Ludwig Ganghofer
Edelweißkönig
Ludwig Ganghofer

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6

Um die zehnte Morgenstunde kam Gidi zum Finkenhof, im erhitzten Gesicht die Zeichen der Erschöpfung. Für den Weg von der Höllbachklamm bis ins Tal, auf dem ein anderer mit gesundem Schritt seine wohlgemessenen drei Stunden geht, hatte er kaum die Hälfte dieser Zeit gebraucht.

Als er den Zaun des Finkenhofes erreichte, meinte er zu träumen, konnte nicht begreifen, was er gewahrte. Er hörte das Geflüster vieler Leute, die den Hofraum erfüllten und gekleidet waren wie für ein Begräbnis.

Er trat in den Hof und faßte den nächsten beim Arm. »Was is denn? Was soll denn dös heißen?«

»Weißt es denn du noch net? D' Hanni is gstorben, verunglückt im Wasser, drin in der Münchnerstadt. A Stündl kann's her sein, da haben s' auf'm Wagen den Sarg von der Station bracht. Völlig erbarmt hätt's dich, wann die Bäurin gsehen hättst, wie sie sich hingworfen hat am Bauern sein' Hals. Der is dagstanden, kaasweiß im Gsicht! Und jetzt, no ja, gleich muß der Pfarr mit'm Kreuz kommen.«

Gidi schob sich verstört durch das Gedräng der Leute zur Haustür. Zuckender Kerzenschein erfüllte den Flur, in dem der offene Sarg auf einem schwarz verhängten Schragen stand. Ein Schauer überkam den Jäger. Die Tote war in ein dünnes weißes Gewand gekleidet, das die schlanken und sanften Formen des schönen Körpers umschmiegte. Mit weichen Wellen übergoß das offene braune Haar die Schultern und verschleierte die weißen Hände, die, über der Brust gefaltet, ein kleines Kreuz von Ebenholz umschlossen hielten. Wachsbleich hob sich aus den dunklen Flechten das schmale, zarte Gesicht; es war im Leben nicht schöner gewesen als jetzt im Tode. Gleich sichelförmigen Schatten waren die Wimpern der weißen Lider, durch deren Blässe die dunklen Augensterne hindurchschimmerten. Ein schmerzlicher Zug war um den schönen Mund gelegt, der dennoch zu lächeln schien; es war, als läge noch ein unausgesprochenes, liebevolles Wort auf diesen Lippen.

Zu Häupten der Bahre stand die Finkenbäuerin, angstvoll, immer betend; ihr zu Füßen kniete Veverl, das Liesei an ihrer Seite; unter der offenen Stubentür kauerte der Bub, mit verdutzten Blicken bald die Bahre, bald die Mutter und bald den Vater streifend, der drüben am Geländer der Treppe lehnte, mit krampfhaft ineinander geflochtenen Händen. Als Gidi die Schwelle betreten hatte, war Jörg zusammengefahren, hatte die Augen mit bangem Blick zur Tür geworfen und war wieder in sein brütendes Niederstarren versunken.

Eine Weile stand der Jäger in stillem Gebete, dann bückte er sich nach dem Weihwasserkessel, sprengte die Tropfen über die Bahre und verließ den Flur. Auf der Schwelle begegnete ihm Emmerenz; sie war schwarz gekleidet und hatte verweinte Augen; Gidi faßte sie beim Arm und zog sie mit sich fort zum Gesindehaus. »Enzi«, flüsterte er, »kann ich mein Gewehr einstellen bei dir? Und ich muß dir ebbes sagen.«

Da erscholl vom Kirchturm her das Geläut der Glocken, und an einer Wendung der Straße erschien der Pfarrer im weißen Chorrock; ihm folgten der Mesner mit dem Rauchfaß und die Ministranten mit Fahne, Kreuz und Laternen.

Während im Flur die Aussegnung vollzogen wurde, erschienen Emmerenz und Gidi unter der Tür des Gesindehauses.

»Du mußt es ihm sagen, Gidi«, stammelte die Magd. »Jetzt gleich! Da muß ebbes gschehen!«

»Ich kann's ihm jetzt net sagen. Soviel erbarmt er mich. Und es hat kein' Sinn. Aus'm Höllbachgraben holt man kein' nimmer aussi. Da kann ich mir net amal a Wunder denken. Wann er sich net derfallen hat an die Felsen, hat ihn 's Wasser derstickt. Der Höllbachgraben hat nur a paar Platzeln, wo man zukann, und da is kein Denken, daß man grad da ebbes finden sollt von ihm. Wann's jetzt net geht wie vor zwei Jahren mit demselbigen Holzknecht, den's im Tal herunt bei der Höllbachmühl ans Wehr hingschwemmt hat, nacher kriegt man vom Ferdl aller Lebtag nix mehr z' sehen. Es hat kein' Sinn, glaub mir's, Enzi, es is gscheiter, ich sag's ihm erst nach der Totenmeß, wenn sich d' Leut verlaufen haben.«

