Friedrich Gerstäcker
Das alte Haus
Friedrich Gerstäcker

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Kapitel 5.

Die Geschichte des »todten Famulus.«

»Draußen im Walde wohnen die Träume – kleine, winzige, luftige Dinger, in Felsenspalten und Bergesschlucht, in hohlen Bäumen und einsamen Klüften, wie der Adler seinen Horst sucht, still und allein – aber Nachts kommen sie hervor. In Schaaren und Schwärmen, die der blöde Wanderer gewöhnlich für Schwaden und Nebel hält, verlassen sie Berg und Wald und suchen Schlafende. Mit deren Geist plaudern sie dann und führen ihn mit sich fort in Gedankenschnelle – weit über die Welt hinaus, bis er eben so wie sie zum Traum einst wird. Husch sind sie hier – husch sind sie da, und was für Schätze breiten sie da dem staunenden Blicke nicht aus in Gold und Demanten, köstlichen Speisen und Gewändern, was das Herz wünschen könnte und begehren! Und Zauberstäbe haben sie, Zauberkäppchen, Tischchen decke dich und Scepter und Kronen; Flügel für den, der durch die Lüfte zu ziehen wünscht, Flossen für den Schwimmer, und weit auf werfen sie die Pforten ihrer Berge, die Eingänge zu Muschelsaal und Demantenwald, dem neugierigen Schwärmer ein herzliches Willkommen entgegen rufend. Nur mitnehmen darf er nichts, wenn er sie verläßt. Ob er's geschenkt bekommen oder selbst genommen, unter den Händen schwindet's ihm wieder fort in Luft und Hauch. Die Flügel versagen ihm den Dienst, das Wasser speit ihn aus, der Berg drängt ihn zurück, und die Erinnerung nur bleibt dem Geiste mit ihren bunten schillernden Farben – gerade wie das Bild, das der Sonnenstrahl auf glatte Fläche wirft und auf ihr hält – anscheinend fest und deutlich, und doch nur wie ein Duft darüber hingehaucht.«

»Der Geist des Menschen ist frei, und kann streifen und schweifen, wohin er will, wachend oder schlafend. Nicht an die Materie gebunden, sattelt er sich sein zauberschnelles Roß, den Gedanken, und fliegt damit weit über Berg und Thal, über Land und Meer. Geist und Traum sind deßhalb auch wackere, tüchtige Spielgefährten – nicht so die Seele.«

»Die sitzt daheim, an den Körper gebunden, und sorgt und sinnt und grübelt und rechnet, und sehnt sich hinaus in's Freie dabei – in die Luft zu fliegen mit dem Aar, in die Tiefe des Meeres zu tauchen – wie es der Geist kann, der wilde, unruhige Gesell. Umsonst – das Band, das sie an den Körper fesselt, ist wohl zerreißbar, kann aber dann nicht wieder geknüpft werden mit Menschenhänden, und aus ihrer Hülle vorzeitig gerissen, müßte sie durch das Nichts schweifen in Ewigkeit – durch das öde, entsetzliche Nichts . . . .«

Er hielt schaudernd einen Augenblick inne und griff, fast wie unwillkürlich, nach dem Instrumente, ließ es aber neben sich liegen und fuhr nach kleiner Pause, wieder vollkommen ruhig, fort:

»Draußen im Berge wächst eine Kraft – die Menschen nennen sie Gift – die ist im Stande, die Seele von dem Körper zu trennen, und keine menschliche Kunst wäre im Stande, sie zurück zu führen. In der Tag- und Nachtgleiche aber, wenn die Sonne gerade über dem Aequator steht, schießt hier und da über Nacht in einzelnen Felsspalten ein dünner blutrother Halm auf und welkt und verdorrt, wenn nicht gepflückt, wie ihn der erste Sonnenstrahl bescheint. Die Träume, rastlose Burschen, die herüber und hinüber streifen und alle Winkel und Ecken kennen, wissen die Plätze wohl, und wem sie gut sind, dem zeigen sie geheime Kraft und führen den Geist, der mit ihnen um ihre Spielplätze kreist, zu den geweihten Stellen.«

