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Sechstes Kapitel

. Seit dem Einzuge des regierenden Kurfürsten hatten die Koblenzer nicht wieder eine solche Menschenmenge in den Mauern ihrer Stadt gesehen wie am 15. Juni 1791. Von den frühen Morgenstunden an drängten sich die Schaulustigen vom Rheintor die Firmungsstraße hinauf bis zum Clodschen Hause, wogten über den Entenpfuhl, den Plan und den Alten Graben bis zur Moselbrücke und lagerten sich rechts und links von der staubigen Straße nach dem kurfürstlichen Schlosse Schönbornslust. Auf dem Schänzchen beim Kameralzollhause und auf den breiten Mauern des Rheinkavaliers standen Bürgermeister und oberer Rat sowie die vornehmsten der Emigranten und richteten den Blick erwartungsvoll rheinaufwärts. Wenn zwischen dem Horchheimer Ufer und den Pappeln der Insel Oberwerth ein Schiff auftauchte, entstand unter den Harrenden eine Bewegung, die sich durch die ganze Stadt fortpflanzte und gewöhnlich erst auf der linken Moselseite langsam erlosch. Aber die Erwartungen wurden immer wieder getäuscht. Das Fahrzeug, das dahinten weit die Morgennebel durchschneidend gemächlich zu Tal glitt, entpuppte sich beim Näherkommen bald als das Mainzer Kurierboot, bald als eine holländische Schute, bald als ein Frachtschiff oder gar als ein Fischerkahn.

Endlich – es mochte um die Mittagsstunde sein – meldete der Schieferdeckermeister Kirn aus einer Dachluke des Rheinkavaliers hinunter, er sähe durch sein Perspektiv hinter den Oberwerther Pappeln ein Segel und darüber eine blaue Flagge. Das mußte die langerwartete Jacht sein! Und sie war es wirklich! Als sie jetzt bei der Inselspitze zum Vorschein kam, konnte man deutlich die in das blaue Fahnentuch eingestickten Lilien erkennen und zugleich wahrnehmen, daß unter dem Sonnensegel des Decks eine Menge geputzter Damen und uniformierter Herren versammelt standen und zu den Mauern und Türmen der Stadt herüberschauten. Als das Schiff das Residenzschloß passierte, gab die kurfürstliche Artillerie vom Garten aus Salutschüsse ab; ein paar Minuten später stimmte beim Rheinkran auch die städtische Soldateska mit ihren Stücken in den Willkommengruß ein, und als die Jacht beim Rheintor, unterhalb der Schanze den Anker fallen ließ, krachte es plötzlich aus den Katzenköpfen der Schützengilde so gewaltig, daß der weibliche Teil der schaulustigen Menge, dem die unmittelbar hinter seinem Rücken getroffnen Vorbereitungen hierzu entgangen waren, die kriegerischen Ovationen mit entsetztem Gekreisch akkompagnierte.

Während sich der Kranmeister mit seinen Gesellen abmühte, unter Beihilfe einiger Stadtknechte und Schiffer die Jacht an dem ihm vom Vorderdeck aus zugeschleuderten Tau an die Ufermauer heranzuziehn und den mit purpurnem Tuch überzognen Steg vom Ufer zum Schiffe hinüberzuschieben, bahnten sich die städtischen Würdenträger, denen sich inzwischen auch die höchsten kurfürstlichen Hofchargen zugesellt hatten, einen Weg durch die dichtgedrängte Menge bis zur Landestelle, um die hohen Gäste zu begrüßen. Ohne Püffe, Rippenstöße und Tritte ging es nicht ab, und der alte Korporal Noll, dessen Nase – das Resultat vieler gesegneter Herbste – festlicher denn je strahlte, mußte mehr als einmal blank ziehn, um Ruhe und Ordnung wieder herzustellen.

Aber Ratsstand und Noblesse sollten sich nicht lange des mühsam errungnen Platzes freuen: sie wurden von den jungen französischen Aristokraten genau so rücksichtslos beiseite geschoben, wie sie selbst die misera plebs verdrängt hatten. Und dabei konnten sie nicht einmal ernstlichen Einspruch erheben, denn der Herr, der dort auf dem Schiffe am Maste mit dem Lilienbanner stand, war ein Landsmann der Emigranten und in diesem Augenblick ein Vertreter ihres Königs, es war dessen jüngster Bruder, der Graf von Artois, der, landflüchtig, nach langen Irrfahrten von Turin kommend, Koblenz zum Mittelpunkte der Konterrevolution zu machen gedachte.

Die Vorbereitungen zur Landung zogen sich in die Länge, und man hatte Zeit, sich den Prinzen und sein Gefolge mit Muße zu betrachten.

