Nikolai Gogol
Die toten Seelen
Nikolai Gogol

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Zehntes Kapitel

Beim Polizeimeister, dem den Lesern schon bekannten Vater und Wohltäter der Stadt, versammelt, hatten die Beamten Gelegenheit, aneinander festzustellen, wie sie infolge all dieser Sorgen und Aufregungen abgemagert waren. Und in der Tat, die Ernennung des neuen Generalgouverneurs, die eingelaufenen Papiere von so ernstem Inhalt und alle die unheimlichen Gerüchte – dies alles hatte sichtbare Spuren auf ihren Gesichtern hinterlassen, und vielen von ihnen waren sogar die Fräcke zu weit geworden. Alle waren getroffen: der Kammervorsitzende war abgemagert, der Inspektor der Medizinalverwaltung war abgemagert, der Staatsanwalt war abgemagert und selbst ein gewisser Ssemjon Iwanowitsch, dessen Familiennamen niemals genannt wurde und der einen Ring am Zeigefinger trug, den er den Damen zu zeigen pflegte, war abgemagert. Natürlich fanden sich auch, wie es immer geht, einige Tapfere, die den Mut nicht sinken ließen; ihrer waren aber nicht viele: es war eigentlich nur der Postmeister allein. Sein stets gleichmäßiger Charakter hatte nicht die geringste Veränderung erfahren, und er pflegte bei solchen Gelegenheiten immer zu sagen: »Wir kennen die Herren Generalgouverneure! Es werden ihrer vielleicht drei oder vier abwechseln, ich aber sitze schon seit dreißig Jahren auf meinem Platz, sehr verehrter Herr!« Darauf pflegten die anderen Beamten zu erwidern: »Du hast es gut, sprechen Sie deutsch, Iwan Andreitsch: deine Sache ist die Post – du hast nur die Poststücke anzunehmen und zu befördern; der einzige Betrug, den du verüben kannst, ist, daß du das Postamt eine Stunde zu früh schließt, um dann von einem Kaufmann, der mit seinem Brief zu spät gekommen ist, eine Kleinigkeit zu erpressen, oder daß du ein Paket, das nicht befördert werden darf, dennoch beförderst; an deiner Stelle kann natürlich ein jeder ein Heiliger sein. Wenn du aber einen Posten hättest, wo dich der Teufel jeden Tag in Versuchung brächte, so daß man dir auch, wenn du nichts nehmen wolltest, dennoch etwas in die Hand drückte! Du hast es auch nicht schwer: du hast bloß einen Jungen. Denke dir aber den Fall, Bruder, Gott hat deine Praskowja Fjodorowna so gesegnet, daß sie dir jedes Jahr ein Kind schenkt: bald eine Praskuschka, bald einen Petruscha; dann würdest du schon ein anderes Lied singen!« So sprachen die Beamten; ob aber ein Mensch die Kraft hat, der Versuchung des Teufels zu widerstehen, darüber maßt sich der Autor kein Urteil an. In der Versammlung, die dieses Mal zusammentrat, fehlte in einer recht fühlbaren Weise das, was man Sinn und Ordnung zu nennen pflegt. Überhaupt sind wir für Repräsentantenversammlungen nicht geschaffen. Bei allen unseren Zusammenkünften, von den Bauernversammlungen bis zu den Sitzungen der verschiedenen gelehrten und sonstigen Komitees herrscht, wenn nicht ein kluger Kopf das Ganze leitet, ein ordentliches Durcheinander. Es ist sogar schwer zu sagen, warum das so ist; es wird wohl eine nationale Eigentümlichkeit sein, daß uns nur solche Beratungen gelingen, in denen über irgendeine Zecherei oder ein Essen verhandelt wird: also alle die Klubsitzungen und ähnliche Veranstaltungen auf deutsche Manier. Die Bereitwilligkeit hierzu ist hingegen immer vorhanden. Wenn gerade der richtige Wind weht, gründen wir im Nu alle möglichen Wohltätigkeits-, Unterstützungs- und sonstigen Vereine. Das Ziel wird immer sehr schön sein, es wird aber trotzdem nichts herauskommen. Vielleicht beruht das darauf, daß wir gleich bei Beginn befriedigt sind und die Sache damit als erledigt ansehen. Wenn wir zum Beispiel irgendeinen Verein zur Unterstützung von Armen gegründet und beträchtliche Summen gespendet haben, so veranstalten wir sofort, um unser lobenswertes Beginnen zu feiern, ein Diner für die ersten Beamten der Stadt, was natürlich die Hälfte der gespendeten Gelder kostet; für den Rest wird für das Komitee eine großartige Wohnung mit Beheizung und Bedienung gemietet; zuletzt bleiben für die Armen von der ganzen Summe fünf und ein halber Rubel übrig; bei der Verteilung dieser Summe zeigen sich unter den Komiteemitgliedern Unstimmigkeiten, und jeder empfiehlt irgendeine arme Gevatterin. Übrigens war die Sitzung, über die wir hier berichten, ganz anderer Art: sie war ja aus dringender Notwendigkeit zustande gekommen. Es handelte sich nicht um irgendwelchen Armen oder Abseitsstehenden: die Sache ging jeden Beamten persönlich an; es handelte sich um ein Ungemach, das allen in gleicher Weise drohte, daher mußte man notgedrungen einmütiger und in engerer Gemeinschaft vorgehen. Trotz alledem kam dabei der Teufel weiß was heraus. Ganz abgesehen von den Meinungsverschiedenheiten, die eine Eigentümlichkeit aller solcher Beratungen bilden, zeigte sich in den Ansichten der Versammelten eine ganz unfaßbare Unsicherheit: der eine sagte, Tschitschikow sei ein Banknotenfälscher, fügte aber gleich darauf hinzu: »vielleicht auch nicht«; der andere behauptete, er sei ein Beamter aus der Kanzlei des Generalgouverneurs, erklärte aber gleich darauf: »Übrigens weiß der Teufel, was er ist: es steht ihm doch nicht auf der Stirn geschrieben.« Gegen die Vermutung, daß er ein verkleideter Räuber sei, sprachen sich alle ablehnend aus; alle fanden, daß schon, abgesehen von seinem Äußern, das an sich die Biederkeit selbst sei, auch in seinen Worten nichts läge, was auf einen Menschen mit gewalttätigen Neigungen schließen ließe. Plötzlich rief der Postmeister, der einige Minuten in tiefe Nachdenklichkeit versunken war, ganz unerwartet aus: »Wissen Sie, meine Herren, wer er ist?« Die Stimme, mit der er dies sagte, klang dermaßen erschütternd, daß alle wie aus einem Munde schrien: »Wer ist er denn?« – »Meine Herren, er ist niemand anders als der Hauptmann Kopejkin, mein sehr verehrter Herr!« Und als alle wie aus einem Munde fragten: »Und wer ist dieser Hauptmann Kopejkin?« antwortete der Postmeister: »Wie, Sie wissen nicht, wer der Hauptmann Kopejkin ist?«

Alle antworteten, sie hätten keine Ahnung davon, wer der Hauptmann Kopejkin sei.