»In irgend einer Stadt Deutschlands – der Name, und ob sie uns nah oder fern liegt, thut nichts zur Sache, denn lange Jahre sind seitdem entschwunden – lebte einst ein junger Bursche so froh, so glücklich in den sonnigen Tag hinein, so überselig in dem Genusse alles dessen, was diese Erde uns armen Sterblichen zu bieten im Stande ist, daß er – natürlich zuletzt übermüthig wurde und mehr verlangte. Die Träume waren dabei seine besten Freunde, und wenn er am Tage des Glückes Horn erschöpft und sich am Abend auf sein Lager warf, freute er sich schon im Voraus auf die wilde Bahn, die er mit ihnen weit hinaus in's Freie ziehen konnte – und er blieb keine Nacht daheim.«

»Aber das waren und blieben doch immer nur Träume, und die genügten ihm zuletzt nicht mehr. Er wollte und verlangte Wirklichkeit und härmte und quälte sich ab, wurde traurig und niedergeschlagen, und sein alter Vater grämte sich nicht allein darüber, sondern er selber versündigte sich auch dadurch an Gott. Die Träume aber, selber seelenlose Geschöpfe, wurden des mürrischen, kopfhängerischen Spielgefährten müde und sannen auf Mittel, ihn zu zerstreuen. Seiner Seele Drang konnte ihnen auch nicht auf die Länge der Zeit Geheimniß bleiben; wie sie ihn deßhalb erst getrieben, sich von der lästigen Bürde zu befreien, zeigten sie ihm zuletzt die Stelle, wo der rothe Halm keimte, zur rechten Stunde. Noch schrak er zurück vor dem entscheidenden Schritte, aber in der nächsten Tag- und Nachtgleiche suchte er doch und fand den Schatz, der ihn zum Herrn machte über Raum und Zeit – weil er die Bande jetzt lösen und knüpfen konnte, die ihn an das Irdische fesselten, und – er pflückte den Halm.«

»Von dem Augenblick an,« fuhr der Famulus fort, und strich sich mit der langen bleichen Hand über die heiße Stirn, »war der sonst so lebensfrohe glückliche Mann ein anderer Mensch geworden. Die wundervolle Welt um ihn her existirte nicht mehr für ihn – nicht des Himmels Blau, nicht der Erde Pracht, selbst seinen Träumen wurde er fremd, und Nächte lang saß er auf in dumpfem Brüten, in Unentschlossenheit, den Schritt zu thun, zu dem es ihn gezogen und gedrängt, und der ihn jetzt in eine neue – gefürchtete Welt einführen sollte, ihn, den fremden Eindringling.«

Der Famulus barg Stirn und Augen in beiden Händen und blieb eine ganze Zeit lang schweigend sitzen. Marie wurde aber darüber ganz bestürzt, denn wie sie sich bis jetzt in das Märchen hineingedacht, sah sie den sonst so stillen, ruhigen Mann jetzt so gewaltig bewegt, als ob er von sich selbst das Furchtbarste erzähle. Und konnte diese Abscheidung der Seele von dem Körper nach Willkür des Menschen denn überhaupt Wahrheit sein? – Der Famulus phantasirte jedenfalls.

»Es ist doch ein eigenthümliches Gefühl,« fuhr dieser da plötzlich wieder fort, indem er in seine frühere Stellung zurückfiel und nur einen scheuen, flüchtigen Blick aus dem Fenster warf, »es ist doch ein eigenthümliches Gefühl – neben sich selber zu stehen und den eigenen Körper zu sehen, der bleich, kalt, todt – eine Leiche – vor uns liegt. Noch wunderlicher aber ist dann das Bewußtsein unser selbst – ein Nichts und doch bewußt, ein Hauch, und bewegungs-, lebensfähig.«

