Salomon Geßner
Idyllen
Salomon Geßner

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Die Erfindung des Saitenspiels und des Gesanges.

In der ersten Jugend der Tage, da die wenigen Bedürfniße der Unschuld und die Natur unter den noch unverdorbenen Menschen die jungen Künste erzeugten, da lebt' ein Mädchen: In denselben Tagen war keines so schön, keines war so zärtlich gebildet, die Schönheiten der Natur zu empfinden; Freuden-Thränen begrüßten das Morgenroth und die schöne Gegend, und Entzüken das Abendroth und den Schimmer des Monds. Damals war der Gesang noch ein Regel-loses Jauchzen der Freude. So bald der frühe Hahn von der Hütte rief, daß der Morgen da sey; denn da hatten sie sich zur Freude schon gesellige Thiere mit Speise vor die Hütte gewöhnet; dann gieng sie unter ihrem schüzenden Dach hervor, ein Dach von Schilf und Tann-Ästen, an den Stämmen nahe stehender Bäume befestigt, da wohnte sie im Schatten, und über ihr, in den dicht-belaubten Ästen, die singenden Vögel. Sie gieng dann hinaus, die Gegend zu sehn, wie sie im Thau glänzt, und den Gesang der Vögel im nahen Hain zu behorchen. Entzükt saß sie dann da und horchte, und suchte ihren Gesang nachzulallen. Harmonischere Töne flossen izt von ihren Lippen, harmonischer, als noch kein Mädchen gesungen hatte; was ihre liebliche Stimme von eines jeden Gesang nachahmen konnte, ordnete sie verschieden zusammen. Ihr kleinen frohen Sänger, so sprach sie mit singenden Worten, wie lieblich tönt euer Lied, von hoher Bäume Wipfeln und aus dem niedern Strauch! Könnt ich dem glänzenden Morgen so lieblich wechselnde Tön' entgegen singen! O lehrt mich die wechselnden Töne, dann sing' ich mein sanftes Entzüken, mit euch, dem frühen Sonnen-Stral. So sang sie, und unvermerkt schmiegten ihre Worte sich harmonisch in süßtönendem Maaß nach ihrem Gesang; voll Entzüken bemerkte sie die neue Harmonie gemessener Worte. Wie glänzt der Gesang-volle Hain! so fuhr sie erstaunt fort, wie glänzt die Gegend umher im Thau! Wo bist du, der diß alles schuf? Wie bin ich entzükt! izt kann ich mit lieblichern Tönen dich loben, als meine Gespielen. So sang sie, und die Gegend behorchte entzükt die neue Harmonie, und die Vögel des Haines schwiegen und horchten.

Alle Morgen gieng sie izt, die neue Kunst zu üben, in den Hain; aber ein Jüngling hatte sie lange schon in dem Hain behorcht; entzükt stund er dann im dekenden Busch und seufzte und gieng tiefer in den Hain und sucht' ihr Lied nachzuahmen. Einsmals saß er staunend unter seinem Schilfdach, auf seinen Bogen gelehnt, denn er hatte die Kunst den Bogen zu führen erfunden, um die Raubvögel zu tödten, die seine Dauben ihm raubten, denen er auf dem nahen Stamm ein Haus von schlanken Weiden-Ästen geflochten hatte. Was ist das, so sprach er, das aus meinem Busen herauf seufzt, das so bang in meinem Herzen sizt? Zwar wechselt es ab, mit Entzüken und mit Freuden-Thränen, wenn ich das Mädchen im Hain sehe, und seinen Gesang höre, aber wenn sie weg ist, o dann, dann sizt Schwermuth in meinem Busen! Ach! was ist es, das aus meinem Busen herauf seufzt? Indeß spielte seine Hand mit der angespanneten Saite des Bogens, und ein lieblicher Ton gieng von der Saite, und der Jüngling horchte und wiederholt' erstaunt den Ton. Dann staunt er, und dacht' eine neue Erfindung zu entwikeln tief nach, und dann spielt' er wieder mit der angespanneten Saite des Bogens, von den Gedärmen der Raubvögel geflochten. Aber izt sprang er auf, und fieng an Stäbe zu schneiden, zween lange Stäbe und zween kürzere, und die zween kürzern befestigt' er unten und oben gegen die zween längern Stäbe, und spannte zwischen den zween längern, Saiten an die kürzern fest; izt hub seine Hand an zu spielen, und da bemerkt' er die liebliche Verschiedenheit der Töne, der schwächern und stärkern Saiten, dann band er sie wieder los und ordnete verschiednere Saiten, in eine harmonischere Reihe, und izt hub er an zu spielen und für Freude zu hüpfen.

