Nikolai Gogol
Die toten Seelen
Nikolai Gogol

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Drittes Kapitel

– Wenn der Oberst Koschkarjow wirklich verrückt ist, so wäre das gar nicht schlecht, – sagte sich Tschitschikow, als er sich wieder inmitten freier Felder befand, als alles verschwunden war und er nur noch das Himmelsgewölbe und zwei Wolken seitwärts sah.

»Sselifan, hast du dich auch ordentlich erkundigt, wie man zum Obersten Koschkarjow fährt?«

»Pawel Iwanowitsch, ich war so sehr mit dem Wagen beschäftigt, daß ich keine Zeit dazu hatte. Petruschka hat aber den Kutscher ausgefragt.«

»Dummkopf! Ich habe dir schon so oft gesagt, daß man sich auf Petruschka nicht verlassen darf; Petruschka ist wohl auch jetzt besoffen.«

»Als ob es eine große Weisheit wäre!« sagte Petruschka, sich halb umwendend und nach Tschitschikow schielend. »Man fährt den Berg hinunter und schlägt dann den Weg durch die Wiesen ein – das ist alles.«

»Fusel ist wohl alles, was du im Munde gehabt hast? Du bist wirklich schön! Man kann wohl sagen: du setzt durch deine Schönheit ganz Europa in Erstaunen!« Nach diesen Worten streichelte sich Tschitschikow sein Kinn und dachte sich: – Was ist doch für ein Unterschied zwischen einem gebildeten Bürger und einer groben Lakaienphysiognomie! –

Die Equipage rollte indessen den Berg hinunter. Wieder zeigten sich weite Wiesen mit hier und da verstreutem Espengehölz.

Die bequeme Equipage fuhr, auf ihren elastischen Federn leise zitternd, vorsichtig die kaum merkliche Bodensenkung hinab und rollte dann über Wiesen, an Mühlen vorbei, laut auf den Brücken dröhnend und auf dem weichen Boden leicht schaukelnd. Der Körper des Fahrenden bekam aber auch nicht einen Erdbuckel zu spüren! Das reinste Vergnügen, und keine Equipage.

Weidengebüsch, dünne Espen und Silberpappeln flogen schnell an ihnen vorbei und peitschten mit ihren Zweigen die auf dem Bocke sitzenden Sselifan und Petruschka. Dem letzteren schlugen sie jeden Augenblick die Mütze vom Kopfe. Der mürrische Diener sprang dann jedesmal vom Bocke, schimpfte auf den Baum und auf dessen Besitzer, der ihn gepflanzt hatte, wollte aber trotzdem seine Mütze weder festbinden noch mit der Hand festhalten, da er immer noch hoffte, daß dies das letztemal gewesen sei und nicht mehr vorkommen werde. Zu den Bäumen gesellten sich bald Birken und hier und da Tannen. Unten an den Wurzeln wucherte dichtes Gras, und darin leuchteten blaue Schwertlilien und gelbe Waldtulpen. Im Walde wurde es immer dunkler, so daß man glaubte, es werde bald die Nacht einbrechen. Plötzlich drangen aber zwischen den Ästen und Baumstümpfen Lichtstrahlen durch, wie von hellen Spiegeln geworfen. Die Bäume standen nicht mehr so dicht beieinander, die Lichtreflexe nahmen zu . . . und da liegt schon vor ihnen ein See, eine Wasserfläche von etwa vier Werst Durchmesser. Auf dem gegenüberliegenden Ufer erhob sich über dem See ein Dorf, das aus grauen Blockhäusern bestand. Auf dem Wasser tönten Schreie. An die zwanzig Mann, bis an den Gürtel, bis an die Schultern, bis an den Hals im Wasser stehend, schleppten ein Netz ans jenseitige Ufer. Es hatte sich ein seltsamer Unfall ereignet. Zugleich mit den Fischen war ein kugelrunder Herr in das Netz geraten, der ebenso breit als lang war und einer Wassermelone oder einem Fäßchen glich. Er befand sich in verzweifelter Lage und schrie aus vollem Halse: »Denis, du Tölpel, gib es doch dem Kusjma! Kusjma, nimm das Ende dem Denis ab! Foma der Große, dräng nicht so! Geh hin, wo Foma der Kleine steht! Ihr Teufel, ich sag's euch ja, ihr werdet noch das Netz zerreißen!« Die Wassermelone war offenbar nicht um sich selbst besorgt: infolge seiner Dicke konnte er gar nicht ertrinken, und wenn er noch so sehr zappelte, um unterzutauchen, würde ihn das Wasser immer wieder heben; und wenn sich noch zwei Menschen auf seinen Rücken setzten, so bliebe er dennoch wie eine eigensinnige Schwimmblase auf der Oberfläche des Wassers und würde unter der Last nur ein wenig ächzen und aus der Nase Luftblasen aufsteigen lassen. Er hatte aber große Angst, das Netz könnte zerreißen, und die Fische würden entschlüpfen; aus diesem Grunde mußten einige Männer, die am Ufer standen, ihn mit eigens befestigten Stricken herausziehen.

»Das wird wohl der Herr Oberst Koschkarjow sein«, sagte Sselifan.

»Warum?«

»Weil sein Körper, wie Sie zu sehen belieben, weißer ist als bei den anderen, auch hat er die edle Körperfülle eines Herrn.«

Den Herrn, der ins Netz geraten war, hatte man indessen beträchtlich näher ans Ufer gezogen. Als er fühlte, daß er den Grund mit den Füßen erreichen konnte, richtete er sich auf und bemerkte im gleichen Augenblick die den Damm herunterfahrende Equipage und den in ihr sitzenden Tschitschikow.

»Haben Sie schon zu Mittag gegessen?« schrie der Herr, mit den gefangenen Fischen in der Hand ans Ufer tretend und noch ganz ins Netz verstrickt – er erinnerte dabei an ein Damenhändchen im durchbrochenen Sommerhandschuh. Die eine Hand hielt er zum Schutze gegen die Sonne über die Augen, die andere – etwas tiefer unten – wie die dem Bade entsteigende Venus von Medici.

»Nein«, entgegnete Tschitschikow, die Mütze lüftend und ihn aus dem Wagen begrüßend.

»Nun, dann danken Sie Gott!«

»Warum denn?« fragte Tschitschikow interessiert, die Mütze über dem Kopfe haltend.

»Das will ich Ihnen gleich zeigen! Foma der Kleine, laß das Netz und hol mal den Stör aus dem Bottich! Kusjma, du Tölpel, geh hin, hilf ihm!«

Die beiden Fischer hoben aus dem Bottich den Kopf eines Ungeheuers. – »Ist das ein Fürst! Ist aus dem Flusse in den See geraten!« schrie der kugelrunde Herr. »Fahren Sie doch in den Hof! Kutscher, nimm den Weg unten durch die Gemüsefelder! Foma der Große, du Tölpel, lauf hin und öffne das Gatter! Er wird Sie begleiten, ich komme gleich nach . . .«

Der langbeinige und barfüßige Foma der Große lief, so wie er war, im bloßen Hemd vor dem Wagen her durch das ganze Dorf, wo vor jedem Hause allerlei Netze, Reusen und andere Fischereigeräte hingen: sämtliche Bauern waren Fischer; dann hob er ein Gatter, und der Wagen fuhr zwischen Gemüsegärten auf den Dorfplatz, wo die hölzerne Kirche stand. Hinter der Kirche waren in einiger Entfernung die Dächer der Gutsgebäude zu sehen.

– Ein Kauz ist dieser Koschkarjow! – dachte sich Tschitschikow.

»Da bin ich schon!« erklang eine Stimme von der Seite. Tschitschikow sah sich um. Der Herr fuhr schon neben ihm her, fertig angezogen, in einem grasgrünen Nankingrock und gelber Hose; sein Hals war aber unbekleidet wie bei einem Kupido. Er saß seitwärts in seiner Droschke, nahm aber die ganze Droschke ein. Tschitschikow wollte ihm etwas sagen, aber der Dicke war schon verschwunden. Die Droschke tauchte wieder an der Stelle auf, wo man die Fische aus dem Netze nahm. Wieder hörte man ihn schreien: »Foma der Große! Foma der Kleine! Kusjma! Denis!« Als aber Tschitschikow vor der Freitreppe des Herrenhauses anlangte, stand der dicke Herr zu seinem größten Erstaunen schon da und schloß ihn in seine Arme. Wie er es fertiggebracht hatte, so schnell hier und dort zu sein, war ein Rätsel. Sie küßten sich nach altrussischer Sitte dreimal übers Kreuz: der Herr war ein Mann vom alten Schrot und Korn.

»Ich bringe Ihnen die Grüße Seiner Exzellenz«, sagte Tschitschikow.

»Von welcher Exzellenz?«

»Von Ihrem Verwandten, dem General Alexander Dimitrijewitsch.«

»Wer ist Alexander Dimitrijewitsch?«

»Der General Betrischtschew«, antwortete Tschitschikow erstaunt.

»Ich kenne ihn nicht«, sagte jener erstaunt.

Tschitschikows Erstaunen wurde noch größer.

»Wie ist es nun? . . . Ich hoffe wenigstens, das Vergnügen zu haben, mit dem Obersten Koschkarjow zu sprechen?«

»Nein, hoffen Sie lieber nicht. Sie sind nicht zu ihm, sondern zu mir gekommen. Pjotr Petrowitsch Pjetuch! Pjetuch, Pjotr Petrowitsch!« fiel ihm der Hausherr ins Wort.

Tschitschikow war ganz starr. »Was ist denn das?« wandte er sich an Sselifan und Petruschka, die gleichfalls ihre Münder aufsperrten und mit den Augen glotzten, der eine auf dem Bocke sitzend, der andere vor dem Wagenschlag stehend. »Was habt ihr angestellt, Dummköpfe? Ich habe euch doch gesagt: zum Obersten Koschkarjow . . . Das ist aber Pjotr Petrowitsch Pjetuch!«

»Die Burschen haben es vorzüglich getroffen! Geht nur in die Küche, man wird euch dort ein Glas Schnaps geben«, sagte Pjotr Petrowitsch Pjetuch. »Spannt die Pferde aus und geht gleich in die Gesindestube!«

»Ich muß mich genieren: ein so unerwarteter Irrtum . . .« sagte Tschitschikow.

»Nein, das ist kein Irrtum. Kosten Sie erst das Mittagessen, und dann werden Sie sagen, ob es ein Irrtum ist. Ich bitte ergebenst«, sagte Pjetuch, Tschitschikow unterfassend und in die inneren Gemächer führend. Aus den inneren Gemächern kamen ihnen zwei Jünglinge in Sommerröcken entgegen, schlank wie Weidenruten; beide überragten ihren Vater um eine ganze Elle.

»Meine Söhne, Gymnasiasten, sind für die Feiertage hergekommen . . . Nikolascha, du bleibst mit dem Gast, und du, Alexascha, kommst mit mir.« Mit diesen Worten verschwand er.

Tschitschikow widmete sich dem Nikolascha. Nikolascha versprach ein ziemlich gemeiner Mensch zu werden. Er erzählte Tschitschikow sofort, daß es sich gar nicht lohne, das Gymnasium in der Gouvernementsstadt zu besuchen, und daß er und sein Bruder die Absicht haben, nach Petersburg zu gehen, weil die Provinz es gar nicht verdiene, daß man in ihr wohne . . .

