilitiert wurde?

Larousse – der drei Ellen Leinwand zu jedem Bilde braucht? Nein! Der Mann ist mir zu anmaßend. Drei Ellen! Als ob ein kleineres Format für sein Talent nicht ausreichte! Man muß nicht nur die Kunst, man muß auch die Bescheidenheit zu fördern suchen. Besser im Kleinen groß als im Großen klein! Mein persönlicher Geschmack würde einem Miniaturmaler den Vorzug geben.

Da käme freilich nur einer in Frage: ein gewisser Herr von Villeroi.

Ganz recht. Ich entsinne mich, den Namen schon gehört zu haben. Sie stehn mir dafür, daß er Talent hat?

Gewiß.

Und daß er verheiratet ist?

Auch dafür. Ich kann Ihnen zu Ihrer Beruhigung sogar mitteilen, daß ich seiner Trauung selbst beigewohnt habe.

Das genügt mir. Und da Sie mit ihm bekannt sind, darf ich Sie wohl bitten, ihm diese kleine Summe zu übermitteln?

Marigny griff in seine Tasche und brachte das Paketchen mit dem Gelde zum Vorschein.

Halt, Herr Marquis, sagte die Baronin, indem sie ihre Hand auf seinen Arm legte, so weit sind wir noch nicht. Sie wissen ja noch gar nicht, ob er geneigt ist, eine Unterstützung anzunehmen.

Ich dächte, er sei in Not?

Gerade deshalb müssen wir doppelt behutsam vorgehn. Herr von Villeroi ist ein Künstler, und Künstler haben ihren besondern Stolz, und sie sind am allerstolzesten, wenn sie hungern.

So wollen Sie erst bei ihm anfragen, ob er die Gnade haben will, mein Geschenk anzunehmen?

Allerdings. Und ich fürchte, die Antwort wird ablehnend ausfallen. Mein Mann hat in dieser Hinsicht schon üble Erfahrungen gemacht.

Der Marquis rümpfte die Nase, ließ sein Paketchen in die Tasche zurückgleiten und verabschiedete sich von Frau von Gramont in verdrießlicher Stimmung, nachdem er ihr das Versprechen abgenommen hatte, sie werde ihn von dem Ergebnis ihrer Mission benachrichtigen.

Das tat sie denn auch schon am nächsten Tage. Der Brief war nicht gerade erfreulich. Er sagte etwa folgendes: Herr und Frau von Villeroi ließen für das ihnen zugedachte Almosen danken, seien aber nicht in der Lage, es annehmen zu können, da ihre Mittel ihnen erlaubten, auch ohne fremde Unterstützung zu leben.

Marigny war nicht der Mann, sich durch diese trotzigstolze Abfertigung in seinem Vorsatze beirren zu lassen. Waren die eisernen Köpfe noch nicht weich geworden, so war es der Kopf von Stahl noch weniger. Und eines Morgens – es war gegen Ende des März – frisierte und puderte er sich doppelt sorgfältig, legte einen Staatsrock aus dunkelblauem Sammet mit Kragen und Aufschlägen in reicher Silberstickerei an und begab sich nach der Weisergasse, wo das Villeroische Paar in einem bescheidnen Bürgerhause einige Kammern bewohnte.

Eine Frau, die gerade Küchenabfälle auf die Gasse warf, wies ihn zurecht. Er stieg langsam die sauber gescheuerte und mit weißem Sand bestreute Treppe hinauf und klopfte an die erste beste Tür.

Einen Augenblick blieb drinnen alles still, dann hörte er, wie eine weibliche Stimme – es war Marguerites Stimme! – rief: Henri, sei so gut und öffne du, ich bin dabei, die Kissen umzufüllen. Wenn ich jetzt aufstehe, fliegen mir die Federn davon. Und Henri, der ein gehorsamer Gatte zu sein schien, kam und tat, wie ihm geheißen war. Fast wäre er beim Anblick des unvermuteten Besuchers zurückgeprallt, aber dieser hatte offenbar nicht die Absicht, die peinliche Szene zu verlängern, sondern sagte, während er den Hut ein klein wenig lüftete, mit dem gleichmütigsten Gesichte von der Welt: Verzeihn Sie, mein Herr – wohnt hier vielleicht Herr von Villeroi, der Maler?

