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Hier sind wir angelangt – das ist des Meisters Heim.«

Hilgers wies auf ein einfaches Bauernhaus, das sich nun dem Blick darbot, ein wenig abseits von den übrigen auf einem grünen Wiesenplan und von Lärchen umhegt, sonst aber in nichts unterschieden von den anderen des Dörfchens. Hilgers gewahrte ein Verwundern im Auge des Freundes, da lächelte er.

»Du mußt es erst einmal von innen kennenlernen, dann wird es dir schon gefallen.«

Während sie über die Wiese dem Hause zuschritten, gab Hilgers noch einige Aufschlüsse über seine Entstehung.

»Der Meister hat es sich selber gebaut, mit eigener Hand, und das ist ganz wörtlich zu nehmen. Als er hier heraufkam vor nun zwanzig Jahren, war seine Gesundheit sehr erschüttert von allerlei Schwerem, das er damals durchzumachen gehabt hatte. Doch die Luft hier oben und die gesunde Lebensweise taten Wunder an ihm. Und vielleicht gerade der Bau dieses Hauses. Mit ein paar Handwerkern aus dem Ort hier hat er es selber gezimmert und aufgemauert. Ja, ja – in vollstem Ernste! Er hat es mir einmal erzählt, wie er mit eigener Hand den Leuten droben im Wald beim Holzfällen zur Hand gegangen ist und wie er mit ihnen in Wind und Wetter auf dem Neubau gestanden hat. Damals ging eben äußerlich wie innerlich eine Art Wiedergeburt mit ihm vor. Sein ganzes bisheriges Leben, alles was krank und schwach war an ihm, fiel von ihm ab in diesen Tagen, wo er sich mit den einfachen Menschen der Berge wieder zurechtfand in der Stille ihres Lebens und in der Größe einer erhabenen Natur mit ihrer stählenden Kraft. Und als das Haus dann unter Dach und Fach war und ihm seine Gesundheit geschenkt hatte als ersten Segen, noch ehe es ihn aufnahm in seine Hut, da ging für ihn erst recht die Arbeit und die Freude an diesem Hause an. Die ganze Inneneinrichtung seines Heims ist einzig und allein von seiner Hand hergestellt. Da siehst du keine Wand- und Deckentäfelung, kein Schnitzwerk an Schrank und Bank und Truhe, das nicht seine eigene Künstlerhand geschaffen hätte.«

»Das muß ja wirklich ein höchst merkwürdiges und bewundernswertes Heim sein.«

»Nun, du wirst ja gleich sehen!«

Sie waren jetzt an dem Hause angelangt und traten ein. Es bedurfte keiner Anmeldung durch ein Klingelzeichen. Wie jedes Haus hier oben in dem Ort war auch das Gerboths unverschlossen, Tag und Nacht. Wer eintreten wollte, der vermochte es ungehindert zu jeder Zeit.

Sofort der erste Eindruck, den Marr beim Betreten der Diele empfing, von wo aus man durch die offenen Türen einen freien Blick auch in die Nebenräume hatte, bestätigte voll, was der Freund eben gesagt. In der Tat, hier war mit ebensoviel Liebe wie feinstem, künstlerischem Geschmack ein Heim geschaffen worden, das bei aller Traulichkeit zugleich doch den klaren, aufs Hohe gerichteten Sinn seiner Bewohner verriet.

Franz Hilgers beobachtete die Blicke des Freundes. Nun nickte er ihm zu.

»Ist es nicht ganz wunderbar hier? Allein schon hier diese tiefeingebaute Fensternische mit den beiden Bänkchen und dem herrlichen Blick hinaus, gerade auf den Gletscher droben. Oder dort der eingebaute Ofen,« er wies auf den mächtigen, dunkelgrünen Kachelofen, »genau derselbe, wie ihn jedes Haus im Dorf hier hat. Was für ein prächtiger, treuer, alter Geselle! Da sitzen wir nun an den langen Winterabenden mit Vorliebe und lehnen uns gegen seinen breiten Rücken, wohlig gewärmt und geschützt, während draußen der Sturm ums Haus heult wie ein hungriger Wolf und der Schnee sich auftürmt zu einem Wall, oft bis zum Dachrand, daß man sich morgens den Ausgang zur Straße mit Schaufeln offenlegen muß. Wie gemütlich sitzt sich's dann hier drinnen, beim traulich stillen Licht der Kerzen, dort in den alten Zinnleuchtern. Und wie sie, so sind alle diese Sachen, die du hier siehst, uraltes Hausgerät aus dem Dorf. Nun sag' – ist das nicht ganz zum Entzücken? Wiegt das nicht tausendfach all den kitschigen Luxus drunten in den Städten auf?«

Marr stimmte zu.

»Wirklich, es ist sehr anheimelnd hier. Nun kann ich auch halbwegs verstehen, wie man es hier oben aushalten kann wie du, nun schon ein paar Jahre.«

Ein leiser Wink Hilgers' ließ ihn abbrechen. Man hörte auf der Treppe, die von der Diele aus zum oberen Stockwerk führte, Tritte, nun öffnete sich dort die Tür, und herein traten Gerboth und seine Tochter.

Die Erscheinung des Vaters nahm zunächst Marrs Aufmerksamkeit völlig in Anspruch. Ohne Frage – ein seltener Mensch, Achtung gebietend auf den ersten Blick. Ein wahrer Patriarchenkopf mit dem schon silbergrauen, langwallenden Bart. Und diese Augen. Von einer aus der Tiefe strahlenden Reinheit, vor der sich jedes niedere Regen beschämt versteckte. Es mochte wenig Menschen geben, die dem Blick dieser Augen standzuhalten vermochten, die bei aller Güte doch etwas Durchdringendes hatten, denen nichts verborgen blieb. So sah Karl Gerboth jetzt auch auf den neuen Gast seines Hauses, geraume Zeit, ohne zu sprechen. Aber nun wußte er wohl genug und mit einer gewinnenden Herzlichkeit, die nach der vornehmen Zurückhaltung der ersten Augenblicke etwas Auszeichnendes, Bezwingendes hatte, streckte er dem jüngeren Mann die Hand hin.

