Nikolai Gogol
Die toten Seelen
Nikolai Gogol

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Siebentes Kapitel

Glücklich der Reisende, der nach einer langen, langweiligen Reise mit ihrer Kälte, ihrem Schmutz und ihrer Nässe, mit den verschlafenen Stationsaufsehern, dem Schellengebimmel, den Reparaturen, Kutschern, Schmieden und sonstigen Schuften jeder Art, mit denen man unterwegs zu tun hat, endlich das bekannte Dach mit den ihm entgegenleuchtenden Flammen erblickt – schon sieht er die vertrauten Zimmer, hört die freudigen Schreie der ihm entgegenlaufenden Dienstboten, den Lärm und das Gerenne der Kinder und das beruhigende, sanfte Zwiegespräch, unterbrochen von glühenden Küssen, die die Kraft haben, alles Traurige aus der Erinnerung zu tilgen. Glücklich der Familienvater, der solch ein Obdach besitzt, doch wehe dem Junggesellen!

Glücklich der Dichter, der sich an den langweiligen, abstoßenden, durch ihre traurige Wirklichkeit erdrückenden Charakteren vorbei, solchen Charakteren nähert, die die hohe Würde des Menschen offenbaren, der aus dem großen Sumpfe der täglich abwechselnden Gestalten sich nur einige seltene Ausnahmen erwählt hat, der der erhabenen Harmonie seiner Leier kein einziges Mal untreu geworden, der niemals von seiner Höhe zu seinen armen, elenden Brüdern herabgestiegen ist und, ohne die Erde zu berühren, sich ganz seinen dem Irdischen entrückten, erhabenen Gestalten hingeben darf. Doppelt beneidenswert ist sein schönes Los: er ist unter seinen Gestalten, wie im Kreise seiner Familie, sein Ruhm schallt aber dabei laut in alle Ferne. Er hat mit berauschendem Räucherwerk die Menschenaugen bezaubert; er hat den Menschen wunderbar geschmeichelt, indem er alles, was im Leben traurig ist, vor ihnen verheimlicht und ihnen nur den schönen Menschen gezeigt hat. Alles folgt händeklatschend seinem Triumphwagen. Man nennt ihn einen großen, weltberühmten Dichter, der über allen anderen Dichtern der Welt schwebt wie ein Adler über anderen Hochfliegenden. Schon sein Namen allein läßt die jungen, leicht entzündlichen Herzen erzittern; Tränen des Verständnisses blinken ihm von jeder Wimper entgegen . . . Niemand gleicht ihm an Macht –; er ist wie ein Gott! Doch anders ist das Los eines Dichters, der sich erfrecht hat, all das heraufzubeschwören, was der Mensch immer vor Augen hat, was aber die gleichgültigen Augen nicht sehen – den ganzen erschreckenden und erschütternden Schlamm der Kleinlichkeiten, von denen unser Leben umstrickt ist, die ganze Tiefe der kalten, zersplitterten Alltagscharaktere, von denen unser zuweilen bitterer und langweiliger Lebensweg wimmelt –, der sich erkühnt hat, durch die Kraft seines unerbittlichen Meißels sie grell und plastisch allen vor Augen zu führen! Er erntet keinen Beifallssturm des Volkes, er bekommt weder dankbare Tränen noch das einmütige Entzücken erschütterter Seelen zu sehen; ihm fliegt keine Sechzehnjährige mit schwindelnden Sinnen in heroischer Verzückung entgegen; er wird sich nie im süßen Klange der von ihm selbst geweckten Töne vergessen; und schließlich wird er nicht dem Gericht seiner Zeit entgehen, dem heuchlerischen und gefühllosen Gericht dieser Zeit, das die von ihm so zärtlich betrauten Schöpfungen nichtig und gemein nennen und ihm einen elenden Platz unter den Dichtern einräumen wird, die die Menschheit verunglimpfen, das ihm alle Eigenschaften der von ihm geschilderten Helden beilegen und ihm Herz und Seele und die heilige Flamme des Talents absprechen wird: denn das Gericht dieser Zeit will nicht anerkennen, daß die Gläser, die uns die Sonne zeigen, und solche, die die Bewegungen kaum sichtbarer Insekten offenbaren, gleich wunderbar sind; denn es will nicht anerkennen, daß man eine große seelische Tiefe haben muß, um ein dem verächtlichen Leben entronnenes Bild zu beleuchten und zu einer Perle der Schöpfung emporzuheben; denn das Gericht dieser Zeit will nicht anerkennen, daß das hohe, begeisterte Lachen wohl würdig ist, neben den hohen lyrischen Regungen zu stehen, und daß zwischen diesem Lachen und den Possen eines Budengauklers ein tiefer Abgrund liegt! Das Gericht dieser Zeit erkennt dies alles nicht an und macht es dem nicht anerkannten Dichter zum Vorwurf und zur Schmach: ohne Teilnahme, ohne Widerhall, ohne Sympathie bleibt er allein wie ein einsamer Wanderer auf seinem Wege stehen. Hart ist das Feld seiner Arbeit, und bitter fühlt er seine Vereinsamung.

Lange ist es mir noch von einer unfaßbaren Macht beschieden, mit meinen seltsamen Helden Hand in Hand zu gehen, das ganze gewaltige vorbeirauschende Leben zu überblicken, es durch das für die Welt sichtbare Lachen und die für die Welt unsichtbaren und unbekannten Tränen zu schauen! Und ferne ist noch die Zeit, wo der mächtige Sturm der Begeisterung sich dem vom heiligen Schauer erschütterten und glanzgekrönten Haupte als ein anderer Quell entringen und die Welt verlegen und bebend den majestätischen Donner anderer Reden vernehmen wird . . .

Vorwärts! Vorwärts! Fort mit den Runzeln, die über meine Stirne gleiten, fort mit der düsteren Miene! Wollen wir auf einmal und schnell wieder ins Leben mit seinem ganzen unharmonischen Lärm und Schellengebimmel untertauchen und sehen, was Tschitschikow macht.

