Salomon Geßner
Idyllen
Salomon Geßner

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Als ich Daphnen auf dem Spaziergang erwartete.

Sie kömmt noch nicht, die schöne Daphne! hier will ich ins Gras mich hinlegen und sie erwarten, hier an der Quelle. Indeß will ich die Gegend umher betrachten, und mein Verlangen täuschen. Du hoher schwarzer Tannen-Hain, der du die Pfeil-geraden röthlichen Stämme dicht und hoch durch deinen dunkeln Schatten empor hebst, hohe schlanke Eichen, und du Fluß, der du mit majestätischem Silberglanz hinter jenen grauen Bergen hervor rauschest, nicht euch will ich izt sehen, izt sey das Gras um mich her meine Gegend. Wie sanft rieselst du vorüber, kleine Quelle, durch die Wasser-Kressen, und durch die Bachbungen, die ihre blauen Blumen empor tragen; du schwingest kleine funkelnde Ringe um ihre Stämme her und machest sie wanken; von beyden Ufern steht das fette Gras mit Blumen vermischt, sie biegen sich herüber, und dein klares Wasser fließt durch ihr buntes Gewölb und glänzet im vielfärbichten Wiederschein. Ich will izt durch den kleinen Hain des wankenden Grases hinsehn; wie glänzet das manigfaltige Grün, von der Sonne beschienen! sie streuen schwebende Schatten eins auf das andere hin; schlanke Kräuter durchirren das Gras mit zarten Ästen und manigfaltigem Laub, oder sie steigen darüber empor, und tragen wankende Blumen. Aber du blaue Viole, du Bild des Weisen, du stehst bescheiden niedrig im Gras, und streust Gerüche umher, indeß daß Geruchlose Blumen hoch über das Gras empor stehn, und pralerisch winken. Fliegende Würmchens verfolgen sich unten im Gras, bald verliert sie mein Aug im grünen Schatten, dann schwärmen sie wieder im Sonnenschein, oder sie fliegen zu Scharen empor und tanzen höher in der glänzenden Luft.

Welch eine bunte Blume wieget sich dort an der Quelle? So schön und glänzend von Farbe – – doch nein! angenehmer Betrug! ein Schmetterling flieget empor, und läßt das wankende Gräschen zurük. Izt rauscht ein Würmchen, schwarz beharnischt auf glänzend rothen Flügeln vorbey, und sezt sich, zu seinem Gatten vielleicht, auf die nahe Gloken-Blume. Rausche sanft, du rieselnde Quelle, erschüttert nicht die Blumen und das Gras ihr Zephirs! Trieg ich mich? oder hör ich den zartesten Gesang? Ja sie singen, aber unser Ohr ist zu stumpf, das feine Concert zu vernehmen, so wie unser Auge, die zarten Züge der Bildung zu sehn. Was für ein liebliches Sumsen schwärmt um mich her? Warum wanken die Blumen so? Ein Schwarm kleiner Bienen ists; sie flogen frölich aus, aus ihrer fernen Wohnstadt, und zerstreuten sich auf den Fluren und in den fernen Gärten; aufmerksam wählend sammeln sie die gelbe Beute, und kehren zurük ihren Staat zu mehren, jede mit dem gleichen Bestreben, da ist kein müssiger Bürger; sie schwärmen umher, von Blume zu Blume, und verbergen nachsuchend die kleinen haarichten Häupter in den Kelchen der Blumen, oder sie graben sich mühsam hinein, in die noch nicht offenen Blumen, die Blume schliesset sich wieder, und verbirgt den kleinen Räuber, der die Schäze ihr raubt, die sie vielleicht erst Morgen, der kommenden Sonne und dem glänzenden Thau entfaltet hätte.

Dort auf die hohe Klee-Blume sezt sich ein kleiner Schmetterling, er schwingt seine bunten Flügel; auf ihrem glänzenden Silber stehn kleine purpurne Fleken, und ein goldner Saum verliert sich am End der Flügel ins Grüne; Da sizt er prächtig und puzt den kleinen Busch der silbernen Federn auf seinem kleinen Haupt. Schöner Schmetterling! biege die Blume zum Bach hin, und sieh da deine schöne Gestalt; dann gleichst du der schönen Belinde, die beym Spiegel vergißt, daß sie mehr als Schmetterling seyn sollte; ihr Kleid ist nicht so schön wie deine Flügel, aber Gedanken-los ist sie wie du.

Was vor ein wildes Spiel hebt ihr izt an, kleine Zephirs? Sich haschend wälzen sie sich durch das Gras hin, wie ein sanfter Wind auf einem Teich, Wellen vor sich her jagt, so durchwühlen sie das rauschende Gras, die kleinen bunten Bewohner fliegen empor und sehen in die Verwüstung hinunter, izt ruhen sie wieder die Zephirs, und das Gras und die Blumen winken sie freundlich zurük.

Aber, o! könnt ich mich izt verbergen! Bedeket mich ihr Blumen! Dort geht der junge Hyacinthus vorüber, im schönen goldnen Kleid; er eilt durchs verächtliche Gras, neben der Natur hin, und pfeift; sie mag ihn anlächeln, für ihn ist das eine zu alte Schöne; er eilt zu Fräulein Henrietten, wo die schöne Welt beym Spiel-Tisch sich sammelt; da wird sein Kleid Augen von feinerm Geschmak besser entzüken, als ein glühendes Abendroth. Wie wird er lachen, wenn er mich sieht, fern von der feinen Welt bey den Würmern im Gras kriechen! Aber verzeihen sie, Hyacintus, wenn ich so tumm bin, ihrem schönen Gang und dem Glanz ihres Kleides nicht nachzusehn, denn hier an diesem Gräschen läuft ein Würmchen empor, seine Flügel sind grünlichtes Gold, und wechseln prächtig die hellen Farben des Regenbogens. Verzeihen sie Hyacintus, verzeihen sie der Natur, die einem Wurm ein schöner Kleid gab, als keine Kunst ihnen liefern kan, ihnen der doch so ausnehmenden Wiz hat, Gewissen und Religion dem tummen Pöbel zu überlassen.

Aber izt kömmt sie, die schöne Daphne! ich eil izt an ihre Seite, ihr Blumen, und ihr, ihr kleinen Bewohner; aber noch oft sollt ihr mir das sanfte Entzüken gewähren, das Entzüken, auch in der kleinsten Verzierung der Natur die Harmonie mit der Schönheit und dem Nuzen ins Unendliche hin in unauflöslicher Umarmung zusehn. Sie kömmt, sie ist schon nahe, die schöne Daphne; wie ihr leichtes grünes Gewand flattert! Wie lächelt ihr Mund, wie schön ist ihr Aug! Aber sie würden für mich nicht schön seyn, verriethen sie nicht die schöndenkende Seele und das edelste Herz.


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