»Wie der schüchterne Schatten, der sich ängstlich hinter den Körpern birgt und dem Lichte, wo es ihn treffen könnte, scheu entweicht, zittert das neue Selbst vor dem fremden All, das es umgiebt, und wagt nicht die alte Wohnung zu verlassen. So zögert und zaudert es, kehrt zurück und zwingt auf's Neue sich zu dem Entschlusse, bis es den letzten Zweifel, die letzte Furcht, von sich geworfen und nun plötzlich in jubelnder, jauchzender Lust frei – frei und ungehindert hinausschweift in die unendlichen Räume in nie geahnter, unbegriffener Seligkeit, durch ein ganzes Meer von Licht und Leben,«

»Doch es ist nicht möglich, das zu beschreiben. Worte fehlen da, wo die Seele selbst das unermeßliche Glück nicht fassen konnte und schwindelnd zurückkehrte in den alten Bau, der ihr von da an morsch schien und lebensmatt.«

»Es ist aber bei allem dem eine gefährliche Geschichte,« setzte er plötzlich mit ganz veränderter, trockener Stimme hinzu, »eine ganz gefährliche Geschichte, auf solche Wanderungen zu gehen und lange auszubleiben. Die Menschen, ungeduldige Wesen, die es sind, nehmen keine Rücksicht auf derlei Ferien und machen sich manchmal den Spaß und begraben den Körper indessen, wenn sie ihn finden – und das ist fatal. Hiernach erklären sich auch die Fälle des dann und wann vorkommenden ›Lebendigbegrabenwerdens‹, was aber ein ganz falscher Ausdruck ist. Der Körper ist in der Zeit, in der er begraben wird, keineswegs mehr lebendig, sondern wirklich nach allen Regeln und Gesetzen todt, nur die noch nicht abgerufene Seele hat sich absentirt und steckt irgend wo, wohin sie nicht gehört, und wenn sie dann zurückkehrt – zu spät . . . .«

Wieder hielt der wunderliche Erzähler inne und stützte, während sein ganzer Körper zitterte, das Gesicht in die Hände.

»Aber, Herr Schwiebus,« sagte da schüchtern Marie, »Sie erzählen ja das Alles, als ob es einem Menschen wirklich begegnen könne, als ob es Ihnen begegnet sei. Das ist auch ein unheimlich schauerlicher Text zu einem Märchen, und Sie hatten uns doch eigentlich etwas Lustiges versprochen, worüber wir lachen könnten.«

»Lachen?« sagte der Famulus, und aus den plötzlich wieder in tausend und tausend Falten gelegten Zügen blitzte der alte tolle Humor des Mannes vor. »Lachen? Sie hätten einmal hören sollen, wie der Doctor Hetzelhofer damals über die Geschichte gelacht hat. Er wollte sich gar nicht wieder zufrieden geben, und die Thränen liefen ihm ordentlich über die Backen nieder – aber es war auch spaßhaft.«

»Schwiebus hat eine wunderbare Phantasie, liebe Marie,« sagte Helene, Mariens Hand ergreifend und nach dem sonderbaren Manne hinüberlächelnd. »Mitten im einfachen Erzählen geht die manchmal mit ihm durch in voller Flucht. Kehrt er dann zu der vorher begonnenen Erzählung wieder mit ruhiger, nüchterner Stimme zurück, so ist es Einem fast, als ob man das ganze tolle Zwischenspiel gerade nur geträumt hätte und jetzt wieder mit ihm selber aufgewacht sei zu wirklichem Leben.«

Marien aber tanzten die heraufbeschworenen Bilder vor der eigenen Seele wirr durch einander. Die alte Erinnerung an den früheren Traum tauchte ebenfalls wieder auf, und unwillkürlich fast bei der Behauptung, daß die Seele den Körper verlassen und zu ihm zurückkehren könne, schien es ihr ordentlich, als ob ihr selber das schon geschehen und, was sie eben nur für Traum gehalten, doch jetzt am Ende Wirklichkeit gewesen wäre. Schon der Zweifel daran beunruhigte sie, und sie fragte mit schüchterner Stimme:

»Und glauben Sie denn wirklich, Herr Schwiebus, daß die Seele, unabhängig von dem Körper, und während dieser todt oder bewußtlos zurückbleibt, einen anderen Ort besuchen, andere Räume durchfliegen könne – Räume vielleicht, wo sie nie im Stande wäre, mit dem Körper hinzudringen?«

»Ob ich das glaube?« sagte der Famulus mit einem leichten, fast wehmüthigen Lächeln: »weßhalb erzähle ich Ihnen denn jetzt die Geschichte? Es giebt aber allerdings auch Fälle, wo die Seele ihrem Körper durch menschliche Kunst auf kurze Zeit entzogen wird. Der Mensch hat sich dazu die Natur dienstbar gemacht und benutzt ihre Kräfte, ist aber nur im Stande, die Seele auf Stunden oder Minuten zu verdrängen, nicht förmlich zu trennen. Der Körper bleibt warm, und der Geist, von dem Aether betäubt, schlummert darin fort.«

»So wäre auch meine Seele damals, als ich den Aether bekommen,« rief Marie schnell und fast erschreckt, »wirklich in dem alten Hause gewesen – hätte wirklich alles das erlebt, was mir die Anderen sagten, daß ich es nur geträumt, und jene Wesen beständen in den alten Räumen?«

Der Famulus zuckte die Achseln und warf wieder einen scheuen Blick nach dem alten Hause hinüber; dann aber nach kurzer Pause, in der er die Lippen fest zusammengebissen und sich die Hände gerieben hatte, sagte er trocken, fast mürrisch:

»Ich bin der Famulus Schwiebus, und was sie da drüben treiben, geht mich nichts an. Ich weiß auch nichts davon, und wenn sie mich wirklich einlüden, weiß ich auch noch nicht einmal, ob ich hinüber ginge.«

»Sie sollen uns nicht zu fürchten machen, Schwiebus!« rief Helene, der es nicht entging, welchen peinlichen Eindruck die geheimnißvollen Worte auf Mariens Reizbarkeit machten. »Lassen Sie den häßlichen Scherz und erzählen Sie uns lieber Ihre Geschichte.«

Der Famulus nahm die Geige wieder auf und fuhr ein Paar Mal in grellen, scharfen Strichen mit dem Bogen über die Saiten. Als ob das aber nicht recht zu den Gedanken passe, die ihm jetzt Brust und Hirn durchzogen, legte er sie wieder auf ihren alten Platz, faltete seine Hände über dem rechten Knie, schloß die Augen, um ganz abgeschieden von der Außenwelt zu sein, und begann auf's Neue.

»Es war ein wundervoller, freundlicher Abend, an dem der schon vorerwähnte junge Mann sich seine Lieblingsstelle, ein tief verstecktes, schattiges, fast unzugängliches Plätzchen tief in einer Waldesschlucht aufsuchte, um seinen Körper dort zurück zu lassen, während die Seele wieder hinausschweifte in die Weite. Es sollte das letzte Mal sein, daß er den kühnen Schritt wagte; aber sein Herz hatte ihm dieses Mal noch einen Streich gespielt und ließ ihn nicht ruhen noch rasten. Ein wunderliebliches Frauenbild, das er in früheren Jahren kennen und lieben gelernt und dessen Spur er dann verloren, wollte er nämlich wieder aufsuchen, ihr Herz, von keinem Körper behindert, erlauschen, und war sie ihm wirklich hold, dann . . . . Ja, dann wollte er ganz ernst und ehrbar zu ihr gehen und bei ihrer Frau Mutter um ihre Hand anhalten. Er war reich, jung, schön, drei sehr gute Empfehlungskarten, und zweifelte deßhalb auch gar nicht an einem günstigem Erfolg.«

»Seine damalige Reise oder der Zug seiner Seele, wie wir es besser nennen könnten, geht die Erzählung hier nichts weiter an. Aber die Seele muß sich vortrefflich amüsirt haben, denn sie blieb länger aus, als sie im Anfange beabsichtigt, und als sie endlich zurückkehrte, als sie voll glühender Hoffnung den Körper wieder beleben wollte, den sie jetzt zu Glück und Liebe führen konnte – war er nicht mehr da – die Stelle leer und öde und keine Spur von dem entführten aufzufinden.«