»Seien Sie uns willkommen, Herr Marr! Sie sind uns ja kein Fremder mehr.«

Dann drehte er sich nach dem Mädchen um, die so lange hinter ihm gestanden hatte, von seiner hohen Gestalt fast ganz verdeckt.

»Meine Tochter Hilde.«

Mit einer leichten Bewegung legte er den Arm um ihre Schulter und führte sie dem Gaste zu. Unbefangen gab sie diesem die Rechte, und ihr Auge bot sich dem seinen. Klar und rein war es wie das des Vaters, und als Marr so ihren Blick fühlte, da empfand er wieder wie gestern beim ersten Begegnen als bestimmenden Eindruck von ihr den einer großen Ruhe, wie er ihn noch nie von einer Frau empfangen hatte. Ein Bewußtsein, seltsam gewiß: hier kannst du bauen und vertrauen, hier ist sicherer Grund! Schweigend erwiderte er da nur ihren Willkommensgruß. Jedes Wort einer billigen Höflichkeit erschien ihm unmöglich vor der schlichten Hoheit dieses Mädchens.

Dann saßen sie auf der Diele in der tiefeingebauten Nische des Fensters. Das Gespräch ging um Marrs Person. Sehr wider seinen Willen, aber Franz Hilgers hatte in seiner freundschaftlichen Begeisterung damit begonnen. Von ihrem Zusammenleben in alten Zeiten hatte er zu Gerboth gesprochen, in der warmherzigen Freude, den neuen Vertrauten den Gefährten seiner Kindheitstage, von dem er ihnen so oft erzählt hatte, nun in Person zuzuführen. Und dann war er im Hingleiten des Gesprächs auf Marrs kühnen Flug zu sprechen gekommen und drängte nun:

»Aber jetzt mußt du uns selber erzählen, wie das damals zuging!«

»Was ist da viel zu erzählen?«

Man hörte Marr einen leisen Unwillen an. Er liebte es nicht, darüber viel zu reden. Doch da sah er den Blick Hildes auf sich gerichtet. Sie sprach nichts zur Unterstützung von Franzens Bitte, aber in ihren Augen stand ein so großes kindliches Erwarten, daß es Marr leid getan hätte, sie zu enttäuschen. So begann er denn doch zu erzählen. Berichtete Marr auch nur knapp und sachlich, ohne jede Ausschmückung, so war dennoch seine Darstellung eindrucksvoll genug, um dem Mädchen, das diesen Dingen bisher so fern gewesen war, zu einem erschütternden inneren Erleben zu werden. Ihr Auge war wie der klare Spiegel eines dunklen Waldweihers, der jedes leiseste Regen zeigt, das aus der Tiefe aufsteigt. So hatte sich denn alles, was sie bei der Erzählung empfand, darin gemalt, und auch jetzt, wo Marr geendet hatte, hing ihr Blick unverwandt an ihm. Da schüttelte er den Kopf, voller Unwillen über sich selber, und zu ihr hingewandt sagte er:

»Ich hätte es doch lieber lassen sollen, nun hat Sie meine Erzählung ganz mitgenommen.«

Aber da entgegnete sie:

»Nein, nein – es war ja so gewaltig, so groß! Nun habe ich doch wenigstens auch einmal etwas davon gehört, wie menschlicher Mut und Wille kühn die Schranken der Natur überfliegt, im wahrsten Sinne des Wortes. Ich wußte bisher ja gerade nur soviel, daß es Flugzeuge und lenkbare Luftschiffe gibt – aber mehr auch nicht.«

»Wie denn, Sie hätten wirklich sonst noch nie –? Ja, lesen Sie denn keine Zeitung? Die Blätter bringen doch heute fast tagtäglich Berichte über das Flugwesen.«

»Zeitungen?«

Ein Lächeln huschte über Hildes Züge, aber statt einer Erwiderung wandte sie ihr Haupt zum Vater hin. Auch über dessen Antlitz glitt jetzt ein hellerer Schein, wie er nun für Hilde die Antwort übernahm:

»Wir lesen keine Zeitung hier.«

»Wie – überhaupt nie?«

»Nein, niemals.«

»Aber ...?«

»Wundert Sie das so? Wenn man's richtig betrachtet, was bringen einem denn die Zeitungen? Politik – zu normalen Zeiten ein unerquickliches Gezänk der Parteien über nüchterne Dinge des Alltags. Letzten Endes alles Magenfragen. Das mag ja wichtig genug sein für die, die es angeht, aber muß ich, dem das alles so unendlich fernliegt, wirklich tagtäglich eine halbe Stunde meiner wertvollen Zeit dafür opfern? Nicht anders steht es mit dem übrigen Inhalt: Kunst, Theater, Literatur – auch nur Tagesmeinung. Man verliert nichts, wenn man es nicht liest. Und der Rest, die Sensation, die unumgängliche Würze für die breite Masse – darüber brauchen doch Leute von Geschmack kaum ernsthaft zu reden. Ich mache den Zeitungen durchaus keinen Vorwurf, daß sie so sind. Sie sind eben das Spiegelbild ihrer Zeit; das ist ihre Bestimmung. Was können sie dafür, daß die Welt nun einmal so ist?«

»Ich gebe zu, Sie haben da in vielem nicht unrecht. Auch ich bin für gewöhnlich mit meiner Zeitung in zwei bis drei Minuten fertig. Aber es gibt denn doch auch Fragen, die einen etwas angehen, zu denen man Stellung nehmen muß, als Mensch seiner Zeit.«

Karl Gerboth hob die Schultern.

