Kurt Faber
Tage und Nächte in Urwald und Sierra
Kurt Faber

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Die Hölle von Punta Cajú

Die Welt bei vierzig Grad Fieber. – Aus dem Regen in die Traufe. – Auch ein Spital. – Sterben en gros. – System Coué. – Der Schatz unter dem Strohsack. – Die populäre Papiermark. – Traurige Nächte. – Noch ein Spital. – Neues Reisefieber. – Allerlei Einwanderer. – Die Revolution als Rettungsengel. – Heimwärts! – Gefunkte Inflation. – Der Umgang mit Valutahyänen. – Endlich in Deutschland.

Über Rio de Janeiro ist schon viel Schönes und Gutes geschrieben worden. Von dunklem Meer und dunklem Tropenhimmel, von weißen Häusern unter hohen Palmen, von leuchtenden Gärten, in denen die letzte Eleganz lustwandelt im berauschenden Dufte der Blumen, von wilder Brandung, die funkelnd und leuchtend gegen schroffe Felsen anläuft. Rio de Janeiro – das ist das Schönste, das Vollkommenste, was diese arme Erde an Landschaftsbildern bietet, kein anderer Platz, auf den die Natur ihre Schönheiten in solch verschwenderischer Fülle ausgeschüttet hat. – Nicht wahr, so lautet das alte Lied der Rioreisenden? Und es mag den Tatsachen entsprechen. Mag sein, daß diese Schönheiten noch weit hinausgehen über das, was menschliche Zungen und Federn mit ihren armen Mitteln auszudrücken vermögen. Ich bin sogar sicher, daß dem so ist. Und doch – wenn ich in schwachen Stunden gelegentlich einmal an meine eigenen Tage und Monate in Rio de Janeiro zurückdenke, so steigt es in meiner Nase auf von Jod- und Chloroformgerüchen und durch einen Schleier von Fieberphantasien sehe ich nur immer die Hölle von Punta Cajú.

So deutlich sehe ich sie vor mir, als ob ich ihr eben erst entronnen wäre. Wie ich dahin gekommen? Ich möchte es eben so gern wissen, aber das werde ich mir wohl niemals wieder zusammenreimen können, denn die Welt sieht sonderbar aus bei vierzig Grad Fieber. Ich weiß nur noch von einer langen Eisenbahnfahrt, die niemals ein Ende nehmen wollte, von einem wüsten Spital und einem freundlichen Konsul in Santos, von einem Schiff, mit dem ich nach Hause fahren sollte und das mich wieder ausschiffte in Rio de Janeiro, und dann wieder von einem Krankenhaus – aber was soll ich erzählen von diesen verworrenen Geschichten?

Eines Abends, als das Fieber mir leise im Kopfe rumorte und alles ringsum in düsterem Halbdunkel lag, versammelte sich eine Gesellschaft von Ärzten in weißen Kitteln neben meinem Bett. Eine Weile steckten sie beratend die Köpfe zusammen.

»Tem fevre typhoida,« sagte der Direktor.

Auf seinen Wink kamen zwei handfeste uniformierte Kerle, packten mich nicht eben sanft bei Kopf und Füßen, legten mich auf eine Tragbahre, und fort ging es in rasender Fahrt im Krankenauto. Denn in gewissen brasilianischen Krankenhäusern werden Patienten nur aufgenommen unter der Bedingung, daß ihre Krankheit nicht tödlich und nicht ansteckend ist. Die übrigen schaffen sie fort ins Seuchenspital an der Punta Cajú.

Lange fuhren wir so durch die Straßen der Stadt. Keine Ahnung hatte ich, wohin es gehen sollte, aber daß es nicht zum Besseren führen würde, das wußte ich, auch ohne daß es mir jemand gesagt hatte. Schon waren wir an Ort und Stelle. Schon rumpelte der Wagen durch das offene Tor, über dem es zwar nicht stand, aus Rücksicht auf die Gäste, über dem es aber wohl hätte stehen können, wie über der Tür zu jener anderen Hölle: »Lasciate ogni speranza!«

Im Scheine der Laterne las der Wärter den mitgebrachten Zettel. Dann ging es durch eine der endlos langen Reihen zwischen zahllosen Betten, die dicht nebeneinander im Halbdunkel des mächtigen Raumes standen. Alle waren besetzt, und da und dort, wo wir vorbeikamen, schreckte einer auf und schlug um sich in Fieberphantasien. Erst ganz am Ende der langen Reihe fand sich ein leeres Bett mit einem Strohsack, auf dem kurz zuvor erst einer gestorben war. Ich legte mich hin, und es war gut, daß das wieder aufflackernde Fieber mich vorerst jeder weiteren Betrachtung über meine traurige Lage enthob. – –

Damit ich es gleich vorwegnehme: Vier Wochen habe ich zugebracht in der Hölle von Punta Cajú; traurige, trostlose Wochen, die mir zusammen so lang vorkommen, wie alle übrigen in meinem ganzen Leben.

Es geht mir wider meine Gefühle, aber ich kann nicht umhin, diesen düsteren Platz mit einigen Worten zu beschreiben. Fast ringsum vom Wasser umgeben, auf einer weit in die Bai vorspringenden Landzunge, ist er eine Kolonie, eine Stadt im kleinen. Mehrere Hügel erheben sich auf der Landzunge, und auf jedem steht ein mächtiger flacher Pavillon wie ein indischer Bungalow. Um jeden dieser Pavillons zieht sich eine breite überdeckte Galerie, die tagsüber dicht bevölkert ist von den Patienten in ihren hellen Spitalanzügen. Nur der letzte, etwas abgelegene Pavillon lag meistens tot und verlassen da. Dort waren die Leprakranken zu Hause. Von dort führte kein Weg mehr zurück zu der großen, lebendigen Welt, drunten in der Großstadt. Und auch bei uns war es beinahe eine gleiche Chance, ob einer wieder vom Berge herunter kommen würde oder nicht.