»Die Seele befand sich damals in einer äußerst unangenehmen Situation,« fuhr der Famulus nach kleiner Pause, sich langsam dabei die Hände reibend, fort. »Die Damen haben ja wohl schon einmal etwas von Seelenangst gehört – ein Zustand, wo die Seele vogelfrei, ihrer Qual und Angst Preis gegeben ist. Die Strafen der Verdammten müssen ungefähr Kinderspiel dagegen gewesen sein. Die Situation war auch wirklich eigenthümlich genug. Daß einem Körper die Seele abhanden kommt, fällt alle Tage vor, aber umgekehrt – davon können sich nicht alle Menschen eine bestimmte Idee machen.«

»Hahahaha!« lachte Helene, »der Gedanke ist wirklich zu komisch.«

Der Famulus blickte rasch und scharf nach Helene hinüber, aber er theilte die Fröhlichkeit nicht, wenn nicht das Zucken seiner Lippen vielleicht ein verstecktes Lachen war.

»Und wo fand jene unglückliche Seele den Körper wieder?« fragte Marie. Das Ganze konnte ja doch nichts Anderes als ein toll erfundenes Märchen sein, und dennoch schoß ihr ein eigenes, schmerzhaftes Gefühl dabei durch die Brust, dem sie nicht Ursache zu geben wußte.

»Wo sie den Körper wieder fand?« sagte der Famulus, indem er die Augenbrauen hoch in die Höhe zog und den Mund auf seine gewöhnliche, eigenthümliche Art dazu spitzte – »wo? – bei dem Herrn Doctor Peregrinus Hetzelhofer – aber wie! Hihihihi – es sah ordentlich komisch aus, wie der Kopf oben in einer weißen, noch offenen Glasflasche stand und Arme und Beine, theils schon präparirt, theils noch des Scalpells gewärtig, in Kasten oder auf den Tischen umher lagen, und der Doctor dazwischen saß, sein Werk mit augenscheinlicher Zufriedenheit betrachtend.«

»Ach, Schwiebus, das ist ja eine schreckliche Geschichte!« rief Helene, zusammenschaudernd, indem sie von ihrem Stuhl emporsprang. »Sie versprachen uns etwas Lustiges zu erzählen und nicht solche Schreckens-Geschichte aus des Bruders Zimmer. Was für Freude Sie nur darin suchen, solche schauerliche Dinge zu erfinden!«

»Erfinden?« wiederholte der Famulus – »hm – wessen Kopf steht denn da, gleich links neben dem Mittelfenster, auf dem langen Glasschrank, in dem das Gerippe des Raubmörders aufgestellt ist?«

»Aber das wollen wir ja gar nicht wissen,« wehrte Helene ab. »Es giebt Unglück und Elend genug in der Welt und in unserer unmittelbaren Nähe, weßhalb daher das Schrecklichste von Allem zur Unterhaltung heraussuchen? Von sich selber sollten Sie erzählen und haben das auch versprochen. Erzählen sollen Sie, wie Sie mit dem Bruder bekannt geworden, nicht aber von einem anderen unglückseligen Menschenkinde, das seinen Körper ausgezogen hatte wie einen unbequemen Rock, den man ihm dann, während es spazieren gegangen, gestohlen. Darauf läuft doch der ganze entsetzliche Scherz hinaus.«

»Sobald Sie das einen Scherz nennen,« sagte Schwiebus, »wenn man von seinem eigenen in Spiritus gesetzten Kopfe spricht, so haben Sie Recht.«

»Aber Sie waren doch nicht jener schöne, junge, reiche Mann!« rief Helene, von der Idee erfaßt, wieder lachend.

