Curt Grottewitz
Unser Wald
Curt Grottewitz

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Wiese im Spreewald

Wiese im Spreewald

Wald und Wiese.

Keine Landschaftsform hat etwas so Freundliches, Liebliches und Bewegliches wie die Wiese. Wir stellen sie uns vor als einen Teppich von frischen, grünen Gräsern, der mit Myriaden von bunten Blumen durchwirkt ist. Nirgends sind die Farben so reich und lebhaft wie auf der Wiese. Im Wald, auf der Heide, im Moor gibt es wohl einzelne freundliche Blumen, aber sie verschwinden hier unter der Gewalt einzelner, ernster Hauptfarben, die das Ganze charakterisieren. Hier auf der Wiese herrscht Buntheit. Darum erscheint sie uns als ein Bild der Freundlichkeit und des Frohsinns. Wir stellen sie uns gern vor in der Pracht der Pfingstzeit oder des Hochsommers, wenn die Sonne aus blauem Himmel über sie scheint. Etwas Sonniges, Lichtes, Freudiges hat jede Wiese.

Allein auch Beweglichkeit ist das Kennzeichen der Wiese. Sie verändert sich unaufhörlich. Sie spiegelt die Zartheit des Frühlings und die Fülle des Sommers ebenso wieder wie die Düsterkeit des Herbstes und die Leere des Winters. Das hängt damit zusammen, daß die Wiese nur aus krautartigen Gewächsen besteht, die im Frühjahr aus dem Boden hervortreiben, um zu wachsen, zu blühen und zu fruchten und dann im Herbst wieder in ihren oberirdischen Teilen völlig abzusterben. Das hängt aber ferner auch mit dem großen Reichtum an verschiedenartigen Pflanzen zusammen, die in Wachstum, Färbung, Blütezeit und Lebensdauer nicht miteinander übereinstimmen. Die Wiese ist ein sehr günstiger Boden für das Gedeihen der Pflanzen. Da Bäume fehlen, die so viel Platz wegnehmen, so können sich an ihrer Stelle zahlreiche Gewächse niederlassen. Der Raum für Pflanzenentwickelung ist also verhältnismäßig viel größer. Sodann hat aber eine Wiese hinreichend Feuchtigkeit, und Wasser ist ja nun einmal das Haupterfordernis für das gute Gedeihen der Pflanzenwelt. Der Boden ist also gewissermaßen für alle Arten von Gewächsen gleich gut. Darum haben so viele von ihnen hier ihre Heimat gefunden. Die Gewächse sind, weil krautartig, nicht allzu groß, sie sind überhaupt in der Größe einander ziemlich gleich. So hat jede einigermaßen dieselben Bedingungen, und das begünstigt natürlich wieder die Mannigfaltigkeit in der Pflanzenzusammensetzung der Wiese.

Nun mag es auffallen, warum auf der Wiese keine Bäume wachsen. Wie kommt es, daß ein Stück Land eine Wiese und kein Wald ist; mit anderen Worten: wie entsteht eine Wiese? Der Boden muß selbstverständlich feucht oder wenigstens frisch sein, wo sich Graswuchs entwickeln soll. Auf dürrem und trockenem Boden finden wir keine Graslandschaft. Die Gräser wachsen um so üppiger, je höher der Grundwasserstand ist. In solchem Boden, bei dem das Wasser bis nahe an die Oberfläche herantritt, gedeihen die meisten Bäume nicht mehr. Aber es gedeihen aus ihm doch noch Erlen, Weiden und Straucharten, die sich ohne Zweifel des Terrains bemächtigen würden, wenn den Gräsern nicht ein anderes Moment zu Hülfe käme. Die Wiese entsteht in der Natur auf solchen fruchtbaren Ländereien, die zeitweise überschwemmt sind. Überschwemmung, stehendes Wasser auf einige Wochen, das erträgt kein Baum. Er geht zugrunde, und die Gräser und andere Wiesenpflanzen nehmen den Boden ein. Die Überschwemmung braucht nicht einmal regelmäßig zu sein, sie braucht nur ganz selten, nur im Laufe von Jahrzehnten oder noch weit größeren Intervallen, einmal einzutreten. Sie vernichtet den Baumwuchs, und die Wiese entsteht. Die Gräser bilden bald eine so dichte Decke, daß der Same von Gehölzarten gar nicht keimen oder, wenn er schon keimt, nicht so leicht aufkommen kann. So ist durch eine einzige lange Überschwemmung, die die meisten und jedenfalls alle holzartigen Pflanzen tötet, das Terrain zu einer Besiedelung von Wiesengewächsen freigegeben. Und haben diese es einmal inne, so überliefern sie es nicht wieder den Pflanzen anderer Vegetationsformen. Überschwemmungen, die namentlich in Flußtälern vorkommen, erstrecken sich bisweilen sehr weit ab vom Ufer, und sie bringen den Wasserstand oft auf eine sehr bedeutende Höhe über dem normalen Niveau. So entstehen dann, wenn das Wasser zurückgetreten ist, Wiesen von sehr verschiedenem Grundwasserstand. Liegt dieser jedoch gegen einen Meter und mehr unter der Bodenoberfläche, so wird der Graswuchs spärlicher, es entsteht je nach Beschaffenheit des Bodens eine Steppe oder Heide oder ein Anger, der mit der Zeit eventuell dem Walde weichen muß. Früher mag das größere Weidevieh, wilde Rinder, Schafe und Ziegen, der Waldbildung an solchen Stellen viel Abbruch getan haben.

