Curt Grottewitz
Unser Wald
Curt Grottewitz

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Wilder Apfelbaum in Norddeutschland

Wilder Apfelbaum in Norddeutschland

Unsere wilden Obstbäume.

Die wenigsten von unseren Obstarten sind in unserem Vaterlande einheimisch. Die meisten sind vom Süden und Südosten her über Italien zu uns gekommen und haben sich bereits im frühen Mittelalter von den Klostergärten aus verbreitet. So sind nicht nur Pfirsiche und Aprikosen, Weinstock und Walnuß zu uns gekommen, sondern auch die Sauerkirsche und der Pflaumenbaum. Nur Apfel uud Birne und die Süßkirsche sind bei uns einheimisch. Aber die vielen edlen Sorten, die von den letzteren drei Baumarten jetzt allenthalben angepflanzt werden, stammen ebenfalls ans dem Mittelmeergebiet. Sie sind in Deutschland erst durch Kultur aus den wilden Arten entstanden und gehen auf diese znrück, die bei uns ebenso heimisch sind, wie in südlicheren und südöstlichen Ländern. So sind die Urformen unserer kultivierten Äpfel, Birnen uud Süßkirschen einheimische Bäume.

Es hat, auch in neuerer Zeit, nicht an Dendrologen und Botanikern gefehlt, welche selbst diese drei Obstbaumarten, die häufig in unseren Wäldern gefunden werden, nicht als eingeborene sondern als verwilderte angesehen haben. In alter Zeit sollen sie mit der Einwanderung des Menschen von Südosten her nach Deutschland gelangt sein, so daß die betreffenden Obstkerne schon unter den Pfahlbautenüberresten gefunden werden konnten. Nun ist es aber wenig wahrscheinlich, daß Bäume, die von Kleinasien stammen, bei uns in dem Grade verwildern sollten, daß sie als ganz eingebürgert betrachtet werden müßten. Es wäre auch nicht zu erklären, warum Pflaumen und Sauerkirschen, die gegenüber unseren klimatischen Verhältnissen abgehärteter sind als Süßkirschen, sich nicht ebenso bei uns eingebürgert haben sollten. Überdies kommt es tatsächlich vor, daß von unseren edlen Birn-, Apfel- und Süßkirscharten bisweilen ein Kern verschleppt wird und daraus Bäume hervorgehen. Allein diese verwilderten Bäume sind doch sehr leicht, sowohl nach ihrem Standort als nach ihren Früchten, von denen zu unterscheiden, die in unseren Wäldern seit alter Zeit wachsen. So nimmt man jetzt allgemein an, daß Apfel, Birne und Süßkirsche von Anfang an bei uns einheimisch waren.

Wenn irgendein Obstbaum, so kann der Apfel als ein deutscher Baum bezeichnet werden. Nicht nur, daß er in jedem kleinsten Dorfe angebaut wird und manche Landschaft von Apfelkultur lebt, der Apfel fühlt sich bei uns auch wohler als in irgendeinem anderen Lande. Der Apfelbaum bleibt bei uns am gesündesten und seine Früchte erhalten im deutschen Klima ein feineres Aroma und ein buntfarbigeres Kolorit als in südlicheren Ländern. Wohl gibt es dort einige vorzügliche Sorten wie den Rosmarin und den weißen Winterkalvill, aber im übrigen ist die heiße Sonne und die Trockenheit wärmerer Länder dem Apfelbaum weniger günstig. auch daraus kann man folgern, daß der Apfel eine einheimische deutsche Pflanze ist. Wir finden den wilden Apfelbaum, den sogenannten Holzapfel, überall in unseren Wäldern, besonders in den Laubwäldern der Gebirge. Auf dem Verwitterungsboden der Höhen gedeiht er ebenso gut wie auf dem Schwemmland der Täler und Auen und ist gegen Frost nicht empfindlich. Der Wildapfel bleibt meist ein kleiner Baum, bis über zehn Meter Höhe bringt er es selten. Er hat überhaupt nicht die Neigung, nach oben zu wachsen, sondern breitet sich gern nach den Seiten aus. Im geschlossenen Bestande des Waldes muß er freilich einen Stamm bilden, obwohl er sich am liebsten zu einem wirren Busch verzweigen möchte. Um aber geung Luft und Licht zu haben, muß er sich emporarbeiten, wobei der Stamm etwas schief wird. Die Krone geht beim Apfelbaum meist in die Breite, die Äste gehen wagerecht nach den Seiten ab und hängen nach dem Boden herab. Es steckt etwas Behäbiges und zugleich Knorriges im Apfelbaum. Seine Äste mit dem verschnörkelten Fruchtholz und den stumpfen Dornen, seine dicken Triebe mit den schweren, filzigen Knospen, seine Unregelmäßigkeit im Bau erinnern an die derbe Meisterkunst der Hans Sachs-Zeit. Der Besitz von Dornen ist übrigens ein Merkmal, das nur dem wilden Apfelbaum und noch mehr dem Birnbaum zukommt. In der Kultur bilden diese Bäume keine Dornen.

