Kurt Faber
Tage und Nächte in Urwald und Sierra
Kurt Faber

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In den Yungas

Ein schönes Land. – Der Fluß als Landstraße. – Das Reich des »Medio«. – Die Karawanenstraße. – Von Eseln, Indianern und Kolablättern. – Eine durstige Reisebekanntschaft.– Don Sylvestro verschwindet mit meiner Brieftasche. – Ein Marsch durch die Durststrecke. – Ich treffe einen Gringo. – Die Lady und der Tanzmeister. – Allerlei Winke für die Weiterreise. – Auf nach Santa Cruz!

Wenn man von Totora ostwärts wandert, so kommt man allmählich in einen Landstrich von wilder Schönheit. Die mächtigen Plateaus der Hochkordilleren zerreißen hier nach allen Richtungen, sie lösen sich auf in ein romantisches, von zahlreichen Schluchten zersetztes Waldgebirge, das dunkelgrün unter dem dunkelblauen Himmel liegt und immer wieder die Farbe wechselt, wenn die Wolkenschatten darüber hinziehen. Da und dort ragt eine schlanke Palme hoch über den Buschwald, da und dort leuchtet aus dem Talgrunde ein hellgrün schimmerndes Maisfeld. Und überall rauschen kristallhelle Bäche über wilde Felsenklippen. Im Dämmerdunkel der Wälder sieht man leuchtende Blumen und schillernde Schmetterlinge. Es gibt Hirsche und Bären und Jaguare und Pumas. Alle Tage geht die Reise bergauf und bergab, bald durch reißende Bergflüsse, bald durch einen Irrgarten von wildphantastischen Kakteen und dann wieder auf windgepeitschte Cuestas, wo bunte Alpenblumen auf saftigen Bergmatten stehen und man endlos weit hinaus sehen kann in das weite Land, in dem die Waldgipfel wie Meereswellen laufen bis in die blau verdämmernde Ferne, die immer noch nicht der Anfang vom Ende der langen Reise ist.

Ah, wo anders gäbe es noch ein Land der Abenteuer, das so schön und vollkommen wäre wie dieses!

Es mag Länder geben, die noch wilder und zerklüfteter sind, aber keine, in denen der Weg so beharrlich bergauf und bergab führt, wie dort in den bolivianischen Yungas. Der Weg – man kann ihn nicht gut verlieren, denn es gibt nur diesen in der weiten Umgegend. Die große Karawanenstraße, die ostwärts führt, in der Richtung nach der Stadt Santa Cruz de la Sierra. Von allen Straßen, die ich je gegangen bin, ist diese die sonderbarste. Stellenweise, wo es einmal auf eine kurze Strecke in der Ebene weiter geht, hat sie einen halben Kilometer Breite von den Spuren unzähliger Tragtiere, stellenweise sind diese wieder fast völlig verwischt von dem treibenden Flugsande. Dann wieder geht es steil hinauf oder hinab über steile Felsen, in die der Verkehr sich Treppen geschlagen hat, auf denen Esel und Maulesel nur im Gänsemarsch marschieren können wie auf einer Himmelsleiter, und dann auch nur bei trockenem Wetter, weil sie sonst gar leicht hinabstürzen würden in die todbringende Tiefe. Man wandert im kühlen Winde über weite Bergmatten und ist wenige Stunden später schon wieder in einem dumpfen Tal, wo lärmend wie die Raben bei uns zu Hause die grünen Papageien auffliegen aus dieser üppigen Vegetation einer schon halb tropisch anmutenden Umwelt. Dort unten wird dann zumeist der Fluß zum Wege. Selbst in der trockenen Jahreszeit fehlt es dort nicht an Wasser. Es hüpft über alle Steine, es sprudelt silberhell über unzählige Felsenwände. Es ist ein schöner und anheimelnder Anblick, aber für den armen Fußgänger wäre weniger davon nicht eben unerwünscht. Für ihn sind indes die bolivianischen Straßen nicht eingerichtet. Wer immer dort seines Weges zieht, der führt auch irgendein Reit- oder Packtier mit sich. Wer das nicht besitzt – und ich war der einzige, dem ich so begegnet bin –, für den ist das Wandern in solch reißenden Gebirgsflüssen zwar ein sehr erfrischendes, aber doch recht zeitraubendes Vergnügen. Füllt der Fluß das ganze Tal aus, so mag es noch angehen. Aber solches Wandern wird zu einer schweren Geduldsprobe, sobald – wie fast immer – der Fluß oder Bach in endlosen Schlangenwindungen das Tal von einem Ende zum anderen durchkreuzt. Viele Stunden verliert man alsdann an jedem Tage allein mit dem An- und Ausziehen der Schuhe, denn nur eine hartgebrannte Indianersohle vermöchte mit bloßen Füßen über den trockenen Sand zu schreiten, der in der heißen Sonne wie eine Ofenplatte glüht.