So entsteht in der Natur eine Wiese von freien Stücken. Heutzutage, wo bei uns der Mensch fast jedes Stück Boden mit Beschlag belegt hat, sind sehr viele Wiesen Erzeugnisse der Kultur. Der Mensch läßt hier keine Bäume aufkommen, er mäht junge Sämlinge von Weiden, Erlen, Faulbaum usw. ab; das zweimalige Abmähen im Jahre zerstört jeglichen Baumwuchs. Wie so der Mensch der Umwandlung der Wiese in eine andere Vegetationsformation entgegentritt, so hat er anderseits viele Wiesen künstlich geschaffen, indem er die Auewälder ausrottete. Wiese und Ackerland geben einen höheren Ertrag als der Wald. Wo ein Stück Wald landwirtschaftlich benutzt werden konnte, da wurde er beseitigt. Stand er auf Boden mit niedrigem Wasserstande, so wurde er in ein Feld umgewandelt; war der Boden, auf dem er sich befand, feucht, so mußte er der Wiese Platz machen.

Von nichts hängt die Beschaffenheit der Wiese so ab, wie von der Höhe des Wasserstandes. Pflanzenzusammensetzung und Pflanzengedeihen ist außerordentlich verschieden, je nach der größeren oder geringeren Feuchtigkeit des Bodens. Ein Stück Wiese, das um einen halben Fuß höher liegt als ein anderes benachbartes, kann ganz mager sein, während auf dem letzteren das üppigste Gras wächst. Ein anderes Stück, das einen Fuß tiefer liegt, enthält dagegen eine Pflanzenzusammensetzung, in der die Halbgräser vorherrschen. So gibt es die mannigfaltigsten Übergänge zwischen einem trockenen Graslande und einer Wiese, die man wegen ihrer Nässe kaum betreten kann. Ein Beispiel, das für viele Verhältnisse, namentlich Norddeutschlands, charakteristisch ist, mag hier erwähnt werden. Das Dorf, in dem ich wohne, besitzt ein größeres Wiesenland am linken Ufer der Spree. Der Fluß fließt hier etwa in der Mitte seines alten, breiten Strombettes, das er sich am Schlusse der Eiszeit mit seinen gewaltigen Wassermassen ausgewühlt hatte. Diese linke Hälfte des gewaltigen Strombettes stellt nun unser Wiesenland dar.

Im großen und ganzen bohrt sich fließendes Wasser eine Mulde aus. In der Mitte ist diese am tiefsten, am Rande am höchsten. Das gilt im allgemeinen auch für unser Wiesenland. Direkt an der Spree zieht sich ein Streifen sumpfigen Landes hin, das überhaupt kaum festen Boden hat. Dann kommt der Reihe nach, je weiter man sich vom Flusse entfernt, immer weniger feuchtes und endlich ziemlich trockenes Land, bis zuletzt vor der alten Uferwand, die sich viele Meter hoch über der Talsohle erhebt, ein Streifen dürresten Sandlandes sich hinzieht. Da nun die Parzellen, die jedem einzelnen von uns »Kolonisten« zugeteilt sind, nicht parallel, Sondern rechtwinklig zum Flusse gehen, So enthält jede die ganze Skala von der Sumpfwiese bis zur Sandsteppe. Allein, das ist nur das allgemeine »ideale« Schema dieser Wiesenlandschaft. Tatsächlich ist die Mulde nicht — und sie ist es auch nirgends anderswo — so regelmäßig gebildet. Die großen breiten Wasserströme, die einst Norddeutschland durchzogen, hatten allem Anschein nach keinen reißenden Lauf, wie etwa die Isar bei München oder auch nur die Elbe in der sächsischen Schweiz. Sie schleppten sich in breiter Ebene dahin, wie heute die Havel oder wie der Rhein in Holland. Es gab dabei besonders ruhige Stellen, an denen sich der Sand und Schlamm, den das Wasser mit sich führte, ablagerte. So entstanden inselartige Erhebungen, wie wir sie heute ja auch in den Sandwerdern der Havel haben. Das flach muldenförmige Strombett erhält dadurch allenthalben Unebenheiten, breite Buckel, langgezogene Rücken, die bald in der Mitte, bald mehr oder minder nahe am Ufer liegen. Nun handelt es sich hier zwar selten um größere Höhen, und auch in der erwähnten Wiesenlandschaft betragen die Niveauschwankungen nur wenige Fuß, selten einige Meter. Aber fur eine Wiese sind, wie bereits erwähnt, auch sehr kleine Niveauunterschiede, eben weil sie die Höhe des Wasserstandes verändern, von sehr großer Bedeutung.

In dem bergigen Mittel- und Süddeutschland ist das Wiesenland meist viel schmaler als in dem ebenen Norddeutschland. Dort graben sich die Flüsse und die Bäche viel tiefer in den Boden ein, und sie haben sich auch früher viel tiefer eingegraben, so daß ihr Bett meist sehr steil muldenförmig in das Land eingeschnitten ist. Dadurch konnte sich nur ein verhältnismäßig schmaler Streifen Wiesenboden zu beiden Seiten des Gewässers bilden. Dafür aber sind Flüsse und zumal Bäche eine viel häufigere Erscheinung als in der niederdeutschen Ebene. Und jeder kleine Bach hat sein Wiesenland, das ihn links und rechts begleitet. Im Gebirge endlich entstehen Wiesen leicht aus allen nicht zu steilen Halden und Hochplateaus, sobald sie von Baumwuchs, sei es infolge zu hoher, kalter Lage, sei es durch das Weidevieh oder durch Hochwasser oder durch den Menschen entblößt sind. Die kühle Luft, der häufige Nebel und Regen, der kurze Sommer begünstigen den Graswuchs ungemein. Diese Gebirgsmatten sind also vom Grundwasserstand und von der Nähe der Gewässer viel unabhängiger als die Wiesen der Ebene.