Im Laufe des Vormittags pflegte der Doktor zu erscheinen. Er hatte in zwei Stunden einige fünfhundert Patienten zu betreuen, und da war es kein Wunder, daß die ärztliche Kunst hier etwas summarisch gehandhabt wurde. Auf und ab ging er in den langen Reihen zwischen den Betten und verteilte Aspirin und dergleichen Dinge zur Beruhigung der Nerven. Da und dort stellte er den eingetretenen Tod fest, worauf der Betreffende dann von den Wärtern auf einen bereitstehenden Karren geladen und ohne irgendwelche Umstände hinausbefördert und in eine Grube voll ungelöschtem Kalk geworfen wurde. Ich bin in meinem Leben schon in Orten gewesen, wo sie en gros gegessen oder geschlafen haben, hier aber wurde en gros gestorben, und der Tod selbst hatte seine Schrecken verloren über der Alltäglichkeit.

Nur bei mir blieb der Doktor stets einen Augenblick stehen und schaute mich vorwurfsvoll an. – »Was, Hund, du röchelst noch?«

Aber für etwas ist wohl auch der Starrsinn gut. Wenn es schon einmal zu Ende geht, sagte ich mir, dann wenigstens nicht an diesem Platze. Nur nicht sterben in diesem Affenlande. Das wiederholte ich mir wohl fünfzigmal an jedem Tage, genau so, wie es die modernen Wunderdoktoren tun. Und siehe da! Die Wirklichkeit entfernte sich immer weiter von der Erwartung des Doktors und dem Reglement der Anstalt. Nach acht Tagen war ich schon so weit, daß ich mühsam auf den Beinen stehen und die drei Schritte aus dem düsteren Saale hinaus auf die Terrasse machen konnte. Das war auf alle Fälle ein riesengroßer Fortschritt. Denn dort draußen war Licht und Sonne, und wo gäbe es einen besseren Arzt wie diese! Man hatte seine Unterhaltung, und das ist auch etwas wert, zumal in solcher Lage. Denn das Elend liebt die Gesellschaft. Es war gewiß nur eine wenig erfreuliche Gesellschaft, die sich da auf der Terrasse sonnte. Gewiß war es hier ein Kongreß aller Krankheiten, bis zu den giftigsten, die jemals eine Tropensonne ausgebrütet. Aber wie der Tod selbst, so war auch die Krankheit etwas Selbstverständliches in dieser Umwelt. Was immer noch so einigermaßen auf den Beinen stehen konnte, das pflegte sich auf dem sonnigen Teile der Veranda zu versammeln und sich die Zeit zu vertreiben mit Zigarettenrauchen, Kartenspielen – und mit Spekulieren.

Es war gerade die Zeit, da unsere alte deutsche Reichsmark stärker zu gleiten anfing auf der großen Rutschbahn, die ins Nichts der Billionen führte. Ein wenig langsam und ruckweise ging es damals noch, aber gerade schnell genug zur Beflügelung der Phantasie an den Enden der Erde bei allen denen, die immer und ewig auf dem Ausguck sind nach Mitteln und Wegen, durch die man reich wird im Handumdrehen. Zu jener Zeit gab es in ganz Rio de Janeiro kaum einen Kellner oder Barbier, der nicht zu Hause seine Tausendmarkscheine in der Schublade hatte. Im Spital auf der Punta Cajú hatte jeder seinen Schatz unter dem Strohsack liegen. Die Mark war diesen Deutschland, und es war erstaunlich zu sehen, wie blind sie alle an Deutschland glaubten. Die ungeheure deutschfeindliche Propaganda, die fünf Jahre lang hemmungslos auf sie niedergeprasselt war, hatte in diesen primitiven Köpfen gerade das Gegenteil von dem hervorgerufen, was sie eigentlich beabsichtigte. In ihren Augen war Deutschland noch immer das große, mächtige, im Felde unbesiegte Land. Von Versailles wußten sie nichts, und die, die davon gehört hatten, glaubten nicht daran und hielten das alles für eine ganz besonders raffinierte Falle, die er eines Tages zuklappen würde – der Kaiser!

Darum suchten sie sich beizeiten zu decken gegen diese unausbleibliche Entwicklung und hamsterten Reichsmark, wo immer sie ihrer habhaft werden konnten. Und da ich hier der einzige Deutsche war, kamen sie oft und sagten mir ihre politische Meinung. – Ja, sie seien alle immer muito proallemão gewesen, mit Ausnahme von den Geldsäcken auf der Avenida Rio Branco. Denn das wisse doch ein jeder: Allemanho sei immer ein anständiges Land gewesen, wo die Minister keine Diebe sind – ja, und eines Tages werde der Kaiser auch nach Rio de Janeiro kommen und die Deputierten fortjagen, die von den Steuern der armen Leute leben.

So hielten sie lange und temperamentvolle politische Gespräche, denen ich zumeist nicht zuhörte, während ich die Augen müde wandern ließ über den dunkelblauen Himmel, über das glitzernde Wasser unter der hellen Sonne und über die Palmen am jenseitigen Ufer. Von fernher kam das dumpfe Tuten der ein- und auslaufenden Dampfer, das mich zuweilen wundern ließ, ob ich trotz allem doch noch einmal mit ihnen hinausfahren würde. Langsam versank die Sonne hinter der hohen, felsigen Ilha do Gobernador, ringsum glühten die Berge in dunkelvioletten Farben, die Sonnenstrahlen lagen fast wagrecht auf dem Wasser, und die roten Segel der Fischerboote am Strande flammten auf wie Feuergarben in dem letzten Strahl der scheidenden Sonne.

Sobald die Sonne vollends untergegangen war, erhoben die Spatzen auf dem Dache ein eifriges Gezwitscher, das etwa fünf Minuten lang andauerte, bis das letzte blasse Tageslicht vom Horizont gewichen war. Dann wurde es still. Die kühle Nachtluft trieb alle zurück in die Halle. Jeder legte sich auf sein Bett, und bald hörte man nur noch die unregelmäßigen Atemzüge der schlafenden Menschen.

