Nikolai Gogol
Die toten Seelen
Nikolai Gogol

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Drittes Kapitel

Tschitschikow saß aber in bester Laune in seinem Wagen, der schon seit geraumer Zeit über die Landstraße rollte. Aus dem vorhergehenden Kapitel war zu ersehen, was den eigentlichen Gegenstand seines Geschmacks und seiner Neigungen bildete, und darum ist es auch nicht zu verwundern, daß er sich bald mit Leib und Seele in ihn versenkte. Die Vermutungen, Überschläge und Erwägungen, die ihm durch den Kopf gingen, waren sichtlich sehr angenehm, denn sie hinterließen auf seinem Gesicht jeden Augenblick die Spuren eines zufriedenen Lächelns. Mit ihnen beschäftigt, merkte er gar nicht, daß sein Kutscher, der über den Empfang durch das Hausgesinde Manilows sehr zufrieden war, recht vernünftige Bemerkungen an das gescheckte rechte Beipferd richtete. Dieser Scheck war äußerst schlau und tat bloß so, als zöge er den Wagen mit, während das braune Mittelpferd und das hellbraune andere Beipferd, welches »Assessor« hieß, weil es einst von irgendeinem Assessor erworben worden war, sich redlich abmühten, so daß man in ihren Augen sogar das Vergnügen, das sie davon hatten, lesen konnte. »Schwindle nur! Ich werde dich schon überlisten!« sagte Sselifan, sich etwas erhebend und dem Faulpelz einen Peitschenhieb versetzend. »Tu deine Arbeit, du deutscher Hosenheld! Der Braune ist ein ehrlicher Gaul, er tut seine Pflicht; ich werde ihm gern ein Maß Hafer mehr geben, denn er ist ein anständiger Gaul; auch der Assessor ist ein guter Gaul . . . Nun, was schüttelst du die Ohren? Hör zu, wenn man mit dir spricht, du Dummkopf! Ich werde dich nichts Schlechtes lehren, du Flegel. Wie schleichst du schon wieder!« Er gab ihm wieder die Peitsche und sagte dabei: »Du, Barbar, du verfluchter Bonaparte . . .« Dann schrie er alle dreie an: »He! Ihr Lieben!« und gab allen dreien die Peitsche, doch nicht als Strafe, sondern um ihnen zu zeigen, wie zufrieden er mit ihnen war. Nachdem er ihnen dieses Vergnügen bereitet hatte, richtete er seine Rede wieder an den Schecken: »Du glaubst wohl, daß du dein Benehmen verbergen kannst? Nein, sei redlich, wenn du willst, daß man dir Achtung bezeugt. Was waren doch die Leute des Gutsbesitzers, bei dem wir eben waren, für gute Menschen. Mit einem guten Menschen rede ich immer gern; mit einem guten Menschen bin ich immer gut Freund: mit so einem trink ich gern Tee oder nehme einen Imbiß, wenn er ein guter Mensch ist. Einem guten Menschen erweist jedermann Achtung. Unsern Herrn achtet ein jeder, weil er im Staatsdienste seine Pflicht tat und weil er Kollegienrat ist . . .«

Unter solchen Betrachtungen gelangte Sselifan schließlich zu den entferntesten Abstraktionen. Hätte ihm Tschitschikow zugehört, so hätte er eine Menge Einzelheiten erfahren, die ihn direkt angingen; aber seine Gedanken waren so sehr mit dem einen Gegenstande beschäftigt, daß ihn erst ein heftiger Donnerschlag veranlaßte, zu sich zu kommen und um sich zu blicken: der ganze Himmel war von dunklen Wolken umlagert, und auf die staubige Landstraße fielen einzelne Regentropfen nieder. Dann erdröhnte ein zweiter Donnerschlag, viel lauter und näher, und es fing plötzlich in Strömen zu gießen an. Anfangs fiel der Regen schräg und peitschte erst die eine und dann die andere Seite des Wagens. Dann wechselte er die Angriffsfront und prasselte senkrecht auf das Wagendach nieder; schließlich fielen die Tropfen auch Tschitschikow ins Gesicht. Dies veranlaßte ihn, die beiden Ledervorhänge, in denen sich zwei runde Fensterchen zum Betrachten der Aussicht befanden, aufzuspannen und Sselifan zu befehlen, schneller zu fahren. Sselifan, der mitten in seinem Redeflusse unterbrochen war, sah schnell ein, daß er nicht länger säumen durfte, holte sofort unter seinem Sitze irgendein zerlumptes Etwas aus grauem Tuche hervor, schlüpfte in die Ärmel, ergriff die Zügel und schrie sein Dreigespann an, welches kaum die Beine bewegte, da es sich durch seine belehrenden Worte angenehm ermattet fühlte. Sselifan konnte sich aber nicht mehr erinnern, ob er an zwei oder drei Kreuzwegen vorbeigefahren war. Nachdem er etwas nachgedacht und sich des ganzen zurückgelegten Weges erinnert hatte, kam er darauf, daß er schon eine ganze Menge von Kreuzwegen hinter sich gelassen hatte. Da aber der Russe in entscheidenden Augenblicken, ohne sich überflüssigen Betrachtungen hinzugeben, immer weiß, was er zu tun hat, so wandte er den Wagen bei der ersten Kreuzung nach rechts, rief den Pferden zu: »He, ihr werten Freunde !« und fuhr im Galopp weiter, ohne sich viel zu überlegen, wohin ihn der eingeschlagene Weg bringen würde.

Der Regen schien indessen ein richtiger Landregen werden zu wollen. Der Straßenstaub verwandelte sich bald in weichen Schmutz, und den Pferden wurde es von Augenblick zu Augenblick schwerer, den Wagen weiterzuziehen. Tschitschikow wurde schon unruhig, da vom Besitztum Ssobakewitschs noch immer nichts zu sehen war. Nach seinen Berechnungen hätte er schon längst da sein müssen. Er spähte nach beiden Seiten aus, aber es war so finster, daß man nicht die Hand vor Augen sah.

»Sselifan!« sagte er endlich, sich zum Wagenfenster hinausbeugend.

»Was denn, gnädiger Herr?« fragte Sselifan.

»Schau mal hin: ist das Dorf noch nicht zu sehen?«

»Nein, gnädiger Herr, es ist nicht zu sehen!« Nach diesen Worten stimmte Sselifan, die Peitsche schwingend, etwas an, was eigentlich kein Lied, aber so lang und gedehnt war, daß man dem kein Ende absehen konnte. Es enthielt alles: alle ermunternden und anspornenden Rufe, mit denen man sämtliche Pferde in Rußland, vom einen Ende des Reiches bis zum anderen traktiert, Eigenschaftsworte jeder Art, ganz ohne Wahl, wie sie ihm eben in den Sinn kamen. Es ging so weit, daß er seine Pferde schließlich – »Sekretäre« nannte.

Indessen merkte Tschitschikow, daß sein Wagen nach beiden Seiten zu schwanken und ihm heftige Stöße zu versetzen begann; daraus schloß er, daß sie vom Wege abgebogen waren und über einen geeggten Acker fuhren. Auch Sselifan schien es gemerkt zu haben, sagte aber kein Wort.

»Was ist das, Spitzbube, was für einen Weg fährst du jetzt?« fragte Tschitschikow.

»Was soll man machen, gnädiger Herr, es ist halt so eine Stunde; man sieht seine eigene Peitsche nicht: so finster ist es!« Nachdem er dieses gesagt, neigte er den Wagen so sehr auf die Seite, daß Tschitschikow sich mit beiden Händen festhalten mußte. Nun merkte er erst, daß Sselifan nicht ganz nüchtern war.

»Halt, halt, du schmeißt mich noch um!« schrie er ihm zu.

