Kurt Faber
Tage und Nächte in Urwald und Sierra
Kurt Faber

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Im Urwald

Am Ufer des Rio Grande. – Indianische Kunststücke. – Der Baumstamm als Fähre. – Ein unersetzlicher Verlust. – Paßschikanen im Urwald. – Man muß sich zu helfen wissen. – Von Affen, Schlangen und Schmetterlingen. – Es regnet. – Die Tiger kommen. – Und die Frösche. – Und die Schlangen. – Miniaturgorillas. – Konzert im Urwald. – Die verkannte Riesenschlange. – Die Stadt San José. – Ein halbes Dutzend Wandervögel. – Ich erlange eine Stelle als maître de plaisir. – Wieder unterwegs. – Waffen? – Nicht einmal ein Taschenmesser! – Von Zecken, Skorpionen, Sandflöhen und sonstigen Quälgeistern. – Endlich in Puerto Suarez. – Und dann Brasilien.

Schon nach einer Stunde hörte der Wald plötzlich auf, und unvermutet stand ich vor einem mächtigen Fluß, der in der ungefähren Breite des Rheines in seinem Mittellauf talabwärts floß. Überaus großartig war er anzusehen mit seinen gelben Fluten, die wirbelnd vorüberzogen. Das Brausen des Wassers schlug dumpf an das Ohr, wie eine Stimme der Wildnis aus den Wäldern am jenseitigen Ufer, den Jagdgründen der Wilden, von denen man mir in diesen Tagen so viel erzählt hatte. Lange stand ich unschlüssig am Ufer und betrachtete das Schauspiel. Je länger je mehr begann ich den Mut zu verlieren. Weit und breit war kein Boot, kein Kanu oder sonst eine Beförderungsgelegenheit zu entdecken. Nur hie und da sah man einen Haufen Schlingpflanzen oder einen entwurzelten Baumstamm, der langsam vorüberglitt. Wie aber machte man es, um ein solches Wasser zu überschreiten, ohne den sicheren Tod zu gewärtigen?

Während ich noch darüber nachdachte, kamen zwei Indianer, die sich sogleich zum Übersetzen anschickten. Nachdem sie ihre Kleidung – es war wirklich nicht der Mühe wert – ausgezogen und zu einem Bündel zusammengeschnürt hatten, zogen sie aus einer Erdmulde unter einem überhängenden Busch einen offenbar für solche Zwecke zurechtgemachten Baumstamm hervor, an den sie sich klammerten und mit dem sie sich, nur mit leichten Schwimmbewegungen nachhelfend, in diagonaler Richtung von der Strömung zum anderen Ufer hinübertreiben ließen. Es war ein schönes, wenn auch etwas atemraubendes Kunststück, und ich war gespannt, wie ich selbst auf diesem Gebiet abschneiden würde. Wenn ich es je in meinem Leben mit der Angst zu tun gehabt hatte, so war es hier. Aber was blieb mir anderes übrig? Irgendein Kunstgriff mußte bei der Sache sein, denn so ohne weiteres lotste man ein solches Fahrzeug nicht durch die Strudel und Schnellen eines angeschwollenen Flusses. Das war klar. Allein getraute ich mir das Unternehmen schon zu, aber wie es mit dem Ochsen werden würde, das war die große Frage, die sich jetzt entscheiden mußte. Noch eine ganze Anzahl der zurechtgestutzten Bäume lag unter dem Busch in der Mulde. Vorsichtig zog ich einen hervor, um seine Tragfähigkeit zu probieren. Aber noch ehe er richtig im Wasser lag, wurde er auch schon von der Strömung mitgerissen. Mit ihm ich und mein Ochse. Der Boden schwand mir unter den Füßen, noch ehe ich recht wußte, wie es geschehen war. In diesem Augenblick war mir zumute, als ob die ganze Welt verschwunden und nichts mehr übrig geblieben wäre als das Stück Holz, an das ich mich krampfhaft klammerte. Für alles andere hatte ich das Auge verloren. Nur gelbes, schmutziges Wasser, das rauschend und brausend an meinen Ohren vorübersauste, und ein leeres, unbestimmtes Gefühl von rasender Geschwindigkeit. Plötzlich war es mir, als ob mich ein grausames Etwas bei den Füßen nähme und mit unwiderstehlicher Gewalt in die Tiefe zöge. Es war der Strudel, der mich erfaßt hatte und ebenso schnell wieder ausspie. Mehrmals wiederholte sich der Vorgang, und jedesmal glaubte ich meinen letzten Augenblick gekommen, bis plötzlich, beim Verlaufen des letzten Strudels, die Füße am Sande hinscharrten. Ich war gespannt, welch neuer Schrecken nun kommen würde. Alles andere war mir glaubhafter, als daß ich nach all den überstandenen Todesgefahren nun wirklich unversehrt am anderen Ufer stand. Noch halb im Taumel wankte ich das hier flach anlaufende Ufer hinauf, wo ich mich auf einen umgefallenen Baumstamm niederließ und laut vor mich hinlachte vor lauter Verstörtheit. Das Brausen des Wassers lag mir noch immer in den Ohren. Die Todesangst rumorte mir im Kopfe. Die ganze Welt drehte sich vor meinen Augen im Kreise. Es mochten wohl einige Minuten vergangen sein, ehe ich wieder richtig zur Besinnung kam. Da standen die beiden Indianer vor mir und deuteten aufgeregt den Fluß hinunter.