»Cuestas« nennt man in dortiger Gegend die Bergkämme, die sich wie gleichmäßige Wellen von ungeheurer Größe quer zu der Marschrichtung in nordsüdlicher Richtung hinziehen. Immer sind die Hänge dicht bewaldet, zum Teil mit prächtigem Hochwald, auf dessen moosigem Boden die Sonnenflecke tanzen. Es ist ganz wie in einem deutschen Walde. Von jeder Kammhöhe hat man immer wieder dieselbe unermeßliche Aussicht nach allen Windrichtungen, schaut noch einmal zurück auf die Wegstrecke, die man soeben durchmessen, auf Büsche und Steine und flüsternde Wälder. So weit das Auge reicht, sieht man nur Wälder und immer wieder Wälder. Man blickt nach Osten, in der Wegrichtung nach Santa Cruz, wo sich höher und höher im wilden Chaos die schwarzen Berge übereinander türmen, bis weit, weit hinaus in die blaue, dunstverschleierte Ferne. Es überkommt einen ein gelindes Gruseln bei dem Anblick. Aber es ist ein angenehmes Gruseln. Man setzt sich eine Weile auf einen Stein und trinkt sich voll an der Grenzenlosigkeit dieses Landes, und wieder einmal kommt es einem zum Bewußtsein, wie groß diese Erde und welch schöner Sport doch trotz allem das Wandern ist.

Und wieder geht es bergab über Stock und Stein, durch dichte Wälder mit knorrigen Bäumen, die uns an unsere heimischen Eichen erinnern. Bald hat man die kalten, windzerzausten Höhen hinter sich gelassen. Man kommt in Gegenden, wo der Frühling schon ins Land gezogen ist und siehe da: die »Eichen« bedecken sich mit großen gelben Blüten. Anfangs sieht man sie nur vereinzelt, aber noch ehe man ganz im Tale ist, marschiert man durch ein wogendes, duftendes Meer von Blüten. So erlebt man Frühling und Sommer hier immer von neuem an jedem neuen Tage.

Wenn man von einem jener Bergkämme über die Wälder hinwegblickt und die schweigende Einsamkeit so ganz auf sich einwirken läßt, so hat man den Eindruck, als ob hier auf tausend Kilometer im Umkreis keine Menschenseele hause. Und doch ist es in Anbetracht der Verhältnisse eine ziemlich gut besiedelte Gegend. Wenn man sich einigermaßen daran hält, so kann man selbst auf Schusters Rappen an jedem Abend ein Indianerdorf erreichen, wo es einem nicht an Nahrungsmitteln fehlt. Entlang der Flüsse, wo die Gestaltung der Täler ihre primitiven Bewässerungsbauten erlaubt, haben sie sich angesiedelt. Schon von ferne leuchtet das saftige Grün der jungen Getreidefelder. Blühende Pfirsichbäume schauen über die alten Lehmmauern der Höfe am Wegrand. Fette Schweine von nie gesehener Größe schreiten stolz und behäbig über die Straße, und von jeder zweiten Hütte weht die weiße Fahne, die es verlockend verkündet: »Hay chicha«

Das ist das Reich des »Medio«.

Der Medio – fünf Centavos – ist die Einheit, nach der sie rechnen. Schier unbegreiflich hoch ist der Geldwert in jenem Lande. Die flachen, runden Brote, die sie vor den Haustüren feilbieten, kosten einen Medio. Drei Eier ebensoviel, ein Huhn acht Medio. Mit zwanzig Bolivianos kann man bequem durchs ganze Land reisen. Ich selbst habe nur deren zehn gebraucht. Hier ist in der Tat ein Überfluß an allem, was des Lebens Notdurft ausmacht, an Hühnern, Gänsen, Enten, Schweinen. Wer aber wollte diese Schätze über die himmelhohen Berge nach Cochabamba, nach La Paz oder Oruro bringen? Es bliebe bei der Ankunft wenig übrig von der Herrlichkeit, und die Leute müssen es darum wohl halten mit dem guten alten deutschen Sprichwort: »Bauer nicht hergeben, selber essen macht fett!« Unter diesen Umständen ist aber auch nichts so rar in der Gegend wie das bare Geld.