»Der Hauptmann Kopejkin«, sagte der Postmeister, indem er seine Tabaksdose nur halb öffnete, da er fürchtete, es könnte jemand von den in der Nähe Sitzenden seine Finger hineinstecken, an deren Sauberkeit er nicht recht glaubte; er pflegte sogar manchmal zu sagen: »Ich weiß es schon, Väterchen, Sie haben mit Ihren Fingern vielleicht Gott weiß wo herumgewühlt, der Tabak ist aber eine Sache, die Reinlichkeit verlangt.« – »Der Hauptmann Kopejkin«, wiederholte er, nachdem er eine Prise genommen hatte: »Wenn ich es Ihnen übrigens erzähle, so kann es sogar für einen Schriftsteller höchst interessant werden, es ist gewissermaßen ein ganzes Poem.«

Alle Anwesenden äußerten den Wunsch, diese, wie sich der Postmeister ausdrückte, »für einen Schriftsteller höchst interessante Geschichte, gewissermaßen ein ganzes Poem« zu hören, und er begann wie folgt:

Die Geschichte von Hauptmann Kopejkin

»Nach der Campagne von 1812, mein sehr verehrter Herr,« begann der Postmeister, obwohl im Zimmer nicht ein Herr, sondern ihrer sechs saßen, »nach der Campagne von 1812 wurde mit den anderen Verwundeten auch der Hauptmann Kopejkin heimgeschickt. Ein Hitzkopf, launisch wie der Teufel, hatte schon auf der Hauptwache und im Arrest gesessen und alles gekostet, was es nur auf der Welt gibt. Bei Krasnoje oder bei Leipzig hatte ihm ein Geschoß, denken Sie sich nur, einen Arm und ein Bein weggerissen. Damals waren wegen der Verwundeten, wissen Sie, noch keinerlei Verfügungen erlassen worden: der Invalidenfond wurde, wie Sie es sich denken können, gewissermaßen erst viel später gegründet. Der Hauptmann Kopejkin sieht, daß er arbeiten muß, er hat aber, sehen Sie, nur den einen linken Arm. Er kam nach Hause zu seinem Vater, aber der Vater sagte ihm: ›Ich habe nichts, um dich zu ernähren, ich‹, stellen Sie es sich nur vor, ›ich kann mir selbst kaum mein Brot verdienen.‹ Nun entschloß sich der Hauptmann Kopejkin, mein sehr verehrter Herr, nach Petersburg zu gehen, um sich bei der vorgesetzten Behörde zu bemühen: so und so, er habe gewissermaßen und sozusagen sein Leben geopfert und sein Blut vergossen . . . So kam er also, wissen Sie, mit dem Train oder mit Staatsfuhren – mit einem Wort, er kam, mein sehr verehrter Herr, irgendwie nach Petersburg. Nun stellen Sie sich vor: so ein Hauptmann Kopejkin ist plötzlich in eine Hauptstadt geraten, die in der ganzen Welt nicht ihresgleichen hat! Er sieht vor sich plötzlich eine Welt, gewissermaßen ein Feld des Lebens, Sie wissen wohl, so eine märchenhafte Scheherezade. So einen Newskij-Prospekt, oder, wissen Sie, so eine Gorochowaja- oder irgendeine, hol's der Teufel, Litejnaja-Straße; da ragt so eine Fahnenstange in die Luft: Brücken hängen wie durch einen Zauber, ganz ohne Stützpunkte; mit einem Worte, die reinste Semiramis, mein sehr verehrter Herr! Er versucht sich eine Wohnung zu mieten, aber die Preise sind furchtbar gemein: lauter Gardinen, Vorhänge, allerlei Teufelszeug, Teppiche – das reinste Persien, mein sehr verehrter Herr . . . man tritt sozusagen Kapitalien mit den Füßen. Man geht durch die Straßen, und die Nase wittert schon aus der Ferne die Tausende; die Staatsbank meines Hauptmanns Kopejkin besteht aber, Sie werden es wohl begreifen, aus zehn Fünfrubelscheinen und etwas Silbergeld . . . Ein Dorf kann man sich dafür nicht kaufen, das heißt, man kann schon eins kaufen, wenn man vierzigtausend dazulegt; diese vierzigtausend müßte man aber erst beim König von Frankreich pumpen. Kurz und gut, er fand schließlich in einem Revaler Wirtshaus Unterkunft, für einen Rubel pro Tag; das Mittagessen besteht aus einer Kohlsuppe und einem Stück Klops . . . Er sieht, daß es keinen Sinn hat, allzu lange dazubleiben. Er erkundigt sich, wohin er sich zu wenden habe. ›Ja, das ist eine Frage!‹ sagt man ihm: ›Die höchsten Behörden sind noch nicht in der Hauptstadt;‹ Sie verstehen, alles war noch in Paris, die Armee war noch nicht zurückgekehrt; ›es gibt aber‹, sagt man ihm, ›eine provisorische Kommission. Versuchen Sie es dort, vielleicht kann die für Sie etwas tun.‹ – ›Gut, ich gehe in die Kommission‹, sagt Kopejkin, ›und erkläre ihnen dort: soundso, ich habe gewissermaßen mein Blut vergossen, habe, bildlich gesprochen, mein Leben geopfert.‹ So stand er eines Morgens recht früh auf, schabte sich mit der linken Hand den Bart, denn ein Barbier hätte wohl ein Vermögen gekostet, zog seine Uniform an und humpelte, stellen Sie sich vor, auf seinem Holzfuß zum Vorsitzenden der Kommission. Er erkundigt sich, wo dieser Vorsitzende wohnt. ›Hier,‹ sagt man ihm, ›in diesem Hause am Kai.‹ Sie können sich wohl so ein Bauernhäuschen vorstellen: die Fensterchen sind Spiegelscheiben von anderthalb Klafter Höhe, nichts als Marmor und Lack, mein sehr verehrter Herr . . . mit einem Worte, zum Verrücktwerden. Irgendeine Türklinke aus Metall ist ein Komfort erster Qualität, so daß man zuerst in den nächsten Laden laufen, sich für einen Groschen Seife kaufen und sich dann gewissermaßen an die zwei Stunden die Hände reiben muß, ehe man so eine Klinke anrührt. Schon der Portier vor dem Eingang mit dem Stab in der Hand: so eine Grafenphysiognomie, Batistkragen, ganz wie ein gemästeter fetter Mops . . . Kopejkin schleppt sich auf seinem Holzfuß in den Empfangssaal, drückt sich in eine Ecke, um nicht mit dem Arm irgendso ein Amerika oder Indien – bildlich gesprochen, so eine vergoldete Porzellanvase umzustoßen. Es versteht sich von selbst, daß er lange genug stehen mußte, denn er kam zu einer Stunde, als der Vorsitzende gewissermaßen noch kaum aufgestanden war und sein Kammerdiener ihm so eine silberne Schüssel zu allerlei Waschungen reichte. Mein Kopejkin wartet an die vier Stunden, als der diensthabende Beamte eintritt und meldet: ›Gleich erscheint der Vorsitzende.‹ Das Zimmer ist schon voller Epaulettes und Achselbänder, die Menschen drängen sich wie die Bohnen auf einer Schüssel. Endlich kommt der Vorsitzende, mein sehr verehrter Herr. Nun . . . Sie können sich vorstellen, wie so ein Vorsitzender aussieht! In seinem Gesicht ist, sozusagen . . . seinem Dienstrange entsprechend, Sie verstehen mich wohl . . . so ein Ausdruck . . . In jeder Bewegung ein Großstädter; er geht auf den einen und auf den andern zu und fragt: ›Was wollen Sie? Was wünschen Sie? In welcher Angelegenheit sind Sie hier?‹ Endlich kommt er, mein sehr verehrter Herr, zum Kopejkin. Kopejkin sagt: ›Soundso, habe mein Blut vergossen und gewissermaßen einen Arm und ein Bein verloren: ich kann nicht arbeiten; darum erlaube ich mir die Anfrage, ob ich nicht auf eine Unterstützung rechnen darf, ob nicht eine Verfügung wegen einer sozusagen Gratifikation oder Pension zu erwarten ist.‹ Sie verstehen es doch. Der Vorsitzende sieht: vor ihm steht ein Mann mit einem Holzbein, und der rechte Ärmel ist leer an den Waffenrock festgesteckt. ›Gut,‹ sagt er, ›fragen Sie in einigen Tagen wieder nach.‹ Mein Kopejkin ist ganz begeistert: ›Nun,‹ denkt er sich, ›die Sache ist gemacht!