Gustav Theodor Fechner
Die Tagesansicht gegenüber der Nachtansicht
Gustav Theodor Fechner

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XI. Zur Seelenfrage.

Sofern nach der Tagesansicht nicht bloß Menschen und Tiere, sondern gar Pflanzen und Sterne ihre eigne Seele haben, wird nicht auch der Kristall mit einer solchen bedacht sein wollen? Nun, ich meine, das ist so. Wenn das Licht nicht bloß in Menschen und Tieren, sondern auch darüber hinaus gesehen, seine Helligkeit, sein Glanz, seine Farbe empfunden wird – und das ist ja ein Grundpunkt der Tagesansicht; der allgemeine Geist ist das Gefäß von aller dieser Empfindung –, so wird auch die besondere Weise, wie ein Kristall das Licht bricht, in besonderer Weise empfunden werden; und wie sich der Kristall gegen das Licht oder dieses gegen ihn anders wendet und dreht, immer anders, und doch in einer, durch sein inneres Gefüge und das Verhältnis seiner Achsen in Zusammenhang bedingten Weise empfunden werden, ohne daß die Empfindung in die von andern Kristallen übergreift. Willst du nun das als Sache einer besonderen Seele rechnen, so steht dir’s frei; jedenfalls bist du nicht dadurch daran gehindert, daß es der allgemeine Geist ist, der diese Empfindungen hat; derselbe Geist hat auch alle deine Empfindungen, Erinnerungen usw.; doch unterscheidet er dich in sich von andern Geistern und hast du damit deine eigne Seele; warum nicht in demselben Sinne der Kristall. Und so hätte der Diamant die Schönste von allen diesen kleinen Seelen, der geschliffene sogar eine durch Erziehung geformte, veredelte; und am schönsten, wenn es der Diamant am Finger von einer ist, die eine noch höhere und schönere Seele im Haupte darüber hat.

Aber die Empfindungen des Diamanten werden keine Erinnerungen in seiner Seele hinterlassen, er wird nicht über seine Empfindungen reflektieren, sie werden nach äußeren zufälligen Einwirkungen in ihm entstehen und wieder vergehen, ohne sei es nach eigner Periodizität sich zu wiederholen oder zu etwas Neuem fortzubilden; und willst du sagen: also hat der Diamant vielmehr keine Seele, so steht dir’s wieder frei; es steht dir ja frei, woran du den Ausdruck Seele knüpfen willst. Und hat man nicht von dieser Freiheit schon den ausgiebigsten Gebrauch gemacht? Gar von Seelen ohne alle Empfindung gesprochen, insofern sogar für die Pflanzen solche zugelassen, ohne deshalb Empfindung für sie zuzulassen, und dann wieder nur Seelen gelten lassen wollen, die nicht bloß empfinden, sondern auch wissen, daß sie empfinden. Kann ich die Freiheit der Worte beschränken, und den Streit der Nachtansicht um den Gebrauch der Worte hindern; es hieße sie um ihre halbe Philosophie verkürzen.

Die Pflanzen anlangend, so meine ich selbst nicht, daß sie ein höheres, ein reflektives Bewußtsein irgendwelcher Art haben, wohl hingegen, daß sie in einer Auseinanderfolge und periodischen Entwicklung sinnlicher Empfindungen und Triebe leben, worin der Kristall noch nicht lebt, indes das neugeborene Kind schon darin lebt. Auch dieses kann noch nicht zu sich sagen: ich empfinde, und kommt beim ersten Eintauchen in die Reize der Außenwelt noch nicht dazu, sich der vergangenen zu erinnern, sondern geht im Flusse der Gegenwart fort; und ebenso, mein’ ich, ist’s mit der Pflanze; aber später kommt das Kind dazu, indes es bei der Pflanze nie dazu kommt; sie hat nicht die Anlage dazu, sondern bleibt von gewisser Seite immer auf der Stufe des neugeborenen Kindes, von andrer auf weiblicher Charakterstufe dem Tiere und Menschen gegenüber stehen. Von diesen hat das erste schon Erinnerung, aber noch nicht Selbstreflexion, der erwachsene Mensch, ist er anders über den rohen Neger hinaus, auch diese. Ich will aber das in dieser Beziehung schon früher anderwärtsIn "Nanna" und "Über die Seelenfrage". Ausgeführte hier nicht noch einmal des breiteren ausführen.