»Nein, Herr, wie ist's möglich, daß ich umschmeiße« sagte Sselifan. »Das wäre gar nicht gut, wenn ich umschmisse; das tue ich niemals.« Dann fing er an, den Wagen allmählich umzuwenden und tat das so lange, bis er ihn ganz auf die Seite legte. Tschitschikow fiel mit den Armen und Beinen in den Schmutz. Sselifan hielt jedoch die Pferde an; sie blieben übrigens auch von selbst stehen, da sie sehr ermattet waren. Dieser unvorhergesehene Fall versetzte ihn in höchstes Erstaunen. Er stieg vom Bock, stellte sich vor den Wagen, stemmte beide Hände in die Hüften, während sein Herr im Schmutze zappelte und aufzustehen versuchte, und sagte nach einiger Überlegung: »Sieh mal an, da ist er wirklich umgefallen!«

»Du bist betrunken wie ein Schuster!« sagte Tschitschikow.

»Nein, Herr; wie ist es möglich, daß ich betrunken wäre! Ich weiß ja selbst, daß es gar nicht gut ist, betrunken zu sein. Ich habe wohl mit einem Freunde geredet, weil man mit einem guten Menschen reden darf und darin nichts Schlechtes ist; und wir haben auch eine Kleinigkeit zu uns genommen. So ein Imbiß ist doch nichts Schlechtes: mit einem guten Menschen darf man wohl auch einen Imbiß zu sich nehmen.«

»Und was sagte ich dir das letzte Mal, als du betrunken warst? Wie? Hast es schon vergessen?« sagte Tschitschikow.

»Nein, gnädiger Herr, wie könnte ich so was vergessen! Ich kenne meine Pflicht. Ich weiß, daß es nicht gut ist, sich zu betrinken. Ich hab nur mit einem guten Menschen geredet, weil . . .«

»Ich werde dich auspeitschen lassen – da wirst du wissen, was es heißt, mit einem guten Menschen zu reden.«

»Wie es Euer Gnaden beliebt«, antwortete Sselifan, der mit allem einverstanden war. »Wenn ich ausgepeitscht werden soll, so hab ich nichts dagegen. Warum auch nicht? Warum soll man mich nicht auspeitschen, wenn ich's verdient habe? Alles steht in Ihrer Gewalt. Man muß den Bauern einmal auspeitschen, denn er vergißt sich zuweilen; es muß doch Ordnung sein. Wenn ich's verdient habe, so soll man mich nur auspeitschen; warum denn nicht?«

Auf solche Worte fand Tschitschikow keine Antwort. Da schien aber das Schicksal sich ihrer zu erbarmen. Aus der Ferne ertönte Hundegebell. Tschitschikow gab, hoch erfreut, den Befehl, die Pferde schneller anzutreiben. Der russische Kutscher hat statt Augen einen guten Instinkt; darum kommt es auch vor, daß er mit geschlossenen Augen wie der Wind dahersaust und doch irgendwo ankommt. Sselifan lenkte die Pferde, obwohl er nicht einen Lichtschimmer sah, so sicher mitten ins Dorf, daß er erst dann stehen blieb, als die Deichselstangen gegen einen Zaun stießen und er unmöglich weiterfahren konnte. Tschitschikow sah durch den dichten Schleier des strömenden Regens nur etwas, was einem Dache glich. Er schickte den Sselifan, das Tor zu suchen, was sicher sehr lange gedauert hätte, wenn es in Rußland statt der Portiers nicht die scharfen Hunde gäbe, die seine Ankunft so laut meldeten, daß er sich die Ohren mit den Fingern zuhielt. In einem der Fenster leuchtete Licht auf, das als nebliger Streif auch den Zaun erreichte und unsern Reisenden das Tor zeigte. Sselifan fing zu klopfen an, und bald ging ein Pförtchen auf, aus dem eine in einen Bauernmantel gehüllte Gestalt hervorlugte, und der Herr und sein Diener hörten die heisere Weiberstimme: »Wer klopft? Was macht ihr solchen Skandal?«

»Wir sind Reisende, Mütterchen, laß uns übernachten«, versetzte Tschitschikow.

»Sieh mal an, wie flink er ist«, sagte die Alte. »Zu so einer Stunde kommt er gefahren ! Hier ist kein Gasthof, daß du's weißt, hier wohnt eine Gutsbesitzerin.«

»Was soll ich machen, Mütterchen! Wir haben uns verirrt, wir können doch nicht bei solchem Wetter im Felde übernachten.«

»Ja, es ist schlechtes Wetter und finstere Nacht«, fügte Sselifan hinzu.

»Schweig', Narr!« sagte Tschitschikow.

»Ja, wer sind Sie denn?« fragte die Alte.

»Ein Edelmann, Mütterchen.«

Beim Worte »Edelmann« wurde die Alte doch nachdenklich. »Warten Sie, ich will's der Gnädigen sagen«, sagte sie und kam schon nach zwei Minuten mit einer Laterne in der Hand zurück. Das Tor wurde aufgemacht. Das Licht erschien in einem anderen Fenster. Der Wagen fuhr in den Hof ein und hielt vor einem kleinen Hause, das im Finstern schwer zu unterscheiden war. Nur die eine Hälfte war vom Lichte beschienen, das aus den Fenstern drang; eine Pfütze vor dem Hause wurde sichtbar, auf die direkt immer das gleiche Licht fiel. Der Regen prasselte laut gegen das hölzerne Dach und lief in rauschenden Strömen in eine zu diesem Zweck aufgestellte Tonne hinab. Die Hunde bellten indessen mit allen möglichen Stimmen: der eine hatte den Kopf in den Nacken geworfen und heulte so gedehnt und mit solcher Mühe, als ob er dafür Gott weiß was für ein Gehalt bekäme; ein anderer machte die Sache kurz und hastig wie ein Küster; darunter klang wie ein Postglöckchen eine unermüdliche Diskantstimme, die offenbar von einem ganz jungen Hund herrührte, und alles vervollständigte eine Baßstimme; es war vielleicht ein sehr alter Hund mit rüstiger Hundenatur, denn die Stimme dröhnte wie ein Sängerbaß bei einem Chorkonzert: die Tenöre stellen sich auf die Fußspitzen, vom sehnlichsten Wunsche beseelt, eine hohe Note rein herauszubringen, alle recken sich in die Höhe, den Kopf in den Nacken zurückgeworfen, aber einer hockt sich, das unrasierte Kinn in die Halsbinde vergraben, fast hin und läßt aus der Tiefe einen Ton los, vor dem die Fensterscheiben erzittern und erklirren. Schon nach diesem Hundechor, der aus solchen Musikern bestand, konnte man schließen, daß das Dörfchen recht ansehnlich war; doch unser durchnäßter und durchfrorener Held dachte an nichts außer an ein Bett. Der Wagen hielt noch nicht, als er schon auf den Flur hinaussprang und beinahe hinfiel. Auf dem Flur erschien eine andere Frau, die etwas jünger als die erste schien, doch ihr sehr ähnlich sah. Sie geleitete ihn ins Zimmer. Tschitschikow streifte es mit zwei flüchtigen Blicken: das Zimmer war mit alten gestreiften Tapeten beklebt; an den Wänden hingen Bilder mit Darstellungen von Vögeln und zwischen den Fenstern altertümliche kleine Spiegel in dunklen Rahmen in Form zusammengerollter Blätter; hinter jedem Spiegel steckte entweder ein Brief oder ein altes Spiel Karten oder ein Strumpf; dann gab es eine Uhr mit Blumen auf dem Zifferblatt . . . sonst konnte man nichts unterscheiden. Tschitschikow fühlte, daß seine Augenlider so klebrig waren, als ob sie jemand mit Honig beschmiert hätte. Einen Augenblick später trat die Hausfrau selbst ins Zimmer – eine ältere Dame, mit einer Schlafhaube auf dem Kopfe, die sie sich offenbar in aller Eile aufgesetzt hatte, und einer Flanellbinde um den Hals – eines von jenen Mütterchen, kleinen Gutsbesitzerinnen, die ständig, den Kopf etwas auf die Seite geneigt, über Mißernten und Verluste klagen, dabei aber allmählich Geld in Leinenbeuteln sammeln, die sie in ihren Kommoden verteilen. In das eine Säckchen tun sie lauter Rubelstücke, in ein anderes – Fünfzigkopekenstücke, in ein drittes – Viertelrubel; von außen sieht es aber so aus, als enthielte die Kommode nichts außer Wäsche, alten Nachtjacken, Zwirnknäueln und einem alten aufgetrennten Morgenrock, der sich später einmal in ein Kleid verwandeln wird, wenn das alte beim Backen von Festkuchen und dergleichen einmal anbrennt oder von selbst brüchig wird. Das Kleid wird aber weder anbrennen noch von selbst brüchig werden: die Alte ist sparsam, und dem Morgenrock ist es beschieden, in aufgetrenntem Zustande noch lange zu liegen und später einmal laut Testament zugleich mit anderen alten Lumpen der Nichte einer Cousine dritten Ranges zuzufallen.