Wenn es wahr ist, daß der erste Eindruck entscheidet, so durfte der hohe Flüchtling bei den Koblenzern für die Folge nicht gerade auf ein Übermaß von Sympathien rechnen. Ja ein gut Teil des Mitleids, das man bisher für ihn gehegt hatte, ging in diesem ersten Augenblick unwiederbringlich verloren. Lang und dürr, schwankend in seiner Haltung und würdelos in jeder Bewegung, so stand er inmitten der Getreuen – ein verlebter Greis von vierunddreißig Jahren. Die müden Augen, die unter den schwer darauf lastenden Lidern keiner Regung fähig zu sein schienen, die scharfgeschnittene Nase und die weit vorspringende fleischige Unterlippe, die seine großen, weit voneinander stehenden Vorderzähne sehen ließ, gaben dem Antlitze dieses Bourbonensprosses etwas von der Maske eines Satyrs. Teilnahmlos sah er auf die Menge, die ihm zu Ehren seit dem frühen Morgen hier am Ufer ausgeharrt hatte und nun für ihr Vivatrufen zum mindesten einen gnädigen Gruß erwartete.

Aber Karl von Artois hielt es nicht für der Mühe wert, den Pöbel durch ein Lüften seines Tressenhutes oder durch einen Wink seiner Hand zu beglücken. Er schien ungehalten darüber zu sein, daß das Anlegen des Schiffes so viel Zeit erforderte, und nur wenn der Minister Calonne, der würdige Diener seines Herrn, sich die Freiheit nahm, entblößten Hauptes und gebeugten Nackens ein Wort an ihn zu richten, verriet ein Zucken der riesigen Unterlippe, daß ihr Besitzer den Günstling mit einer Antwort zu begnaden geruht hatte.

Nur einmal zeigte der Graf eine stärkere Lebensregung. Madame de Polastron, seine Favoritin, hatte, während sie sich ihm näherte, ihren Fächer fallen lassen. Das war den Kavalieren des Gefolges, die, soweit sie nicht dem Prinzen den Blick zuwandten, gerade nach dem Ufer hinüberschauten, entgangen. Da verzog sich der häßliche Mund, die schweren Augenlider hoben sich, und die schlaffe Hand, der man soviel Tatkraft gar nicht hätte zutrauen mögen, stieß die Spitze des langen spanischen Rohres dem nächsten der Herren höchst unsanft in die Kniekehle. Der so an seine Ritterpflichten Gemahnte – es war der Bischof von Arras – ließ die Gemahlin seines Gönners, die ihn in ein Gespräch verwickelt hatte, stehn und beeilte sich, Madame den Fächer aufzuheben, wofür er von dieser zum Danke einen leutselig-scherzhaften kleinen Schlag auf die Tonsur erhielt.

Inzwischen war die Landung glücklich bewerkstelligt worden, und die Passagiere schickten sich an, die Jacht zu verlassen. Als der Graf von Artois den Steg betrat, erscholl noch einmal ein Vivat, aber es war weit schwächer als zu Anfang. Und in demselben Augenblick kreischte eine schrille Weiberstimme im Publikum: Charlot! Charlot! – den Spitz- und Kosenamen, mit dem die geschminkten Schönen des Palais Royal ihren hohen Freund zu bezeichnen pflegten. So grüßte das Laster seinen Liebling in der Minute, da er das Ziel seiner Reise erreichte!

Aber der hohe Herr schenkte weder dieser vertraulichen Huldigung noch den respektvollen Anreden des Obristmarschalls und des Bürgermeisters besondre Beachtung, sondern schritt durch die ehrerbietig zurückweichende Menge zu den Hofkarossen, die beim Rheintore vorgefahren waren, um ihn und sein Gefolge durch die Stadt und über die Moselbrücke zu dem ihm von seinem kurfürstlichen Oheim zum Aufenthalt angewiesenen Sommerschlosse Schönbornslust zu bringen. Die Kutschen rollten davon, und hinter der Dragonerabteilung, die den Zug schloß, strömte das Volk auf den Gassen wieder zusammen und begann sich allgemach zu verlaufen. Nur wenige der Zuschauer harrten noch aus, es waren die, denen bekannt geworden war, daß sich die neuen Ankömmlinge am Spätnachmittage zum Diner im Residenzschlosse einfinden würden.

Die meisten der Emigranten begaben sich in ihren Klub, um die Ereignisse des Tages zu besprechen und ihren gehobnen Gefühlen durch erhöhte Einsätze bei Baccarat und Doquetille Luft zu machen. Man konnte den Herren ihre zuversichtliche Stimmung auch kaum verdenken. Jetzt hatten sie doch einen Mittelpunkt, der ihnen eine politische Bedeutung gab; sie waren von nun an keine Flüchtlinge mehr, sondern eine Macht, die nur noch organisiert zu werden brauchte, um die Revolution zu ersticken, die alten Zustände wieder zurückzuführen und für die erlittene Unbill fürchterliche Rache zu nehmen. Und dann – darüber konnte kein Zweifel herrschen – mußte eine goldne Zeit für die wackern, tatendurstigen und beherzten Männer anbrechen, die in der allgemeinen Verwirrung die Geistesgegenwart gehabt hatten, ihr dem Vaterlande und dem Königshause so wertvolles Leben in Sicherheit zu bringen. Diese Fülle von erprobter Gesinnungstüchtigkeit, Mut und Intelligenz, die man als den kostbarsten Besitz Frankreichs über die Grenze geschafft und den rohen Händen des Pöbels entrückt hatte, würde – auch das war gewiß! – wie ein gut verwaltetes Kapital ihre Zinsen tragen.