Der bin ich selbst, antwortete der Gefragte, der sogleich verstanden hatte, daß der Marquis als Fremder mit einem Fremden zu verhandeln wünschte. Womit kann ich Ihnen dienen?

Ich habe die Absicht, mich porträtieren zu lassen. Kann das bei Ihnen geschehn? Sie müssen wissen: ich närrischer Kauz fange auf meine alten Tage an, eitel zu werden.

Villeroi führte den Besucher in ein Gelaß, das offenbar zugleich als Wohn- und Arbeitsraum diente. Er rückte einen Stuhl ans Fenster und ersuchte Marigny, sich niederzulassen.

In welcher Weise wünschen Sie gemalt zu werden? fragte er.

In der allerbesten. Natürlich Medaillonformat, aber sauberste Ausführung und dauerhafte Farben. Auf den Preis des Bildchens kommt mirs nicht an. Dafür wünsche ich aber auch etwas ganz Vorzügliches zu erhalten.

Ziehn Sie Pergament, Elfenbein oder Kupfer vor?

Kupfer ist wohl am dauerhaftesten?

Ohne Frage.

Aber Elfenbein ist wohl teurer?

Bei weitem. Ein Täfelchen Elfenbein wie dieses hier, gut poliert und ohne allzu deutliche Adern würde, so wie es da ist, sechs rheinische Gulden kosten.

Haben Sie keins von zehn Gulden?

Nein, dieses ist das beste, das ich besitze.

Gut, so nehmen Sie das! Und wann können Sie mit dem Bilde beginnen?

Wann es Ihnen beliebt. Ich habe heute zufällig Zeit, und wenn Sie mir jetzt gleich die erste Sitzung gewähren würden, so könnten wir ohne Verzug anfangen.

Mit Vergnügen. Ich bin bereit. Kann ich so sitzen bleiben?

Lassen Sie mich einmal sehen! Villeroi betrachtete Marigny, als sei es das allererste mal, daß er den alten Herrn zu Gesicht bekommen habe. Er trat bald etwas vor, bald zurück, fixierte ihn von vorn und von der Seite, benutzte die hohle Hand als Perspektiv und sagte endlich: Sie können diese Stellung beibehalten. Ihr Kopf macht sich im Profil am besten.

Während Villeroi einen Bogen grobes Papier auf ein Reißbrett spannte und seine Stifte spitzte – er pflegte jedesmal zuerst eine Aufnahme in Lebensgröße zu machen und diese flüchtige aber meist sehr charakteristische Skizze dem Miniaturgemälde zugrunde zu legen –, hatte der Marquis Zeit, sich in dem kleinen Gemache ein wenig umzusehen. Die Einrichtung war die allereinfachste. Ein Tisch, ein paar Mannheimer Stühle, ein Eckschränkchen, das Henris Malgerät barg, und darauf ein Korb mit Nähzeug – das war so ziemlich alles. An der Wand hing ein Bild, ein großes ungerahmtes Blatt, mit vier Nägeln an die blau getünchte Mauer befestigt: eine Ansicht des Schlosses zu Aigremont, wie sie Villeroi aus der Erinnerung entworfen haben mochte.

Dem alten Herrn wurde es beim Anblick dieses Bildes seltsam genug zumute, und mehr als einmal, wenn er in Gedanken verloren den Blick hinüberschweifen ließ, mußte Henri, der, das Reißbrett auf den Knieen, vor ihm saß, die Worte an ihn richten: Bitte, den Kopf ein klein wenig mehr nach rechts!