‹ Er ist, Sie können es sich wohl denken, in bester Laune, hüpft auf dem Trottoir, macht einen Sprung ins Restaurant Palkin, um einen Schnaps zu nehmen, ißt im Gasthause zur Stadt London zu Mittag, läßt sich ein Kotelett mit Kapern geben, dann eine Poularde mit allerlei Kram, dazu eine Flasche Wein, geht abends ins Theater – mit einem Worte, er macht sich einen guten Tag. Auf dem Trottoir sieht er plötzlich eine Engländerin daherschweben, Sie können sich wohl denken, schön und schlank wie ein Schwan. Mein Kopejkin – sein Blut kommt, Sie begreifen doch, in Wallung – humpelt ihr auf seinem Holzbein nach. ›Lieber nicht,‹ sagt er sich dann, ›ich will das Kurschneiden einstweilen aufstecken! Nachher, wenn ich die Pension schon bekommen habe; ich bin schon ganz aus Rand und Band geraten.‹ So hatte er an einem Tage, wollen Sie es beachten, beinahe die Hälfte seines Vermögens durchgebracht. Nach drei oder vier Tagen kommt er, mein sehr verehrter Herr, wieder in die Kommission zum Vorsitzenden. Jawohl! ›Ich komme,‹ sagt er, ›um mich zu erkundigen: soundso krankheitshalber und infolge meiner Verwundungen . . . habe gewissermaßen mein Blut vergossen . . .‹ und so weiter, Sie verstehen wohl, in amtlichem Ton. ›Ach was‹, sagt der Vorsitzende: ›vor allen Dingen muß ich Ihnen mitteilen, daß wir in Ihrer Sache ohne Genehmigung der höchsten Stelle nichts machen können. Sie sehen doch selbst, was jetzt für eine Zeit ist. Die militärischen Operationen sind, sozusagen, noch nicht endgültig abgeschlossen. Gedulden Sie sich bis zur Ankunft des Herrn Ministers. Sie können überzeugt sein, daß man Sie nicht übersehen wird. Und wenn Sie inzwischen nichts zum Leben haben, so nehmen Sie dies, das ist alles,‹ sagt er, ›was ich für Sie tun kann.‹ Sie verstehen, er gab ihm nicht viel, aber doch so viel, daß Kopejkin damit bei einiger Sparsamkeit doch noch bis zu der Entscheidung hätte auskommen können. Kopejkin strebte aber nach etwas anderem. Er stellte sich vor, man würde ihm schon morgen einige Tausende auszahlen: ›Hier hast du es, mein Lieber, trink und amüsiere dich;‹ statt dessen sagt man ihm aber: ›Wart!‹ und gibt ihm sogar keinen Termin an. Im Kopfe hat er aber die Engländerin und allerlei Souplettes und Kotelettes. Düster wie ein Uhu tritt er auf die Straße, oder wie ein Pudel, den der Koch mit Wasser begossen hat – hat den Schwanz eingeklemmt und läßt die Ohren hängen. Er hat schon Geschmack am Petersburger Leben gefunden, hat auch schon manches gekostet. Da soll er aber, der Teufel weiß wie, leben und nichts Süßes zu kosten bekommen. Er ist aber ein frischer, lebhafter Mensch und hat einen richtigen Wolfshunger. Wenn er an so einem Restaurant vorübergeht, so ist der Koch, Sie können sich wohl denken, ein Ausländer, ein Franzose mit solch einem offenen Gesicht, hat holländische Wäsche an und eine Schürze, die sich sozusagen nur mit Schnee vergleichen läßt; er arbeitet an irgendeinem fines-herbes, an einem Kotelett mit Trüffeln, mit einem Worte, an einer solchen Delikatesse, daß man vor lauter Appetit sich selbst auffressen möchte. Und wenn er an den Miljutinschen Läden vorbeigeht, so schaut aus einem Fenster sozusagen irgendein Räucherlachs heraus, Kirschen zu fünf Rubeln das Stück, oder ein Omnibus von einer Wassermelone, die nur auf einen Dummkopf wartet, der für sie hundert Rubel bezahlt; mit einem Wort, auf Schritt und Tritt Versuchungen; das Wasser läuft ihm, bildlich gesprochen, im Munde zusammen, er muß aber warten. Versetzen Sie sich nur in seine Lage; einerseits sozusagen der Räucherlachs und die Wassermelone, und andererseits reicht man ihm ein bitteres Gericht unter dem Namen ›Morgen‹: – ›Sollen sie dort machen,‹ sagt er sich, ›was sie wollen, ich gehe aber hin, bringe die ganze Kommission und alle Vorsitzenden auf die Beine und sage ihnen: Nein, ganz wie Sie wollen, aber so geht das nicht!‹ Und in der Tat: er ist zudringlich und frech, hat nicht zuviel Grütze im Kopf, dafür aber Keckheit mehr, als man braucht. Er kommt also in die Kommission. ›Was gibt's?‹ fragt man ihn: ›Was kommen Sie schon wieder? Man hat Ihnen doch schon mal gesagt . . .‹ – ›Ach was,‹ sagt er, ›ich kann mich so nicht durchschlagen. Ich muß‹, sagt er, ›auch ein Kotelett essen und eine Flasche französischen Wein trinken; auch muß ich mich ein wenig zerstreuen, will auch mal ins Theater gehen‹, Sie verstehen schon. – ›Da müssen Sie schon entschuldigen‹, sagt der Vorsitzende: ›Dazu hat der Mensch gewissermaßen, sozusagen, die Geduld. Man hat Ihnen vorläufig einige Mittel bewilligt, damit Sie sich ernähren können, bis Ihre Sache entschieden ist. Sie werden ohne Zweifel ordentlich belohnt werden: denn es hat bisher noch keinen Fall gegeben, daß bei uns in Rußland ein Mann, der, sozusagen, seinem Vaterlande gedient hat, ohne Versorgung geblieben wäre. Wenn Sie sich aber mit Koteletts und Theaterbesuchen verwöhnen wollen, so müssen Sie schon entschuldigen. In solchem Falle müssen Sie sich selbst die Mittel dazu verschaffen und sich selbst helfen.‹ Aber mein Kopejkin läßt sich nicht beirren. Die Worte prallen von ihm ab wie Erbsen von der Wand. Er erhob ein großes Geschrei und ließ an der ganzen Gesellschaft kein gutes Haar! Er begann auf alle die Amtsvorstände, Sekretäre und sonstigen Beamten zu schimpfen. ›Sie sind‹, sagt er, ›dies‹, sagt er, ›und Sie sind jenes! Sie‹, sagt er, ›kennen Ihre Pflichten nicht! Sie sind‹, sagt er, ›Gesetzverächter!‹ sagt er. Alle bekamen von ihm was ab. Ganz zufällig war dort, wissen Sie, ein General von einem ganz anderen Ressort anwesend, und auch der bekam von ihm, mein sehr verehrter Herr, was ab! Es war ein richtiger Aufruhr. Was soll man nur mit einem solchen Satan anfangen? Der Vorsitzende sieht, daß man, gewissermaßen, sozusagen, zu strengen Maßregeln greifen muß. ›Gut‹, sagt er, ›wenn Sie sich damit nicht begnügen wollen, was man Ihnen gibt, und nicht geneigt sind, hier in der Hauptstadt gewissermaßen ruhig auf die Entscheidung Ihrer Sache zu warten, so werde ich Sie nach Ihrem Wohnort spedieren. Man hole‹, sagt er, ›einen Feldjäger her, damit er ihn nach seinem Wohnort transportiert!‹ Der Feldjäger aber, wissen Sie, steht schon hinter der Tür: ein drei Ellen langer Kerl mit einer Hand, wissen Sie, die schon von der Natur selbst bestimmt ist, um den Postkutschern die Rücken zu bearbeiten, mit einem Worte so ein Dentist . . . So setzt man den Knecht Gottes in den Wagen und schiebt ihn mit dem Feldjäger ab. ›Nun,‹ denkt sich Kopejkin, ›so brauche ich wenigstens kein Fahrgeld zu zahlen, ich bin auch dafür dankbar.‹ So fährt er, mein sehr verehrter Herr, mit dem Feldjäger, und wie er so, gewissermaßen, mit dem Feldjäger fährt, überlegt er sich: ›Schön,‹ sagt er sich, ›du sagst mir, ich solle mir selbst die Mittel verschaffen und mir selbst helfen; gut,‹ sagt er, ›ich werde mir schon die Mittel verschaffen!‹ Nun, wie man ihn an den Bestimmungsort befördert und wohin man ihn eigentlich gebracht hat, darüber ist nichts Sicheres bekannt. So versanken alle Nachrichten über den Hauptmann Kopejkin in den Strom der Vergessenheit, in so eine Lethe, wie es die Dichter nennen. Aber, gestatten Sie, meine Herren, hier fängt eben der Faden unseres Romans an. Was aus dem Kopejkin geworden ist, das weiß niemand; aber es vergingen keine zwei Monate, als in den Wäldern von Rjasan eine Räuberbande auftauchte, und der Hauptmann dieser Bande war, mein sehr verehrter Herr, niemand anders als . . .«