So verschieden nun die Wiesen in ihrer Pflanzenzusammensetzung und in ihrem landwirtschaftlichen Wert sind, so können wir hier doch vor allem zwei verschiedene Arten unterscheiden: die Graswiesen und die Halbgraswiesen. Letztere, die auch saure Wiesen genannt werden, spielen in dem ebenen zu Moor- und Sumpfbildungen geneigten Norddeutschland eine weit größere Rolle als in dem übrigen Deutschland, die Gebirge ausgenommen. Sprechen die Dichter von Wiese, gebrauchen wir das Wort, so ist damit immer die Graswiese gemeint, diese liebliche freundliche Graslandschaft mit den unzähligen Blumen. Die echten Gräser suchen hier die Vorherrschaft. Einige besondere Eigenschaften nämlich besitzen die Gräser, die sie für die Eroberung freien Landes außerordentlich geeignet machen. Sie vermehren sich sehr gut auf vegetativem Wege, und zwar treiben sie aus ihren Wurzeln immer neue Schosse empor, so daß von der Mutterpflanze aus nach allen Seiten hin neue Individuen entstehen. Für die Pflanze ist die Platzfrage die wichtigste aller Lebensfragen. Auf solch offenem, freiem Felde, wie es die Wiese ist, drängen sich die Pflanzen zusammen, jede möchte an Terrain gewinnen, und sie kann es nur, indem sie sich nach der Seite hin ausdehnt, um die Nachbarn zu verdrängen. Im Walde Suchen die Gehölzpflanzen einander zu überwachsen und durch Überschattung von obenher die Nachbarn zu unterdrücken. Auf der Wiese handelt es sich weniger um das Überwachsen, als um das seitliche Verdrängen. Alle Pflanzen sind ja etwa gleich hoch. Alle sterben in ihren oberirdischen Teilen im Winter ab und müssen im Frühjahr ihr Wachstum von vorn beginnen. Da hätte es keinen rechten Zweck, den Schwerpunkt des Platzkampfes auf das Überwachsen zu legen. Vielmehr galt es, den Nachbar von der Seite her zurückzudrängen. Und die Gräser erwiesen sich in ihrer Eigenschaft, durch Bestockung ihren Umfang ringsum zu vergrößern, als die geeignetsten Wiesenpflanzen. Besonders vorteilhaft für sie ist es, daß die Bildung von Wurzelschossen nicht weit ab von der Mutterpflanze erfolgt. Die jungen Triebe kommen dicht neben den alten hervor. So wächst die Pflanze gewissermaßen in die Breite, und so drängt sie am besten den Nachbar zurück. Es kommt dazu, daß die jungen Sprosse ganz dünn und spitz sind, das macht sie so recht geeignet, jede kleinste freie Bodenstelle zu durchbrechen und sich überall zwischen anderen Pflanzen durchzuschlängeln. Diesen Eigenschaften haben es die Gräser zu verdanken, daß sie weite Gebiete überziehen, daß sie rasenbildend wirken. Die Voraussetzung ist allerdings, daß der Boden Feucht ist. Die Gräser sind außerdem wenig empfindlich gegen Kälte. Sie wachsen im zeitigen Frühjahr schon sehr gut und sie treiben noch im Herbst weiter. Auf etwas kühlem, frischem Lande sind sie darum allen anderen krautartigen Gewachsen überlegen.

Um auf Wiesen ihr Fortkommen zu finden, mußten alle anderen Wiesenpflanzen ähnliche Eigenschaften erwerben wie die Gräser. Vor allem kam es für sie darauf an, ihre Lebenszeit möglichst zu verlängern. Einjährige Gewächse, die erst keimen und sich mühsam aus dem Keim entwickeln müssen, um dann im Herbst wieder auszusterben und den schwer errungenen Platz wieder freizugeben, waren für die Wiese nicht geeignet. So sind denn auch mit sehr wenigen Ausnahmen alle Wiesenpflanzen ausdauernd. Viele von ihnen teilen die Eigenschaft der Gräser, Rasen zu bilden. Sie treiben aus ihrem Wurzelstock neue Schosse hervor, oder sie bilden Ableger und Ausläufer, durch welche der Platz der Pflanze nach allen Seiten ausgedehnt, die Nachbarn zurückgedrängt werden. Nun besitzen zwar wenige Wiesenkräuter ein solches Wachstum wie die Gräser. Diese durchbrechen den Boden gewissermaßen leicht und unbemerkt mit ihren feinen, spitzen Trieben und drängen sich mit ihnen verstohlen zwischen anderen Pflanzen durch. Letztere aber ersetzen oft durch Kraft, was sie durch Gewandtheit nicht vollbringen können. So haben viele Wiesenpflanzen, wie z. B. der Löwenzahn, die bekannte Kuhblume, oder die Distel einen sehr stämmigen Wurzelstock, aus dem der Trieb im Frühjahr das Erdreich durchbohren kann. Vermögen die hervorgetriebenen Pflanzen nicht durch Stockausschlag ihr Terrain zu vergrößern, so wachsen sie wenigstens mächtig in die Breite. Viele bilden namentlich im Frühjahr eine breite Rosette, um sich Platz zu verschaffen. Einige Rasenpflanzen kriechen auch über den Boden dahin, wie der kriechende Günsel und die Gundelrebe, sie bilden dabei an günstigen Stellen neue Wurzeln aus dem Stengel oder senden auch, wie der kriechende Hahnenfuß, ihre Ausläufer weit von der Mutterpflanze weg, um sie irgendwo neue Plätze für sich ausfindig machen zu lassen.

