Salomon Geßner
Idyllen
Salomon Geßner

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Tityrus. Menalkas.

Auf einem Hügel lag der Greis Menalkas, am mildern Sonnenstral, und sah durch die herbstliche Gegend hin, sanft staunend, als Tityrus, sein jüngster Sohn, unbemerkt schon lang an seiner Seite stund; voll sanften Entzükens seufzte der Greis, und der Sohn sah lang mit stiller Freude auf den Vater herunter; Vater, sprach er izt mit sanften Worten: Wie süß muß dein Entzüken seyn! Lange schon seh ichs, wie dein Blik die herbstliche Gegend durchwandelt, und höre dein Seufzen; Vater, gewähre mir izt eine Bitte.

Menalkas. Sage deine Bitte, mein Lieber! und seze dich an meine Seite, daß ich die Stirne dir küsse, und Tityrus sezte sich an seine Seite, und der Greis küßte zärtlich des Sohnes Stirne. Vater, so fuhr der Jüngling fort, mir erzehlte mein ältester Bruder; denn oft, wenn wir im Schatten bey der Herde sizen, dann reden wir von dir, und dann fliessen uns Thränen von den Augen, Freuden-Thränen. Er hat mir erzehlt, dich habe vordem die Gegend den besten Sänger genannt, und manche Ziege habest du im Wett-Gesang gewonnen. O wolltest du es versuchen, mir izt ein Lied zu singen, izt da die herbstliche Gegend dich entzükt; Gewähre mir Vater, gewähre mir diese Bitte.

Sanft lächelnd sprach izt Menalkas, ich will es versuchen, ob mich die Musen noch lieben, die so oft den Preis mir ersingen halfen, ich will ein Lied dir singen.

Izt durchlief sein Blik noch einmal die Gegend, und izt hub er an.

Höret mich Musen, höret mein heischeres Ruffen; im Frühling meiner Tage, habt ihr an rauschenden Bächen und in stillen Hainen nie unerhört mich gelassen; Laßt mir diß Lied gelingen, mir grauen Greisen!

Was für ein sanftes Entzüken fließt aus dir izt mir zu, herbstliche Gegend? Wie schmükt sich das sterbende Jahr! Gelb stehen die Sarbachen und die Weiden um die Teiche her, gelb stehn die Apfel- und die Birnen-Bäume, auf bunten Hügeln und auf der grünen Flur, vom feurigen Roth des Kirschbaums durchmischt. Der herbstliche Hain ist bunt, wie im Frühling die Wiese, wenn sie voll Blumen steht; Ein röthlichtes Gemisch zieht von dem Berg sich ins Thal, von immer grünen Tannen und Fichten geflekt. Schon rauschet gesunkenes Laub unter des Wandelnden Füssen, ernsthaft irren die Herden, auf welkem Blumen-losem Gras; nur steht die röthlichte Zeitlose da, der einsame Botte des Winters. Izt kommt die Ruhe des Winters, ihr Bäume, die ihr uns mild eure reifen Früchte gegeben, und kühlenden Schatten, dem Hirt und der Herde. O! so gehe keiner zur Ruhe des Grabes, er habe denn süsse Früchte getragen, und erquikenden Schatten über den Nothleidenden gestreut. Denn, Sohn, der Segen ruhet bey der Hütte des Redlichen und bey seiner Scheune. O Sohn! wer redlich ist, und auf die Götter traut, der wandelt nicht auf triegendem Sumpf. Wenn der Redliche opfert, dann steigt der Opfer-Rauch hoch zum Olymp, und die Götter hören segnend seinen Dank und sein Flehen. Ihm singet die Eule nicht banges Unglük, und die traurig krächzende Nacht-Rabe; er wohnet sicher und ruhig unter seinem friedlichen Dach, die freundlichen Haus-Götter sehen des Redlichen Geschäfte, und hören seine freundlichen Reden und segnen ihn. Zwar kommen trübe Tag' im Frühling, zwar kommen donnernde Wolken im Segen-vollen Sommer; Aber, Sohn, murre nicht, wenn Zeus unter deine Hand voll Tage, auch trübe Stunden mischt. Vergiß nicht meine Lehren, Sohn, ich gehe vor dir her zum Grabe. Schonet ihr Sturmwinde, schonet des herbstlichen Schmukes, laßt sanftere Winde spielend das sterbende Laub langsam den Bäumen rauben, so kann mich die bunte Gegend noch oft entzüken; vielleicht, wenn du wieder kömmst, schöner Herbst, vielleicht seh ich dich dann nicht mehr; welchem Baum entsinkt dann das sterbende Laub auf mein ruhiges Grab?

So sang der Greis, und Tityrus drükte weinend des Vaters Hand an seine Wangen.


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