– Ich verstehe wohl, – dachte sich Tschitschikow, – die Sache wird wohl mit den Konditoreien und Boulevards enden . . . – »Übrigens,« sagte er laut, »in welchem Zustande befindet sich das Gut Ihres Herrn Vaters?«

»Es ist verpfändet«, sagte der Herr Vater, der plötzlich wieder im Salon war. »Es ist verpfändet!«

– Es ist schlimm, – dachte sich Tschitschikow. – So wird bald kein einziges Gut übrigbleiben. Ich muß mich beeilen. – »Es ist aber schade,« sagte er teilnahmsvoll, »daß Sie sich beeilt haben, es zu verpfänden.«

»Nein, das macht nichts«, sagte Pjetuch. »Man sagt, es sei vorteilhaft. Alle tun es: warum soll ich hinter den anderen zurückbleiben? Auch habe ich bisher immer hier gelebt; nun will ich mal versuchen, in Moskau zu leben. Auch meine Söhne raten mir dazu, sie wollen sich in der Residenzstadt bilden.«

– Ein Dummkopf, ein Dummkopf! – dachte sich Tschitschikow. – Er wird alles durchbringen und auch seine Söhne zu Verschwendern machen. Das Gut ist gar nicht übel. Wenn man so hinsieht, so haben es die Bauern gut, und auch die Besitzer haben es nicht schlecht. Wenn sie sich aber ihre Bildung aus den Restaurants und Theatern holen, so wird alles zum Teufel gehen. Dieser Fleischkuchen sollte doch lieber auf dem Lande bleiben. –

»Ich weiß aber, was Sie sich denken«, sagte Pjetuch.

»Was denn?« fragte Tschitschikow verlegen.

»Sie denken sich: ›Ein Dummkopf ist dieser Pjetuch: hat mich zum Mittagessen eingeladen, vom Essen ist aber noch nichts zu sehen.‹ Es wird schon fertig werden, Verehrtester. Ein geschorenes Mädel kann sich nicht so schnell den Zopf flechten, als das Essen auf den Tisch kommt.«

»Papachen! Platon Michailowitsch kommt gerade geritten!« sagte Alexascha, zum Fenster hinausblickend.

»Er kommt auf seinem Braunen!« sagte Nikolascha, sich zum Fenster beugend.

»Wo ist er denn, wo ist er denn?« schrie Pjetuch, ans Fenster tretend.

»Wer ist dieser Platon Michailowitsch?« fragte Tschitschikow Alexascha.

»Unser Nachbar, Platon Michailowitsch Platonow, ein vorzüglicher Mensch, ein herrlicher Mensch«, erwiderte Pjetuch selbst.

Indessen trat Platonow, ein hübscher, schlanker Mann mit hellblonden, glänzenden, lockigen Haaren, selbst ins Zimmer. Ihm folgte, mit dem messingbeschlagenen Halsband klirrend, ein gar schrecklich aussehender Hund, namens Jarb.

»Haben Sie schon zu Mittag gegessen?« fragte ihn der Hausherr.

»Ich habe schon gegessen.«

»Sind Sie gekommen, um über mich zu spotten? Was taugen Sie mir, wenn Sie schon gegessen haben?«

Der Gast versetzte lächelnd: »Ich will Ihnen zum Trost sagen, daß ich nichts gegessen habe: ich habe keinen Appetit.«

»Wenn Sie nur unseren Fang gesehen hätten! Den Riesenstör! Die Riesenkarpfen und Karauschen!«

»Man ärgert sich sogar, wenn man Ihnen zuhört. Warum sind Sie immer so lustig?«

»Warum sollte ich mich langweilen? Erlauben Sie doch!«

»Warum man sich langweilen soll? Weil es eben langweilig ist.«

»Sie essen zu wenig, das ist alles. Versuchen Sie mal ordentlich zu Mittag zu essen. Diese Langeweile hat man erst in der allerletzten Zeit erfunden; früher hat sich kein Mensch gelangweilt.«

»Prahlen Sie doch nicht! Als ob Sie sich niemals gelangweilt hätten!«

»Nein, niemals! Ich kenne das gar nicht, habe auch keine Zeit, um mich zu langweilen. Wenn ich am Morgen erwache, kommt gleich der Koch, und ich muß ihm das Mittagessen bestellen; dann trinke ich Tee; dann kommt der Verwalter; dann muß ich zum Fischfang, und dann ist es auch schon Zeit zum Mittagessen. Nach dem Essen habe ich kaum Zeit, ein Schläfchen zu machen: da kommt schon wieder der Koch, und ich muß ihm das Abendessen bestellen; nach dem Abendessen kommt wieder der Koch, und ich muß mit ihm das Essen für den anderen Tag bestellen . . . Wann soll ich mich langweilen?«

Während dieses Gespräches betrachtete Tschitschikow den Gast, der ihn durch seine ungewöhnliche Schönheit, seinen schlanken Wuchs, die Frische der unverbrauchten Jugend und die jungfräuliche Reinheit des von keinem Pickel verunstalteten Gesichts in Erstaunen setzte. Weder Leidenschaft noch Kummer noch etwas wie Unruhe oder Sorge hatten es gewagt, sein jungfräuliches Gesicht zu berühren und darauf auch nur eine Runzel zu bilden; sie hatten es aber auch nicht belebt. Er blieb irgendwie verschlafen, trotz des ironischen Lächelns, das es zuweilen erhellte. »Auch ich kann, wenn Sie mir die Bemerkung gestatten,« sagte Tschitschikow, »unmöglich verstehen, wie Sie mit Ihrem Äußern sich langweilen können. Natürlich, wenn man an Geldmangel leidet oder Feinde hat, die einem manchmal sogar nach dem Leben trachten . . .«

»Glauben Sie mir«, unterbrach ihn der schöne Gast: »Zur Abwechslung möchte ich mal gerne irgendeine Aufregung erleben, daß mich zum Beispiel jemand in Wut versetzt – ich habe aber nicht mal das. Es ist mir einfach langweilig, das ist alles.«

»Also haben Sie nicht genug Land oder zu wenig Leibeigene?«

»Keine Spur. Mein Bruder und ich besitzen zusammen etwa zehntausend Deßjatinen und über tausend Bauern.«

»Seltsam. Das verstehe ich nicht. Vielleicht hat es bei Ihnen Mißernten oder Seuchen gegeben? Sind Ihnen viele Bauern männlichen Geschlechts gestorben?«

»Im Gegenteil, alles ist in der besten Ordnung, und mein Bruder versteht sich ausgezeichnet auf die Wirtschaft.«

»Und dabei langweilen Sie sich! Das verstehe ich nicht«, sagte Tschitschikow und zuckte die Achseln.

»Die Langeweile wollen wir gleich verjagen«, sagte der Hausherr. »Alexascha, lauf mal schnell nach der Küche und sag dem Koch, er möchte uns gleich einige Pastetchen herschicken. Wo stecken aber der Faulpelz Jemeljan und der Dieb Antoschka? Warum bringt man uns die Vorspeisen nicht?«

Da ging aber die Türe auf. Der Faulpelz Jemeljan und der Dieb Antoschka erschienen mit Servietten, deckten den Tisch und stellten ein Tablett auf mit sechs Karaffen mit Schnäpsen aller Farben. Um die Karaffen entstand bald eine Kette von Tellern mit allerlei appetitreizenden Speisen. Die Diener bewegten sich flink und brachten immerfort neue zugedeckte Teller, in denen man die geschmolzene Butter zischen hörte. Der Faulpelz Jemeljan und der Dieb Antoschka machten ihre Sache vorzüglich. Ihre Spitznamen hatten sie offenbar nur zur Ermunterung erhalten. Der Herr schimpfte sonst gar nicht gern und war höchst gutmütig; der Russe kann aber ohne ein kräftiges Wort gar nicht auskommen. Er braucht es wie ein Gläschen Schnaps zur Verdauung. Was soll man machen? So ist mal seine Natur: er liebt nichts Ungesalzenes und Ungepfeffertes.

Nach den Vorspeisen kam das eigentliche Mittagessen. Der gutmütige Hausherr wurde hier zu einem wahren Räuber. Sobald er bei jemand nur ein Stück auf dem Teller bemerkte, legte er gleich ein zweites Stück dazu mit der Bemerkung: »Weder ein Mensch noch ein Vogel kann auf der Welt allein leben.« Wenn jemand zwei Stück hatte, so legte er ihm ein drittes dazu und sagte: »Was ist zwei für eine Zahl? Gott liebt die Dreizahl.« Hatte der Gast drei Stücke verzehrt, so sagte er ihm: »Wo gibt's einen Wagen auf drei Rädern? Wer baut ein Haus mit drei Ecken?« Für vier hatte er auch eine Redensart, für fünf – wieder eine andere. Tschitschikow hatte beinahe zwölf Stücke gegessen und dachte sich: – Jetzt wird der Hausherr wohl nichts mehr sagen können. – Doch gefehlt: der Hausherr legte ihm, ohne ein Wort zu sagen, den ganzen Rückenteil eines am Spieß gebratenen Kalbes mit den Nieren auf den Teller, und was für eines Kalbes!

»Zwei Jahre habe ich es mit Milch ernährt«, sagte der Hausherr. »Habe es wie ein eigenes Kind gepflegt!«

»Ich kann nicht mehr«, sagte Tschitschikow.

»Versuchen Sie es erst, und dann können Sie sagen: ›Ich kann nicht mehr.‹«

»Es ist kein Platz mehr in mir.«

»Auch in der Kirche war kein Platz, da kam aber der Stadthauptmann, und sofort fand sich Platz. Und doch war solch ein Gedränge, daß kein Apfel zu Boden fallen konnte. Versuchen Sie es nur: dieses Stück ist auch so ein Stadthauptmann.«

Tschitschikow versuchte – das Stück war in der Tat eine Art Stadthauptmann: es fand sich noch Platz dafür, obwohl er anfangs glaubte, es könne nichts mehr hinein.

– Wie kann nur so ein Mensch nach Petersburg oder nach Moskau ziehen? Bei seiner Gastfreundschaft ist er nach drei Jahren am Bettelstab! – Tschitschikow kannte nämlich den neuesten Fortschritt noch nicht: man kann, auch ohne so gastfrei zu sein, sein ganzes Vermögen nicht nur in drei Jahren, sondern auch in drei Monaten durchbringen.

Pjetuch füllte die Gläser fortwährend nach; was die Gäste nicht austranken, das mußten seine Söhne Alexascha und Nikolascha austrinken; diese tranken ein Glas nach dem anderen, und man konnte schon sehen, auf welches Gebiet des menschlichen Wissens sie sich in der Hauptstadt verlegen würden. Den Gästen ging es aber ganz anders: mit der größten Mühe schleppten sie sich auf den Balkon, wo sie mit der gleichen großen Mühe in Sessel sanken. Kaum hatte sich der Hausherr in seinen viersitzigen Sessel gesetzt, als er sofort einschlief. Sein massiver Körper verwandelte sich in einen großen Blasebalg, und aus seinem offenen Munde und den Nasenlöchern kamen Töne, wie sie selbst den neueren Komponisten selten einfallen: man hörte zugleich eine Trommel, eine Flöte und ein eigentümliches abgerissenes Dröhnen, das am ehesten an Hundegebell erinnerte.

»Wie er pfeift«, sagte Platonow.

Tschitschikow mußte lachen.

»Natürlich, wenn man so gegessen hat, wie kann man sich da noch langweilen? Da kommt einfach der Schlaf, nicht wahr?«

»Gewiß. Und doch kann ich, Sie entschuldigen mich schon, nicht verstehen, wie man sich langweilen kann. Gegen die Langeweile gibt es so viele Mittel.«

»Was für Mittel?«

»Für so einen jungen Mann gibt es doch mancherlei. Er kann tanzen, irgendein Instrument spielen . . . er kann auch heiraten.«

»Wen?«

»Gibt es denn in der Umgegend keine hübschen und reichen Mädchen?«

»Ich wüßte nicht.«

»Dann muß man eben anderswo suchen, eine kleine Reise machen.« Plötzlich kam Tschitschikow ein glänzender Gedanke. »Ja, das ist wirklich ein ausgezeichnetes Mittel!« sagte er, Platonow gerade in die Augen blickend.