»Das schon, aber gerade solche Fragen, wenigstens, wie ich sie verstehe, nehmen in der Zeitung den allergeringsten Raum ein. Wenn es aber geschieht, dann werden sie in einer Weise behandelt –! Ich muß es Ihnen offen sagen: Ich bin kein Freund unserer Zeit. Auf ihrem Banner stehen Kritik, Zweifel, Auflösung. Alles, was einem früher hoch und heilig war, wird in den Staub gezogen, verhöhnt, verächtlich gemacht, und dafür wird auf den Thron gehoben, was mir in tiefster Seele verächtlich ist: Plattheit, öde Gleichmacherei, Unbedenklichkeit, Gewinn- und Genußsucht. Keinen Respekt gibt es mehr vor Alter und Erfahrung, jeder Grünschnabel ist heutzutage ja ein Gleichberechtigter. Nein, ich lehne es mit vollem Bewußtsein ab, ein Mensch meiner Zeit zu sein. Nichts hören und sehen will ich von ihr – dann ist mir am wohlsten!«

»Es ist viel Wahres an dem, was Sie sagen«, achtungsvoll war Günter Marrs Ton, doch klang aus ihm etwas Unbeirrtes. »Sie dürfen nur eines nicht übersehen: Unsere Zeit ist krank! Sie leidet schwer noch unter den furchtbaren Erschütterungen jener Jahre, wo der Weltbrand lohte, und nachher des Zusammenbruchs, der gerade bei unserem Volke folgte. Damit erklären sich alle jene, auch mir im tiefsten Herzen widerwärtigen Erscheinungen unserer Tage. Aber sie sind, trotz ihrer Häufigkeit, doch nicht die Norm. Noch leben unversehrt, auch in unserem Volke, die gesunden Kräfte, und sie zeigen sich auch; man muß nur Augen haben, die da sehen. Und gerade der, der es gut meint mit seinem Volk, der darf nicht grollend abseits stehen – nein, hinein muß er, mitten hinein in das Leben unserer Zeit und zupacken mit fester Hand! Hemmend, wehrend, wo es not tut; aber auch stützend, fördernd und führend. Denn nur so, wenn die Tüchtigen alle Kräfte anspannen, wird es uns gelingen, wieder hochzukommen aus unserm Elend, aus unserm Tiefstand!«

Karl Gerboth lächelte ernst und milde zugleich.

»Aus Ihnen spricht die Jugend, die Freude an der Tat, der Glaube an ihren Wert. Aber werden Sie einmal dreißig Jahre älter, und auch Sie werden sich fragen, ob es wirklich lohnt, sein Bestes herzugeben, um den Menschen zu helfen. Es ist ihnen eben nicht zu helfen. Sie bleiben ewig dieselben! – – Darum ist es wohl doch das beste, man bleibt den Vielzuvielen, dem lauten Markt des Lebens fern und rettet sich hinüber in die stille Welt des Geistes, zu guten Büchern, den Meisterwerken der Kunst und hält sich an ihnen aufrecht. So haben wir's hier gehalten bisher und wollen es weiter halten.«

Marr schwieg, aus Achtung vor dem grauen Haar des Mannes, dessen Gast er war.

Hilde Gerboth hatte den Meinungsaustausch der beiden stumm mit angehört, aber mit großen Augen, die seltsam geweitet waren, als öffneten sich ihrem Blick neue, nie geahnte Weiten.

Auch Franz Hilgers hatte den schweigenden Zuhörer gemacht. Es war ihm gleichfalls ein fesselndes Schauspiel gewesen, wie die überschäumende, tatenfrohe Kraft des Jugendgefährten sich im ersten Anprall maß mit der abgeklärten Ruhe des verehrten Meisters. Doch jetzt griff er in die Unterhaltung ein, zu Gerboth gewandt.

»Wenn Sie erlauben, Meister, gehen wir nun vielleicht einmal hinüber ins Atelier? Es würde meinem Freund gewiß eine besondere Freude sein, auch das kennenzulernen.«

Gerboth blickte fragend zu seinem Gast hin.

»Wenn Sie es wünschen –?«

»Ich bitte darum, Herr Gerboth.«

So erhoben sich denn alle und schritten hinüber. Der Arbeitsraum lag in einem besonderen Anbau. Er war überraschend schlicht in seiner Ausstattung und zeigte nichts von dem üblichen malerischen Atelierschmuck. Fast streng wirkte er in seinen großen Ausmessungen und der ungestörten Helle. Um so mehr kamen die Bilder und Studien zur Geltung, die die Wände bedeckten; indessen ohne Ueberhäufung. Und doch stellten sie Karl Gerboths Lebenswerk dar. Er gehörte zu jenen schwer schaffenden Naturen, die es heilig ernst nahmen mit ihrer Arbeit, die ein hohes Verantwortungsgefühl haben vor sich selber und nur aus ihrer Hand geben, was vor den eigenen Augen bestanden hat nach langer, gewissenhafter Prüfung – wieder und immer wieder, oft Jahr und Tag hindurch. Dafür war aber auch ein voll ausgereiftes, meisterliches Werk, was Gerboths Atelier verließ.

Selbst von den Studien galt das, die in einer Weise durchgearbeitet waren, wie es Marr noch nie gesehen hatte. War er auch kein Kenner, so empfand doch auch er vor diesen Schöpfungen: Hier stand er vor einem wirklich Großen. Ganz feierlich war ihm da zumute. Ein Gefühl: Zieh deine Schuhe aus, denn hier ist geweihter Boden! Und unter diesem Empfinden wandelte sich sein Urteil über den Mann, dem er da vor wenigen Minuten, wenn auch mit aller Achtung, so doch mit kecker Gegnerschaft gegenübergetreten war. Still ward es in ihm, wie in einem Beugen vor dieser ihm zwar fremden Welt einer herben Schönheit, aber doch von unleugbarer Hoheit. Vermochte sein heiß pulsendes Blut dem Meister auch nicht zu folgen auf seinen einsamen Pfaden, so sah er doch in Verehrung auf zu der Größe seines reinen und edlen Wollens.

Lange stand Marr so, langsam nur trat er von Bild zu Bild. Wenig sprachen sie alle vier, die hier in dem großen Raum miteinander waren. Auch Hilde und Franz Hilgers, obwohl ihnen ja alles wohlvertraut war, lauschten doch noch einmal mit stiller Andacht auf das, was der Meister hier durch seine Werke zu ihnen sprach. Er selber stand abseits, in Gedanken verloren, vor seiner jüngsten Arbeit, die er noch auf der Staffelei hatte. Den Kopf geneigt, sann und überprüfte er so, offenbar ganz vergessend, daß er ja nicht allein hier war.