Tschitschikow entschuldigte sich, daß er sie so spät beunruhigt hätte. »Macht nichts, macht nichts!« sagte die Hausfrau. »Bei welchem Wetter hat Sie der liebe Gott hergeführt! So ein Ungewitter und Schneesturm! . . . Nach einer solchen Fahrt hätten Sie etwas essen sollen, aber es ist Nacht, und ich kann nichts mehr bereiten lassen.«

Die Worte der Hausfrau wurden von einem seltsamen Zischen unterbrochen, vor dem der Gast erschrak: es klang, als ob sich das ganze Zimmer plötzlich mit Schlangen gefüllt hätte; als er aber seinen Blick hob, beruhigte er sich, denn er merkte, daß es der Wanduhr plötzlich eingefallen war, zu schlagen. Dem Zischen folgte sofort ein Schnarchen, und schließlich nahm die Uhr ihre ganze Kraft zusammen und schlug zwei; es klang, als ob jemand mit einem Stock auf einen gesprungenen Topf schlüge; dann aber fuhr der Pendel fort, ruhig nach rechts und links zu schwingen.

Tschitschikow dankte der Hausfrau und sagte ihr, daß er nichts brauche und daß sie sich nicht bemühen solle, daß er außer einem Bett gar nichts wünsche, und äußerte nur ein Interesse für die Frage, in was für eine Gegend er geraten sei und ob es von hier noch weit zum Gutsbesitzer Ssobakewitsch wäre, worauf die Alte erwiderte, daß sie diesen Namen noch nie gehört habe und daß es einen solchen Gutsbesitzer hier gar nicht gäbe.

»Kennen Sie wenigstens den Manilow?« fragte Tschitschikow.

»Wer ist Manilow?«

»Ein Gutsbesitzer, Mütterchen.«

»Noch nie gehört. Es gibt keinen solchen Gutsbesitzer.«

»Was für Gutsbesitzer gibt es denn?«

»Bobrow, Swinjin, Kanapatjew, Charpakin, Trepakin, Pljeschakow.«

»Sind's reiche Leute oder nicht?«

»Nein, Väterchen, sehr reiche gibt es hier nicht. Der eine hat zwanzig Seelen, der andere dreißig; aber solche, die hundert hätten, solche gibt es hier nicht.«

Tschitschikow merkte, daß er in eine ordentliche Wildnis geraten war.

»Ist es wenigstens nahe zur Stadt?«

»An die sechzig Werst werden es sein. Es tut mir so leid, daß es für Sie nichts zu essen gibt! Wollen Sie nicht Tee, Väterchen?«

»Danke, Mütterchen. Ich will nichts als ein Bett.«

»Es ist auch wahr, nach einer solchen Fahrt muß man ordentlich ausruhen. Machen Sie sich hier bequem, Väterchen, hier auf diesem Sofa. He, Fetinja, bring ein Federbett, Kissen und ein Laken. Was für ein Wetter hat uns der liebe Gott beschert: es donnerte so, daß ich die ganze Nacht ein Licht vor dem Heiligenbild brennen hatte. Ach, Väterchen, dein ganzer Rücken und die eine Seite sind so dreckig wie bei einem Eber. Wo hast du dich so dreckig zu machen geruht?«

»Es ist noch ein Glück, daß ich mich nur dreckig gemacht habe. Ich muß Gott danken, daß ich mir die Seiten nicht gebrochen habe.«

»Heilige Märtyrer, ist das schrecklich! Soll man nicht den Rücken mit etwas einreiben?«

»Ich danke, ich danke. Machen Sie sich keine Mühe, sagen Sie nur Ihrem Mädel, daß sie mir die Kleider trocknet und ausbürstet.«

»Hörst du, Fetinja!« wandte die Hausfrau sich an das weibliche Wesen, das inzwischen schon ein Federbett hereingeschleppt und es von den Seiten so tüchtig durchgeschüttelt hatte, daß ein ganzes Gestöber von Daunen das Zimmer füllte. »Nimm den Rock des Herrn und seine Unterwäsche. Trockne zuerst alles vor dem Feuer, wie du es für den seligen Herrn zu tun pflegtest, und dann reibe und klopfe alles ordentlich durch.«

»Sehr wohl, Gnädige!« sagte Fetinja, indem sie über das Federbett das Laken ausbreitete und die Kissen aufschichtete.

»So, jetzt ist das Bett für Sie fertig«, sagte die Hausfrau. »Leb wohl, Väterchen, ich wünsche dir gute Nacht. Willst du vielleicht noch etwas? Bist du es vielleicht gewöhnt, daß man dir vor dem Einschlafen die Fersen kitzelt? Mein Seliger konnte ohne das gar nicht einschlafen.«