»Was für eines?«

»Reisen.«

»Wohin soll man denn reisen?«

»Nun, wenn Sie freie Zeit haben, so fahren Sie doch mit mir«, sagte Tschitschikow. Er sah Platonow an und dachte sich: – Das wäre wirklich schön. Alle Auslagen werden dann geteilt, und die Reparatur des Wagens schreibe ich ihm ganz auf die Rechnung. –

»Wo fahren Sie denn hin?«

»Vorläufig fahre ich weniger in eigenen Geschäften als in einer fremden Angelegenheit. Der General Betrischtschew, mein naher Freund und, ich darf wohl sagen, Wohltäter, bat mich, seine Verwandten zu besuchen . . . Verwandte hin, Verwandte her, doch ich fahre sozusagen zum Teil auch zum eigenen Nutzen: denn die Welt und den Strudel der Menschen sehen, ist, man mag sagen, was man will, gleichsam ein lebendiges Buch, eine eigene Wirtschaft.« Während er dies sagte, dachte er bei sich: – Das wäre wirklich schön. Ich könnte es auch so einrichten, daß er die ganzen Auslagen trägt und daß wir sogar mit seinen Pferden fahren; die meinen könnte er indessen auf seinem Gute verpflegen. –

– Warum soll ich nicht die kleine Reise machen? – dachte sich indessen Platonow. – Zu Hause habe ich nichts zu tun, die Wirtschaft wird ohnehin von meinem Bruder verwaltet; folglich kann nichts in Unordnung geraten. Warum soll ich nicht in der Tat die kleine Reise machen? – »Wären Sie einverstanden,« sagte er laut, »bei meinem Bruder an die zwei Tage zu Gast zu bleiben? Sonst läßt er mich nicht fort.«

»Mit dem größten Vergnügen, sogar drei Tage.«

»Also abgemacht! Wir fahren!« sagte Platonow, sichtbar lebhafter werdend. So wurde die Sache beschlossen. »Wir fahren!«

»Wohin denn, wohin?« rief der Hausherr, aus seinem Schlafe erwachend und sie anglotzend. »Nein, meine Herren! Ich habe schon die Räder von Ihren Wagen abnehmen lassen, und was Ihren Hengst betrifft, Platon Michailowitsch, so hat man ihn schon fünfzehn Werst weit von hier weggeführt. Nein, heute übernachten Sie bei mir, morgen essen wir ordentlich zum Frühstück, und dann können Sie fahren.«

Was war mit diesem Pjetuch zu machen? Man mußte bleiben. Dafür wurden sie mit einem wunderbaren Frühlingsabend belohnt. Der Hausherr veranstaltete eine Bootfahrt auf dem Flusse. Zwölf Ruderer mit vierundzwanzig Rudern führten sie unter Gesängen über die spiegelglatte Fläche des Sees. Aus dem See kamen sie in den Fluß, der zwischen flachen Ufern in die Unendlichkeit hinzog; in einemfort mußten sie unter den quer über den Fluß gespannten Tauen durchfahren, die irgendwie zum Fischfang dienten. Das Wasser war vollkommen unbeweglich; lautlos wechselten die Bilder ab, ein Gehölz nach dem anderen erfreute das Auge durch die verschiedenartige Anordnung der Bäume. Die Ruderer holten auf einmal kräftig mit allen vierundzwanzig Rudern aus, und das Boot flog ganz von selbst wie ein leichter Vogel über die unbewegliche Wasserfläche dahin. Der Vorsänger, ein breitschulteriger Bursche, der am dritten Platz vom Steuer saß, stimmte mit seiner reinen, glockenhellen Stimme die ersten Töne des Liedes an, die aus einer Nachtigallkehle zu kommen schienen; fünf andere fielen ein, die übrigen sechs vervollständigten den Chor, und das Lied floß dahin, grenzenlos wie Rußland. Pjetuch geriet in Ekstase und half mit wo dem Chor die Kraft fehlte, und selbst Tschitschikow fühlte sich als Russe. Nur Platonow allein dachte sich: – Was ist eigentlich an diesem traurigen Lied schön? Es macht einen nur noch trauriger. –

Sie fuhren in der Dämmerung zurück. Die Ruder schlugen das Wasser, das den Himmel nicht mehr spiegelte. In der Dunkelheit landeten sie am Ufer, wo überall Feuer brannten; die Fischer kochten auf Dreifüßen eine Suppe aus frischgefangenen Barschen. Alles war schon zu Hause. Das Vieh und das Geflügel der Bauern war schon längst in den Ställen, der Staub, den sie aufgewirbelt hatten, hatte sich schon gelegt, und die Hirten, die das Vieh heimgetrieben hatten, standen vor den Toren und warteten auf einen Topf Milch oder auf eine Einladung zur Fischsuppe. In der Dämmerung hörte man leise Gespräche der Menschen und Hundegebell, das aus einem anderen Dorfe herüberklang. Der Mond ging auf, und die dunkle Umgebung begann sich zu erhellen; alles erhellte sich. Herrliche Bilder! Es war aber niemand da, der sie bewundern konnte. Nikolascha und Alexascha verschmähten es, auf zwei wilde Hengste zu steigen und, einander überholend, an diesen Bildern vorbeizujagen, und zogen es vor, an Moskau, an die Konditoreien und die Theater zu denken, von denen ihnen ein aus der Hauptstadt zugereister Kadett soviel erzählt hatte; ihr Vater dachte daran, was er seinen Gästen zum Abendessen vorsetzen sollte; Platonow gähnte. Am lebhaftesten zeigte sich Tschitschikow: – Nein, wirklich, ich muß mir mal so ein Gut anschaffen! – Und er dachte auch sofort an das junge Weibchen und an die kleinen Tschitschikows.

Beim Abendessen überaßen sie sich wieder. Als Pawel Iwanowitsch in das ihm zum Schlafen angewiesene Zimmer kam und vor dem Zubettgehen seinen Bauch betastete, sagte er sich: »Die reinste Trommel! Da findet kein Stadthauptmann mehr Platz.« Zufällig befand sich gleich hinter der Wand das Zimmer des Hausherrn. Die Wand war so dünn, daß man alles hören konnte, was dort gesprochen wurde. Der Hausherr bestellte dem Koch unter dem Namen eines Frühstücks ein richtiges Mittagessen; und wie er es bestellte! Bei einem Toten müßte der Appetit erwachen.

»Die Pastete backst du mir mit vier Ecken«, sagte er, mit den Lippen schmatzend und die Luft einatmend. »In die eine Ecke tust du mir die Backen eines Störs und Hausensehnen, in die andere – Buchweizengrütze mit Schwämmen, Zwiebeln, süßer Fischmilch, Hirn und ähnlichen Sachen, du wirst schon selbst wissen . . . Auf der einen Seite muß sie, verstehst du, schön braun werden, auf der anderen Seite darf sie aber heller sein. Unten soll sie aber so durchgebacken sein, so ganz durchgeschmort, daß sie, weißt du, nicht etwa auseinanderfällt, sondern im Munde wie Schnee zergeht, ohne daß man es merkt.« Bei diesen Worten schmatzte Pjetuch mit den Lippen.

– Hol ihn der Teufel! Er läßt mich nicht einschlafen! – dachte sich Tschitschikow und zog sich die Decke über den Kopf, um nichts zu hören. Aber er hörte es auch durch die Decke:

»Als Beilage zum Stör nimmst du Sternchen aus roten Rüben, Stinte, Pfefferschwämme; dann noch junge Rüben, Möhren, Bohnen und noch irgend so was, überhaupt recht viel Garnierung! Und in den Schweinsmagen tust du ein Stück Eis, damit er ordentlich aufquillt.«

Gar viele Gerichte bestellte noch Pjetusch. Man hörte nichts als: »Brat es ordentlich durch, backe es braun, laß es schön durchschmoren!« Tschitschikow schlief erst bei irgendeinem Truthahn ein.

Am nächsten Tage aßen sich die Gäste wieder so voll, daß Platonow gar nicht reiten konnte. Sein Hengst wurde mit einem Stallknecht Pjetuchs heimgeschickt. Die beiden setzten sich in die Equipage. Der dickschnauzige Hund folgte langsam dem Wagen: auch er hatte sich überfressen.

»Das war schon zuviel«, sagte Tschitschikow, als sie aus dem Hofe herausgefahren waren.

»Und er langweilt sich gar nicht: das ärgert mich am meisten!«

– Hätte ich wie du ein Jahreseinkommen von siebzigtausend, – dachte sich Tschitschikow, – so ließe ich die Langweile nicht über die Schwelle. So ein Branntweinpächter Murasow hat ganze zehn Millionen, leicht gesagt! So eine Summe! –

»Macht das Ihnen was, wenn wir unterwegs einen Besuch abstatten? Ich möchte gern von Schwester und Schwager Abschied nehmen.«

»Mit dem größten Vergnügen!« sagte Tschitschikow.

»Er ist unser bester Landwirt. Er hat, werter Herr, ein Einkommen von zweihunderttausend Rubeln von einem Gut, das vor acht Jahren auch keine zwanzigtausend einbrachte.«

»Das muß doch ein sehr achtbarer Mann sein! Es wird mich sehr interessieren, so einen Menschen kennenzulernen. Natürlich! Das ist ja sozusagen . . . Wie heißt er denn?«

»Kostanschoglo.«

»Und mit seinem Vor- und Vaternamen, wenn ich fragen darf?«

»Konstantin Fjodorowitsch.«

»Konstantin Fjodorowitsch Kostanschoglo. Seine Bekanntschaft wird mich sehr interessieren. Es ist sicher sehr belehrend, so einen Menschen kennenzulernen.«

Platonow übernahm es, Sselifan zu beaufsichtigen und zu leiten: dies war auch sehr nötig, da jener sich kaum auf dem Bocke halten konnte. Petruschka flog zweimal vom Wagen, so daß man ihn schließlich mit einem Strick an den Bock festbinden mußte. »Dieses Vieh!« wiederholte Tschitschikow immer wieder.

»Schauen Sie, da beginnen seine Besitzungen,« sagte Platonow, »das sieht gleich ganz anders aus!«

Und in der Tat: die ganze Fläche war von einem angepflanzten Wald mit pfeilgeraden Bäumchen bedeckt; hinter ihnen erhob sich ein zweiter junger Wald mit etwas höheren Bäumen; dahinter ein alter Wald, und einer immer höher als der andere. Und dann kam wieder eine dicht bewaldete Strecke in der gleichen Anordnung: erst ein junger und hinter diesem ein alter Wald. So fuhren sie dreimal durch die Schonungen wie durch Tore in einer Mauer. »Das ist bei ihm alles in acht, höchstens zehn Jahren gewachsen; bei einem anderen wäre es auch in zwanzig Jahren nicht so weit.«

»Wie hat er es nur gemacht?«

»Fragen Sie ihn. Der versteht sich so auf die Bodenverhältnisse, daß bei ihm nichts verloren geht. Er kennt nicht nur den Boden, er weiß auch, was für eine Nachbarschaft jede Pflanze braucht und was für Bäume neben jeder Getreideart wachsen müssen. Jedes Ding erfüllt bei ihm zugleich drei und vier Bestimmungen. Der Wald dient ihm nicht nur als Wald, sondern auch dazu, um an einer bestimmten Stelle eine bestimmte Menge Feuchtigkeit den Feldern abzugeben, eine bestimmte Menge gefallenes Laub zum Dunge zu liefern und soundsoviel Schatten zu spenden . . . Wenn bei allen anderen Trockenheit herrscht, gibt's bei ihm keine Trockenheit; wenn alle von einer Mißernte heimgesucht sind, gibt's bei ihm keine Mißernte. Schade, daß ich von diesen Dingen wenig verstehe und es nicht richtig erzählen kann, denn es gibt bei ihm so wunderbare Kunststücke . . . Man nennt ihn auch einen Zauberer. Er hat viele solche Dinge . . . Und doch ist es so langweilig . . .«.