Doch nun hatte Marr seinen Rundgang durch das Atelier beendet, zufällig fiel sein Auge jetzt noch auf eine große Mappe, die an der Wand lehnte. Hilde Gerboth, die in der Nähe war, fing den Blick auf.

»Aeltere Studien und Skizzen des Vaters.«

»Wäre es erlaubt, auch die zu sehen?«

»Gewiß – recht gern«, und zu Hilde gesellte sich auch Franz Hilgers, der jetzt die Mappe aufschlug und Blatt nach Blatt herausreichte, dem Freunde hin.

In Marrs Züge trat bald ein gewisses Verwundern. Nur wenig Landschaften waren unter diesen Studien, ganz im Gegensatz zu dem, was er eben im Atelier gesehen hatte. Meist waren es Frauenbildnisse und Akte. Machte ihn das schon staunen, so noch mehr ihre ganze Auffassung. Nichts war hier zu finden von der herben Strenge, die das beherrschende Merkmal an den eben gesehenen Werken des Meisters war. Vielmehr spiegelte sich deutlich eine sinnlich warme Lebenslust in diesen farbenfrohen Skizzen. Und noch ein anderes machte ihn stutzen. Unter den Studien fiel ihm mehrfach dieselbe weibliche Figur auf, offenbar stets das gleiche Modell, und wenn auch die Gesichtszüge meist nur flüchtig skizziert waren, so schien es ihm doch, da war eine Aehnlichkeit mit der Tochter. Sollte diese dem Meister etwa dazu gestanden haben? Er konnte es nicht wohl glauben und mochte auch nicht danach fragen. So beschränkte er sich denn auf die Bemerkung zu Hilde:

»Ich bin überrascht, hier so wenig Landschaftliches zu finden – es scheint, Ihr Vater hat später stark seine Richtung geändert.«

»Du fühlst ganz recht«, ergriff Franz für Hilde das Wort. »Alles, was du hier siehst, entstammt der ersten Periode des Meisters, wo er noch völlig andere Wege verfolgte.«

Marr nickte.

»Um so mehr muß ich danken, daß ich auch hierin einen Einblick tun durfte. So war es mir doch vergönnt, zugleich den künstlerischen Entwicklungsgang Ihres Vaters kennenzulernen.«

Er sagte es, indem er nun mit einer leichten Verneigung das letzte Blatt der Mappe in Hildes Hand zurücklegte.

Inzwischen hatte auch Karl Gerboth seine eingehende Nachprüfung des eigenen Werkes beendet und trat jetzt zu den dreien heran. Die Unterhaltung wurde wieder allgemein.

 

Den ganzen Tag war Günter Marr mit dem Freunde im Gerbothschen Hause gewesen, am späten Abend erst waren sie in ihr eigenes Quartier beim Kuraten zurückgekehrt. Nun war die Nacht hingegangen, und Marr hatte gerade seinen Anzug beendet, als Franz Hilgers bei ihm eintrat. Sein Aussehen überraschte ihn.

»Wie – so reisefertig?«

Verwundert streifte Marrs Auge den Freund in Hut und Ulster, ganz städtisch anzusehen. Nun bemerkte er auch ein Schreiben, das er offen in der Hand trug.

Du willst fort – hoffentlich doch keine schlechten Nachrichten, die dich so eilig wegrufen?«

»Leider doch!« Ein starker Verdruß spiegelte sich in Hilgers' Zügen. »Da denkt man nun, man ist hier all den Widerwärtigkeiten des Lebens glücklich entronnen, und immer wieder heftet sich das doch an einen wie Kletten.«

»Was ist es denn?«

»Ach, eine Hypothekenangelegenheit! Noch gestern abend fand ich den Wisch da vor,« er hob die Hand mit dem Brief. »Ich wollte erst gleich noch einmal zu dir herüberkommen, doch dann ließ ich's. Wozu auch dir noch die Nacht verderben? So hab' ich mir denn die Sache allein durch den Kopf gehen lassen. Aber wie ich's auch dreh' und wende, es gibt nur den einen Weg, an Ort und Stelle alles zu ordnen. Es ist jetzt sehr schwer, Geld zu bekommen, und gar solch eine Summe. Und wenn es mir nicht gelingt, geht mir das Haus verloren. Ich muß nachgerade aber wirklich zusammenhalten, was mir noch geblieben ist. Also, wie gesagt, es bleibt nichts anderes – ich muß hinunter nach München und dort in Person mein Heil versuchen.«

»Das wird freilich das beste sein. Die Sache eilt wohl auch?«

Franz Hilgers nickte lebhaft.

»Das ist es ja eben! Ich hatte einen Makler mit der Ordnung der Angelegenheit beauftragt, um mir diese Reise zu sparen, und nun läßt mich der Mensch im Stich – im letzten Augenblick! Ich muß also fort auf der Stelle. Ich habe auch schon mein Bündel geschnürt, der Sepp ist bereits in aller Frühe voraus mit meinem Koffer nach Halden zur Post. So komm' ich denn nur, um dir Lebewohl zu sagen – nachdem man sich gerade erst wiedergefunden hat! Es ist wirklich zu ärgerlich. Ich hatte mich so auf unser Zusammensein gefreut, und nun wird einem die Zeit auch noch verkürzt. Denn, selbst wenn alles glatt geht, ein paar Tage wird's immerhin in Anspruch nehmen.«

»Ja, mein guter Franz, das tut auch mir recht leid. Aber nun mal nicht zu ändern. Doch warte,« und er griff selber nach Mantel und Hut, »ich will dich wenigstens ein Stück des Weges begleiten.«

Zusammen verließen sie so das Haus. Sie schritten durch das Dorf und dann den Pfad entlang, der durch die Wiesenmatten talab führte. Hilgers erzählte dabei, wie er vorher auch noch bei Gerboths gewesen – sie waren ja immer schon früh auf –, um sich von ihnen zu verabschieden und ihnen zugleich den Freund anzuempfehlen. Nun übermittelte er Marr des Meisters Einladung, sich so oft bei ihm sehen zu lassen, als es ihm nach Wunsch wäre. Er würde ihm und seiner Tochter zu jeder Zeit willkommen sein.