Die erste Sitzung war bei der Schnelligkeit, mit der Villeroi den Stift handhabte, bald beendet, und Maler und Modell trennten sich mit derselben kühlen Förmlichkeit, die sie während ihres Beisammenseins beobachtet hatten. Marigny versprach, sich am übernächsten Tage wieder einzufinden.

Und pünktlich zur verabredeten Stunde stieg er wieder die sandbestreute Stiege empor. Hatte er bei seinem ersten Besuch in der Weisergasse die Hoffnung gehegt, er werde seine Tochter zu Gesicht bekommen, so rechnete er jetzt, da er zum zweitenmal an die Tür pochte, mit Bestimmtheit darauf, Marguerite werde ihm selbst öffnen. Sie mußte ja wissen, wer es war, der jetzt mit gleichmütigem Antlitz und klopfendem Herzen an der Schwelle ihres Heims stand, und der – ach, wie gern! ein paar Jahre seines Lebens dafür hingegeben hätte, wenn er sie, seine verlorne und verleugnete Tochter – aber trotz allem seine Tochter! noch ein einzigesmal hätte sehen dürfen. Drinnen ließen sich schlürfende Schritte vernehmen. Nein, das war nicht Marguerites leichter Fuß! Oder lasteten etwa Sorge und Not so schwer auf ihren jungen Schultern, daß sie sich müde und gebrochen und jener Anmut bar, die das väterliche Auge so oft entzückt hatte und in der Erinnerung noch heute entzückte, dahinschleppen mußte?

Eine grobknochige Frau von unbestimmbarem Alter tat ihm auf. Sie trug eine Schürze, die ihre Vorderseite vom Halse bis zu den Füßen vollständig verhüllte, und auf dem Kopfe eine gewaltige Flügelhaube, die einem Schmetterlinge glich, der soeben seine Puppenhülle verlassen hat und nun die ersten ungeschickten Versuche macht, seine Schwingen zu gebrauchen. Überraschender noch als die Erscheinung dieser Frau war der Duft, der von ihr ausging: ein seltsames Gemisch von Kampfer, Lavendel und Kamillen. Sie sah den Herrn an der Tür durch die runden Gläser ihrer Hornbrille prüfend an und stellte in einer Mundart, die er nicht verstand, eine Frage an ihn. Als er in deutscher Sprache, so gut er es vermochte, erklärte, er wünsche zu Herrn von Villeroi geführt zu werden, schien der Schmetterling auffliegen zu wollen, so energisch wurde der Kopf geschüttelt, der ihm zum Sitze diente.

Jetzt kam noch ein zweites weibliches Wesen herbei, dasselbe, das den Marquis beim ersten Besuche hier draußen zurechtgewiesen hatte und wohl eine Hausgenossin oder Nachbarin des Villeroischen Paares war. Diese Frau schien Bescheid zu wissen, sie ließ Marigny in die Stube treten, bot ihm einen Stuhl an, den sie erst mit ihrer Schürze abwischte, und eilte dann weg, um Herrn von Villeroi zu holen.

Dem Besucher schien das Gemach noch dürftiger und enger geworden zu sein. An der Wand, an der die Ansicht von Aigremont befestigt war, stand jetzt eine schmale, roh gezimmerte und grün angestrichne Bettstelle. Außer einem Strohsack, einem einzigen Kissen und einer groben Pferdedecke, die das Bett ausmachten, enthielt sie noch einen Mantelsack mit Wäsche und eine Anzahl Garderobestücke, die offenbar in großer Eile und ohne Rücksicht auf ihre Zusammengehörigkeit dort aufgestapelt worden waren.