»Wie d' meinst!«

»Soviel Elend! Und all auf an einzigsmal! Aber laß dir's gsagt sein, Enzi, der Hanni ihr seltsames Sterben, dem Ferdl sei' traurige Gschicht und noch ebbes, was mir im Kopf umgeht, dös hängt mitanander zamm! Da is ebbes gschehn, was kein Mensch net denkt.« Lauschend fuhr Gidi auf; dumpfe Schläge hallten aus dem Flur des Wohnhauses. »Jetzt nageln s' den Sarg schon zu.«

Die beiden schüttelten sich die Hände; der Ernst der Stunde hatte sie ihres Haders vergessen lassen.

Nun ordnete sich der Zug. Vor dem Sarge ging der Priester, dessen schmerzerfüllten Zügen es anzusehen war, mit wie schwerem Herzen er seines geistlichen Amtes wartete. Hinter dem Sarge ging Jörg, der keinen Blick von der Erde hob; neben ihm die weinende Mariann. Den beiden folgte Veverl, deren bleiches Gesicht den Leuten zu denken und zu reden gab; das Mädel schien in einer Nacht um Jahre gereift; an jeder Hand führte Veverl eines der Kinder. Dann kamen die Dienstboten des Finkenhofes. Daß Valtl nicht unter ihnen war, hatte seinen Grund. Aber auch Dori fehlte; seit der Sarg vom Wagen gehoben wurde, hatte man den Burschen nicht mehr im Hof gesehen. In langer Reihe folgten die übrigen Leute, zuerst die Männer, zu denen Gidi sich gesellt hatte, und hinter ihnen die Frauen und Mädchen.

Der Zug erreichte den die Kirche umziehenden Friedhof und das offene Grab.

Mit schwacher, häufig versagender Stimme sprach der alte Pfarrer die kirchlichen Segnungen. Dann schloß er das Buch, und lange sah er mit nassen Augen auf den Sarg, bevor er zu reden begann. Es waren nicht viele Worte, die er sprach. Die Leute machten sonderbare Gesichter zu diesen Worten und waren der Meinung, daß die Rede für eine Verewigte aus dem reichen Finkenhof zu kurz und nicht andächtig genug ausgefallen wäre:

»Ich brauche der Toten kein Wort des Lobes nachzusprechen in das Grab. Ihr alle habt sie gekannt und habt sie geehrt um ihres seltenen Herzens, um ihres sanften und reinen Wesens willen. Wir mit unserem Menschenverstande möchten sagen: Sie hätte verdient, mit jenen zu leben, die sie liebte, um Glück zu spenden und Glück zu genießen. Doch über uns ist der Herr, und unerforschlich sind die Wege, die er wandelt.« Verstummend richtete er den Blick auf Jörg, als wollte er zu ihm in tröstenden Worten sprechen; aufseufzend hob er den weißen Kopf und ließ die feuchten Augen über die Gesichter der anderen gleiten. »Euch allen ist sie gestorben. Denkt nur der lieben freundlichen Worte, die sie zu euch gesprochen, denkt der milden und reichen Gaben, die sie euren Kranken und Bedürftigen gespendet, und denkt der vielen Stunden, in denen sie da drinnen zwischen den geheiligten Mauern mit dem lieblich frommen Klang ihrer Stimme eure Herzen zur Andacht erhob. Auch mir ist sie gestorben. Was sie mir gewesen ist, mir und meiner seligen Schwester, die da drüben unter der stillen Erde ruht? Wie soll ich es euch sagen! Wenn das Herz uns bange war von Sorge, wenn die Bürde des Alters lastend auf unsere schwachen Schultern drückte, war es Johanna –« Unter Tränen erstickte seine Stimme. »Und nun! Mir will ein Lied nicht aus dem Sinn, das ich gerne von ihr hörte, wenn sie es sang in abendlicher Dämmerstunde:

Es ist ein Frost gefallen
Wohl über den grünen Wald,
Es ist ein Sturm gegangen
Wohl über die blumige Hald.