»Aber erlaube einmal, Iwan Andrejewitsch,« sagte plötzlich der Polizeimeister, ihn unterbrechend: »dem Hauptmann Kopejkin fehlen, wie du selbst sagst, ein Arm und ein Bein, Tschitschikow aber . . .«

Der Postmeister schrie auf, schlug sich mit aller Kraft auf die Stirn und nannte sich öffentlich, in aller Gegenwart, einen Schafskopf. Er konnte nicht begreifen, wieso ihm dieser Umstand nicht gleich am Anfang der Erzählung eingefallen war, und mußte zugeben, daß das Sprichwort: »Der Russe ist hinterher am klügsten« durchaus berechtigt sei. Aber schon eine Minute später fing er zu klügeln an und versuchte sich aus der Affäre zu ziehen, indem er behauptete, in England sei übrigens, wie man es aus den Zeitungen ersehen könne, die Mechanik sehr vervollkommnet, und einer hätte sogar hölzerne Beine erfunden, die, nach dem Druck auf eine verborgene Sprungfeder, den Menschen Gott weiß wohin forttrügen, so daß man ihn hinterher überhaupt nicht mehr auffinden könne.

Alle zweifelten aber sehr, daß Tschitschikow der Hauptmann Kopejkin sei, und fanden, daß der Postmeister doch etwas zu weit gegangen sei. Im übrigen zeigten sie, daß auch sie nicht auf den Kopf gefallen waren, und gingen, durch die geistreiche Vermutung des Postmeisters angeregt, vielleicht noch weiter als er. Unter den vielen in ihrer Art gescheiten Vermutungen war eine, die sogar seltsam klingt: daß Tschitschikow vielleicht der verkleidete Napoleon sei; die Engländer beneideten schon längst Rußland wegen seiner Größe und Ausdehnung, und man habe schon öfter Karikaturen gesehen, auf denen der Russe im Gespräch mit einem Engländer dargestellt sei: der Engländer hält hinter seinem Rücken einen Hund an der Leine, und unter diesem Hund sei Napoleon zu verstehen. »Nimm dich in acht,« sagt der Engländer, »wenn mir etwas nicht paßt, so laß ich gleich diesen Hund gegen dich los.« Vielleicht hätten sie ihn jetzt von St. Helena losgelassen; nun versuche er unter der Maske Tschitschikows nach Rußland zu kommen; Tschitschikow sei also in Wirklichkeit gar nicht Tschitschikow.

Die Beamten wollten dieser Geschichte natürlich nicht recht glauben, wurden aber immerhin nachdenklich, und ein jeder fand, wenn er sich die Sache für sich überlegte, daß Tschitschikows Gesicht, wenn er einem sein Profil zuwende, in der Tat eine große Ähnlichkeit mit Napoleon, wie er auf den Bildern dargestellt sei, habe. Der Polizeimeister, der die Campagne von 1812 mitgemacht und Napoleon persönlich gesehen hatte, mußte zugeben, daß Napoleon durchaus nicht größer als Tschitschikow und von Statur weder allzu dick noch allzu dünn gewesen sei. Vielleicht werden manche Leser dieses unwahrscheinlich finden; auch der Autor ist bereit, ihnen zuliebe es unwahrscheinlich zu finden; aber leider hat sich die Geschichte gerade so abgespielt, wie es hier berichtet wird, und zwar, was am erstaunlichsten ist, in einer Stadt, die nicht irgendwo in einer Wildnis, sondern gar nicht weit von den beiden Hauptstädten lag. Es muß übrigens festgestellt werden, daß dies alles sich bald nach der glorreichen Vertreibung der Franzosen abspielte. Um jene Zeit waren alle unsere Gutsbesitzer, Beamten, Kaufleute, Handlungsgehilfen und alle des Lesens kundigen wie auch unkundigen Leute für wenigstens acht Jahre passionierte Politiker geworden. Die »Moskauer Nachrichten« und der »Sohn des Vaterlandes« wurden dermaßen zerlesen, daß sie den letzten Leser in Form von Fetzen, die zu nichts mehr zu gebrauchen waren, erreichten. An Stelle der Fragen: »Wie teuer haben Sie das Maß Hafer verkauft, Väterchen?« oder: »Wie haben Sie den gestrigen Schlittenweg ausgenützt?« – fragte man nur: »Was schreibt man in den Zeitungen? Hat man Napoleon nicht wieder von seiner Insel losgelassen?« Die Kaufleute waren in größter Sorge, denn sie glaubten fest an die Prophezeiung eines Propheten, der schon seit drei Jahren im Zuchthaus saß. Dieser Prophet war, kein Mensch wußte woher, in Bastschuhen und einem nackten Schafspelz, welcher fürchterlich nach faulen Fischen roch, erschienen und hatte verkündigt, daß Napoleon der Antichrist sei und an einer steinernen Kette hinter sechs Mauern und sieben Meeren sitze; später einmal werde er aber die Kette zerreißen und sich der ganzen Welt bemächtigen. Der Prophet kam wegen dieser Prophezeiung, so wie es sich gehört, ins Zuchthaus, aber er hatte schon seine Sache gemacht und die Kaufmannschaft in Aufruhr versetzt. Lange noch pflegten die Kaufleute, wenn sie selbst die lohnendsten Geschäftsabschlüsse im Wirtshaus mit Tee feierten, über den Antichrist zu reden. Auch viele von den Beamten und vom Adel dachten unwillkürlich darüber nach und sahen, vom Mystizismus angesteckt, der damals bekanntlich in Mode war, in jedem Buchstaben des Wortes »Napoleon« einen tieferen Sinn; viele entdeckten in ihm sogar die apokalyptischen Zahlen. Daher ist es durchaus nicht merkwürdig, daß die Beamten anfingen, über diesen Punkt nachzudenken; bald kamen sie aber wieder zur Besinnung und merkten, daß ihre Phantasie durchgegangen war und daß sie nicht auf dem richtigen Wege waren. Lange dachten und redeten sie und kamen endlich zum Schluß, daß es vielleicht gar nicht so dumm wäre, Nosdrjow ordentlich auszufragen. Da er als erster die Geschichte von den toten Seelen verbreitet hatte, da er, wie man so sagt, irgendwelche intimen Beziehungen zu Tschitschikow unterhielt und zweifellos manches von seinen Lebensumständen wissen mußte, so wollte man mal hören, was Nosdrjow sagen würde.