Marr dankte, wirklich erfreut über diese Herzlichkeit; bald jedoch wandte sich das Gespräch wieder der geschäftlichen Angelegenheit zu, und Marr gab dem Freunde allerlei Ratschläge. Eine Pause trat dann in ihrer Unterhaltung ein, in der jeder seinen Gedanken nachhing, bis plötzlich Marr das Gespräch wieder aufnahm.

»Hör' mal – ich hatte da gestern so meine Gedanken, als ich die alten Studien Gerboths sah. Ich wollte nur nicht gerade vor der Tochter weiter darüber sprechen, aber dir möchte ich es doch sagen: Das ist ja ein ganz anderer Mensch, der aus diesen Skizzen zu einem spricht!«

»Da hast du schon recht.«

»Ja, aber wie soll man sich das erklären? Das läßt doch schließlich nur eine Deutung zu: ein großes inneres Erleben, das den Mann so umgewandelt, ihn aus einem glühenden Bejaher zu einem Verächter des Lebens gemacht hat.«

Franz Hilgers nickte nur. Es war, als ob er allerlei zu sagen hätte, aber dann doch zurückhielt damit. Nach einer Weile bemerkte Marr weiter:

»Und noch etwas fiel mir auf: Auf verschiedenen dieser Skizzen kehrte immer dieselbe Person wieder, Mädchen oder Frau, jedenfalls von einer merkwürdigen Aehnlichkeit mit der Tochter. Es ist doch wohl nicht gut möglich, daß ihm Hilde etwa als Modell gedient hätte für diese Studien – es waren ja auch Akte darunter.«

»Ich bitte dich – solch ein Gedanke! Außerdem, diese Studien sind ja schon sehr alt, liegen mehr als zwei Jahrzehnte zurück, also allein schon aus diesem Grunde unmöglich.«

»Natürlich – aber doch sonderbar, diese Aehnlichkeit! Ist sie dir denn nicht auch aufgefallen? Du hast doch diese Studien gewiß schon des öfteren gesehen.«

»Allerdings – doch ich kann nicht gerade sagen, daß mir das so aufgefallen wäre ...«

Aber es lag etwas in Hilgers' Ton, daß Marr unwillkürlich aufsah. Da wandte der Freund den Kopf zur Seite; eine Bewegung wie in heimlicher Verlegenheit. Sie entging Marrs beobachtendem Blick nicht. Er schwieg. Doch seine Gedanken gingen dafür um so lebhafter ihren Weg.

Nach einer Weile war es Franz Hilgers, der nun seinerseits das Wort ergriff.

»Welchen Eindruck hattest du nun so gestern vom Meister? Wir hatten ja noch gar keine Gelegenheit, einmal darüber zu sprechen.«

»Ohne Zweifel eine bedeutsame Persönlichkeit, als Künstler wie als Mensch; wenn er freilich auch in letzterer Beziehung etwa gerade das Gegenstück von mir ist. Diese Weltfremdheit oder richtiger Weltflucht – nun, für einen alternden Mann, wie ihn, mag das schließlich ja gut sein, aber auch für die Tochter? Das arme Mädchen kann einem doch leid tun. So herangewachsen, in dieser Abgeschiedenheit. Sie weiß ja im Grunde gar nicht, was Leben heißt – und Jugend. Ob sich denn Gerboth darüber niemals Gedanken macht?«

Franz Hilgers sah vor sich hin, dann kam seine Antwort:

»Es ist das vielleicht seine volle Absicht.«

»Meinst du?«

»Es ist so, ich weiß es.«

Es war, als ob Hilgers einen geheimen Widerstand niederzwang, mit dem er schon in den letzten Minuten gekämpft hatte. Jetzt sah er den Freund voll an.

»Ich war im Zweifel, ob ich auch hierüber mit dir sprechen sollte, aber nun will ich es doch.«

»Bitte, tu nichts, was dir vielleicht später einmal peinlich sein könnte. Ich verstehe solch Schweigen vollkommen, wo es sich – wie in diesem Fall – um die Angelegenheit Dritter handelt.«

»Doch – ich kann schon ruhig darüber mit dir sprechen, als Freund zum Freund. Hab' ich das alles doch damals am Lago maggiore von meinem Bekannten gehört, ohne ein Schweigegebot. Und bei dir kann ich ja auf Verschwiegenheit rechnen. Also hör' denn: Karl Gerboth hat kein Glück gehabt in seiner Ehe. Damals, als er heiratete, war er noch kein Fertiger, vielmehr noch stark in der Gärung. Er lebte noch mitten drin in der Welt – drunten in München – und war eben selber noch ein rechtes Weltkind; in jeder Beziehung ein anderer als heute. Er hing am Leben mit warmen Sinnen und empfing auch von dort seine künstlerischen Anregungen, aus dieser bunten Pracht mit all ihrem lockenden Schein. So war es denn auch in erster Linie wohl die Schönheit seiner Frau, die ihn zu ihr gezogen hatte in einer leidenschaftlichen Zuneigung. Sie muß in der Tat einen außerordentlichen Eindruck bei jedem gemacht haben, der sie kannte; noch jetzt soll es Leute geben drunten in München, die von ihr begeistert sind, von ihrer Schönheit und ihrem bestrickend liebenswürdigen Wesen, und die auch noch immer von den glänzenden Festen im Hause Gerboths sprechen, das damals offenbar ein Sammelpunkt für alles war, was zur Künstlergesellschaft Münchens gehörte.

Aber dem kurzen Rausch des Glückes ist dann bald das bittere Erwachen für Gerboth gefolgt. Die Zeit der Gärung verflog, die der Reife kam. Ein Mann wie er konnte sich wohl für eine Zeitlang verlieren in dem Wirbel des Lebens, doch seine innere Tiefe drängte ihn schließlich zur Ruhe und Sammlung, wie sie ganz besonders auch sein Schaffen erforderte, das sich nun allmählich nach seiner jetzigen Richtung entwickelte. Da aber begann der Konflikt: seine Frau konnte ihm nicht folgen auf seinem neuen Wege. Stille und Einsamkeit waren ihr ein Schrecken. Sie brauchte dies laute, wirbelnde Leben, den bunten Schein wie ihr täglich Brot und wehrte sich verzweifelt, als man ihr das nehmen wollte. Und so kam es denn, was nicht ausbleiben konnte: ständige Reibungen und Zwistigkeiten, zunehmende Entfremdung und schließlich die Trennung. Und zwar unter ganz besonders tragischen Umständen; denn als die beiden nach diesen jahrelangen, zerrüttenden Kämpfen endlich zu der Erkenntnis gekommen waren, daß ihre einzige Rettung eben in einem Auseinandergehen bestehe, gerade da fühlte sich Gerboths Frau Mutter.