»Allerdings war ich der,« flüsterte rasch und leise der Famulus, und der scheue Blick, den er dabei im Zimmer umherwarf, der ängstliche Ausdruck in seinen Zügen hatte etwas gar so Wildes und Unheimliches. Selbst Helene wagte nicht zu lachen und schwieg erschrocken still; denn zum ersten Male stieg jetzt in ihr der Gedanke auf, daß der wunderliche Famulus, an dessen Eigenthümlichkeiten sie sich fast gewöhnt, doch am Ende im Kopfe irr sein könne, jedenfalls seine fixen tollen Ideen habe, die sich in seinem Hirn so festgesetzt, bis er sie selber glaubte.

Schwiebus indessen, der die Gegenwart der beiden Mädchen fast ganz vergessen zu haben schien und, den Blick starr in die Ecke des Zimmers geheftet, ganz seinen Erinnerungen oder Phantasien hingegeben blieb, fuhr mit vollkommen ruhiger Stimme fort:

»Meinen Kopf nahm ich natürlich gleich wieder in Besitz, und der Doctor erschrak allerdings etwas, als ich ihn von dem Schranke aus anredete und meinen verstümmelten Körper von ihm zurück verlangte. Er nahm die Sache aber doch viel kaltblütiger, als ich im Anfang erwartet hatte, ja, wollte sich sogar todt lachen, als ich mit meinem Bericht zu Ende war. Zuletzt versicherte er mir jedoch, daß es ihm allerdings ungemein leid thue, mich in eine so unangenehme Lage versetzt zu haben, daß er indessen wohl Glieder von einander trennen könne, jedoch nicht verstehe, sie wieder zusammen zu setzen. Wenn ich also nicht so herumgehen wolle – und er gab zu, daß die Situation viel Unbequemes haben müsse – so wolle er mir einen anderen Körper überlassen, den er gerade bekommen habe, und in den ich allenfalls, wenn ich mich ein wenig strecke, passen werde.«

»Ich möchte nicht gern weitläufig sein,« fuhr der Famulus jetzt nach kleiner Pause in vollkommen gleichgültigem, ruhig erzählendem Tone fort, »und will deßhalb die dazwischen liegenden Debatten und praktischen Versuche einer solchen unnatürlichen Uebersiedelung, wie die Bedingungen, denen ich mich dabei unterwerfen mußte, überspringen. Ebenfalls gehört nicht hieher, wie ich längere Zeit genöthigt war, mich in der Studirstube des Doctors aufzuhalten, und dort nicht allein viel lernte, sondern auch zu gleicher Zeit – viel sah – mehr vielleicht, als uns Beiden gut gewesen wäre, wenn wir uns wieder hätten trennen sollen. Ich bekam also die jetzigen Gliedmaßen, und wenn ich auch, was das Aeußere betraf, einen sehr schlechten Tausch gemacht, so habe ich mich doch nun mit der Zeit in meine neue Schale eingewöhnt.«

»Aber, guter Schwiebus,« sagte Helene, während Marie still und schweigend dem Ganzen zugehört – »wie können Sie sich nur solche tolle unglückliche Gedanken in den Kopf setzen!«

»Das thue ich ja gar nicht, mein verehrtes Fräulein,« erwiderte ihr freundlich der Famulus. »Ich nahm die Sache ungemein leicht, und nur zwei Mal – in zwei Fällen – war ich – war ich ein klein wenig in Verzweiflung – aber auch nur ein ganz klein wenig. Das erste Mal, wie ich nach jener Stadt zurückkam, in der ich – Sie brauchen mich deßhalb nicht auszulachen, meine Damen, denn es war nur eine Schwäche, die ich jetzt gern eingestehe und auch vollkommen überwunden zu haben glaube. Nach jener Stadt also, in der ich jenes weibliche Wesen wiedergefunden und dann auf so fatale Weise verloren hatte. Ich vergaß da meinen neuen Körper und wußte nicht gleich, weßhalb sie so entsetzlich an zu lachen fing, als ich ihr, möglicher Weise etwas ungeschickt, zu Füßen fiel. Es war gut, daß mir ein gegenüberstehender Spiegel in dem Augenblick meine Gestalt zeigte, und mit einiger Geistesgegenwart wickelte ich mich noch ziemlich gut aus der Affaire heraus. Ich gelangte wenigstens wieder auf die Straße, ohne die Hülfsleistung der durch einen Klingelzug herbeigerufenen Dienerschaft in Anspruch genommen zu haben.«