Merkwürdige Menschen sind doch diese Herren Beamten und mit ihnen auch die übrigen Stände: alle wußten doch sehr gut, daß Nosdrjow ein Lügner war und daß man keinem seiner Worte, selbst in der unbedeutendsten Angelegenheit, Glauben schenken dürfe; und doch wandten sie sich gerade an ihn. Was soll man bloß mit manchem Menschen anfangen! Er glaubt nicht an Gott, glaubt aber, daß er, wenn ihn sein Nasenrücken juckt, ganz gewiß sterben werde; er schenkt dem Werke eines Dichters, welches so klar wie der Tag und ganz von Harmonie und der höchsten Weisheit der Einfachheit durchdrungen ist, keine Beachtung, stürzt sich aber auf ein Machwerk, in dem irgendein Frechling alles durcheinandergebracht und aus der Natur ein Zerrbild gemacht hat; dieses Machwerk gefällt ihm, und er ruft aus: »Das ist die echte Herzenserkenntnis!« Sein ganzes Leben lang hält er nichts von Ärzten, wendet sich aber zuletzt an ein altes Weib, das die Krankheiten mit Besprechen und Spucken kuriert, oder erfindet, was noch besser ist, selbst ein Dekokt aus irgendeinem Dreck, das ihm, Gott weiß warum, als das richtige Mittel gegen seine Krankheit erscheint. Natürlich könnte man die Herren Beamten mit ihrer schwierigen Lage entschuldigen. Der Ertrinkende klammert sich, wie man sagt, an einen Strohhalm, und es fällt ihm in diesem Augenblick gar nicht ein, daß auf so einem Strohhalm höchstens eine Fliege reiten kann, während er beinahe vier oder sogar fünf Pud wiegt; dieser Gedanke kommt ihm gar nicht in den Sinn, und er klammert sich an den Strohhalm. So klammerten sich unsere Herren schließlich an Nosdrjow. Der Polizeimeister schrieb ihm sofort ein Billett, in dem er ihn zum Abend einlud, und ein Revieraufseher in Reiterstiefeln und mit sympathisch roten Backen lief sofort, seinen Degen im Laufen festhaltend, zu Nosdrjow. Dieser war gerade mit einer sehr wichtigen Sache beschäftigt; seit vier Tagen kam er nicht aus seinem Zimmer, ließ keinen Menschen herein und bekam sogar das Mittagessen durchs Fenster; mit einem Wort, er war sogar abgemagert und grün im Gesicht geworden. Die Sache erforderte die größte Aufmerksamkeit: es handelte sich um die Auswahl eines Kartenspiels aus einigen hundert Taillen, auf das er ebenso sicher bauen könnte wie auf den besten Freund. Er hatte daran noch wenigstens zwei Wochen zu arbeiten; während dieser Zeit mußte Porfirij dem kleinen Bullenbeißer den Nabel mit einem besonderen Bürstchen reinigen und ihn dreimal am Tage mit Seife waschen. Nosdrjow war sehr aufgebracht, daß man ihn in seiner Einsamkeit gestört hatte; zunächst schickte er den Revieraufseher zum Teufel; als er jedoch dem Billett des Polizeimeisters entnahm, daß sich heute abend vielleicht etwas verdienen ließe, da irgendein Neuling erwartet werde, ließ er sich sofort erweichen, schloß sein Zimmer in aller Eile ab, zog die ersten besten Kleidungsstücke, die ihm in die Hand kamen, an und begab sich zu den Beamten. Die Aussagen, Behauptungen und Vermutungen Nosdrjows standen in einem so krassen Widerspruch zu denen der Herren Beamten, daß auch ihre letzten Hypothesen zusammenstürzten. Nosdrjow war entschieden ein Mann, für den es überhaupt keine Zweifel gab; so unsicher und schüchtern die Beamten in ihren Vermutungen waren, so sicher und überzeugt trat er auf. Er beantwortete alle Punkte, ohne zu stocken, erklärte, Tschitschikow habe für einige tausend Rubel tote Seelen eingekauft, und er habe ihm selbst welche verkauft, weil er keinen Grund sehe, warum er ihm keine verkaufen solle. Auf die Frage, ob Tschitschikow kein Spion sei und nicht etwas ausspionieren wolle, antwortete Nosdrjow, daß er wohl ein Spion sei; schon in der Schule, wo sie zusammen gewesen wären, hätte man ihn stets einen Spion genannt, und alle Mitschüler, darunter auch er, hätten ihn wegen seiner Angebereien einmal so verprügelt, daß man ihm nachher an den Schläfen allein zweihundertvierzig Blutegel ansetzen mußte; er wollte eigentlich vierzig sagen, aber die zweihundert kamen ihm irgendwie ganz von selbst von den Lippen. Auf die Frage, ob Tschitschikow nicht falsche Banknoten herstelle, antwortete er, daß er wohl welche herstelle; bei dieser Gelegenheit erzählte er eine Anekdote, die von Tschitschikows ungewöhnlicher Geschicklichkeit zeugte: als die Behörden erfahren hatten, daß er in seinem Hause für zwei Millionen falsche Banknoten habe, hatten sie alle Türen des Hauses versiegelt und vor jede Türe je zwei Wachposten gestellt; Tschitschikow brachte es aber fertig, sämtliche Banknoten in einer Nacht zu vertauschen, so daß man am nächsten Morgen, als man die Siegel abnahm, nur echte Banknoten vorfand. Auf die Frage, ob Tschitschikow wirklich die Absicht gehabt habe, die Gouverneurstochter zu entführen, und ob es wahr sei, daß er, Nosdrjow, es übernommen hätte, ihm in dieser Sache zu helfen, antwortete Nosdrjow, daß er ihm tatsächlich geholfen habe; wenn er ihm nicht beigestanden hätte, so wäre aus der Sache nichts geworden. Hier merkte er erst, daß diese Lüge ihn leicht ins Unglück stürzen könnte; aber er konnte seine Zunge nicht mehr im Zaume halten. Dies fiel ihm um so schwerer, als ganz von selbst so interessante Einzelheiten kamen, daß er auf sie unmöglich verzichten konnte: er nannte sogar das Dorf, in dessen Kirche die Trauung stattfinden sollte, nämlich das Dorf Truchmatschowka; der Pope P. Ssidor hätte für die Trauung fünfundsiebzig Rubel verlangt und wäre auf die Sache wohl gar nicht eingegangen, wenn er, Nosdrjow, ihm nicht mit der Drohung Angst gemacht hätte, ihn anzuzeigen, daß er den Mehlhändler Michailo mit einer Gevatterin getraut habe; er hätte Tschitschikow sogar seinen Wagen geliehen und auf allen Stationen Pferde bereitgestellt. Die Einzelheiten gingen so weit, daß er selbst die Postkutscher bei ihren Namen zu nennen anfing. Man versuchte die Rede auf Napoleon zu bringen, wurde aber dessen nicht froh, denn Nosdrjow fing einen Unsinn zu reden an, der nicht nur keine Ähnlichkeit mit der Wahrheit, sondern überhaupt mit nichts Ähnlichkeit hatte, so daß die Beamten aufseufzten und von ihm weggingen; nur der Polizeimeister allein hörte ihm noch lange zu, da er noch immer hoffte, daß vielleicht später etwas Vernünftiges kommen würde; zuletzt gab auch er jede Hoffnung auf und sagte: »Das ist, weiß der Teufel, was!« Und alle waren sich darin einig: »wie sehr man sich auch mit diesem Stier abplagt, so kriegt man von ihm doch keinen Tropfen Milch!« So befanden sich die Beamten in einer noch schlimmeren Lage als vorher, und die Sache endete mit der Feststellung, daß sie unmöglich erfahren können, wer Tschitschikow sei. Nun kam es an den Tag, was für ein Geschöpf der Mensch ist: er ist weise, klug und vernünftig in allen Dingen, die den anderen und nicht ihn selbst angehen. Was für umsichtige und sichere Ratschläge vermag er in schwierigen Lebenslagen zu erteilen! »Was für ein kluger, findiger Kopf!« schreit die Menge. »Was für ein unbeugsamer Charakter!« Wenn aber über diesen klugen Kopf irgendein Unglück hereinbricht und er selbst in eine schwierige Lebenslage kommt, – wo ist dann sein Charakter? Der unbeugsame Mann ist ganz ratlos und steht wie ein elender Feigling, wie ein ohnmächtiges, schwaches Kind da, oder einfach wie ein Waschlappen, wie sich Nosdrjow ausdrückte.