Die Gestalt des Apfelbaumes ist nicht schön zu nennen, aber er hat trotzdem eine Zeit, wo er den schönsten aller Holzpflanzen zur Seite gestellt werden kann: die Zeit der Blüte. Dann liegt ein unbeschreiblicher Zauber über den großen, in schönstes Weiß und Rosa gehüllten Blüten. Liebliche, dunkelrote Knospen und das junge, spärliche, glänzendgrüne Laub machen das Blühen noch schöner. Vielleicht ist es die Erinnerung an die Kindheit, der Gedanke an den Obstsegen, den diese Bäume spenden, der uns die Blüte des Apfelbaumes in besonderem Glanze erscheinen läßt. Eine Traulichkeit, eine Heimatfreude winkt uns aus dem blühenden Apfelbaum entgegen. Der erste zarteste Frühling ist schon vorüber, wenn der Baum blüht, aber er erzählt uns von der Fülle und der üppigen Pracht des Lenzes. Wenn er blüht, ist es mit dem Flor der Birnbäume und Kirschen bereits vorbei, und die Tage werden schon wärmer.

Vielleicht möchten die Blüten des Apfelbaumes manchem zu groß und stattlich erscheinen, um ihn für einen einheimischen Baum zu halten. Aber der Baum gehört zu den Pomaceen, und auch unsere anderen einheimischen Pflanzen dieser Familie haben schöne, große Blüten. Von der Birne abgesehen, braucht nur der Weißdorn und die Mispel genannt zu werden, die fast ebenso große herrliche Blüten besitzt wie der Apfelbaum. Auch die Früchte der Mispel sind beinahe so groß wie die des Holzapfels. Denn die Holzäpfelchen sind ziemlich klein und haben einen herben Geschmack, so daß sie jetzt für ungenießbar gelten. In früheren Zeiten hat der Mensch sie aber sicher gegessen, er pflanzte darum den Baum an, und so entstanden in der Kultur nach und nach wohlschmeckendere Sorten. Die Holzäpfel werden vom Wild gern verzehrt, wohl auch von manchen Vögeln, und von diesen Tieren werden die Samenkerne nach allen Richtungen hin verschleppt.

