Gustav Theodor Fechner
Die Tagesansicht gegenüber der Nachtansicht
Gustav Theodor Fechner

 << zurück weiter >> 

XXII. Stellung der Tagesansicht zur Monadologie. Synechologische Ansicht der monadologischen gegenüber.

Von gewisser Seite scheint die Monadologie ganz in die Tagesansicht hineinzutreten; denn nimmt nicht die Tagesansicht eine, durch die ganze Welt gehende Beseelung an, und mißt nicht auch die Monadologie allen einfach gedachten Punkten der Welt psychisches Vermögen bei; doch findet ein tiefgreifender Unterschied zwischen beiden statt, der sich nur etwas verschieden gestaltet, je nachdem man die Tagesansicht den bisher allein in der Geschichte der Philosophie zählenden Formen der Monadologie, wie sie von Leibniz, Herbart und in gewissem Sinne von Lotze vertreten ist, oder einer neuerdings aufgetretenen Form gegenüber ins Auge faßt. Mag zuerst das erste geschehen, wobei wir nur auf den allgemeinen Gesichtspunkt der Übereinstimmung, nicht die verschiedenen Modifikationen, unter denen die Monadologie bei jenen Philosophen auftritt, Rücksicht nehmen werden.

Der ganze fundamentale Unterschied der Monadologie, den wir zunächst schlechthin unter Monadologie verstehen, von der Tagesansicht liegt darin, daß die Monadologie die Einheit des Bewußtseins an die Einfachheit des Wesens der Weltelemente, die Tagesansicht hingegen an einen wechselwirkenden Zusammenhang derselben knüpft, was ich der monadologischen Auffassung gegenüber kurz als synechologische bezeichne. Der Monadologie fehlt hiernach das Prinzip für die Annahme eines, über alles Sein und Geschehen in der Welt oder auch nur über gegebene Gebiete derselben übergreifendes Bewußtsein, indes die Tagesansicht solches zum Fundamente hat. Das ganze menschliche Bewußtsein steckt für den Monadologen in einem Punkte des Gehirns; denn wennschon er seine Monaden in metaphysischer Betrachtung nicht mit materiellen Punkten selbst identifiziert, lokalisiert er sie doch in solchen für die erfahrungsmäßige Betrachtung und Bewährung, und sucht demnach ausdrücklich einen einfachen Punkt als Sitz der menschlichen Seele im menschlichen Gehirn. Für die Tagesansicht hingegen greift das menschliche Bewußtsein einheitlich über einen Komplex in Zusammenhang tätiger Punkte des Gehirns über, d. h. steht im Verhältnis der Bedingtheit dazu. Das göttliche Bewußtsein, wenn in der Monadologie noch von einem Gott oder letzter Konsequenz die Rede, die sie freilich hier gern verloren gibt, steckt auch nur in einem Hauptpunkte der Welt; nach der Tagesansicht greift es über alle Punkte der Welt über. Dazu macht die Monadologie von der ihr an sich zustehenden Möglichkeit, sinnliche Erscheinung in der Welt über Menschen und Tiere hinaus anzunehmen, keinen Gebrauch, huldigt vielmehr, sei es dem Kantschen Prinzip, der Unerkennbarkeit dessen, was über den menschlichen Geist hinaus liegt, oder schreibt den Monaden über uns und den Tiere hinaus nur dunkles Bewußtsein zu, sieht nur schlafende Seelen darin, um die sich nicht zu kümmern. Wogegen die Tagesansicht der positiven Ansicht einer Erweiterung der uns zukommenden sinnlichen Erscheinung über uns hinaus Raum gibt und weiteres darauf baut.