Alle diese Gespräche, Vermutungen und Gerüchte wirkten aus irgendeinem Grunde am stärksten auf den armen Staatsanwalt. Sie machten auf ihn einen so starken Eindruck, daß er, nach Hause zurückgekehrt, zu grübeln anfing und plötzlich, wie man so sagt, mir nichts, dir nichts, den Geist aufgab. Ob ihn der Schlag oder etwas anderes getroffen hatte, weiß man nicht, doch er stürzte, wie er so saß, plötzlich vom Stuhle auf den Fußboden. Man schlug, wie es so geht, die Hände zusammen und schrie: »Ach, mein Gott!« Dann schickte man nach einem Arzt, um ihn zur Ader zu lassen, sah aber, daß der Staatsanwalt schon eine entseelte Leiche war. Jetzt erst erfuhr man mit Bedauern, daß der Verstorbene wirklich eine Seele gehabt, obwohl er sie in seiner Bescheidenheit niemals gezeigt hatte. Das Phänomen des Todes ist aber an einem unbedeutenden Menschen ebenso erschütternd wie an einem großen Mann; derjenige, der noch vor kurzem herumgegangen war, sich bewegt, Whist gespielt und allerlei Papiere unterschrieben hatte, der so oft unter den Beamten mit seinen buschigen Brauen und dem immer blinzelnden Auge zu sehen gewesen war, lag jetzt auf dem Tische, das linke Auge blinzelte nicht mehr, doch die Braue war noch immer wie fragend emporgezogen. Was der Verstorbene eigentlich fragte: wozu er gestorben war, oder wozu er gelebt hatte – das wußte Gott allein.

»Aber das ist doch Unsinn! Das widerspricht allen Gesetzen der Logik! Es ist unmöglich, daß die Beamten sich selbst solche Angst eingejagt, einen solchen Unsinn geschaffen und sich so weit von der Wahrheit entfernt haben konnten, wo doch auch ein Kind einsehen mußte, worum es sich hier handelte!« So werden manche Leser sprechen und dem Autor Mangel an Logik vorwerfen, oder aber die armen Beamten Dummköpfe nennen, denn der Mensch geht mit dem Worte »Dummkopf« sehr freigebig um und ist zwanzigmal am Tage bereit, es auf seinen Nächsten anzuwenden. Es genügt, unter zehn Eigenschaften eine einzige dumme zu haben, um, trotz der neun guten Eigenschaften, für einen Dummkopf gehalten zu werden. Der Leser hat es leicht zu urteilen, wenn er alles aus seinem ruhigen Winkel aus, von seinem hohen Standpunkte herab betrachtet, von wo aus er den ganzen Horizont überblicken kann und alles, was unten geschieht, wo der Mensch nur die allernächsten Dinge sehen kann. In der Weltchronik der Menschheit gibt es ja auch ganze Jahrhunderte, die man als überflüssig streichen und ausmerzen möchte. Gar viele Verirrungen hat es in der Menschheitsgeschichte gegeben, in die heute wohl nicht mal ein Kind verfallen würde. Was für krumme, dunkle, enge, unwegsame, abseits führende Straßen hat schon die Menschheit in ihrem Streben nach der ewigen Wahrheit eingeschlagen, während vor ihr ein gerader Weg lag, gleich dem Wege zum Prunkbau, der dem König zum Palast bestimmt ist! Von der Sonne bestrahlt und die ganze Nacht von Flammen erhellt, ist er breiter und prachtvoller als alle Wege; die Menschen gingen aber an ihm vorbei durch dichte Finsternis. Und wie oft brachten sie es fertig, selbst wenn der Himmel ihnen den wahren Weg gewiesen, von diesem abzuirren, am hellichten Tage in unwegsame Wüsteneien zu geraten, einander die Augen in Nebel zu hüllen und, Sumpflichtern folgend, an den Rand eines Abgrundes zu gelangen, um sich dann entsetzt zu fragen: »Wo ist der Ausweg, wo ist die Straße?« Jede lebende Generation sieht dieses klar ein; sie wundert sich über die Verirrungen, sie lacht über die Unvernunft ihrer Vorfahren, übersieht aber dabei, daß diese Chronik mit himmlischen Flammen geschrieben ist, daß jeder Buchstabe in ihr schreit, daß von allen Seiten ein Finger auf sie selbst, auf die lebende Generation hinweist; doch die lebende Generation lacht und beginnt stolz und selbstbewußt eine Reihe von neuen Verirrungen, über die die Nachkommen ebenso lachen werden.

