Curt Grottewitz
Unser Wald
Curt Grottewitz

 << zurück weiter >> 
Waldahorn in der Alb

Waldahorn in der Alb

Der Ahorn.

Mitten im Walde unter den vertrauten Formen der Eichen, Buchen, Birken treffen wir hin und wieder einen Baum mit ungewöhnlich großen gelappten Blättern an, deren breite Üppigkeit nicht zu der nordischen Sparsamkeit unseres Waldes zu passen scheint. Es ist der Ahorn. Und wirklich ist diese Baumgattung mehr im Süden zu Hause, sie erreicht bei uns die Nordgrenze ihrer Verbreitung. In unseren Wäldern bildet sie aber gerade darum eine auffällige, imposante Zierde.

Der Ahorn gehört in unseren Wäldern nicht zu den sehr häufigen Erscheinungen. Desto öfter begegnen wir ihm neuerdings als Alleebaum an Chausseen und in den Straßen der Städte, und von hier kennen ihn wohl viele, die ihn im Walde nie gesehen haben. So feiert mancher Baum, der heute fast dem Untergang in der freien Natur geweiht ist, seine Auferstehung an den Wegrändern und in den Straßen der Stadt, soweit ihm hier nicht ein ausländischer Nebenbuhler den Rang abläuft. Wir haben in Deutschland, wenigstens in seinem mittleren Teile, drei verschiedene Ahornarten, und am warmen Rhein und an der Mosel kommt noch eine vierte Art, der französische Ahorn, hinzu. Der Feldahorn tritt bei uns meistens als Strauch auf und ist hier in Gebüschen und häufig auch in den Hecken der Bauerngärten zu finden. Der zweite, der stumpfblättrige Ahorn, findet sich ebenso zerstreut in den Wäldern gleich unserer dritten Art, dem Spitzahorn. Sie haben alle drei etwa dieselben Eigenschaften und Gewohnheiten, und wenn wir im folgenden vom Spitzahorn sprechen, so gilt das meiste auch für die übrigen Arten. Von allen diesen unterscheidet sich der Spitzahorn am aufälligsten durch die Form seiner Blätter, deren einzelne Lappen in sehr feine lange Spitzen auslaufen, während bei den anderen Arten die Lappen abgestumpft sind.

Der Spitzahorn ist besonders im südlichen und mittleren Europa verbreitet. Bei uns aber ist er schon nicht übermäßig häufig, und in Nordwestdeutschland fehlt er merkwürdigerweise gänzlich. Nach dem Norden zu wird er immer seltener, aber hier und da tritt er selbst in Finnland auf, wenn er auch hier bei weitem nicht so hoch hinaufgeht wie die Birke und Kiefer. Über den 62. Breitengrad hinüber tritt kein Baum, und auch im Gebirge bleibt der Spitzahorn schon mitten in der Laubholzzone stehen, im Harz steigt er gar nur bis zu 450 Meter aufwärts. Der Baum liebt also ein ziemlich warmes Klima,mehr als unsere anderen Baumgattungen, selbst die Eiche und Buche nicht ausgenommen. Aber es wäre falsch, dem Baume eine besondere Frostempfindlichkeit zuzuschreiben. Er ist mindestens ebenso winterhart wie die Eiche und gegen Spätfröste nicht einmal so empfindlich wie sie. Die Verbreitung der Pflanzen hängt mitunter von einer ganz unbedeutenden, nebensächlichen Eigenschaft ab. So auch hier. Die Samen des Ahorns keimen außerordentlich früh, bisweilen, wenn das Frühjähr warm ist, schon Anfang April. Stellt sich dann ein strenger Nachtfrost ein, so gehen natürlich die zarten Sämlinge zugrunde, genau so, wie die meisten unserer Baumarten zugrunde gehen würden, wenn sie zu dieser frühen Zeit schon vorhanden wären. So setzt dieses frühe Keimen der Samen der Verbreitung des Ahorns bestimmte Grenzen, und wir finden denn auch, daß er bis zum kalten Ural vordringt, im maritimen Nordwestdeutschland aber fehlt. Im östlichen Rußland tritt der Frühling sehr spät ein, aber wenn er einmal kommt, dann gibt es auch keinen Rückfall in winterliches Wetter mehr. In Nordwestdeutschland dagegen begünstigt das milde, feuchte Wetter noch mehr die Frühzeitigkeit des Keimens. Nachtfröste aber treten im März und April trotz alledem regelmäßig ein, und ein einziger würde genügen, die jungen Ahornpflanzen zu vernichten. So findet denn der an und für sich nicht weichliche Baum sein bestes Gedeihen in mehr südlichen Ländern. Schon bei uns tritt die Individuenzahl des Ahorns bedeutend zurück gegenüber derjenigen unserer anderen Waldbäume.