Obwohl dem Apfelbaum nahe verwandt, weicht der Birnbaum doch in seiner äußeren Gestalt und in seinen Lebensgewohnheiten erheblich von ihm ab. Der wilde Birnbaum hat zunächst denselben Verbreitungsbezirk wie der Wildapfel. Auch er wächst in unseren Wäldern, doch ist er weit seltener zu finden, als sein Verwandter. Er ist nicht so abgehärtet und steigt nicht so hoch ins Gebirge hinauf wie der Apfelbaum. In der Kultur werden die Früchte in warmen Gegenden schöner und aromatischer als in kühlen. Der Birnbaum liebt eine warme, trockene Lage. Ganz anders ist sein Wachstum als das des Apfels. Er strebt aufwärts, liebt eine größere Regelmäßigkeit in der Verzweigung und bildet, wo er nicht der Macht des Windes ausgesetzt ist, einen geraden, aufrechten Stamm. Seine Zweige gehen nach allen Seiten gleichmäßig auseinander, so daß leicht eine Pyramidenform entsteht, wie bei der Fichte. Ganz so stolz, ebenmäßig, so straff und jugendmutig wie die Fichte ist nun freilich die Birne keineswegs. Dazu trägt sie auch ein zu unscheinbares Kleid. Ihre Zweige sind mit struppigen Dornen und verrenkt aussehendem, kurzem Fruchtholz bedeckt. Ihre verhältnismäßig kleinen, fast ganzrandigen Blätter, haben einen verstaubten, graugrünen Farbenton. So macht der Birnbaum keinen besonderen Eindruck, aber er wird viel höher als der Apfelbaum und kann eine Höhe von zwanzig Metern erreichen. Diesem Aufwärtsstreben entspricht es, daß seine Wurzel tief in die Erde geht. Der Apfel breitet sich unter dem Boden nach allen Seiten aus, die Birne sendet eine lange Pfahlwurzel senkrecht in die Tiefe. Das Tempo ihres Wachstums ist aber kaum schneller als das des Apfels. Beide Bäume wachsen nicht allzu rasch, und sie werden erst nach Jahrzehnten fruchtbar. Darin sind ihnen unsere anderen Waldbäume, mit Ausnahme der Eichen und Buchen, überlegen. Gleichwie der Apfelbaum hat auch der Birnbaum seine Glanzzeit in der Blüte. Aber er wirkt nicht so bezaubernd wie jener. Gewiß ist er mit schönen weißen Blüten förmlich überschüttet, die bei dem Mangel des Laubes in ihrer ganzen schneeigen Fülle ausdrucksvoll hervortreten, aber zu derselben Zeit, Anfang Mai, blühen auch die Kirschbäume, und mit ihren duftigen Blüten können die der Birnen nicht wetteifern. Die Birnblüten sind nicht so blendend weiß, nicht so duftig und luftig wie die Kirschblüten. Die Fruchte des wilden Birnbaums sind kleiner als die des kultivierten und gelten heutzutage ebenfalls für ungenießbar. Von Tieren aber werden sie gern gefressen, und diese sind es auch, welche die Verbreitung der Birnen vermitteln wie die der Äpfel. Wenn indes die beiden Kernobstbäume immerhin seltene Erscheinungen in unseren Wäldern sind, so liegt das kaum daran, daß sie nicht Fruchtbar genug wären. Eiche und Buche sind nicht so fruchtbar, aber sie sind doch noch die Hauptbäume unserer Laubwälder. Das kommt daher, daß Eiche und Buche mächtige, hohe Bäume sind, die von anderen nicht so leicht unterdrückt werden können, sondern ihrerseits alle Pflanzen der Nachbarschaft einengen oder verdrängen. Der Apfelbaum verträgt den geschlossenen dumpf feuchten Bestand des Waldes noch besser als die Birne. Aber auch er muß ebenso wie die Birne schließlich in der Enge und Finsternis verkümmern. Beide erreichen nicht die Größe der anderen Waldbäume, auch ist ihr Laub nicht so schattig. So wachsen unter ihnen zwar Eichen, Buchen, Linden, Ulmen, aber sie selbst verkümmern unter dem schattigen Blätterdach dieser Waldbäume. Wenn sie noch so schnellwachsend und frühzeitig fruchtbar wären wie die Birke, die Salweide und die Eberesche, würden sie sich trotz ihrer Lichtbedürftigkeit und ihrer bald eintretenden Altersschwäche halten können. So aber ist ihre Daseinskraft nicht groß. Sie gleichen darin den verwandten Pomaceengehölzen, dem Speierling, der Elsbeere, der Mehlbeere, die im Walde selten und dem Aussterben nahe sind. An dem seltenen Vorkommen des wilden Birnbaums und Apfelbaums hat wahrscheinlich auch der Mensch seine Schuld. Denn in den Wäldern pflanzt man diese Bäume nicht an. Wird ein Schlag abgeholzt, so werden die wilden Obstbäume mit gefällt, aber nicht wieder angepflanzt.

Auch die wilde Kirsche, die Vogelkirsche, leidet unter den ungünstigen Verhältnissen, unter denen heute viele nicht forstlich bevorzugte Bäume stehen. Aber sie ist in manchen Gegenden doch noch ein häufig anzutreffender Waldbaum. Sie ist von anderer Art als die beiden Kernobstbäume, in ihr steckt mehr Frische, Energie und Jugendlichkeit. Sie ist schnellwüchsig Und hochstrebend, in kurzer Zeit ist sie ein kleiner Baum und fängt bald zu blühen und zu fruchten an. Birne und Apfel haben die Neigung, sich zu verzweigen, und einen kurzen Stamm zu bilden. Die Vogelkirsche dagegen verzweigt sich erst hoch oben. Sie steigt gerade empor und bildet meist gerade Stämme. Die Stellung ihrer Äste ist eine regelmäßige, fast etwas steife. Aber die Äste streben mehr in die Höhe als beim Birnbaum, und so mildert das Jugendlich Aufstrebende die starre Regelmäßigkeit.