Henri kam und machte sich nach kühler Begrüßung Marignys an die Arbeit. Er hatte inzwischen die Konturen des Bildnisses auf das Elfenbeintäfelchen übertragen, verglich die Zeichnung jetzt noch einmal mit der Natur, nahm kleine Verbesserungen vor und begann dann das Porträt mit spitzem Pinsel in Farben auszuführen. Aber es schien, als sei er heute nicht recht bei der Sache. Bald mußten die Farben verdünnt, bald wieder verdickt werden, bald bedurfte der Malgrund einer stärkern Politur, bald war er so glatt, daß die Farbe nicht haften wollte. Mehr als einmal sprang der Künstler von seinem Stuhle auf, eilte in das Nebenzimmer, wo man ununterbrochen das Zwiegespräch gedämpfter Frauenstimmen vernahm, und kehrte in gesteigerter Erregung zurück.

Auch diesesmal vermieden es die beiden Männer, mehr als das Nötigste miteinander zu reden, obgleich wenigstens dem ältern von ihnen das Herz voll war von dem großen Ereignis des Tages: dem mörderischen Anfall auf den König von Schweden. Wenn Gustav der Dritte seiner Wunde erlag – und die Nachrichten aus Stockholm klangen hoffnungslos genug –, so hatte Ludwig der Sechzehnte, dem der Tod erst eben den kaiserlichen Schwager Leopold den Zweiten geraubt hatte, vielleicht den letzten, jedenfalls aber den eifrigsten seiner gekrönten Freunde verloren. Das waren trübe Aussichten für die royalistische Sache und ihre Anhänger!

Und wie der alte Aristokrat so dasaß, das Auge auf die mit Papier verklebte zerbrochne Scheibe eines ärmlichen deutschen Bürgerhauses gerichtet, schweiften seine Gedanken zu den Tuilerien hinüber, wo der König als Gefangner seines Volks lebte und gezwungen wurde, Minister zu empfangen, die sich herausnahmen, ohne Schnallen auf den Schuhen, ohne dreieckiges Hütchen und mit ungepudertem Haar vor ihm zu erscheinen. Aber das Schicksal, das in dieser Zeit ein besondres Wohlgefallen an Überraschungen zu haben schien, das über jeden sonnigen Augenblick die Schatten der Furcht und des Todes fallen ließ und wiederum in die finsterste Nacht des Kummers und der Verzweiflung einen Strahl des Humors sandte, hatte auch für den Marquis von Marigny etwas Unerwartetes in Bereitschaft.

Denn gerade, als es um die Mundwinkel des alten Herrn zu zucken begann, als eine Träne, die der greise Edelmann seinem unglücklichen Könige weihte, über die breite Wange rollte, ertönte im Nebenzimmer der langgezogne, schmerzerfüllte Schrei eines dünnen, dünnen Stimmchens, eines Stimmchens, dem man, so ungeübt es auch noch im Ausdruck feinerer Gefühlsschattierungen sein mochte, doch deutlich genug anmerkte, daß sein Besitzer nicht gesonnen war, zu den ungewohnten Einwirkungen mancher für ihn neuer physischer Erscheinungen wie Luft, Licht und Kühle auch noch gewaltsame Beschränkungen seiner persönlichen Freiheit ohne entschiednen Protest hinzunehmen.

Und welchen Eindruck dieses Stimmchen machte! Auf Menschen, die das so energisch gegen die Übelstände dieser Welt protestierende Wesen noch nie gesehen oder gehört hatten – zu einer Zeit, wo die Stimme so manchen urteilsfähigen, erfahrnen und redlichen Mannes unbeachtet verhallte! Zunächst auf Villeroi selbst. Es war, als habe die Schallwelle, die die winzige Lunge in Bewegung gesetzt hatte, zu seinem Ohr einen ganz besonders kurzen Weg gefunden, denn der Pinsel, der, getränkt mit der Farbe der Gesundheit, sich gerade die rundliche Wange des Miniaturporträts zum Tummelplatz ersehen hatte, entfiel der haltenden Hand um den Bruchteil einer Sekunde eher, als das Original des Porträts den ersten Ton vernahm.