Im übrigen besitzt der Spitzahorn mancherlei Eigenschaften, die seiner Verbreitung günstig sind. Er ist alljährlich reich mit Früchten behängt, wenn diese auch sehr groß sind und der Ertrag daher noch nicht so bedeutend ist wie bei Birken und Erlen. Aber seine Samen keimen sehr leicht und sehr schnell. Das ist zwar, wie wir gesehen haben, der Verbreitung des Ahorns in nördlichen Gegenden hinderlich, in wärmeren dagegen ist es ohne Zweifel ein Vorteil. Bei den Ulmen, Erlen, den meisten Nadelbäumen verdirbt der Samen sehr leicht oder ist überhaupt von Anfang an nicht genügend ausgebildet, um keimen zu können. Beim Ahorn dagegen ist die Keimfähigkeit sehr stark. An den Rändern von Alleen, die mit AhornBäumen bepflanzt sind, kann man im Frühjahr häufig ungezählte Tausende von Sämlingen bemerken, in einer Lindenallee wird man meistens vergebens nach jungen Lindenpflanzen suchen. Der Ahornsamen keimt eben leicht, selbst auf ungünstigem Boden. Und der Baum ist an und für sich nicht besonders wählerisch im Boden. Auf Lehm, Kalk und Sand gedeiht er fast gleich gut, nur darf der Grund nicht gerade dürr und trocken sein. Ebensowenig wie auf ganz wasserarmem Boden gedeiht er in Nässe. Mit der Kiefer kann er darin also ebensowenig wetteifern wie mit der Erle. Auf fruchtbarem, lockerem Laubwaldboden fühlt er sich am wohlsten.

Der Spitzahorn wächst gleich den verwandten Arten ziemlich schnell. Im ersten Jahre bleibt er freilich nach allgemeiner Baumgewohnheit ganz klein, um vom Wild übersehen und im Winter von Laub bedeckt zu werden. Aber im nächsten Jahre streckt er sich wohl schon bis zu einem Meter in die Höhe. Und nun wächst er Jahr für Jahr flott weiter, um nach zehn Jahren ein kleines Bäumchen von vielen Metern Höhe darzustellen. Kerzengerade wächst er empor, ohne sich zu verzweigen. Das buschartige Wachstum, das unsern meisten Bäumen in der Jugend So sehr eigen ist, kennt er nicht. Selbst wenn er am Waldrande steht, wo er sich breit machen kann, eilt er unverzweigt als dünne Stange in die Höhe, während in solchem Falle Eichen, Rotbuchen und Weißbuchen immer sehr gesperrt wachsende Sträucher bilden. Der Ahorn wird, wie fast alle schnell wachsenden Bäume, nicht sehr alt. Nach hundert Jahren ist seine beste Kraft dahin. Er wird auch nie sehr stark, und seine Rinde bleibt bis ins Alter ziemlich glatt, aber er erreicht doch eine Höhe von 20—25 Metern.

Der Spitzahorn besitzt jederzeit eine große Ebenmäßigkeit. Sein gerader, glatter Stamm, die volle runde Krone, die schweren riesigen und doch an schlanken langen Stielen horizontal ausgestreckten Blätter geben ihm eine ritterliche Würde. Er besitzt nicht die altersgraue Ehrwürdigkeit und die eiserne Kraft der Eichen und Buchen, aber es ist ihm eine stolze Eleganz eigen. In Mancher Beziehung ist er das männliche Pendant zur Birke. Bei ihr ist alles Zierlichkeit, Anmut, Leichtigkeit, bei ihm alles Ebenmäßigkeit, Würde, Straffheit. Die Birke gibt unsern Wäldern einen ihnen sonst ungewohnten heiteren und lebhafteren Charakter, der Ahorn steht in ihnen wie ein südländischer Potentat in einem prunktvollen Aufzuge, seine ganze Umgebung überstrahlend.