Die Nacht ist keines Menschen Freund, zumal nicht der Kranken. Wenn ich an die langen Nächte auf der Punta Cajú denke, so überkommt es mich heute noch mit einem leisen Schauder. Solche Nacht war länger als ein Dutzend andere. Ein Gesunder hätte nicht schlafen können in dieser Luft, die dick war von Bazillen und von scharfen Spitalgerüchen, die sich schwer auf die Lunge legten. Oben an der Decke brannten ein paar spärliche Lichter und ließen alles in einem dämmerigen Halbdunkel erscheinen, das diesen Ort noch trauriger und unheimlicher erscheinen ließ als er ohnehin schon war. Bei Tag war es erträglich gewesen, aber jetzt in der Dunkelheit, wo jeder Zeit hatte zum Nachdenken über sich und seine Krankheit, steckte einer den anderen an mit Seufzen und Stöhnen. Und manche brüllten ordentlich darauf los mit der Ungehemmtheit dieser halbwilden Naturmenschen.

»Doctor! Por Dëus!«

Aber der Doktor kam nicht. Dafür aber kamen die Infermaros, die Krankenwärter, die gern ihre Ruhe haben wollten, und gaben ihnen Morphiumeinspritzungen, bis sie still waren. Und am nächsten Morgen hatten dann die Kärrner etwas zu tun.

Irgendwo in diesem unendlich großen Räume hing eine Wanduhr, und diese haßte ich wie meinen persönlichen Feind. Tiefdröhnend und zögernd fielen die Stundenschläge in die Stille und ließen jedesmal die ganze Gesellschaft aufschrecken. – Wie? War es denn möglich? Erst neun Uhr abends? War das denn möglich?

Wie lang war diese Nacht!

Endlos zogen sich die Stunden. Zögernd und widerwillig gingen sie vorüber, und noch ehe die Mitternacht gekommen war, hatten die wilden Gedanken sich selbst aneinander erhitzt zu einem summenden Fieber.

»Allein der Schlaf, da dich die Träume schrecken,
Und mehr die schlaflos lange, bange Nacht,
Darin sie aus dem Hirn hinaus sich wagen!
Sie halten grausig neben dir die Wacht
Und reden Worte, welche Wahnsinn wecken; –
Hinweg, hinweg! Wer gab euch solche Macht!«

Und endlich, nachdem man es schon kaum mehr für möglich gehalten hatte, schlich der erste blasse Schein des dämmernden Tages durch den Raum, die Spatzen zwitscherten wieder auf dem Dache, Licht und Sonne stiegen wieder aus dem Meere, und diese sind doch die einzigen Freunde der Kranken.

So vergingen langsam etwa dreißig Tage und Nächte. Sie waren so gut wie dreißig Jahre. Doch ich will kein Wort weiter davon erzählen. Es gibt so viel Lustiges auf dieser Welt. Warum soll man sich bei dem Traurigen aufhalten?

Leicht ist es, in ein Krankenhaus zu gelangen; aber das Wiederhinauskommen, das ist die Kunst, zumal dann, wenn die Finger keine Feder halten können und man nicht einmal die zweihundert Reis als Briefporto hat. Die Infermaros waren jedenfalls die letzten, die einem so etwas auslegen würden. Die einzige Rettung war das Telephon.

Ob man nach dem deutschen Konsulat telephonieren dürfte?

»Amanhá«

So hieß es dreißigmal »amanhá« in dreißig Tagen. Aber schließlich fand sich doch noch eine Hintertür aus dieser Hölle. Wie es gegangen ist, weiß ich selbst nicht mehr recht. Irgendeine mitleidige Seele schenkte mir ein paar alte Kleider und das Fahrgeld für die Straßenbahn. Heimlich machte ich mich aus dem Staube.

Es war ein langer Weg bis zum Konsulat, und vielleicht wäre ich niemals ans Ziel gekommen, wenn sich nicht jemand meiner angenommen hätte an einer Umsteigestation in einer Allee von himmelhohen Palmen, wo ich auf den nächsten Wagen wartete und auf einmal Palmen, Häuser, Himmel und alles in einem Nebel zu verschwimmen begann. Nachdem der Doktor vier Wochen lang an mir vorbeigelaufen war, schickte mich der Konsul endlich zu einem richtigen Arzte. Der schüttelte bedenklich den Kopf.

»Sie haben die Ruhr«, sagte er trocken.

Die Nachricht war nicht erfreulich, aber ich müßte lügen, wenn ich sagen wollte, daß ich sie mir sehr zu Herzen nahm. Es gab in jener Stunde nichts, das mich besonders interessiert hätte. Nur schlafen wollte ich. Und was die neue Krankheit anbelangte, so kam es wirklich auf eine mehr oder weniger nicht mehr an. So wurde wenigstens die Kollektion voll von all den Übeln, die ich aus dem Urwald mitgebracht hatte.

Und nun beginnt eine neue Geschichte von neuen Krankheiten und Krankenhäusern, die ich mit einem großen Sprung übergehe. So sind die Menschen. Die einen gehen zugrunde an einem Hühnerauge, die anderen kann man mit Keulen nicht totschlagen, und die meisten sterben, weil sie nicht leben wollen.