Tschitschikow erwachte, streckte Arme und Beine und fühlte, daß er sich gut ausgeschlafen hatte. Nachdem er an die zwei Minuten auf dem Rücken gelegen, schnalzte er mit den Fingern und erinnerte sich mit strahlendem Gesicht, daß er nun beinahe vierhundert Seelen besaß. Er sprang sofort aus dem Bette und betrachtete nicht einmal sein Gesicht, das er aufrichtig liebte und an dem ihm das Kinn am anziehendsten erschien, denn er prahlte damit oft vor seinen Freunden, besonders während des Rasierens. »Schau nur,« pflegte er zu sagen, sich das Kinn streichelnd, »was für ein Kinn ich habe: es ist ganz rund!« Jetzt blickte er aber weder das Kinn noch das Gesicht an, sondern zog sich sofort seine mit bunten Ledereinlagen verzierten Saffianstiefel an, mit denen die Stadt Torschok, infolge des Hanges der russischen Natur zur Bequemlichkeit, so schwunghaften Handel treibt, und vollführte auf schottische Manier, nur mit einem kurzen Hemde bekleidet, seine ganze Würde und sein solides mittleres Alter außer acht lassend, zwei Sprünge, wobei er sich recht geschickt mit einer Ferse auf den entsprechenden Körperteil klatschte. Darauf machte er sich unverzüglich an die Arbeit: vor der Schatulle stehend, rieb er sich die Hände mit dem gleichen Behagen, mit dem es der unbestechliche Landrichter zu tun pflegt, der zu einer Voruntersuchung hinausgefahren ist und vor den Tisch mit dem Imbiß tritt, und holte sofort die nötigen Papiere hervor. Er wollte die Sache so schnell als möglich erledigen. Er faßte den Entschluß, die Kaufverträge selbst aufzusetzen und ins reine zu schreiben, um den Gerichtschreibern nichts zahlen zu müssen. Die Form war ihm gut bekannt; schnell schrieb er mit großen Buchstaben: »Im Jahre eintausendachthundertsoundsoviel«; darunter etwas kleiner: »Der Gutsbesitzer Soundso« und dann alles Weitere. In zwei Stunden war alles fertig. Als er dann die Blätter mit den Namen der Bauern überflog, die einst wirkliche Bauern gewesen, die gearbeitet, gepflügt, gesoffen, sich als Fuhrleute durchgeschlagen, ihre Herren betrogen hatten, vielleicht aber auch einfach tüchtige Bauern gewesen waren, bemächtigte sich seiner ein eigentümliches, ihm selbst unverständliches Gefühl. Jede der Listen hatte gleichsam einen eigenen Charakter, was wiederum auch den Bauern einen eigenen Charakter verlieh. Die Bauern, die der Korobotschka gehört hatten, trugen sämtlich Anhängsel und Spitznamen. Die Liste Pljuschkins zeichnete sich durch den kurzen Stil aus: oft standen nur die Anfangsbuchstaben der Vor- und Vatersnamen, von je einem Punkte begleitet. Das Verzeichnis Ssobakewitschs fiel durch seine erstaunliche Vollständigkeit und Ausführlichkeit auf; keine der Eigenschaft der Bauern blieb darin unerwähnt; von dem einen hieß es: »ein guter Tischler«; von einem andern: »versteht seine Sache und trinkt nicht«. Bei jedem waren auch die beiden Eltern erwähnt und auch das Betragen der letzteren verzeichnet; nur bei einem gewissen Fedotow hieß es: »Vater unbekannt, Mutter ist die leibeigene Dirne Kapitolina; er ist jedoch gut von Sitten und stiehlt nicht.« Alle diese Einzelheiten verliehen der Liste eine eigentümliche Frische: es war, als hätten die Bauern gestern noch gelebt. Nachdem er die Namen lange studiert, fühlte er sich gerührt und sagte mit einem Seufzer: »Mein Gott, welche Menge! Was habt ihr, ihr Teuern, in eurem Leben getrieben? Wie habt ihr euch durchgeschlagen?« Seine Augen blieben unwillkürlich auf einem Familiennamen stehen. Es war der bekannte Pjotr Ssaweljew Neuwaschaj-Koryto, der einst der Gutsbesitzerin Korobotschka gehört hatte. Und wieder konnte er sich der Bemerkung nicht enthalten: »Herrgott, wie lang der ist: eine ganze Zeile nimmt er ein! Warst du ein Handwerker oder einfach ein Bauer, und wo hat dich der Tod erwischt? In der Schenke, oder hat dich, als du mitten auf der Straße schliefst, eine schwere Fuhre überfahren? – Stepan Probka, ›Zimmermann, von musterhafter Nüchternheit‹. Ach so, da ist ja der Stepan Probka, der Recke, der für die Garde taugte! Hast wohl mit der Axt im Gürtel und den Stiefeln auf dem Buckel alle Gouvernements durchwandert, hast für eine halbe Kopeke Brot und für eine Kopeke gedörrte Fische gegessen, aber jedesmal an die hundert Rubel im Beutel heimgebracht, vielleicht sogar die Staatsrente in deine Leinwandhose eingenäht oder im Stiefel verwahrt! Wo hat es dich erwischt? Bist du vielleicht, um noch mehr Geld zu verdienen, in die Kirchenkuppel gestiegen oder sogar bis zum Kreuz hinaufgeklettert, dort auf dem Gerüst ausgeglitten und in die Tiefe gestürzt, während irgendein Onkel Michej, der gerade in der Nähe stand, sich nur den Nacken kratzte und sagte: ›Was hast du auch für Pech, Wanja!‹, worauf er sich selbst einen Strick um den Leib band und auf deinen Platz kletterte. – Maxim Teljantnikow, ›Schuster‹. Ha, Schuster! ›Besoffen wie ein Schuster‹, sagt das Sprichwort. Ich kenne dich, ich kenne dich, mein Lieber; wenn du willst, erzähle ich dir deine ganze Geschichte. Du warst bei einem Deutschen in der Lehre, der euch alle aus einem Topf fütterte, mit dem Riemen für jede Nachlässigkeit auf den Rücken schlug und nie auf die Straße ließ, damit ihr euch nicht herumtreibt; so wurdest du zu einem wahren Wunder von einem Schuster, und der Deutsche konnte dich in Gesprächen mit seiner Frau oder einem Kameraden gar nicht genug loben. Als aber die Lehre zu Ende war, sagtest du: ›Nun will ich mir ein eigenes Haus und Geschäft gründen, mach' es aber nicht wie der Deutsche, der sich wegen jeder Kopeke abquält, sondern werde auf einmal reich!‹ Und du zahltest deinem Herrn einen reichen Zins, mietetest dir einen kleinen Laden, nahmst eine Menge Aufträge an und begannst zu arbeiten. Zum Drittel des Preises kauftest du dir irgendwo verfaultes Leder, verdientest zwar an jedem Stiefel die Hälfte, aber schon nach zwei Wochen platzten alle deine Stiefel und man schimpfte auf dich auf die gemeinste Weise. Dein Laden verödete, du fingst zu trinken an und dich auf der Straße herumzuwälzen und dabei zu sprechen: ›Schlecht ist es auf dieser Welt! Der Russe kann gar nicht leben, denn die Deutschen lassen ihn nicht aufkommen!‹ – Und was ist das da für ein Bauer: Jelisaweta Worobej? Pfui Teufel, das ist doch ein Weibsbild! Wie kommt die her? Der verdammte Ssobakewitsch hat mich auch darin beschummelt!« Tschitschikow hatte wirklich recht: es war ein Weibsbild. Wie sie hereingeraten war, ist unbekannt; sie war aber so geschickt hineingesetzt, daß man sie aus der Ferne für einen Mann halten könnte, auch stand sie mit einer männlichen Endung da: nicht Jelisaweta, sondern Jelisawet. Tschitschikow nahm aber keine Rücksicht darauf und strich sie auf der Stelle. – »Grigorij kommst – niemals – an! Was warst du für ein Mensch? Warst du ein Fuhrmann, hattest dir eine Troika und einen bastgedeckten Wagen angeschafft und dich mit den Kaufleuten von Jahrmarkt zu Jahrmarkt geschleppt? Hast du irgendwo unterwegs deine Seele ausgehaucht, oder haben dich deine eigenen Freunde wegen eines dicken und rotbackigen Soldatenweibes umgebracht, oder gefielen deine Lederhandschuhe und die drei untersetzten, doch kräftigen Pferde irgendeinem Waldvagabunden allzu gut, oder war es dir, als du auf deiner Pritsche lagst, plötzlich eingefallen, so ohne jeden Anlaß in eine Schenke einzukehren und von dort in ein im Eise ausgehauenes Loch zu plumpsen, wo du deinen Tod fandst? Ach, du russisches Volk! Du liebst es nicht, eines natürlichen Todes zu sterben! – Und ihr, meine Lieben?« fuhr er fort, indem er die Liste vornahm, auf der Pljuschkins entlaufene Seelen verzeichnet waren: »Ihr seid zwar noch am Leben, aber was hat man von euch? Ihr seid so gut wie gestorben. Wo tragen euch jetzt eure schnellen Füße herum? Habt ihr es beim Pljuschkin so schlecht gehabt, oder war es einfach euer Verlangen, durch die Wälder zu streifen und die Reisenden auszurauben? Sitzt ihr in Gefängnissen, oder gehört ihr neuen Herren und pflügt für sie die Erde? Jeremej Karjakin, Nikita Wolokita (Herumtreiber) und sein Sohn Anton Wolokita: schon an euren Namen merkt man's, daß ihr gute Läufer seid. – Leibeigener Popow . . . Der verstand wohl zu lesen und zu schreiben; hast wohl kein Messer in die Hand genommen, aber doch einen anständigen Diebstahl begangen. Da hat dich aber schon ohne Paß der Polizeihauptmann eingefangen. Tapfer stehst du beim Verhör. ›Wem gehörst du?‹ fragt dich der Polizeihauptmann und traktiert dich bei dieser günstigen Gelegenheit mit einem kräftigen Wörtchen. ›Dem Gutsbesitzer Soundso‹, antwortest du unverzagt. ›Und wo kommst du her?‹ fragt dich der Polizeihauptmann. ›Ich bin gegen Zins freigelassen‹, antwortest du, ohne zu stocken. ›Wo ist dein Paß?‹ – ›Beim Herrn, dem Kleinbürger Pimenow.‹ – ›Her mit dem Pimenow! Bist du Pimenow?‹ – ›Ja, ich bin Pimenow.‹ – ›Hat er dir seinen Paß gegeben?‹ – ›Nein, er hat mir keinen Paß gegeben.‹ – ›Was lügst du?‹ sagt der Polizeihauptmann und läßt wieder ein kräftiges Wörtchen los. ›Es stimmt‹, antwortest du keck; ›ich gab ihm den Paß nicht, weil ich spät nach Hause kam. Ich gab ihn dem Glöckner Antip Prochorow in Verwahrung.‹ – ›Her mit dem Glöckner! Hat er dir seinen Paß gegeben?‹ – ›Nein, er hat mir keinen Paß gegeben.‹ – ›Was lügst du schon wieder?‹ sagt der Polizeihauptmann und bekräftigt seine Rede mit einem kräftigen Wörtchen. ›Wo ist denn dein Paß?‹ – ›Ich habe ihn gehabt,‹ sagst du schnell, ›habe ihn aber wohl irgendwo unterwegs verloren.‹ – ›Und warum hast du den Soldatenmantel gestohlen? Und den Kasten mit dem Kupfergeld beim Geistlichen?‹ sagt der Polizeihauptmann und beschließt die Rede wieder mit dem kräftigen Wörtchen. ›Zu Befehl, nein,‹ sagst du, ohne dich zu rühren, ›mit Diebstahl habe ich noch nie was zu tun gehabt.‹ – ›Warum hat man dann den Soldatenmantel bei dir gefunden?‹ – ›Das kann ich nicht wissen; den hat wohl ein anderer hergebracht.‹ – ›Ach, du Bestie!‹ sagt der Polizeihauptmann kopfschüttelnd und die Hände in die Seiten stemmend. ›Schlagt ihm die Füße in den Block und bringt ihn ins Gefängnis!‹ – ›Bitte sehr, mit Vergnügen!‹ sagst du darauf. Du holst aus der Tasche deine Schnupftabaksdose, traktierst freundlich die beiden Invaliden, die dir die Füße in den Block schlagen, und erkundigst dich, ob sie schon lange ihre Militärzeit abgedient und an welchen Kriegen sie teilgenommen haben. Und dann lebst du im Gefängnis, solange deine Sache durch die Gerichte läuft. Und das Gericht beschließt: man bringe ihn aus Zarewo-Kokschaisk nach dem Gefängnisse der und der Stadt. Und jenes Gericht schreibt wieder: man bringe ihn nach Wessjegonsk. Und so ziehst du aus dem einen Gefängnis ins andere und sagst, wenn du eine neue Behausung vor dir siehst: ›Nein, das Gefängnis von Wessjegonsk war doch viel feiner: dort gab's sogar für das Knöchelspiel Platz, auch hatte man dort mehr Gesellschaft.‹ – Abakum Fyrow! Wie steht's mir dir, Bruder? Wo treibst du dich herum? Bist du an die Wolga geraten und hast dich, in deiner Sehnsucht nach einem freien Leben, den Treidlern angeschlossen?« Hier hielt Tschitschikow inne und wurde etwas nachdenklich. Worüber dachte er wohl nach? Über das Schicksal des Abakum Fyrow, oder wurde er einfach nachdenklich, wie es jeder Russe, von jedem Alter, Stande und Vermögen wird, wenn er über die Lust des freien Lebens nachdenkt? Und in der Tat: wo mag jetzt dieser Fyrow stecken? Er bummelt laut und lustig am Getreidestapelplatz herum, nachdem er sich an Kaufleute verdungen hat. Blumen und Bänder am Hute, vergnügt sich die ganze Treidlerbande und nimmt Abschied von den schlanken, großgewachsenen Frauen und Schätzen, die mit Perlenschnüren und Bändern geschmückt sind; Reigen und Lieder; der ganze Landungsplatz brodelt, während die Lastträger unter Lärmen, Schreien und Schimpfen sich mit einem Haken neun Pud schwere Lasten auf den Rücken laden, Erbsen und Weizen mit großem Geräusch in die tiefen Schiffe schütten und Säcke mit Hafer und Graupen schleppen; den ganzen Platz füllen die Säcke, wie Kanonenkugeln zu Pyramiden aufgestapelt; gewaltig ragt dieses ganze Getreidearsenal, bis es in die geräumigen Schiffe verladen ist und die unendliche Flotte wie ein Zug Gänse zugleich mit dem Frühlingseise fortschwimmt. Nun beginnt eure Arbeit, ihr Treidler! Ebenso vereint, wie ihr bisher gebummelt und über die Schnur gehauen habt, so werdet ihr jetzt euch an die Arbeit machen und schweißtriefend das Schlepptau ziehen, ein Lied singend, das ebenso endlos ist, wie Rußland selbst!