Um dies kommende Kind entbrannte nun ein neuer, noch viel qualvollerer und leidenschaftlicherer Kampf. Sie beanspruchte es für sich; nicht sowohl aus Mutterliebe wie um ihres Rufes willen, als geschiedene Frau. Ihm aber war der Gedanke unerträglich, sein Kind in der Hand einer Frau zu wissen, die es unfehlbar zu sich hinüberziehen würde, in ihre Sphäre, die sein Unglück geworden war, sein ganzes Leben vergiftet hatte. Dieser Kampf trieb Karl Gerboth in seinem Verlauf fast zur Verzweiflung, denn das formelle Recht neigte sich in diesem Falle trotz aller inneren Gegengründe auf die Seite seiner Frau. Endlich kam dann eine Lösung des Konfliktes, unerwartet, aber zugleich auch traurig im höchsten Maße: bei der Geburt Hildes starb die Mutter, wahrscheinlich wohl infolge der schweren seelischen Erregungen, die dieser Kampf auch für sie im Gefolge gehabt hatte.«

Marr war ernst geworden.

»In der Tat eine Tragödie. Nun freilich wird mir vieles klar.«

»Nicht wahr? Jetzt wirst du verstehen, wie ein so einschneidender Wandel in Gerboth vor sich gehen konnte, als Künstler wie Mensch. Diese zerrüttenden Seelenkämpfe hatten ihn zugleich auch körperlich sehr heruntergebracht; wie ich es dir ja gestern schon andeutete. So kam er denn in erster Linie wohl nach Glurns herauf, um seine Gesundheit wiederzufinden: aber daraus erwuchs ihm dann auch das seelische Genesen. Hier, in der stillen Größe und Erhabenheit der Natur, fand er sich nun ganz zu sich selber hin. Tief unter ihm versank alles, was ihm einst wertvoll und begehrenswert erschienen war; die völlige Nichtigkeit des Lebens, wie es Tausende und aber Tausende führen, drunten in den Städten, und wie auch er es so lange geführt hatte, ward ihm offenbar Mit festem Entschluß sagte er sich da los von seiner Vergangenheit – für immer! Hier ward seine Heimat und der Nährboden seiner Kunst, die sich nun erst entfaltete zu ihrer vollen Reife und höchsten Weihe.«

Hilgers machte eine kurze Pause, dann wandte er sich dem Freunde zu:

»War es nach alldem nicht nur zu natürlich, daß der Meister von dem verhängnisvollen Irren, das ihm selber fast zum Verderben geworden wäre, nun wenigstens sein einziges Kind bewahren wollte? Daß er sie also aufzog, fernab von der Welt mit ihrem lockenden Schein, innig verwachsen nur mit einer erhabenen Natur in ihrer ursprünglichen Reinheit und Schönheit, und sie bildete ganz nach seinem Geist, in der Hochschätzung alles dessen, was er selber nach trügerischem Wähnen als den wahrhaften Wert des Lebens erkannt hatte? Keine fremde Hand ließ er daher an Hilde heran. Auch ihren Unterricht empfing sie von ihm allein in den ersten Jahren. Später nahm dann allerdings noch unser Kurat hier daran teil, nachdem ihn die Zeit zum verstehenden Freund des Meisters gemacht hatte. So ist es ihm denn geglückt: nie hat Hilde auch nur der Hauch einer anderen Welt gestreift, in einer Unberührtheit und Natürlichkeit ist sie herangewachsen, dank dieser weisen Fürsorge ihres Vaters, wie es wohl sicher noch nie bei einem Mädchen der Fall gewesen ist.«

»Das dürfte unbestreitbar sein, Hilde Gerboth ist ja allen Ernstes ein weibliches Seitenstück zum Parsival, nur,« – und Marr blickte den Freund jetzt an – »meinst du wirklich, daß Gerboth damit eine Gewähr geschaffen hat für das, was er mit alldem bezweckt: die Tochter vor einem ähnlichen Geschick zu bewahren, wie es ihre Mutter betroffen hat?«

Erstaunt sah Hilgers auf.

»Wie kannst du daran zweifeln?«

»Gewiß – vor der Welt mag sie geschützt sein, durch diese gewaltsame Absonderung, das heißt, wenn es wirklich gelingt, sie immer so abgeschlossen zu halten in dieser Gefangenschaft hier. Aber wer schützt sie einmal vor sich selber – wenn der Fall eintreten sollte?«

»Wie seltsam du sprichst: Gefangenschaft! Dies glückliche harmonische Zusammenleben von Tochter und Vater, bei dem sie nichts entbehrt, im Gegenteil vollste Zufriedenheit findet.«

»Weil sie eben nie etwas anderes kennengelernt hat. Aber wer weiß, wie sie empfinden würde, wenn sie einmal Gelegenheit hätte zu vergleichen?«

»Um so besser doch nur, wenn sie überhaupt nie dazu kommt, wenn ihr überhaupt alle Kämpfe erspart bleiben, die das Leben sonst wohl in dieser Beziehung bringt.«

»Hältst du das wirklich für ein Glück, einen Vorzug? Ist nicht vielmehr gerade das Kämpfen der Sinn des Lebens und sein höchster Reiz? Kämpfen und Siegen! Ist nicht der erst wirklich ein Vollmensch, der alle Höhen und Tiefen des Lebens gesehen, der Lust und Leid kennengelernt hat an sich selber? Wie aber dieses Mädchen hier lebt, das ist doch kein Leben – nur ein seiner selbst unbewußtes Hindämmern. Schade darum – es steckt Kraft in ihr. Viel sogar, wie es scheint. Wenn die geweckt wäre, sich betätigen könnte, ungehindert!«