Ein Blümlein ist gebrochen,
Ein Pflänzlein halb erfror,
Kaum einer mag es wissen,
Was da die Welt verlor!«

Der Priester schwieg und hob seine zitternde Hand vor seine Augen. Als er sie wieder sinken ließ, um die letzten Worte zu sprechen, klang seine Stimme so müd und leise, daß kaum die Zunächststehenden sie verstanden: »Es ist ein Sturm gegangen, ein Blümlein ist gebrochen! Johanna, schlafe den stillen Schlaf, bis der Frühling der Ewigkeit dich wieder auferweckt zu engelschönem Blühen im Garten Gottes, der über dein Leben richten wird, nicht über die Stunde deines Todes. Er wird dir gnädig sein, und in Frieden wahre die Erde dein Gebein bis zum Tage der Auferstehung! Amen!«

Ohne Tränen hatte Jörg diese Worte mit angehört; doch während die Stricke rasselten und der Sarg hinunterglitt in die Grube, zerbrach ihm die Kraft. Als er die kleine Schaufel ergreifen sollte, um als nächster Anverwandter die erste Scholle auf den Sarg zu werfen, mußte ihm die Mariann die Hand führen; dann zog sie ihn mit sich fort in die Sakristei.

Nun traten alle der Reihe nach, so wie sie der Bahre gefolgt waren, vor das Grab, und jede Hand warf eine Schaufel Erde über den Sarg. Flüsternd verloren sich die Leute in die Kirche, um der Totenmesse beizuwohnen. Von der Kirche ging man im Zuge dem Bräuhaus zu, wo das Totenmahl gehalten wurde. Unter der Tür des Wirtshauses faßte Jörg die Hand seines Weibes. »Gelt, Mariann, du bleibst bei die Leut! Mich laß heimgehn!«

»Um Gotts willen, Jörg«, stammelte die Bäuerin, »ich bitt dich, schau, nimm dich doch a bißl zamm. Was möchten d' Leut reden, wenn du net beim Mahl bist!«

»Ich muß heim. Ich halt's nimmer aus. Ich muß ebbes erfahren!« Ehe Mariann noch antworten konnte, rang er seine Hand aus der ihren und ging durch den Bräugarten den Wiesen zu.

Er erreichte seinen stillen Hof und trat in die Stube, die von schwerem Weihrauchduft erfüllt war. In der Schlafkammer öffnete er eines der Fenster, die nach dem Garten führten, lauschte hinaus und spähte der Höhe zu. Dann kehrte er wieder in die Stube zurück und sank auf eine Bank. Nur wenige Minuten saß er so. Zitternd sprang er auf; draußen kamen rasche Tritte zum Haus, die Tür öffnete sich, und Dori erschien auf der Schwelle. Sein Gesicht war blaß, der Atem rasselte.

Jörg war auf ihn zugestürzt und zog ihn am Arm in die Stube. »Red, Dori! So red, ich bitt dich, red!«

»Ja, Bauer!« keuchte der Bub, der kaum Atem und Worte fand. »Der Fremde, dös hab ich gleich erfahren, der is in der Nacht noch fortgeritten. Und die andern zwei sind heimkommen vor a paar Minuten. Der Kommandant und der ander! Vom Höllberg her über d' Wiesen. Ganz allein!«

Ein tiefer Atemzug hob die Brust des Bauern. »Unserm Herrgott sei Lob und Dank! Er is über der Grenz!« Da fiel sein Blick auf die offene Tür und auf den Grafenjäger. »Um aller Heiligen willen! Gidi! Du bringst nix Guts!«

»Na, Finkenbauer! Unserm Herrgott muß ich's klagen! Nimm dich zamm! Der Ferdl –«

»Mein Ferdl is über der Grenz«, stammelte Jörg, »lang über der Grenz!«

»Ja, Bauer, über der Grenz, die zwisch'm Leben liegt und zwischen der Ewigkeit. Im Höllbachgraben liegt er drunt. Ich hab's mit anschauen müssen. Und ›Jesus Maria, grüß mein' Jörgenbruder!‹ dös war sei' letzte Red.«

Weiß quollen dem Bauern die Augen aus den Höhlen, und das Entsetzen verzerrte sein fahles Gesicht. So stand er eine Weile regungslos; dann tastete er sich zur Bank und sank darauf nieder mit den stöhnenden Worten: »Meine Füß –«

Dem Dori begannen die Zähne zu klappern, und er brachte die Hand zum Gesichte, um ein Kreuz zu schlagen.

Der Jäger ging auf den Bauer zu und rüttelte ihn an der Schulter: »Jörg!«

Da kam ein Schüttelfrost über den Finkenbauer; er betastete seinen Kopf, seine Brust, und lallte mit schwerer Zunge: »Ja, ja, ich spür mich noch! Und er! Er und d' Hanni beieinander, und ich bin übrig! Wo bleibt denn unser Lieb, die nimmer vonanander laßt? Unser Lieb! Unser Lieb!« Mit den Armen warf er sich über den Tisch. Dann sprang er auf. »Jesus! Und kein Mensch daheim! Wo sind denn d' Leut?«

Er wollte zur Tür; Gidi hielt ihn fest. »Sorg dich net, Jörg, wir brauchen keine Leut! Du und der Dori und ich, wir drei sind genug! Und droben im Höllbergschlag, da schaffen sieben oder acht Holzknecht; die haben alles, was wir brauchen, Strick und Hacken und Beiler, alles!«

Sie schlugen den nächsten Weg durch den Garten ein, Jörg immer voran um ein Dutzend Schritte.