»Der zweite Fall war ganz anderer und, eigentlich könnte man sagen, entgegengesetzter Art; denn eine alte würdige Frau fiel mir plötzlich auf der Straße um den Hals und nannte mich unter Freudenthränen ihren, dem Grabe wieder erstandenen und ihr vom lieben Herrgott zurückgegebenen Sohn. Glücklicher Weise rührte sie vor Freude gleich auf der Stelle der Schlag, und ich hatte die Beruhigung, sie den dritten Tag selber auf den Kirchhof begleiten zu können.«

»Uebrigens bin ich mit meinem jetzigen Körper vollkommen zufrieden. Er spielt leidlich die Violine, stopft vortrefflich Vögel aus, ist so weit gesund, und außerdem auch noch ungemein geschickt in allerlei anderen kleinen Arbeiten, von denen meine Seele früher keine Ahnung hatte. So hoffe ich denn auch, daß wir uns noch eine Reihe von Jahren mit einander vertragen werden.«

»Sie sind ein wunderlicher Kauz, Schwiebus,« sagte Helene kopfschüttelnd und doch auch wieder lächelnd. »Manchmal wird man wahrhaftig ganz irr an Ihnen und weiß gar nicht, ob Sie Scherz oder Ernst machen. Wenn Sie sich nur nicht einen gar so entsetzlichen Stoff zu Ihren Erzählungen wählten. Man begreift gar nicht, welch Vergnügen Sie daran finden. Und dann können Sie wieder so lustig, so wirklich komisch sein.«

»Ich möchte nur wissen, ob hinter dem, was Sie von Traum und Seele äußerten, ein tieferer Sinn noch liegt,« sagte schüchtern Marie.

»Es freut mich, daß Sie sich dabei amüsirt haben,« meinte der Famulus, mit dem früheren trockenen ausdruckslosen Gesicht, ohne auf die letzte Frage weiter einzugehen.

Helene war übrigens jetzt vollkommen darüber beruhigt, daß der Famulus nur wirklich einen Scherz gemacht und keineswegs selber den Unsinn glaube, also auch nicht geistesverwirrt sei. Darauf also eingehend, rief sie lachend:

»Das müssen Sie uns aber noch sagen, Schwiebus, wer eigentlich die junge schöne Dame war, vor der Sie auf die Kniee gefallen und die Sie nachher so unfreundlich aufgenommen hat. Nicht wahr, Sie machen uns zu Vertrauten, denn ich fange an, Verdacht zu schöpfen, daß der Theil der Geschichte wirklich passirt sein könnte.«

»Und was würde Ihnen das helfen?« fragte der Famulus ruhig.

»Nun, ich würde suchen einen neuen Anknüpfungspunct für Sie zu finden. Wenn ich ihr nun die ganze Sache aus einander setzte, wie sie wirklich ist, und Sie ihr dann noch einmal vorführte.«

»Sollte ich mich noch einmal lächerlich machen?« fragte der Famulus leise, aber es lag eine so bittere, tiefe Wehmuth in dem Tone, daß die Mädchen wirklich bestürzt zu ihm aufsahen. Schwiebus jedoch richtete sich von seinem Stuhl empor, und sein Instrument aufgreifend, setzte er lächelnd hinzu: »Beruhigen Sie sich übrigens darüber, meine Damen, die Sache ist schon sehr lange her, und die junge Dame alt und grau geworden und gestorben und begraben. Es war Ihre Großmutter, Fräulein Helene.«

»Meine Großmutter, Schwiebus?«

Draußen klingelte es in diesem Augenblick an der Vorsaalthür, und der Famulus sagte freundlich: »Fräulein Marie wird wahrscheinlich abgeholt werden, wünsche Ihnen angenehme Ruhe, meine Damen,« und mit tiefer Verbeugung gegen die Mädchen verließ er rasch das Zimmer, um in seine eigene Stube zurück zu kehren.