Tschitschikow aber wußte von alledem nichts. Das Schicksal fügte es, daß er sich gerade um diese Zeit eine leichte Erkältung zuzog, dazu eine geschwollene Backe und eine kleine Halsentzündung, Erscheinungen, mit denen das Klima vieler unserer Gouvernementsstädte äußerst freigebig zu verfahren pflegt. Damit sein Lebensfaden, Gott behüte, nicht reiße, ehe er eine Nachkommenschaft gezeugt habe, entschloß er sich, lieber drei Tage das Zimmer zu hüten. Im Laufe dieser Tage gurgelte er beständig mit Milch, die mit einer Feige abgekocht war, welch letztere er jedesmal verzehrte, und trug ein Säckchen mit Kamillen und Kampfer an die Wange gebunden. Um die Zeit irgendwie totzuschlagen, fertigte er mehrere neue ausführliche Verzeichnisse der neuerworbenen Bauern an, las sogar einen Band der Herzogin von Lavallière, der sich zufällig in seinem Koffer fand, sah die verschiedenen Zettelchen und Gegenstände durch, die er in seiner Schatulle verwahrte, las manche noch einmal, und zuletzt wurde ihm dies alles langweilig. Er konnte sich unmöglich erklären, warum keiner der städtischen Beamten ihn besuchte, um sich nach seinem Befinden zu erkundigen, während erst vor kurzem stets irgendeine Droschke vor seinem Gasthause gewartet hatte: entweder die des Postmeisters, oder die des Staatsanwalts, oder die des Kammervorsitzenden. Während er in seinem Zimmer auf und ab ging, zuckte er nur die Achseln. Endlich fühlte er sich etwas besser und war unsagbar froh, als er die Möglichkeit sah, wieder an die frische Luft zu gehen. Ohne auch nur einen Augenblick zu verlieren, machte er sich sofort an die Toilette, öffnete die Schatulle, goß heißes Wasser ins Glas, holte Pinsel und Seife hervor und fing mit dem Rasieren an, wozu es übrigens schon längst Zeit war: als er seinen Bart mit der Hand betastete und einen Blick in den Spiegel warf, rief er aus: »Gott, ist das ein Wald!« Es war zwar kein Wald, aber immerhin eine recht dichte Saat, die an seinen Wangen und Kinn aufgegangen war. Nachdem er sich rasiert hatte, zog er sich so schnell an, daß er dabei beinahe aus seiner Hose heraussprang. Endlich war er angekleidet, mit Kölnischem Wasser besprengt und trat, recht warm eingehüllt, vorsichtshalber mit verbundener Backe, auf die Straße. Sein Ausgang war wie der eines jeden nach einer Krankheit wiederhergestellten Menschen gleichsam ein Fest. Alles, was ihm in den Weg kam, schien zu lachen: die Häuser und die vorbeigehenden Bauern, die übrigens recht ernst dreinblickten und von denen schon mancher seinem Bruder eine Maulschelle versetzt hatte. Seinen ersten Besuch wollte er beim Gouverneur machen. Unterwegs kamen ihm verschiedene Gedanken in den Sinn: so dachte er an die Blondine, seine Phantasie ging ein wenig durch, und er begann schon selbst über sich zu lachen. In dieser Geistesverfassung langte er vor dem Hause des Gouverneurs an. Er hatte schon angefangen, im Flur eilig seinen Mantel abzulegen, als der Portier ihn durch folgende unerwartete Worte in Erstaunen versetzte: »Ich darf Sie nicht vorlassen!«

»Wie? Was fällt dir ein! Du hast mich wohl nicht erkannt? Schau mich doch mal ordentlich an!« sagte zu ihm Tschitschikow.

»Wie soll ich Sie nicht erkannt haben! Ich sehe Sie doch nicht zum erstenmal«, sagte der Portier. »Sie allein darf ich nicht vorlassen, jeden anderen aber wohl.«

»Was sagst du bloß? Wieso? Warum?«

»So ist mir befohlen worden; es darf halt nicht sein«, sagte der Portier und fügte dem noch ein »Ja« hinzu; darauf nahm er eine ganz ungezwungene Haltung ein und zeigte nichts von jenem freundlichen Ausdruck, mit dem er ihm sonst immer aus dem Mantel half. Wie er ihn so ansah, dachte er sich wohl: – Aha! Wenn dich die Herrschaften nicht über die Schwelle lassen, so mußt du wohl ein ganz gemeiner Bursche sein! –

– Unbegreiflich! – dachte sich Tschitschikow und begab sich sofort zum Kammervorsitzenden; als aber der Vorsitzende ihn erblickte, geriet er in solche Verlegenheit, daß er keine zwei vernünftigen Worte hervorbringen konnte und so dummes Zeug zusammenschwatzte, daß alle beide sich genieren mußten. Tschitschikow verließ ihn und versuchte unterwegs zu erraten, was für einen Sinn wohl die Worte des Vorsitzenden gehabt hätten, konnte aber nichts begreifen. Darauf besuchte er die anderen: den Polizeimeister, den Vizegouverneur, den Postmeister, aber diese empfingen ihn entweder überhaupt nicht oder so seltsam und fingen so konfuse und unverständliche Gespräche an, daß er an ihrer Zurechnungsfähigkeit zweifeln mußte. Er versuchte noch den einen und den anderen anzutreffen, um wenigstens den Grund zu erfahren, erfuhr aber nichts. Wie im Halbschlafe irrte er planlos durch die Stadt und konnte noch immer nicht begreifen, ob er selbst verrückt geworden sei, oder die Beamten den Kopf verloren hätten; ob das Ganze sich im Traume abspiele, oder ob in Wirklichkeit etwas so Dummes begonnen hätte, was noch dümmer wäre als jeder Traum. Recht spät, in der Abenddämmerung, kehrte er in seinen Gasthof zurück, den er in einer so guten Laune verlassen hatte, und ließ sich vor Langweile Tee geben. In Nachdenklichkeit und Ratlosigkeit über seine seltsame Lage versunken, schenkte er sich den Tee ein, als plötzlich die Türe seines Zimmers aufging und vor ihm ganz unerwartet Nosdrjow stand.

»Nicht umsonst sagt das Sprichwort: ›Für einen Freund sind auch sieben Werst keine Entfernung‹!« sagte Nosdrjow, die Mütze abnehmend. »Wie ich eben vorbeigehe, sehe ich Licht im Fenster. ›Ich will mal nachsehen‹, denke ich mir: ›er schläft wohl noch nicht.‹ Ah! Es ist schön, daß du Tee auf dem Tische hast, ich will gerne ein Täßchen trinken: heute habe ich zu Mittag einen ganz scheußlichen Fraß gegessen und fühle, daß in meinem Magen etwas losgeht. Laß mir mal eine Pfeife stopfen! Wo ist denn deine Pfeife?«

»Ich rauche doch keine Pfeife«, sagte Tschitschikow trocken.

