Nikolai Gogol
Die toten Seelen
Nikolai Gogol

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Zweites Kapitel

Schon mehr als eine Woche lebte der Fremde in der Stadt; er besuchte Abendunterhaltungen und Diners und verbrachte die Zeit, wie man so sagt, auf eine höchst angenehme Weise. Endlich entschloß er sich, seine Besuche auch auf das flache Land auszudehnen und die Gutsbesitzer Manilow und Ssobakewitsch aufzusuchen, denen er das Wort gegeben hatte. Vielleicht bewegte ihn hierzu auch ein anderer, wesentlicherer Grund, eine ernstere Sache, die ihm mehr am Herzen lag . . . Von alledem wird aber der Leser allmählich und zu seiner Zeit erfahren, wenn er nur die Geduld hat, die vorliegende sehr lange Erzählung zu lesen, die später, je mehr sie sich dem Ende, das dem Ganzen die Krone aufsetzt, nähert, immer weitläufiger und breiter werden wird. Der Kutscher Sselifan bekam den Befehl, am frühen Morgen die Pferde vor den uns schon bekannten Wagen zu spannen; Petruschka aber sollte zu Hause bleiben und auf das Zimmer und den Koffer achtgeben. Es wird für den Leser nicht überflüssig sein, diese beiden leibeigenen Diener unseres Helden kennenzulernen. Sie sind zwar gar nicht hervorragende, eher zweitrangige oder sogar drittrangige Personen; auch beruhen die wichtigsten Vorgänge und Triebfedern dieses Werkes nicht auf ihnen, sondern streifen sie nur ab und zu – aber der Autor liebt es, in allen Dingen äußerst ausführlich zu sein und will, obwohl er selbst Russe ist, doch so genau sein wie ein Deutscher. Dies wird übrigens nicht viel Zeit und Raum in Anspruch nehmen, weil dem, was der Leser schon weiß, nämlich daß Petruschka einen etwas zu weiten braunen Rock, der von seinem Herrn stammte, trug und wie die Leute seines Standes eine dicke Nase und ebensolche Lippen hatte, nicht mehr viel hinzuzufügen ist. Von Charakter war er eher schweigsam als redselig und hatte sogar einen edlen Hang zur Bildung, das heißt zur Lektüre von Büchern, deren Inhalt ihm übrigens keine Schwierigkeiten machte: es war ihm völlig gleichgültig, ob er die Abenteuer eines verliebten Helden oder eine Schulfibel oder ein Gebetbuch in die Hand bekam; er las alles mit dem gleichen Interesse; hätte man ihm ein Buch über Chemie gegeben, so gäbe er sich auch damit zufrieden. Vergnügen bereitete ihm nicht das, was er las, sondern das Lesen selbst, oder richtiger der Prozeß des Lesens; ihn freute es, daß aus den Buchstaben immer irgendein Wort entstand, das mitunter, der Teufel weiß was, bedeutete. Mit diesem Lesen befaßte er sich gewöhnlich in liegender Stellung, in seiner Kammer, auf dem Bette und auf der Matratze, die infolge dieses Umstandes so fest und flach wie ein Pfannkuchen geworden war. Außer dieser Eigenschaft hatte er noch zwei andere Angewohnheiten, die zwei charakteristische Züge seines Wesens bildeten: er schlief immer, ohne sich auszukleiden, immer in dem gleichen Rock und trug stets einen eigenen Geruch mit sich herum, der ein wenig an stickige Zimmerluft erinnerte, so daß er nur irgendwo, und selbst in einem bisher unbewohnten Zimmer, sein Bett aufzustellen und seinen Mantel mit den übrigen Habseligkeiten hereinzuschleppen brauchte, um dem Zimmer einen Geruch zu verleihen, als sei es schon seit zehn Jahren von Menschen bewohnt. Tschitschikow, der recht empfindlich und in manchen Fällen auch launisch war, pflegte, wenn er des Morgens mit frischer Nase diese Luft einatmete, nur das Gesicht zu verziehen, den Kopf zu schütteln und dabei zu sagen: »Weiß der Teufel, du schwitzt wohl, oder was. Wenn du doch wenigstens mal ins Bad gehen wolltest.« Worauf Petruschka nichts erwiderte und sich nur bemühte, irgendeine Arbeit vorzunehmen: entweder ging er mit der Bürste zu dem zum Putzen aufgehängten Frack seines Herrn oder räumte einfach etwas auf. Was dachte er sich wohl, während er so schwieg? Vielleicht sagte er zu sich selbst: »Auch du bist gut: es ist dir doch nicht zu dumm geworden, vierzigmal dasselbe zu wiederholen . . .« Das weiß Gott allein, es ist schwer zu ergründen, was sich so ein Leibeigener denkt, wenn ihm sein Herr eine Rüge erteilt. Das ist also alles, was man zunächst von Petruchka zu wissen braucht. Der Kutscher Sselifan war jedoch ein ganz anderer Mensch . . . Der Autor kann sich aber nicht entschließen, seine Leser solange mit Leuten der niederen Klasse zu unterhalten, da er aus Erfahrung weiß, wie ungerne sie die Bekanntschaft der niederen Stände machen. So ist einmal der Russe: er ist sehr darauf erpicht, einen Menschen, der auch nur um eine Stufe höher steht als er, kennenzulernen, und die flüchtigste Bekanntschaft eines Grafen oder Fürsten ist ihm mehr wert als die intimste Freundschaft eines anderen Menschen. Der Autor hat sogar einige Bedenken, daß sein Held nur Kollegienrat ist. Hofräte werden vielleicht seine Bekanntschaft nicht verschmähen, aber diejenigen, die dem Generalsrange nahestehen, werden ihm vielleicht einen jener verächtlichen Blicke zuwerfen, die der Mensch hochmütig auf alles wirft, was ihm zu Füßen kriecht; oder sie werden, was noch schlimmer wäre, an ihm mit einer für den Autor tödlichen Nichtachtung vorbeigehen. Wie traurig aber auch das eine wie das andere sein mag, wir müssen doch zu unserem Helden zurückkehren. Nachdem er also noch am Vorabend die nötigen Befehle erteilt hatte, erwachte er früh am Morgen, wusch sich, rieb sich vom Kopf bis zu den Füßen mit einem nassen Schwamm ab – was er nur an Sonntagen zu tun pflegte –, rasierte sich so sorgfältig, daß die Wangen in bezug auf Glätte und Glanz dem echten Atlas gleich wurden, zog den Frack von preißelbeerfarbenem Tuch mit Glanz an, darüber einen mit einem ausgewachsenen Bären gefütterten Mantel, stieg, bald auf der einen, bald auf der anderen Seite vom Gasthofdiener gestützt, die Treppe hinunter und setzte sich in den Wagen. Der Wagen rollte mit Donnergepolter aus dem Gasthoftore auf die Straße. Ein vorbeigehender Pope zog den Hut, und einige Jungen in schmierigen Hemden streckten ihre Hand aus und bettelten: »Herr, schenk etwas der armen Waise!« Als der Kutscher merkte, daß der eine von ihnen großer Liebhaber war, auf das hintere Trittbrett zu steigen, zog er ihm eins mit der Peitsche über, und der Wagen begann über die Steine zu springen. Nicht ohne Freude erblickte man in der Ferne den gestreiften Schlagbaum, welcher verhieß, daß das schlechte Pflaster, ebenso wie jede andere Qual, bald ein Ende nehmen würde. Nachdem Tschitschikow seinen Kopf einige Male ziemlich heftig am Wagenkasten angeschlagen hatte, fuhr der Wagen endlich auf weichem Boden weiter. Kaum war die Stadt hinter ihnen geblieben, als zu beiden Seiten der Landstraße die bei uns überall verbreiteten unharmonischen Bilder auftauchten: Erdhügel, Tannengestrüpp, niedere, verkümmerte, junge Fichten, angebrannte Stämme alter Fichten, wildes Heidekraut und ähnlicher Unsinn. Hie und da fuhren sie durch Dörfer, die sich schnurgerade hinzogen und deren Häuser an aufgestapeltes altes Brennholz erinnerten; sie waren mit grauen Dächern gedeckt, unter denen geschnitzte Verzierungen in Form gestickter Handtücher herabhingen. Wie gewöhnlich saßen einige Bauern müßig in ihren Schafpelzen auf den Bänken vor den Toren; die Weiber mit dicken Gesichtern und eingeschnürten Brüsten blickten aus den oberen Fenstern heraus; aus den unteren Fenstern sah hie und da ein Kalb heraus oder steckte ein Schwein seine blinde Schnauze hervor. Mit einem Worte, die bekannte Landschaft. Nachdem er schon die fünfzehnte Werst hinter sich hatte, erinnerte sich Tschitschikow, daß hier nach Manilows Aussage dessen Gut liegen mußte; aber auch der sechzehnte Werstpfahl flog vorbei, ohne daß vom Gute etwas zu sehen wäre. Wären sie nicht zwei Bauern begegnet, so hätten sie sich kaum zurechtgefunden. Auf die Frage: »Ist das Dorf Samanilowka noch weit?« zogen die Bauern die Mützen, und der eine von ihnen, der etwas klüger war und einen Knebelbart trug, antwortete: »Vielleicht Manilowka und nicht Samanilowka?«