– Das muß wohl wirklich ein merkwürdiger Mann sein, – dachte sich Tschitschikow. – Es ist nur traurig, daß der junge Mensch so oberflächlich ist und nicht zu erzählen versteht. –

Endlich zeigte sich das Dorf. Es lag wie eine richtige Stadt auf drei Anhöhen, von denen eine jede von einer Kirche überragt wurde, und zwischen den vielen Häusern erhoben sich überall riesenhafte Getreide- und Heuschober. – Ja, man sieht, daß hier ein hervorragender Gutsbesitzer wohnen muß! – dachte sich Tschitschikow. – Die Bauernhäuser waren alle gut gebaut, die Straßen festgestampft; wenn irgendwo ein Wagen stand, so war er nagelneu und fest; die Bauern hatten alle kluge Gesichter; das Hornvieh war von ausgesuchter Schönheit; selbst die Bauernschweine sahen wie Edelleute aus. Man sah, daß hier die Bauern wohnten, die, wie es im Liede heißt, das Silber mit Schaufeln zusammenscharren. Es gab hier keine englischen Parkanlagen, keinen Rasen und sonstigen Firlefanz; dafür zog sich nach alter Sitte eine Straße von Speichern und Arbeitshäusern bis zum Herrenhause hin, so daß der Herr alles, was geschah, überblicken konnte; das hohe Hausdach wurde von einem Turm überragt; dieser diente aber nicht als Schmuck und nicht, um die Aussicht zu bewundern, sondern um es dem Hausherrn zu ermöglichen, die auf den entfernteren Feldern vor sich gehenden Arbeiten zu überwachen. Vor dem Hause wurden sie von flinken Dienern empfangen, die so ganz anders aussahen als der Saufbold Petruschka, obwohl sie keine Fräcke anhatten, sondern Kosakenröcke aus hausgewebtem, blauem Tuch.

Die Hausfrau selbst lief auf die Freitreppe hinaus. Sie war frisch wie Milch und Blut, schön – wie ein sonniger Tag; sie glich Platonow wie ein Tropfen dem anderen, doch nur mit dem Unterschied, daß sie nicht so fade war wie er, sondern gesprächig und lustig.

»Guten Tag, Bruder! Wie freue ich mich, daß du gekommen bist. Konstantin ist nicht zu Hause, muß aber gleich kommen.«

»Wo ist er denn?«

»Er hat im Dorfe mit einigen Aufkäufern zu tun«, sagte sie, die Gäste ins Zimmer geleitend.

Tschitschikow betrachtete neugierig die Behausung dieses ungewöhnlichen Menschen, der ein Einkommen von zweihunderttausend Rubel hatte, und hoffte an dieser die Eigenschaften des Hausherrn selbst zu erkennen, wie man nach einer leeren Muschelschale auf die Eigenschaften der Auster oder Schnecke schließt, die in ihr einst gewohnt und ihren Abdruck hinterlassen hat. Er konnte aber keinerlei Schlüsse ziehen. Die Zimmer waren einfach, sogar leer: es gab weder Fresken, noch Bilder, noch Bronzen, noch Blumen, noch Etageren mit Porzellan, nicht einmal Bücher. Mit einem Worte, alles wies darauf hin, daß das Leben des Wesens, das hier wohnte, sich gar nicht in den vier Wänden des Zimmers, sondern im Felde abwickelte; und daß es selbst seine Pläne nicht vorher, sybaritisch in einem bequemen Sessel vor dem Kaminfeuer sitzend, erwog, sondern daß sie ihm an Ort und Stelle in den Sinn kamen und sofort ins Werk umgesetzt wurden. In den Zimmern konnte Tschitschikow nur die Spuren der Tätigkeit einer Hausfrau erblicken: auf den Tischen und Stühlen lagen saubere Lindenbretter, und auf diesen waren irgendwelche Blumenblätter zum Trocknen ausgebreitet . . .

»Was ist das für ein Dreck, der da herumliegt, Schwester?« fragte Platonow.

»Wieso Dreck!« rief die Hausfrau. »Das ist das beste Mittel gegen Fieber. Im vorigen Jahre haben wir damit alle Bauern kuriert. Dieses da ist für Likör bestimmt, dieses aber wird mit Zucker eingemacht. Ihr lacht alle über unser Eingemachtes und in Salz Eingelegtes, wenn ihr es aber eßt, lobt ihr es selbst.«

Platonow trat ans Klavier und blätterte in den Noten.

»Mein Gott! Dieses alte Zeug!« sagte er. »Schämst du dich denn nicht, Schwester?«

»Du mußt schon entschuldigen, Bruder, ich habe keine Zeit zum Musizieren. Ich habe eine achtjährige Tochter, die ich unterrichten muß. Sie einer ausländischen Gouvernante überliefern, um selbst freie Zeit zum Musizieren zu haben, so was tue ich nicht, du mußt schon entschuldigen, Bruder.«

»Wie langweilig du doch geworden bist, Schwester!« sagte Platonow, ans Fenster tretend. »Da kommt er ja schon, er kommt!« rief er plötzlich.

Auch Tschitschikow eilte ans Fenster. Dem Hause näherte sich ein etwa vierzigjähriger Mann, mit lebhaftem, gebräuntem Gesicht, in einem Rock aus Kamelhaartuch. Auf seine Kleidung gab er wohl nicht viel. Er trug eine Mütze aus Wollsammet. Rechts und links von ihm gingen zwei Männer niederen Standes, ohne Mützen, in ein Gespräch mit ihm vertieft; der eine war ein einfacher Bauer, der andere wohl ein zugereister Dorfwucherer, ein durchtriebener Kerl, in blauem Rock. Da sie alle vor dem Hause stehenblieben, konnte man ihre Unterhaltung im Zimmer hören.

»Macht es lieber so: kauft euch bei eurem Herrn los. Ich will euch auch das Geld vorstrecken, und ihr arbeitet es mir später ab.«

»Nein, Konstantin Fjodorowitsch, warum sollen wir uns loskaufen? Nehmen Sie uns so. Von Ihnen kann man ja jede Weisheit lernen. Einen so klugen Menschen findet man nicht so bald wieder. Heutzutage kann man sich selbst gar nicht in acht nehmen: es ist ein wahres Unglück. Die Branntweinschenker brauen solche Schnäpse, daß sich einem gleich nach dem ersten Glase der Magen umdreht und man hinterher einen ganzen Eimer Wasser aussaufen möchte; ehe man sich's versieht, hat man sein ganzes Geld vertrunken. Es gibt viele Versuchungen. Man möchte glauben, daß der Böse die Welt regiert, bei Gott! Man führt allerlei Dinge ein, um die Bauern verrückt zu machen: Tabak und ähnliches Zeug . . . Was soll man da machen, Konstantin Fjodorowitsch? Man ist nur ein Mensch und kann sich nicht beherrschen.«

»Hör' einmal: bei mir bleibt ihr doch immer Leibeigene. Ihr bekommt zwar gleich je eine Kuh und ein Pferd und alles andere zugewiesen, aber ich verlange von meinen Bauern mehr als jeder andere Gutsbesitzer. Bei mir mußt du arbeiten: ganz gleich, ob für mich oder für dich selbst; Müßiggang dulde ich nicht. Auch ich selbst arbeite wie ein Ochs, ebenso meine Bauern, denn ich habe das schon selbst erfahren: wenn man nicht arbeitet, so fallen einem allerlei Dummheiten ein. Überlegt es euch also in eurer Gemeinde und besprecht es miteinander.«

»Wir haben schon darüber gesprochen, Konstantin Fjodorowitsch. Das sagen auch die Alten: ›Was ist da noch viel zu reden?‹ Jeder Bauer ist bei Ihnen reich: das wird schon seinen Grund haben. Auch die Geistlichen sind mitleidig. Uns hat man aber unsere Geistlichen genommen, und wir haben niemand, der einen beerdigen kann.«

»Geh doch hin und besprich es mit deinen Leuten.«

»Zu Befehl!«

»Sie müssen schon so gut sein, Konstantin Fjodorowitsch, und ein wenig nachlassen«, sagte der zugereiste Dorfwucherer im blauen Rock, an der anderen Seite gehend.

»Ich hab's schon, einmal gesagt: ich mag nicht handeln. Ich bin nicht wie mancher andere Gutsbesitzer, zu dem du gerade an dem Tage kommst, wo er der Leihkasse die Zinsen bezahlen muß. Ich kenne euch ja: ihr habt Listen, in denen vermerkt ist, wer und wieviel er zu zahlen hat. Ist das ein Kunststück? Wenn er das Geld dringend braucht, gibt er dir die Ware auch zum halben Preis her. Was brauche ich aber dein Geld? Die Ware kann bei mir auch drei Jahre liegen: ich brauche keine Zinsen an die Leihkasse zu zahlen.«

»Das ist auch vernünftig, Konstantin Fjodorowitsch. Ich mache das Geschäft doch nur, um auch in Zukunft mit Ihnen in Verbindung zu bleiben, und nicht aus Geldgier. Wollen Sie also die dreitausend Rubel Anzahlung nehmen.« Der Dorfwucherer holte aus dem Busen einen Pack fettiger Banknoten. Kostanschoglo nahm sie ihm höchst kaltblütig aus der Hand und steckte sie, ohne nachzuzählen, in die hintere Rocktasche.

– Hm! – dachte sich Tschitschikow, – ganz als ob es ein Taschentuch wäre! – Kostanschoglo zeigte sich in der Salontür. Er machte auf Tschitschikow jetzt einen noch größeren Eindruck durch sein sonnengebräuntes Gesicht, seine struppigen schwarzen Haare, die stellenweise vorzeitig ergraut waren, den lebhaften Ausdruck der Augen und sein ganzes etwas galliges südländisches Aussehen. Er war kein reiner Russe. Er wußte selbst nicht, woher seine Vorfahren stammten. Er interessierte sich nicht für seinen Stammbaum, da er der Ansicht war, daß dies unwichtig sei und für die Landwirtschaft keine Bedeutung habe. Er hielt sich für einen Russen und kannte auch keine andere Sprache außer der russischen.

Platonow stellte ihm Tschitschikow vor. Die Schwäger küßten sich.

»Um mich von meiner Langweile zu kurieren, habe ich mich entschlossen, eine Reise durch einige Gouvernements zu machen, Konstantin«, sagte Platonow. »Und Pawel Iwanowitsch machte mir den Vorschlag, mich ihm anzuschließen.«

»Sehr schön«, sagte Kostanschoglo. »Welche Gegenden«, fuhr er fort, sich freundlich an Tschitschikow wendend, »gedenken Sie auf Ihrer Reise zu besuchen?«

»Offen gestanden,« antwortete Tschitschikow, den Kopf höflich auf die Seite neigend und zugleich mit der Hand die Armlehne des Sessels streichelnd, »fahre ich weniger in eigenen Geschäften als in einer fremden Angelegenheit. Der General Betrischtschew, mein naher Freund und, ich darf wohl sagen, Wohltäter, bat mich, seine Verwandten zu besuchen. Verwandte hin, Verwandte her, doch ich fahre auch sozusagen im eigenen Interesse: ganz abgesehen vom Nutzen im Hinblick auf die Hämorrhoiden, ist auch die Bekanntschaft mit der Welt und dem Strudel der Menschen sozusagen ein lebendiges Buch, eine eigene Wissenschaft.«

»Ja, es schadet gar nicht, sich gewisse Winkel anzusehen.«

»Sie haben es ganz vortrefflich bemerkt: es schadet wirklich nicht, das ist das richtige Wort. Man sieht Dinge, die man sonst nicht zu Gesicht bekommt; man lernt Menschen kennen, die man sonst nicht kennenlernen würde. Das Gespräch mit manch einem Menschen ist einen Dukaten wert, wie zum Beispiel jetzt, wo ich die Gelegenheit habe . . . Ich wende mich an Sie, verehrtester Konstantin Fjodorowitsch, lehren Sie mich, lehren Sie mich, stillen Sie meinen Durst durch Belehrung. Ich ersehne Ihre süßen Worte wie himmlisches Manna.«