»Toro, toro!«

Mein Ochs! Den hatte ich wirklich ganz vergessen über all den anderen Abenteuern! Ich sprang auf den Baumstamm und schaute flußabwärts in der angedeuteten Richtung. Aber so sehr ich auch meine Augen anstrengte, es war weiter nichts zu erkennen als ein kleiner dunkler Punkt, der schon in weiter Ferne inmitten der gelben Fluten talabwärts glitt. Mein erster Gedanke war, dem Ausreißer nachzusetzen, aber die Indianer meinten, das hätte keinen Zweck, denn erstens seien die Ufer mit weglosem Urwald bestanden, und dann sei auch hundert gegen eins zu wetten, daß das Tier inzwischen längst schon die Last abgeschüttelt habe. Was aber nütze ein Packtier ohne Gepäck? Es sei nur ein unnützer Fresser.

Alles das war sehr einleuchtend, und dennoch konnte ich es nicht fassen. Mit einer Gänsehaut überlief es mich, als ich in Gedanken schnell noch einmal das Inventar machte von alledem, was ich verloren hatte in dieser verhängnisvollen Viertelstunde. Wie schön hatte ich noch tags zuvor meinen Proviant zusammengekauft: Kaffee, Zucker, Reis usw.! Alles weg! Und Kleider und Schuhe. Ich besaß nichts mehr davon, als das, was ich auf dem Leibe trug. Zu meinem Glück hatte ich wenigstens noch die wenigen Bolivianos, die mir noch übriggeblieben waren. Nicht einmal mehr eine Waffe hatte ich! Und was wollte ich nun so hilflos allein in diesem weltverlassenen Urwald, der weithin berüchtigt und gemieden war wegen seiner wilden Tiere und Menschen?

Und dennoch: zurück? Das wäre ein Verstoß gegen alles Herkommen! Lange überlegte ich das alles hin und her, aber noch ehe ich recht wußte, warum ich es tat, war ich von meinem Sitzplatz aufgestanden und marschierte geradeswegs in den Wald hinein.

Der »Weg« war nichts weiter als ein unscheinbarer Pfad, von dem man nicht sagen konnte, ob es Menschen oder Tiere waren, die für seine Entstehung verantwortlich zeichneten. Und wo mochte er hinführen? Nicht einmal diese Frage legte ich mir vor, während ich über modrige Pfützen und gefallene Baumstämme immer weiter in den Wald hineinlief. Zu benommen war ich noch von dem bösen Schicksalsschlag, als daß ich überhaupt fähig gewesen wäre, etwas zu denken. Mochte kommen, was da wollte, schlimmer konnte es nicht werden, und wenn einmal alle Stricke am Reißen waren, dann würde zur rechten Zeit ein einziger Augenblick doch alles wieder ins Geleise bringen. Das wußte ich aus langer Erfahrung aus aller Herren Ländern. Wer nie auf Glück und Zufall vertraut, der taugt nicht zum Abenteurer.

Und doch war es ein gefährliches Unternehmen voll lauernder Gefahren. Im innersten Afrika dürfte es kaum einen Urwald geben, der wilder und ursprünglicher wäre wie der, dessen Durchquerung ich mir jetzt in den Kopf gesetzt hatte. Vom Rio Grande bis zum Rio Paraguay, der die brasilianische Grenze bildet, sind es einige fünfhundert Kilometer durch eine von der Kultur noch kaum irgendwie beleckte Urwaldwildnis; ein Paradies der Schlangen und Jaguare, dünn bevölkert von umherziehenden, fast noch im Steinzeitalter lebenden Nomaden, die mit vergifteten Pfeilen dem Wanderer auflauern. Selbst den eingeborenen Bolivianern sind diese Landstriche nicht geheuer. »Muchos bárbaros!« sagen sie, wenn sie darauf zu sprechen kommen, und gehen lieber wo anders hin. Während der Zeit der großen Gummikonjunktur hat die bolivianische Regierung einen Weg durch den Wald hauen lassen, der ununterbrochen nach Osten bis zum Rio Paraguay führt und so eine wenigstens theoretische Verbindung mit dem brasilianischen Nachbarlande bildet. Gegen Angriffe der Wilden ist er anfangs durch Forts gesichert, die in Entfernungen von je etwa vierzig bis fünfzig Kilometern angelegt sind.