»Du, da schau«, flüsterte Dori dem Jäger zu, als sie an einem frisch aufgeworfenen Erdhügel vorüberkamen, »da hab ich unsern Haßl eingraben, den armen Tropf! Den hat der andere Schandarm derstochen, heut in der Nacht.«

Dann sprachen sie kein Wort mehr, bis sie das Gehölz erreichten; da fragte der Bub: »An welchem Platzl is denn 's Unglück gschehen?«

»Droben bei der hohen Platten.«

»Pfüet dich Gott, Ferdl! Da is aus!« stammelte Dori; er schlug ein Kreuz und begann ein Gebet für die arme Seele.

Auf dem Höllbergschlage fanden sie die Holzknechte; der eine und andere dieser Männer hatte wohl ein Wort über die Nutzlosigkeit aller Rettungsversuche auf der Zunge, doch als sie dem Finkenbauer sein Gesicht sahen, schwiegen sie und eilten willig mit ihm der Höhe zu.

Sie kamen zur hohen Platte. Einer der Holzknechte wurde an langem Seil in die Schlucht hinuntergelassen; man mußte ihn wieder heraufziehen, bevor er zur Wassertiefe hatte gelangen können. Der Weg in die Tiefe war durch zwei schief übereinandergreifende Felsgefüge versperrt. »A Lucken is schon da, daß einer durchkunnt. Da wird's ihn auch durchgrissen haben, den armen Teufel!« berichtete der Mann, wobei er aus Mitleid für den Finkenbauer verschwieg, daß er auf einer steil abfallenden Platte reichliche Blutspuren gefunden. »'s Kurasch is gwiß net z'wenig bei mir. Aber wann sich einer da drunten durchlasset, dem wär's Hinsein zuprotokolliert. Anhalten kannst dich nirgends, so hail is alles da drunt. Da hängst mit'm ganzen Gwicht am Seil. Und dös durft a Seil von Eisen sein: wann's zweimal ums Eck ummi muß – die kantigen Steiner schneiden wie a Messer –, da kostet's grad a Ruckel, nacher liegst drunt und hast ausgschnauft! Und gholfen is auch nix. Aber wann ich raten möcht: Probieren wir's a bißl weiter unten, wo die Klamm den Kessel macht. Leicht, daß man von unt auf zukunnt?«

Alle, auch Jörg, wußten, daß der Mann sein möglichstes getan hatte, und alle sahen ein, daß sein Rat der beste war.

Schweigend eilten sie am Rande der Schlucht jenem Kessel zu. Dort trafen sie mit Leuten zusammen, die aus dem Dorfe kamen, in dem sich die Nachricht von dem Unglück auf die vom Kommandanten beim Bürgermeister erstattete Anzeige hin rasch verbreitet hatte. Von den Finkenhofleuten kam als erste die Emmerenz; wortlos reichte sie dem Bauer die Hand, streifte die Ärmel auf und stellte sich zu den Holzknechten an das Seil; während sie da hielt und zog, daß ihr vor Anstrengung die Schläfenadern schwollen, schien sie gar nicht zu beachten, daß es Gidis Hände waren, die neben den ihrigen das Seil umkrampften.

Es kam die Finkenbäuerin, die sich an den Hals ihres Mannes klammerte – und Veverl kam, bleich, zitternd und atemlos.

Da waren nun hundert Arme zur Hilfe bereit; doch außer Jörg war unter allen nicht einer, der unter dieser ›Hilfe‹ etwas anderes verstand als den Versuch, die Leiche des Zerschmetterten zu bergen.

Als es zu dämmern begann, schickte Jörg die Weibsleute nach Hause. Emmerenz führte die Bäuerin, die kaum auf den Füßen zu stehen vermochte. Veverl schien die Anordnung des Bauern überhört zu haben; in sich zusammengekauert saß sie auf einem Stein; und als der Bauer mahnte: »Veverl, geh heim, die Mariann is schon fort!« bettelte sie: »Jörgenvetter, laß mich bleiben!« Und so blieb sie.

Die sinkende Dunkelheit unterbrach die traurige Arbeit nicht; sie wurde beim Loderschein der Kienfackeln fortgesetzt; auf allen Vorsprüngen der Schluchtwände wurde dürres Holz gesammelt und entzündet. Die hoch aufschlagenden Flammen füllten den tiefen Abgrund mit roter Helle.