»Ja, was soll ich Sie lehren?« sagte Kostanschoglo verlegen. »Ich habe ja selbst keine richtige Bildung genossen.«

»Lehren Sie mich Weisheit, Verehrtester, Weisheit: die Kunst, das schwierige Steuer der Landwirtschaft zu handhaben, die Kunst, sichere Gewinne zu erzielen, ein Vermögen zu erwerben, kein imaginäres, sondern ein greifbares Vermögen und damit die Bürgerpflicht zu erfüllen und die Achtung seiner Landsleute zu erlangen.«

»Wissen Sie was?« sagte Kostanschoglo, ihn nachdenklich anschauend: »Bleiben Sie einen Tag bei mir. Ich will Ihnen den ganzen Verwaltungsmechanismus zeigen und alles erklären. Sie werden sehen, daß gar nicht viel Weisheit dahintersteckt.«

»Natürlich, bleiben Sie doch!« sagte die Hausfrau. Darauf wandte sie sich an ihren Bruder und fügte hinzu: »Bruder, bleib doch da, du hast ja nichts zu versäumen.«

»Mir ist es gleich. Was meint Pawel Iwanowitsch?«

»Ich bleibe mit dem größten Vergnügen . . . Aber es ist noch so ein Umstand: ein Verwandter des Generals Betrischtschew, ein gewisser Oberst Koschkarjow . . .«

»Der ist ja verrückt!«

»Er ist allerdings verrückt. Ich würde ihn gar nicht besuchen, aber der General Betrischtschew, mein naher Freund und, ich darf wohl sagen, Wohltäter . . .«

»In diesem Falle, wissen Sie was?« sagte Kostanschoglo. »Fahren Sie zu ihm hin, es sind keine zehn Werst von hier. Meine Droschke ist fertig angespannt – fahren Sie gleich zu ihm hin. Sie können zum Tee wieder zurück sein.«

»Ein ausgezeichneter Gedanke!« rief Tschitschikow und griff nach seinem Hut.

Die Droschke fuhr vor und brachte ihn in einer halben Stunde zum Obersten. Das Dorf war in einem chaotischen Zustand. Neubauten, Umbauten, Haufen von Ziegelsteinen, Mörtel und Balken in allen Straßen. Es gab einige Häuser, die wie Amtsgebäude aussahen. Auf dem einen stand in goldenen Lettern: »Depot der landwirtschaftlichen Geräte«; auf einem anderen: »Hauptrechnungsexpedition«; ferner: »Komitee für Bauernangelegenheiten«; »Schule für die Normalbildung der Landleute«. Mit einem Worte – weiß der Teufel, was es da nicht alles gab!

Er traf den Obersten mit einer Feder in den Zähnen vor einem hohen Schreibpult stehen. Der Oberst empfing Tschitschikow mit ausgesuchter Liebenswürdigkeit. Er sah äußerst gutmütig und freundlich aus: er begann ihm zu erzählen, wieviel Mühe es ihn gekostet habe, das Gut in den jetzigen guten Zustand zu bringen; er beklagte sich mit Bedauern, wie schwer es sei, es dem Bauern verständlich zu machen, daß es höhere Triebe gebe, die der Mensch aus einem aufgeklärten Luxus, aus Kunst und Kunstgewerbe schöpfen könne; daß es ihm bisher noch nicht gelungen sei, die Bauernweiber so weit zu bringen, daß sie Korsetts tragen, während in Deutschland, wo er sich im Jahre 1814 mit einem Regiment aufhielt, die Müllerstochter Klavier spielen konnte; daß er es aber, trotz dieses hartnäckigen Verharrens in der Unbildung, erreichen werde, daß der Bauer, hinter dem Pfluge hergehend, zugleich ein Buch über Franklins Blitzableiter, oder Vergils »Georgika«, oder die »Chemische Untersuchung des Ackerbodens« lesen wird.

– Ja, freilich! – dachte sich Tschitschikow. – Und ich bin mit der »Gräfin Lavallière« noch immer nicht fertig: finde immer keine Zeit dazu. –

Vieles sprach noch der Oberst darüber, wie man die Menschen zum Wohlstande bringen könne. Er maß dabei eine große Bedeutung der Kleidung zu: er setzte seinen Kopf dafür ein, daß, wenn man nur auch eine Hälfte der russischen Bauern mit deutschen Hosen bekleiden wollte, die Wissenschaften und der Handel sich heben und in Rußland das goldene Zeitalter anbrechen würde.

Tschitschikow hörte lange zu, ihm aufmerksam in die Augen blickend, und sagte sich schließlich: – Mit dem brauche ich wohl keine großen Umstände zu machen! – Und er erklärte ihm ohne Umschweife, was er für Seelen brauche und was für Verträge und Formalitäten dabei nötig seien.

»Soviel ich aus Ihren Worten ersehe,« sagte der Oberst ohne das geringste Erstaunen, »ist das eine Bitte, nicht wahr?«

»Gewiß.«

»In diesem Falle wollen Sie sie schriftlich formulieren. Das Gesuch kommt an das ›Bureau zur Entgegennahme von Berichten und Meldungen‹. Das Bureau wird das Gesuch signieren und an mich weiterleiten; von mir kommt es an das ›Komitee für Bauernangelegenheiten‹; dort werden Ermittlungen angestellt, und dann kommt das Gesuch an den Verwalter. Der Verwalter wird aber gemeinsam mit dem Sekretär . . .«

»Erlauben Sie!« rief Tschitschikow: »So wird ja die Sache Gott weiß wie verschleppt! Wie kann man das auch schriftlich behandeln? Das ist ja so eine Sache . . . Die Seelen sind ja gewissermaßen . . . tot.«

»Sehr gut. Erwähnen Sie das in Ihrem Gesuch, daß die Seelen gewissermaßen tot sind.«

»Wie, daß sie tot sind? Das kann man doch nicht hinschreiben! Sie sind zwar tot, es soll aber den Anschein haben, als ob sie noch lebendig wären.«

»Sehr gut. Dann schreiben Sie: ›es ist aber nötig‹, oder: ›es wird verlangt, ersucht, gewünscht, daß es den Anschein habe, als ob sie noch lebendig wären‹. Ohne diese Schreibereien kann man da gar nichts machen. Als Beispiel kann ich Ihnen England oder selbst Napoleon anführen. Ich werde Ihnen einen Kommissionär mitgeben, der Sie an alle diese Stellen geleiten wird.«

Er schwang die Klingel. Sofort erschien irgendein Mann.

»Sekretär! Man schicke mir sofort den Kommissionär!« Darauf erschien der Kommissionär, der halb wie ein Bauer und halb wie ein Beamter aussah. »Er wird Sie an alle die in Betracht kommenden Stellen führen.«

Was war mit dem Obersten zu machen? Tschitschikow entschloß sich, aus bloßer Neugierde mit dem Kommissionär mitzugehen, um die in Betracht kommenden Stellen zu sehen. Das »Bureau zur Entgegennahme von Berichten und Meldungen« existierte nur auf dem Aushängeschild, die Türe war aber verschlossen. Der bisherige Vorstand dieses Bureaus, Chruljow, war an das neugebildete »Komitee für Dorfbauten« versetzt worden. Seine Stellung nahm jetzt der Kammerdiener Beresowskij ein, aber auch der war von der Baukommission irgendwohin abkommandiert worden. Sie klopften im »Komitee für Bauernangelegenheiten« an, aber das wurde gerade umgebaut; sie weckten irgendeinen Betrunkenen, konnten aber von ihm nichts Vernünftiges erfahren. »Bei uns herrscht die größte Unordnung«, sagte endlich der Kommissionär zu Tschitschikow. »Man führt den Herrn an der Nase herum. Die Baukommission hat die ganze Gewalt in Händen: sie nimmt die Leute von der Arbeit weg und schickt sie hin, wohin es ihr beliebt.« Offenbar war er mit der Baukommission unzufrieden. Tschitschikow wollte nichts mehr sehen. Zum Obersten zurückgekehrt, erzählte er ihm, wie die Dinge lagen, was für eine Unordnung bei ihm herrschte, daß man von keinem Menschen was erfahren konnte und daß die »Kommission zur Entgegennahme von Berichten« überhaupt nicht existiert.

Der Oberst schäumte vor edler Empörung und drückte Tschitschikow zum Zeichen des Dankes kräftig die Hand. Er griff sofort nach Papier und Feder und schrieb acht strenge Anfragen: Nach welchem Rechte hat die Baukommission eigenmächtig über die ihr nicht unterstehenden Beamten verfügt? Wie hat es der Hauptverwalter zulassen können, daß sein Vertreter, ohne seinen Posten jemand anderem abzugeben, sich zu einer Untersuchung begeben hat? Und wie hat es das »Komitee für Bauernangelegenheiten« gleichgültig sehen können, daß das »Bureau zur Entgegennahme von Berichten und Meldungen« gar nicht existiert?

– Nun wird es ein Donnerwetter geben! – dachte sich Tschitschikow und wollte schon wegfahren.

»Nein, ich lasse Sie nicht fort. Hier steht meine Ehre auf dem Spiele. Ich will Ihnen zeigen, was ein organisches, geregeltes Wirtschaftssystem ist. Ich will mit Ihrer Sache einen Mann betrauen, der allein mehr wert ist als alle anderen: er hat eine Universität absolviert. Ja, solche Leibeigene habe ich! Um die kostbare Zeit nicht zu verlieren, möchte ich Sie bitten, sich in meiner Bibliothek umzuschauen«, sagte der Oberst, eine Seitentüre öffnend. »Hier finden Sie Bücher, Papier, Federn, Bleistifte, alles. Sie dürfen über alles verfügen, Sie sind hier der Herr. Die Aufklärung muß allen offenstehen.«

So sprach Koschkarjow, indem er ihn in seine Bücherei geleitete. Es war ein großer, von unten bis oben mit Büchern angefüllter Saal. Es gab hier sogar ausgestopfte Tiere. Es gab Bücher über alle Zweige der Landwirtschaft: über Forstwissenschaft, Viehzucht, Schweinezucht, Gartenbau; Fachzeitschriften über alles mögliche, die man zugeschickt bekommt mit der Aufforderung, sie zu abonnieren, die man aber nicht liest. Als Tschitschikow sah, daß es keine Unterhaltungslektüre war, wandte er sich einem andern Schrank zu und geriet aus dem Regen in die Traufe: es waren lauter Werke über Philosophie. Sechs dicke Bände fielen ihm in die Augen mit dem Titel: »Vorbereitende Einleitung in das gesamte Gebiet des Denkens. Theorie der Gesamtheit, Gemeinsamkeit und Wesenheit mit Anwendung auf die Erkenntnis der organischen Grundlagen der Zweiteilung der sozialen Produktivität«. Was für ein Buch Tschitschikow auch aufschlug, auf jeder Seite las er: »Manifestation«, »Evolution«, »Abstraktion«, »Geschlossenheit« und weiß der Teufel, was noch alles! – Das ist nichts für mich! – sagte Tschitschikow und wandte sich einem dritten Schrank zu, in dem kunstwissenschaftliche Werke standen. Hier holte er einen riesengroßen Band mit leichtsinnigen mythologischen Abbildungen hervor und begann diese zu betrachten. Solche Bilder gefallen oft Junggesellen in mittleren Jahren, auch manchen alten Herren, die sich vom Ballett und ähnlichen gepfefferten Leckerbissen anregen lassen. Nachdem er mit dem einen Band fertig war, zog er einen andern von der gleichen Art heraus, als Oberst Koschkarjow mit strahlendem Gesicht und einem Papier in der Hand hereinkam.