Unter den französischen Aristokraten, die, den Kopf voll ähnlicher Gedanken, dem Klubhause zusteuerten, war auch der Vicomte von Fleury, der Edelmann, der sich einst so freundschaftlich an der Suche nach dem abhanden gekommenen Kapaun beteiligt hatte. Gerade als er in die Karmelitergasse einbiegen wollte, stieß er auf den Marquis von Marigny, der, sorgfältig frisiert und gepudert, aber keineswegs festlich gekleidet, so schnell wie möglich an seinem Landsmanne vorbeieilen wollte. Gerade dieser Umstand reizte Fleury, den Herrn anzuhalten.

Holla, Marigny! Alter Knabe – wohin so eilig? rief er so laut, daß der also Begrüßte es beim besten Willen nicht überhören konnte und notgedrungen stehn blieb. Die Anrede war ungewöhnlich familiär, aber man darf nicht außer acht lassen, daß Fleurys Gemahlin das Glück hatte, eine Cousine des Ministers von Calonne zu sein – und jetzt war Calonne Trumpf. Das wußte auch der »alte Knabe,« und deshalb sagte er mit verbindlichem Lächeln: Ich muß leider zu Hofe, lieber Freund, sonst würde ich mir erlauben, Sie ein wenig zu begleiten. Aber die Zeit drängt –

Zu Hofe? fragte der Vicomte mit dem Ausdruck höchsten Erstaunens. Was wollen Sie dort?

Ich muß zum Diner –

Heute zum Diner – wo Artois und mein Vetter und Vaudreuil und die Polastron und der Teufel weiß, wer sonst noch beim Kurfürsten speisen? Alter Herr, Sie müssen aber Beziehungen haben!

Habe ich auch, liebster Freund, gab Marigny zurück, aber ich werde mich hüten, Ihnen meine Konnexionen zu verraten! Lassen Sie mich gehn, ich darf die Herrschaften nicht warten lassen!

In dem Rocke gehn Sie zum Diner?

Der Marquis sah, durch diese Bemerkung ein wenig verwirrt, an seiner Gestalt hinunter, so weit ihm dies die Wölbung unterhalb des Jabots gestattete, gewann aber rechtzeitig seine Geistesgegenwart wieder.

Wie ich mit dem Kurfürsten stehe, kann ich mir alle Umstände hinsichtlich der Toilette sparen, und die übrigen Herrschaften werden kaum dazu kommen, das Tuch meines Rockes auf seine Qualität hin zu untersuchen. Weshalb sollte ich mir also Zwang auflegen und zu einem doch ganz intimen Diner große Toilette machen?

Das Erstaunen des guten Vicomte stieg immer mehr.

Teufel, sagte er mit ehrlicher Bewunderung, mir scheint, daß Sie noch bessere Chancen haben als ich, mein bester Herr Marquis. – Er sagte jetzt nicht mehr »alter Knabe.«

Schon möglich, mein lieber Fleury. Aber seien Sie unbesorgt, wenn ich Ihnen nützlich sein kann, so soll es geschehn.

Er machte sich los und eilte davon, seinen Landsmann in der Gemütsverfassung eines Menschen zurücklassend, der plötzlich zu der Einsicht gekommen ist, daß er nahe daran war, sich durch eine Dummheit die Karriere zu verderben.

Hätte der Vicomte den vermeintlichen Gönner mit den Augen bis zum Ziele seiner eiligen Wanderung verfolgen können, so würde er wahrscheinlich aufs neue erstaunt gewesen sein. Denn Marigny betrat das kurfürstliche Schloß nicht durch das Hauptportal, wie man es doch von einem Gaste Serenissimi erwartet haben würde, sondern schlüpfte ganz unauffällig durch ein Pförtchen des linken Seitenflügels hinein, das für gewöhnlich nur von der Dienerschaft und den Lieferanten der Hofküche benutzt wurde.

Tat er das aus Bescheidenheit? Schien es ihm unschicklich, die Schwelle des Portals zu überschreiten, ehe der erlauchte Fuß des königlichen Prinzen sie betreten hatte?