Einige Zeit später ging ich, zwar noch mit zittrigen Beinen, bleich und mager, halb aufgefressen von den Krankheiten und von den Abenteuern des Urwalds, aber sonst bei bester Stimmung, durch die Straßen von Rio de Janeiro, die jetzt auf einmal so ganz anders ausschauten. – Ja, es war ein göttlich schöner Tag mit blauem Himmel und blauem Meere. Von irgendwo kam der scharfe Duft von Seefischen, die Palmen rauschten im Winde, der frisch wie das Leben selbst vom Meere herüber kam – und oh! Es ist schon wert, daß man geplagt werde von Krankheiten und Pestilenzen, nur um des Gefühles der wiederkehrenden Gesundheit willen, das süß und berauschend, wie eine Ahnung des Frühlings im Blute gärt. Vor wenigen Tagen noch war ich recht klein und häßlich gewesen. Vor wenigen Wochen noch, als ich dort oben lag auf der Punta Cajú, da hatte ich es mir hundertmal wiederholt an jedem Tage und tausendmal in den endlos langen Nächten: Wenn es Gottes Wille ist, daß du je wieder nach Hause kommst, so wirst du auch hübsch zu Hause bleiben. So wirst du dich alle Tage sattessen und jede Nacht in einem richtigen Bette zubringen. Du wirst dich einer vernünftigen und gesitteten Lebensweise befleißigen, und Urwald und Wüste und alle die anderen Schimären werden weit hinter dir liegen wie ein wüster Traum. Das war vor wenigen Wochen, auf der Punta Cajú. –

Ah, aber hier war der Hafen! Hier brandete das Leben aus fernen Ländern. Hier redete es in allen Zungen. Hier flatterten die Wimpel der Schiffe, die großen Dampfer zogen heulend vorüber nach fernen Ländern, die Sonne schien hell, und das Wasser selbst, das gegen die Kaimauer plätscherte, schien zu erzählen von großen Reisen und von fremden Gestaden. Und wieder wie in vergangenen Zeiten stand ich versunken in die Betrachtung des Bildes von Meer und Menschen, und auf einmal war mir wieder kein Land zu weit, kein Meer zu groß, kein Urwald zu wild. – Wirklich, es waren erst ein paar Tropfen gesunden Blutes, aber auch die kochten schon wieder über von neuer Wanderlust.

Aber was soll ich nun noch erzählen?

Es war damals gerade die Zeit, als zum großen alliierten und proalliierten Mißvergnügen die mit Hilfe der Reedereiabfindungssumme der Regierung erbauten funkelnagelneuen deutschen Handelsdampfer an der brasilianischen Küste zu erscheinen begannen. Ihrer sechs lagen damals allein im Hafen von Rio. Die beginnende Geldentwertung machte sie Hahn im Korb und füllte ihre Räume, während die anderen leer abziehen mußten, um mit sauren Gesichtern darüber nachzudenken, warum sie eigentlich den Krieg gewonnen hatten. Aber zur selben Zeit kam noch etwas von drüben, das einem nur allzu deutlich das andere Gesicht der Inflation offenbarte: der allmählich immer stärker einsetzende Strom der Auswanderer.

Für einen wirklich tüchtigen und zielbewußten Auswanderer, der nichts sucht als eigenen Grund und Boden, auf dem er frei und unabhängig leben will, kann es in der Tat kein besseres und aussichtsreicheres Ziel geben als die weiten Gebiete des südlichen Brasilien. Das Land ist billig, in den Regierungskolonien sogar umsonst zu haben. Der Boden ist fast überall fruchtbar, und wenn einer genügsam und sparsam ist und sich einigermaßen umtut so wird er es mit der Zeit zu bescheidenem Wohlstand und einem unabhängigen Dasein bringen inmitten ausgedehnter Kolonien seiner deutschen Landsleute, die ihm die Fremde wieder zur Heimat machen. Tausende und Abertausende derartiger Leute sind seit den Tagen des Zusammenbruchs übers Wasser gekommen und still und bescheiden irgendwohin in den Urwald gezogen, wo sie seither im Schweiße ihres Angesichts mit Axt und Hacke ihr Brot verdienen und mit unsäglicher Geduld aus den Trümmern ihrer zusammengebrochenen Existenz eine neue zimmern für sich und ihre Kinder. Es sind stille Leute, die nicht viel von sich reden machen.

Aber es kommen auch andere, die besser zu Hause geblieben wären. Das Auswanderungsfieber ist nämlich eine Krankheit wie alle anderen, sehr gefährlich und ansteckender wie die Grippe, und das Schlimme ist, daß es oft gerade die erfaßt, von denen man so etwas am wenigsten vermutet hätte. Leute, die kaum genug Kraft und Energie aufbringen für den Kampf ums Dasein in den gesicherten Verhältnissen der alten Heimat, brechen plötzlich alle Brücken ab, versilbern ihr Hab und Gut um einen Spottpreis und setzen Segel nach fernen Ländern. Wunder wie kühn kommen sie sich dabei vor. Aber wenn nach der Ankunft in der »neuen Heimat« erst einmal das große Hexeneinmaleins der Valuta die Papiermark in Milreis verwandelt hat und man herausfindet, wie wenig man sich für so etwas kaufen kann, wenn sie mit ihren Siebensachen allein stehen in der kalten, bösen Welt, in der sie sich nun umtun sollen, dann kommt die Ernüchterung um so plötzlicher. Drüben – da hatten sie es sich ausgemalt in glühenden Farben. Da hatte sich ihre Phantasie erhitzt an Bildern von revolvergespickten Theaterhelden, von Gauchos, die sie im Kino gesehen. Wenn es so wäre! Vielleicht hätten sie sich damit abgefunden. Daß aber auch hier unter den glühenden Strahlen der Tropensonne die Dinge eng beieinander wohnen, daß die Menschen essen und schlafen und tagsüber verdorren in den Fabriken und auf den Kontorschemeln und eigentlich alles so ist wie anderswo auch, das können sie nicht ertragen.