Auch der Verkehr ist auf jener Straße – die ja die einzige Verbindungslinie zwischen dem bolivianischen Altiplano und dem Lande Santa Cruz ist – nicht ganz unbedeutend. Fern von Autos und Eisenbahnen, ist in jenem Lande sogar der Wagen ein völlig unbekanntes Beförderungsmittel. Alles wandert auf dem Rücken der Packtiere. Kein Tag vergeht, ohne daß man eine lange Karawane des Wegs kommen sieht, die sich langsam und beschaulich an den Berghängen hin windet. Das Lama wird dort nicht mehr als Packtier benutzt. Maultiere und Esel müssen mit ihrem Rücken dafür herhalten. Und was solcher Eselsrücken zu leisten vermag, das muß man gesehen haben auf bolivianischen Wegen. In jenem Lande sind Tiere und Menschen mit besonderen Gaben der Kraft und Ausdauer ausgestattet. – Oder hat man schon wo anders einen Esel gesehen, der in vierzehn Tagen ein Klavier von dem Gewicht seiner eigenen Schwere über Sandstrecken und Felsklippen, durch reißende Flüsse über ein Dutzend Berge von Jungfrauhöhe geschleppt hat und doch gesund und munter und voller Tatendurst am Ende angekommen ist? Und jemals solche Menschen, die mit der Unermüdlichkeit einer Maschine hinter den Tieren einherschreiten, ohne Frühstück, Mittag- und Nachtessen und nur einer Handvoll Kokablättern oder allenfalls ein paar gerösteten Maiskörnern als Nahrung? Stumpf und gleichgültig, wie Wesen aus einer anderen Welt, marschieren sie über die staubige Straße im Schatten des hohen, breitkrempigen Sombrero.

Nur einen traf ich, der zugänglich und gesprächig war, und der war mein Unglück. Ich traf ihn zuerst am Fuße einer besonders hohen und steilen Cuesta, hinter einem Trupp von fünf oder sechs kleinen Eseln, die bis über die langen Ohren beladen waren mit Mehlsäcken.

»Buenas dias, cabellero,« sagte er.

»« Buenas dias,« sagte ich und wollte weitergehen. Doch da setzte er zu meinem Erstaunen das Gespräch fort in einem schlechten, aber sehr zungenfertigen Spanisch, untermischt mit vielen Kitschuabrocken, die diese hausgemachte Lingua mir noch unverständlicher machten. Dennoch hörte ich ihm gerne zu, denn es war lange her, seit ich mit Menschen etwas anderes gewechselt hatte als böse Blicke und unverständliche Zeichensprache. Für dieses zugeknöpfte Land war der Mann in der Tat erstaunlich gesprächig und offenherzig. Er heiße Don Sylvestro, sagte er, und stamme aus Cochabamba. Er sei also gewissermaßen auch ein Ausländer in dieser Gegend und freue sich ungemein, einen Leidensgefährten anzutreffen. Er reise auch nach Santa Cruz, und wenn es mir recht sei, so wollten wir den Rest des Weges zusammen fortsetzen. Mir war das natürlich recht, denn Don Sylvestro schien ein umgänglicher Herr zu sein, und außerdem konnte ich einen landeskundigen Führer nur gebrauchen in jeder Hinsicht. Sogleich schlossen wir ein Abkommen. Er wolle für die leiblichen Bedürfnisse sorgen und ich solle die Tschitscha bezahlen. – Sancta simplicitas! Ich hätte es auch besser wissen können nach den vorangegangenen Erfahrungen. Manchen tüchtigen Tschitschatrinker hatte ich schon angetroffen in den letzten Wochen, aber noch keinen so tüchtig wie Don Sylvestro. Er konnte sie riechen durch das dickste Gestrüpp. Mindestens einmal in jeder Stunde schlug er sich seitwärts in die Büsche nach einer Hütte oder Höhle, wo ein altes Weib hinter dem Kruge saß. Bis wir oben auf der Cuesta angelangt waren, hatten wir bereits siebenmal Tschitscha getrunken. Ich wollte protestieren, aber er erinnerte mich an mein Versprechen, ich wollte weglaufen, aber er hängte sich an meine Ferse. So stiegen wir langsam bergab und tranken noch mehrmals Tschitscha, bis wir bei dunkler Nacht in ein Dorf kamen, wo mein durstiger Reisegefährte gleich einen ganzen Krug bestellte und auch getreulich leerte, ehe die Nacht viel älter war. Dann holte er sich eine Handvoll Kokablätter aus der Satteltasche und schlief gleich ein. Da in der Lehmhütte des Tambo kein Platz mehr war, hatten wir unser Lager auf dem Hofe aufgeschlagen, mitten unter den Eseln und Mauleseln, die an den Maisstauden knabberten. Der Wind war kühl und frisch, die Sterne standen klar am Himmel. Alles in allem war es eine recht ungemütliche Nacht, und ich war froh, wie Don Sylvestro schon lange vor Tagesanbruch die Esel zusammentrieb, eine Handvoll Koka in den Mund steckte und weiter marschierte.