Kurz bevor im Frühjahr der Blattaustrieb im Spitzahorn erwacht, erscheinen seine Blüten. Sie sind, obwohl nicht gerade klein, doch recht unscheinbar gelblichgrün. Der Baum besitzt männliche und weibliche Blüten auf einem Individuum. Alle sind ziemlich regelmäßig gebaut. Im Kelch und in der Blumenkrone herrscht die Fünfzahl. Dagegen variieren die Staubfäden zwischen 5 und 9. Die Blüten sind zu Ebensträußen angeordnet, die im Unterschied zu denen des stumpfblättrigen Ahorns aufrecht stehen. Zu Anfang Mai folgen dann den Blüten die Blätter, die sich von dem kräftig hervorstoßenden Trieb erst allmählich absondern und erst nach und nach ihre stattliche Größe bekommen. Der Laubausschlag des Spitzahorns hat eine schöne gelbgrüne Maienfarbe. Nach und nach verdunkelt sich diese, so daß sie im Sommer dem allgemeinen Waldesgrün entspricht. Die Blätter sind so breit wie lang, sie sind in fünf großen Lappen buchtig ausgeschnitten, und jeder Lappen läuft in drei bis fünf schmale lange Spitzen aus. Diese reiche Gliederung der Blätter trägt viel zur Schönheit des Baumes bei, ihre Größe gibt der Krone eine große Fülle, so daß sie einen reichen Schatten gewährt. Gerade darum wird der schnellwachsende Spitzahorn gegenwärtig so oft in den jungen Straßen neu begründeter Siedelungsorte angepflanzt, die recht schnell zu Bäumen kommen möchten, die »nach etwas aussehen«. Die Blätter hängen an straff gespannten langen Stielen, die — was den Baum noch besonders ziert — meist eine rote Farbe haben. Schon im Frühsommer machen sich auch die grünlichen Flügelfrüchte bemerkbar, mit denen der Baum gewöhnlich reich behängt ist. Der Wind reißt einige von ihnen schon sehr frühzeitig ab, so daß im Sommer unter den Bäumen immer eine Menge dieser eigenartig geformten Gebilde zu sehen sind. Eine solche Frucht besteht aus zwei lose aneinander hängenden Samenkörnern, deren jedes mit einem langen, häutigen Flügel versehen ist. Flügeleinrichtung ist immer eine Anpassung an die Verbreitung durch den Wind. Um aber so weit fliegen zu können wie die Samen der Birken und Ulmen, dazu sind die Ahornsamen viel zu schwer. Sie können nur, wenn sie durch den Sturm vom Baum gerissen werden, allenfalls einen weiten Bogen durch die Luft beschreiben. Auch liegen die platten Früchte viel zu sehr auf dem Erdboden auf, um weit über ihn hin vom Winde gefegt zu werden. Immerhin muß der Besitz der Flügel den Ahornsamen von Nutzen sein, andernfalls würde an ihnen keine solche Flugvorrichtung sich gebildet haben. Im Spätsommer dann bräunen sich die Samen, um im Laufe des Winters nach und nach abzufallen.

Den Höhepunkt seiner Schönheit erreicht der Spitzahorn im Herbst, im Oktober, wenn sich seine Blätter verfärben. Alsdann ist der ganze Baum in reinstes, tiefstes Gelb getaucht. Wenn die milde Oktobersonne über dem taufeuchten Grase lächelt, dann geht von diesen großen, in blinkendes Gelb umgewandelten Ahornblättern ein wehmutiger Hauch versunkener und im Versinken noch imponierender Herrlichkeit aus, wie von einem verfallenen Palast, den vor langen Zeiten ein großer Künstler gebaut hat und der im Verfall eine neue melancholische Schönheit bekommt. Oft malt sich in das satte Gelb der Blätter ein tiefschwarzer Fleck, hervorgerufen durch kleine Pilzchen. Noch eigenartiger, noch glänzender und doch noch wehmütiger erscheinen diese in gelb und schwarz gekleideten Ahornblätter, die in wenigen Tagen der Wind von den Zweigen reißen und auf den Boden werfen wird.