»Alles ist erledigt, und zwar wunderbar erledigt! Der Mann, von dem ich vorhin sprach, ist ein wahres Genie. Dafür werde ich ihn über alle setzen und für ihn allein ein eigenes Departement gründen. Schauen Sie nur, was das für ein heller Kopf ist und wie er das in den wenigen Minuten erledigt hat.«

– Na, Gott sei Dank! – dachte sich Tschitschikow und wurde ganz Ohr. Der Oberst las:

»Indem ich an die Überlegung des mir von Ew. Hochwohlgeboren erteilten Auftrages gehe, beehre ich mich, zu diesem folgendes zu melden:

»I. Schon im Gesuch des Herrn Kollegienrats und Ritters Pawel Iwanowitsch Tschitschikow ist ein Mißverständnis enthalten, da darin die in den Revisionslisten geführten Seelen versehentlich tote genannt werden. Darunter wird wohl der erwähnte Herr die dem Tode nahen, doch nicht toten Seelen gemeint haben. Auch weist eine solche Benennung auf ein empirisches Studium der Wissenschaften und auf einen Bildungsgang hin, der sich wahrscheinlich auf eine niedere Gemeindeschule beschränkt hat; denn die Seele ist unsterblich.«

»Dieser Schelm!« sagte Koschkarjow zufrieden, die Vorlesung unterbrechend: »Hier hat er Ihnen einen Seitenhieb versetzt. Aber Sie müssen gestehen, daß der Stil ausgezeichnet ist!«

»II. In unserm Gute sind keinerlei unverpfändete, weder dem Tode nahe noch sonstige Revisionsseelen vorhanden, denn alle Seelen ohne Ausnahme sind nicht nur mit einfachen, sondern auch, unter Nachzahlung von einhundertfünfzig Rubeln pro Seele, mit zweiten Hypotheken belastet, mit Ausnahme der Leibeigenen des kleinen Dorfes Gurmailowka, welches infolge des mit dem Gutsbesitzer Predischtschew schwebenden Prozesses strittig und infolgedessen vom Gericht mit Arrest belegt worden ist, worüber in Nr. 4a der »Moskauer Nachrichten« eine Anzeige erlassen worden ist.«

»Warum haben Sie es mir dann nicht gleich gesagt? Warum hielten Sie mich unnütz auf?« sagte Tschitschikow empört.

»Ja, ich wollte, daß Sie es durch die Formalitäten des schriftlichen Instanzenweges ersehen. Sonst ist es kein Kunststück. Unbewußt kann es auch ein Dummkopf sehen, man soll aber so was bewußt erfassen.«

Tschitschikow griff empört nach seiner Mütze und lief, alle Anstandspflichten außer acht lassend, aus dem Hause: er war aufs höchste aufgebracht. Der Kutscher hielt mit der Droschke vor der Tür, da er wußte, daß es keinen Zweck hatte, die Pferde auszuspannen: wollte man den Pferden Futter geben, so müßte man erst ein schriftliches Gesuch einreichen und die Resolution, den Pferden Hafer zu verabreichen, würde erst am nächsten Tage erfolgen. Der Oberst lief aber hinaus; er drückte Tschitschikow gewaltsam die Hand, drückte sie an sein Herz und dankte ihm dafür, daß er ihm Gelegenheit gegeben hatte, den Verwaltungsmechanismus in der Praxis zu sehen; er sagte, daß man den Leuten schon ordentlich einheizen müsse, weil sonst die Federn dieses Mechanismus verrosten und schlaff werden können; daß ihm anläßlich dieses Vorfalls die glückliche Idee gekommen wäre, eine neue Kommission zu bilden, welche »Kommission zur Beaufsichtigung der Baukommission« heißen würde; dann würde es schon niemand wagen, zu stehlen.

Tschitschikow kam böse und unzufrieden zurück, zu einer Stunde, als die Kerzen schon brannten.

»Warum kommen Sie so spät?« fragte Kostanschoglo, als er in der Tür erschien.

»So einen Dummkopf habe ich meinen Lebtag nicht gesehen!« entgegnete Tschitschikow.

»Das ist noch gar nichts!« versetzte Kostanschoglo. »Koschkarjow ist noch eine tröstliche Erscheinung. So ein Mensch ist sogar nützlich, weil sich in ihm karikiert und auffallend alle Dummheiten unserer Klugen spiegeln – der Klugen, die, ohne ihre Heimat richtig zu kennen, sich im Auslande allerlei Unsinn in den Kopf setzen. Solche Gutsbesitzer sind jetzt aufgekommen: sie haben allerlei Bureaus, Manufakturen, Schulen und Kommissionen und weiß der Teufel was noch alles eingeführt! So sind diese Klugen! Kaum fing das Land an, sich nach der Franzoseninvasion von 1812 zu erholen, als sie es schon wieder ruiniert haben. Sie haben es noch mehr heruntergebracht als der Franzose, so daß ein Pjotr Petrowitsch Pjetuch noch als guter Gutsbesitzer erscheint.«

»Aber auch der hat schon alles verpfändet«, bemerkte Tschitschikow.

»Na ja, alles wird verpfändet.« Nach diesen Worten fing Kostanschoglo an, allmählich böse zu werden. »Da hat einer eine Hut- und eine Kerzenfabrik gegründet, hat sich die Meister aus London verschrieben, ist zu einem Krämer geworden! Gutsbesitzer ist doch ein ehrenvoller Beruf, aber er wird Manufakturist und Fabrikant! Spinnereien, um für die städtischen Dirnen Tüll herzustellen . . .«

»Du hast aber doch auch Fabriken«, bemerkte Platonow.

»Wer hat sie eingeführt? Bei mir sind sie ganz von selbst entstanden. Als sich so viel Wolle angesammelt hatte, daß ich sie nicht mehr los werden konnte, fing ich an, Tuche zu weben, doch einfache, dicke Tuche – die werden zum billigen Preise auf meinen Dorfmärkten verkauft; der Bauer, mein Bauer braucht sie. Die Fischer hatten sechs Jahre lang die Fischschuppen einfach am Ufer liegen lassen, – nun, was soll ich mit dem Zeug machen? Da fing ich an, aus ihnen Leim zu sieden, und das hat mir Vierzigtausend abgeworfen. Alles ist bei mir so.«

– So ein Teufel! – dachte sich Tschitschikow, ihn unverwandt anblickend: – So eine glückliche Hand! –

»Und ich habe mich darauf nur darum verlegt, weil so viele Arbeiter zusammengelaufen waren, die sonst Hungers gestorben wären: es war ein Hungerjahr, und zwar dank den Herren Fabrikanten, die die Saat versäumt hatten. Solche Fabriken gibt's bei mir genug, Bruder. Jedes Jahr entsteht eine andere, je nach dem, was für Abfälle und Reste sich gerade angesammelt haben. Wenn du dich nur aufmerksam in deiner Wirtschaft umsiehst, so kann dir jeder Dreck, den du als unnötig fortwirfst, etwas einbringen. Meine Fabriken sind auch keine Paläste mit Säulen und Frontons!«

»Es ist erstaunlich . . . Am erstaunlichsten aber ist, daß man an jedem Dreck etwas verdienen kann«, sagte Tschitschikow.

»Ich bitte Sie! Wenn man die Sache nur ganz einfach auffaßt, wie sie ist. Jeder will aber gleich Mechaniker sein und das Kästchen, das ganz einfach aufgeht, mittels eines Instrumentes öffnen. Er wird zu dem Zweck zuerst nach England hinüberfahren, das ist die Sache! Diese Narren!« Nach diesen Worten spuckte Kostanschoglo aus. »Und wenn er zurückkommt, so ist er hundertmal dümmer, als er schon war!«

»Ach, Konstantin, du regst dich schon wieder auf!« sagte seine Frau besorgt. »Du weißt doch, daß dir das schadet.«

»Wie soll ich mich nicht aufregen? Wenn das noch eine fremde Angelegenheit wäre; aber es geht mir so furchtbar nahe! Es ärgert mich, daß der russische Charakter verdorben wird; im russischen Charakter ist jetzt eine Donquichotterie aufgekommen, die ihm früher fremd war! Wenn sich der Russe auf Volksaufklärung verlegt, so wird er zu einem Don Quichotte und führt gleich solche Schulen ein, wie sie auch einem Dummkopf nicht einfallen würden! Und diese Schulen ziehen Menschen heran, die zu gar nichts taugen, weder für die Stadt, noch fürs Land: die verstehen nur zu trinken und sich was auf ihre Menschenwürde einzubilden. Verlegt er sich auf Philanthropie – so wird er zu einem Don Quichotte der Philanthropie: er baut für eine Million Rubel ganz dumme Spitäler und ähnliche Anstalten mit Säulen und richtet sich selbst und die anderen zugrunde: das ist seine Philanthropie!«

Tschitschikow interessierte sich aber nicht für Volksaufklärung; er wollte von Kostanschoglo ausführlich erfahren, wie man aus jedem Dreck einen Nutzen ziehen kann; Kostanschoglo ließ ihn aber gar nicht zu Worte kommen: immer neue gallige Worte kamen von seinen Lippen, und er konnte sie nicht mehr aufhalten. »Die Leute zerbrechen sich den Kopf, wie man den Bauer aufklären soll . . . mach ihn erst zu einem reichen, tüchtigen Landwirt, dann wird er schon selbst etwas lernen. Sie können sich gar nicht vorstellen, wie dumm heute die ganze Welt geworden ist! Was diese Federfuchser nicht alles schreiben! Wenn so einer ein Buch erscheinen läßt, stürzen sich gleich alle darauf. Jetzt sagen sie: ›Der Bauer führt ein viel zu einfaches Leben; man muß ihn mit dem Luxus bekannt machen und ihm Bedürfnisse einflößen, die sein Vermögen übersteigen . . .‹ Da sie selbst dank diesem Luxus Waschlappen und keine Menschen sind, da sie sich weiß der Teufel was für Krankheiten zugelegt haben, und weil es keinen achtzehnjährigen Jungen mehr gibt, der nicht alles durchgekostet hätte, so daß er keine Zähne mehr hat und kahl ist wie eine Schweinsblase – so wollen sie auch die anderen anstecken. Gott sei Dank, daß wir noch einen gesunden Stand haben, der alle diese Errungenschaften nicht kennt! Dafür müssen wir wirklich Gott danken. Der Ackerbauer ist unser ehrbarster Stand; was rührt man ihn an? Gott gebe, daß alle Leute so wären wie der Ackerbauer!«

»Sie glauben also, daß der Ackerbau das lohnendste Unternehmen ist?« fragte Tschitschikow.

»Nicht das lohnendste, aber das rechtschaffenste. Es steht auch geschrieben: ›Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen.‹ Da gibt es nichts zu klügeln. Es ist durch die Erfahrung der Jahrhunderte nachgewiesen, daß der Ackerbauer moralischer, edler und reiner ist und höher steht als jeder andere Mensch. Ich sage ja nicht, daß man nichts anderes anfangen soll; der Ackerbau soll aber allem andern zugrunde liegen, das ist es! Fabriken werden ganz von selbst entstehen, auf einer natürlichen Grundlage, um Dinge zu liefern, die der Mensch an Ort und Stelle braucht, und nicht zur Befriedigung von Bedürfnissen, die den Menschen heute so geschwächt haben. Es sind nicht die Fabriken, die zur Sicherung ihres Absatzes auf die gemeinste Weise vorgehen und das unglückliche Volk verderben und demoralisieren. Was mich betrifft, so werde ich nie so eine Fabrik gründen, die höhere Bedürfnisse weckt – und wenn man mir noch soviel von ihrem Nutzen erzählt –, also keinen Tabak und keinen Zucker erzeugen, und wenn ich auch eine Million verlieren müßte. Wenn schon die Demoralisation in die Welt kommen soll, dann nicht durch meine Hände! Ich will vor Gott gerecht dastehen . . . Ich lebe schon seit zwanzig Jahren mit dem Volke; ich weiß, wozu das führt.«

»Mir erscheint es am erstaunlichsten, daß man bei einer vernünftigen Wirtschaftsführung aus jedem Dreck, aus allen Abfällen Nutzen ziehen kann.«

»Ja, und die Volkswirtschaftler!« fuhr Kostanschoglo mit einem gallig-sarkastischen Gesichtsausdruck fort, ohne auf ihn zu hören. »Das sind mir gute Volkswirtschaftler! Durch die Bank Dummköpfe, und keiner sieht weiter, als seine dumme Nase reicht. So ein Esel steigt aber aufs Katheder, setzt sich die Brille auf . . . Idioten!« Und er spuckte ärgerlich aus.