Nach dem, was ich tags zuvor erlebt hatte, hatte ich gute Lust, ihm die Freundschaft zu kündigen. Da es aber ein heißer Tag zu werden versprach und nach den Aussagen der Eingeborenen der kommende Tagemarsch besonders lang und beschwerlich sein sollte, fand ich es doch recht angenehm, wenn – wie tags zuvor – einer seiner Esel zu seinem anderen Gepäck auch noch mein Bündel trage. Im letzten Augenblick – ja, es gibt so etwas wie Ahnungen! – entschloß ich mich doch zu meinem eigenen zweibeinigen Maultier als Packesel und gab dem Esel nur meinen Rock zu tragen. Es war Glück im Unglück. Auch an diesem Tage ging es wieder über eine hohe Cuesta, die steil und unwirtlich und so unbewohnt war, daß selbst der Spürsinn meines neuen Freundes nur einmal eine Gelegenheit zum Tschitschatrinken ausfindig machen konnte. Der Weg war so schlecht und unsicher, daß ich mir im stillen gratulierte zu meinem landeskundigen Führer, denn allein hätte ich nur mit größtem Zeitverlust die rechte Spur gefunden. So aber marschierten wir mit vollkommener Sicherheit durch den Irrgarten von Steinen und Geröll und erreichten endlich die Kammhöhe in der glühenden Mittagshitze. Diese Cuesta war noch höher als alle anderen, die wir bisher überschritten hatten. Die Aussicht war noch schöner und freier und die Luft noch kühler und frischer, trotz der brennenden Sonne. Von Bäumen gab es nur noch vereinzelte, windzerzauste Exemplare. Zwischen grauen Steinen wuchsen leuchtende Alpenblumen, und alles in allem war es eine Gegend, die etwas Paradiesisches an sich hatte nach der drückenden Hitze in der dumpfen Urwalddschungel. Es gehörte nicht viel Phantasie dazu, um sich zurückversetzt zu glauben nach den grünen Bergmatten in den heimatlichen Hochgebirgen. Müde wie ich war von dem langen Marsche, konnte ich es nicht über mich bringen, nun gleich wieder weiter zu wandern. Aber Don Sylvestro nahm sich nicht die Zeit zu einer fünf Minuten langen Siesta. Denn das ist dort nicht landesüblich. Die »Tropa« muß marschieren. Schnell marschiert sie nie, aber stetig und andauernd, ohne eine Minute Pause, wie ein aufgezogenes Uhrwerk vom dämmernden Tag bis zur untergehenden Sonne. So auch Don Sylvestro und seine Esel. Da er indes versprach, das Tempo etwas zu mäßigen, glaubte ich dennoch eine kleine Pause für mich herausschlagen zu können. Wohlig streckte ich meine müden Glieder in dem hohen Grase und schaute eine Weile dem davonziehenden Trupp nach, wie er auf vielgewundenen Pfaden durch das Steinmeer bergabwärts stolperte und schließlich verschlungen wurde von der schwarzen Dschungel. Nun wäre es freilich Zeit gewesen, daß ich selber an den Weitermarsch gedacht hätte. Aber dazu konnte ich mich nicht aufraffen. Noch immer lag ich auf derselben Stelle und schaute auf den Sonnenschein, der rings auf den Steinen flimmerte, und auf das übermütige Spiel der kleinen, kolibriartigen Vögel, die bunt und farbenprächtig wie Schmetterlinge schillerten im blendenden Lichte des hellen Sonnentages. – Aber Don Sylvestro hatte nicht Wort gehalten. Sondern im Gegenteil, er mußte in der Zwischenzeit ein Tempo eingeschlagen haben, das ihm der Teufel eingegeben hatte. Ein ganz unbolivianisches Tempo. Ich stolperte über die Steine, ich kam wieder in den Wald, ich eilte im schnellsten Tempo über viele Leguas des schlechten Weges. Deutlich sah ich noch immer vor mir die frischen Spuren des Trupps, aber von Don Sylvestro war weit und breit nichts zu sehen.