Der Gast bedankte sich aber für das Kitzeln der Fersen. Als die Hausfrau gegangen war, zog er sich schnell aus und gab das ganze Geschirr, das er von sich genommen, wie das obere, so auch das untere, der Fetinja, die ihm ihrerseits gute Nacht wünschte und mit seiner ganzen nassen Ausrüstung verschwand. Als er allein geblieben war, sah er nicht ohne Vergnügen sein Bett an, das beinahe bis an die Decke reichte: Fetinja verstand sich offenbar gut aufs Durchschütteln von Federbetten. Als er mit Hilfe eines Stuhles auf das Bett stieg, senkte es sich unter ihm sofort fast bis zum Boden, und die von ihm herausgedrängten Daunen flogen in alle Ecken des Zimmers. Er löschte die Kerze aus, schlüpfte unter die Kattundecke, rollte sich unter ihr zu einem Kringel zusammen und schlief sofort ein. Er erwachte am nächsten Morgen ziemlich spät. Die Sonne schien ihm durchs Fenster gerade in die Augen, und die Fliegen, die gestern ruhig an den Wänden und an der Decke geschlafen hatten, wandten sich alle gegen ihn: die eine setzte sich ihm auf die Lippe, die andere aufs Ohr, die dritte bemühte sich, sich mitten aufs Auge zu setzen; diejenige aber, die die Unvorsichtigkeit hatte, sich sehr nahe ans Nasenloch zu setzen, zog er, verschlafen wie er war, in diese Nase ein; infolgedessen mußte er heftig niesen, und dieser Umstand hatte sein Erwachen zur Folge. Er streifte mit dem Blicke das Zimmer und merkte, daß auf den Bildern doch nicht lauter Vögel dargestellt waren: unter ihnen hing ein Bildnis Kutusows und ein in Öl gemaltes Porträt eines alten Herrn in Uniform mit roten Aufschlägen, wie man sie zur Zeit des Kaisers Paul trug. Die Uhr ließ wieder ein Zischen vernehmen und schlug zehn; zur Türe blickte ein weibliches Wesen herein, das sofort wieder verschwand, da Tschitschikow, um besser zu schlafen, absolut alles ausgezogen hatte. Das Gesicht kam ihm jedoch irgendwie bekannt vor. Er versuchte, sich zu besinnen, wer es wohl sein mochte, und erinnerte sich, daß es die Hausfrau war. Er zog sich sein Hemd an; seine Kleider lagen schon trocken und gebürstet neben ihm. Nachdem er sich angekleidet hatte, ging er zum Spiegel und nieste wieder so laut, daß ein Truthahn, der in diesem Augenblick draußen vor dem Fenster stand – das Fenster befand sich aber dicht über der Erde –, ihm etwas sehr schnell in seiner Sprache, vermutlich »Ich wünsche guten Morgen!« zurief, worauf ihn Tschitschikow einen Dummkopf nannte. Er trat ans Fenster und begann die Aussicht zu betrachten; dem Fenster gegenüber schien sich der Hühnerstall zu befinden; jedenfalls war der schmale Hof vor dem Fenster voller Geflügel und sonstiger Haustiere. Truthühner und Hennen gab es ohne Zahl; zwischen ihnen spazierte mit gemessenen Schritten ein Hahn, der den Kamm schüttelte und den Kopf immer wie lauschend zur Seite neigte; hier spazierte auch ein Mutterschwein mit seiner ganzen Familie; in einem Misthaufen wühlend, verzehrte es so ganz nebenbei ein Kücken, merkte es aber nicht, und fraß ruhig an den Melonenrinden weiter. Dieser kleine Hof oder Hühnerhof war von einem Bretterzaun begrenzt, hinter dem sich ausgedehnte Gemüsefelder mit Kraut, Zwiebeln, Kartoffeln, Rüben und sonstigen Küchengemüsen hinzogen. Zwischen den Gemüsebeeten standen hie und da Apfel- und andere Obstbäume, mit Netzen zum Schutze gegen die Elstern und Spatzen bedeckt, von denen die letzteren in schrägen Wolken von Ort zu Ort flogen. Zum gleichen Zwecke waren einige Vogelscheuchen auf langen Stangen mit auseinandergespreizten Armen aufgerichtet; eine von ihnen trug eine Haube der Hausfrau selbst. Hinter den Gemüsefeldern standen vereinzelte Bauernhäuser, die zwar keine Straße bildeten, aber, wie Tschitschikow feststellte, von einem gewissen Wohlstand ihrer Bewohner zeugten, da sie ordentlich instand gehalten waren: die morsch gewordenen Schindeln auf den Dächern waren durch neue ersetzt; die Tore standen sämtlich gerade; in dem ihm mit der offenen Seite zugekehrten gedeckten Bauernschuppen sah er hier einen fast neuen Reservewagen und dort sogar zwei solche Wagen stehen. »Ja, ihr Dorf ist gar nicht so klein«, sagte er sich und nahm sich vor, mit der Hausfrau nähere Bekanntschaft zu machen. Er blickte durch die Türspalte hinaus, durch die sie soeben ihren Kopf hereingesteckt hatte, und ging, als er sie vor dem Teetischchen sitzen sah, mit vergnügter und freundlicher Miene auf sie zu.

»Guten Morgen, Väterchen, wie haben Sie geruht?« fragte sie, sich von ihrem Platze erhebend. Sie war besser gekleidet als gestern, hatte ein dunkles Kleid an und keine Schlafhaube mehr auf; aber um den Hals hatte sie noch immer etwas gewickelt.

»Gut, sehr gut«, antwortete Tschitschikow, sich in einen Sessel setzend. »Und Sie, Mütterchen?«

»Schlecht, Väterchen.«

»Wieso?«

»Es ist die Schlaflosigkeit. Immer habe ich Schmerzen im Kreuz und auch im Bein, hier über dem Knöchel.«

»Das wird schon vergehen, Mütterchen. Achten Sie nicht darauf.«

»Gott gebe, daß es vergeht. Ich hab' mich schon mit Schweineschmalz und auch mit Terpentin eingerieben. Womit trinken Sie den Tee? Hier im Fläschchen ist Obstbranntwein.«

»Gar nicht übel, Mütterchen, wir wollen auch vom Obstbranntwein versuchen.«

Der Leser hat wohl schon gemerkt, daß Tschitschikow mit ihr, trotz aller Liebenswürdigkeit, doch viel freier und ungenierter sprach als mit Manilow. Es ist nämlich zu bemerken, daß wir Russen, obwohl wir hinter den Ausländern in manchen anderen Dingen zurückgeblieben sind, sie in der Kunst des Umganges mit Menschen bei weitem überflügelt haben. Alle die Nuancen und Abstufungen, die wir darin zeigen, lassen sich gar nicht aufzählen. Ein Franzose oder Deutscher wird alle diese Eigentümlichkeiten und Unterschiede niemals verstehen; er spricht fast mit der gleichen Stimme und in der gleichen Sprache wie mit einem Millionär, so auch mit einem kleinen Tabakhändler, obwohl er sich in seinem Innern natürlich vor dem ersteren erniedrigt. Bei uns ist es ganz anders: wir haben solche Künstler, die mit einem Gutsbesitzer, der zweihundert Seelen besitzt, ganz anders reden werden als mit einem, der dreihundert Seelen hat, und mit dem letzteren wieder anders als mit einem, der ihrer fünfhundert hat; mit einem Worte, man kann bis zur Million Seelen hinaufgehen, immer werden sich noch Unterschiede finden. Nehmen wir an, daß es eine Kanzlei gibt – nicht hier, sondern in einem sehr fernen Reiche, und daß an der Spitze dieser Kanzlei ein Kanzleivorstand steht. Wollen Sie ihn sich nur ansehen, wenn er inmitten seiner Untergebenen sitzt – da kann man vor Schreck nicht mal ein Wort aussprechen. Stolz, Adel – was drückt da sein Gesicht nicht alles aus? Man ergreife den Pinsel und male: ein Prometheus, ein leibhaftiger Prometheus! Er blickt wie ein Adler und schreitet gemessen und majestätisch. Sobald aber dieser Adler sein Zimmer verlassen hat und sich mit Papieren unter dem Arm dem Kabinett seines Vorgesetzten nähert, wird er zu einem so kläglichen Rebhuhn, daß man ihn kaum noch ansehen mag. In einer Gesellschaft oder bei einer Abendunterhaltung, wenn die Anwesenden nicht von hohem Rang sind, bleibt der Prometheus Prometheus; wenn aber jemand anwesend ist, der nur um eine Rangstufe höher steht als er, so macht unser Prometheus eine Verwandlung durch, auf die selbst ein Ovid nicht gekommen wäre: er ist eine Fliege, kleiner als eine Fliege, er ist zu einem Sandkorn zusammengeschrumpft. »Das ist ja gar nicht Iwan Petrowitsch«, sagt man sich, wenn man ihn anblickt. »Iwan Petrowitsch ist ja größer gewachsen, dieser ist aber so klein und schmächtig; jener spricht laut, mit einer Baßstimme, und lacht nie, dieser aber – weiß der Teufel – er zirpt wie ein Vogel und lacht immer.« Man kommt näher heran und sieht, daß es tatsächlich Iwan Petrowitsch ist! »Hi hi hi!« denkt man sich . . . Wir wollen uns aber den handelnden Personen zuwenden. Tschitschikow hatte sich, wie wir schon sahen, entschlossen, keine Umstände zu machen; darum ergriff er die Teetasse mit beiden Händen, goß etwas Obstbranntwein hinein und begann folgende Unterhaltung:

»Sie haben ja ein ganz nettes Dörfchen, Mütterchen. Wieviel Seelen sind es im ganzen?«

»Es sind nicht ganz achtzig Seelen, Väterchen«, sagte die Hausfrau. »Aber die Zeiten sind schlecht: im vorigen Jahr war so eine Mißernte, daß Gott erbarm!«

»Die Bauern sehen aber recht kräftig aus, und auch ihre Häuser sind gut im Stande. Gestatten Sie übrigens: wie ist Ihr Familiennamen? Ich bin so zerstreut . . . bin zur nachtschlafenen Zeit angekommen . . .«

»Korobotschka, Kollegiensekretärswitwe.«

»Ich danke ergebenst. Und der Vor- und Vatersname?«

»Nastassja Petrowna.«

»Nastassja Petrowna? Das ist ein schöner Name, Nastassja Petrowna. Auch eine leibliche Tante von mir, eine Schwester meiner Mutter, heißt Nastassja Petrowna.«

»Und wie ist Ihr Name?« fragte die Gutsbesitzerin. »Sie sind doch Gerichtsassessor, nicht wahr?«

»Nein, Mütterchen!« antwortete Tschitschikow mit einem Lächeln. »Ich bin gar nicht Assessor, reise nur so in eigenen Geschäften.«

»Ach so, dann sind Sie Käufer! Wie schade, daß ich meinen Honig den Kaufleuten so billig verkauft habe; du hättest ihn mir sicher abgekauft, Väterchen.«

»Nein, den Honig hätte ich nicht gekauft.«

»Etwas anderes? Vielleicht Hanf? Hanf habe ich aber sehr wenig, im ganzen ein halbes Pud.«

»Nein, Mütterchen, ich suche eine andere Ware: sagen Sie, sind Ihnen viele Bauern gestorben?«

»Ach, Väterchen, ganze achtzehn Mann!« sagte die Alte seufzend. »Und lauter Prachtkerle, tüchtige Arbeiter. Es sind zwar dann neue zur Welt gekommen, aber die sind nichts wert: lauter kleine Menschen. Doch wenn der Assessor gefahren kommt, muß ich für jede Seele die Steuer entrichten. Die Leute sind tot, aber zahlen muß ich für sie wie für lebendige. Da ist mir in der vorigen Woche ein Schmied verbrannt – ein tüchtiger Schmied war er, verstand sich auch auf Schlosserei.«

»Haben Sie denn eine Feuersbrunst gehabt, Mütterchen?«

»Nein, vor einem solchen Unglück hat mich Gott bewahrt: er ist von selbst verbrannt, Väterchen. Er hat innen Feuer gefangen, weil er zuviel getrunken hat; man sah nur ein blaues Flämmchen aufleuchten, er ist verglommen, ganz zu Kohle verbrannt. Und was war er für ein geschickter Schmied! Jetzt kann ich gar nicht ausfahren: ich habe niemand, der mir die Pferde beschlagen könnte.«

»Alles ist in Gottes Hand, Mütterchen!« sagte Tschitschikow seufzend. »Gegen Gottes Allweisheit darf man nicht murren . . . Treten Sie sie mir doch ab, Nastassja Petrowna!«

»Wen denn, Väterchen?«

»Nun, alle, die gestorben sind.«

»Wie soll ich sie abtreten?«

»Sehr einfach. Oder verkaufen Sie sie mir. Ich will sie Ihnen bezahlen.«

»Wieso? Das verstehe ich nicht. Oder willst du sie aus der Erde ausgraben?«

Tschitschikow sah, daß die Alte sich etwas verrannt hatte und daß er ihr die Sache richtig erklären mußte. Er machte ihr in einigen Worten klar, daß der Besitzwechsel und der Verkauf nur auf dem Papiere stehen und die toten Seelen als lebende angeführt werden würden.

»Was brauchst du sie aber?« fragte die Alte, ihn erstaunt anglotzend.

»Das ist schon meine Sache.«

»Sie sind doch tot!«

»Und wer sagt, daß sie leben? Das ist ja auch Ihr Schaden, daß sie tot sind: Sie zahlen für sie die Abgaben, ganz als ob sie lebten. Ich will Sie aber von dieser Sorge und von den Zahlungen befreien. Verstehen Sie das? Ich befreie Sie nicht nur davon, sondern zahle auch noch fünfzehn Rubel. Ist es Ihnen jetzt klar?«

»Ich weiß wirklich nicht«, versetzte die Hausfrau langsam. »Tote habe ich doch noch nie verkauft.«

»Das will ich meinen! Es wäre viel eher ein Wunder, wenn Sie sie schon einmal verkauft hätten. Oder glauben Sie, daß sie noch zu irgend was taugen?«

»Nein, das glaube ich nicht! Wozu sollen sie taugen? Man hat ja gar nichts von ihnen. Das ist eben die ganze Schwierigkeit, daß sie schon tot sind.«

– Das Frauenzimmer scheint aber einen dicken Schädel zu haben! – dachte sich Tschitschikow. »Hören Sie mal, Mütterchen. Überlegen Sie es sich nur: Sie haben doch nur Auslagen und müssen für jeden Toten die Steuern zahlen, wie wenn er noch lebte.«

»Ach, Väterchen, sprich nicht davon!« fiel ihm die Gutsbesitzerin ins Wort. »Erst vor zwei Wochen habe ich mehr als hundertfünfzig Rubel bezahlen und außerdem noch den Assessor schmieren müssen.«

»Nun sehen Sie es selbst, Mütterchen! Beachten Sie doch nur, daß Sie jetzt keinen Assessor mehr zu schmieren brauchen, weil ich für Sie die Steuern zahle; ich und nicht Sie! Ich nehme auf mich alle Verpflichtungen; ich will sogar die Kosten des Kaufvertrags tragen, verstehen Sie das?«

Die Alte wurde nachdenklich. Die Sache erschien ihr wirklich vorteilhaft, doch gar zu neu und noch nicht dagewesen; darum hatte sie anfangs große Angst, daß der Käufer sie irgendwie übervorteilen könnte: ist ja Gott weiß woher gekommen und dazu noch zur nachtschlafenen Zeit.

»Also abgemacht, Mütterchen, nicht wahr?« sagte Tschitschikow.

»Nein, Väterchen, ich hab' noch niemals Tote verkauft. Lebende hab' ich wohl verkauft: vor zwei Jahren trat ich dem Protopopow zwei Mädel zu hundert Rubel das Stück ab, und er war mir sehr dankbar: wunderbare Arbeiterinnen sind aus ihnen geworden, verstehen sogar Servietten zu weben.«

»Die Rede ist aber nicht von den Lebenden; um die kümmere ich mich nicht. Ich will die Toten.«

»Wirklich, ich fürchte mich, weil ich keine Erfahrungen habe, ein schlechtes Geschäft zu machen. Vielleicht betrügst du mich, Väterchen, vielleicht sind sie . . . mehr wert.«

»Hören Sie, Mütterchen, was sind Sie wirklich für ein Mensch? Was können die wert sein? Bedenken Sie nur: die sind nichts als Staub und Asche. Verstehen Sie das? – nur Asche. Nehmen Sie den unnützesten Gegenstand, irgendeinen Lumpen – und auch der hat einen Wert: den kauft Ihnen wenigstens eine Papierfabrik ab; diese Ware taugt aber zu nichts. Sagen Sie selbst, wozu taugen sie doch?«

»Das ist wohl wahr. Die taugen zu nichts; aber das ist es eben, was mich davon abhält: daß sie tot sind.«