Der Versuch, die Absturzstelle unter der hohen Platte von jenem Kessel aus zu erreichen, war mißglückt. Mit wilder Brandung sperrte das aus der Mündung des Höhlenganges stürzende Wasser den Weg. Man schob an langen Stangen brennende Fackeln in die Höhlung; so weit der Fackelschein reichte, gewahrte man nur die kahlen, platt gewaschenen Wände und zwischen ihnen die schwarz und rasend einherschießende Flut. Man warf von der hohen Platte lohende Scheite in den Abgrund, und immer nach wenigen Sekunden schon kamen die erloschenen Stümpfe im Wirbel des Kessels zum Vorschein. Da schien es keine denkbare Möglichkeit, daß der Körper des Abgestürzten im Höhlengange festgehalten wurde; das Wasser mußte ihn längst den tiefer liegenden Kesseln zugeschwemmt haben.

Man eilte von Gefäll zu Gefäll, von Kessel zu Kessel; überall, wo ein Niedersteig oder eine Einseilung möglich war, wurde das Wasser mit Stangen und Haken durchwühlt, jede Wandecke und Felsrinne mit unermüdlichen Augen durchforscht. An Stellen, an denen keiner der Holzknechte mehr den Weg in die Tiefe wagte, ließ immer noch Dori sich an das Seil knüpfen und in den Abgrund senken. Wohl stand er immer bleich und zitternd am Rande der Schlucht, wenn er sein Stoßgebet sprach. Bevor er den harten Weg begann, warf er einen Blick auf das Veverl und schwang sich mit einem mutigen Lächeln hinaus über den Fels. Wenn er wieder emportauchte aus der Tiefe und statt aller Worte nur den Kopf schüttelte, mußte man den Finkenbauer mit Gewalt zurückhalten, damit der schwere, erschöpfte Mann nicht selbst von neuem begänne, was Dori vergebens unternommen hatte.

Die Nacht entschwand, der Morgen kam mit Glühen und Leuchten, und noch immer war keine Spur des Verunglückten gefunden.

Gegen Mittag erreichte man den Kessel des letzten Gefälles, mit dem der Höllbach den Bergwald verläßt, um hundert Schritte tiefer im Tal mit seiner gezähmten Flut das fleißig klappernde Werk der Höllbachmühle zu treiben.

Vergebens wurde auch dieser letzte Kessel bis auf den Grund durchwühlt.

Alle hatten gewußt, daß es so kommen würde. Jörg allein hatte es nicht glauben wollen. Und er kannte den Höllbach doch ebenso genau wie die anderen. Vier Menschen hatte das unheimliche Wasser während der letzten zwanzig Jahre verschlungen; nach jedem hatte man gesucht wie jetzt nach dem Ferdl, nach jedem gleich vergebens. Nur einen von den vieren, einen Holzknecht, hatte die Strömung lange Wochen nach dem Unglückstag an das Wehr der Höllbachmühle geschwemmt, zur Unkenntlichkeit verstümmelt und zerrissen.

Als die Leute bei der Höllbachmühle auseinandergingen, drückte Jörg einem jeden die Hand, die Holzknechte bestellte er auf den Abend in den Finkenhof; zu Gidi sagte er mit müder Stimme: »Wir reden noch, Gidi!«

Nun war er allein mit Veverl und Dori; wortlos winkte er den beiden zu, daß sie nach Hause gehen möchten; sie wollten widersprechen; der Blick, der sie aus seinen Augen traf, verschloß ihnen die Lippen; zögernd gingen sie über die Wiese der Straße zu; immer wieder blieben sie stehen und schauten zurück; sie sahen, wie Jörg sich beim Mühlwerk auf das Ufer niederließ, die Arme auf die Knie stützte und regungslos hineinstarrte in die strömende Flut.

Als sie mit dieser Nachricht nach Hause kamen, eilte die Mariann zur Mühle hinaus; erst spät am Abend kehrte sie mit dem Bauer zurück.

Reichlich beschenkte Jörg die Holzknechte. Dann ging er in das Gesindehaus, wo er die ganze Stube von Menschen erfüllt fand. Alle Nachbarsleute hatten sich eingefunden, um den ›Dreißger‹ für die Hanni und den Ferdl mitzubeten. Es wurde der Sitte gemäß Brot, Bier und Branntwein gereicht. Schweigend aßen und tranken die Leute. Dann begannen sie die Totenlitanei für die Hanni. Jörg kniete bei der Tür vor einem Stuhl. Wortlos bewegten sich seine Lippen, wenn die anderen auf die Absätze der Litanei das ›Herr, gib ihr die ewige Ruh!‹ erwiderten. Als sie für den Ferdl zu beten begannen, ging er zur Tür.

Drüben in der Wohnstube setzte er sich hinter den Ofen, nahm die zwei Kinder auf den Schoß und drückte sie an seine Brust. So saß er bis tief in die Nacht. Gegen Mitternacht erhob er sich, um die Kinder, die auf seinem Schoße eingeschlafen waren, zu Bett zu bringen. Dabei erwachte das Lieserl; als es den Vater ansah, wagte es kein Wort zu sagen. Bis zum Morgen lag das Kind mit offenen Augen in den Kissen und hörte bis zum Morgen in der Schlafstube der Eltern den Vater und die Mutter leise miteinander reden.