Eingehender habe ich das synechologische Prinzip dem monadologischen gegenüber im letzten Abschnitte meiner Atomenlehre und (aus mehr empirischem Gesichtspunkte) im 37. und 45. Abschnitte des 2. Teiles meiner Elemente der Psychophysik vertreten, und an letzterem Orte (S. 526) kurz so formuliert: "Das psychisch Einheitliche und Einfache knüpft sich an ein physisch Mannigfaltiges, das physisch Mannigfaltige zieht sich psychisch ins Einheitliche, Einfache oder doch Einfachere zusammenDas psychisch Einheitliche und Einfache sind infofern unterschieden, als das Einheitliche selbst noch die Verknüpfung einer unterscheidbaren Mehrheit ist, woraus aber das Bewußtsein der Verknüpfung oder verknüpfende Bewußtsein als etwas Einfaches abstrahierbar ist, wie man sich an der Einheit des Bewußtseins, der Einheit einer Idee oder eines Begriffes erläutern kann, indes das schlechthin Einfache keine unterscheidbare Mehrheit mehr einschließt, und nur Element für Verknüpfungen, aber nicht selbst mehr Verknüpfung von Einfacherem ist, wozu eine einfache Ton-, Farben-, Geruchsempfindung Beispiele gewähren.. Oder anders: Das psychisch Einheitliche und einfache sind Resultanten physischer Mannigfaltigkeit, die physische Mannigfaltigkeit gibt einheitliche oder einfache psychische Resultanten." Noch anders (vorbehaltlich näherer Erläuterung): "Der Geist, die Seele ist das verknüpfende Prinzip für die körperliche Zusammenstellung und Auseinanderfolge."

Von Erfahrungsseite aber habe ich zugunsten des synechologischen Prinzips Punkte wie folgende hervorgehoben (Elem. II. 349). Monadologisch wäre ein Punkt in unserm Gehirn zu fordern, von dem alle willkürlichen Bewegungsnerven auslaufen und in den alle Empfindungsnerven zusammenlaufen, zugleich ein Punkt, mit dessen Zerstörung oder seiner Umgebung die Seele sicher aus dem Leben fällt; ein solcher Punkt ist nicht zu finden, wogegen ein Prinzip wechselseitiger Vertretung korrespondierender Gehirnteile in psychischer Leistung besteht, was alles die gezwungensten Erklärungen herausfordert, um monadologisch gedeutet zu werden; indes all das sich in natürlichster Weise synechologisch fassen und deuten läßt. Dasselbe gilt von den Phänomenen der teilbaren Tiere. "Mit beiden Gehirnhälften denken wir nur einfach, mit den identischen Stellen beider Netzhäute sehen wir nur einfach. Dem einfachsten Gedankengange liegt nach den zusammengesetzten Anstalten in unserm Gehirn ein sehr zusammengesetzter Prozeß unter; die einfachste Licht- oder Schallempfindung knüpft sich an Vorgänge in uns, die als angeregt und unterhalten durch äußere Oszillationsvorgänge auch selbst irgendwie oszillatorischer Natur sein müssen, ohne daß wir etwas von den einzelnen Phasen und Oszillationen unterscheiden. Die unsäglich mannigfaltigen einfachen Geruchs- und Geschmacksempfindungen würden sich psychophysisch nicht repräsentieren lassen, wenn wir nicht einfache Resultanten verschieden zusammengesetzter Prozesse darin sehen wollten, welche sich nach dieser Zusammensetzung verschieden qualifizieren."

Sprechen wir jetzt von der neuen Form der Monadologie, welche zuerst wohl von Zöllner in seinem berühmten Kometenbuche (l. Aufl.(. 1872. S. 320 oder wiss. Abh. I. S. 338) angeregt scheint, ohne daß er doch die Entwicklung, welche sie nachmals durch Hartmann in seiner Schrift "Die Deszendenzlehre o. Standp. d. Physiol." usw. und Häckel in seiner Schrift "Perigenesis der Plastidule 1876" erfahren hat, vertrittZöllner knüpft nämlich Empfindung an den Bewegungszustand der Atome zu dessen Zustandekommen aber die Wechselwirkung mindestens zweier Atome nötig sei, was noch in Zweifel lassen kann, ob er monadologisch zwei unterscheidbare Empfindungen respektive für das eine und andre Atom oder synechologisch nur eine Empfindung für das System von beiden statuiert. Jedenfalls aber ist es ganz synechologisch und tritt völlig aus der Fassung oder den Konsequenzen der Monadologie seitens seiner Nachfolger heraus, daß er dem Weltganzen einen universalen Willen beilegt, für welchen die Empfindungen der Lust und Unlust Motive darstellen, eine Idee, welche zur Tagesansicht stimmt, wenn auch die psychophysische Begründung der Lust und Unlust selbst (nach Abschn. XV und XVIII) von mir anders als von Zöllner gefaßt wird.. Auch hat vielleicht Hartmann, dem Häckel erst gefolgt ist, seine Ansicht unabhängig von Zöllner gefaßt und entwickelt, da er keinen ausdrücklichen Bezug auf ihn nimmt.