»Na ja, Manilowka.«

»Manilowka! Wenn du noch eine Werst gefahren bist, so bist du da, das heißt das Gut liegt dann gerade rechts.«

»Rechts?« fragte der Kutscher.

»Rechts«, sagte der Bauer. »Das ist die Straße nach Manilowka; ein Samanilowka gibt es hier nicht. So heißt eben das Dorf: Manilowka. Ein Samanilowka gibt es nicht. Dort siehst du gerade auf dem Berg ein steinernes einstöckiges Haus, das ist das Herrenhaus, in dem der Herr selbst wohnt. Das ist Manilowka, ein Samanilowka hat es hier aber niemals gegeben.«

Sie machten sich also auf die Suche nach Manilowka. Nach zwei weiteren Werst bogen sie auf einen Feldweg ab; nun waren sie schon wohl zwei, drei oder sogar vier Werst auf diesem Wege gefahren, aber vom einstöckigen steinernen Hause war noch immer nichts zu sehen. Tschitschikow erinnerte sich der alten Regel: wenn ein Freund einen zu sich aufs Gut einlädt, das fünfzehn Werst von der Stadt entfernt sein soll, so sind es sicher dreißig Werst. Das Dorf Manilowka konnte wohl kaum jemand durch seine Lage verlocken. Das Herrenhaus stand ganz einsam auf einer Anhöhe, die jedem Winde offen war, dem es nur zu blasen einfiel; der Abhang des Berges, auf dem es stand, war mit geschorenem Rasen bekleidet. Darauf waren auf englische Manier zwei oder drei Beete mit Fliederbüschen und gelben Akazien angelegt; hie und da erhoben kleine Gruppen von fünf bis sechs Birken ihre kleinblättrigen, dünnen Wipfel. Unter zwei dieser Birken war ein Pavillon zu sehen, mit flacher grüner Kuppel, blauen Holzsäulen und der Inschrift: »Tempel einsamer Betrachtung«; etwas tiefer befand sich ein mit grünem Schlamm überzogener Teich, wie er in den englischen Parks russischer Gutsbesitzer gar nicht selten ist. Am Fuße dieser Anhöhe und auch hier und da auf ihrem Abhange lagen kreuz und quer graue, roh aus Balken gezimmerte Bauernhäuser, die unser Held aus unbekannten Gründen sofort zu zählen begann: er zählte ihrer über zweihundert. Zwischen ihnen erblickte man nirgends ein Bäumchen oder irgendein Grün: man sah nichts als die nackten Balken. Das Bild belebten zwei Bauernweiber, die, die Röcke malerisch hochgerafft, bis an die Knie durch den Teich wateten und an zwei Klötzen ein zerrissenes Schleppnetz zogen, in dem zwei in die Maschen geratene Krebse und einige silbern schimmernde Plötzen zu sehen waren; die Weiber hatten sich anscheinend gezankt und wechselten ab und zu Schimpfworte. Etwas weiter abseits dunkelte ein Fichtenwald in einem langweiligen Graublau. Selbst das Wetter war sehr entsprechend: der Tag war weder heiter noch trübe, sondern von dem eigentümlichen Hellgrau, das man an den Uniformen der Garnisonsoldaten sieht – dieses im übrigen sehr friedlichen, doch an Sonntagen oft angetrunkenen Heeres. Zur Vervollständigung des Bildes fehlte es nicht an einem Hahn, dem Künder der Witterungsumschläge, der, obwohl sein Kopf von den Schnäbeln anderer Hähne anläßlich gewisser Liebeshändel fast bis zum Gehirn durchlöchert war, sehr laut krähte und sogar mit den Flügeln schlug, die zerzupft waren wie alte Bastmatten. Als Tschitschikow sich dem Hofe näherte, erblickte er den Hausherrn selbst, der in einem grünwollenen Rocke auf dem Flur stand und die Augen mit den Händen beschattete, um die sich nähernde Equipage besser sehen zu können. In dem Maße, als der Wagen sich dem Hause näherte, wurden seine Augen lustiger und sein Lächeln breiter.

›Pawel Iwanowitsch!‹ schrie er, während Tschitschikow aus dem Wagen stieg: ›Endlich haben Sie sich unser doch erinnert!‹

Die beiden Freunde tauschten herzliche Küsse aus, und Manilow führte seinen Gast ins Zimmer. Obwohl die Zeit, in der sie durch den Flur, das Vorzimmer und das Eßzimmer gehen werden, etwas kurz ist, wollen wir doch versuchen, inzwischen etwas über den Hausherrn zu sagen. Hier muß aber der Autor gestehen, daß solch ein Unternehmen recht schwierig ist. Es ist viel leichter, große Charaktere zu schildern, da darf man die Farben mit vollen Händen auf die Leinwand werfen: glühende, schwarze Augen, buschige Brauen, eine durchfurchte Stirn, ein über die Schulter geworfener schwarzer oder feuerroter Mantel – und das Bildnis ist fertig; doch alle diese Herren, von denen es so viele auf der Welt gibt und die einander äußerlich so sehr ähnlich sehen, sich aber, wenn man genauer hinsieht, durch eine Menge kaum erfaßbarer Eigentümlichkeiten unterscheiden – diese Herren bilden dem Bildnismaler ungeheure Schwierigkeiten. Da muß man seine Aufmerksamkeit außerordentlich anspannen, ehe man alle die feinen, beinahe unsichtbaren Züge erkennt, und muß überhaupt seinen in der Wissenschaft der Menschenkenntnis geschärften Blick sehr tief versenken.