Als Veverl in der Frühe die Kammer betrat, fragte das Liesei: »Gelt, Veverl, du hast gsagt, der Edelweißkönig is a guter Geist?«

»Ja, Liesei, ganz a guter!«

»Net wahr, Veverl! Sonst hätt er den Ferdl net einifallen lassen in den tiefen Graben! Oder er hätt ihn wieder auffitragen in d' Höh, daß ihm gar nix gschehen wär und daß der Vater jetzt net so traurig sein müßt!«

Veverl preßte das Gesicht in die Hände, während das Kind mit scheuem Gelispel weiterschwatzte: »Gelt, und du hast ihn gar net kennt, den Ferdl? Den hättst fein gern haben müssen! Soviel gut is er allweil gwesen! Allweil hat er ghäuselt mit uns, und mir hat er schöne Docken geschnitzt und dem Pepperl Rösser und Knecht. Aber sag mir, Veverl, weswegen is denn der Ferdl net heimkommen zu uns? Weswegen hat er denn –«

Das Kind verstummte. Jörg war unter der Tür erschienen, zum Ausgang gekleidet, den Hut auf dem Kopf. Er winkte dem Liesei einen Gruß zu und streifte mit einem Blick das kleine Bett, in dem der Bub noch schlummerte, mit offenem Mäulchen schnarchend.

Jörg wandte sich in die Stube zurück und verließ das Haus. Alle, die ihm nachsahen, wußten, wohin er ging. Er schlug den Weg zur Höllbachmühle ein, zu dem Kessel, den der letzte Fall des Höllbachs bildete. Dort stand er lang und stierte in das Wasser, durch dessen kristallene Klarheit der kiesige Grund heraufschimmerte. Dann schritt er am Ufer des Baches dem Wehr entgegen, vor dem er sich auf einen Felsblock niederließ. Keinen Blick verwandte er vom Wasser, das mit Murmeln und Gurgeln das Wehr durchströmte, Schaum, Blätter und Reisig aufstauend vor den Stäben des hölzernen Gitters.

Gegen Mittag kam die Mariann mit dem Pfarrer. Herzlich und eindringlich redeten ihm die beiden zu, daß er nach Hause gehen möchte. Auf ihre Mahnungen hatte Jörg nur das eine Wort: »Laßts mich sitzen!«

Sie blieben bei ihm, bis die Sonne aus rot überglühten Wolken hinsank über den Grat der Berge.

Wortlos wanderte Jörg zwischen seinem Weib und dem Pfarrer dem Dorfe zu. Als sie den Finkenhof erreichten, sagte er: »Pfüe Gott derweil! Ich hab noch an Weg.«

Hinter den Häusern des Dorfes stieg er über die Wiesen zum Schloßberg hinauf. Als er die Parkmauer erreichte, stand er unschlüssig und starrte das Tor an. Es fiel ihm schwer, die steinerne Schwelle zu betreten. Ein Schauer rüttelte seine Schultern, als er das Tor durchschnitt. Er ging an der Mauer entlang dem Jägerhäuschen zu. Aus der Stube hörte er Gidis Stimme; der Jäger sprach in erregten Worten.

Jörg betrat den Flur und sah die Stubentür offen; Gidi und die alte Wirtschafterin des Schlosses standen vor ihm. Das Weib suchte erschrocken einen Brief zu verbergen, den es in der Hand gehalten, und huschte, als Jörg die Stube betrat, an ihm vorüber.

»Du, Jörg? Im Schloß da?« stammelte der Jäger. »Was willst?«

Jörg ging zum Tisch und sank auf die Holzbank. »Jetzt sag mir alles!«

Der Jäger schien nicht zu hören; er sah erschrocken den entblößtem Kopf des Bauern an.

»Finkenbauer! Jesus Maria! Grau bist worden! Wie kann denn so ebbes gschehen! Über a Nacht?«

»So?« murmelte Jörg und strich mit den Händen übers Haar. »Alles kann gschehen, wann unser Herrgott schlafen geht, statt daß er aufpaßt auf seine Geschöpfer.« Mit traurigem Lächeln betrachtete er seine Hände, wie um zu sehen, ob nicht an ihnen das frische Grau seiner Haare abgefärbt hätte. »Red, Gidi!«

Der Jäger begann zu erzählen und schloß mit den Worten: »Wie's ihn niedergrissen hat übers Gsteinet, hat er d' Arm aufgschlagen und hat gradaus gschrien: ›Jesus Maria, grüß mir mein' Jörgenbruder!‹«