Marie wurde in der That nach Hause gerufen, und Helene blieb allein in der Stube zurück. Sie nahm ein Buch, sich zu zerstreuen, es war noch zu früh, schlafen zu gehen – aber sie konnte ihre Gedanken nicht dazu sammeln. Sie setzte sich an's Clavier – aber die wehmüthigen Weisen, die ihren Fingern entquollen, stimmten sie eher noch trüber. Sie ging im Zimmer auf und ab und blieb einmal selbst mit einem leisen Angstschrei auf den Lippen am Fenster stehen, denn sie hätte in dem Augenblick darauf schwören wollen, daß sie einen Lichtstrahl zwischen den Gardinen des gegenüber liegenden alten Hauses gesehen. Wie sie den Blick aber fester und forschend darauf heftete, fand sie, daß es nur der Wiederschein eines Sternes gewesen, der gegen die matten und schon lange grün angelaufenen runden Glasscheiben des alten Fensters seinen Strahl geworfen.

»Es ist auch recht häßlich von dem alten Schwiebus,« murmelte sie leise vor sich hin, »daß er es ordentlich darauf anlegt, solche grausliche haarsträubende Geschichten zu erzählen. Was er nur dabei hat? ich will ihn aber auch nicht ein einziges Mal wieder darum bitten. Er soll seine Abscheulichkeiten für sich behalten.«

Sie war ordentlich böse auf den Famulus geworden und ärgerte sich dabei über sich selber, daß sie die »albernen Märchen« nicht gleich wieder vergessen konnte und sich wider ihren Willen so von ihnen aufregen ließ. Trotz der frühen Stunde beschloß sie auch zu Bett zu gehen, sah noch einmal, wie es einer sorgsamen Hausfrau zukommt, nach allen Schränken und Thüren, und ging dann den schmalen Gang, an des Doctors Zimmer vorüber, ihrem eigenen Schlafzimmer zu. Aber warum schauderte sie unwillkürlich zusammen, als sie an der verschlossenen Thür des Studirzimmers vorüber schlüpfte? Schwiebus' tolle Erzählung von dem abgeschnittenen Kopf hatte ihr doch die Nerven erregt. Sie fürchtete sich.

»Unsinn!« murmelte sie leise und ärgerlich vor sich hin, indem sie stehen blieb und wie herausfordernd nach der Thür sah; »wie kann ein vernünftiger Mensch auch nur für einen Augenblick solchen tollen Gedanken Raum geben! Wenn ich auch die häßlichen und schrecklichen Sachen da drinnen nicht sehen mag, fürchte ich mich doch auch nicht davor, und wenn ich meinen Willen darauf setze . . .« Sie hob den rechten Arm und krümmte den Finger, als ob sie anklopfen wolle; aber wie Fieberfrost rieselte es ihr den Nacken hinunter, und sie floh raschen Schrittes in ihre Kammer, deren Thür sie hinter sich verschloß.

Ueber den Gang aber tönten jetzt, von der anderen Seite her, aus dem Zimmer des Famulus der Violine Töne weich und schmelzend, wie aus tief bewegter Brust – und dann wieder stürmisch wild und klagend, wie trotzig gegen das ankämpfend, was ihm am Herzen nagte. Helene hatte ihn so noch nie spielen hören, und war sie im Anfang auch wirklich böse auf ihn gewesen, seiner gräßlichen, abscheulichen Geschichten wegen, so überkam sie bei diesen weichen, wehmuthvollen Klängen doch auch wieder ein eigenthümlicher stiller Schmerz, dessen Ursache sie nicht ergründen konnte. Sie barg ihr Antlitz in den Kissen, und erst der Schlaf trocknete ihr leise die Thränen von den Augen.



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