Die beiden Männer sahen sich fest ins Auge. Sie mochten beide fühlen, daß die Scheidewand, die sie in ihrem kindischen Trotz zwischen sich aufgerichtet hatten, zu schwanken und zu wanken begann wie die Mauern Jerichos beim ersten schrillen Ton der Drommeten, und daß es nur einer kleinen Nachhilfe von dieser oder jener Seite bedurfte, sie vollends zum Sturze zu bringen, aber sei es, daß jeder von ihnen erwartete, der andre würde den helfenden Stoß tun, sei es, daß die Erregung des Augenblicks allen beiden die Zunge lähmte – genug, die Scheidewand fiel nicht. Noch war freilich nichts verloren. Es gibt Mauern, die dem Wüten eines Orkans, dem Anprall einer Sturmflut anscheinend trefflich widerstanden haben, und die dann, vielleicht erst nach Wochen oder Monaten, eines schönen Tags ohne erkennbare Ursache in Trümmer sinken. Also abwarten!

Jetzt öffnete sich die Tür, und die grobknochige Frau erschien. Die Flügelhaube hatte sie offenbar bei ihrer anstrengenden Tätigkeit abgelegt gehabt und nun wieder aufzusetzen vergessen. Und das paßte zu der Situation, es sah aus, als habe sich der Schmetterling aufgemacht, um seinen kleinen Verwandten draußen in den Gärten und auf den Feldern, den Zitronenfaltern, Pfauenaugen und kleinen Füchsen, zu verkünden, daß dieser erste warme Frühlingstag in dem düstern, baufälligen Hause der engen, schmutzigen Weisergasse eine junge Menschenknospe gezeitigt habe. Was jener Riesenschmetterling hätte tun müssen und wahrscheinlich auch getan haben würde, wenn er wirklich ein Schmetterling und nicht ein seelenloses Gebilde aus gesteiftem Leinen gewesen wäre, das tat die grobknochige Frau jetzt selbst, indem sie den Mund genau so unvermittelt, ruckweise und weit wie vorhin die Tür aufriß und mit einer Stimme, die dem Material und dem Gefüge ihres Knochengerüsts entsprach, in die Stube rief: Monsieur, es ist ein Monsieur!

Für Villeroi gab es nun kein Halten mehr. Das Wort Monsieur, sonst ein hohler Schall, millionenmal an jedem Tage ausgesprochen und millionenmal überhört – hier war es zu einem inhaltschweren Begriff geworden. Ein Sohn! Ein Enkel!

Ehe der Großvater noch die frohe Botschaft in ihrer ganzen Tragweite erfaßt hatte, war der Vater aufgesprungen und in die Wochenstube geeilt. Es hätte nicht viel gefehlt, so wäre Marigny in der ersten Freude seines Herzens ihm dorthin gefolgt. Er stand schon mitten im Zimmer, seine Hand streckte sich nach der Türklinke aus – da türmte sich wieder die Scheidewand vor ihm auf, höher als je und so breit, daß er langsam vor ihr zurückwich, bis er den Stuhl erreichte, auf dem er zuvor gesessen, und dessen Lehne ihm nun als Stütze dienen mußte. So fand ihn Villeroi, als er nach einigen Minuten zurückkehrte und mit ein paar kurzen Worten der Entschuldigung den Pinsel wieder aufhob. Auch jetzt noch hätte die Mauer stürzen können, aber der Marquis erwartete eine ausdrückliche Ankündigung des bedeutsamen Ereignisses, und Henri, der annehmen zu dürfen glaubte, daß Marigny alles wisse, rechnete darauf, der beglückte Großvater werde den gekränkten Schwiegervater niederzwingen und mit einer wenn auch noch kühlen Gratulation zugleich das erste Wort zu einer völligen Versöhnung aussprechen.

Da keins von beidem geschah, blieb die Mauer bestehn.

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