Gott allein weiß es vielleicht zu sagen, was für einen Charakter Manilow hatte. Es gibt eine Sorte von Menschen, die weder Fisch noch Fleisch sind oder, wie es in einem russischen Sprichwort heißt: weder in der Stadt ein Bogdan noch auf dem Lande ein Sselifan. Zu solchen Leuten wäre vielleicht auch Manilow zu zählen. Äußerlich war er nicht unansehnlich; seine Gesichtszüge ermangelten nicht einer gewissen Anmut, aber in dieser Anmut steckte etwas zuviel Zucker; in seinen Manieren und Redewendungen lag ein gewisses Streben nach Zuneigung und Intimität. Er lächelte angenehm und hatte blondes Haar und blaue Augen. In den ersten Augenblicken eines Gespräches mit ihm mußte jeder sagen: ›Welch ein angenehmer und guter Mensch!‹ Im folgenden Augenblick sagte man nichts, aber im dritten dachte man sich: ›Da kennt sich der Teufel aus!‹ und ließ ihn stehen, und wenn man ihn nicht stehenließ, so spürte man tödliche Langeweile. Von ihm bekam man nie ein lebhaftes oder herausforderndes Wort zu hören, wie man es von jedem anderen Menschen hören kann, wenn man einen Gegenstand berührt, der diesem besonders nahegeht. Jeder Mensch hat so ein Thema, das ihm am Herzen liegt: für den einen sind es die Windhunde, ein anderer hält sich für einen großen Musikliebhaber und glaubt alle Tiefen der Musik zu erfassen; der dritte ist ein Meister im Essen; ein vierter möchte gern eine Rolle spielen, die auch nur um einige Zoll höher wäre als die, die ihm beschieden ist; ein fünfter, dessen Wunschbereich beschränkter ist, schläft und träumt davon, wie er sich auf der Promenade seinen Freunden und Bekannten und selbst den Unbekannten in Gesellschaft eines Flügeladjutanten zeigen kann; ein sechster ist mit einer solchen Hand begabt, daß er stets ein unüberwindliches Verlangen spürt, einer Schellenaß oder zwei die Ecken umzubiegen, während die Hand des siebenten nur danach trachtet, Ordnung zu stiften und sich am Gesicht eines Stationsaufsehers oder eines Postkutschers zu vergreifen; mit einem Worte, jeder hat das Seine, aber Manilow hatte nichts Derartiges. Zu Hause sprach er sehr wenig und dachte viel nach; worüber er aber nachdachte, das weiß Gott allein. Man konnte auch nicht sagen, daß er sich viel mit der Wirtschaft befaßte; er fuhr niemals aufs Feld hinaus, aber die Wirtschaft ging irgendwie von selbst. Wenn der Verwalter zu ihm sagte: »Gnädiger Herr, es wäre nicht schlecht, dies oder jenes zu machen«, so pflegte er zu antworten: »Ja, es wäre wirklich nicht schlecht«, wobei er immer die Pfeife rauchte; dieses Rauchen hatte er sich noch zu der Zeit angewöhnt, als er in der Armee diente, wo er als der bescheidenste, taktvollste und gebildetste Offizier galt. »Ja, es wäre wirklich nicht schlecht!« wiederholte er. Wenn zu ihm ein Bauer kam, der sich den Nacken kratzte und sagte: »Gnädiger Herr, gib mir Urlaub, damit ich mir Geld für die Steuern verdienen kann«, so pflegte er, immer die Pfeife rauchend, zu antworten: »Geh!«, wobei es ihm nie einfiel, daß der Bauer sich nur betrinken wollte. Wenn er vom Flur aus seinen Hof und den Teich betrachtete, pflegte er zuweilen zu sagen, daß es gut wäre, vom Hause aus einen unterirdischen Gang zu graben oder eine steinerne Brücke über den Teich zu bauen, mit Kaufläden zu beiden Seiten, in denen Kaufleute allerhand Kram, den die Bauern brauchen, feilbieten sollten. Bei solchen Gedanken blickten seine Augen ungemein süß, und sein Gesicht zeigte eine zufriedene Miene. Alle seine Projekte beschränkten sich übrigens nur auf Worte. In seinem Kabinett lag immer ein Buch mit einem Lesezeichen auf Seite vierzehn; dieses Buch las er ständig seit zwei Jahren. In seinem Hause fehlte immer etwas: im Salon standen wunderschöne Möbel, die mit herrlicher Seide überzogen waren und sicher nicht wenig gekostet hatten; aber für zwei Sessel hatte der Stoff nicht gereicht, und sie standen mit einfachem Bastgeflecht überzogen da; übrigens warnte der Hausherr jeden Gast schon seit einigen Jahren mit den Worten: »Setzen Sie sich nicht in diesen Sessel, er ist noch nicht fertig.« In manchen Zimmern gab es überhaupt keine Möbel, obwohl Manilow in den ersten Tagen nach der Hochzeit zu seiner Frau gesagt hatte: »Herzchen, man muß morgen schauen, daß in dieses Zimmer wenigstens für einige Zeit Möbel hereinkommen.« Abends stellte man auf den Tisch einen höchst eleganten Armleuchter aus dunkler Bronze mit drei antiken Grazien und einem hübschen Lichtschirm aus Perlmutter; neben ihm stand aber ein kupferner, lahmer, verbogener, über und über mit Talg betropfter Invalide, und weder der Hausherr noch die Hausfrau noch die Dienerschaft merkten dies. Seine Frau . . . sie waren übrigens miteinander durchaus zufrieden. Obwohl sie schon seit mehr als acht Jahren verheiratet waren, pflegte eines dem anderen bald ein Stückchen Apfel, bald einen Bonbon oder eine Nuß darzureichen und dabei mit rührend zärtlicher Stimme zu sagen, die von vollkommener Liebe zeugte: »Herzchen, mach doch dein Mündchen auf, ich will dir dieses Stückchen hineinlegen.« Es versteht sich von selbst, daß das Mündchen in solchen Fällen äußerst graziös geöffnet wurde. Zu Geburtstagen gab es immer Überraschungen, z. B. ein perlengesticktes Beutelchen für einen Zahnstocher. Sehr oft geschah es, daß sie, auf dem Sofa sitzend, ganz plötzlich, aus unbekanntem Grunde, der eine seine Pfeife und die andere ihre Handarbeit, falls sie diese gerade in der Hand hatten, zur Seite legten und einander einen so langen, schmachtenden Kuß auf die Lippen drückten, daß man währenddessen Zeit hatte, eine kleine Virginiazigarre zu rauchen. Mit einem Worte, sie waren, wie man es so nennt, glücklich. Natürlich könnte man einwenden, daß es im Hause außer den langen Küssen und Geburtstagsüberraschungen auch noch andere Aufgaben gibt; man könnte überhaupt viele Einwendungen machen. Warum bei ihnen z. B. so dumm und sinnlos gekocht wurde? Warum die Vorratskammern leer waren? Warum die Haushälterin stahl? Warum die Diener schmutzig und versoffen waren? Warum das ganze Hausgesinde die eine Hälfte des Tages schlief und die übrige Zeit nichts tat? Aber das sind lauter gemeine Themen, während Frau Manilowa eine gute Erziehung genossen hatte. Die gute Erziehung erwirbt man sich bekanntlich in Pensionen; in den Pensionen bilden aber bekanntlich drei Hauptgegenstände die Grundlage der menschlichen Tugenden: die französische Sprache, die für das glückliche Familienleben unumgänglich ist; das Klavierspiel, um dem Gatten angenehme Augenblicke zu bereiten, und schließlich die eigentliche Hauswirtschaft: das Häkeln von Geldbeuteln und sonstigen Überraschungen. Es gibt übrigens manche Vervollkommnungen und Veränderungen in den Methoden, insbesondere in der allerletzten Zeit: alles hängt von der Verständigkeit und den Fähigkeiten der Pensionsbesitzerinnen ab. In manchen Pensionen steht an erster Stelle das Klavierspiel, dann kommt die französische Sprache und zuletzt die Hauswirtschaft. Es kommt aber auch vor, daß der wirtschaftliche Teil, d. h. das Häkeln von Überraschungen, an erster Stelle steht und dann erst die französische Sprache und zuletzt das Klavierspiel folgt. Es gibt eben verschiedene Methoden. Es wäre nicht überflüssig, hier zu bemerken, daß Frau Manilowa . . . ich muß aber gestehen, daß ich einige Scheu habe, über die Dame zu sprechen; außerdem ist es längst Zeit, daß ich zu unseren Helden zurückkehre, die schon seit einigen Minuten vor der Türe des Gastzimmers stehen und um den Vortritt streiten.