»Ach so! Schon zwölf!« sagte endlich Tschitschikow, indem er auf die Uhr blickte. »Was verliere ich soviel Zeit? Wenn ich noch wenigstens etwas Gescheites getan hätte, aber ich redete nur dummes Zeug und wurde dann nachdenklich. Was bin ich für ein Narr!« Nachdem er dies gesagt, vertauschte er sein schottisches Kostüm mit einem europäischen, zog sein volles Bäuchlein mit der Schnalle fester zusammen, besprengte sich mit Eau de Cologne, nahm seine warme Mütze in die Hand und die Papiere unter den Arm und begab sich auf die Zivilkammer, um die Kaufverträge abzuschließen. Er beeilte sich, nicht weil er etwa zu spät zu kommen fürchtete – das brauchte er nicht zu fürchten, denn der Kammervorsitzende war sein guter Bekannter und hatte die Macht, die Amtsstunden nach Belieben zu verlängern oder abzukürzen, gleich dem alten Zeus Homers, der die Tage verlängerte und die Nächte schneller eintreten ließ, wenn er die Kämpfe seiner Lieblingsheroen unterbrechen oder zum Abschluß bringen lassen wollte; er empfand aber noch immer eine gewisse Unruhe und Verlegenheit: ab und zu kam ihm der Gedanke, daß die Seelen doch nicht ganz echt seien und daß es in solchen Fällen immer von Vorteil wäre, die Last möglichst schnell loszuwerden. Kaum war er auf die Straße getreten, immer noch in diese Gedanken versunken und zugleich auf den Schultern einen mit braunem Tuch gedeckten Bären schleppend, als er gleich an der ersten Straßenkreuzung mit einem Herrn zusammenstieß, der gleichfalls einen mit braunem Tuch gedeckten Bären schleppte und eine warme Mütze mit Ohrenklappen aufhatte. Dieser Herr schrie auf: es war Manilow. Sie schlossen einander in die Arme und verblieben an die fünf Minuten mitten auf der Straße in dieser Stellung. Die gegenseitigen Küsse waren so heftig, daß beiden nachher den ganzen Tag die Vorderzähne schmerzten. Manilows Gesicht nahm vor Freude einen solchen Ausdruck an, daß die Augen vollständig verschwanden und nur noch die Nase und die Lippen übrigblieben. Etwa eine Viertelstunde lang hielt er Tschitschikows Hand mit seinen beiden Händen fest und machte sie gehörig warm. In den feinsten und angenehmsten Wendungen erzählte er, wie er herbeigeflogen sei, um Pawel Iwanowitsch zu umarmen; er schloß seine Rede mit einem Kompliment, das man höchstens einem jungen Mädchen zu sagen pflegt, mit dem man zu Tanze geht. Tschitschikow öffnete den Mund, ohne noch recht zu wissen, wie er sich bedanken solle, als Manilow plötzlich eine mit einem rosa Bändchen umwundene Papierrolle aus seinem Pelze hervorholte.

»Was ist denn das?«

»Die Bäuerlein.«

»Ach so!« Tschitschikow entfaltete das Papier, überflog es mit den Augen und wunderte sich über die Sorgfalt und Schönheit der Schrift. »Es ist so schön geschrieben,« sagte er, »daß man es gar nicht ins reine zu schreiben braucht. Und dann diese schöne Einfassung rundherum! Wer hat die Einfassung gemacht?«

»Ach, fragen Sie lieber nicht«, sagte Manilow.