Izt gieng der Jüngling, so oft der Morgen kam, die neue Kunst zu üben in den dichten Hain, und suchte zu den Liedern, die er von dem Mädchen im Hain gehorchet hatte, harmonisch begleitende Töne auf seinen Saiten. Aber man sagt, er habe lang umsonst gesucht, und viele Töne haben den Gesang nicht begleiten wollen, aber ein Gott sey im Hain ihm erschienen, und habe die Saiten der Leyer harmonisch geordnet und seine Lieder ihm vorgespielt. Bey jedem Morgenroth sucht' er izt das Mädchen im Hain, und lernte neue Lieder und gieng dann an die Quelle zurük, auf seiner Leyer sie nachzuspielen.

An einem schönen Morgen saß das Mädchen im Hain, mit Blumen bekränzt saß es da und sang; Sey gegrüßt liebliche Sonne hinter dem Berg hervor, schon beglänzen deine Stralen der Bäume Wipfel auf den hohen Hügeln, und der frohen Lerche hoch schwebendes Gefieder. Dir singen die Vögel des Hains entgegen, und – – Izt schwieg sie, und sah aufmerksam umher, welche liebliche Stimme mischet sich in meinen Gesang? So rief sie erstaunt, sie begleitet jeden Ton meines Gesanges! Wo bist du? – – Warum schweigest du Lied? Singe, liebliche Stimme! Bist du ein gefiederter Bewohner dieses Hains, o so schwinge die Flügel hieher auf diesen Fichtenbaum, daß ich dich sehe und deinen Gesang höre! so sprach sie, und sah weit in den Wipfeln umher; Bist du schüchtern weggeflogen? Oder – – diese Stimme hab ich noch nie im Hain gehört, wenn ich mich betrogen hätte? Mich täuscht doch kein Traum? Ich will noch ein Lied singen. Seyd willkommen, liebliche Blümchens umher; gestern waret ihr Knospen, izt stehet ihr offen da; euch grüssen die lieblichen Morgenlüfte, und die summenden Bienchen, und der bunte Schmetterling, er flattert froh um euch her, und trinket euern Thau? So sang sie, oft unterbrochen, rund umherspähend, denn die Stimme hatte den Gesang wieder begleitet.

Izt stund sie schüchtern auf; nein, ich habe mich nicht betrogen, jeden Ton hat die Stimme begleitet. So sprach sie, als der Jüngling aus dem Gebüsche hervor trat, mit Blumen bekränzt, die Leyer unter dem Arm. Lächelnd nahm er des schüchtern Mädchens Hand; O du schönes Mädchen! sprach sein sanftlächelnder Mund mit lieblicher Stimme, kein beflügelter Bewohner des Hains hat deinen Gesang nachgesungen; Ich war es, der deinen Gesang mit diesen Saiten begleitete. Alle Morgen gieng ich in den Hain, deinen Gesang zu hören, und dann gieng ich einsam tief in den Hain, die Lieder auf den Saiten zu singen, und glaube Mädchen, mich hats ein Gott im Hain gelehrt. Der flüchtige Blik des Mädchens streifte oft schüchtern über den Jüngling hin und ruhete dann auf den Saiten. O schönes Mädchen! fuhr der Jüngling fort, indem sein Auge schmachtend sie anblikte, wie wär ich entzükt, wenn du mir vergönntest, mit dir in den Hain zu gehn, an deiner Seite sizend, deinen Gesang mit diesen Saiten zu folgen! Izt sah das Mädchen auf. Jüngling, so sprach es, froh bin ich, wenn dein Saitenspiel meine Lieder begleitet; lieblicher wird es seyn als der Widerhall, und izt komm mit mir unter mein schattichtes Dach, denn die Mittags-Sonne brennet schon, ich will in meinem düsternen Schatten süsse Früchte zum Mittagmahl dir auftischen, und frische süsse Milch.

Izt gieng der Jüngling mit dem Mädchen unter das Dach, und sie lehrten die Jünglinge und die Mädchens den Gesang und das Saitenspiel. Erst lange hernach ward es von der Flöte begleitet, denn Marsyas brachte die Flöte unter die Waldgötter, die die Erfinderin Minerva im gerechten Zorn über den Spott der Göttinen in den Sand warf.Minerva war die Erfinderin der Flöte. Einmal blies sie selbige vor den Göttinnen, aber sie lachten und spotteten, daß sie im Spielen den Mund so übel verzöge. Welche Schöne hätte den Schimpf nicht empfunden? Sie warf zornig die Flöte weg. Man pflanzte da zween Bäume auf einem hohen Hügel, dem Mädchen und dem Jüngling, und die späten Enkel erzehlten den Kindern in ihrem Schatten die Erfindung des Saitenspiels und des Gesanges.


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