»Tun Sie mir den Gefallen, machen Sie sich meinetwegen keine Umstände, ich komme nach Ihnen«, sagte Tschitschikow.

»Nein, Pawel Iwanowitsch, nein, Sie sind der Gast«, sagte Manilow, mit der Hand auf die Tür weisend.

»Bemühen Sie sich nicht, ich bitte Sie, bemühen Sie sich nicht; gehen Sie bitte voran«, sagte Tschitschikow.

»Nein, Sie müssen schon entschuldigen, ich kann es nicht zulassen, daß ein so angenehmer und gebildeter Gast nach mir über die Schwelle tritt.«

»Warum denn gebildet? . . . Ich bitte Sie, gehen Sie voran!«

»Nein, wollen Sie nur vorangehen.«

»Warum denn ich?«

»Darum!« sagte Manilow mit einem angenehmen Lächeln.

Endlich gingen die beiden Freunde gleichzeitig seitwärts durch die Türe, wobei sie sich ein wenig die Seiten eindrückten.

»Gestatten Sie, daß ich Ihnen meine Frau vorstelle«, sagte Manilow. »Herzchen! Das ist Pawel Iwanowitsch!«

Tschitschikow erblickte jetzt tatsächlich eine Dame, die er vorhin ganz übersehen hatte, als er sich in der Türe mit Manilow wegen des Vortrittes auseinandersetzte. Sie war gar nicht übel und trug ein Kleid, das ihr zu Gesicht stand. Das helle Hauskleid aus Seidenstoff saß ihr sehr gut. Die kleine feine Hand warf etwas schnell auf den Tisch und drückte ein Batisttaschentuch mit gestickten Ecken zusammen. Sie erhob sich vom Sofa, auf dem sie gesessen hatte. Tschitschikow küßte ihr nicht ohne Vergnügen die Hand. Frau Manilowa sagte, indem sie sogar das »r« auf Petersburger Art wie ein »g« aussprach, daß er ihnen mit seinem Besuch eine große Freude bereitet habe, und daß ihr Mann sich jeden Tag seiner erinnert hätte.

»Ja,« bemerkte Manilow, »sie fragte mich jeden Tag: ›Warum kommt dein Freund noch immer nicht?‹ – ›Warte nur, Herzchen, er wird schon kommen.‹ – Und nun haben Sie uns mit Ihrem Besuche beehrt. Einen solchen Genuß haben Sie uns damit verschafft – es ist ein wahrer Maitag, ein Namenstag des Herzens . . .«

Als Tschitschikow hörte, daß die Rede schon auf den Namenstag des Herzens kam, wurde er sogar ein wenig verlegen und erwiderte bescheiden, daß er weder einen berühmten Namen noch einen hohen Rang habe.

»Sie haben alles«, unterbrach ihn Manilow mit dem gleichen angenehmen Lächeln: »Sie haben alles und sogar noch mehr.«

»Wie gefiel Ihnen unsere Stadt?« fragte Frau Manilowa. »Haben Sie da Ihre Zeit angenehm verbracht?«

»Eine ausgezeichnete Stadt, eine herrliche Stadt«, erwiderte Tschitschikow. »Ich habe auch die Zeit sehr angenehm verbracht: die Gesellschaft ist außerordentlich liebenswürdig.«

»Und wie fanden Sie unseren Gouverneur?« fragte Frau Manilowa.

»Nicht wahr, er ist doch ein außerordentlich ehrenwerter und liebenswürdiger Mann?« fügte Manilow hinzu.

»Sehr richtig,« sagte Tschitschikow, »ein außerordentlich ehrenwerter Mann. Und wie er in seinem Amte aufgeht, wie er es auffaßt! Es ist nur zu wünschen, daß wir möglichst viel solche Menschen haben.«

»Wie er das versteht, wissen Sie, einen jeden richtig zu empfangen und in allen seinen Handlungen den Takt zu wahren«, fügte Manilow lächelnd hinzu; vor Vergnügen kniff er dabei die Augen zusammen wie ein Kater, den man leicht hinter den Ohren kraut.

»Ein sehr liebenswürdiger und angenehmer Herr,« fuhr Tschitschikow fort, »und was für ein Künstler! Ich hätte es nie geahnt, was für schöne häusliche Handarbeiten er zu machen versteht! Er zeigte mir einen Geldbeutel seiner Arbeit: nicht jede Dame versteht so schön zu sticken.«

»Und der Vizegouverneur? Nicht wahr, ein reizender Mann?« versetzte Manilow, die Augen wieder zusammenkneifend.

»Ja, ein höchst würdiger Mann«, erwiderte Tschitschikow.

»Aber gestatten Sie, wie gefiel Ihnen der Polizeimeister? Nicht wahr, ein höchst angenehmer Herr?«

»Ja, ein höchst angenehmer, kluger und belesener Herr! Ich habe bei ihm mit dem Staatsanwalt und dem Gerichtsvorsitzenden bis in den hellen Tag hinein Whist gespielt. Ein außerordentlich würdiger Mann!«

»Was halten Sie aber von der Frau des Polizeimeisters?« warf Frau Manilow ein. »Nicht wahr, eine außerordentlich liebenswürdige Dame?«

»Oh, eine der würdigsten Damen, die ich kenne«, antwortete Tschitschikow.

Sie gingen dann zum Kammervorsitzenden und dem Postmeister über und nahmen auf diese Weise fast alle Beamten der Stadt durch, die sich sämtlich als die würdigsten Menschen herausstellten.

»Leben Sie immer auf dem Lande?« fragte nun Tschitschikow seinerseits.

»Wir leben meistens auf dem Lande«, antwortete Manilow. »Zuweilen fahren wir übrigens auch in die Stadt, doch nur, um mit gebildeten Menschen zusammenzukommen. Wenn man so ganz abgeschlossen lebt, kann man leicht verwildern.«

»Allerdings«, bemerkte Tschitschikow.