Franz Hilgers schüttelte den Kopf, aber er war doch nachdenklich geworden. So sagte er nach einer Weile:

»Auf was du einen nicht alles bringst! Noch nie, solange ich Hilde Gerboth kenne, ist mir je solch ein Gedanke gekommen, und jetzt geht es mir immerzu durch den Kopf, das, was du da vorhin sagtest: Wer schützt sie einmal vor sich selber, wenn dieser Fall eintreten sollte? – Wie kommst du nur darauf?«

»Beweist nicht die Tatsache, daß der Gedanke auch dich innerlich so stark beschäftigt, daß wohl etwas Berechtigtes daran sein mag?«

»Du meinst also allen Ernstes, es steckte etwas derart in Hilde? Etwas, das vielleicht jetzt noch schlummert, aber eines Tages zum Leben erwachen könnte?«

»Ich kenne Hilde Gerboth noch zu wenig; aber ausgeschlossen scheint mir das doch keineswegs zu sein. Im Gegenteil, bei dem starken Temperament der Mutter ... es wäre eigentlich wunderbar, wenn so gar nichts von ihr auf das Kind übergegangen sein sollte.«

In Franz Hilgers' Mienen stieg eine Besorgnis auf.

»Ganz im Vertrauen – das ist ein Gedanke, um nicht zu sagen, eine Befürchtung, die auch den Meister schon im geheimen beschäftigt hat. Und er hat sich auch einmal zu mir darüber ausgesprochen – damals, als zwischen uns über meine Werbung die Rede war.«

»Und was sagte er dir da?«

»Etwa dasselbe wie du eben. Auch er sprach gerade von dem unseligen Temperament der Mutter, und daß es doch vielleicht einmal in Hilde durchschlagen könnte trotz aller sorgfältigster Erziehung. Und darum gerade lag ihm so viel daran, daß Hilde auch später in ihrer Ehe hier oben bleiben möchte, um nie erst in Versuchung zu kommen, nie die Stimmen aus jener anderen Welt zu vernehmen, die vielleicht auch sie aus ihrem glücklichen Frieden herauslocken könnten.«

Marr schüttelte den Kopf.

»Ein großer Irrtum! Nicht dadurch schützt man den Schwachen, daß man ängstlich alles Schädliche von ihm fernhält, sondern indem man ihn erzieht und stählt zum Kampf, zur Ueberwindung der Gefahr.«

»Aber wenn nun die Gefahr der Stärkere ist?«

»So ist es nicht schade um ihn. Was zu schwach ist zum Leben, hat auch kein Anrecht darauf.«

Es war, als ob Franz Hilgers heimlich zusammenzuckte. Ein befremdeter Blick streifte den Freund.

»Wie kannst du so hart sprechen!«

»Verzeih, ich wollte dir nicht weh tun – in bezug auf Hilde. Ueberdies, ich verstehe diese ganze Sorge des Vaters offengestanden nicht recht. Sie scheint mir unbegründet, zum mindesten außerordentlich übertrieben zu sein. Dieses Mädchen – soweit glaube ich sie doch schon zu kennen – ist meines Dafürhaltens nichts weniger als eine schwache Natur – im Gegenteil, ein aufrechter, starker, fürs Leben wohl ausgerüsteter Mensch. Auch für den Kampf. Du mußt mich also nicht mißverstehen, wenn ich vorhin von dem Fall sprach, daß sie in Zwiespalt mit sich selber kommen und auch in ihr etwas vom Blut der Mutter sein könnte. Ich sehe durchaus kein Unglück darin, wenn nur diese warmblütige Freude am Leben geregelt ist durch mindestens ebenso starke geistige Gegengewichte. Und da ist mir keinen Augenblick bange um Hilde Gerboth. Das Werk ihres Vaters war ganz gewiß nicht umsonst; es hat ohne Zweifel sein Gutes gehabt, und bis zu einer gewissen Grenze auch seine Berechtigung. Diese heilsamen Gegengewichte sind dadurch im höchsten Maße ausgebildet worden. Kurzum – das ist meine Meinung: es hätte keine Gefahr für Hilde Gerboth, ins Leben zu treten und sich an ihm zu versuchen. Sie würde siegen und nur dabei gewinnen an Tiefe und Innerlichkeit. Freilich – ihre Entwicklung könnte dann wohl eine Richtung einschlagen, die nicht ganz nach eurem Sinne wäre.«

»Wie meinst du das?«

Marr sah vor sich hin, er verfolgte den Weg voraus bis hinten, wo er an einer Biegung des Tals den Blicken entschwand. So erwiderte er nach einem kurzen Ueberlegen:

»Ich meine – sie würde mehr Persönlichkeit werden, ihre eigenen Neigungen entdecken und betätigen, während sie jetzt unbesehen als gut und richtig hinnimmt, was ihr Vater dafür befindet.«

Franz Hilgers neigte im stummen Beipflichten sein Haupt. Gedankenversunken schritt er weiter. Man sah es ihm an: das, was sie eben gesprochen, beschäftigte ihn stark, und er wäre wohl am liebsten allein gewesen, um es mit sich verarbeiten zu können. Da blieb Marr stehen, sie waren jetzt auch gerade an jener Biegung des Weges angelangt.

»Ich glaube – hier kehre ich um.«

»Wie du denkst, Günter ..«

»Nun – dann also gute Reise und alles Glück zu deinen Geschäften drunten in München.«

»Vielen Dank!« Hilgers erwiderte den Abschiedsgruß des Freundes. »Auf ein gesundes Wiedersehen! Grüß' den Meister noch einmal recht herzlich von mir und Hilde!«

»Werd's bestellen.«

Ein letztes Winken, dann war Franz Hilgers um die Biegung des Pfads geschritten und Marrs Blick entschwunden. Da wandte sich dieser um und ging allein den Weg zurück.

Auch in ihm schwang die Unterhaltung eben nach, und er spann die Gedanken weiter, bei denen sie zuletzt abgebrochen hatten. Gedanken, die er aus Rücksicht auf den Freund nicht hatte aussprechen wollen und daher nur verhüllt von weitem angedeutet hatte.