Ach nein! So zarte Rücksichten waren dem alten Herrn fremd. Wenn er das Pförtchen benutzte, so geschah es, weil er heute nicht als Gast, sondern in einer andern Eigenschaft zum Diner erschien. Und dennoch hatte er Fleury nicht die Unwahrheit gesagt! Der Marquis mußte zum Diner, gerade heute, wo die kurfürstliche Tafel ganz außerordentliche Genüsse zu bieten versprach. Er hatte es auch nicht nötig, große Toilette zu machen, denn dem Gastgeber wie den Gästen konnte es gleichgiltig sein, in welchem Kleide sich der Marquis einfand, weil sie ihn gar nicht zu sehen bekamen. Auch das mit den Konnexionen hatte seine Richtigkeit, freilich in anderm Sinne, als der Vicomte vermutete. Der Ariadnefaden, an dem sich Marigny durch die vielgewundnen Gänge höfischer Kabalen vorwärts bewegte, führte nicht nach oben, sondern nach unten und endete in der Küche. Der Mangel, dieser unerbittlichste aller Tyrannen, hatte den Marquis von Marigny, den Kammerherrn Seiner Allerchristlichsten Majestät, dazu gebracht, in der Küche eines deutschen Fürsten gegen Bezahlung die Dienste eines Kochs zu verrichten. Keines Kochs im gewöhnlichen Sinne, nein, sprechen wir es nur deutlich aus: eines Virtuosen der Kochkunst, eines Künstlers, der nur gelegentlich einmal auftrat, der mitten zwischen den gewaltigen Herden Gastrollen gab, während hundert blitzblanke Kessel und Kasserollen sein Bild widerspiegelten und zugleich seinen Ruhm und seine Schmach verhundertfachten. Marigny war nämlich trotz seines Elends immer noch Edelmann genug, daß er die Verrichtungen, zu denen er sich hergab, als eine Schmach empfinden mußte. Nicht der Küchendunst, der sich in seinen Kleidern festsetzte, als bedürfe es noch eines Mittels, ihm die Entwürdigung seiner Person fortwährend vor Augen oder, richtiger, vor die Nase zu führen, war es, was die Empfindungen des alten Herrn verletzte, es war vielmehr das Geld, das er für seine Dienstleistungen empfing – zwar ein ansehnliches Honorar, der Leistungen würdig, aber doch ein Geld, das für Marignys Begriffe unangenehmer roch als übergekochte Saucen, angebrannte Braten und schlechtgewordne Fische.

Seltsam genug war die Art, wie der Marquis den Weg zu den kurfürstlichen Fleischtöpfen gefunden hatte. Eines Tages war vom Mainzer Hofe ein Kurier eingetroffen, der Serenissimus als freundnachbarliches Geschenk einen Korb Broccoli überbrachte – eine Art italienischen Kohls, der bei den vornehmen deutschen Rompilgern, die ihn auf der Tafel römischer Eminenzen vorgefunden hatten, als das köstlichste aller Gemüse galt. Nun hatte sich der Küchenmeister der kurmainzischen Durchlaucht Broccolisamen zu verschaffen gewußt und dank des milden rheinischen Klimas eine so reiche Ernte erzielt, daß man in der erfreulichen Lage war, von dem Überfluß noch Präsente an befreundete Höfe zu machen. Der Kohl war in Koblenz angekommen, aber dem Begleitschreiben hatte jede Angabe darüber gefehlt, wie das Gericht zuzubereiten sei. Begreiflicherweise herrschte in der Hofküche die größte Verlegenheit, um so mehr, als Clemens Wenzeslaus schon am ersten Tage nach der Ankunft der Sendung seiner Verwunderung darüber Ausdruck gegeben hatte, daß der Broccoli noch nicht auf der Tafel erschienen sei. Was tun? Der Oberküchenmeister verschloß sich in seine Bibliothek und zog sämtliche Kochbücher zu Rate. Umsonst! Unter dem Stichwort Broccoli war nichts zu finden.

Der Ungnade seines Gebieters gewärtig machte er seinem Ärger in der Küche Luft. Küchenmeister, Bratenspicker, Pastetenbäcker und die übrigen Küchenbeamten rannten mit roten Köpfen durcheinander und flehten zu allen Heiligen, sie möchten ein Wunder tun und so bald wie möglich das Rezept vom Himmel fallen lassen. Umsonst! Die Heiligen schienen sich selbst nicht auf die Broccolizubereitung zu verstehn. Die Aufregung wuchs. Da entsann sich der Kapaunenstopfer Schickhausen des alten französischen Herrn, der bei der Wittib Haßlacher wohnte und auf die neueste Pariser Art zu kochen wußte. Vielleicht kannte der den italienischen Kohl. Schickhausen machte seinem nächsten Vorgesetzten, dem Bratenmeister Sievers, von seiner Vermutung Mitteilung, dieser eilte mit der frohen Botschaft zum Oberbratenmeister Kleudgen, dieser zum Küchenmeister Weiß und dieser wieder zum Oberküchenmeister Winninger, der sich sofort in seine Uniform warf und in einer Hofkutsche schleunigst zum »Englischen Gruß« fuhr, wo er den Marquis von Marigny zum Glück antraf. Der alte Herr empfing ihn mit der grandiosen Gelassenheit, mit der der Oberpriester des delphischen Apollo die Abgesandten fremder Könige zu empfangen pflegte.

Natürlich kenne er Broccoli. Aber sagen, wie er zubereitet werde? Das sei unmöglich. So etwas ließe sich nicht mit Worten beschreiben. Wenn es dem Oberküchenmeister recht sei, so wolle er mitkommen und den Kohl kochen – aus Gefälligkeit gegen seine Kurfürstliche Durchlaucht, die ja der Oheim des Königs von Frankreich sei. Aber sagen, wie es gemacht werde – das ginge nicht. Mit der Kochkunst sei es wie mit dem Geigenspiel: man müsse es im Handgelenk haben. Ein Locatelli oder Nardini könne schließlich ja auch sagen, wie er den Bogen halte und die Saiten greife, aber nachmachen würde es ihnen deshalb doch keiner. Das mußte der Oberküchenmeister zugeben, obwohl er weder Locatelli noch Nardini gehört hatte. Aber er hatte einen ähnlich hohen Begriff von der Kochkunst wie Marigny und wußte dessen Gründe zu würdigen. Und so fand der französische Edelmann denn Einlaß in die Hofküche.