Und wenn dann nach einigen vergeblichen Bemühungen ihre Unzulänglichkeit für den Kampf ums Dasein in der Fremde nur allzu offensichtlich ist, dann laufen sie aufs Konsulat, dann belagern sie die Bureaus der Hilfsvereine, dann gehen sie hinunter zum Hafen, wo die deutschen Schiffe liegen und werfen sich weinend zu Füßen des Kapitäns, damit er sie wieder mitnehme als »Überarbeiter« nach Deutschland. Aber die Gelegenheit hierzu ist nicht so leicht gefunden wie jenes Schiffsbillett, das man vor zwei oder drei Monaten noch andächtig bestaunt hatte als eine Eintrittskarte ins Paradies. –

Und neben diesen kam noch eine andere Sorte von deutschen Einwanderern, die nicht zum Ruhme ihres Mutterlandes beitrugen. Shimmytanzend, zigarettenrauchend. Novemberkavaliere. Seltsame Gestalten, wie sie nur heranwachsen konnten in diesen sieben mageren Jahren von Krieg, Revolution und Inflation. Im Kriege hatte des Vaters Stock gefehlt, und in den trüben, traurigen Nachkriegszeiten hatten sie im wesentlichen nur gestempelt. Der Vater Staat hatte bisher für sie gesorgt, und nun trugen sie den naiven Glauben an die Fortdauer dieses komfortablen Zustandes auch noch über das Wasser. In Deutschland hatte man ihrer jungen Männlichkeit mit Papiermarkunterstützungen unter die Arme gegriffen. In Amerika aber gab es Dollars. Die wurden alle Tage mehr wert, und natürlich würde man dort in Dollars bekommen, was man zu Hause in Papiermark ausgezahlt bekam. Aber siehe, es gab gar keine Arbeitslosenunterstützung.

Das war ihnen unfaßbar.

Keine Unterstützung? Und wie, Herr, denken Sie wohl, daß wir leben sollen in dieser kapitalistischen Weltordnung?

Gehen Sie arbeiten.

Ar–bei–ten? Das war ihnen unfaßbar. Arbeit – was wußten sie davon? Ein bißchen Umherlungern in den überfüllten staatlichen Nachkriegsbetrieben, wo einer auf des anderen Füße trat, ein bißchen Betriebsrat spielen und dann wieder stempeln und daneben kleine Schiebergeschäfte mit Zigaretten, Schokolade oder sonst irgendeinem freibleibenden Artikel, der alle Tage teurer wurde. Aber der Kampf ums Dasein, der Ernst des Lebens, der zu anderen Zeiten schon den jüngsten Schulentlassenen vom Lehrmeister eingebläut wurde, der noch je und je im Strome des Lebens den Mann zum Schwimmen oder Sinken bringt, davon wußten sie bisher gar nichts. Jetzt erfuhren sie es alle mit einem Male, und nun war es tragikomisch anzusehen, wie diese Ausgeburten eines falschverstandenen Staatssozialismus umherschwirrten im fremden Lande gleich einem aufgeschreckten Schwarm von nachtblinden Hühnern.

Es war kein schöner Anblick. Aber man darf das auch nicht allzu tragisch nehmen. Wenn es einen Menschen gibt, der es versteht, sich fremden Verhältnissen anzupassen, so ist es der Deutsche, und so werden auch alle diese Enttäuschten irgendwo einen Unterschlupf finden oder gefunden haben. Aber inzwischen hat das alles viel böses Blut gemacht zwischen den zugereisten »Neudeutschen« und den schon länger ansässigen Landsleuten, die zuweilen die Hände über dem Kopf zusammenschlugen vor solchem Gebaren.

»Kinder, was ist aus unserem Deutschland geworden!«

Wie dem auch war: in diesem unruhigen Schwarm von Ein- und Rückwanderern war keiner mehr auf baldige Heimreise bedacht wie Schreiber dieser Zeilen. Und keiner hatte es nötiger. Drei Großkrankheiten, von denen jede einzelne genügt hätte, um einen Menschen umzubringen, gehen auch an einem so wenig verwöhnten Weltwanderer nicht spurlos vorüber. Auf Monate hinaus war ich unfähig für jede ernstliche Arbeit, und wenn ich hier nicht noch zu guter Letzt verhungern wollte in den Straßen, mußte ich fleißig Umschau halten nach einem entgegenkommenden Kapitän, der beide Augen zudrückte.

Ich stand auf dem Verdeck des Dampfers der Stinnes-Linie, der so nahe und doch so fern der Heimat war. Es war wieder einmal nichts gewesen. Für mich nicht und für so viele andere amerikamüde Landsleute, die da auf der Luke saßen und trübe und traurig vor sich hinstarrten. Ich setzte mich auch ein wenig zu ihnen, denn wenn man schon einmal Unglück gehabt hat, so findet man immer einen gewissen Trost in der Unterhaltung mit anderen, denen es auch nicht besser ergangen ist.

»Vielleicht ist es besser so,« meinte ein älterer, langbärtiger Herr, »man hat drüben so wenig wie hier.«

Und er hatte Grund und Ursache zu der Bemerkung, denn er war ein emeritierter Pfarrer, der seinen Haushalt verkauft, auf seine Pension verzichtet hatte und mit sieben kleinen Kindern nach Brasilien gekommen war. Auf gut Glück war er gekommen; »auf blauen Dunst«, wie man dort zu sagen pflegt.

Da war ferner eine noch junge Frau, der man ansehen konnte, daß sie einmal eine elegante Dame gewesen war, die gewohnt war, etwas auf sich zu halten; eine passende Illustration zu dem alten englischen Gasseliede: »She has seen better days.« Nun aber kam sie recht ärmlich daher in einem fadenscheinigen Rock, der ihr nicht paßte, mit wirren Haaren, mit magerem, ausgebranntem Gesicht und fieberglänzenden Augen. Erst ein halbes Jahr lang war sie in Brasilien, aber inzwischen hatte sie genug erlebt, um einen mehrbändigen Roman auszufüllen. Von Anfang an war sie gegen das Abenteuer gewesen, aber was will man machen, wenn die Männer das Auswanderungsfieber bekommen? Um ein Butterbrot verkauften sie das schöne Geschäft in Hannover und fort ging es nach Rio de Janeiro, wo schon im Einwandererlager auf der Blumeninsel der Agent einer Kaffeeplantage an sie herantrat. Was der zu erzählen und zu versprechen wußte, war eigentlich recht erfreulich. Leichte Arbeit, große Bezahlung, ein eigenes Haus, ein Schwein, eine Hühnerherde, alle Tage Bohnenkaffee – wirklich echten Bohnenkaffee – und überhaupt – Kaffeeplantagen! Davon hatte man schon in Deutschland geträumt. Der ganze Trupp der Einwanderer machte sich auf den Weg nach der Plantage.