– Ist das ein vernagelter Kopf! – sagte sich Tschitschikow, der schon die Geduld zu verlieren anfing. – Wie wird man mit so einer fertig! Zum Schwitzen hat mich die verdammte Alte gebracht! – Und er zog ein Tuch aus der Tasche und wischte sich den Schweiß ab, der ihm tatsächlich auf die Stirne getreten war. Tschitschikow ärgerte sich übrigens grundlos: auch mancher geachtete Staatsmann ist ganz wie diese Korobotschka. Wenn der sich etwas in den Kopf setzt, so ist ihm nicht beizukommen; was für sonnenklare Einwände man ihm auch vorbringt, alles prallt von ihm ab wie ein Gummiball von der Wand. Nachdem sich Tschitschikow den Schweiß von der Stirne gewischt hatte, entschloß er sich, ihr die Sache auf irgendeine andere Weise plausibel zu machen. »Mütterchen,« sagte er, »entweder wollen Sie meine Worte nicht verstehen oder Sie sprechen absichtlich so, nur um etwas zu sagen . . . Ich biete Ihnen Geld, fünfzehn Rubel in Banknoten – verstehen Sie mich? Das ist doch Geld, das finden Sie nicht auf der Straße. Gestehen Sie, wie teuer haben Sie den Honig verkauft?»

»Zu zwölf Rubel das Pud.«

»Sie übertreiben ein wenig, Mütterchen. Zu zwölf Rubel haben Sie ihn nicht verkauft.«

»Bei Gott, zu zwölf Rubel!«

»Nun sehen Sie es. Das war aber Honig. Sie haben ihn vielleicht ein ganzes Jahr lang mit Mühe gesammelt; sind herumgefahren, haben die Bienen ausgeräuchert und sie dann den ganzen Winter über im Keller gefüttert; doch die toten Seelen – sind nicht von dieser Welt. Hier haben Sie Ihrerseits nicht die geringste Mühe aufgewendet: es war Gottes Wille, daß sie diese Welt verließen und auf diese Weise Ihre Wirtschaft schädigten. Beim Honig haben Sie für Ihre Arbeit und Mühe zwölf Rubel bekommen; hier biete ich Ihnen aber für nichts und wieder nichts statt zwölf – ganze fünfzehn Rubel, und nicht in Silber, sondern in blauen Banknoten.« Nachdem er diese überzeugenden Gründe vorgebracht hatte, zweifelte Tschitschikow nicht mehr, daß die Alte nachgeben würde.

»Nein, wirklich,« antwortete die Gutsbesitzerin, »ich bin nur eine unerfahrene Witwe! Ich will lieber noch etwas warten: vielleicht kommen Kaufleute gefahren, und so werde ich die Preise hören.«

»Eine Schande, Mütterchen! Eine wahre Schande! Was sagen Sie? Überlegen Sie es sich doch selbst! Wer wird sie Ihnen abkaufen? Zu was kann man sie noch verwenden?«

»Vielleicht kann man sie bei Gelegenheit doch in der Wirtschaft brauchen . . .« entgegnete die Alte. Sie kam aber nicht weiter und sah ihn erschrocken an, begierig zu hören, was er darauf sagen würde.

»Die Toten in der Wirtschaft! Was Ihnen nicht einfällt! Vielleicht, um nachts die Spatzen in Ihrem Gemüsegarten zu scheuchen?«

»Der Herr steh uns bei! Was sagst du für schreckliche Dinge!« sagte die Alte, sich bekreuzigend.

»Was wollen Sie mit ihnen denn sonst anfangen? Die Knochen und die Gräber verbleiben übrigens Ihnen: der Verkauf geschieht nur auf dem Papier. Nun, was halten Sie davon? Geben Sie mir wenigstens Antwort.«

Die Alte wurde wieder nachdenklich.

»Was überlegen Sie sich noch, Nastassja Petrowna?«

»Ich weiß wirklich nicht, was ich tun soll; lieber verkaufe ich Ihnen doch den Hanf.«

»Was brauche ich den Hanf? Sehen Sie es doch ein: ich bitte Sie um etwas ganz anderes, und Sie bieten mir Hanf an. Hanf ist Hanf. Wenn ich ein anderes Mal komme, kaufe ich auch den Hanf. Also wie ist es nun, Nastassja Petrowna?«

»Bei Gott, es ist eine merkwürdige, noch nie dagewesene Ware.«

Nun riß Tschitschikow endlich die Geduld. Er schlug mit dem Stuhl gegen den Boden und wünschte ihr den Teufel.

Vor dem Teufel bekam die Gutsbesitzerin eine heillose Angst. »Ach, sprich nicht von ihm, Gott sei mit ihm!« rief sie ganz bleich aus. »Vorgestern sah ich ihn die ganze Nacht im Traume, den Verdammten. Es war mir eingefallen, nach dem Nachtgebet noch einmal die Karten zu schlagen, da hat ihn mir der Herr wohl zur Strafe geschickt. So ekelhaft war er mir erschienen, mit Hörnern länger als bei einem Stier.«

»Ich wundere mich nur, daß sie Ihnen nicht dutzendweise erscheinen. Denn ich will es nur aus christlicher Nächstenliebe tun: ich sehe, eine Witwe plagt sich so ab, leidet solche Not . . . Krepieren sollen Sie mit Ihrem ganzen Dorf! . . .«

»Wie du zu fluchen weißt!« sagte die Alte, ihn entsetzt anblickend.

»Man findet ja keine anderen Worte für Sie! Sie sind wirklich, mit Verlaub zu sagen, wie ein Hofhund, der auf dem Heu liegt: er frißt es selbst nicht und gibt's auch den anderen nicht. Ich wollte Ihnen auch verschiedene landwirtschaftliche Produkte abkaufen, weil ich auch Lieferungen für den Staat habe . . .« Das war eine zufällige Lüge, bei der er sich nichts dachte, die sich aber als sehr geschickt erwies. Die Lieferungen machten auf Nastassja Petrowna einen mächtigen Eindruck; jedenfalls sprach sie auf einmal mit bittender Stimme: »Warum bist du so böse geworden? Wenn ich wüßte, daß du so böse bist, hätte ich dir gar nicht widersprochen.«

»Ach was, es ist ja gar kein Grund da, böse zu werden. Die ganze Sache ist kein ausgeblasenes Ei wert, und ich soll deswegen böse werden!«

»Also gut, ich bin bereit, sie dir für fünfzehn Rubel in Banknoten abzugeben! Aber vergiß mich nicht bei den Lieferungen: wenn du mal Roggen- oder Buchweizenmehl, oder Graupen, oder Fleisch einzukaufen hast, so vergiß mich, bitte, nicht.«

»Nein, Mütterchen, ich werde dich nicht vergessen«, sagte er, sich den Schweiß abwischend, der ihm in Strömen von der Stirne lief. Dann fragte er sie aus, ob sie in der Stadt einen Vertrauensmann oder einen Bekannten habe, den sie zum Abschluß des Kaufvertrags und der übrigen notwendigen Formalitäten bevollmächtigen könnte. – »Gewiß! Der Sohn des Protopopen Kirill ist ja an der Zivilkammer angestellt«, sagte die Korobotschka. Tschitschikow bat sie, ihm einen Vollmachtsbrief zu schreiben und übernahm es sogar selbst, um ihr die Arbeit zu ersparen, einen solchen aufzusetzen.