»Sie?«

»Meine Frau.«

»Mein Gott! Ich geniere mich wirklich, daß ich Ihnen solche Mühe gemacht habe.«

»Für Pawel Iwanowitsch gibt es keine zu große Mühe.«

Tschitschikow verbeugte sich dankbar. Als Manilow erfuhr, daß er auf die Zivilkammer ging, um die Kaufverträge abzuschließen, erklärte er sich bereit, ihn zu begleiten. Die Freunde faßten sich unter und setzten den Weg gemeinsam fort. Bei jeder kleinen Erderhöhung, bei jedem Hügel und jeder Stufe stützte Manilow Tschitschikow, wobei er ihn mit der Hand beinahe in die Höhe hob; mit einem angenehmen Lächeln fügte er hinzu, daß er es nicht zulassen werde, daß Pawel Iwanowitsch sich seine Füßchen verstauche. Tschitschikow genierte sich sehr und wußte gar nicht, wie ihm zu danken, denn er war sich seines schweren Gewichtes wohl bewußt. Unter gegenseitigen Dienstleistungen erreichten sie endlich den Platz, auf dem das Amtsgebäude stand – ein großes zweistöckiges, steinernes Haus, so weiß wie Kreide, wohl um die Seelenreinheit der in ihm wirkenden Beamten zu versinnbildlichen. Die übrigen Gebäude, die sich auf diesem Platze befanden, entsprachen an Größe in keiner Weise dem Amtsgebäude. Dies waren: ein Schilderhäuschen, vor dem ein Soldat mit einem Gewehr stand, zwei oder drei Fuhrmannsbuden und schließlich lange Bretterzäune mit den bekannten mit Kohle oder Kreide hingekritzelten Inschriften und Zeichnungen. Sonst befand sich auf diesem einsamen, oder wie man sich bei uns auszudrücken pflegt, schönen Platze nichts. Aus den Fenstern des ersten und des zweiten Stocks blickten die unbestechlichen Häupter der Priester der Themis heraus, die sofort wieder verschwanden, weil wohl in diesem Moment ein Vorgesetzter ins Zimmer trat. Die Freunde gingen nicht, sondern liefen die Treppe hinauf, weil Tschitschikow, um sich nicht von Manilow stützen zu lassen, die Schritte beschleunigte und weil Manilow seinerseits, um Tschitschikow nicht müde werden zu lassen, vorauseilte; darum keuchten die beiden schwer, als sie den dunklen Korridor betraten. Weder die Gänge noch die Zimmer setzten ihre Blicke durch Reinlichkeit in Erstaunen. Damals war man um die Reinlichkeit noch wenig besorgt, und alles, was schmutzig war, blieb eben schmutzig, ohne ein anziehendes Äußere anzunehmen. Göttin Themis empfing ihre Gäste ganz wie sie war, im Negligé und im Schlafrock. Eigentlich müßten wir auch die Kanzleiräume beschreiben, die unsere Helden durchschritten, der Autor empfindet aber eine große Scheu vor allen Amtslokalitäten. Selbst wenn er mal zufällig diese Lokalitäten in glänzender und veredelter Gestalt, mit lackierten Fußböden und Tischen zu durchschreiten hatte, so machte er es immer im schnellsten Tempo, die Augen zu Boden gesenkt; darum hat er auch keine Ahnung davon, wie dort alles blüht und gedeiht. Unsere Helden sahen viel für Konzepte wie auch für die Reinschrift bestimmtes Papier, gesenkte Köpfe, breite Nacken, Fräcke und Röcke vom bekannten Schnitt der Gouvernementschneider und sogar eine einfache hellgraue Joppe, die von den anderen sehr abstach und deren Träger, den Kopf auf die Seite gebeugt und beinahe ans Papier gedrückt, schnell und mit Schwung ein Protokoll abschrieb, das wohl von der Beschlagnahme eines Gutes handelte, welches sich irgendein friedlicher Gutsbesitzer, der seine Tage ruhig im Anklagezustande verbrachte und unter diesem fremden Obdache Kinder und Enkel gezeugt, widerrechtlich angeeignet hatte; ab und zu fielen kurze, heisere Worte: »Fedossej Fedossejitsch, leihen Sie mir, bitte, den Akt Nummer dreihundertachtundsechzig!« – »Immer müssen Sie den Stöpsel vom amtlichen Tintenfasse verlegen!« Zuweilen erklang befehlend eine majestätischere Stimme, die offenbar von einem Vorgesetzten herrührte: »Da, schreib das ins reine! Sonst lasse ich dir die Stiefel ausziehen und du bleibst mir hier sechs Tage sitzen und kriegst nichts zu essen.« Die Schreibfedern erzeugten ein lautes Geräusch und es klang, als führen mehrere Wagen mit Reisig durch einen Wald, wo der Boden einen viertel Arschin hoch mit trockenem Laub bedeckt sei.

Tschitschikow und Manilow gingen auf den ersten Tisch zu, an dem zwei jugendliche Beamte saßen, und fragten: »Gestatten Sie, wo ist hier die Abteilung für Kaufverträge?«

»Was wünschen Sie denn?« fragten die beiden Beamten, indem sie sich umwandten.

»Ich möchte ein Gesuch einreichen.«

»Was haben Sie denn gekauft?«

»Ich möchte zuvor wissen, wo die betreffende Abteilung ist, hier oder anderswo?«

»Nein, sagen Sie mir zuvor, was Sie gekauft haben und zu welchem Preis, dann werden wir Ihnen sagen, wo diese Abteilung ist; sonst können wir es nicht wissen.«

Tschitschikow merkte sofort, daß die Beamten, wie alle jungen Beamten, einfach neugierig waren und sich in ihrer Tätigkeit mehr Gewicht und Bedeutung verleihen wollten.

»Hört mal, meine Lieben,« sagte er, »ich weiß sehr gut, daß alle Kaufverträge, um welchen Kaufpreis es sich auch handeln mag, an einer Stelle erledigt werden, darum bitte ich euch, uns die betreffende Abteilung zu zeigen; wenn ihr euch aber hier nicht auskennt, so werden wir jemand anderen fragen.«

Die Beamten gaben darauf keine Antwort, und der eine von ihnen zeigte bloß mit einem Finger auf einen Winkel, wo ein alter Mann vor einem Tische saß und irgendwelche Papiere numerierte. Tschitschikow und Manilow begaben sich zwischen den Tischen zu ihm. Der alte Mann war in seine Arbeit mit großem Fleiß vertieft.

»Gestatten Sie die Frage,« sagte Tschitschikow mit einer Verbeugung, »ist hier die Abteilung für Kaufverträge?«

Der alte Mann hob die Augen und sagte langsam: »Nein, hier ist nicht die Abteilung für Kaufverträge.«

»Wo denn?«

»In der Expedition für Kaufverträge.«

»Und wo ist die Expedition für Kaufverträge?«

»Bei Iwan Antonowitsch.«

»Und wo ist Iwan Antonowitsch?«

Der alte Mann zeigte mit dem Finger auf eine andere Zimmerecke. Tschitschikow und Manilow begaben sich zu Iwan Antonowitsch. Iwan Antonowitsch hatte schon auf sie ein Auge geworfen und sie von der Seite gemustert; doch im gleichen Augenblick vertiefte er sich gleich wieder in seine Schreibarbeit.

»Gestatten Sie die Frage,« sagte Tschitschikow mit einer Verbeugung, »ist hier die Abteilung für Kaufverträge?«

Iwan Antonowitsch tat so, als ob er nichts hörte; er vertiefte sich in seine Papiere und gab keine Antwort. Man sah ihm gleich an, daß er ein vernünftiger, reifer Herr war und kein junger Schwätzer und Leichtfuß. Iwan Antonowitsch schien hoch in den Vierzigern zu sein; seine Haare waren dicht und schwarz; die ganze mittlere Gesichtspartie trat hervor und strebte der Nase zu; kurz, es war eines der Gesichter, das man im Alltagsleben mit »Kannenmaul« zu bezeichnen pflegt.