Die Gegend war hier etwas anders als die bisher durchzogene. Der Berg fiel nicht ab in ein tiefes, reich bewässertes Tal, wie man das bisher gewohnt war, sondern verlief sich auf halber Höhe in eine weite, mit dichtem Wald bestandene Hochebene. Solche Gegenden trifft man öfters in jenen Teilen Boliviens und sie sind – zum wenigsten in der Trockenzeit – berüchtigt als Durststrecken. Der Durst mußte hier in der Luft liegen, denn alsbald brannte der Gaumen und die Zunge hing mir zum Munde heraus wie einem gehetzten Jagdhunde. Schnell hatte ich Don Sylvestro und alles andere vergessen. Nur noch an Wasser konnte ich denken und nur noch das Verlangen danach war es, das mich vorwärts trieb. Aber der Weg wurde schlechter mit jedem Kilometer. An Stelle der Steine war loser Sand getreten, in den man bei jedem Schritt bis über die Knöchel einsank. Stellenweise war er hoch aufgeschichtet wie die Dünen am Meeresstrand, und da war kaum ein Durchkommen. Der Wald degenerierte mehr und mehr zu staubigem, dornigem Busch, über den nur da und dort mächtige Bäume von bizarrer Gestalt und gewaltiger Größe, aber fast ohne Laubwerk hoch hinausragten, bis weit hinein in den hellen Sonnenhimmel. Drückend lag die Einsamkeit über diesem Lande. Und dennoch war es überall lebendig im Busch. Man sah zwitschernde Vögel und schillernde Schmetterlinge. Große Vögel, so schwarz wie die Raben, saßen auf den Zweigen und gurrten wie die Tauben. Einmal schoß eine Horde von quiekenden kleinen Ferkeln quer über die Straße. Irgendwo mußte also Wasser vorhanden sein. – Aber wo? Und wie dazu kommen? Das eben waren die Tantalusqualen. In jenem seltsamen Lande kann ein Fremdling sehr wohl tagelang neben dem Wasser herlaufen und dennoch verdursten.

Mühsam wanderte ich weiter durch viele Stunden. Es wurde Nacht, und noch immer hatte der Busch kein Ende. Eine schwüle Nacht, die keine Kühlung brachte. Links und rechts stand der Busch wie eine schwarze Mauer, und überall auf der Straße und hinauf bis in die höchsten Bäume war es lebendig von Millionen blauleuchtender Glühwürmchen, die durch das Dunkel geisterten. Ich glaubte, daß der Spuk niemals ein Ende nehmen würde, als plötzlich der Busch in eine offene Pampa überging, durch die mit vielen Windungen in fauler Behaglichkeit ein Fluß hinzog unter dem blassen Lichte des neuen Mondes. So schnell war noch niemand hinuntergeeilt zum Ufer, und ich bezweifle, ob je ein durstiger Maulesel mehr auf einmal von dem köstlichen Naß zu sich genommen hat, wie Schreiber dieser Zeilen. –

