Salomon Geßner
Idyllen
Salomon Geßner

 << zurück weiter >> 

Der Faun.

Nein, für mich kein froher Tag! so rief der Faun, als er beym Morgenroth aus seinem Felsen taumelte. Seit mir die schönste Nymph' entfloh, haß' ich den Schein der Sonne; bis ich sie wieder finde, soll kein Epheu-Kranz um meine Hörner sich winden, soll keine Blume rings um meine Höle stehn; mein Fuß soll sie, noch ehe sie blühen, zertretten, und meine Flöte soll – – und diesen Krug soll er zertretten.

Izt zertrat sein Fuß, da kam ein andrer Faun, er hub den schweren Schlauch von seiner Schulter; Du rasest du, rief er, und lachte; heut, an dem frohen Tag, Lyeens Fest! Schnell wind' einen Epheu-Kranz um deine Hörner, und komme zu dem Fest, dem besten Tag im Jahr!

Nein für mich kein froher Tag, so sprach der Faun, ich schwöre! bis ich sie finde, soll kein Epheu-Kranz um meine Hörner sich winden. O! schwarze Stunde, da mir die Nymph entflohe! sie flohe bis an den Fluß, der ihren Lauf izt hemmte; unentschlossen stund sie da, ich bebte schon vor Freude, schon glaubt' ich das sträubende Mädchen mit starken Armen zu umfassen, als die Tritonen, o die verfluchten Räuber! sich aus dem Fluß erhoben, und die Nymph um ihre Hüften faßten, und dann, in die Hörner blasend, schnell mit ihr an das andere Ufer schwammen. Ich schwöre beym Stix! bis ich sie wieder finde, soll kein Kranz von Epheu um meine Hörner sich winden.

Und eine spröde Nymphe macht dir, so sagt der andre Faun, o ich muß lachen! und eine spröde Nymphe macht dir so trübe Tage! Mir, Faun, mir soll die Liebe nicht eine trübe Stunde machen, nein, keine trübe Stunde! versagt mir diese den Kuß, dann hüpf' ich zu der andern hin; ich schwör es dir, Faun! meine Lippen sollen keine Nymphe mehr küssen, wenn mich eine nur eine Stunde in ihren Armen behält, heut an dem frohen Fest; ich will sie alle lieben, alle will ich küssen. Kränke dich nicht, Faun! du bist noch jung und schön; schön ist dein braunes Gesicht, und wild dein grosses schwarzes Aug, und dein Haar kräußt sich schön um die krummen Hörner her; sie stehn aus den Loken empor, wie zwo Eichen aus dem wildesten Busch. Laß dich kränzen Faun, hier ist das schönste Schoß, laß dich kränzen! Ich höre schon fernher ein wildes Geräusche von Tyrsus-Stäben und Trommeln und Flöten, büke dich her, das Geschrey kommt schon nahe; schon kommen sie hinter dem Hügel hervor; laß dich kränzen! Wie stolz die Tiger den Wagen ziehn! o Lyeus! sieh die Faunen, die Nymphen, wie sie hüpfen! welch ein Getöse von Tyrsus-Stäben und Klapper-Schaalen und Flöten! O Evan Evoe! du bist bekränzt, schnell hebe den Schlauch mir auf die Schulter; o Evan Evoe!


 << zurück weiter >>