»Das stimmt alles, aber rege dich bitte nicht so auf«, sagte seine Frau. »Als könnte man nicht über diese Dinge reden, ohne außer sich zu geraten.«

»Wenn man Ihnen zuhört, verehrtester Konstantin Fjodorowitsch, so dringt man sozusagen in den Sinn des Lebens ein, betastet gleichsam den Kern der Sache. Gestatten Sie mir aber, das Allgemein-Menschliche beiseite zu lassen und Ihre Aufmerksamkeit für eine Privatangelegenheit in Anspruch zu nehmen. Wenn ich, sagen wir, Gutsbesitzer geworden bin und die Absicht habe, in kurzer Zeit reich zu werden, um auf diese Weise sozusagen die wichtigste Bürgerpflicht zu erfüllen – was soll ich da anfangen?«

»Was man anfangen soll, um reich zu werden?« fiel ihm Kostanschoglo ins Wort. »Das will ich Ihnen gleich sagen . . .«

»Wir wollen zu Abend essen«, sagte die Hausfrau, vom Sofa aufstehend; sie trat in die Mitte des Zimmers und hüllte ihre jungen, durchfrorenen Glieder in ein Tuch.

Tschitschikow sprang mit einer beinahe militärischen Gewandtheit vom Stuhle auf, bot ihr seinen Arm und führte sie feierlich durch zwei Zimmer ins Eßzimmer, wo schon die Terrine ohne Deckel auf dem Tisch stand, einen angenehmen Duft der Suppe aus frischem Grünzeug und den ersten Kräutern des Frühjahrs verbreitend. Alle nahmen Platz. Die Diener stellten flink sämtliche Gerichte zugleich nebst allem Zubehör in zugedeckten Schüsseln auf den Tisch und entfernten sich. Kostanschoglo liebte es nicht, daß die Lakaien den Gesprächen der Herrschaften zuhörten, und noch viel weniger, daß sie ihm in den Mund sahen, wenn er aß.

Nachdem Tschitschikow die Suppe ausgelöffelt und ein Glas von einem wunderbaren Getränk getrunken hatte, das an Ungarwein erinnerte, wandte er sich an den Hausherrn mit folgenden Worten: »Gestatten Sie mir, Verehrtester, zum Gegenstand unseres unterbrochenen Gesprächs zurückzukehren. Ich fragte Sie, was man anstellen muß, wie man es anfangen soll . . .« . . .

»Ein Gut, für das ich auch vierzigtausend Rubel bezahlen würde, wenn er soviel verlangte.«

»Hm!« Tschitschikow wurde nachdenklich. »Warum kaufen Sie es dann nicht selbst?« fragte er etwas schüchtern.

»Alles hat schließlich seine Grenzen. Ich habe mit meinen Gütern auch ohnehin genug zu tun. Außerdem schreien unsere Edelleute, daß ich ihre verzweifelte Lage und ihren Ruin ausnütze und ihre Güter für ein Spottgeld aufkaufe. Das habe ich endlich satt.«

»Was doch alle Menschen für eine Neigung haben, einander zu verleumden!« sagte Tschitschikow.

»Und erst in unserem Gouvernement, das können Sie sich gar nicht vorstellen! Sie nennen mich auch nicht anders als einen Filz und einen Geizhals. Sich selbst rechtfertigen sie natürlich in allen Dingen. ›Ich bin wohl an den Bettelstab gekommen,‹ sagt so einer, ›aber nur, weil ich mit höheren Bedürfnissen lebte, weil ich die Industriellen (d. h. die Gauner, welche . . . unterstützte; man kann ja auch wie ein Schwein leben, wie dieser Kostanschoglo.‹«

»Ich möchte gern selbst solch ein Schwein sein!« sagte Tschitschikow.

»Lauter Unsinn! Was sind das für höhere Bedürfnisse? Wen glauben sie zu betrügen? So einer schafft sich zwar Bücher an, liest sie aber nie. Die Sache endet mit Kartenspiel und . . . Und alles kommt daher, weil ich ihnen keine Diners gebe und kein Geld pumpe. Diners gebe ich nicht, weil dies mir lästig wäre: ich bin es nicht gewohnt. Wenn du aber zu mir kommst, um das zu essen, was ich selbst esse, so bist du mir willkommen. Daß ich kein Geld herleihe, ist Unsinn. Wenn du zu mir wirklich in Notlage kommst und mir ausführlich erzählst, was du mit dem von mir hergeliehenen Geld anfangen willst; wenn ich aus deinen Worten ersehe, daß du es vernünftig verwenden willst und daß mein Geld dir wirklich einen Nutzen abwirft, so schlage ich es dir nicht ab und verzichte sogar auf die Zinsen.«

– Das muß man sich merken! – dachte sich Tschitschikow.

»Niemals würde ich es in einem solchen Falle abschlagen«, fuhr Kostanschoglo fort. »Aber das Geld zum Fenster hinauswerfen – das tue ich nicht. Da muß man mich schon entschuldigen! Hol's der Teufel! Er veranstaltet irgendein Diner für seine Geliebte, oder stattet sein Haus mit wahnsinnig teuren Möbeln aus, oder will mit einer Dirne einen Maskenball besuchen, oder feiert ein Jubiläum zum Andenken daran, daß er solange unnütz auf der Welt gelebt hat, und ich soll ihm das Geld dazu leihen! . . .«

Hier spuckte Kostanschoglo aus und hätte beinahe in Gegenwart seiner Gattin einige unanständige Schimpfworte gebraucht. Ein Ausdruck finsterer Hypochondrie verdüsterte sein Gesicht. An seiner Stirne bildeten sich Längs- und Querfalten, Anzeichen einer zornigen Regung der Galle.

»Gestatten Sie mir, mein Hochverehrter, wieder auf den Gegenstand des unterbrochenen Gesprächs zurückzukommen«, sagte Tschitschikow, indem er noch ein Gläschen Himbeerlikör trank, der wirklich ganz ausgezeichnet war. »Wenn ich, sagen wir, in der Tat das Gut gekauft habe, von dem Sie eben sprachen, wieviel Zeit brauche ich dann, um so reich zu werden, daß . . .«

»Wenn Sie schnell reich werden wollen,« fiel ihm Kostanschoglo rasch ins Wort, »so werden Sie niemals reich werden; wenn Sie dagegen reich werden wollen, ohne nach der Zeit zu fragen, so werden Sie schnell reich werden.«

»So verhält es sich also!« sagte Tschitschikow.

»Ja,« entgegnete Kostanschoglo kurz, als zürnte er Tschitschikow, »man muß die Arbeit lieben: ohne diese Liebe läßt sich nichts anfangen. Man muß die Wirtschaft liebgewinnen, ja! Glauben Sie mir, das ist gar nicht langweilig. Die Leute sagen, auf dem Lande ist es langweilig . . . ich aber würde vor Langweile sterben, wenn ich einen Tag in der Stadt so verbringen müßte, wie sie die Zeit in ihren dummen Klubs, Wirtshäusern und Theatern verbringen. Narren, Dummköpfe, ein närrisches Geschlecht! Der Landwirt darf sich nicht langweilen, er hat keine Zeit dazu. In seinem Leben gibt es auch keinen Zoll leeren Raumes – alles ist angefüllt. Schon diese Abwechslung in der Tätigkeit, und was für einer Tätigkeit! – es sind Beschäftigungen, die wahrhaft den Geist erheben. Man mag sagen, was man will, der Mensch geht hier Hand in Hand mit der Natur, mit den Jahreszeiten, er ist gleichsam Mitarbeiter und Mitberater an allem, was in der Schöpfung geschieht. Betrachten Sie mal den Jahreszyklus seiner Arbeiten: wie schon vor Frühlingsbeginn alles auf der Lauer liegt und den Frühling erwartet; die Saat wird vorbereitet, das Getreide in den Scheunen wird durchgelesen, nachgemessen und getrocknet; die Arbeitsleistungen der Bauern werden neu festgesetzt. Alles wird im voraus nachgesehen und berechnet. Und wenn das Eis bricht und die Flüsse wieder frei dahinfließen, wenn alles trocken wird und die Erde sich lockern läßt – da arbeitet in den Gemüsepflanzungen und Gärten der Spaten, und im Felde der Pflug und die Egge; es wird gepflanzt, gesetzt und gesät. Verstehen Sie das? Eine Kleinigkeit: die künftige Ernte wird ausgesät! Die Nahrung von Millionen! Nun ist der Sommer angebrochen . . . Es wird gemäht und gemäht . . . Und schon ist man mitten in der Ernte; erst Roggen, dann wieder Roggen, dann Weizen, Gerste und Hafer . . . Alles kocht; man darf keine Minute versäumen: und wenn man auch zwanzig Augen hat, so haben alle zwanzig genug zu tun. Und wenn man mit diesen Arbeiten fertig ist, heißt es, die Ernte in die Tennen zusammenfahren und zu Schobern aufschichten, die Äcker für die Wintersaat bestellen, die Scheunen, Schuppen und Viehställe für den Winter instand setzen; zugleich kommen alle die Weiberarbeiten; und wenn man hinterher das Fazit zieht und sieht, was man geschafft hat, so ist es ja . . . Und der Winter! Auf allen Tennen wird gedroschen, und das gedroschene Getreide aus den Darren in die Speicher gebracht. Man geht in die Mühle, man geht auch in die Fabriken, man schaut in den Arbeitshof hinein, man schaut auch beim Bauern nach, was er für sich selbst arbeitet. Wenn ein Zimmermann richtig mit der Axt umgeht, so bin ich imstande, ihm zwei Stunden lang zuzusehen: solche Freude macht mir seine Arbeit. Und wenn man dabei sieht, wie zweckmäßig alles gemacht wird, wie alles sich mehrt und Frucht und Gewinn bringt, so kann ich Ihnen gar nicht sagen, wie dabei einem zumute ist. Und nicht weil sich das Geld vermehrt – Geld hin, Geld her –, sondern weil alles das Werk deiner Hände ist; weil du siehst, daß du die Ursache und der Schöpfer dieser Dinge bist und daß du wie ein Magier den Überfluß und Wohlstand ausstreust. Ja, wo finden Sie einen höheren Genuß?« sagte Kostanschoglo. Er hob sein Gesicht, und plötzlich waren die Falten verschwunden. Wie ein Zar am Tage seiner festlichen Krönung, so leuchtete er ganz, und sein Gesicht sandte Strahlen aus. »In der ganzen Welt werden Sie keinen ähnlichen Genuß finden! Hierin ahmt der Mensch den Schöpfer nach: Gott hat das Werk der Schöpfung als den höchsten Genuß auserkoren und verlangt auch vom Menschen, daß er gleich ihm der Schöpfer eines glückseligen Zustandes in seiner Umgebung sei. Und das nennt man eine langweilige Tätigkeit!«

Tschitschikow lauschte den süßtönenden Reden des Hausherrn wie dem Gesange eines Paradiesvogels. Das Wasser lief ihm im Munde zusammen. Seine Augen leuchteten ölig und süß, und er wollte noch immer mehr hören.

»Konstantin, es ist Zeit, die Tafel aufzuheben!« sagte die Hausfrau und stand auf. Alle erhoben sich. Tschitschikow reichte der Hausfrau den Arm und führte sie zurück; aber seinen Bewegungen fehlte diesmal die gewohnte Eleganz, da seine Gedanken mit höchst gewichtigen Dingen beschäftigt waren.

»Du magst erzählen, was du willst, es ist aber doch so langweilig«, sagte Platonow, hinter ihnen hergehend.