»Etwas anderes ist es,« fuhr Manilow fort, »wenn man eine angenehme Nachbarschaft hat, wenn z. B. ein Mensch in der Nähe wohnt, mit dem man einigermaßen über gute Manieren und Umgangsformen sprechen oder irgendeine Wissenschaft verfolgen kann, so daß die Sinne sich regen und man sozusagen in die Höhe schwebt . . .« Er wollte noch etwas hinzufügen, merkte aber, daß er sich schon vergaloppiert hatte und machte nur eine unbestimmte Handbewegung. Darauf fuhr er fort: »Das Leben auf dem Lande und die Einsamkeit hätten natürlich viele Annehmlichkeiten. Aber es gibt hier wirklich niemand in der Nähe. Höchstens daß man ab und zu eine Zeitung liest.«

Tschitschikow stimmte ihm durchaus bei und fügte hinzu, daß es nichts Angenehmeres gäbe, als in der Einsamkeit zu leben, den Anblick der Natur zu genießen und ab und zu irgendein Buch zu lesen . . .

»Aber wissen Sie,« wandte Manilow ein, »wenn man keinen Freund hat, mit dem man seine Empfindungen teilen kann, ist das alles . . .«

»Oh, das ist durchaus richtig und wahr!« unterbrach ihn Tschitschikow. »Was bedeuten alle Schätze der Welt? ›Trachte nicht nach Geld, trachte nur nach Umgang mit guten Menschen‹, hat einmal ein Weiser gesagt.«

»Und wissen Sie was, Pawel Iwanowitsch«, sagte Manilow, während sein Gesicht nicht nur einen süßen, sondern auch einen faden Ausdruck annahm: von solcher faden Süße sind die Mixturen, mit denen mancher geschickte Modearzt seine Patienten zu erfreuen glaubt. »Wissen Sie, dann fühlt man einen sozusagen geistigen Genuß . . . So zum Beispiel jetzt, wo mir der Zufall das, ich darf wohl sagen, seltene und klassische Glück verschaffte, mit Ihnen zu sprechen und Ihre angenehme Unterhaltung zu genießen . . .«

»Aber erlauben Sie, was ist das für eine angenehme Unterhaltung? . . . Ich bin nur ein unbedeutender Mensch und sonst nichts«, erwiderte Tschitschikow.

»Ach, Pawel Iwanowitsch! Gestatten Sie mir, daß ich aufrichtig spreche: gerne würde ich die Hälfte meines Vermögens hingeben, um nur einen Teil der Vorzüge zu besitzen, die Sie auszeichnen! . . .«

»Im Gegenteil, ich würde es meinerseits für das größte Glück . . .«

Es ist unbekannt, wie weit diese gegenseitigen Gefühlsausbrüche der beiden Freunde noch gehen könnten, wenn nicht ein Diener meldete, daß das Essen aufgetragen sei.

»Ich bitte ergebenst«, sagte Manilow.

»Sie müssen entschuldigen, daß wir Ihnen kein Mittagessen bieten können, wie man es auf Parkett und in den Hauptstädten bekommt; bei uns ist alles einfach, nach russischer Sitte, einfache Kohlsuppe, aber sie kommt von Herzen. Ich bitte ergebenst.«

Sie stritten wieder eine Weile, wer zuerst vorangehen sollte, und endlich trat Tschitschikow seitwärts ins Speisezimmer.

Im Speisezimmer standen schon zwei Jungen, die Söhne Manilows, die sich schon in dem Alter befanden, wo man die Kinder am Tische mitessen läßt, sie aber noch auf eigenen hohen Stühlen sitzen. Bei ihnen stand der Hauslehrer, der sich vor dem Gast höflich, mit einem Lächeln verbeugte. Die Hausfrau setzte sich vor die Suppenschüssel; der Gast kam zwischen den Herrn und die Dame des Hauses zu sitzen, und der Diener band den Kindern Servietten vor.

»Was für nette Kinder!« sagte Tschitschikow, mit einem Blick auf die Jungen. »Und wie alt sind sie?«

»Der älteste ist sieben, der jüngere ist gestern sechs geworden«, antwortete Frau Manilowa.

»Themistoklus!« wandte sich Manilow an den älteren, der sein Kinn aus der Serviette, die ihm der Diener vorgebunden hatte, befreien wollte. Tschitschikow zog eine Augenbraue hoch, als er diesen zum Teil griechischen Namen hörte, dem Manilow, man wußte nicht warum, die Endung »us« angehängt hatte; aber er beeilte sich sofort, seinem Gesicht den gewöhnlichen Ausdruck wiederzugeben.

»Themistoklus, sag mir, welches ist die schönste Stadt in Frankreich?«

Der Hauslehrer richtete nun seine ganze Aufmerksamkeit auf Themistoklus und schien ihm in die Augen springen zu wollen, aber schließlich beruhigte er sich wieder und nickte mit dem Kopfe, als Themistoklus die Antwort gab: »Paris.«

»Und welches ist die schönste Stadt bei uns?« fragte Manilow wieder.

Der Hauslehrer spannte wieder seine ganze Aufmerksamkeit an.

»Petersburg«, antwortete Themistoklus.

»Und welche noch?«

»Moskau«, antwortete Themistoklus.

»Du bist ein kluges Kind, Herzchen!« sagte darauf Tschitschikow. »Sagen Sie aber . . .« fuhr er fort, sich mit einigem Erstaunen an Manilow wendend: »In so jungen Jahren schon solche Kenntnisse! Ich muß Ihnen sagen, das Kind verspricht außerordentliche Fähigkeiten!«

»Oh, Sie kennen ihn noch nicht!« entgegnete Manilow. »Er hat außerordentlich viel Geist. Der jüngere, Alkides, ist zwar nicht so schnell, aber wenn er irgendwo ein Käferchen oder dergleichen bemerkt, so leuchten seine Augen gleich auf; er läuft dem Insekt nach und wendet ihm seine ganze Aufmerksamkeit zu. Ich will aus ihm einen Diplomaten machen. Themistoklus!« fuhr er fort, sich wieder an den älteren wendend: »Willst du Botschafter werden?«

»Ja, ich will«, antwortete Themistoklus, ein Stück Brot zerkauend und den Kopf nach rechts und links schüttelnd.

In diesem Augenblick wischte der hinter dem Stuhle stehende Diener dem Botschafter die Nase ab, und er tat gut daran: sonst wäre ein recht großer fremder Tropfen in die Suppe gefallen. Das Tischgespräch kam auf die Genüsse des friedlichen Lebens und wurde durch Bemerkungen der Hausfrau über das Stadttheater und die Schauspieler unterbrochen. Der Hauslehrer verfolgte die Mienen der Sprechenden mit großer Aufmerksamkeit, und sobald er merkte, daß jemand lächeln wollte, machte er sofort seinen Mund auf und lachte mit großem Eifer. Offenbar war er ein dankbarer Mensch und wollte sich dem Hausherrn auf diese Weise für die gute Behandlung erkenntlich zeigen. Einmal nahm übrigens sein Gesicht einen finsteren Ausdruck an, und er klopfte streng auf den Tisch, den Blick gespannt auf die ihm gegenübersitzenden Kinder gerichtet. Das war auch durchaus am Platze, denn Themistoklus hatte den Alkides ins Ohr gebissen, dieser aber hatte die Augen zusammengekniffen und den Mund geöffnet, bereit, in ein jämmerliches Weinen auszubrechen; da er aber wohl fühlte, daß er auf diese Weise leicht um ein Gericht kommen würde, brachte er den Mund in die frühere Stellung und begann mit Tränen in den Augen an einem Hammelknochen zu nagen, wobei seine Wangen von Fett glänzten. Die Hausfrau wandte sich öfters an Tschitschikow mit folgenden Worten: »Sie essen ja nichts, Sie haben sich sehr wenig genommen«, worauf Tschitschikow jedesmal antwortete: »Ich danke verbindlichst, ich bin satt. Ein angenehmes Gespräch ist besser als jede Speise.«

