Salomon Geßner
Idyllen
Salomon Geßner

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Daphnis. Chloe.

Das Abendroth kam, als Chloe mit ihrem Daphnis zu dem rieselnden Bach in das einsame Weiden-Gebüsche kamen; Hand in Hand gedrükt kamen sie ins Gebüsche; aber schon saß Alexis am rieselnden Bach, ein schöner Jüngling, aber noch nie war die Liebe in seinem Busen erwachet; Sey mir gegrüßt, du Liebe-leerer Jüngling, sprach Daphnis, vielleicht zwar hat izt ein Mädchen dein Herz enthärtet, da du so einsame Schatten suchest, denn die Liebenden suchen gerne einsame Schatten. Ich komme mit meiner Chloe her, wir wollen im stillen Busch das Glük unsrer Liebe singen. So sprach er, und drükte des Mädchens Hand an seine Brust. Wilt du zuhören, Alexis?

Alexis. Nein kein Mädchen hat mein Herz enthärtet. Ich kam hieher zu sehn, wie schön der Abend die Berge röthet, aber gerne will ich euern Gesang hören, es ist lieblich beym Abendroth einen schönen Gesang zu hören.

Daphnis. Komm Chloe, hier laß uns neben ihm ins Gras uns sezen, wir wollen ein Lied singen, meine Flöte soll deinen Gesang begleiten, Chloe, und du Alexis, du bist ein guter Flöten-Spieler, begleite du den meinen.

Ich will ihn begleiten, sprach Alexis, und izt sezten sie sich ins Gras am Bach, und Daphnis hub an.

Daphnis. Du stilles Thal und ihr belaubte Hügel, kein Hirt ist so glüklich wie ich, denn Chloe liebet mich! lieblich ist sie wie der frühe Morgen, wenn die Sonne sanft vom Berg heraufsteigt; dann, dann freut sich jede Blume, und die Vögel singen ihr entgegen, und hüpfen froh auf schlanken Ästen, daß der Thau vom Laube fällt.

Chloe. Froh ist die kleine Schwalbe, wenn sie vom Winter-Schlaf im Sumpf erwachet, und den schönen Frühling sieht; sie hüpft dann auf den Weidenbaum und singet ihr Entzüken, den Hügeln und dem Thal, und ruft, Gespielen, wachet auf! der Frühling ist izt da. Doch viel entzükter bin ich noch, denn Daphnis liebet mich, und ich ruf euch Gespielen zu, viel süsser ists als der kommende Frühling, wenn uns ein tugendhafter Jüngling liebt.

Daphnis. Schön ist es, wenn auf fernen Hügeln, die Herden in dunkeln Büschen irren; doch schöner ists, o Chloe! wenn ein frischer Blumen-Kranz dein dunkles Haar durchirrt; schön ist des heitern Himmels Blau, doch schöner ist dein blaues Auge, wenn es lächelnd mir winket. Ja liebe Chloe, mehr lieb ich dich als schnelle Fische den klaren Teich, mehr als die Lerche die Morgen-Luft.

Chloe. Da als ich im stillen Teich mich besah, ach! seufzt' ich, könnt ich dem Daphnis gefallen! dem besten Hirten. Indeß standst du ungesehn mir am Rüken und warfest Blumen über mein Haupt hin, daß mein Bild in hüpfenden Kreisen verschwand; Erschroken sah ich zurük, und sah dich, und seufzte, und da drüktest du mich an deine Brust. Ach! riefst du, die Götter sind Zeugen, ich liebe dich! ach! sprach ich, ich liebe dich, mehr als die Bienen die Blüthen, mehr als die Blumen den Morgenthau.

Daphnis. O Chloe, wenn du mit thränendem Auge, wenn du mit umschlingendem Arme mir sagst, Daphnis! ich liebe dich! Ach dann seh ich durch den Schatten der Bäume hinauf, in den glänzenden Himmel; ihr Götter! seufz ich dann, ach wie kann ich mein Glük euch danken, daß ihr Chloen mir schenkt? und dann sink ich an ihre Brust hin und weine, und dann küßt sie die Thränen mir vom Aug.

Chloe. Und dann küß ich die Thränen dir vom Aug, aber häufigere Thränen fliessen dann mir vom Aug und mischen sich zu deinen Thränen. Daphnis, seufz ich dann, ach Chloe! seufzest du, und die Echo seufzet uns nach. Die Herd erquikt das junge Frühlings-Gras; Der kühle Schatten erquikt, bey schwühler Mittags-Hiz; mich, Daphnis! mich erquiket nichts so sehr, als wenn dein holder Mund mir sagt, daß du mich liebst.

So sangen Daphnis und Chloe. Glükliche Kinder, so sprach Alexis und seufzt'; ach! izt fühl ichs, daß die Lieb' ein Glük ist, euer Gesang und eure Blike und euer Entzüken habens mir gesagt.


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