Salomon Geßner
Idyllen
Salomon Geßner

 << zurück weiter >> 

Milon.

O Du! die du lieblicher bist, als der thauende Morgen, du mit den grossen schwarzen Augen; schön wallt dein dunkles Haar unter dem Blumenkranz weg, und spielt mit den Winden. Lieblich ists, wenn deine rothen Lippen zum Lachen sich öfnen, lieblicher noch, wenn sie zum Singen sich öfnen. Ich habe dich behorcht, Chloe! o ich habe dich behorcht! da du an jenem Morgen beym Brunnen sangest, den die zwo Eichen beschatten; böse daß die Vögel nicht schwiegen, böse daß die Quelle rauschte hab ich dich behorcht. Izt hab ich neunzehn Ernden gesehen, und ich bin schön und braun von Gesicht; oft hab ichs bemerkt daß die Hirten aufhörten zu singen und horchten, wenn mein Gesang durchs Thal hintönte, und deinen Gesang würde keine Flöte besser begleiten als meine. O schöne Chloe, liebe mich! Siehe, wie lieblich es ist, auf diesem Hügel in meinem Felsen zu wohnen! sieh wie das kriechende Epheu ein grünes Nez anmuthig um den Felsen herwebt, und wie sein Haupt der Dornstrauch beschattet. Meine Höle ist bequem, und ihre Wände sind mit weichen Fellen behangen, und vor den Eingang hab' ich Kürbisse gepflanzet, sie kriechen hoch empor und werden zum dämmernden Dach; Sieh wie lieblich die Quell' aus meinem Felsen schäumt, und hell über die Wasserkresse hin durch hohes Gras und Blumen quillt! unten am Hügel sammelt er sich zur kleinen See, mit Schilf-Rohr und Weiden umkränzt, wo die Nymphen bey stillem Mondschein oft nach meiner Flöte tanzen; wenn die hüpfenden Faunen mit ihren CrotalenCrotalen, waren aufgespaltene Rohre, deren auf- und zuschlagen das Ton-Maaß des Gesanges und der andern Instrumente begleitete. mir nachklappern. Sieh wie auf dem Hügel die Haselstaude zu grünen Grotten sich wölbt, und wie die Brombeer-Staude mit schwarzer Frucht um mich her kriecht, und wie der Hambutten-Strauch die rothen Beeren empor trägt, und wie die Apfelbäume voll Früchte stehn, von der kriechenden Reb' umschlungen. O Chloe! diß alles ist mein! wer wünschet sich mehr? Aber ach! wenn du mich nicht liebest, dann umhüllt ein dichter Nebel die ganze Gegend. O Chloe, liebe mich! Hier wollen wir dann ins weiche Gras uns lagern, wenn Ziegen an der felsichten Seite klettern, und die Schafe und die Rinder um uns her im hohen Grase watten; dann wollen wir über das weit ausgebreitete Thal hinsehn, ins glänzende Meer, wo die Tritonen hüpfen und wo Phöbus von seinem Wagen steigt, und singen, daß es weit umher in den Felsen wiedertönt, daß Nymphen still stehn und horchen, und die Ziegenfüssigten Wald-Götter.

So sang Milon der Hirt auf dem Felsen, als Chloe in dem Gebüsch ihn behorchte; lächelnd trat sie hervor, und faßte dem Hirten die Hand; Milon, du Hirt auf dem Felsen, so sprach sie, ich liebe dich mehr als die Schafe den Klee, mehr als die Vögel den Gesang; führe mich in deine Höle; süsser ist mir dein Kuß als Honig, so lieblich rauscht mir nicht der Bach.


 << zurück weiter >>