Mit keiner Silbe hatte Jörg die Erzählung des Jägers unterbrochen. Nun hob er das bleiche Gesicht. »Grüß mein' Jörgenbruder!« Er nickte. »Ich bin sein letztes Denken gwesen. Der hat mich mögen. Und weil er Ehr im Leib ghabt hat und Lieb in der Seel, drum muß er drunt liegen, wo kein Sonnlicht nimmer abisteigt. Grechtigkeit? Ah ja! Grechtigkeit!« Mühsam erhob er sich und griff nach seinem Hut. »Grüß mein' Jörgenbruder? Ja, Ferdl! Den Gruß will ich dir danken! In meiner Sterbstund noch.« Er reichte dem Jäger die Hand. »Mußt net herb sein, daß ich schon wieder geh. Aber weißt –«, eine wilde Bitterkeit quoll aus dem Klang seiner Stimme, »mich leidt's net recht, wo ich steh! Dös is Grafengrund!«

»Wird net schlechter sein wie Bauernboden!«

»Hast recht! Der Boden is der gleiche! Bloß unter denen, die er tragt, is diemal einer anders wie der ander! Aber reden wir nix!« Wieder schüttelte Jörg dem Jäger die Hand. »Dir sag ich kein Vergelt's Gott! Wo d' Lieb ebbes tut, da will s' kein' Dank dafür. Ich weiß, du hast ihn gern ghabt.«

»Ja, Finkenbauer! Aber sagen muß ich's: Mei' Lieb hängt an eim andern auch, der jetzt im Sterben liegt, drin in der Münchnerstadt. Du weißt schon, wen ich mein'!«

»Nix weiß ich! Gar nix!«

»So mußt net reden! Du bist der erste gwesen im Ort, der's ghört hat – ghört von dem, der schuld is dran! Gar net sagen kann ich dir's, was rebellt hat in mir, jetzt grad, wie d' Schloßhauserin dagwesen is mit'm Brief vom alten Eustach. Mein lieber, junger Graf! Und die arme Frau Gräfin! Sag nur, Finkenbauer, wie hat dem Ferdl dös zustehn können, daß er so was tut!«

»Gidi!« stöhnte Jörg. »Der Ferdl is drüben, wo kein' mehr fragen kannst! Und über an Toten sollst net reden –«

»Alle sagen sie's drin im Grafenhaus: Es kann kein anderer gwesen sein als der Ferdl. Wie er eini is ins Haus, hat ihn keiner gsehen. Aber alle haben's gsehen, wie er davon is, kreideblaß, als wär der leidige Satan hinter ihm her! Und droben haben s' den jungen Grafen gfunden, unter der Tür, von Blut übergossen, mit eim Säbelhieb gradaus über d' Stirn. Der Ferdl hat ihn erschlagen, Finkenbauer! Dein Bruder!«

Aug in Aug standen sich die beiden gegenüber. Die Faust auf die Tischplatte stützend, richtete Jörg sich auf. Eine steinerne Härte lag über seinem Gesicht, während er rauh die Worte herausstieß: »Und wann's so wär? Weißt du denn, ob ihm net recht gschehen is, deim Grafen?«

»Recht?« fuhr Gidi auf. »Was kunnt mein junger Graf dem Ferdl antun haben? Und was sich der Ferdl auch einbildt haben mag – mir, Finkenbauer, kannst es glauben: Was keiner gsehen hat, dös hab ich mit meine Jageraugen gmerkt. Stund um Stund im letzten Sommer war ich mit'm Grafen, wann's ihn allweil forttrieben hat aus'm Schloß, und wann's ihn wieder abizogen hat, kaum daß er droben war mit mir auf'm Berg. Mir kannst es glauben: Wann einer is, dem der Hanni ihr traurigs Sterben z'tiefst zum Herzen gangen is, so war's mein junger Graf. Mag's zugangen sein mit der Hanni, wie's will – da schau her, Finkenbauer, da leg ich mei' Hand auf'n Tisch, und weghacken laß ich mir s', wurzweg vom Arm, wann mein Graf ebbes Übels hat verüben können.«

Mit funkelnden Augen sah der Bauer in das vor Erregung glühende Gesicht des Jägers; dann schüttelte er den Kopf und drückte den Hut über das ergraute Haar. »Gidi! Dei' Hand mußt net verschwören! Es wär mir leid drum, wann ich reden möcht!« Ohne Gruß ging der Bauer zur Tür.

Aufatmend trat er hinaus unter die rauschenden Bäume und sprang zum Tor, als wäre die Erde, die sein Fuß berührte, Feuer unter seinen Sohlen.