Wie Diamanten unter Bergkristallen, so leuchteten von nun an in der Speisefolge der kurfürstlichen Tafel die Gerichte hervor, die den Stempel von Marignys Genius trugen.

Und wer den alten Herrn in der Küche hantieren sah, der mußte bekennen, daß der Kavalier nichts von seiner Würde einbüßte. Trotz seiner Körperfülle bewegte er sich mit weltmännischer Grazie zwischen Herden, Anrichten, Spülsteinen, Köchen, Geflügelrupfern und Küchenjungen umher, ohne anzustoßen oder sich zu beschmutzen. Eine Schürze anzulegen verschmähte er; nicht einmal den Degen stellte er beiseite, und um keinen Preis hätte er trotz der Gluthitze den Rock ausgezogen, denn er war ein Edelmann und kein gemeiner Koch. So legt ja auch der gerechte Weidmann, wenn er den Hirsch zerwirkt, den Rock nicht ab, um die edle Kunst nicht zur Metzgerei zu erniedrigen.

Die Pièce, die der Virtuose Marigny bei dem heutigen kulinarischen Konzert im Residenzschlosse zum Vortrag brachte, war ein Salmi von Toulouser Enten. Und was für ein Salmi! Der Meister hatte als echter Künstler seine ganze Seele hineingelegt. Und Clemens Wenzeslaus war Kenner genug, diese Kunst zu verstehn und ihrem Werte nach zu schätzen. Und glücklich und zum Beglücken geneigt, wie er in dieser weihevollen Stunde war, riß der Kirchenfürst aus seinem Diurnale ein Blatt und schrieb drauf: Deliziös! Wir sind zufrieden. Behalten Sie dies als ein Zeichen Unsers Dankes und Unsrer Affektion. C. W. Dann faltete er das Papier zusammen, legte es in eine mit seinem Bildnis geschmückte goldne Dose und sandte einen der bei Tafel aufwartenden Pagen mit dem Geschenk in die Küche.

Der Marquis schwamm in eitel Seligkeit. Mehr noch als die goldne Tabatiere beglückte ihn der Anblick der geleerten silbernen Schüsseln, die sich jetzt nach und nach auf den Anrichtetischen einfanden und vom Obertafeldecker den Geschirrputzern überantwortet wurden. Mit zitternder Hand setzte der alte Herr das Glas Burgunder an die Lippen, das er zu seiner Stärkung stets erhielt, heute aber noch nicht berührt hatte, und trank es mit einem einzigen Zug aus. Dann verließ er, unbemerkt, wie er gekommen war, durch das Pförtchen des Seitenflügels das Schloß und begab sich auf einigen Umwegen nach Hause. Und seltsam! Je mehr er sich der Kornpforte und dem »Englischen Gruße« näherte, desto langsamer wurden seine Schritte. Ging es ihm wie dem Schauspieler, der, wenn er auf der Bühne als König oder Feldherr Triumphe gefeiert und mit vollen Händen Gold und Gnadenbeweise ausgeteilt hat, vor der ärmlichen Kammer zurückschreckt, in der er, zusammengepfercht mit den getreusten aller Gönner: der Not, dem Ehrgeiz und dem Neid, das Leben eines Bettlers führt?

Nein! Die bescheidne Klause verursachte Marigny keinen Kummer; er hatte sich in den vielen Monaten so an die einfache, aber ganz behagliche Mansardenwohnung gewöhnt, daß er sie jetzt vielleicht ebenso ungern verlassen haben würde, wie damals das Schloß zu Aigremont. Und ein Bettler war er gerade auch noch nicht. Wenn auch infolge der Ungunst der Zeiten die Einkünfte von seinem Gute ausblieben – das Gut selbst konnte ihm niemand rauben, und wenn er es zu Gelde machen wollte, woran er vorderhand übrigens gar nicht dachte, so mußte er bei der günstigen Lage des Grundbesitzes und dem vortrefflichen Waldbestand einen Erlös daraus erzielen, der ihm, auch nach Tilgung aller Schuldenlasten, ein sorgenfreies Leben ohne irgendwelche Einschränkungen sicherte. Gegen eine momentane Geldverlegenheit endlich schützte den Marquis der reiche Familienschmuck seines Hauses, den er bei seiner Flucht wohlweislich mitgenommen hatte, und den er nur Stück für Stück zu veräußern brauchte, wenn er sich auf Jahre hinaus über Wasser halten wollte. Allerdings gedachte er zu diesem Hilfsmittel nur im alleräußersten Notfalle seine Zuflucht zu nehmen, denn die meisten der Stücke waren weit über hundert Jahre im Besitze der Familie, und der alte Herr hätte es für eine dem Namen Marigny zugefügte Schmach gehalten, sich ohne den dringendsten Zwang von ihnen zu trennen.