Endlich standen sie vom Tische auf. Manilow war außerordentlich zufrieden; er legte seine Hand dem Gast auf den Rücken und wollte ihn schon ins Gastzimmer geleiten, als dieser plötzlich mit bedeutungsvoller Miene erklärte, daß er mit ihm in einer sehr wichtigen Angelegenheit zu sprechen habe. »In diesem Falle gestatten Sie mir, Sie in mein Kabinett zu bitten«, sagte Manilow und führte ihn in ein kleines Zimmer, dessen Fenster auf den in der Ferne blauenden Wald hinausgingen. »Dies ist mein kleiner Winkel«, sagte Manilow. »Ein angenehmes Zimmerchen«, sagte Tschitschikow, nachdem er es mit einem Blicke gestreift hatte. Das Zimmer war in der Tat nicht ohne Anmut: die Wände waren mit einer blauen Farbe, die ins Graue hinüberspielte, gestrichen; vier Stühle, ein Sessel und ein Tisch standen darin; auf dem letzteren lag das Buch mit dem Lesezeichen, von dem wir schon sprachen, ferner einige vollbeschriebene Bogen Papier; am meisten gab es hier aber Tabak. Er war hier in allerlei Behältnissen vorhanden: in Paketen, in einem Topf und schließlich auch als einfacher Haufen auf dem Tische. Auf den beiden Fensterbänken prangten Häuflein Tabakasche, die nicht ohne Sorgfalt in hübschen Reihen angeordnet waren. Dies verschaffte offenbar dem Hausherrn zuweilen einen angenehmen Zeitvertreib.

»Darf ich Sie bitten, hier in diesem Sessel Platz zu nehmen«, sagte Manilow. »Sie werden es bequemer haben.«

»Gestatten Sie mir, daß ich mich auf den Stuhl setze.«

»Gestatten Sie mir, Ihnen das nicht zu gestatten«, entgegnete Manilow lächelnd. »Dieser Sessel ist bei mir eigens für die Gäste bestimmt. Ob Sie wollen oder nicht, Sie müssen sich hineinsetzen.«

Tschitschikow setzte sich.

»Gestatten Sie mir, Ihnen eine Pfeife anzubieten.«

»Nein, ich rauche nicht«, erwiderte Tschitschikow freundlich, sogar mit sichtlichem Bedauern.

»Warum denn?« fragte Manilow ebenso freundlich und mit Bedauern.

»Ich habe es mir nicht zur Gewohnheit gemacht. Ich fürchte mich: man sagt, die Pfeife trocknet die Lunge aus.«

»Gestatten Sie mir zu bemerken, daß es nur ein Vorurteil ist. Ich glaube sogar, daß das Pfeifenrauchen viel gesünder ist als das Schnupfen. Wir hatten in unserem Regiment einen Leutnant, einen herrlichen und außerordentlich gebildeten Menschen, der die Pfeife nicht nur bei Tisch, sondern auch, mit Verlaub zu sagen, an allen anderen Orten nie aus dem Munde ließ. Heute ist er über vierzig Jahre alt und dabei, Gott sei Dank, so gesund, wie man es sich besser gar nicht wünschen darf.«

Tschitschikow bemerkte darauf, daß ähnliche Fälle wohl vorkämen und daß es in der Natur überhaupt viele Dinge gäbe, die selbst ein großer Geist nicht zu fassen vermöge.

»Aber gestatten Sie mir zuvor eine Bitte . . .« sagte er mit einer Stimme, in der ein seltsamer oder beinahe seltsamer Unterton lag; dabei schielte er aus irgendeinem Grunde nach der Türe. Auch Manilow sah sich um, er wußte selbst nicht warum. »Wann haben Sie die letzte Revisionsliste eingereicht?«

»Es ist schon lange her; offen gestanden, ich habe es schon vergessen.«

»Sind Ihnen seit jener Zeit viele Bauern gestorben?«

»Das weiß ich wirklich nicht; darüber müßte man, glaube ich, den Verwalter fragen. He, Junge! Ruf mal den Verwalter her, er muß heute hier sein.«

Nun erschien der Verwalter. Es war ein Mann von etwa vierzig Jahren, ohne Bart und mit einem Rock angetan; er hatte hier offenbar ein sehr ruhiges Leben, denn sein Gesicht war voll und wie geschwollen, und die gelbliche Gesichtsfarbe und die kleinen Äuglein wiesen darauf hin, daß er allzu gut wußte, was Federbetten und Daunenkissen sind. Es war ihm sofort anzusehen, daß er die gleiche Laufbahn hinter sich hatte wie die meisten Gutsverwalter; anfangs hatte er einfach als ein des Lesens und Schreibens kundiger Junge im Herrenhause gelebt, hatte dann irgendeine Agaschka, die Wirtschafterin und Favoritin der Hausfrau, geheiratet und war dann selbst Haushälter und zuletzt Verwalter geworden. Sobald er aber Verwalter geworden war, trieb er es genau so wie alle Verwalter: er verkehrte mit allen reicheren Bauern des Dorfes, stand bei ihnen Gevatter, legte den ärmeren Bauern schwere Fronarbeit auf, pflegte erst um neun Uhr früh aufzustehen, dann auf den Samowar zu warten und Tee zu trinken.

»Hör mal, mein Bester, wie viele Bauern sind bei uns gestorben, seit wir die letzte Liste eingereicht haben?«

»Das ist nicht so leicht zu sagen. Viele sind seitdem gestorben«, sagte der Verwalter. Dabei rülpste er und hielt sich die Hand wie ein Schild vor den Mund.

»Ja, ich muß gestehen, das habe ich mir auch selbst gedacht,« fiel ihm Manilow ins Wort, »es sind wirklich sehr viele gestorben!« Hier wandte er sich an Tschitschikow und wiederholte: »Wirklich, sehr viele!«

»Wie viele ungefähr?« fragte Tschitschikow.

»Ja, wie viele?« wiederholte Manilow die Frage.

»Ja, wie soll ich es sagen? Es ist doch unbekannt, wie viele gestorben sind: kein Mensch hat sie gezählt.«

»Gewiß,« bestätigte Manilow, sich an Tschitschikow wendend, »das ist auch meine Ansicht, die Sterblichkeit war groß; es ist völlig unbekannt, wie viele gestorben sind.«

»Bitte, zähle sie einmal,« sagte Tschitschikow zu dem Verwalter, »und stelle eine kleine Namensliste auf.«

»Ja, eine Liste mit allen Namen«, sagte Manilow. Der Verwalter sagte: »Zu Befehl!« und ging.

»Zu welchem Zwecke brauchen Sie das?« fragte Manilow, als der Verwalter gegangen war.

Diese Frage schien dem Gast einige Schwierigkeit zu machen; sein Gesicht nahm auf einmal einen so gespannten Ausdruck an, daß er sogar errötete – er wollte offenbar etwas sagen, was sich nicht gut in Worte kleiden ließ. Manilow bekam bald in der Tat so seltsame und ungewöhnliche Dinge zu hören, wie sie noch kein menschliches Ohr gehört hat.

»Sie fragen, zu welchem Zweck? Der Zweck ist folgender: ich möchte gerne die Bauern kaufen . . .« begann Tschitschikow. Hier verschluckte er sich und kam nicht weiter.