So wichtig lange Lebensdauer und vegetative Vermehrung zur Behauptung des alten Platzes und zur Vergrößerung desselben für die Wiesenpflanzen ist, so können sie doch die Ausbildung von Samenkörnern nicht vernachlässigen. Man möchte nun denken, daß das Wiesenterrain so dicht mit Pflanzen besetzt ist, daß kaum ein Samenkorn eine Möglichkeit finden könnte, auf freien Boden zu kommen und zu keimen. Allein einmal mag in früheren Zeiten das Wiesenterrain sehr geschwankt haben. Durch stehendes Wasser bei Überschwemmungen wurden Waldesteile und Buschgehölze hier und da vernichtet. Es wurden also Ländereien frei, auf denen die Samen der Wiesenpflanzen günstigen Boden zum Keimen fanden. Sodann aber werden auch heute noch Wiesen bei der Überschwemmung ganz mit Sand oder Schlamm bedeckt. Früher, als die Wasserläufe noch nicht so gut reguliert waren wie heutzutage, sind Überschwemmungen sicher weit häufiger gewesen, und sie haben wohl im allgemeinen einen weit größeren Umfang gehabt als jetzt. Die Landwirte in der Umgebung von Berlin erzählen allgemein, daß durch die zahlreichen Kanalverbindungen zwischen den Flüssen der Wasserstand allenthalben niedriger und Überschwemmungen von Wiesen seltener geworden sind. Allein selbst wenn das Wiesenland fest umgrenzt ist und Überschwemmungen gänzlich ausbleiben sollten, So wird die geschlechtliche Vermehrung der Wiesenpflanzen dennoch nicht überflüssig sein. durch Tiere wird nämlich der Boden von seinem Pflanzenwuchse hier und da entblößt. Die rohe Erde kommt zum Vorschein und gewährt den Samenkörnern Platz zum Keimen. Früher mögen besonders die großen wilden Huftiere, Auerochs und Wisent, den Wiesenboden oft zerstampft und aufgerissen haben. Der wichtigste Zerstörer des Wiesenbodens dürfte aber von jeher der Maulwurf gewesen sein. Und er ist es auch heute noch. Er wirft zwar kleine, aber doch zahlreiche Erdhaufen auf, die für die Entstehung neuer Samenpflanzen von großer Bedeutung sind. Solch ein Maulwurfshaufen ist ja groß genug, um eine ganze Anzahl Gräser und Kräuter aufnehmen zu können. Hier auf diesem lockeren Boden können die Sämlinge sehr leicht emporwachsen; sie können genügende Stärke und Widerstandskraft erlangen, ehe die Gewächse, die am Rande des Haufens stehen, durch seitliche Ausdehnung das neu entstandene Land okkupieren. Allerdings auch diese Möglichkeit der Verjüngung sucht der Mensch mehr und mehr zu beseitigen. Bei einer geordneten Wiesenpflege — und heutzutage wird ja alles mehr und mehr geordnet — werden die Maulwurfshaufen mit dem Rechen auseinander geharkt. Nun entgeht aber doch Mancher solche Erdhügel dem wachsamen Auge des Menschen, und dann bleibt immerhin eine kleine erdige Stelle übrig, nämlich die, wo die Öffnung war, durch welche der geschäftige »Moll« die Erde herausgeworfen hatte. Aus dem reichen und üppigen Blühen der Wiesenpflanzen kann man jedenfalls ersehen, daß die geschlechtliche Vermehrung bei ihnen eine große, ja eine sehr große Rolle spielt. Und diejenigen Gewächse, die sich nicht oder nur langsam auf vegetativem Wege vermehren, sind im letzten Grunde, um nicht gänzlich auszusterben, auf Ausstreuung von Samen angewiesen. Mitunter findet auch wohl ein Samenkorn selbst auf der Wiese rein zufällig eine leer gewordene Stelle, wo eine alte Pflanze abgestorben ist.

Wo ein solches Heer von Pflanzen beieinander steht, da wird es dem einzelnen Individuum mit seinen zahlreichen Blüten nicht immer leicht, die Befruchtung dieser Organe zu erreichen. Bekanntlich sind es die Insekten, die bei der Suche nach Blumenhonig den Blütenstaub von Blume zu Blume tragen. Insekten, die wirklich geeignet sind zu dieser Vermittlung der Befruchtung, gibt es nun nicht im Übermaße, wenigstens nicht im Vergleich zu der Unmenge von Einzelblüten. So hat sich unter den Wiesenpflanzen auch ein großer Wettbewerb um die Anlockung der Insekten ausgebildet. Es sind vor allem die Farbenpracht und die Größe der Blüten und Blütenstände, durch welche die Wiesenpflanzen die Aufmerksamkeit der Kerbtiere zu erregen suchen. Der Duft spielt hierbei eine geringere Rolle, und das liegt wohl daran, daß bei einer so gewaltigen Zusammenscharung von Pflanzen die verschiedenen Gerüche sich miteinander vermischen würden und so nicht als Führer zu bestimmten Blüten dienen könnten. In solchen offenen, niederen Vegetationsformen, wie es die Wiese ist, kann es gar keine bessere Zeichensprache für die Blumen geben als die Farbe. Im Walde dagegen ist die Ausschau verhängt, da leistet der Geruch unter Umstäuden viel bessere Dienste als die Farbe.