Erwägungen dieser Art waren es also nicht, was dem Marquis die Heimkehr heute so schwer machte. Was ihn bedrückte und ihm die Stiegen des »Englischen Grußes« heute doppelt steil erscheinen ließ, war eine geheime Scheu vor der Begegnung mit seiner Tochter. Der alte Herr litt unter Gewissensbissen. Er hatte, jähzornig wie er nun einmal war, am Morgen einen furchtbaren Auftritt mit Marguerite gehabt. Und warum? Weil sich das Mädchen nicht bereit finden lassen wollte, auf die Pläne des Vaters einzugehn, der wieder einmal mit einem Heiratsprojekt herausgerückt war, und wie er mit anerkennenswerter Offenheit gestand, dem betreffenden Freier schon Hoffnung auf Marguerites Hand gemacht hatte. Gegen den Mann selbst ließ sich höchstens einwenden, daß er schon ein angehender Fünfziger war und nur einen Arm hatte – der andre war ihm in einem Duell abhanden gekommen –; dafür galt er aber für einen der reichsten Großgrundbesitzer Frankreichs. Marguerite jedoch hatte, ohne den väterlichen Argumenten Gehör zu schenken, rund heraus erklärt, wenn sie durchaus heiraten solle, so könne für sie nur ein einziger Freier in Frage kommen, und dieser sei Henri von Villeroi.

Der Marquis, der seit einiger Zeit in dem zuversichtlichen Glauben gelebt hatte, Henri, von dem die Tochter nie mehr sprach, sei längst vergessen und endgiltig abgetan, war bei dieser Eröffnung gleichsam aus den Wolken gefallen und hatte mehrerer Minuten bedurft, sich von seinem Schrecken zu erholen. Und dann war die Wut über ihn gekommen, die Wut, die allen Vernunftgründen unzugänglich ist, die um so ärger tobt, je deutlicher ihr das eigne Unrecht zum Bewußtsein gelangt, die keine Logik kennt und keine andre Waffe zu führen weiß als die plumpe Keule. Marigny hatte Marguerite mit Vorwürfen überschüttet und dann, als diese stumm blieb, Anklagen über Anklagen auf Henris Haupt gehäuft und sich zu den gröblichsten Beleidigungen des Abwesenden hinreißen lassen. Dazu hatte das Mädchen nicht zu schweigen vermocht, es hatte mit einer Wärme, die deutlicher als alle Worte sprach, den Geliebten in Schutz genommen und auf die höhnisch hingeworfne Bemerkung des Vaters, Marguerite möge, wenn sie denn doch einmal entschlossen sei, von trocknem Brote zu leben, lieber heute als morgen mit ihrem Galan auf und davon gehn, in kühlem Tone geantwortet, das sei ein Wunsch, den sie ihm gern erfüllen werde.

Der Vater hatte es mit seiner Aufforderung natürlich nicht ernst gemeint und ebensowenig die Entgegnung der Tochter ernst genommen. Ja er war glücklich darüber gewesen, der ärgerlichen Szene durch den drastischen Hinweis auf Villerois Mittellosigkeit zu einem beinahe heitern Abschluß verholfen zu haben. Aber peinlich war ihm die Erinnerung an den erregten Auftritt doch, und er scheute sich davor, dem so schwer gekränkten Mädchen unter die Augen zu treten.

Guter alter Mann, deine Sorge war überflüssig! Du hattest vergessen, daß deine Tochter eine Marigny war, eine Marigny von der furchtlosen und zielbewußten Entschlossenheit, die einst Gottfried von Bouillon nach einem vergeblichen Sturm auf die Mauer von Jerusalem zu dem Ausruf veranlaßt hatte: Geduld, Freunde! Wir haben einen Marigny unter uns, der wird sie schon mit seinem Kopfe einrennen!

Als der Marquis jetzt den Vorsaal betrat, begegnete er der Wittib Haßlacher. Sie pflegte »ihren Franzosen« bei solchen Gelegenheiten in längere Gespräche zu verwickeln, die gewöhnlich mit Erörterungen über das Wetter begannen und mit Klagen über die Steigerung der Butterpreise endeten und von dem Mieter nicht gerade zu den Annehmlichkeiten der Wohnung gerechnet wurden. Heute wäre Marigny ganz einverstanden damit gewesen, in solcher Weise noch ein paar Minuten hingehalten zu werden, aber die Alte zeigte wider Erwarten zu dem üblichen Schwätzchen nicht die geringste Neigung, sondern eilte mit flüchtigem, und wie der Marquis zu bemerken glaubte, sogar verlegnem Gruße an ihm vorüber.

Vorwärts, vorwärts, alter Herr! Peinliche Augenblicke werden nicht angenehmer dadurch, daß man sie hinausschiebt!