– Der Gast ist wohl gar kein dummer Mensch, – dachte sich der Hausherr; – er ist aufmerksam, spricht gesetzt und ist kein Federfuchser. – Nachdem er sich dies gedacht hatte, wurde er noch lustiger: als hätte er bei dem Gespräch Feuer gefangen und als freue er sich, daß er einen Menschen gefunden habe, der es verstehe, so klugen Ratschlägen zuzuhören.

Als sie später in dem kleinen, gemütlichen, von Kerzen erleuchteten Zimmer, dem Balkon und der auf den Garten hinausgehenden Glastüre gegenüber Platz genommen hatten und zu ihnen die über den Wipfeln des schlafenden Gartens leuchtenden Sterne hereinblickten – da fühlte sich Tschitschikow so wohlig und gemütlich, wie schon lange nicht: als hätte ihn nach langen Fahrten sein heimatliches Dach aufgenommen, als hätte er seinen Wanderstab mit dem Worte: »Genug!« weggeworfen. In diese angenehme Stimmung hatte ihn das kluge Gespräch des gastfreien Hausherrn versetzt. Für jeden Menschen gibt es Worte, die ihm näher und vertrauter sind als alle anderen. Und oft begegnet man unerwartet in einem entlegenen, gottverlassenen Nest, in einer menschenleeren Einöde einem Menschen, dessen erwärmende Unterhaltung die unwegsamen Wege, die unbehaglichen Nachtquartiere, die Sinnlosigkeit des heutigen Lärms und die Verlogenheit des Trugs vergessen macht, mit dem die Menschen angeführt werden. Ein auf diese Weise verbrachter Abend prägt sich lebendig und für alle Ewigkeit der Erinnerung ein, und das treue Gedächtnis bewahrt alles: wer noch dabei war, wo ein jeder saß und was er in den Händen hielt – die Wände, die Ecken und jede Bagatelle.

So merkte sich auch Tschitschikow an diesem Abend alles: dieses kleine, nette, bescheiden ausgestattete Zimmer, den gutmütigen Gesichtsausdruck des klugen Hausherrn, sogar das Tapetenmuster . . . auch die Pfeife mit dem Bernsteinmundstück, die man Platonow reichte, den Rauch, den er Jarb in die dicke Schnauze blies, Jarbs Schnauben, das Lachen der hübschen Hausfrau, das sie mit den Worten: »Laß es, quäl' ihn nicht!« unterbrach, die lustig flackernden Kerzen, das Heimchen in der Ecke, die Glastüre und die Frühlingsnacht, die, auf die von den Sternen überschütteten Baumwipfel gelehnt, zu ihnen hereinblickte, von lautem Gesang erfüllt, den die Nachtigallen aus der Tiefe des grünen Dickichts schmetterten.

»Süß sind mir Ihre Worte, verehrter Konstantin Fjodorowitsch!« versetzte Tschitschikow. »Ich kann wohl sagen, daß ich in ganz Rußland noch keinen Menschen getroffen habe, der Ihnen an Klugheit gleichkäme.«

Der Hausherr lächelte. Er fühlte selbst, daß diese Worte nicht unberechtigt waren. »Nein, wenn Sie einen wirklich klugen Menschen kennenlernen wollen, so haben wir hier einen, von dem man wirklich sagen kann: das ist ein kluger Mensch; ich bin aber auch seines kleinen Fingers nicht wert.«

»Wer mag das wohl sein?« fragte Tschitschikow erstaunt.

»Es ist unser Branntweinpächter Murasow.«

»Diesen Namen höre ich schon zum zweitenmal!« rief Tschitschikow aus.

«Das ist ein Mann, der nicht bloß ein Gut, sondern auch einen ganzen Staat verwalten könnte. Hätte ich ein Kaiserreich, ich würde ihn sofort zu meinem Finanzminister machen.«

»Man sagt, es sei ein Mann, der jedes Maß der Wahrscheinlichkeit übersteigt: es heißt, er hätte sich zehn Millionen erworben.«

»Ach was, zehn! Mehr als vierzig! Bald wird ihm halb Rußland gehören.«

»Was Sie nicht sagen!« rief Tschitschikow aus, die Augen und den Mund aufreißend.

»Ganz bestimmt. Das ist ja klar. Langsam reich wird nur der, der Hunderttausende besitzt; aber einer, der Millionen hat, hat auch einen großen Wirkungsradius; was er auch errafft, so ist es gleich zwei- und dreimal soviel, als was er schon hat: der Wirkungsbereich ist allzu groß. Er hat auch keine Konkurrenten. Niemand kann mit ihm streiten. Was für einen Preis er auch nennt, bei dem bleibt es: es ist niemand da, der ihn überbieten könnte.«

»Du lieber Gott!« sagte Tschitschikow und bekreuzigte sich. Tschitschikow blickte Kostanschoglo in die Augen, und ihm stockte der Atem. »Es ist ja einfach unfaßbar! Das Denken steht vor Entsetzen still! Man bewundert die Weisheit der göttlichen Vorsehung, die sich im kleinsten Insekt kundgibt; mir aber erscheint es weit erstaunlicher, daß so große Summen durch die Hände eines Sterblichen gehen können. Gestatten Sie eine Frage: sagen Sie, sein Grundkapital hat er wohl auf eine nicht ganz einwandfreie Weise erworben?«

»Auf dem rechtmäßigsten Wege und mit den ehrlichsten Mitteln.«

»Das kann ich nicht glauben! Es ist ganz unwahrscheinlich! Wenn es noch Tausende wären, aber Millionen . . .«

»Im Gegenteil, Tausende kann man nicht so leicht auf einwandfreie Weise verdienen wie Millionen. Ein Millionär braucht keine krummen Wege zu gehen: er geht den geraden Weg und nimmt alles, was vor ihm liegt. Ein anderer kann es gar nicht haben, es geht über seine Kraft; er aber hat keine Konkurrenten. Sein Wirkungsradius ist eben groß; ich sage ja: was er auch errafft, so ist es gleich zwei- und dreimal soviel als . . . Was hat man aber von einem Tausend? – Zehn bis zwanzig Prozent.«

»Das Unfaßbarste ist, daß das Ganze mit einer Kopeke angefangen hat!«

»Anders kann es ja auch gar nicht sein. Das ist der natürlichste Lauf der Dinge,« sagte Kostanschoglo. »Wer mit Tausenden zur Welt gekommen ist, mit Tausenden aufgewachsen ist, der kann nichts mehr erwerben: der hat schon seine Bedürfnisse und weiß Gott was noch alles! Man muß vom Anfang und nicht von der Mitte beginnen – mit der Kopeke und nicht mit dem Rubel, von unten und nicht von oben: nur dann lernt man die Menschen und die Verhältnisse kennen, unter denen man sich später abplagen muß. Wenn man so manches an der eigenen Haut gespürt, wenn man erfahren hat, daß jede Kopeke, wie es im Sprichwort heißt, mit einem Dreikopekennagel befestigt ist, und wenn man alle Prüfungen durchgemacht hat – so ist man so klug und gewitzigt, daß man sich bei keinem Unternehmen verrechnet und niemals abstürzt. Glauben Sie mir, es ist so. Man muß vom Anfang beginnen und nicht von der Mitte. Wenn mir einer sagt: ›Geben Sie mir hunderttausend Rubel, ich werde gleich reich werden,‹ so traue ich ihm nicht: er spekuliert aufs Geratewohl und geht nicht sicher. Man muß mit der Kopeke anfangen.«

»In diesem Falle werde ich reich werden,« sagte Tschitschikow, dem unwillkürlich die toten Seelen in den Sinn kamen, »denn ich fange tatsächlich mit nichts an.«

»Konstantin, es ist für Pawel Iwanowitsch Zeit, zur Ruhe zu gehen,« sagte die Hausfrau, »du redest aber immer weiter.«

»Sie werden ganz bestimmt reich werden«, sagte Kostanschoglo, ohne auf die Hausfrau zu hören. »Ihnen wird das Gold in Strömen zufließen, in Strömen! Sie werden gar nicht wissen, was mit Ihren Einkünften anzufangen.«

Pawel Iwanowitsch saß wie verzaubert im goldenen Reiche der immer üppiger wuchernden Träume und Phantasien. Seine Gedanken wirbelten durcheinander. Seine Einbildungskraft kam in Schwung und stickte auf dem goldenen Teppich der künftigen Gewinne goldene Blumen, und in seinen Ohren klangen die Worte wider: »Ihnen wird das Gold in Strömen zufließen . . .«

»Wirklich, Konstantin, für Pawel Iwanowitsch ist es Zeit, schlafen zu gehen . . .«

»Was geht's dich an? Geh selbst, wenn du schlafen willst«, sagte der Hausherr; da hielt er aber inne, weil durchs ganze Zimmer das Schnarchen Platonows tönte; gleich darauf hörte man auch Jarb noch lauter schnarchen. Der Hausherr sah ein, daß es wirklich Schlafenszeit war; er rüttelte Platonow auf, sagte ihm: »Laß das Schnarchen!« und wünschte Tschitschikow eine gute Nacht. Alle zogen sich in ihre Zimmer zurück und schliefen bald ein.

Tschitschikow allein fand keinen Schlaf. Seine Gedanken waren wach. Er überlegte sich, wie er der Besitzer eines wirklichen und keines phantastischen Gutes werden könnte. Nach dem Gespräch mit dem Hausherrn war ihm alles klar! Die Möglichkeit, reich zu werden, schien ihm so offensichtlich! Das schwierige Unternehmen der Landwirtschaft kam ihm jetzt so leicht und so verständlich vor, und obendrein wie geschaffen für seine Natur! Es gilt nur, alle die Toten zu verpfänden, um sich ein wirkliches Gut anzuschaffen! Er sah sich schon so handeln und wirtschaften, wie Kostanschoglo gelehrt hatte: umsichtig, gewandt, ohne Neues einzuführen, ehe er das Alte durch und durch erfaßt hätte, ehe er alles mit eigenen Augen gesehen, alle Bauern kennengelernt, auf jeden Luxus verzichtet und sich ausschließlich der Arbeit und der Landwirtschaft gewidmet haben würde. Schon im voraus durchkostete er das Vergnügen, das er empfinden würde, wenn in allen Dingen eine planmäßige Ordnung herrschen und alle Räder der Wirtschaftsmaschine in Bewegung kommen und ineinandergreifen würden. Die Arbeit wird munter vorwärtsgehen, und ebenso wie in einer Mühle das Korn zu Mehl zermahlen wird, so wird bei ihm auch aus jedem Abfall und Dreck Bargeld entstehen. Der wunderbare Landwirt stand unablässig vor seinen Augen. Er war der erste Mann in Rußland, für den er eine persönliche Hochachtung empfand. Bisher hatte er die Menschen nur wegen ihrer hohen Titel oder großen Vermögen geschätzt; des Verstandes wegen hatte er aber eigentlich noch keinen Menschen geachtet. Kostanschoglo war der erste. Er fühlte, daß er sich mit ihm auf keinerlei Kunststücke einlassen dürfte. Ihn beschäftigte ein anderes Projekt: das Gut Chlobujews zu kaufen. Zehntausend Rubel besaß er; fünfzehntausend wollte er sich von Kostanschoglo zu borgen versuchen, da ihm dieser doch selbst erklärt hatte, daß er bereit sei, einem jeden zu helfen, der die Absicht habe, reich zu werden; den Rest würde er von der Leihkasse für die toten Seelen bekommen; schließlich konnte er ihn auch schuldig bleiben. Das wäre ja auch ein Ausweg: soll jener nur prozessieren, wenn er Lust hat! Lange noch dachte er darüber nach. Endlich nahm der Schlaf, der das ganze Haus schon seit vier Stunden, wie man zu sagen pflegt, umfangen hielt, auch Tschitschikow in seine Arme auf. Er schlief fest ein.


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