Am anderen Ufer des Flusses stand ein ansehnliches Dorf, in dessen Mitte ein Tambo lag. Er war dicht besetzt, und die Esel brüllten laut in der lauen Nacht. Zwei oder drei andere Trupps hatten sich hier versammelt, aber Don Sylvestro mit seinen Eseln war nirgendwo zu sehen. Es wurde Mitternacht und er kam nicht. An sich war mir das keineswegs unlieb, aber um der Jacke willen, die er mitgenommen, hätte ich Tränen weinen mögen. Selbst das war an sich kein Schaden in einem so wenig hoffärtigen Lande wie Ostbolivien, wo schließlich alles Jacke wie Hose ist. Aber die Brieftasche, die darin stak! Und die Papiere, die Briefe und alles das was einem zwar hier von keinem Nutzen war, aber doch wohl in anderen zivilisierteren Ländern, wohin man doch einmal wieder zurückkehren wollte. Jetzt erst fiel mir auf, was ich alles in der Brieftasche hatte, und es lief mir eiskalt über den Rücken, als ich das Inventar machte. Und alles das gestohlen von einem halbwilden Analphabeten, der nichts damit anzufangen wußte! Glücklicherweise hatte ich meine paar Batzen woanders, so daß ich wenigstens in dieser Hinsicht noch Glück im Unglück hatte. Der Gedanke tröstete mich nicht wenig, und so setzte ich am anderen Tage beim ersten Morgenlicht in aller Seelenruhe die Reise fort. Der Weg führte nun über eine flache, nur mit kümmerlichen Grasbüscheln bestandene Pampa, über der der Wind melancholisch summte. Doch war sie keineswegs unbewohnt. Da und dort sah man ein kümmerliches Maisfeld, eine Ziegenherde, eine Lehmhütte, auf deren Dache finstere Raben hockten. Die graue Einsamkeit der Landschaft muß wohl schuld daran gewesen sein, daß ich während des ganzen Tages das Philosophieren nicht los wurde. Die rauhe Seltsamkeit dieses Landes begann mir auf die Nerven zu fallen. Im Weitergehen spukte im Kopfe immer wieder dieselbe Frage: Warum? Warum mußt du dich so grausam plagen inmitten von Not und Gefahr dieser unendlichen Wildnis? Warum mußt du die Kilometer und Leguas fressen nach – ja, richtig! Nach Santa Cruz! Und überhaupt –

Das alles kam mir auf einmal vor als die dümmste aller Zwecklosigkeiten, um derentwillen ich mich hatte ohrfeigen mögen, während ich noch immer weiter wanderte in die sinkende Nacht über der eintönigen Pampa. – Wenn man doch bloß einmal einen Gringo antreffen würde! Seit meiner Abreise von Cochabamba hatte ich keinen mehr gesehen. –

Der Gedanke war noch nicht recht ausgedacht, als er auch schon in glorreiche Erfüllung ging. Vor dem Hoftor eines ganz einsam in der Pampa stehenden Tambo stand ein junger Mann mit langen blonden Haaren und neben ihm eine junge Dame mit ebenso strohblonden Haaren, die so lang, aber auch so kurz waren wie die ihres Gefährten. Es war der erste Bubikopf, den ich zu bewundern Gelegenheit hatte. Im übrigen brauchte man sie nicht erst zu fragen, um zu wissen, daß sie eine Miß Amerika war.

Menschen sind in jenen Gegenden noch ein Erlebnis, und also betrachteten mich die beiden nicht minder neugierig wie ich sie.

»Do you speak English?« fragte Mister Amerika.

»Natürlich.« antwortete ich.

Damit war das Eis gebrochen, und sie luden mich ein zum Nachtessen, eine Aufforderung, die sie nicht zu wiederholen brauchten, denn außer einigen gerösteten Maiskolben hatte ich den ganzen Tag noch nichts gegessen. Während nun der Mozo schnell noch ein Huhn schlachtete und rupfte und wir alle noch mehr Holz zusammentrugen für das Feuer, hatte ich Zeit und Gelegenheit, mich ein wenig umzusehen unter dieser Karawane. Die beiden waren offenbar rechte Lebenskünstler, die es verstanden, auch Busch und Urwald eine gute Seite abzugewinnen. Sie hatten einen eingeborenen Führer, einen Mozo, der ihnen alle schwere Arbeit abnahm, sie hatten schöne und komfortable Feldbetten, allerlei Konserven und fabelhaft viel Zuckerrohrschnaps. Auch sonst schleppten sie auf vier starken Eseln noch allerhand Zeug mit sich in Kisten und Säcken, deren Inhalt völlig unerklärlich war für mich, der schon übergenug des Reisegepäcks an seinem Rucksack hatte. Nachdem alles so weit war mit den Vorbereitungen, setzten wir uns an den Tisch vor der Hütte zu einer richtigen zivilisierten Mahlzeit, wie ich sie seit langem nur noch in meinen Träumen kannte. Und während wir nun den Hühnerbraten mit viel Schnaps hinunterspülten, erzählte Mister Amerika – er war aus Texas und von deutschen Eltern – von seinen Abenteuern. Tanzmeister war er von Beruf. Ich meinte, daß das doch wohl nicht das richtige Gewerbe sei für diese Gegend. Da schaute er mich erstaunt an.