Und wirklich! Er faßte sich ein Herz, legte die Hand auf die Türklinke und trat entschlossen ein. Marguerite war nicht anwesend. Er atmete erleichtert auf, legte Hut und Degen ab und warf sich auf das Kanapee. So verharrte er eine Zeit lang, den Blick durch das geöffnete Fenster auf die Türme von St. Florin gerichtet, die schnelle Schwalben, sich des Sommerabends freuend, bald einzeln, bald in kleinen Schwärmen mit schrillem Schrei umkreisten. Die Tochter würde wohl noch im Garten sein, dachte er, vielleicht auch schon auf dem Heimwege. Marigny lauschte, ob ihr Schritt nicht auf der Treppe zu hören sei. Nach dem Lärm des Tages schien die Stadt wie in vorzeitigen Schlummer gesunken zu sein, obgleich die Sonne noch nicht einmal untergegangen war. Jetzt ließ sich die Glocke der Jesuitenkirche vernehmen, nicht die kleine, dünnstimmige, die die Vesperstunde verkündete, sondern die größere, die für gewöhnlich zur Messe rief, sonst aber nur bei besondern Anlässen geläutet wurde. Wie weihevoll ihr Klang den alten Herrn berührte, den die mannigfachen, sich widerstreitenden Gefühle dieses Tages weich und mild gestimmt hatten! Ach, wenn er geahnt hätte, was dieses Geläut, dem er so andächtig lauschte, bedeutete! Er würde zu der bittern Erkenntnis gekommen sein, daß das Metall, das dort oben mit Sirenenstimme sang und in der klaren Abendluft schwirrte und zitterte, noch genau so hart und mitleidlos war wie vor hundertundsechzig Jahren, als es von den Wällen Magdeburgs hinab manchen braven Mann zu einem Gange rief, von dem noch keiner zurückkehrte!

Der Marquis begann unruhig zu werden. Um diese Zeit pflegte Marguerite sonst wieder zu Hause zu sein. Er erhob sich, lauschte auf dem Vorsaal und wandelte, als im Hause immer noch alles still blieb, in bänglicher Erwartung auf und nieder. Sollte er sich aufmachen und ihr entgegengehn? Er griff schon nach Hut und Degen. Da fiel ihm ein, daß bei der vorgeschrittnen Dämmerung das Stadttor schon geschlossen sein müsse. Vielleicht war das Mädchen auch gar nicht im Garten gewesen, sondern hatte, wie so oft in der letzten Zeit, die Baronin von Gramont besucht.

Was blieb ihm also übrig, als ihre Rückkunft geduldig abzuwarten? Er wollte Licht anzünden und begab sich in den Winkel hinter dem mächtigen Kleiderschrank, wo Stein, Stahl und Schwammdose auf einem Wandbrett lagen. Die tastende Hand fand diese Dinge, aber sie fand auch noch etwas andres, das sonst nicht an dieser Stelle lag: ein zusammengefaltenes Papier – einen Brief. Was hatte das zu bedeuten?

Eine Ahnung sagte ihm plötzlich, daß etwas außerordentliches geschehn sein müsse. Zwischen Marguerites Abwesenheit und diesem Briefe mußte ein Zusammenhang bestehn.

Er legte das Papier auf den Tisch und begann Feuer zu schlagen. Aber seine vor Aufregung zitternden Finger mühten sich vergebens, Stein und Schwamm so zu halten, daß der sprühende Funke Nahrung fand, und schließlich sprang ihm der Stein auch noch aus der Hand.

Da warf er Stahl und Schwamm weg, eilte ans Fenster, riß den Brief auf und las die Worte:

 

Mein Vater! Es schmerzt mich, Ihnen Leid bereiten zu müssen. Aber Sie haben es selbst nicht anders gewollt. Wenn Sie diese Zeilen lesen werden, bin ich Henris Weib. Abbé Bouligneux wird die Gefälligkeit haben, uns heute Nachmittag zu trauen. Ich versage mir jedes Wort der Rechtfertigung und vertraue darauf, daß einst auch in Ihnen, mein Vater, die väterliche Liebe über den gekränkten Ehrgeiz den Sieg davontragen wird. Gebe der Himmel, daß es bald geschehn möge!

Marguerite.

 

Wer etwa erwartet hätte, der Marquis würde nach der Lektüre dieses Briefes wie vom Schlage getroffen zusammenbrechen, der wäre enttäuscht worden. Der alte Herr brach auch nicht in Tränen aus. Ein langgezogner Pfiff durch die Zähne – das war anscheinend die einzige wahrnehmbare Wirkung, die das Blatt hervorbrachte. Marguerite hatte Recht mit ihrer Voraussetzung, ihr Schritt würde seinen Stolz tiefer und nachhaltiger verletzen als sein Herz. Wie die meisten Menschen, die sich vor dem Kommenden fürchten, verstand auch Marigny, sich mit dem einmal Geschehenen, dem Unabänderlichen unglaublich schnell abzufinden. Was in der Luft schwebte, konnte ihm die Ruhe rauben; das Vollendete lag hinter ihm und war für ihn abgetan.