»Darf ich fragen, ist hier die Abteilung für Kaufverträge?« fragte Tschitschikow.

»Ja, hier«, sagte Iwan Antonowitsch, indem er sein Kannenmaul von ihm wegwandte und sich wieder in die Schreibarbeit vertiefte.

»Ich komme mit folgender Sache: ich habe von einigen Gutsbesitzern des hiesigen Kreises Bauern zwecks Übersiedlung erworben; die Kaufverträge sind aufgesetzt, sie müssen nur noch vollzogen werden.«

»Sind die Verkäufer zur Stelle?«

»Einige sind zur Stelle, und von den anderen liegen Vollmachten vor.«

»Haben Sie das Gesuch mitgebracht?«

»Ich habe auch das Gesuch mitgebracht. Ich möchte gern . . . ich habe einige Eile . . . Könnte man die Sache nicht schon heute erledigen?«

»Ja, heute! . . . Heute geht es nicht«, sagte Iwan Antonowitsch. »Man muß noch Erkundigungen einziehen, ob den Verkäufen keine gerichtlichen Verfügungen im Wege stehen.«

»Übrigens, was die Beschleunigung der Sache betrifft, so ist Iwan Grigorjewitsch, der Kammervorsitzende, mein guter Freund . . .«

»Iwan Grigorjewitsch ist nicht der einzige; es sind auch andere da«, sagte Iwan Antonowitsch streng. Tschitschikow verstand die Anspielung Iwan Antonowitschs und entgegnete: »Auch die anderen sollen nicht zu kurz kommen; ich habe selbst gedient und kenne die Sache . . .«

»Gehen Sie zu Iwan Grigorjewitsch«, sagte Iwan Antonowitsch etwas freundlicher. »Soll er nur dem, den es angeht, Befehl geben. An uns soll es nicht fehlen.«

Tschitschikow holte aus der Tasche eine Banknote hervor und legte sie vor Iwan Antonowitsch, der sie gar nicht bemerkte und sofort mit einem Buche zudeckte. Tschitschikow wollte ihn auf die Note aufmerksam machen, aber jener gab ihm durch ein Kopfnicken zu verstehen, daß er es nicht zu tun brauchte.

»Dieser da wird Sie in den Sitzungssaal führen«, sagte Iwan Antonowitsch. Er nickte mit dem Kopf, und einer der anwesenden Priester der Themis, der der Göttin mit solchem Eifer opferte, daß seine beiden Ärmel geplatzt waren und aus ihnen schon längst das Unterfutter hervorquoll, wofür er auch seinerzeit den Rang eines Kollegienregistrators erhalten hatte, gesellte sich als Führer zu unseren Freunden, wie einst Vergil zu Dante, und führte sie in den Sitzungssaal, wo nur ein einziger breiter Sessel stand und in diesem, vor einem Tische mit dem GerichtsspiegelGerichtsspiegel: ein in jedem russischen Amtslokal vorhandener symbolischer Gegenstand in Form eines dreikantigen, von einem Doppeladler bekrönten Prismas aus vergoldetem Holz, an dessen drei Seitenflächen unter Glas bestimmte kaiserliche Ukase prangen. Anm. d. Ü. und zwei dicken Büchern einsam wie die Sonne der Kammervorsitzende thronte. Hier zeigte der neue Vergil solche heilige Scheu, daß er es nicht wagte, den Fuß über die Schwelle zu setzen und sofort den Rücken kehrte, der glattgerieben wie eine Bastdecke war und an dem eine Hühnerfeder klebte. Als sie den Saal betraten, sahen sie, daß der Vorsitzende nicht allein war: an seiner Seite saß, ganz vom Gerichtsspiegel verdeckt, Ssobakewitsch. Das Erscheinen der Gäste löste freudige Ausrufe aus, und der Regierungssessel wurde geräuschvoll zurückgeschoben. Auch Ssobakewitsch erhob sich von seinem Platze und wurde in ganzer Figur, mit seinen langen Ärmeln sichtbar. Der Vorsitzende schloß Tschitschikow in die Arme, und der Saal hallte wider von den Küssen; man fragte einander nach dem Befinden; es zeigte sich, daß die beiden leichte Kreuzschmerzen hatten, was sofort der sitzenden Lebensweise zugeschrieben wurde. Der Vorsitzende war schon anscheinend von Ssobakewitsch über den Kauf unterrichtet, weil er sofort unseren Helden zu beglückwünschen begann, was den letzteren etwas verlegen machte, um so mehr, als er die beiden Verkäufer, Ssobakewitsch und Manilow, mit jedem, von denen er das Geschäft unter vier Augen abgeschlossen hatte, nun einander gegenüberstehen sah. Er dankte jedoch dem Vorsitzenden und wandte sich gleich an Ssobakewitsch mit der Frage: »Und wie ist Ihr Befinden?«

»Gottlob, ich kann mich nicht beklagen«, sagte Ssobakewitsch. Und er durfte sich auch tatsächlich nicht beklagen: viel eher könnte sich ein Stück Eisen erkälten und zu husten anfangen, als dieser so wunderbar konstruierte Gutsbesitzer.

»Ja, Sie waren immer als gesund und kräftig berühmt«, sagte der Vorsitzende. »Auch Ihr seliger Herr Vater war ein kräftiger Mann.«

»Ja, der pflegte allein gegen einen Bären loszugehen«, antwortete Ssobakewitsch.

»Mir scheint aber«, sagte der Vorsitzende, »daß auch Sie einen Bären umwerfen könnten, wenn Sie gegen einen losziehen würden.«

»Nein, ich könnte keinen umwerfen«, antwortete Ssobakewitsch. »Mein seliger Vater war doch kräftiger als ich.« Er seufzte und fuhr fort: »Nein, heute sind die Menschen ganz anders; selbst wenn man mein Leben betrachtet: was ist das für ein Leben? Es ist gar nicht so extra . . .«

»Warum ist denn Ihr Leben nicht gut?« fragte der Vorsitzende.

»Es ist gar nicht gut«, sagte Ssobakewitsch und schüttelte den Kopf. »Urteilen Sie selbst, Iwan Grigorjewitsch: ich habe schon meine Fünfzig auf dem Buckel und bin noch nie krank gewesen; wenn ich doch wenigstens einmal Halsschmerzen, ein Geschwür oder einen Furunkel gehabt hätte . . . Nein, das bedeutet nichts Gutes! Früher oder später werde ich das noch büßen müssen.« Hier versank Ssobakewitsch in Melancholie.

– Ist das ein Kerl! – dachten sich gleichzeitig Tschitschikow und der Vorsitzende. – Worüber der sich beklagt! –

»Ich habe einen Brief an Sie«, sagte Tschitschikow, indem er Pljuschkins Brief aus der Tasche holte.

»Von wem denn?« fragte der Vorsitzende. Nachdem er den Brief entfaltet, rief er aus: »Ach so, von Pljuschkin! Der lebt noch immer auf der Welt. Ist das ein Schicksal! Was ist er doch für ein kluger und reicher Mensch gewesen! Und jetzt . . .«

»Ein Hund,« sagte Ssobakewitsch, »ein Gauner, hat alle seine Leute verhungern lassen.«

»Gerne, gerne«, sagte der Vorsitzende, nachdem er den Brief gelesen. »Ich will gerne die Vertretung übernehmen. Wann wollen Sie den Kaufvertrag abschließen, jetzt oder später?«

»Jetzt«, sagte Tschitschikow. »Ich möchte Sie sogar bitten, womöglich heute, weil ich morgen schon die Stadt verlasse. Ich habe die Verträge und das Gesuch mitgebracht.«

»Das ist alles sehr schön, aber wir werden Sie nicht so bald fortreisen lassen. Die Kaufverträge werden heute erledigt, doch Sie müssen noch einige Zeit bei uns verleben. Gleich gebe ich den Befehl.« Mit diesen Worten öffnete er die Türe der Kanzleistube, die voller Beamten war. Diese schwärmten wie fleißige Bienen um ihre Waben, wenn nur der Vergleich der Bienenwaben mit den Kanzleiakten angängig wäre. »Ist Iwan Antonowitsch hier?«

»Er ist hier!« antwortete eine Stimme aus dem Innern des Zimmers.