Man bekam in der Tat ein Haus, wenn es auch weder Tür noch Fenster noch einen Fußboden hatte, man bekam Proviant, wenn er auch nur aus Reis und Bohnen bestand, man bekam das versprochene Schwein, die Hühner auf Kredit. Es gab in der Tat wirklich echten Bohnenkaffee so viel man wollte. Aber das Unkrauthacken in der heißen Sonne war eine schwerere Arbeit als die hinter dem Ladentisch in Hannover. Und nach einem Monat ritt der Fazendero durch die Plantage und fand, daß die Arbeit nicht richtig getan war. Dafür wurde als Strafe das Schwein wieder weggenommen. Acht Tage später war er noch immer nicht zufrieden und nahm die Hühner weg. Wieder nach acht Tagen konfiszierte er einen der aus Deutschland mitgebrachten schönen großen Koffer mit Weißzeug als Strafe für ungenügende Arbeitsleistung. In der nächsten Woche kam der zweite, in der übernächsten der dritte Koffer an die Reihe, und als sie schließlich als Lohn für ihre Arbeit nichts mehr hatten als das, was sie auf dem Leibe trugen, da rafften sie sich endlich auf und machten sich auf den Rückweg nach Rio. Aber noch ehe sie das Gebiet der Plantage verlassen hatten, kam zwischen den Kaffeebäumen der Shylock von einem Fazendero dahergeritten, zusammen mit dem Distriktskommissar und einigen Vigilanten, die sie auf der Stelle verhafteten und abtransportierten nach einem weit im Urwald abgelegenen, erst in der Rodung befindlichen Teil der Fazenda, wo sie ihre Schulden für den in der Venda empfangenen Proviant abdienen sollten, ein Unternehmen, das an sich niemals zum Ziele führen konnte, da sie ja immer wieder Reis und Bohnen essen und von neuem abarbeiten mußten. – Sie hatten mehr Glück wie mancher andere. Nach einiger Zeit gelang es ihnen zu entfliehen. Nach langen Irrfahrten durch fieberbrütende Wälder kamen sie endlich nach Sâo Paulo, wo das Konsulat sich ihrer annahm. Seither lag der Mann schwer krank im Spital, wo auch die Frau als Wärterin angestellt wurde, obwohl ihr selbst das Fieber in den Augen stand. Mehr aber noch als dieses las man darin die dumpfe, stumme Verzweiflung, die irre Ratlosigkeit, die vor den eigenen Gedanken erschrickt. Wenn es ihr wirklich gelang, nach Deutschland zurückzukehren – was erwartete sie dort, nun, da sie alle Schiffe hinter sich verbrannt hatte? Was konnte ihr Brasilien bieten? Nichts, weniger als nichts. Das Auswandererfieber hatte sie aufgezehrt.

Aber Kaffeeplantagen! Früher hat man solches Spiel mit den Negern getrieben. Jetzt sind die Deutschen gerade noch gut genug als Freiwild für die Menschenhyänen in fremden Ländern. –

Ja, und da saß noch einer auf der Luke, der auch zu denen gehörte, die sich einmal Berge und Wunder versprochen hatten von dem Wunderlande Brasilien. In Deutschland war er Maurermeister gewesen, er hatte ein schönes Geschäft und eine eigene kleine Villa in einem Vorort von Berlin, wo er sozialdemokratischer Stadtverordneter war. Und wenn er auch all die Jahre her den Mund recht voll genommen, wenn er gegen die Verruchtheit des kaiserlichen Systems gewettert hatte, so war das doch alles nicht so wörtlich gemeint. Er hatte wirklich sein Auskommen in der alten Heimat gehabt und hätte es heute noch, wenn das Auswandererfieber nicht über ihn gekommen wäre. Nun lag seine Familie begraben, irgendwo weit drinnen in der hintersten Wildnis von Minas Geraes, wohin sie die Agenten der Landschwindler verlockt hatten, und er selbst, ein kranker und gebrochener Mann, verlangte nur noch nach Deutschland, für das er vorher vielleicht nie ein gutes Wort gehabt hatte.

Und während wir noch dasaßen und trübe und traurig in die helle Sonne schauten, kam noch ein anderer Landsmann, ein stämmiger Bursche, der wenig paßte zu unserer Gesellschaft von kranken und halbkranken Spitalknospen. Er war bei den Arbeitern beschäftigt, die eben die Ladung übernahmen, und wie diese war er in das übliche Bordkostüm gekleidet, nämlich in Hemd, Hose und einem Pañuelo, sonst nichts. Er stellte sich vor und schlug dabei die Hacken der bloßen Füße zusammen.

»Langsdorf – Oberleutnant a. D. von Langsdorf.«

»Müller,« antwortete ich, ohne mich zu besinnen.

Herr von Langsdorf verzog sein von Schweiß und Ruß der Arbeit nicht eben verschöntes Gesicht.

»Müller –äh! So heißen alle Landsleute hierzulande, wenn man sie fragt. Oder auch Schulze, Schmitt oder Meier. Aber wie heißen Sie nun wirklich?«

»Müller,« antwortete ich noch einmal.

»Lassen wir's bei Müller,« fuhr er fort, »es ist ein Name so gut wie ein anderer in diesen Zeiten, wo es so wenig standesgemäß zugeht. Fünf Jahre im Feld im Dienste Seiner Majestät – und nun schon ein Jahr lang Handlanger für jeden Hans und Kunz hier in dem Affenland. Das ist kein Katzensprung.«

Und ob er nun wieder nach Deutschland zurück wolle? fragte der Mann aus Minas Geraes. Da starrte ihn der Herr Oberleutnant a. D. zu Boden, als ob er noch auf dem Kasernenhof stünde. »Zu Eberten – –?«

Es war ein Glück, daß in diesem Augenblick ein neuer Leichter von drüben kam. »F–ier dol!« rief der Schiffsoffizier dem Mann an der Dampfwinde zu. Der Vorarbeiter fluchte etwas auf Portugiesisch und alle weiteren Argumente gingen unter im Rausche der Arbeit. – – –

Das waren, wie gesagt, Erlebnisse und Beobachtungen bei einem Schiffsbesuch. Ich könnte nun noch von weiteren Besuchen berichten auf Schiffen, die alle ohne mich fortfuhren. Und vielleicht hätte ich noch lange dort am Strande gelegen, wenn sich nicht der Konsul meiner angenommen hätte. Er hatte mich dem Kapitän eines deutschen Dampfers empfohlen, dessen Namen ich nicht nennen werde aus begreiflichen Gründen.