Das erste dieser Forts sollte nur wenige Kilometer vom Flußufer entfernt sein, so daß ich es bequem noch vor Einbruch der Nacht erreichen konnte. Im Gehen aber war mir der Weg länger vorgekommen, als er wirklich war. Das Ungewohnte der Umgebung fing an, wie etwas körperlich Schweres auf mich zu drücken. Der Wald war hier ungewöhnlich reich an mächtigen Palmen, die sich hoch oben mit ihren Kronen berührten und unten alles in Dämmerung hüllten. Gespannt horchte ich auf das Rascheln und Schreien in der dichten Dschungel. Ich schaute den Affen zu, die in den Baumkronen lärmten. Jedes Knistern im Dickicht ließ mich zusammenfahren. Das Gerede von den Wilden hatte mich doch nervös gemacht. Mehr als einmal glaubte meine überhitzte Phantasie eine menschliche Gestalt im Busch zu bemerken, die sich dann als Affe, Ratte, Wildkatze, als Papagei und Nashornvogel oder sonst irgendwelches Getier entpuppte, für das meine Schulweisheit nicht ausreichte. Schon hatte ich mich in dieser Hinsicht einigermaßen beruhigt, als plötzlich dicht vor mir ein Mensch aus dem Dickicht kam. Ein Wilder, ohne Zweifel! Wild genug sah er aus mit den zerlumpten Kleidern und dem Strohhut, der eigentlich nur noch aus einer mächtigen Krempe bestand. Waffenlos wie ich war, wäre ich am liebsten davongelaufen, aber dann kamen mir doch wieder Zweifel an seiner Echtheit, da ja nach allem, was ich gehört hatte, die wirklichen Wilden dieser Gegend in paradiesischer Nacktheit einherliefen. Vollständig beruhigt war ich aber erst, als der andere auf mich zukam und sich mir mit einem Anstand und einer Würde vorstellte, die einem spanischen Grande zur Ehre gereicht hätten.

Er sei Sergeant und Kommandant des Forts, das hier gleich hinter der nächsten Wegbiegung läge. Es sei ihm ein Vergnügen, wenn er mich dort hinbegleiten dürfte. Unnütz zu sagen, mit welcher Bereitwilligkeit ich ihm dieses Vergnügen gewährte. Aber das »Fort« war dennoch eine Enttäuschung. Der Name hatte mich irregeführt. Unwillkürlich hatte ich mir dabei so eine Vorstellung von Wällen, Türmen, Festungsgräben, Palisadenzäunen und solchen Dingen gemacht, von denen man einmal in den Indianergeschichten gelesen hatte. Von alledem war aber hier gar keine Rede – der Weg führte durch eine etwa zwei bis drei Hektar große Lichtung, die man offenbar erst vor kurzem geschlagen hatte, denn die gefällten Bäume lagen überall durcheinander, zum Teil schon halb verkohlt von dem Feuer, mit dem man die Rodung vom Unterholz gesäubert hatte. Am Waldrand standen zwei armselige Hütten aus Bast und Palmblättern. Wir gingen in eine der Hütten, wo die Frau des Sergeanten sogleich mit einer Tasse Kaffee aufwartete, während der Herr des Hauses immer eine . Zigarette an der anderen anzündete. So saßen wir eine ganze Weile, ohne viel zu reden. Langsam kam die Nacht aus dem Urwald gekrochen. Das Feuer leuchtete immer röter vor der Hütte. Das Chaos der verkohlten Baumstümpfe lag gespenstisch im Zwielicht, und ringsum stand der Wald in finstere Schatten gehüllt. Es war, als ob das Wunder der neuen Nacht alle Stimmen der sonst so geschwätzigen Wildnis zum Schweigen gebracht hätte. Alles ringsum war Stille und Regungslosigkeit. Nur leise knisterte das Feuer, das kerzengerade hinausstieg zum wolkenlosen Himmel, an dem eben die ersten Sterne groß und feurig heraufzogen. Eigentlich wäre es eine ideale Nacht geworden, wenn nicht gerade mit sinkender Sonne die Moskitos herangesummt wären. Erst kamen sie einzeln, mit hellem, metallischem Schwirren, dann waren es Heerscharen und schließlich Wolken, deren Surren zusammenklang zu einem dumpfen Liede, das aufreizender wirkte als die schaurigste Musik. Jeder einzelne der kleinen Teufel war für sich schon eine Plage, aber wie man es Nacht für Nacht in solcher Hölle auf die Dauer aushalten konnte, das war mir unerklärlich. Doch ist auch das offenbar eine Sache der Gewohnheit, denn meine Gastgeber schienen durch diese Plage nicht im geringsten belästigt zu werden. Während die Frau ein Gericht aus Trockenfleisch und Manioka kochte, wurde der Sergeant nicht müde, die Vorzüge dieser Wildnis zu schildern. Er sei schon sieben Jahre an diesem Platze, und wenn er irgend etwas dazu tun könne, so würde er dafür sorgen, daß er nicht wieder versetzt würde. Denn hier sei er der Herr. Was aber wäre er in La Paz? Ein Nichts. Weniger als ein Nichts. Ein Soldat nur wie alle anderen. Und außerdem sei dieses gerade das richtige Land für einen unternehmungslustigen jungen Mann. Weit und breit sei es verrufen, und das sei gerade der Vorteil. Nur um überhaupt Ansiedler heranzuziehen, schenke die Regierung einem jeden fünf Leguas (fünfundzwanzig Quadratkilometer) Land. Man brauche nichts zu tun, als dort seine Hütte zu bauen und abzuwarten, bis nun der Augenblick gekommen sei, das heißt, bis einmal die Eisenbahn gebaut werde, und dann wäre man ohne weiteres Millionär. »Wenn man nicht vorher von den Wilden gefressen wird,« ließ sich die Frau aus dem Hintergrund vernehmen. »La Paz! Schönes La Paz! Werde ich es noch einmal sehen? Ah, madre dios, das Leben ist zu kurz, als daß man es in dieser Wildnis wegwerfen soll.«