– Es wäre gut, – dachte sich indessen die Korobotschka, – wenn er bei mir für den Staat Mehl und Vieh kaufte. Ich muß ihn besänftigen. Es ist ja noch etwas Teig von gestern abend geblieben. Ich will der Fetinja sagen, daß sie daraus Pfannkuchen macht. Es wäre auch gut, eine Pastete aus Eierteig zu backen; solche Pasteten werden bei mir gut gebacken; außerdem ist sie schnell gemacht. – Die Hausfrau ging hinaus, um die Pastete in Auftrag zu geben und diese wahrscheinlich auch durch andere Erzeugnisse ihrer Koch- und Backkunst zu vervollständigen. Tschitschikow begab sich aber ins Gastzimmer, in dem er die Nacht verbracht hatte, um aus seiner Schatulle die nötigen Papiere zu holen. Im Gastzimmer war schon alles aufgeräumt, die üppigen Daunenpfühle waren verschwunden, und vor dem Sofa stand ein mit einem Tischtuch gedeckter Tisch. Er stellte die Schatulle auf diesen Tisch und setzte sich hin, um ein wenig auszuruhen, denn er war in Schweiß gebadet, wie wenn er ein Flußbad genommen hätte: alles an ihm – vom Hemde bis zu den Socken – war naß. »Ganz tot hat mich die verdammte Alte gemacht!« sagte er und schloß, nachdem er ausgeruht hatte, die Schatulle auf. Der Autor ist überzeugt, daß es auch so neugierige Leser gibt, die den Plan und die innere Einrichtung der Schatulle kennenlernen möchten. Warum soll ich diese Neugierde nicht befriedigen? Das ist also die innere Einrichtung: in der Mitte befindet sich eine Seifenschale und neben ihr sechs oder sieben schmale Abteilungen für die Rasiermesser; dann kommen quadratische Behälter für die Streusandbüchse und das Tintenfaß und dazwischen eine Mulde für Federn, Siegellackstangen und ähnliche längliche Gegenstände; dann gibt es allerlei Fächer mit Deckeln und ohne Deckel für kürzere Gegenstände; diese sind mit Visitenkarten, Partezetteln und Theaterbilletts angefüllt, die er sich zum Andenken aufzuheben pflegte. Der ganze obere Kasten mit allen Fächern ließ sich herausnehmen, und darunter befand sich ein Raum für Papiere in Bogengröße; dann gab es noch ein kleines Geheimfach für Geld, das sich unauffällig von der Seite herausschieben ließ. Der Besitzer pflegte dieses Fach immer so schnell heraus- und hineinzuschieben, daß man unmöglich sagen konnte, wieviel Geld es enthielt. Tschitschikow schnitt sich sofort eine Feder zurecht und begann zu schreiben. In diesem Augenblick kam die Hausfrau ins Zimmer.

»Einen schönen Kasten hast du, Väterchen«, sagte sie, sich zu ihm heransetzend. »Hast ihn wohl in Moskau gekauft?«

»Ja, in Moskau«, antwortete Tschitschikow, weiterschreibend.

»Das sehe ich eben: Moskauer Arbeit ist immer gut. Vor drei Jahren hat meine Schwester von dort warme Schuhchen für die Kinder mitgebracht; das war eine so dauerhafte Ware, daß sie sie auch heute noch tragen. Du lieber Gott, wieviel Stempelpapier du da hast!« fuhr sie fort, in seine Schatulle hineinblickend. Es lag auch tatsächlich nicht wenig Stempelpapier darin. »Wenn du mir wenigstens ein Blättchen schenken wolltest! Mir fehlt immer solches Papier: manchmal muß ich ein Gesuch ans Gericht schreiben und habe nicht, worauf.«

Tschitschikow erklärte ihr, daß es ein anderes Papier sei: es sei für Kaufverträge bestimmt und nicht für Gesuche. Um sie zu beruhigen, schenkte er ihr übrigens einen Bogen im Werte eines Rubels. Nachdem er den Brief fertig hatte, ließ er ihn von ihr unterschreiben und verlangte eine kurze Liste der Bauern. Es zeigte sich, daß die Gutsbesitzerin weder Aufzeichnungen noch Listen führte, sondern fast alle Bauern im Kopfe hatte. Er ließ sich sofort alle Namen vordiktieren. Manche Bauern setzten ihn durch ihre Familiennamen und noch mehr durch ihre Spitznamen in Erstaunen: sooft er so einen Namen hörte, hielt er erst inne, ehe er ihn aufschrieb. Einen besonderen Eindruck machte auf ihn ein gewisser Pjotr Ssaweljew Neuwaschaj-Koryto (Trogverächter), und er konnte sich nicht der Bemerkung enthalten: »Wie lang der ist!« Ein anderer hatte das Wort »Korowij-Kirpitsch« (Kuhziegel) an seinem Namen hängen, ein dritter hieß einfach Iwan Kolesso (Rad). Als er mit dem Schreiben fertig war, schnupperte er mit der Nase und spürte den Duft von etwas in Butter Gebratenem.

»Ich bitte ergebenst zum Frühstück!« sagte die Hausfrau. Tschitschikow sah sich um: auf dem Tische standen Pilze, Pastetchen, Pfannkuchen und Fladen mit allerlei Zutaten: mit Zwiebeln, mit Mohn, mit Quark, mit Stinten und weiß Gott, mit was sonst noch allem.

»Das ist die Pastete aus Eierteig!« sagte die Hausfrau.

Tschitschikow rückte näher an die Pastete aus Eierteig heran, verzehrte mehr als die Hälfte und lobte sie. Die Pastete war in der Tat schon an sich recht schmackhaft, aber nach all den Schwierigkeiten mit der Alten schmeckte sie noch besser.

»Und Pfannkuchen?« fragte die Hausfrau.

Als Antwort rollte Tschitschikow drei Pfannkuchen zusammen, tunkte sie in geschmolzene Butter und beförderte sie in den Mund; die Lippen und die Hände wischte er sich aber mit der Serviette ab. Nachdem er dieses dreimal wiederholt hatte, bat er die Hausfrau, seine Pferde anspannen zu lassen. Nastassja Petrowna schickte sofort die Fetinja hinaus und gab ihr zugleich den Auftrag, noch eine Portion heiße Pfannkuchen mitzubringen.

»Ihre Pfannkuchen schmecken vortrefflich, Mütterchen«, sagte Tschitschikow, indem er sich an die neue heiße Portion machte.

»Ja, bei mir im Hause werden sie recht gut zubereitet«, erwiderte die Hausfrau. »Leider hatten wir eine schlechte Ernte, und das Mehl ist nicht gut . . . Warum haben Sie aber solche Eile, Väterchen?« sagte sie, als sie sah, daß Tschitschikow schon seine Mütze in der Hand hielt. »Der Wagen ist ja auch noch gar nicht angespannt.«

»Man wird ihn schon anspannen, Mütterchen. Bei mir wird so was schnell gemacht.«

»Sie vergessen mich also nicht bei den Lieferungen.«

»Nein, ich vergesse Sie nicht«, sagte Tschitschikow, in den Flur tretend.

»Kaufen Sie nicht auch Schweineschmalz?« fragte die Hausfrau, indem sie ihm folgte.

»Warum soll ich keines kaufen? Ich kaufe auch Schweineschmalz, aber erst später einmal.«

»Um die Weihnachtszeit werde ich auch Schweineschmalz haben.«

»Wir werden es kaufen, wir werden alles kaufen, auch Schweineschmalz.«

»Vielleicht brauchen Sie einmal Daunen? Um die Weihnachtsfasten werde ich auch Daunen haben.«

»Schön, sehr schön«, sagte Tschitschikow.

»Nun siehst du es, Väterchen, dein Wagen ist noch gar nicht fertig«, sagte die Hausfrau, als sie vor die Türe traten.