Im Gegensatz zu den beiden wilden Kernobstarten ist die Vogelkirsche ein dekorativer Baum. Er ist nicht nur zur Blütezeit schön, er besitzt zu jeder Zeit gewisse zierende Eigenschaften. Sein gerader schlanker Wuchs, sein frisches aufstrebendes Wesen erwecken Sympathie. Die Rinde des Stammes ist nicht so dunkel und borkig wie die der beiden anderen Obstarten, sondern glatt und hat eine rötlichbraune bis hellgraue Farbe. Die Vogelkirsche ist zudem ein stattlicher Baum, der den Apfelbaum weit überragt. Auch ihre Blätter wirken durch ihre große bewegliche Form dekorativer als das Laub der Apfel- und BirnBäume, sie sind an ihrem Rande mit energischen Sägezähnen versehen und haben eine lange Spitze. Obwohl sie von dünner Struktur und mattgrüner Färbung sind, so beleben sie doch mit ihrer Größe, ihrer Form und ihrer langen Spitze die schönen glattrindigen Zweige aufs beste.

Die Vogelkirsche hat indessen auch ihre besonderen Glanzperioden. Zur Zeit der Blüte gegen die Wende des April und zu Beginn des Mai gibt es nichts Herrlicheres als einen Kirschbaum, der über und über in den weißen Blütenflor gehüllt, die zarte Lieblichkeit des jungen Frühlings zum schönsten Ausdruck bringt. Diese Blüten hauchen einen wunderbaren Duft von Reinheit und Zartheit aus. Die Vogelkirsche teilt die Blütenpracht mit der Sauerkirsche, in der Anmut der Form und in der blendenden Reinheit des Weiß sind die Blüten der letzteren denen der Vogelkirsche sogar noch überlegen. Allein beide Bäume treten kaum je in Wettbewerb miteinander. Denn die Sauerkirsche ist der Kirschbaum der Sandgegenden, die Süßkirsche aber wächst in dem kalkigen Lehmboden der Laubwälder, und auch in der Kultur finden wir sie fast ausschließlich auf guten gehaltreichen Bodenarten. In unseren Wäldern aber wächst sie nur allein, denn die Sauerkirsche stammt aus Asien.

Die Vogelkirsche hat aber noch eine andere Glanzzeit, wenn sie im Juli mit den kleinen roten Früchten behängt ist. Ein voller Birnbaum oder Apfelbaum macht einen gutmütigen praktischen Eindruck. Bei der Vogelkirsche aber wirken die kleinen Früchte rein als Zierden. Der wilde Baum unterscheidet sich darin noch zum Vorteil von dem kultivierten. Denn obwohl auch bei ihm die glänzenden Kirschen freundlich aus dem reichen Laube hervorlugen, so hindert der Gedauke an den materiellen Genuß doch etwas die ästhetische Würdigung. Aber bei der Vogelkirsche tritt dieser Gedanke ganz in den Hintergrund. Die kleinen roten Früchte beleben den Baum, der schon an sich einen lebensmutigen Eindruck macht, noch mehr und passen gut zu seinem ganzen Wesen. Die Früchte sind wohl süßlich, besitzen aber kein Aroma. Die Kinder mögen sie gern, wie die Vögel, für die der Baum im Juli der liebste Aufenthaltsort ist. Sie sorgen auch dafür und werden weiter dafür sorgen, daß diese Wildkirsche nicht ausstirbt. Der schlanke Wuchs, die frühe Fruchtbarkeit, die ausgiebige Verbreitung der Früchte sind Eigenschaften, welche die Vogelkirsche vor dem Apfel und der Birne voraus hat. Wir haben Ursache, in unseren Wäldern, die ohnehin arm an Gehölzarten sind, alle drei wilden Obstbaumarten zu erhalten, am meisten aber die Vogelkirsche, die nicht nur als Urform der kultivierten Sorten interessiert, sondern auch einer der schönsten Waldbäume ist.


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