Die auffälligen, wechselreichen, glänzenden Farben sind es, die eine Wiese so freundlich gestalten. Vom ersten Frühling an bis in den Spätherbst hinein gibt es hier Blüten in Menge. Und auch diese Verteilung der Blumen über eine lange Zeit hängt mit dem Wettbewerb der Wiesenpflanzen um die Gunst der Insekten zusammen. Um der Blütenanhäufung in der wärmeren Zeit zu entgehen, entstand in vielen Wiesengewächsen die Tendenz, immer früher im Jahre zu blühen. Viele wiederum blühen sehr lauge den ganzen Sommer hindurch bis in den Herbst. Manche haben jedoch einen kurzen Blütenflor, allein dieser erscheint zu einer bestimmten Zeit, und während dieser kurzen Periode blühen alle Individuen derselben Art zugleich, so daß alle Blüten zusammen mit ihrer einzigen Farbe wie ein gewaltiges Reklameschild auf die blumeubesuchenden Insekten wirken mögen.

Dem ungleichzeitigen Auftreten der verschiedenen Blumen entspricht der anziehende Wechsel im Aussehen der Wiese. Nicht nur in jeder Jahreszeit und in jedem Monat, nein, in jeder Woche verändert sich das Bild der Wiese. Und die Blumen sind es, die vor allem den schönen Wechsel im Farbenspiel hervorrufen. Etwas weniger veränderlich sind die Gräser. Sie brauchen nämlich nicht auf den Besuch der Insekten zu reflektieren. Die Übertragung des Blütenstaubes besorgt bei ihnen der Wind. Für sie ist kein Grund vorhanden, warum nicht alle ziemlich gleichzeitig blühen Sollten. Für sie ist der beste Augenblick dazu gekommen, wenn der allgemeine Vegetationswuchs seinen Höhepunkt erreicht hat. Alsdann strecken sie ihre Schwankenden Halme mit den schlanken Ähren und luftigen Rispen in die Höhe. Gebilde, die so dünn und beweglich sind, daß der leiseste Windzug sie hin und her treibt und den Blütenstaub aus ihren Staubblättern herausschüttelt. Trotzdem tragen die Gräser, als die Hauptpflanzen der Wiese, sehr viel zu deren Aussehen und ihrer abwechslungsreichen Veränderung im Laufe des Jahres bei.

Am langsamsten geht die Veränderung naturgemäß in der kalten Jahreszeit vor sich. In den ersten Monaten des Jahres ist die Wiese in der Regel fahlweiß gefärbt. Die Halme und Stengelreste der Gräser und Kräuter sind zu dieser Zeit vollkommen ausgebleicht, so daß sie einen blassen, weißlichen Farbenton besitzen. Nur feuchtere Wiesen haben infolge von Moosen und Halbgräsern ein etwas dunkleres Kolorit. Das Gras erhält sich um so frischer, je milder der Winter ist. Dagegen wird es durch strenge Fröste, namentlich wenn es nicht durch eine Schneedecke geschützt wird, sehr stark ausgebleicht. Ist die Winterkälte vorüber und der Boden frostfrei geworden, so macht sich gewöhnlich sehr bald der Maulwurf bemerkbar. Im Frühjahr legt er seine neuen Gänge an. Da werden denn bald allenthalben die kleinen Erdhügel sichtbar. Kurz bevor das Gras und die Kräuter sich zu regen anfangen, geht der Landmann gewöhnlich mit Schippe oder Harke hinunter auf die Wiese, um die aufgeschüttete Erde auseinander zu werfen. Die Hügel würden nämlich später beim Mähen sehr hinderlich werden. Um diese Zeit singt bereits die Lerche in der Luft, und wenn sie schon die Ackerfluren vorzieht, so hält sie sich doch auch über den Wiesen auf, um in der Luft ihre wechselreichen, frischen Melodien erklingen zu lassen. Für die weiten Wiesenlandschaften Norddeutschlands, die, wie bereits erwähnt, aus alten breiten Strombetten entstanden, heutzutage häufig von Seen und Seenketten teilweise ausgefüllt sind, ist der Kiebitz der eigentliche Frühlingsvogel. Er liebt die Nähe des Wassers, und er brütet meist auf sumpfigem Terrain. Seine munteren Bewegungen und Flugkünste führt er aber über der ganzen Wiesenlandschaft auf. In kleinen Trupps sieht man diese hübschen Vögel sich unaufhörlich hin und her bewegen. Sie necken sich und spielen, fliegen bald auf, bald nieder. Bald beschreiben sie elegante Bogen, bald fliegen sie geradeaus. Oft spreizen sie ihre Flügel weit aus, und dadurch entsteht je nach ihrer Haltung ein wechselndes Farbenspiel von weiß und dunkel. Dabei lassen sie unaufhörlich ihr »Kiwitt« ertönen, das mit Inbrunst hervorgestoßen, vibrierend durch die Luft schallt. Auf trockenen Wiesen halten sich auch die Rebhühner auf, deren eifrige Liebestöne am Abend weithin zu hören sind.