»Schickt ihn mal her!«

Der den Lesern schon bekannte Iwan Antonowitsch mit dem Kannenmaul erschien im Sitzungssaal und machte eine respektvolle Verbeugung.

»Hier, Iwan Antonowitsch, nehmen Sie mal alle Kaufverträge dieses Herrn . . .«

»Vergessen Sie nicht, Iwan Grigorjewitsch,« fiel ihm Ssobakewitsch ins Wort, »daß auch Zeugen notwendig sind, wenigstens zwei für jede Partei. Lassen Sie mal gleich den Staatsanwalt kommen: er ist ein müßiger Mensch und sitzt wohl zu Hause: alles besorgt für ihn sein Faktotum Solotucha, der größte Dieb in der Welt. Auch der Inspektor der Medizinalverwaltung ist ein müßiger Mensch und sitzt wohl zu Hause, wenn er nicht irgendwohin gefahren ist, um Karten zu spielen; es gibt auch viele Leute, die näher wohnen: Truchatschewskij, Bjeguschkin – die fallen nur der Erde zur Last.«

»Gewiß, gewiß!« sagte der Vorsitzende und schickte sofort einen Kanzleidiener, um alle die Zeugen herbeizuschaffen.

»Ich möchte Sie noch bitten,« sagte Tschitschikow, »den Bevollmächtigten einer Gutsbesitzerin kommen zu lassen, mit der ich gleichfalls ein Geschäft abgeschlossen habe: es ist der Sohn des Protopopen P. Kirill; er ist hier bei Ihnen angestellt.«

»Gewiß, wir wollen auch ihn holen lassen«, sagte der Vorsitzende. »Es soll alles geschehen, den Beamten bitte ich Sie aber nichts zu geben. Meine Freunde brauchen nichts zu zahlen.« Nach diesen Worten erteilte er Iwan Antonowitsch irgendeinen Befehl, der diesem offenbar sehr mißfiel. Die Verträge machten auf den Kammervorsitzenden anscheinend einen guten Eindruck, um so mehr, als er sah, daß die Gesamtsumme beinahe hunderttausend Rubel ausmachte. Einige Minuten lang blickte er Tschitschikow mit dem Ausdrucke höchster Zufriedenheit in die Augen und sagte schließlich: »So, so! So geht es, Pawel Iwanowitsch! So haben Sie also einiges erworben!«

»Ja, ich habe mir einiges erworben«, antwortete Tschitschikow.

»Ein gutes Werk! Wirklich, ein gutes Werk!«

»Ja, ich sehe selbst, daß ich ein besseres Werk gar nicht habe unternehmen können. Wie dem auch sei, der Lebenszweck eines Menschen ist nur dann bestimmt, wenn er auf festem Grunde und nicht auf irgendeiner freigeistigen Schimäre der Jugend fußt.« Bei dieser Gelegenheit tadelte er, und mit Recht, alle jungen Leute für ihre liberale Gesinnung. Merkwürdigerweise klangen aber diese seine Worte etwas unsicher, wie wenn er sich dabei dächte: »Du lügst, mein Bester, und nicht zu knapp!« Er vermied sogar, Ssobakewitsch und Manilow anzublicken, da er in ihren Gesichtern etwas zu lesen fürchtete. Seine Furcht war aber unbegründet: Ssobakewitsch zuckte mit keiner Wimper, und Manilow schüttelte nur, von Tschitschikows Worten bezaubert, billigend den Kopf und nahm dabei den Ausdruck eines Musikliebhabers an, welcher hört, wie eine Sängerin die Geige übertönt und einen so hohen Ton von sich gibt, wie ihn selbst keine Vogelkehle hervorbringen kann.

»Warum wollen Sie dem Iwan Grigorjewitsch nicht sagen,« bemerkte Ssobakewitsch, »was Sie erworben haben? Und warum fragen Sie ihn nicht, Iwan Grigorjewitsch, worin seine Erwerbungen bestehen? Was das für Leute sind! Ich sage Ihnen, das reinste Gold! Ich habe ihm ja den Wagenbauer Michejew verkauft.«

»Tatsächlich, auch den Michejew?« sagte der Vorsitzende. »Ich kenne den Wagenbauer Michejew: er ist ein wunderbarer Meister; er hat mir einmal eine Droschke umgearbeitet. Aber gestatten Sie . . . Sie haben mir doch selbst gesagt, er sei gestorben . . .«

»Wer, Michejew gestorben?« sagte Ssobakewitsch, ohne die Fassung zu verlieren. »Sein Bruder ist gestorben, er aber ist munter und fidel. Dieser Tage hat er mir einen Wagen gebaut, wie man ihn nicht mal in Moskau herstellen kann. Im Grunde genommen, hätte er nur für den Kaiser arbeiten sollen.«

»Ja, Michejew ist ein wunderbarer Meister,« sagte der Vorsitzende, »und ich wundere mich sogar, daß Sie sich von ihm haben trennen können.«

»Als ob es Michejew allein wäre! Und der Zimmermann Stepan Probka, der Ofensetzer Miluschkin, der Schuster Maxim Teljatnikow – alle sind weg, alle habe ich verkauft!« Und als der Vorsitzende ihn fragte, warum er diese im Hauswesen so notwendigen Leute verkauft habe, winkte Ssobakewitsch mit der Hand und sagte: »Es war so eine dumme Laune von mir, ich will sie verkaufen, sagte ich mir, und verkaufte sie aus bloßer Dummheit!« Darauf ließ er seinen Kopf hängen, als ob er die Sache wirklich bereute, und fügte hinzu: »Da habe ich schon graues Haar, bin aber noch immer nicht gescheiter geworden.«

»Aber gestatten Sie, Pawel Iwanowitsch,« fragte der Vorsitzende, »wie kaufen Sie die Bauern ohne Land? Etwa zwecks Übersiedlung?«

»Ja, zwecks Übersiedlung.«

»Das ist freilich eine andere Sache. Und wo sollen sie hin?«

»Ins . . . Cherssoner Gouvernement.«

»Oh, dort ist ein vorzügliches Land!« sagte der Vorsitzende und äußerte sich sehr lobend über den dortigen Graswuchs.

»Und haben Sie auch genügend Land?«

»Genügend, geradesoviel, als ich für die gekauften Bauern brauche.«

»Ist dort ein Fluß oder ein Teich?«

»Ein Fluß. Es gibt übrigens auch einen Teich.« Nach diesen Worten blickte Tschitschikow zufällig Ssobakewitsch an; obwohl dessen Gesicht noch immer unbeweglich war, glaubte Tschitschikow darin zu lesen: – Gott, wie du lügst! Es gibt dort wohl weder einen Fluß, noch einen Teich, noch das Land selbst! –

Während dieser Gespräche erschienen ein Zeuge nach dem anderen: der dem Leser schon bekannte Staatsanwalt mit dem blinzelnden Auge, der Inspektor der Medizinalverwaltung, Truchatschewskij, Bjeguschkin und die sonstigen Leute, die nach Ssobakewitschs Worten bloß der Erde zur Last fielen. Viele von ihnen waren Tschitschikow gänzlich unbekannt; die noch fehlenden Zeugen wurden dem Personal der Zivilkammer entnommen. Man schaffte nicht nur den Sohn des Protopopen P. Kirill herbei, sondern auch den Protopopen selbst. Ein jeder von diesen Zeugen malte seine Unterschrift mit allen seinen Titeln und Auszeichnungen hin, der eine in steiler, der andere in schräger Schrift, ein dritter setzte die Buchstaben beinahe auf den Kopf und gebrauchte Buchstaben, die man im russischen Alphabet kaum je gesehen hat. Der bekannte Iwan Antonowitsch machte die Sache sehr schnell; die Verträge wurden verzeichnet, datiert, ins Buch und wo es sich noch gehört eingetragen; für die Anzeige im Amtsblatte wurde das halbe Prozent erhoben, und Tschitschikow hatte nur eine Kleinigkeit zu bezahlen. Der Präsident gab sogar Befehl, von ihm nur die Hälfte der vorgeschriebenen Gebühr zu erheben, während die andere Hälfte auf eine unerklärliche Weise von einem anderen Gesuchsteller getragen werden mußte.