»Gestatten Sie aber die Frage,« sagte Manilow, »wie wollen Sie die Bauern kaufen: mit dem Boden oder zwecks Übersiedlung, also ohne Boden?«

»Nein, eigentlich will ich nicht die Bauern,« sagte Tschitschikow, »ich möchte die toten . . .«

»Wie? Entschuldigen Sie . . . ich höre etwas schlecht, mir kam eben vor, als hätten Sie etwas sehr Merkwürdiges gesagt . . .«

»Ich habe die Absicht, die Toten zu kaufen, die aber in der letzten Liste noch als Lebende geführt werden«, sagte Tschitschikow.

Manilow ließ seine Pfeife auf den Boden fallen, riß den Mund auf und blieb mit aufgerissenem Munde einige Minuten sitzen. Die beiden Freunde, die soeben von den Annehmlichkeiten eines freundschaftlichen Zusammenlebens gesprochen hatten, saßen unbeweglich da und starrten einander an wie zwei Porträts, die man in alter Zeit zu beiden Seiten eines Spiegels aufzuhängen pflegte. Manilow hob endlich seine Pfeife auf und blickte Tschitschikow von unten ins Gesicht, ob nicht ein Lächeln auf seinen Lippen zu sehen wäre, ob er nicht scherze; er sah aber nichts dergleichen: das Gesicht schien sogar ernster und gesetzter als früher. Dann kam ihm der Gedanke, daß der Gast vielleicht plötzlich verrückt geworden sei, und er blickte ihn aufmerksam an; die Augen des Gastes waren aber vollkommen klar, und es war in ihnen nichts von jenem wilden, unruhigen Feuer zu entdecken, wie es in den Augen eines Verrückten zuckt; alles war durchaus in Ordnung. Wie sehr sich auch Manilow anstrengte, auszudenken, was er nun zu tun habe, fiel ihm doch nichts anderes ein, als den in seinem Munde noch verbliebenen Rauch in einem feinen Strahle entweichen zu lassen.

»Ich möchte also gerne wissen, ob Sie gewillt sind, mir diese in Wirklichkeit zwar toten, doch hinsichtlich der gesetzlichen Form noch lebenden Seelen zu überlassen oder abzutreten oder in irgendeiner anderen Form, die Ihnen beliebt, zu überweisen?«

Manilow war aber so verlegen und ratlos, daß er den Gast nur noch anstarren konnte.

»Ich glaube, Sie haben Bedenken?« bemerkte Tschitschikow.

»Ich? . . . nein, es sind keine Bedenken,« sagte Manilow, »aber ich kann nicht verstehen . . . entschuldigen Sie . . . ich habe natürlich nicht die glänzende Bildung genossen, die sozusagen aus jeder Ihrer Bewegungen spricht; auch beherrsche ich nicht die Kunst, mich gut auszudrücken . . . Vielleicht steckt hier . . . in der Wendung, die Sie soeben gebrauchten . . . etwas anderes . . . Vielleicht beliebten Sie sich nur des Stiles wegen so auszudrücken?«

»Nein,« fiel ihm Tschitschikow ins Wort, »nein, ich verstehe den Gegenstand so, wie er ist, ich meine wirklich die Seelen, die gestorben sind.«

Manilow kam ganz aus der Fassung. Er fühlte, daß er etwas unternehmen, irgendeine Frage stellen müsse, doch was für eine Frage – das weiß der Teufel. Er endete damit, daß er wieder den Rauch ausblies, diesmal aber nicht mit dem Munde, sondern durch die Nasenlöcher.

»Wenn also nichts weiter im Wege steht, so könnten wir gleich den Kaufvertrag abschließen«, sagte Tschitschikow.

»Wie, einen Kaufvertrag über tote Seelen?«

»O nein!« antwortete Tschitschikow. »Wir schließen ihn so ab, als ob sie noch lebten, wie es in der Revisionsliste auch wirklich steht. Ich pflege in allen Dingen die bürgerlichen Gesetze zu achten; ich habe zwar dafür im Dienste vieles erdulden müssen, aber Sie müssen mich schon entschuldigen: die Pflicht ist für mich eine heilige Sache, und ich verstumme vor dem Gesetze.«

Die letzten Worte machten auf Manilow einen guten Eindruck, aber den Sinn der Sache hatte er noch immer nicht erfaßt. Statt eine Antwort zu geben, sog er so fest an seiner Pfeife, daß diese schließlich wie ein Fagott zu schnarchen anfing. Es war, als wollte er aus der Pfeife eine Ansicht über diese so unerhörte Angelegenheit heraussaugen; die Pfeife aber schnarchte nur und sonst nichts.

»Haben Sie vielleicht irgendwelche Zweifel?«

»Oh, ich bitte Sie, nicht im geringsten! Ich will ja gar nicht gesagt haben, daß ich in bezug auf Sie irgendwelche kritische Vorurteile hätte. Aber gestatten Sie mir die Bemerkung: wird diese Unternehmung, oder, um es deutlicher auszudrücken, diese Negoziation –, wird sie nicht mit den bürgerlichen Satzungen und den politischen Absichten Rußlands im Widerspruch stehen?«

Manilow machte dabei eine eigentümliche Kopfbewegung und sah Tschitschikow vielsagend ins Gesicht, wobei alle seine Züge und die zusammengepreßten Lippen einen so tiefsinnigen Ausdruck annahmen, wie man ihn wohl kaum auf einem Menschengesicht beobachtet hat, höchstens auf dem eines allzu klugen Ministers, und auch das nur bei einer außergewöhnlich kniffligen Sache.

Aber Tschitschikow erklärte ihm einfach, daß eine derartige Unternehmung oder Negoziation in keiner Weise den bürgerlichen Satzungen und den politischen Absichten Rußlands widersprechen könne; nach einem Augenblick fügte er dem noch hinzu, daß der Staat davon sogar einen Vorteil in Form der gesetzlichen Gebühren haben werde.

»Sie glauben also? . . .«

»Ich glaube, es wird sich sehr gut machen lassen.«

»Dann ist es natürlich eine ganz andere Sache; dagegen habe ich nichts einzuwenden«, sagte Manilow und beruhigte sich völlig.

»Es bleibt uns noch, den Preis auszumachen . . .«

»Wieso, den Preis?« sagte Manilow wieder und stockte. »Glauben Sie denn wirklich, daß ich Geld für die Seelen nehmen werde, die ihre Existenz gewissermaßen abgeschlossen haben? Wenn Ihnen schon so ein, ich möchte wohl sagen, phantastischer Wunsch gekommen ist, so werde ich sie Ihnen ohne jede Bezahlung überlassen und auch die Kosten des Kaufvertrags auf mich nehmen.«

Der Chronist der hier mitgeteilten Begebenheiten verdiente wohl einen scharfen Tadel, wenn er unerwähnt ließe, daß diese Worte Manilows den Gast mit größter Freude erfüllten. Wie gesetzt und solid er auch war, war er nahe dabei, einen richtigen Bocksprung zu machen, was man bekanntlich nur bei Ausbrüchen höchster Freude zu tun pflegt. Er drehte sich in seinem Sessel so heftig um, daß der Wollstoff, mit dem das Kissen bespannt war, platzte; Manilow selbst sah ihn mit einigem Erstaunen an. Vor Erkenntlichkeit überfließend, sagte ihm der Gast so viele Dankesworte, daß jener verlegen wurde, errötete, den Kopf verneinend schüttelte, und schließlich äußerte, daß es doch eine Bagatelle sei, daß er in der Tat nur den Wunsch gehabt habe, irgendwie seine herzliche Zuneigung, den Magnetismus der Seele zu zeigen; die toten Seelen seien aber gewissermaßen ein Dreck.