Sobald die Frühlingslüfte milder wehen, erheben sich aus dem noch niederen Grün die ersten Frühlingsblumen, die Gänseblumen, bald auch die Primeln und die Feigwurz. Die ersteren finden sich nur auf trockenem Boden, bei dem die Vegetation nicht gar zu hoch wird, denn die Gänseblume ist eine ganz niedere Pflanze. Sie stellt sich besonders dahin, wo die Wiese vom Weidevieh immer besucht und dadurch niederer Rasen hergestellt wird. Die Primel liebt schweren Boden, sie ist daher in den großen sandigen Wiesenländereien Norddeutschlands weniger zu finden als auf den Bachwiesen und Bergwiesen des mittleren und südlichen Deutschlands. Ihre Blütezeit ist nur sehr kurz, aber während sie blüht, erhält der noch niedrige Wiesenplan durch ihre anfragenden, hellgelben BlütenschÄste einen eigenartig frühlingszarten Schmuck. Weit kräftiger im Farbenton ist die Feigwurz mit ihren saftigen Herzblättern und ihren glänzenden, goldgelben Ranunkelblüten.

Werden die Tage wärmer, so wird das Gelb bald zur Hauptfarbe der Wiesen. Auf feuchten Stellen blüht die Sumpfdotterblume und auf mehr trockenen der Löwenzahn, die Kuhblume. Besonders diese Blume dominiert am Ende April, anfangs Mai so sehr, daß sie die ganze Wiese in ein brennend gelbes Meer verwandelt. Um diese Zeit ist bereits die ganze Vegetation in üppiger Entfaltung. Gräser und Kräuter sprießen in die Höhe, aber die gelben Blütenköpfe überdecken mit ihrer leuchtenden Farbe das Grün der jungen Pflanzen. Das ist die Zeit, wo in den Gärten die jungen Obstbäume im weißen Brautschleier stehen und Wald und Busch voll und grün wird. Da summt es von Bienen über der gelben Wiese. Die Schmetterlinge erscheinen zum ersten Male in reicher Menge und in bunter Artenzahl. In allen Farben und Farbenmustern gaukeln sie umher und spiegeln sich im Licht der Sonne. Bald lassen sie sich auf einer Blüte nieder, um aus ihrem Schlund Honig zu naschen, bald fliegen sie in Paaren, miteinander spielend, umher. Ach, die schönste Zeit des Frühlings ist so bald vorüber! Der Blütenschnee fällt von den Bäumen und das Gelb der Kuhblumen geht über in ein fahles grau. Aus den kleinen Blüten sind mit Federschirmen versehene Früchtchen geworden, die nun den Blütenkopf der Kuhblume in einen Ball von Federn verwandeln.

Und zu gleicher Zeit nimmt das Weiß auf der Wiese überhand. Denn nun taucht das Wiesenschaumkraut mit seinen weißen Kreuzblüten auf. Zugleich erscheint das Hornkraut mit seinen fünfstrahligen Blütensternen und wohl auch der knollentragende Steinbrech. Aber die Herrschaft der weißen Farbe ist bald um. Nun kommt das Gros der Blumen angezogen, und der Wiesenteppich verschwimmt in ein Meer von bunten Farben. Allerdings gibt es Zeiten, wo auch jetzt noch einzelne Blumenarten die Vorherrschaft führen, aber die Vorherrschaft ist keine allgemeine, sie ist auf den einzelnen Wiesen verschieden. Hier haben zahlreiche Ranunkeln Platz gefunden, und sie geben der ganzen Wiese zeitweilig eine gelbe Farbe, dort kleiden die schönen Lippenblüten des Salbei den Wiesenteppich in ein schmuckes Blau.

Während im April und Mai nur helle Farben auf der Wiese anzutreffen sind, bringen die Blütenstände der Gräser dunklere Töne in das Farbenbild. Gegen Ende Mai brechen die Rispen und Ähren der Gräser hervor, sie besitzen alle rotbräunliche und fahlrote Nuancen, die einen hervorstechenden Zug der Wiesen von jetzt bis zur Heuernte bilden. Um diese Zeit verstärkt auch der Sauerampfer mit seinen braunroten Blütenständen den schweren, schwülen Sommerton der Färbung. Dagegen bringen die Kuckuckslichtnelken mit ihren zierlichen, luftigen Blüten und die Pechnelken, selbst der Rotklee schönere, hellere rote Farben zur Geltung. Blaue Tupfen bilden die Glockenblumen und der Günsel, und von weißen Blumen tut sich die schöne Wucherblume, das bekannte Maßliebchen, hervor.

Wenn die Gräser in der Blüte sind, dann hat die Vegetation der Wiese die größte Fülle erreicht. Von nun an gehen die Blüten in Samen über, die samentragenden Schosse und Triebe welken und verdorren. Die Wiese wird gelb und weiß und braun. Allein dahin kommt es nur in den seltensten Fällen. Wenn die Vegetation ihren Höhepunkt erreicht hat, so beginnt der Landmann die Wiese zu mähen.