Am fünften Juli, im Laufe des Vormittags sollte der Dampfer abfahren. Aber dieser fünfte Juli dämmerte als kritischer Tag erster Ordnung. Bei Tagesanbruch knatterten die Maschinengewehre in der Stadt. Über die Bai herüber kamen dumpfe Kanonenschläge. Niemand wußte genau, was vorgefallen war. Die Stadt war voll wilder Gerüchte. Erst später stellte sich heraus, daß das Fort von Copacabana unter dem Kommando des Sohnes des ehemaligen Bundespräsidenten, Marschall Hermes da Fonseca, revoltiert und sich auch ein Teil der Kriegsschule der Bewegung angeschlossen hatte. Mochten sie meinetwegen ihre guerelles de Brásil unter sich ausmachen. Für mich jedenfalls kamen diese Abenteuer äußerst ungelegen.

Der Weg zum Hafen war weit und die Luft war stellenweise ungesund von umherfliegenden Kugeln. Ganz still und tot lagen die Straßen der Vorstädte. Nur ab und zu setzte eine Patrouille in vollem Galopp vorüber, nur ab und zu hörte man den bald schwächer, bald stärker werdenden Kanonendonner, der die Fensterscheiben klirren machte. Vor jedem Postamt stand ein Wachtposten. Vor den wichtigeren Regierungsgebäuden lagerten ganze Bataillone mit zusammengestellten Gewehren und mit Maschinengewehren, deren Mündung drohend auf die Straße gerichtet war. Die Läden waren alle geschlossen. Nicht ein einziges Auto war zu sehen auf der weiten Avenida Rio Branco, die still und unheimlich dalag in ihrer ungewohnten Leere. Aber in Brasilien sind die Geschäftsleute auf Revolutionen eingerichtet. Sobald der Belagerungszustand erklärt ist, lassen sie die Rolladen herunter und öffnen eine in diesen angebrachte kleine Türe, durch die dann im großen und ganzen das »business as usual« vor sich geht.

Das alles sah und hörte ich nur halb, während ich weiter eilte. Denn meine Gedanken waren ganz beim Dampfer. – Wenn er schon fortgefahren wäre ohne mich! – Wenn er am Ende der Revolution den Rücken gekehrt hätte und an Rio vorbeigelaufen wäre? Es war nicht zum Ausdenken.

Ein Stein fiel mir vom Herzen, als ich groß und breit den Dampfer mit der deutschen Flagge am Kai liegen sah. Eben heulte dumpf die Sirene. Eben waren sie dabei, das Fallreep hoch zu ziehen. Keine Sekunde war ich zu früh gekommen. Im letzten Augenblick stieg ich noch hinauf. Kein Mensch kümmerte sich um mich in der Verwirrung. Kein Zoll-, kein Hafenbeamter fragte nach einem Ausweis. Der am Eingang stehende Offizier drückte beide Augen zu, wie man mir versprochen hatte. Scharf und glockenhell klang das Signal des Maschinentelegraphen. Das Verdeck fing an zu zittern unter dem Arbeiten der Turbinen. Dreimal noch klang zum Abschied die dumpfe Stimme der Sirene, während wir langsam ins offene Meer hinausglitten. Ich drückte mich in einen stillen Winkel des Verdecks aus dem Bereich der arbeitenden Männer und schaute wie im Traum auf das blaue Wasser und den blauen Himmel. Ich sah die hohen Palmen, die sich in der Seebrise bewegten, ich sah die silberhelle Brandung, die ewig unruhig wie eine Menschenseele gegen den hohen Zuckerhutberg anlief, in der Ferne sah ich noch immer die düsteren Gebäude auf der Punta Cajú, aber selbst diese vermochten keine Schatten mehr zu werfen auf das große schöne Gefühl der Ruhe, das über mich kam nach all diesen Irrwegen von Leiden und Leidenschaften. Denn jetzt gab es fürs erste kein Seuchenspital, keinen Urwald mehr. Jetzt ging es nach Hause!

Und nun? Nun ist diese lange, lange Geschichte endlich auch am Ende angekommen.

Mit Befriedigung konnte man feststellen, daß unser deutsches Schiff mit einer vollen Liste von einigen zweitausend Passagieren auslief, während der gleichzeitig abfahrende englische Dampfer der Royal Mail nur einige Dutzend beherbergte. Denn deutsch und billig, fabelhaft billig waren damals gleichbedeutende Begriffe. Und wenn das auch nicht immer und unter allen Umständen der Fall war, so tat doch die Suggestion das übrige. Wie ein Wildfeuer hatte sich die Mär von dem Schlaraffenlande des Inflationsdeutschland über die ganze Erde verbreitet. Von allen Weltenden hatten sie sich auf den Weg gemacht; eine wild phantastische, bunt zusammengewürfelte Gesellschaft von der Sorte derer, die überall dabei sein müssen, wo es etwas zu erben gibt. Deutschland konnte sich wahrlich gratulieren zu dem Bevölkerungszuwachs, der ihm hier an Bord unseres Dampfers entgegenschwamm.

Abenteurer? Aber dazu gehörten immerhin einige Qualitäten, die man diesen nicht zusprechen konnte.