Diese neue Form der Monadologie kommt darauf zurück, daß den Atomen der Materie im Bewegungszustande, insbesondere Schwingungszustande – nur absolut kalte Atome aber Schwingen nicht – elementare Empfindungen beigelegt werden, welche an diesem Bewegungszustande (nicht an einer inneren Spiegelung der Welt oder inneren Selbsterhaltungen wie nach Leibniz oder Herbart) hängen. Hiernach stellt jedes einfache Atom schon für sich eine einfache Seele dar oder ist mit einer solchen behaftet zu denken, die durch Schwingung des Atoms zur Empfindung gelangt. Abweichend von der früheren Form der Monadologie läßt diese Ansicht auch eine Verschmelzung der einfachen Elemente zu ganzen Seelen gelten, bringt es aber wegen des Sträubens ihrer Vertreter gegen die Gottesidee bloß bis zur Annahme einzelner zusammengesetzter Seelen, ohne daß klar wird, warum nicht bis zu einer Zusammensetzung für die ganze Welt. Über das Prinzip, wie aus den einzelnen psychischen Elementen ein übergreifendes Bewußtsein zustande kommt, fehlen klare oder bestimmte Erklärungen. Hartmann bezeichnet das Bewußtsein einer zusammengesetzten Seele als Summationsphänomen; die Summation reicht nach ihm so weit, bis ein Leitungswiderstand sie unterbricht; damit trennt sich das Bewußtsein; nur fragt man sich, an welchen Leitungswiderstand dabei zu denken ist, da Schwingungen von Atom zu Atom sich durch die ganze Welt mitteilen. Häckel bedient sich weder des Ausdruckes Summation noch Resultante, sondern seine Theorie, wenn man von einer solchen bei ihm sprechen kann, besteht in der einfachen Annahme, daß, wenn die Stoffe es bis zur Zusammensetzung einer sog. PlastiduleUnter Plastidulen versteht Häckel die Moleküle der allereinfachsten, keine inneren Unterschiede in sich darbietenden Organismen, wie der Moneren, deren Substanz er Plasson nennt. Aus Differenzierung der PIastidule entstehen dann Moleküle, welche den Zellenkern, und welche das denselben umgebende Protoplasma bilden sog. Kokkomodule und Plasmodule). bringen, worin der Kohlenstoff das wichtigste lebensbedingende Element ist, damit die Fähigkeit des Gedächtnisses entsteht, welche den einfachen Atomseelen noch abgeht, womit der erste Fortschritt ins höhere Seelenreich getan ist.

Fundamental nun scheint mir folgendes gegen diese ganze Auffassung einzuwenden.

Ein Teilchen kann für sich allein nicht Schwingen, mindestens gehören (wie auch Zöllner hervorhebt) zwei dazu, die sich wechselseits dazu bestimmen. Soll also Schwingung Empfindung bedeuten, so kann zuvörderst die Empfindung nur in dem System beider entstehen. Es kann aber auch nur das System beider (oder noch mehrerer) Empfindung haben. Denn das Teilchen wird durch seine Schwingung nur unverändert wie es ist, im äußeren Raume hin- und hergeführt; als einfaches hat es sogar kein Inneres, worin etwas durch die Schwingung sich ändern, woran also die Entstehung und der Vorgang der Empfindung sich knüpfen könne. Man will aber doch ein Prinzip der Abhängigkeit des Psychischen vom Physischen aufstellen. Wie nun kann etwas psychisch entstehen, wenn die physische Unterlage dieselbe bleibt.

Anders mit dem System beider Teilchen. Hier haben wir in den Lagenveränderungen der Teilchen zueinander, der Schnelligkeit und den Veränderungen der Schnelligkeit, womit die Lagenänderung geschieht, innere Bestimmungen des Systems, wozu sich die Entstehung und die Änderung der Empfindung in gesetzlicher Beziehung denken läßt. Sind mehr als zwei Teilchen da, so verwickeln sich diese Bewegungen durch Verwicklung der Wechselbeziehungen der Teilchen mehr und mehr und können damit eine Unterlage zu immer verwickelteren geistigen Leistungen geben. Hiernach aber werden die Empfindungen, die sich an die zusammengesetzten Schwingungen und Lagenverhältnisse knüpfen, als Sache des größeren Systems und seiner Partialsysteme, nicht aber als Sache der dabei unverändert bleibenden einzelnen materiellen Punkte zu betrachten sein, welche vielmehr gleichgültiger Stoff dabei bleiben.