»Er wird schon fertig werden. Erklären Sie mir nur, wie ich auf die Landstraße komme.«

»Wie ist das nur zu machen?« sagte die Hausfrau. »Es läßt sich schwer erklären, weil man unterwegs sehr oft wenden muß; vielleicht gebe ich dir ein Mädel mit, das dir den Weg zeigt. Du hast doch noch Platz auf dem Bock, wo sie sich hinsetzen kann?«

»Gewiß habe ich Platz.«

»Vielleicht gebe ich dir das Mädel mit: es kennt den Weg. Aber paß auf, entführe es mir nicht, ein Mädel haben mir schon einmal die Kaufleute entführt.«

Tschitschikow versprach ihr, das Mädel nicht zu entführen, und die Korobotschka beruhigte sich und richtete ihre Aufmerksamkeit auf alles, was auf ihrem Hofe vorging: sie glotzte die Haushälterin an, die aus der Speisekammer eine hölzerne Kanne mit Honig trug, dann einen Bauern, der im Tore erschien, und ging allmählich ganz in ihren Wirtschaftssorgen auf. Warum sollen wir uns aber so lange bei der Korobotschka aufhalten? Ob es die Korobotschka ist oder Manilow, der wirtschaftliche oder der nichtwirtschaftliche Teil – lassen wir das! Es ist doch wirklich wunderbar in dieser Welt eingerichtet: das Lustige verwandelt sich schnell in Trauriges, wenn man sich lange dabei aufhält, und dann kann einem Gott weiß was in den Sinn kommen. Man kommt vielleicht gar auf den Gedanken: »Steht denn die Korobotschka wirklich so tief auf der unendlichen Stufenleiter der menschlichen Vollkommenheit? Ist denn der Abgrund so groß, der sie von ihrer Schwester trennt, die hinter der undurchdringlichen Mauer des aristokratischen Hauses, mit wohlduftenden gußeisernen Treppen, glänzendem Kupfer, Mahagoni und kostbaren Teppichen und über einem nicht zu Ende gelesenen Buche gähnt, in Erwartung eines eleganten und geistreichen Besuches, vor dem sie Gelegenheit haben wird, ihren Geist zu zeigen und auswendig gelernte Gedanken auszusprechen, – Gedanken, die nach den Vorschriften der Mode eine Woche lang die ganze Stadt beschäftigen und die sich nicht darauf beziehen, was in ihrem Hause und auf ihren Gütern, die infolge der Unkenntnis der Wirtschaft in Unordnung geraten sind, vorgeht, sondern darauf, welche politische Umwälzung in Frankreich bevorsteht und welche Richtung der moderne Katholizismus genommen hat. Doch weiter, weiter! Warum soll ich darüber reden? Warum dringt plötzlich in die gedankenlosen, lustigen und sorglosen Minuten ganz von selbst ein anderer, wunderbarer Strahl hinein? Das Lachen ist noch nicht ganz vom Gesichte verschwunden, und doch ist es unter den gleichen Menschen schon zu einem anderen geworden, und das Gesicht strahlt in einem neuen Lichte . . .«

»Da ist ja der Wagen!« rief Tschitschikow, als er seine Equipage heranrollen sah. »Warum hat es wieder so lange gedauert, du Esel? Der gestrige Rausch ist wohl noch nicht ganz verflogen?«

Sselifan gab darauf keine Antwort.

»Leben Sie wohl, Mütterchen! Und wo ist Ihr Mädel?«

»He, Pelageja!« sagte die Gutsbesitzerin zu einem etwa elfjährigen Mädel, das in der Nähe stand. Es hatte ein Kleid aus hausgemachter Leinwand an und bloße Füße, die man aus der Ferne für Stiefel halten konnte: so dick waren sie mit frischem Schmutz bedeckt. »Zeig' mal dem Herrn den Weg.«

Sselifan half dem Mädel auf den Bock. Es trat zuerst mit dem einen Fuß auf den herrschaftlichen Tritt, der sofort schmutzig wurde, kletterte dann in die Höhe und setzte sich neben den Kutscher. Gleich nach ihr setzte auch Tschitschikow seinen Fuß auf das Trittbrett; da er recht schwer geworden war, neigte sich der Wagen auf die rechte Seite. Endlich setzte sich Tschitschikow zurecht und sagte: »Jetzt ist es gut! Leben Sie wohl, Mütterchen!« Die Pferde zogen an.

Sselifan blieb die ganze Zeit sehr ernst und zeigte zugleich einen großen Eifer, was bei ihm immer der Fall war, wenn er sich etwas zuschulden hatte kommen lassen oder betrunken war. Die Pferde waren wunderbar geputzt. Das Kummet des einen, das bisher fast immer zerrissen gewesen war, so daß das Werg unter dem Leder hervorguckte, war sehr kunstvoll zugenäht. Während der ganzen Fahrt war er schweigsam und richtete keinerlei belehrende Worte an seine Pferde, obwohl der Scheck sicher den Wunsch hatte, etwas Belehrendes zu hören. Der redselige Kutscher pflegte sonst die Zügel ganz lose in der Hand zu halten und die Peitsche nur pro forma über den Pferderücken zu schwingen. Aus dem mürrischen Munde kamen aber diesmal nur eintönige und unangenehme Rufe: »Schlafe nicht, du Krähe!« und kein Wort mehr. Selbst der Braune und der Assessor waren unzufrieden, da sie kein einziges Mal den Zuruf »Ihr Lieben« oder »Ihr Ehrenwerten« zu hören bekamen. Der Scheck fühlte sogar höchst unangenehme Schläge auf seinen vollen, breiten Körperteilen. »Was hat er nur heute?« dachte er sich, indem er die Ohren bewegte. »Auf einmal weiß er, wohin er hauen soll! Er schlägt nicht etwa auf den Rücken, sondern sucht die empfindlichste Stelle aus: entweder schlägt er auf die Ohren oder peitscht unter den Bauch.«

»Nach rechts, nicht wahr?« Mit dieser trockenen Frage wandte sich Sselifan an das neben ihm sitzende Mädel, mit der Peitsche auf den vom Regen geschwärzten Weg zwischen den hellgrünen, erfrischten Feldern weisend.

»Nein, nein, ich werde es schon zeigen«, antwortete das Mädel.

»Wohin denn?« fragte Sselifan, als sie noch eine Strecke gefahren waren.

»Dorthin!« antwortete das Mädel, die Richtung mit der Hand zeigend.

»Ach du!« sagte Sselifan. »Das ist doch rechts! Die weiß nicht, wo rechts und wo links ist.«

Obwohl der Tag sehr heiter war, war die Erde so furchtbar schmutzig, daß die Räder des Wagens, an denen immer neuer Schmutz klebenblieb, von ihm bald wie mit Filz bedeckt waren, was die Equipage bedeutend schwerer machte; außerdem war der Boden lehmig und ungemein klebrig. Das eine wie das andere hatten zur Folge, daß sie aus den Feldwegen erst gegen Mittag herauskamen. Ohne das Mädel wäre ihnen wahrscheinlich auch das nicht gelungen, denn die Wege liefen nach allen Richtungen auseinander, wie gefangene Krebse, wenn man sie aus einem Sack herausschüttet; Sselifan hätte dann wohl lange ohne seine Schuld kreuz und quer fahren müssen. Bald darauf zeigte das Mädel mit der Hand auf ein dunkles Gebäude in der Ferne und sagte: »Das ist die Landstraße!«

»Und das Gebäude?« fragte Sselifan.

»Ein Wirtshaus«, sagte das Mädel.

»Nun kommen wir schon selbst weiter«, sagte Sselifan. »Geh jetzt nach Hause!«

Er hielt die Pferde an, half ihr vom Bock und sprach durch die Zähne: »Ach du, Schwarzfüßige!«

Tschitschikow schenkte ihr einen Kupfergroschen, und sie lief nach Hause, schon damit zufrieden, daß sie auf dem Bocke hatte sitzen dürfen.


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