Tiefe Dämmerung lag schon über dem Dorf, als er den Finkenhof erreichte. Aus dem Gesindehaus klang das eintönige Murmeln der Betenden. Jörg beschleunigte den Schritt. Als er die Ehhaltenstube betrat, nickte er den Leuten, die sich nach ihm umblickten, grüßend zu und ließ sich neben seinem Weib auf die Knie nieder. So blieb er bis zum Schluß der Gebete, die für die beiden Toten gesprochen wurden. Während sich die Leute zum ›Gsturitrunk‹ in die Bänke schoben, ging der Bauer davon. Draußen im Hofe holte ihn die Mariann ein, faßte seine Hand, und so betraten sie das Wohnhaus und die Stube, in der die Lampe brannte. Eine Weile später kam Enzi und deckte den Tisch. Als Jörg und Mariann sich niederließen, erschien das Veverl unter der Kammertür.

»Schlafen s' schon?« fragte die Bäuerin.

Veverl nickte; mit leiser Stimme sprach sie das Tischgebet und rückte in den Herrgottswinkel. Manchmal während des Essens hob sie das blasse Gesicht und streifte mit scheuem Blick den Jörgenvetter, der an jedem Bissen würgte, bis er den Löffel fortwarf und das Gesicht in die aufgestützten Hände drückte.

Als der Tisch geräumt und das Dankgebet gesprochen war, entzündete Veverl ein Kerzenlicht und verließ mit leisem »Gut Nacht!« die Stube. Eine Weile machte sich die Bäuerin mit allerlei zu schaffen, dann trat sie vor den Bauer hin, der regungslos noch immer auf seinem Platze saß.

»Jörg? Ich leg mich schlafen.«

Er nickte.

»Gelt, Jörg? Bleibst nimmer lang! Schau, mußt doch a bißl an dich selber denken. Und an deine Kinder.«

Wieder nickte er. Schweigend blieb die Mariann vor ihm stehen, strich ihm langsam mit der Hand über das ergraute Haar, und zwei Zähren rollten ihr über die Wangen. Seufzend wandte sie sich ab und trat in die dunkle Kammer. Lange saß sie im Finstern auf dem Rand ihres Bettes, ehe sie sich zu entkleiden begann. Als sie in den Kissen lag, vernahm sie aus der Stube nur das träge Ticken der Wanduhr und von Viertelstunde zu Viertelstunde ihren rasselnden Schlag.

»Jörg!« rief sie mahnend, ohne eine Antwort zu erhalten. Sie hörte noch, wie die Uhr die elfte Stunde schlug; dann fiel ihr in Erschöpfung der Schlummer auf die Augen.

Plötzlich fuhr sie auf; sie wußte, daß sie geschlafen hatte; aber das Geräusch, von dem sie geweckt worden war, klang ihr noch in den Ohren. Es war ein Klirren gewesen. Als hätte draußen im Hof jemand an eines der Stubenfenster gepocht.

Jetzt wiederholte sich das Klirren, und im gleichen Augenblick hörte Mariann, wie der Bauer aufsprang vom Tisch, mit ersticktem Schrei: »Heiliger Herrgott – alle guten Geister –«

Da erloschen seine Worte in einem Laut, aus dem nicht Angst und Schreck, sondern Jubel und Freude klangen.

Mariann hörte den jagenden Schritt ihres Mannes im Flur verhallen, hörte, wie der Riegel der Haustür zurückgestoßen wurde. Dann war es still da draußen. In Hast erhob sie sich, warf einen Rock über und sprang in die Stube; die Tür stand offen; Mariann eilte in den Flur und rief den Namen ihres Mannes hinaus in die Nacht. Sie hörte ein Geräusch und gewahrte unter den nahen Bäumen eine Gestalt; deutlich unterschied sie bei dem aus dem Fenster fallenden Lichtschein das Gesicht und die weißen Hemdärmel des Bauern. Sie wollte zu ihm hin. Da deutete er heftig mit beiden Händen, daß sie zurückgehen möchte, und verschwand um die dunkle Hausecke.

An der Wand sich hintastend, kehrte Mariann in die Stube zurück und ließ sich vor dem Tisch auf die Holzbank nieder, die zitternden Hände im Schoß.

Sie harrte und harrte. Eine Stunde verstrich. Dann hörte sie draußen das Knirschen vorsichtiger Tritte. Mariann erkannte den Schritt ihres Mannes. Nun trat er in den Flur, schob den Riegel vor – und jetzt erschien er in der Stube.

Seine Brust arbeitete, heiße Röte brannte auf seinen Wangen, und sein Mund irrte zwischen Lachen und Weinen.

Mariann sprang auf. »Um Christi willen, Jörg? Was is denn?«

Da kam er zum Tisch. »Mariann«, brach es in halberstickten Worten aus ihm heraus, »es gibt noch an Herrgott, Mariann! Es gibt noch ein'!« Er stürzte vor dem Tisch auf die Knie, klammerte die Hände ineinander und fing zu beten an, mit einer Stimme, die in Freude zitterte.


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