Der Juni ist der Heumonat. Frühzeitig gehen die Schnitter hinunter nach der Wiese, wenn noch der Tau lange auf den Gräsern ruht. Denn die Sense schneidet viel besser, wenn die Pflanzen etwas feucht sind. zur Zeit des Schnittes schadet ein Regen nichts. Desto heißer ersehnt ist gutes Wetter beim Trocknen des Grases. Die Sense legt die abgemähten Pflanzen in dicke Schwaden. Diese müssen, damit Sonne und Wind das Gras besser ausdörren können, ausgebreitet werden. Ganz außerordentlich hängt der Mensch bei diesen Arbeiten vom Wetter ab. Herrscht Regenwetter, so bleiben die Schwaden noch unausgebreitet liegen. Allein wenn sie lange liegen, erhitzen sich die dicht liegenden Pflanzen, sie werden gelb und verlieren ihren Futterwert. Oft kommt es vor, daß sich gerade dann Regen einstellt, wenn das Gras bereits getrocknet, also gutes Heu geworden war. Dann beginnt die Arbeit des Trocknens von neuem. Das Heu muß öfters gewendet und durchgearbeitet werden, damit alle einzelnen Pflanzen richtig ausdörren können. Bei lang anhaltendem Regen oder bei öfterem Durchnässen bereits getrockneten Heues bleicht dieses sehr aus, es verliert auch dadurch viel von seiner Güte. Schon am Geruch kann man gutes Heu von minderwertigem genau unterscheiden. Die Arbeit des Heuens erfordert nicht nur viel Schweiß und Geduld, sondern auch mancherlei Überlegung. Vorsichtige Landwirte setzen vor Abend das Heu in Haufen, um es in der Nacht, in der es doch nicht trocken wird, vor Regen und vor Tau zu bewahren, und breiten es am anderen Tag wieder aus. Beim Aufladen des in Haufen gesetzten Heues ist der Wind sehr störend. Er wirft die dünnen Halme und Stengel nach allen Richtungen auseinander, so daß die Arbeit des Zusammenharkens kein Ende nimmt. Man spottet oft über die Landleute, weil sie sich so viel vom Wetter unterhalten. Aber man sieht an dieser Arbeit des Heuens allein, was die Witterung für sie zu bedeuten hat. Beim Mähen soll es trübe und feucht, beim Heumachen sonnig und windig, beim Einholen der Ernte trocken und windstill sein. Nun geht natürlich die Ernte nicht auf allen Wiesenstücken und bei allen Bauern gleichzeitig vor sich. Der eine braucht dieses Wetter und der andere jenes. Da kann man sich denken, daß das unschuldige Wetter der Anlaß wird zu Rede und Gegenrede, zu Ärger und Freude, zu Neid und Schadenfreude und zu wer weiß was sonst noch!

Sonniges, heiteres Wetter wird allerdings in der Heuernte schließlich alle befriedigen. Selbst die Schnitter söhnen sich mit ihm aus. Auf den Wiesen herrscht, wenn das Heu einmal abgemäht ist, eine ungeheure Hitze. Vorher kühlt die frische grüne Vegetation. Allein das ausdünstende Heu erzeugt eine schwüle Luft, die auf uns weit drückender als Sonnenhitze wirkt. Auch dann, wenn das Heu trocken geworden ist und die ganze Tageswärme in sich aufgenommen hat, geht von ihm eine Backofenhitze aus. Ist das Heu von der Wiese eingebracht worden, so liegt diese einige Zeit recht kahl und freudlos da. Der Storch, der allezeit die Wiesen gern besucht, kann seine roten Beine nicht mehr im Gras verstecken. Dafür entgeht ihm der Frosch noch weniger als sonst. Es dauert übrigens nicht lange, so wird die Wiese wieder grün und frisch. Die abgemähten Pflanzen, die ihren vollen kräftigen Wurzelstock behalten haben, treiben jetzt, wo ihnen auch die Wärme hilft, viel schneller empor als im Frühjahr. Bald hat die Wiese wieder das Aussehen wie vor der Mahd. Allerdings machen sich jetzt im Hochsommer weiße Doldengewächse, vor allem Bärenklau, Pastinak, wilde Mohrrübe breit, auch die Schafgarbe, die einem Doldengewächse ähnlich sieht, aber zu den Korbblütlern gehört, blüht jetzt. Bald tauchen auch die Gräser wieder mit ihren bräunlichen Blütenständen hervor. Oft genug macht sich auch die Distel mit ihren großen roten Blütenköpfen bemerkbar, ein unwillkommener Gast, der mit seinen Stacheln die Arbeit des Heuens sehr erschwert.

Der Farbenton der Wiesen ist im Hochsommer nicht mehr ganz so freudig wie vor der Mahd, aber immerhin ist auch jetzt noch die Wiese das Bild farbenfreudigen Lebens. auch jetzt noch tummeln sich Schmetterlinge über ihren Blumen. Allerhand andere Insekten nehmen auf den Pflanzen Platz, vor allem springt und hüpft es von unzähligen Grashüpfern, die alle in Bewegung geraten, wenn man über die Wiese schreitet.

Gegen Ende August erfolgt die zweite Mahd. Man nennt das Heu, das sie liefert, in vielen Gegenden Grummet. Oft zieht sich diese zweite Ernte bis weit in den September hinein. Je mehr aber die Jahreszeit vorrückt, um so kürzer werden die Tage. Der Tau bleibt sehr lange auf den Pflanzen liegen, und so wird das Trocknen immer mehr erschwert. Die zweite Mahd könnte oft später stattfinden, wenn nicht die Schwierigkeit des Trocknens mit der Zeit zunehmen würde.