»Durchaus, kein Dreck«, sagte Tschitschikow und drückte ihm die Hand.

Und er stieß einen sehr tiefen Seufzer aus. Er schien zu herzlichen Ergüssen geneigt und sprach zuletzt nicht ohne Gefühl und Ausdruck folgende Worte: »Wenn Sie nur wüßten, welchen Dienst Sie mit diesem scheinbaren Dreck einem Menschen erwiesen haben, der weder einen Namen noch eine Heimstätte hat! Was habe ich nicht schon alles erdulden müssen? Wie irgendein Nachen inmitten stürmischer Wellen . . . Was für Verfolgungen, was für Nachstellungen habe ich nicht zu erdulden gehabt! Und wofür? Weil ich immer das Recht achtete, weil ich stets ein reines Gewissen hatte und meine Hand wie den hilflosen Witwen, so auch den elenden Waisen entgegenstreckte . . .!« Hierbei wischte er sich sogar eine Träne aus dem Auge.

Manilow war ganz gerührt. Die beiden Freunde drückten sich sehr lange die Hand und blickten einander in die Augen, in denen Tränen schimmerten. Manilow wollte die Hand unseres Helden nicht aus der seinigen lassen und fuhr fort, sie so fest und warm zu drücken, daß jener gar nicht wußte, wie sie zu befreien. Nachdem er sie endlich doch vorsichtig befreit hatte, sagte er, daß es gut wäre, wenn man den Kaufvertrag möglichst bald abschließen und wenn Manilow selbst zu diesem Zweck in die Stadt kommen wollte; dann griff er nach seinem Hut und begann sich zu verabschieden.

»Wie? Sie wollen schon fahren?« sagte Manilow, plötzlich zur Besinnung kommend und beinahe erschrocken.

In diesem Augenblick trat Frau Manilow ins Kabinett.

»Lisanjka,« sagte Manilow mit etwas unglücklicher Miene, »Pawel Iwanowitsch verläßt uns schon!«

»Weil Pawel Iwanowitsch unser überdrüssig ist«, entgegnete Frau Manilowa.

»Gnädigste! Hier,« sagte Tschitschikow, »sehen Sie, hier,« er drückte sich die Hand aufs Herz: »ja, hier verbleibt die Schönheit der Stunden, die ich mit Ihnen verlebt habe! Und glauben Sie mir: es gäbe für mich keine größere Seligkeit, als mit Ihnen zu wohnen, und wenn auch nicht im gleichen Hause, so doch wenigstens in der nächsten Nachbarschaft.«

»Wissen Sie, Pawel Iwanowitsch,« versetzte Manilow, dem dieser Gedanke gut gefiel: »wie gut wäre es in der Tat, so zusammen zu leben und unter dem gleichen Dache oder im Schatten irgendeiner Ulme zu philosophieren, sich in etwas zu vertiefen . . .«

»Oh, das wäre ein paradiesisches Leben!« sagte Tschitschikow mit einem Seufzer. »Leben Sie wohl, Gnädigste!« fuhr er fort, Frau Manilowa die Hand küssend. »Leben Sie wohl, verehrter Freund! Vergessen Sie meine Bitte nicht!«

»Oh, seien Sie überzeugt!« antwortete Manilow. »Ich trenne mich von Ihnen für höchstens zwei Tage.«

Alle traten ins Speisezimmer.

»Lebt wohl, ihr lieben Kleinen!« sagte Tschitschikow, als er Themistoklus und Alkides erblickte, die mit einem hölzernen Husaren ohne Nase und Arm spielten. »»Lebt wohl, ihr Kleinen. Verzeiht mir, daß ich euch kein Geschenk mitgebracht habe. Aber ich muß gestehen, ich wußte nicht einmal, daß ihr auf der Welt seid. Doch wenn ich wiederkomme, bringe ich euch bestimmt was mit. Dir bringe ich einen Säbel. Willst du einen Säbel?«

»Ja, ich will«, antwortete Themistoklus.

»Und du kriegst eine Trommel. Willst du eine Trommel?« fuhr Tschitschikow fort, sich über Alkides beugend.

»Dommel«, antwortete Alkides leise, mit gesenktem Kopf.

»Gut, ich bringe dir eine Trommel – eine schöne Trommel! Die macht: tra–ta–ta, tra–ta–ta . . . Leb wohl, Herzchen! Leb wohl!« Er küßte das Kind auf den Kopf und wandte sich mit einem leisen Lächeln zu Manilow und dessen Gattin, wie man sich immer an die Eltern wendet, wenn man ihnen die Harmlosigkeit der Wünsche ihrer Kinder zu verstehen geben will.

»Bleiben Sie doch wirklich da, Pawel Iwanowitsch!« sagte Manilow, als alle auf den Flur getreten waren. »Schauen Sie nur: diese Wolken.«

»Es sind ganz kleine Wölkchen«, entgegnete Tschitschikow.

»Kennen Sie überhaupt den Weg zu Ssobakewitsch?«

»Danach will ich mich eben erkundigen.«

»Gestatten Sie, das werde ich Ihrem Kutscher erklären.« Manilow setzte die Sache dem Kutscher mit der gleichen Freundlichkeit auseinander und sprach ihn sogar einmal mit »Sie« an.

Nachdem der Kutscher erfahren hatte, daß er an zwei Wegkreuzungen vorbeifahren und erst bei der dritten einbiegen müsse, sagte er: »Wir finden es schon, Euer Wohlgeboren«, und Tschitschikow fuhr davon, noch lange vom Nicken und Tücherschwenken der Gastgeber begleitet, die auf den Fußspitzen standen.

Manilow stand noch lange auf dem Flur und begleitete den sich entfernenden Wagen mit den Augen; und auch als dieser schon verschwunden war, stand er noch immer da und rauchte seine Pfeife. Schließlich ging er in sein Zimmer, setzte sich auf einen Stuhl und gab sich seinen Gedanken hin, tief erfreut, daß er dem Gast ein Vergnügen bereitet hatte. Dann gingen seine Gedanken auf andere Gegenstände über und brachten ihn schließlich Gott weiß wohin.

Er dachte an die Wonnen eines freundschaftlichen Zusammenlebens und wie gut es wäre, mit einem Freunde irgendwo am Ufer eines Flusses zu wohnen; dann wurde über diesen Fluß eine Brücke erbaut, dann ein Haus mit einem so hohen Aussichtsturme errichtet, daß von dort aus selbst Moskau zu sehen war; wie gut es wäre, dort oben unter freiem Himmel den Abendtee zu trinken und mit dem Freunde über irgendwelche angenehme Gegenstände zu sprechen; dann malte er sich aus, wie er und Tschitschikow in wunderbaren Equipagen in eine Gesellschaft gekommen sind, wo alle von ihren angenehmen Umgangsformen bezaubert werden, wie der Kaiser, nachdem er von ihrer so innigen Freundschaft erfahren, ihnen beiden den Generalsrang verliehen hat, und schließlich kamen seine Gedanken so durcheinander, daß er sich selbst nicht mehr zurechtfinden konnte. Die seltsame Bitte Tschitschikows unterbrach plötzlich alle seine Träume; diesen Gedanken konnte er unmöglich verdauen; wie lange er ihn auch in seinem Kopfe herumwälzte, er konnte ihn doch nicht fassen. Und so saß er bis zum Abendessen mit seiner Pfeife da.


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