Wenn sich Hilde am Leben versuchte und dabei zu der ganzen Kraft ihrer Persönlichkeit, deren sie fähig war, entfaltete – es könnte leicht geschehen, ja, es war wohl so gut wie sicher, daß ihr Weg sie weitab führte von dem Franz Hilgers'. Gerade weil Kraft in ihr war. Eine Frau wie sie wollte den Mann, dem sie ihre Liebe schenkte, über sich sehen, kaum neben, nie aber unter sich.

Insofern war es für den Freund allerdings ein Glück, daß alles so war, wie es eben war. Aber dennoch – war dies wirklich ein Glück, ein echtes, vollwertiges, das sich im Grunde nur auf einem Zufall aufbaute? Ein Kartenhaus, das der erste frische Windzug umblasen konnte, wenn er einmal hereinfand in diesen stillen Winkel. Und war es nicht schade um Hilde Gerboth? Wo Kraft war, da hatte sie auch eine vom Leben gewollte Aufgabe: sich zu erfüllen, ganz zu entfalten. War es nicht traurig mit anzusehen, wie etwas, das einmal ganz groß und stark werden konnte, in seiner Entwicklung gewaltsam zurückgehalten wurde? Wurde hier nicht eine Schuld begangen, und machte sich nicht mitschuldig, wer zusah, ohne zu helfen?

So kamen Marr die Gedanken, und andere folgten ihnen. Dem Freunde gingen sie nach, der ihn dort entgegengesetzt wanderte und sich mit jedem Schritt weiter von ihm entfernte. Seltsam – es war, als ob dieses räumliche Abrücken auch ein seelisches mit sich brachte. Je länger Marr nachdachte über Franz Hilgers, desto klarer kam ihm zum Bewußtsein, wie grundverschieden ihre Naturen doch eigentlich waren. Wohl war er sich darüber nie im unklaren gewesen in all den Jahren dieser Kameradschaft, aber noch nie hatte er diese Verschiedenheit mit so kritischen Augen betrachtet.

Wie das jetzt wohl kam? Offenbar eine Folge ihrer langen Trennung. Das gab erst den nötigen Abstand zu einer richtigen Beurteilung. Früher war man eben aus alter Jugendgewohnheit nebeneinander hergegangen, als könnte es nicht anders, sondern müßte einmal so sein. Aber nun erwog man: Was war einem wirklich denn der andere? Steckten auch wahre Werte in diesen Beziehungen, die man bisher immer ohne Nachprüfung für Freundschaft genommen hatte?

Freundschaft – er hatte dies Wort in ihrem Fall zwar nie sentimental verstanden. Darüber, daß Hilgers ihm im Grunde nicht viel gab, war er sich nie im Zweifel gewesen. Indessen, er hatte immer gemeint, umgekehrt müßte es doch, wohl so sein und darin der Wert ihres Verhältnisses zueinander liegen: er war eben der Gebende, als Beschützer und Führer war er dem anderen unentbehrlich.

Aber traf das auch heute noch zu? Hatten die Jahre der Trennung nicht auch hier viel geändert? Franz Hilgers hatte in dieser Zeit ohne ihn fertig werden müssen, und es war auch gegangen. Das heißt, er hatte andere gefunden, von denen er sich leiten und schützen ließ. Also bei Licht besehen – auch das traf nicht mehr zu. Was aber blieb dann eigentlich noch an ihrem ganzen Verhältnis? War es nicht bloß noch eine reine Gewohnheitssache, im Grunde also ohne wirkliche, innere Berechtigung? Bloß gemeinsame Jugenderinnerungen waren schließlich das Band dieser Freundschaft – tote Schemen. Ja – empfand er nicht jetzt bei ihrem Wiedersehen weit mehr, viel stärker als dies Gemeinsame, das sie verknüpfte, das Gegensätzliche und Trennende? Wohl sah er zumeist darüber hin, mit einem nachsichtigen Lächeln. Nur bisweilen!

Gerade vorhin war ihm einmal solch ein Empfinden gekommen, als sie von Hilde sprachen und von der Weltfremdheit, in der sie mit voller Absicht gehalten wurde. Ihren Vater bestimmte dabei ja ein, wenn auch irriger, so doch gut gemeinter und selbstloser Gedanke, er wollte seinem Kinde Leid ersparen – aber bei Franz Hilgers? Wenn er so eifrig dem Beschluß Karl Gerboths das Wort redete, Hilde auch später in ihrer Ehe in ihrer Abgeschlossenheit zu erhalten, war es nicht letzten Endes ein selbstsüchtiges Regen? Er hatte es ja neulich abend selber zugegeben: er kannte seine Schwäche gegenüber dem Leben, seinen Mangel an Zuversicht auch gegenüber den Frauen. Er hatte so nie darauf gehofft, einmal das Glück der Ehe zu finden, bis der Zufall ihm hier Hilde Gerboth in den Weg führte. Nun aber klammerte er sich an dieses Zufallsglück, hütete es dafür um so ängstlicher – jedoch ohne danach zu fragen, ob er damit nicht ein Unrecht beging an ihrer verheißungsvollen Kraft, der seine Schwäche den Weg zu ihrer Entfaltung verlegen wollte.

Ganz von fern nur war vorhin dieser Gedanke bei Marr aufgetaucht. Jetzt stellte er sich wieder ein und dringlicher. Doch bloß für einen Augenblick. Dann wies Marr ihn entschlossen von sich. Nein, nein! Nicht so auf ein bloßes, unbegründetes Empfinden hin urteilen und verurteilen. Ueberhaupt – was ließ er sich so stark beschäftigen von diesen Dingen? Noch viel weniger denn ein Recht hatte er doch etwa eine Pflicht, sich um einen Menschen den Kopf zu zerbrechen, der ihm noch vor zwei Tagen ein völlig Unbekannter gewesen war.

Rascher schritt er da voraus und hob wieder mit freien Sinnen den Blick empor zu den Firnen, deren reiner Hauch gerade jetzt in einer starken, kraftvollen Welle zu ihm hinunterströmte ins Tal.

*

 


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