Nach der Grummeternte ist die Glanzzeit der Wiese vorbei. Oft zwar erfreut noch in einem milden feuchten Herbst die Graslandschaft das Auge durch ein schönes frisches Grün. Werden die Tage aber kühler und stellen sich erst die Nachtfröste ein, dann bleicht das Grün immer mehr. Die Wiesen werden weißlich, noch ehe sie der Winterschnee mit seinem großen Leichentuche verhüllt.

Einfacher in ihrer Pflanzenzusammensetzung und monotoner in ihrem Kolorit sind die sauren Wiesen. Durch die stehende Nässe versauert der Boden, er wird für die meisten Gewächse ungeeignet. Doch lieben manche Pflanzen, vor allem die Cyperaceen oder Halbgräser, ein solches halbsumpfiges Land. Das Grün dieser Gewächse ist bei weitem nicht so frisch und leuchtend wie das der Gräser. Es hat einen Stich ins Gelbliche oder ins Bräunliche. Im ersten Frühjahr, wenn die guten Wiesen längst grün sind, verharren die sauren Wiesen noch in einem düsteren oder fahlen Braun. Der Boden erwärmt sich nicht so schnell, darum erhebt sich die Vegetation um Wochen später als anderswo. Die lebhaften Farben, die leuchtenden Blumen fehlen diesen Wiesen fast gänzlich. Zwar gibt es auch hier Blumen, aber sie tragen ihre Blüten nicht so zur Schau, wie auf den hohen Wiesen. Minze, Fieberklee, Herzblatt haben entweder unscheinbare Blüten oder sie bleiben doch so im Grün der Seggen versteckt, daß sie der Wiese keine hellere Färbung verleihen. Häufig ist auf sauren Wiesen auch eine hohe Schachtelhalmart, die mit ihrem dürren, trockenen Schaft ein armseliges Futter abgibt. Die sauren Wiesen werden gewöhnlich nur einmal des Jahres und zwar im Juli gemäht. Das Wachstum ist zu langsam, als daß sich zweimalige Mahd lohnte. Ein Schnitt liefert soviel wie zweimaliges Schneiden liefern würde und die Arbeit und das Risiko ist nur halb so groß. Häufig genug stehen diese an und für sich sehr feuchten Wiesen förmlich unter Wasser, wenn der Sommer naß ist. Alsdann wird das Gras unter großen Mühen von dem nassen Boden auf höhergelegenes Land gebracht, um dort zu trocknen. Der Wagen kann die Wiese nicht befahren, Pferde und Räder würden in ihr versinken. So müssen die Menschen das Heu oder gar das um soviel schwerere Gras mühselig auf dem Rücken von der Wiese tragen. Wenn wenigstens der Weg eben wäre! Aber der Fuß plätschert durch stehendes Wasser, bald bekommt er einen Halt an einem hervorragenden Grasbüschel, bald sinkt er tief hinein in das weiche Erdreich. Wenn nun vollends noch der Wind von vorn kommt und den Träger am Vorwärtsschreiten hindert, dann ist die Arbeit sauer genug.

Das Heu von diesen nassen Pflanzen hat wenig Futterwert. Es hat einen sehr strengen direkt unangenehmen Geruch. Die Pferde werden damit nicht gefüttert. Die Kühe bekommen es in Mischung mit besserem Heu. Oder man gibt es ihnen als Vorspeise, als »Entree«, nicht um ihren Appetit zu reizen, sondern in der berechtigten Annahme, daß sie es liegen lassen werden, wenn sie vorher schon besseres Futter bekommen haben. Vor der Mahd hat die Vegetation der sauren Wiesen einen schweren dunklen Ton, bald danach verjüngt sie sich zwar einigermaßen, aber sehr bald wird sie braun, ganz düster braun. Und so bleibt sie die kalte Jahreszeit hindurch, solange nicht der Schnee sie unseren Blicken ganz entzieht. Düster wie die Vegetation ist auch die Tierwelt aus diesen nassen Wiesen. Kein Schmetterling, kein bunter Vogel besucht sie. Es wimmelt hier von blassen Schnecken. Die Frösche und Kröten finden hier eine gute Mahlzeit. Und sie sind es wieder, die auch die Ringelnatter nach diesen feuchten Plätzen führen. An warmen Tagen sieht man sie mit ihrem glatten, langen, biegsamen Körper sich leicht durch die Schachtelhalme und Seggen schlängeln.

In neuerer Zeit hat man viele von diesen sauren Wiesen durch Überschütten mit Erde in gute Grasländereien umgewandelt. Auch die Graswiesen selbst nehmen unter der Einwirkung des Menschen einen anderen Charakter an. Durch Aussaat von besonders guten Futtergewächsen wird auch dieser Vegetationsform allmählich der Stempel der Kultur aufgedrückt. Die Düngung mit Kainit und Thomasmehl, die allenthalben bei intensivem Betrieb der Landwirtschaft angewendet wird, begünstigt zudem das Aufkommen von einigen wenigen guten Kulturgräsern und der Schmetterlingsgewächse, zumal der kleeartigen Pflanzen. Die Üppigkeit des Wachstums wird dadurch auf vielen von Natur aus dürren Wiesen erhöht, aber die Buntfarbigkeit schwindet mehr und mehr. Immerhin dürfte es noch lange dauern, bis die Wiesen im allgemeinen Felder von Futtergewächsen geworden sind. Noch lange werden sie das belebende, buntfarbige, freundliche Element in unserer Landschaft bilden!


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