So nun gibt es Unterschiede, Stufen mannigfach in der individuellen Weise, wie sich das Bewußtsein entwickelt und betätigt; und nicht um den Namen Seele für diese oder jene Stufe sollte man sich streiten – was ist denn überhaupt aus einem Worte zu folgern, das man nicht zuvor hineingetan –, sondern bloß nach der Sache fragen, worüber allein ein Streit von sachlichem Interesse ist. Könnte man nur auch in andre Seelen wie in die eigne sehen, um den Streit darüber sicher zu entscheiden.

Aus sehr allgemeinem Gesichtspunkte erhebt sich folgende Frage: da der materielle Prozeß im Zusammenhange durch die Welt reicht, an welches Verhältnis desselben knüpft sich überhaupt die geistige Unterscheidung, sei es, daß sie Empfindungen, sei es, daß sie ganze Geister betrifft. Um wie immer von Tatsachen auszugehen, gehe ich von zwei Beispielen derselben aus.

Der Himmel ist bei Tag wie Nacht voll Sterne und doch sehen wir bei Tage keinen Stern. Warum nicht? Jeder Stern fügt doch dem Himmel bei Tage an der Stelle, wo er steht, ebensoviel Helligkeit zu, als dem Himmel bei Nacht. Es ist wahr, aber sein Unterschied von der umgebenden Helligkeit, auf welche er sozusagen aufgesetzt ist, ist bei Tage verhältnismäßig geringer, und so wie sie im Verhältnis dazu zu gering wird, unterscheiden wir ihn nicht mehr von der Umgebung, er verfließt in der allgemeinen Helligkeit. Schon in der Dämmerung verschwinden daher die meisten Sterne.

Das Spiel einer Violine wird deutlich gehört, wenn sie in unsrer Nähe für sich oder bei schwachem Tagesgeräusch gespielt wird. Aber wenn ein ungeheuerer Volkstumult ist, so wird sie zwar noch in dem allgemeinen Geräusch mit gehört und trägt bei, es zu vermehren, aber ihr Spiel wird nicht mehr besonders unterschieden; es verfließt im allgemeinen Eindruck. Doch brauchte man es nur hinreichend zu verstärken, so würde es wieder unterschieden werden. Auch trägt die Verschiedenheit der Qualität des Spieles vom übrigen Geräusche bei, es leichter davon unterscheiden zu lassen.

Insofern nun die Empfindungen des Lichts und Schalls an physische Vorgänge in uns geknüpft sind, die mit den äußeren erregenden Ursachen steigen und fallen (wenn auch nicht nach gleichem Verhältnisse), werden wir zu sagen haben: Empfindungen können in unserm Bewußtsein nur insofern als besondere unterschieden werden, und unterschieden miteinander bestehen, als die unterliegenden physischen Prozesse sich über eine gewisse Grenze, die sog. Unterschiedsschwelle, hinaus von den benachbarten und damit mischenden unterscheiden, wobei sowohl Quantität als Qualität des Unterschiedes in Rücksicht kommt.

Verallgemeinern wir nun das vorige Gesetz, so werden die ganzen Bewußtseinsgebiete von Mensch und Tier innerhalb des Weltbewußtseins nur insofern unterschieden werden, als die materiellen Prozesse, welche das Bewußtsein der Menschen und Tiere tragen, sich von dem umgebenden allgemeinen Prozeß über eine gewisse Grenze hinaus unterscheiden; sonst verfließen sie im Allgemeinbewußtsein des Weltgeistes, und tragen zwar immer noch dazu bei, dasselbe im ganzen zu heben, ohne sich aber selbst unterscheidbar über das Ganze zu heben. Eingehender ist von diesen Verhältnissen in meinen Elementen der Psychophysik gehandelt.


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