»Unsinn, als ob ich nicht weiß, daß du ein Raucher bist! He! Wie heißt doch dein Diener? He, Wachramej, hör' mal!«

»Er heißt nicht Wachramej, sondern Petruschka!«

»Wieso? Früher hast du doch einen Wachramej gehabt?«

»Niemals habe ich einen Wachramej gehabt.«

»Ja, es stimmt, Derebin hat einen Wachramej. Denk dir nur, was für einen Dusel dieser Derebin hat: seine Tante hat sich mit ihrem Sohn entzweit, weil er eine Leibeigene geheiratet hat, und hat nun ihr ganzes Vermögen dem Neffen vermacht. Ich denke mir: wie schön wäre es doch, auch so eine Tante für die Zukunft zu haben! Ja, Bruder, warum hast du dich plötzlich von allen zurückgezogen und läßt dich nirgends mehr blicken? Gewiß, ich weiß, du beschäftigst dich zuweilen mit den Wissenschaften und liest gerne (woraus Nosdrjow schloß, daß unser Held sich mit den Wissenschaften beschäftigte und gerne las, das können wir, offen gestanden, unmöglich erklären; noch viel weniger wußte es Tschitschikow). Ach, Bruder Tschitschikow! Wenn du bloß gesehen hättest . . . das wäre wirklich ein Fressen für deinen satirischen Geist (warum Tschitschikow einen satirischen Geist haben sollte, war gleichfalls unbekannt). Denke dir nur, beim Kaufmann Lichatschow gab es neulich ein Spielchen – wie wir da alle lachen mußten! Perependew, der mit mir war, sagte: ›Ach, wenn doch der Tschitschikow hier wäre, das wäre was für ihn!‹ (Tschitschikow hatte, solange er lebte, keinen Perependew gekannt). Gestehe es nur, Bruder, es war wirklich gemein von dir, als du mit mir Dame spieltest! Ich hatte doch das Spiel gewonnen . . . Ja, Bruder, du hast mich einfach begaunert. Aber ich kann, hol' mich der Teufel, keinem Menschen zürnen. Neulich mit dem Vorsitzenden . . . Ach ja, ich muß dir noch sagen: die ganze Stadt ist jetzt gegen dich. Sie glauben, daß du falsche Banknoten machst. Sie versuchten, mich auszufragen; aber ich trat mit Leib und Seele für dich ein; habe ihnen eingeredet, daß ich dich noch von der Schule her kenne und auch deinen Vater gekannt habe; das muß ich schon sagen, ich habe ihnen etwas Ordentliches zusammengelogen!«

»Was, ich mache falsche Banknoten?« rief Tschitschikow aus und erhob sich von seinem Stuhl.

»Warum hast du ihnen aber solche Angst eingejagt?« fuhr Nosdrjow fort. »Sie sind vor Schreck, hol's der Teufel, ganz verrückt geworden: haben dich auch zu einem Spion und Räuber erklärt . . . Der Staatsanwalt ist aber vor Schreck gestorben, morgen ist die Beerdigung. Gehst du nicht hin? Die Wahrheit zu sagen, haben sie Furcht vor dem neuen Generalgouverneur, daß es deinetwegen einen Skandal gibt; was den Generalgouverneur betrifft, so bin ich der Ansicht, daß er, wenn er gar zu stolz und zu vornehm tut, mit dem Adel nichts anfangen kann. Der Adel will freundlich angefaßt sein, nicht wahr? Gewiß, er kann sich in seinen vier Wänden einsperren und keinen einzigen Ball geben, was erreicht er aber damit? Damit kann er nichts gewinnen. Du hast aber eine riskante Sache unternommen, Tschitschikow!«

»Was für eine riskante Sache?« fragte Tschitschikow besorgt.

»Nun, die Entführung der Gouverneurstochter. Offen gestanden, habe ich es von dir erwartet, bei Gott, ich habe es erwartet! Schon als ich euch zum erstenmal auf dem Ball zusammen sah. ›Nicht umsonst,‹ dachte ich mir, ›sitzt Tschitschikow bei ihr . . .‹ Übrigens hast du nicht die richtige Wahl getroffen: ich kann an ihr wirklich nichts finden. Bikassow hat aber eine Verwandte, eine Tochter seiner Schwester, das ist ein Mädel! Da kann man wohl sagen: ein Wunder Gottes!«

»Was redest du eigentlich? Ich will die Gouverneurstochter entführen? Was fällt dir ein?« sagte Tschitschikow und glotzte ihn an.

»Hör' auf, Bruder: was bist du doch für ein Geheimniskrämer! Offen gestanden, bin ich jetzt zu dir gekommen, um dir meine Hilfe anzubieten. Ich will dir den Gefallen tun und bei der Trauung den Zeugen machen; ich stelle auch den Wagen und die Pferde bei, doch nur unter der Bedingung: du mußt mir dreitausend Rubel pumpen. Es ist für mich eine Lebensfrage!«

Während Nosdrjow so schwatzte, rieb sich Tschitschikow einigemal die Augen, um sich zu vergewissern, daß er nicht träume. Die Herstellung falscher Banknoten, die Entführung der Gouverneurstochter, der Tod des Staatsanwalts, an dem er die Schuld tragen sollte, die Ankunft des Generalgouverneurs – dies alles machte ihm ordentlich Angst. – Nun wenn es schon so weit gekommen ist, – sagte er sich, – so darf ich nicht länger säumen und muß mich schleunigst aus dem Staube machen.

Er bemühte sich, Nosdrjow so schnell als möglich loszuwerden, ließ sofort Sselifan kommen und befahl ihm, bei Sonnenaufgang bereit zu sein, um schon um sechs Uhr früh abreisen zu können; Sselifan sollte alles nachsehen, den Wagen schmieren usw. Sselifan sagte: »Zu Befehl, Pawel Iwanowitsch«, blieb aber noch eine Weile unbeweglich vor der Türe stehen. Der Herr befahl Petruschka, den Koffer, der schon ordentlich verstaubt war, unter dem Bette hervorzuziehen, und fing an, mit Hilfe des Dieners alle seine Habseligkeiten ganz wahllos hineinzupacken: Socken, Hemden, gewaschene und schmutzige Wäsche, Schuhleisten, einen Kalender . . . Alle diese Dinge kamen ohne jedes System in den Koffer: Tschitschikow wollte unbedingt schon am Abend fertig sein, damit seine Abreise am nächsten Morgen keinen Aufschub erleide. Nachdem Sselifan an die zwei Minuten vor der Türe gestanden hatte, verließ er sehr langsam das Zimmer. So langsam, wie man es sich nur vorstellen kann, stieg er die Treppe hinunter, auf den ausgetretenen Stufen die Spuren seiner nassen Stiefel zurücklassend; dabei kratzte er sich den Nacken. Was mochte das Kratzen in diesem Falle bedeuten? Und was bedeutet es überhaupt? War es der Ärger, daß die plötzliche Abreise eine von ihm mit einem Kollegen in einem unansehnlichen Pelze und Gürtel verabredete Zusammenkunft in einer kaiserlichen Branntweinschänke unmöglich machte? Oder hatte er an dem neuen Ort eine Liebschaft angefangen, so daß das abendliche Stehen vor dem Tore und das galante Drücken der weißen Hände zu der Stunde, wo die Dämmerung sich über die Stadt herabsenkt, ein Bursche im roten Hemde vor dem Hausgesinde auf der Balalaika klimpert und die zusammengewürfelte, abgehetzte Volksmenge leise Reden führt, ein Ende nehmen sollte? Oder tat es ihm einfach leid, das warme Plätzchen in der Gesindeküche unter dem Schafspelze am Ofen und die Kohlsuppe mit dem weichen städtischen Fleischkuchen zu verlassen, um sich wieder unter Regen und Unwetter über die Landstraßen zu schleppen? Das weiß Gott allein – erraten kann man's nicht. Gar vieles bedeutet beim russischen Volke dieses Kratzen im Nacken!


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