Sehr schnell gewöhnlich entblättert sich der Ahorn. Die großen, starken, quittegelben Blätter sammeln sich unter dem kahlen Baum an und bilden einen vollen Teppich. Eigentümlich, härter, gleichsam grausamer als in anderem Laub raschelt des Menschen Fuß in diesen großen, schweren Blättern, wenn er den Teppich betritt. Aber nach einigen Wochen ist auch dieser entfärbt, verbräunt, verfault, und nun hat der Ahorn den letzten Farbenreiz verloren. Der Baum hat ziemlich dunkle Zweige, so daß er im Winter bei aller Straffheit seines Wuchses etwas düster erscheint. Einigermaßen gemildert wird dieses Aussehen jedoch durch die starken Winterknospen, mit denen seine Zweige abschließen, noch mehr aber durch die hellbraunen Früchte, falls diese, vor Wind geschützt, während der kalten Jahreszeit am Baume hängen bleiben.

Der Ahorn kommt nur eingestreut in dem Laubwald vor. Doch nie besteht in der vom Menschen unberührten Natur ein Wald nur aus Ahornbäumen. Da diese verhältnismäßig kurzlebig sind und ihre Standortsbedingungen auch vielen anderen Bäumen zusagen, so ist es erklärlich, daß sie immer mit andern Gehölzpflanzen einen Mischwald bilden. Ihr schnelles Wachstum ermöglicht es ihnen zwar, entstehende Lücken auszufüllen, aber auf die Dauer werden sie von der nie versagenden Kraft der Eichen und Buchen zurückgedrängt. An einen ungewöhnlichen Boden aber ist der Ahorn nicht angepaßt, wie etwa die Kiefer, Birke, Erle oder Fichte, die unter bestimmten Verhältnissen alle Konkurrenz anderer Bäume ausschließen und darum reine Bestände bilden. Auch kommt ihm nicht irgendeine spezielle waldbildende Eigentümlichkeit zu, wie etwa der Buche, die in der Ebene, wo die Fichte sich nicht zu Hause fühlt, infolge ihres tiefen Schattens unter sich keine andern Sämlinge aufkommen läßt als die ihrer eigenen Art.

Der Ahorn ist im Walde vom Forstmann gern gesehen. Er produziert ziemlich schnell eine große Menge wertvollen Holzes. An Brennkraft ist dieses eines der besten Hölzer, aber zum Verbrennen ist es im allgemeinen viel zu gut. Das beste, zu Möbeln und Gerätschaften aller Art zu verwendende Holz liefert der stumpfblättrige Ahorn. Aber auch das des Spitzahorns ist, wenn auch nicht ganz so fein, so doch sehr zäh, hart und dauerhaft. Dem Stellmacher ist es darum sehr willkommen zur Anfertigung der landwirtschaftlichen Geräte, bei denen es nicht auf Feinheit und Leichtigkeit, sondern auf Zähigkeit und Haltbarkeit ankommt. Wie mehrere amerikanische Ahornarten, von deren Saft Zucker gewonnen wird, so läßt auch der Spitzahorn beim Anbohren seines Stammes eine zuckerhaltige Flüssigkeit abträufeln. Der Zuckergehalt ist indes bei unserem einheimischen Baum zu gering, als daß sich, zumal seit der Herrschaft des Rübenprodukts, die Gewinnung des Zuckers lohnte. Wegen seiner schönen Form wird der Ahorn, wie bereits erwähnt, häufig an Alleen und Straßen angepflanzt. auch in größeren Gärten und in Parkanlagen wird er stets vertreten sein. Überall ist er durch die stolze Würde seiner Gestalt, durch die Auffälligkeit seiner mächtigen, spitzgelappten Blätter, durch die Prächtigkeit seines Herbstkolorits von eindrucksvoller Wirkung.


 << zurück weiter >>