Was er empfand, war zunächst nur Ärger, Ärger, wie ihn etwa der unaufmerksame oder leichtsinnige Spieler verspürt, der durch seine eigne Schuld die Partie verloren hat. Durch seine eigne Schuld – in dieser Tatsache lag sogar ein gewisser Trost. Er war es selbst, der seiner Tochter den Rat erteilt hatte, den sie – ach, nur allzu genau! – befolgt. Er konnte nicht anders, er mußte ihren Mut bewundern, den Mut des Gehorsams und den Mut, mit dem sie der gemeinen Not des Lebens entgegenging. Und dieses tapfre Mädchen war seine Tochter! Auch darin lag ein Trost, ein Tröpfchen Honig wenigstens, das seine Eitelkeit mit Begierde aufsog. Wir Marignys haben nun einmal die Eigentümlichkeit, vor keinem Hindernis zurückzuschrecken und unser Ziel zu verfolgen, koste es, was es wolle, so tröstete er sich selbst; kann Marguerite dafür, daß sie eine Marigny ist? Ach, auch darin hatte das Mädchen Recht gehabt – es bedurfte diesem Vater gegenüber keiner Rechtfertigung! In seinem innersten Herzen hatte er ihr längst verziehn. Aber auch er war ein Marigny, und wenn Marguerite einen eisernen Kopf hatte, so erwuchs ihm, dem Vater, daraus die Verpflichtung, einen Kopf aus Stahl zu haben, denn er war ein Mann, gehämmert und geglüht, gekühlt und gehärtet in den Kämpfen des Lebens. Und nun saß er da mit seinem Kopf von Stahl und überlegte, auf welche Weise er der Welt die Überzeugung beibringen könne, daß auch er ein Marigny sei. Und weil er wie fast alle innerlich schwachen Naturen Energie mit Starrsinn und Charakterstärke mit Trotz verwechselte, so verfiel er auf das törichte Auskunftsmittel, sich aufs Schmollen zu verlegen und seine Tochter, die ihn vor der Welt bloßgestellt hatte, nun vor der Welt zu verleugnen.

Er erhob sich, klingelte und rief nach Licht. Die Wittib Haßlacher erschien, zaghaft und leise, als trage sie die Verantwortung für das, was in ihrem Hause geschehn war, und stellte den Leuchter auf den Tisch. Marigny beobachtete sie mit argwöhnischen Blicken; eine Ahnung mochte ihm sagen, daß die Alte von dem Anschlage gewußt hatte.

Haben Sie den Schnupfen, Madame? fragte er barsch, als die Wittib, nun völlig eingeschüchtert, auf die seltsamste Art zu schnaufen und zu schlucken begann.

Diese Frage, die unter andern Umständen die einfache Bürgersfrau höchst schmeichelhaft berührt haben würde, raubte ihr – in diesem Augenblick ein Dokument unbeschreiblicher Lieblosigkeit – den letzten Rest ihrer Fassung und entfesselte einen Ausbruch des Schmerzes, der dem entmenschtesten Henkersknechte eine Träne teilnehmender Rührung abgepreßt hätte. Aber der Marquis war ein Marigny, und für einen Marigny gab es keine Tränen der Rührung.

Er hatte sich auf eine der Armlehnen des Kanapees gesetzt, wo er sicher war, nicht mit den gewaltsam bewegten, von Sekunde zu Sekunde feuchter werdenden Schürzenzipfeln in Kontakt zu kommen, und ließ den Sturm an sich vorübertoben.

Endlich schlug er mit der flachen Hand, deren Finger bis jetzt einen Marsch getrommelt hatten, kräftig auf die Tischplatte und sagte mit dem gleichmütigsten Gesichtsausdrucke: Darf ich mir die Frage erlauben, aus welchem Grunde Sie mein Zimmer – hören Sie: mein Zimmer! – zu einer Arena Ihrer Leidenschaften machen und mich zwingen, einem Schauspiele beizuwohnen, das mir ebenso langweilig wie widerwärtig ist?

Die Wittib sah ihn mit schmerzlichem Erstaunen an, bemühte sich, den Tränenstrom einzudämmen, und stieß unter fortwährendem Schluchzen die Worte hervor: Ach – du – grund–gütiger – Himmel! – Unsre De–moi–selle – Ihre – Tochter!

Meine Tochter? entgegnete der Marquis, indem er aufsprang, und alle Scheu vor den Schürzenzipfeln überwindend, dicht vor die Alte hintrat.

Meine Tochter? Madame, ein Wort statt vieler! Bin ich ein honetter Mieter? Antworten Sie!

Die Wittib nickte.

Gut! Bin ich ein pünktlicher Zahler?

Die Wittib nickte wieder.

Gut! Legen Sie Wert darauf, mich unter Ihrem Dache zu behalten?

Die Wittib nickte zum drittenmal.

Nun wohl, Madame, so ersuche ich Sie um zweierlei. Erstens tragen Sie dafür Sorge, daß ich das warme Wasser zum Rasieren des Morgens mit dem Schlag sieben und nicht, wie heute und gestern, um halb acht erhalte, und zweitens, reden Sie nie mehr von meiner Tochter! Merken Sie sich: ich habe niemals eine Tochter gehabt und hoffe auch in Zukunft nie eine zu bekommen. So. Das war es, was ich Ihnen zu sagen hatte. Guten Abend, Madame!

Ehe sie recht wußte, wie ihr geschehen war, stand die Alte auf dem Vorsaal.

Dann aber ermannte sie sich, eilte, so schnell es die alten Füße erlaubten, die Treppe hinab, stülpte die Haube auf den Kopf und rannte ohne Aufenthalt die Kornpforte hinunter über den Entenpfuhl in die Engelgasse, wo ihre beste Freundin wohnte.

Denke Sie sich, Zimmermannin, rief sie nach Atem ringend, mein Franzose! Das Weibsbild ist gar nicht seine Tochter! Er hat mir alles haarklein erzählt. Nur das eine will mir nicht in den Kopf: wenn ers gewußt hat, weshalb hat er sich dann volle dreiundzwanzig Jahre mit ihr herumgeschleppt?

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