Salomon Geßner
Idyllen
Salomon Geßner

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Damon. Daphne.

Damon. Es ist vorübergegangen, Daphne! das schwarze Gewitter, die schrökende Stimme des Donners schweigt; Zittre nicht, Daphne! die Blize schlängeln sich nicht mehr durchs schwarze Gewölk; laß uns die Höle verlassen; die Schafe, die sich ängstlich unter diesem Laubdach gesammelt, schütteln den Regen von der triefenden Wolle, und zerstreuen sich wieder auf der erfrischeten Weide; Laß uns hervorgehn, und sehn, wie schön die Gegend im Sonnenschein glänzt.

Izt traten sie Hand in Hand aus der schüzenden Grotte hervor; Wie herrlich! rief Daphne, dem Hirt die Hand drükend, wie herrlich glänzt die Gegend! Wie hell schimmert das Blau des Himmels durch das zerrißne Gewölk! Sie fliehen, die Wolken; wie sie ihren Schatten in der Sonnebeglänzten Gegend zerstreun! sieh Damon, dort liegt der Hügel mit seinen Hütten und Herden im Schatten, izt flieht der Schatten und läßt ihn im Sonnen-Glanz; sieh wie er durchs Thal hin über die blumichten Wiesen lauft.

Wie schimmert dort, Daphne! rief Damon, wie schimmert dort der Bogen der Iris von einem glänzenden Hügel zum andern ausgespannt; am Rüken das graue Gewölk verkündigt die freundliche Göttin von ihrem Bogen der Gegend die Ruhe, und lächelt durchs unbeschädigte Thal hin.

Daphne antwortete, mit zartem Arm ihn umschlingend, sieh die Zephir kommen zurük, und spielen froher mit den Blumen, die verjüngt mit den hellblizenden Regen-Tropfen prangen, und die bunten Schmetterlinge und die beflügelten Würmchens fliegen wieder froher im Sonnenschein, und der nahe Teich – – wie die genezten Büsche und die Weiden zitternd um ihn her glänzen! sieh er empfängt wieder ruhig das Bild des hellen Himmels und der Bäume umher.

Damon. Umarme mich Daphne, umarme mich! O was für Freude durchströmt mich! wie herrlich ist alles um uns her! Welche unerschöpfliche Quelle von Entzüken! Von der belebenden Sonne bis zur kleinesten Pflanze sind alles Wunder! O wie reißt das Entzüken mich hin! wenn ich vom hohen Hügel die weitausgebreitete Gegend übersehe, oder, wenn ich ins Gras hingestrekt, die manigfaltigen Blumen und Kräuter betrachte und ihre kleine Bewohner; oder wenn ich in nächtlichen Stunden, bey gestirntem Himmel, den Wechsel der Jahrszeiten, oder den Wachsthum der unzählbaren Gewächse – – wenn ich die Wunder betrachte, dann schwellt mir die Brust, Gedanken drengen sich dann auf; ich kan sie nicht entwikeln, dann wein' ich und sinke hin und stammle mein Erstaunen dem der die Erde schuf! O Daphne, nichts gleicht dem Entzüken, es sey denn das Entzüken von dir geliebt zu seyn.

Daphne. Ach Damon! auch mich, auch mich entzüken die Wunder! O laß uns in zärtlicher Umarmung den kommenden Morgen, den Glanz des Abendrohts und den sanften Schimmer des Mondes, laß uns die Wunder betrachten, und an die bebende Brust uns drüken, und unser Erstaunen stammeln; O welch unaussprechliche Freude! wenn diß Entzüken zu dem Entzüken der zärtlichsten Liebe sich mischt.


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