»So!« sagte der Vorsitzende. »Jetzt bleibt uns nur noch übrig, den Kauf zu begießen.«

»Sehr gern«, sagte Tschitschikow. »Wollen Sie mir nur den Zeitpunkt angeben. Es wäre auch Sünde meinerseits, wenn ich einer so angenehmen Gesellschaft nicht ein paar Flaschen Schaumwein spendierte.«

»Nein, Sie haben mich mißverstanden: den Schaumwein wollen wir selbst spendieren«, sagte der Vorsitzende; »das ist unsere Pflicht und Schuldigkeit. Sie sind unser Gast: wir müssen Sie bewirten. Wissen Sie was, meine Herren? Wir wollen uns nicht lange den Kopf zerbrechen und sofort zum Polizeimeister gehen; er ist doch ein wahrer Wundertäter: er braucht nur mit dem Auge zu zwinkern, wenn er an den Fischläden oder den Weinhandlungen vorbeigeht, und wir haben sofort das schönste Frühstück! Bei dieser Gelegenheit wollen wir auch eine kleine Partie Whist spielen.«

Auf diesen Vorschlag konnte niemand nein sagen. Die Zeugen spürten schon bei der bloßen Erwähnung der Fischläden Appetit; alle griffen sofort nach ihren Mützen und Hüten, und die Amtshandlung war zu Ende. Als sie durch die Kanzlei gingen, sagte Iwan Antonowitsch mit dem Kannenmaul mit einer höflichen Verbeugung leise zu Tschitschikow: »Sie haben für hunderttausend Rubel Bauern gekauft und mir für meine Mühe nur einen Fünfundzwanziger gegeben.«

»Was sind das auch für Bauern?« antwortete ihm Tschitschikow ebenso leise. »Schlechtes, unbrauchbares Volk, sie sind nicht mal die Hälfte davon wert.« Iwan Antonowitsch begriff, daß der Besucher einen festen Charakter hatte und nichts mehr geben würde.

»Und was haben Sie dem Pljuschkin für die Seelen bezahlt?« flüsterte ihm Ssobakewitsch ins andere Ohr.

»Und warum haben Sie den Worobej mit eingetragen?« antwortete ihm darauf Tschitschikow.

»Was für einen Worobej?« fragte Ssobakewitsch.

»Nun, das Frauenzimmer Jelisaweta Worobej, aus der Sie einen Jelisawet gemacht haben.«

»Ich habe keinen Worobej eingetragen«, sagte Ssobakewitsch und gesellte sich zu den anderen Gästen.

Endlich erreichten die Gäste in einem großen Haufen das Haus des Polizeimeisters. Der Polizeimeister war in der Tat ein Wundertäter: sobald er von der Sache hörte, rief er sofort den Revieraufseher, einen flinken Burschen in Lackstiefeln herbei und flüsterte ihm höchstens zwei Worte ins Ohr, denen er nur noch hinzufügte: »Verstehst du?« Infolgedessen erschienen im nächsten Zimmer, während die Gäste ihren Whist spielten, auf dem Tische Weißlachs, Störe, Salm, Preßkaviar, Malossolkaviar, Heringe, geräucherte Fische, Käse aller Sorten, geräucherte Zungen und Störrücken –; dies alles hatte der Fischmarkt beigesteuert. Dann kamen noch die Spenden des Hausherrn und die Erzeugnisse seiner Küche: eine Pastete mit den Knorpeln und dem Kopf eines neun Pud schweren Störes, eine andere Pastete mit Schwämmen, ferner Butterbrezeln, Pastetchen und Quarkkuchen. Der Polizeimeister war gewissermaßen der Vater und Wohltäter der Stadt. Er bewegte sich unter den Bürgern wie in eigener Familie und besuchte ihre Läden und Geschäfte wie seine eigene Speisekammer. Überhaupt füllte er, wie man so sagt, seinen Platz durchaus aus und hatte sein Amt vollkommen erfaßt. Es war schwer zu sagen, ob er für sein Amt oder sein Amt für ihn geschaffen war. Er packte die Sache so geschickt an, daß er doppelt soviel Einnahmen als alle seine Vorgänger hatte, dabei aber die Liebe der ganzen Stadt genoß. Vor allem liebten ihn die Kaufleute, weil er so gar nicht stolz war; er hob ihre Kinder aus der Taufe, stand bei ihnen Gevatter, schröpfte sie zwar zuweilen erbarmungslos, machte das aber außerordentlich geschickt: er klopfte dabei einen freundlich auf die Schulter, lachte oder traktierte ihn mit Tee, versprach zuweilen, zu einer Partie Dame zu kommen und erkundigte sich nach allem, wie die Geschäfte gingen; wenn er hörte, daß ein Kind erkrankt sei, empfahl er eine Arznei; mit einem Worte, ein braver Kerl! Wenn er in seiner Droschke fuhr, um nach der Ordnung zu sehen, rief er dem einen oder dem anderen zu: »Nun, wie ist es, Michejitsch, wollen wir unsere Partie nicht einmal zu Ende spielen?« – »Ja, Alexej Iwanowitsch,« antwortete jener, die Mütze ziehend, »das sollten wir!« – »Nun, Bruder, Ilja Paramonytsch, besuch' mich doch mal und sieh dir meinen Traber an, spann auch den deinigen in den Rennwagen, wir wollen mal um die Wette fahren.« Der Kaufmann, der auf seinen Traber ganz versessen war, lächelte besonders aufgeräumt, strich sich den Bart und sagte: »Wir wollen es mal versuchen, Alexej Iwanowitsch!« Selbst alle Ladenangestellten, die so einem Gespräch mit entblößten Köpfen beiwohnten, blickten einander vergnügt an, als wollten sie sagen: »Alexej Iwanowitsch ist doch ein guter Mensch!« Mit einem Worte, er hatte die größte Popularität erworben, und die Kaufleute waren von ihm der Meinung: »Alexej Iwanowitsch schröpft zwar gehörig, verrät aber einen nicht.«

Als der Polizeimeister sah, daß der Tisch fertiggedeckt war, schlug er den Gästen vor, den Whist nach dem Frühstück zu Ende zu spielen, und alle begaben sich in das andere Zimmer, aus dem schon längst ein Geruch drang, der die Nasen der Gäste auf die angenehmste Weise kitzelte, und in das Ssobakewitsch schon längst durch die Türe hineingeschaut, wobei er einen auf einer großen Platte etwas abseits liegenden Stör ins Auge gefaßt hatte. Die Gäste tranken je ein Gläschen von einem dunklen, olivgelben Schnaps, von der Farbe, wie sie nur bei gewissen sibirischen Halbedelsteinen vorkommt, aus denen man in Rußland Petschaften zu machen pflegt, traten dann, mit Gabeln bewaffnet, von allen Seiten an den Tisch und begannen, wie man so sagt, ihre Charaktere und Neigungen zu zeigen, indem der eine sich auf den Kaviar, der andere auf den Salm und der dritte auf den Käse verlegte. Ssobakewitsch schenkte allen diesen Kleinigkeiten nicht die geringste Beachtung und machte sich gleich an den Stör heran; während die anderen sprachen, verzehrte er ihn in etwas mehr als einer Viertelstunde vollständig, so daß, als der Polizeimeister sich des Fisches erinnerte und mit den Worten: »Und was sagen Sie zu diesem Naturprodukt, meine Herren?« mit einer Gabel bewaffnet und von den anderen begleitet an die Fischplatte herantrat – von dem Naturprodukt nur noch der Schwanz übriggeblieben war; Ssobakewitsch tat aber so, als ob er mit der Sache nichts zu tun hätte, trat vor einen etwas abseits stehenden Teller und begann mit der Gabel in einem winzigen gedörrten Fischchen herumzustochern. Nachdem er mit dem Stör fertig geworden, setzte sich Ssobakewitsch in einen Sessel, aß und trank nichts mehr, sondern kniff nur die Augen zusammen. Der Polizeimeister schien mit den Weinen nicht zu geizen: die Toaste wollten gar kein Ende nehmen. Der erste Toast galt, wie die Leser vielleicht selbst erraten haben, dem neuen Cherssoner Gutsbesitzer; dann trank man auf das Wohlergehen seiner Bauern und auf deren erfolgreiche Übersiedlung; dann auf das Wohl seiner künftigen schönen Frau, was unserem Helden ein angenehmes Lächeln entlockte. Man trat an ihn von allen Seiten heran und suchte ihn zu überreden, wenigstens noch zwei Wochen in der Stadt zu bleiben: »Nein, Pawel Iwanowitsch, das geht wirklich nicht! Das hieße ja nur die Stube kalt machen: über die Schwelle herein und gleich wieder hinaus! Nein, Sie müssen noch einige Zeit mit uns verleben! Wir wollen Sie auch verheiraten. Nicht wahr, Iwan Grigorjewitsch, wir werden ihn verheiraten?«