Nun könnte man zwar im Sinne der gegenteiligen Auffassung sagen: wennschon nicht das Atom, aber dessen Schwingung hat doch ein Inneres, und auf diese, nicht auf das Atom, ist die Empfindung zu beziehen. Das Atom ist auch für uns nur der gleichgültige Träger der Bewegung. – Sei es, sofern aber jede Schwingung eine Reihe von variierenden Geschwindigkeiten einschließt, knüpft man damit schon selbst ein einfaches psychisches Moment, die einfache Empfindung, an eine Mannigfaltigkeit von physischen Momenten, und kommt damit schon von zeitlicher Seite in die synechologische Ansicht hinein. Von andrer Seite ist nicht wohl erklärlich, wie durch Summation für sich bestandfähig gedachter Empfindungen einzelner Atome, höhere geistige Phänomene entstehen können; der Geist besteht ja nicht bloß aus einer Summe einzelner sinnlicher Empfindungen; also muß doch das Prinzip eines Übergreifens psychischer Wirkung über eine Mehrheit von Atomen zugelassen werden, womit man von andrer Seite in die synechologische Ansicht hineinkommt, hiermit aber das monadologische Prinzip überhaupt verläßt.

Nach synechologischer Ansicht nun ist die ganze materielle Welt überhaupt ein System sich wechselseits zu Schwingungen und größeren Kreislaufsbewegungen bestimmender Ausgangspunkte äußerer Erscheinungen mit untergeordneten Partialsystemen, und eine Unterbrechung der Wechselbestimmtheit dazwischen, die man als Leitungsunterbrechung fassen möchte, besteht nicht. Das gibt eine Welt mit einem in sich zusammenhängenden geistigen Inhalt und eine Gliederung dieses Inhaltes, zugehörig zur Gliederung der materiellen Welt, sofern die Wechselbestimmtheit und die daraus hervorgehenden Bewegungen verschiedene Formen und Größenwerte annehmen können, wobei die Tatsache der Schwelle ihre im 11. Abschnitt besprochene Rolle in Unterscheidung verschiedener geistiger Gebiete spielen mag. Auf diesem Wege, nicht aber mit der Summation und Verkettung einzelner Atomseelen, die hier und da durch Leitungswiderstände unterbrochen ist, kommt man auf die über die ganze Welt übergreifende Synechologie der Tagesansicht zurück.

Man sagt: wenn nicht schon den einzelnen materiellen Punkten psychische Kraft inwohnte, wie sollte in ihre Zusammensetzung solche kommen; es könnte eben nur eine Zusammensetzung des Empfindungslosen, Seelenlosen sein. Aber man vergißt, daß die Zusammensetzung selbst nur unter Zuziehung von etwas Neuem geschehen kann, was mehr als eine bloße Summe von Punkten daraus macht. Eine Empfindung kann zwar überhaupt nicht aus physischen Verhältnissen entstehen , aber ihre Entstehung sich an zeitlich räumliche Verhältnisse von Atomen, die nicht selbst Atome sind, gesetzlich knüpfen, ohne sich an einzelne Atome knüpfen zu können.

Gewiß kann nicht Zweies und Eines begrifflich dasselbe sein, also auch nicht physisch Mannigfaltiges und psychisch Einfaches; das behauptet aber auch die synechologische Ansicht nicht, wenn sie behauptet, daß zum psychisch Einfachen ein physisch Vieles gehört. Der tiefer liegende Grund dieses Verhältnisses aber kann nach einer gründlicheren Betrachtung des Verhältnisses von Leib und Seele, wovon anderwärts (Abschnitt XXI) gesprochen, schließlich darin gefunden werden, daß das, was für sich in eigner Selbsterscheinung, d. i. als Psychisches, nur ein einfaches ist, doch ausgebreitete Wirkungen in der Welt um sich erzeugt, wodurch es andern sein Dasein verrät, und dadurch die ihm zugehörige Erscheinung der äußerlich wahrnehmbaren körperlichen Zusammenstellung gibt. Der Psychophysiker aber braucht sich an diese Abstrusität, wenn er sie dafür hatten will, nicht zu halten, sondern kann dem Philosophen überlassen, die synechologische Ansicht darein zu übersetzen.


 << zurück weiter >>