Hyänen – das war das Wort! Hyänen, die irgendwo Beute gerochen hatten und nun herbeigeschlichen kamen in ihrer borstigen Häßlichkeit, mit flackernden Augen, die in ihren Höhlen brannten. Geier, die Beute gewittert haben; dunkle Araber, schwarzgelockte Levantiner, geschäftstüchtige polnische Juden, richtig die Sorte, die Mephisto meinte:

»Denn dieses feile Volk sieht einen Weg nur offen,
So lang die Ordnung steht, hat's nichts zu hoffen.«

Aber der Kuckuck mochte wissen, wie diese östlichen Herrschaften sich gerade auf dem Verdeck dieses Amerikadampfers zusammengefunden hatten.

Ja, und dann gab es noch eine andere Sorte von ganz kleinen Spekulanten von der Klasse derer, die man in der Pfalz als »Handkäsrentiers« zu bezeichnen pflegt. Zum Teil gingen sie noch barfuß über das Verdeck, wie zu Hause auf ihrem Rancho in der Pampa, ehe die Kunde von dem neuen Schlaraffenlande in ihre Hütte gedrungen war. – Hundert Mark sollte dort der Papierpeso gelten – und dann tausend und immer noch mehr! Da öffneten sich in der Tat unbegrenzte Möglichkeiten. Da konnte man es endlich einmal den Reichen nachmachen, die alle Jahre ihre Europareise machten. Hundert Milreis war keine große Summe. Damit konnte man sich in Rio zur Not drei Tage lang amüsieren, aber in Deutschland lebte man damit in Saus und Braus durch eine ganze Saison, solange das Hexeneinmaleins in Geltung war. – Und sogar der lumpige Paraguay-Peso fing an Edelvaluta zu werden dort drüben!

Alle Tage wurde der gefunkte Kursbericht an der Tafel angeschlagen und alle Tage erweckte er einen neuen Sturm der Begeisterung bei der dicht umhergedrängten Schar der Valutageier, die über Nacht zu Millionären, Milliardären wurden. –

Der Dollar war in der Tat inzwischen avanciert zum Kaiser von Deutschland. Und ebenso sonnten sich Pesos, Pesetas und Milreis in dem Glanze ihrer kleinen Majestät auf deutschem Boden und auf deutschen Schiffen. Hexenzauber, der alle Türen öffnete und alle Herzen korrumpierte. Manchen tüchtigen Dieb habe ich gesehen in meinen Zeiten, aber noch niemals eine so vollendete und organisierte Verwechslung aller Begriffe von Mein und Dein, wie an Bord jenes Dampfers. Je länger die Reise sich hinzog, je kleiner wurden die den Passagieren zugemessenen Rationen, je länger wurde aber auch die Reihe der dunkelhäutigen Kavaliere, die da – wohl hundert Mann stark – mit ihren Schüsseln vor der Küche im Zwischendeck standen und um bare Pesos und Pesetas den ihnen und anderen bereits zugemessenen Proviant noch einmal kauften.

»Mister – Beefsteak!«

Und Mister bekam sein Beefsteak, schön garniert mit Zwiebeln und appetitlich in der Butter gebraten, die ihm und den anderen von den Rationen abging. Die Preise waren dementsprechend. Eine Portion Bratkartoffeln kostete zwei Pesos, eine Tasse Fleischbrühe zwei Pesetas, gleich eine Goldmark und dreißig Pfennig. Die Pesos raschelten, die Pesetas wechselten ihren Besitzer, und der Koch schmunzelte alle Tage vergnügter. Sicher ist er ein reicher Mann geworden auf dieser einen Reise. Er und noch verschiedene andere, nicht zuletzt jener rothaarige Bootsmann, der nicht genug schimpfen konnte über die »hergelaufene Bagasch« und doch sich täglich manchen Peso in die Tasche schieben ließ zur Beschaffung von Deckstühlen, die er und seine Helfer tags zuvor beiseite geschafft hatten.

Aber so geht es zuweilen zu bei der christlichen Seefahrt. –

Langsam nahte auch das Ende dieser Reise. An einem warmen Sommerabend kam das Feuer von Helgoland in Sicht. Drüben blitzte es auf von Borkum und Wangeroog. In der grauen Morgendämmerung hatten wir Cuxhaven passiert und fuhren nun langsam elbaufwärts entlang der flachen Küste von Schleswig-Holstein, die so grau und düster dalag, wie sie wohl damals ausgesehen haben mochte, als der Dichter von ihr Abschied nahm:

Wir scheiden jetzt, bis dieser Zeit Beschwerde
Ein anderer Tag, ein besserer gesühnt,
Denn Raum ist auf der heimatlichen Erde
Für Fremde nur und was den Fremden dient.

War das Deutschland?

Und wie wir weiter stromaufwärts fuhren, da tauchten aus dem blauenden Morgennebel die kleinen Häuser von Waltershof und Finkenwärder auf. Auf der anderen Seite lag Blankenese zwischen den grünen Hügeln, vor denen der Kapitän die Flagge dreimal senkte, während eine Schar von Kindern vor einem kleinen Hause mit dem Taschentuch winkte. Und ringsum wurde es immer lebendiger von ein- und auslaufenden Schiffen, von stolzen Dampfern und von flinken Motorbooten, von heimatlich anmutenden Fischerbooten, die beschaulich vorüberzogen. Und wie eben die siegreiche Sonne durch Nacht und Nebel hindurchgedrungen war, da stand über dem Dunst der Hafenatmosphäre der alte schöne Turm der Michaeliskirche.

Da wußte ich es wieder, trotz allem: Ja, es war immer noch unser Land! Die Luft verkündete es mit jedem Atemzug, die Möwen, die im Winde flatterten, das graue Meer am grünen Strande, die leuchtende Sonne über dem hellen Lande, das dahinter lag wie ein einziger großer Garten. Und wenn die Menschen es je vergaßen in düsteren Stunden, so würden die Steine davon reden, die unsere Vorfahren aufgebaut haben im Glauben an ihre und unsere Bestimmung.

Wir waren dennoch in Deutschland.


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