»Gewiß werden wir ihn verheiraten!« stimmte der Kammervorsitzende zu. »Und wie sehr Sie sich auch mit Händen und Füßen dagegen wehren, wir verheiraten Sie doch! Nein, Väterchen, wenn Sie schon einmal hergeraten sind, so dürfen Sie nicht klagen. Wir verstehen keinen Spaß.«

»Warum sollte ich mich mit Händen und Füßen wehren?« sagte Tschitschikow lächelnd. »Die Heirat ist doch nicht eine solche Sache . . . Wenn nur eine Braut da wäre.«

»Es wird auch eine Braut da sein! Warum soll ich keine finden? Alles wird sich finden lassen, was Sie nur wünschen!«

»Nun, wenn sich eine finden läßt . . .«

»Bravo, er bleibt!« schrien alle: »Vivat, hurra, Pawel Iwanowitsch! Hurra!« Und alle traten mit ihren Gläsern auf ihn zu, um mit ihm anzustoßen. Tschitschikow stieß mit allen an. »Nein, nein, noch einmal!« riefen die Keckeren, und er stieß mit ihnen zum zweitenmal an; dann wollten sie noch zum drittenmal anstoßen, und er stieß auch zum drittenmal an. In ganz kurzer Zeit bemächtigte sich aller eine außerordentlich lustige Stimmung. Der Kammervorsitzende, der in heiterem Zustande ein wirklich netter Mann war, schloß Tschitschikow einigemal in die Arme und sagte mit herzlichem Gefühl: »Du mein Herz! Mein Mamachen!« Er knipste sogar mit den Fingern und tanzte um ihn herum, wobei er das bekannte Lied sang: »Ach, du Hundesohn, Komarinskij-Muschik!« – Nach dem Champagner entkorkte man einige Flaschen Ungarwein, der die Stimmung noch mehr hob und die Gesellschaft noch mehr erheiterte. Den Whist hatte man vollkommen vergessen; man stritt, schrie und redete über alles mögliche: über Politik, sogar über das Kriegswesen und äußerte dabei höchst freiheitliche Gedanken, für die man zu einer anderen Zeit seine eigenen Kinder durchgeprügelt hätte. Man löste eine Menge höchst schwieriger Fragen. Tschitschikow hatte sich noch nie so lustig gefühlt; er kam sich tatsächlich als ein Cherssoner Gutsbesitzer vor, sprach von allerlei Reformen, von der Dreifelderwirtschaft, vom Glück und der Seligkeit zweier Seelen und fing an, Ssobakewitsch eine Epistel Werthers an Charlotte in Versen zu deklamieren, wozu jener, in seinem Sessel sitzend, nur schwer die Lider bewegte, da er nach dem Stör recht schläfrig geworden war. Tschitschikow merkte auch selbst, daß er sich zu sehr gehen ließ, bat um eine Equipage und bekam die Droschke des Staatsanwaltes. Der Kutscher des letzteren war, wie es sich unterwegs zeigte, ein erfahrener Bursche: er lenkte das Pferd nur mit einer Hand, während er mit der anderen hinter seinem Rücken den Fahrgast festhielt. So erreichte er mit der Droschke des Staatsanwaltes seinen Gasthof, wo ihm noch lange allerlei Unsinn auf die Zunge kam: eine blonde Braut mit roten Backen und einem Grübchen auf der rechten, Cherssoner Besitztümer und Kapitalien. Sselifan bekam von ihm sogar den Auftrag, alle neuangesiedelten Bauern zu versammeln und namentlich aufzurufen. Sselifan hörte ihm sehr lange schweigend zu, verließ dann das Zimmer und sagte zu Petruschka: »Geh, kleide den Herrn aus!« Petruschka begann ihm die Stiefel auszuziehen und zog mit ihnen beinahe auch den Herrn selbst auf den Boden herunter. Die Stiefel waren schließlich ausgezogen, der Herr entkleidete sich ordentlich, drehte sich zuerst einigemal auf seinem Bette, das unter ihm unbarmherzig knarrte, hin und her und schlief bald als überzeugter Cherssoner Gutsbesitzer ein. Petruschka trug indessen die Hose und den Frack von preißelbeerfarbenem Tuch mit Glanz in den Korridor hinaus, breitete sie auf dem hölzernen Kleiderhalter aus und begann mit einem Klopfer und einem Besen draufzuhauen, so daß der ganze Korridor sich mit Staub füllte. Im Begriffe, die Kleider vom Halter herunterzunehmen, blickte er von der Galerie hinunter und sah Sselifan, der eben aus dem Stalle kam. Ihre Blicke trafen sich, und sie verstanden sich sofort ohne Worte: der Herr ist schlafen gegangen, also könnte man irgendwo hineinschauen. Petruschka brachte sofort den Frack und die Hose aufs Zimmer, kam zu Sselifan hinunter, und die beiden machten sich auf den Weg; unterwegs sprachen sie nicht vom Ziele ihrer Reise, sondern schwatzten von allerlei gleichgültigen Dingen. Der Spaziergang war recht kurz: sie gingen nur über die Straße, zu einem Hause, das dem Gasthof gegenüberstand, und traten durch eine niedere verrauchte Glastüre in einen Kellerraum, wo hinter einfachen Tischen bereits allerlei Leute saßen: mit Bart und ohne Bart, in Schafspelzen, in Hemden und auch in Friesmänteln. Was Sselifan und Petruschka hier trieben, weiß Gott allein; als sie aber nach einer Stunde wieder herauskamen, hielten sie sich untergefaßt, sprachen kein Wort und erwiesen einander an jeder Ecke besondere Aufmerksamkeit. Hand in Hand, ohne einander loszulassen, stiegen sie dann eine geschlagene Viertelstunde die Treppe hinauf und langten endlich oben an. Petruschka stand eine Minute lang vor seinem niederen Bett und überlegte sich, wie er sich wohl am besten hinlegen könnte; schließlich legte er sich quer über das Bett, so daß seine Füße gegen den Fußboden stießen. Auch Sselifan legte sich auf dasselbe Bett, den Kopf auf Petruschkas Bauch, und schien ganz vergessen zu haben, daß er gar nicht hier, sondern vielleicht in der Gesindestube oder gar im Stalle bei den Pferden hätte schlafen sollen. Beide schliefen augenblicklich ein und erhoben dabei ein sonores Geschnarche, das der Herr aus seinem Zimmer mit einem feinen Pfeifen durch die Nase begleitete. Bald wurde alles still, und der Gasthof versank in tiefen Schlaf; nur in einem kleinen Fenster brannte noch Licht; hier wohnte der Leutnant aus Rjasan, der offenbar großer Liebhaber von Stiefeln war, denn er hatte sich bereits vier Paare bestellt und probierte nun unermüdlich das fünfte. Einigemal trat er ans Bett, um die Stiefel auszuziehen und sich hinzulegen, brachte es aber nicht übers Herz: die Stiefel waren in der Tat wunderbar genäht, und lange hob er noch das Bein in die Höhe und betrachtete den herrlich gearbeiteten Absatz.


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