»Wo denkst du hin? Das beste Land der Welt für unseren Beruf! Droben in den Staaten treten sie einander auf die Füße. Da kann man die Straße pflastern mit Tanzmeistern. Aber hier! Ist dir außer uns schon einmal einer begegnet von hier bis La Paz?«

»Nein,« sagte ich voll Überzeugung.

»Und also,« fuhr der andere fort, »muß es doch ein gutes Land sein für die Tanzmeister. Wenn nur das Volk etwas mehr Sinn hätte für die Kunst! Aber nicht einmal einen ordentlichen Tango können sie tanzen. Und der stammt doch aus der Gegend. Seit zwei Jahren sind wir schon unterwegs. Die ganze Westküste haben wir abgeklappert. Immer einen Monat Tanzen und drei auf der Walz. Von Bogotá bis Antofagasta. In Quito und Guayaquil, in Lima und La Paz, in Arequipa sind wir gewesen. In Sucre haben die Universitätsprofessoren bei uns ihre Stunden genommen. Aber die besten Zeiten sind vorbei. Der Rahm ist abgeschöpft. Es gibt zu viele windige Franzosen und billige italienische Signorinas, die das tun für ein Butterbrot.«

Ja, und dann faßte er den großen Entschluß und setzte Segel nach »mares nunca de antes navegados« von Tanzmeistern. Nach dem gelobten Lande Santa Cruz. Aber die Enttäuschung war groß. Alles twostepte und foxtrottete bereits, als er dort ankam. Mühsam nur vermochte er sich über Wasser zu halten mit seinen Künsten, und wären nicht einige wohlhabende deutsche Kaufleute gewesen, die ihm das Geld für eine Ausrüstung zur Rückreise schenkten, so wäre er jämmerlich zugrunde gegangen in dem Schlaraffenlande.

Noch manches erzählten die beiden von ihren Abenteuern. Zwischendurch tauschten wir gegenseitig Informationen aus über den noch zurückzulegenden Weg.

»Morgen,« sagte der Tanzmeister, »wirst du unterwegs einen dicken Bonzen antreffen. Der ist kein Geringerer als der amerikanische Botschafter, der in Santa Cruz war, um sich die Petroleummöglichkeiten anzuschauen. So ein gutes Ding darf man sich nicht durchgehen lassen. Er ist von Detroit in Michigan, und wenn du ihm sagst, daß du auch von dorther kommst, so wird er dir fünf Dollars geben. Uns wollte er hundert geben, wenn wir wieder zurückgingen nach den Staaten. Aber da müßte ich erst meinen Verstand verloren haben, ehe ich so etwas tue.«

»Warum?« fragte ich etwas erstaunt.

»Nicht ehe sie die Vierzehnte Verfassungsänderung widerrufen haben.«

»– –?«

»Nun ja,« fuhr er elegisch fort, »so steht es mit uns. Wir haben kein Haus und keine Heimat. Wir haben keine Freunde, keine Verwandte, keine Kinder. Wo wir unseren Hut hinhängen, da sind wir zu Hause. Was haben wir also in der Welt außer dem Whisky? – Drei Jahre hab' ich's ohne ihn ausgehalten. Aber nun ist's genug. Nicht daß das Glück sich Whisky buchstabiert. Aber die Freiheit tut's!«

So redeten wir weiter während der halben Nacht und waren schnell miteinander bekannt als Kinder der Landstraße und schauten in die unruhigen Flammen, die rot aufflackerten zum sternhellen Himmel unter dem Südlichen Kreuz. Die Missis holte ihre Mandoline und sang spanische Kantaten und wunderliche Niggerlieder. Sie fing an bei den »Old folks at home« und hörte auf mit einem Liede, dessen Kehrreim mir heute, nach drei Jahren, noch immer im Ohre klingt:

»For I never trouble trouble.
Till trouble troubles me –
«

Das war sehr einfache Poesie, aber ein wie tiefer Sinn lag darin, zumal für die, die sich auf bolivianischen Landstraßen herumtreiben!


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