Der Sergeant, der dieses Lied offenbar schon gewohnt war, lachte sie aus und meinte, sie solle uns noch einen Kaffee servieren.

Während sie noch so redeten, kamen die »Soldaten« von der Arbeit aus der Rodung. Es waren ihrer drei oder vier, die man gut und gern auch als Wilde ansprechen mochte, so ungekämmt, wie sie aussahen, und so spärlich, wie sie bekleidet waren. Sie machten sich vor ihrer Hütte zu schaffen. Die einen holten Holz und Wasser, während die anderen das Essen zubereiteten. Aber am seltsamsten war dieses: wo immer sie gingen und standen, nahmen sie ihr Gewehr mit sich, »Caramba« meinte der Sergeant, den ich darüber befragte, »wo wären sie heute, wenn sie das nicht täten? Ich für meinen Teil gehe keine drei Schritte vom Haus ohne meinen Schießprügel. Es ist nicht gesund, wenn man es unterläßt, und Vorsicht ist immer meine starke Seite gewesen. Sonst würde ich nicht für den Urwald taugen.«

Noch eine Weile redete er so weiter; es war eine sehr lehrreiche Unterhaltung mit vielen Aufschlüssen über Land und Leute, aus denen ich den größten Nutzen hätte ziehen können, wenn ich nicht so entsetzlich müde gewesen wäre. So aber hörte ich das alles nur undeutlich und verschwommen, wie aus weiter Ferne. Bald hörte ich gar nichts mehr und war fest eingeschlafen, so wie ich dasaß vor meiner Kaffeetasse.

Der Tag war schon weit vorgeschritten, als ich am anderen Morgen aufwachte. Der Sergeant war bereits beim Frühstück, und er brauchte mich nicht zweimal zur Teilnahme einzuladen. Während wir nun Kaffee tranken, erzählte ich ihm von meinen Reiseplänen. Da wurde er energisch.

»Haben Sie eine Erlaubnis?«

»Erlaubnis – von wem?«

»Vom Kommandanten in Santa Cruz natürlich! Das ist hier Militärgebiet, das niemand passieren darf ohne Erlaubnis der Kommandantur und ohne militärische Bedeckung.«

»Wenn ich aber das alles auf meine eigene Kappe nehme –«

»Hier gibt es nur eine Kappe, und das ist die militärische.«

Ich meinte darauf, daß ich mir schon getraute, es mit einem Wilden aufzunehmen, wenn je mir einer über den Weg käme. Aber dazu schüttelte er erst recht den Kopf.

»Es gibt allerlei Wilde,« sagte er nachdenklich, »weiße und braune. Ich für mein Teil ziehe die braunen vor. Ich zweifle nicht, daß es auch Caballeros darunter gibt, gute und schlechte, wilde und zahme, aber gerade in diese Gegend kommt zuweilen eine Sorte Caballeros, die es mit dem Mein und Dein nicht so genau nehmen. Verfolgte Räuber, gehetzte Mörder, die hier durchziehen wie eine arme, abgeschiedene Seele, die nach dem Fegefeuer geht. Denn dieses ist hier die Straße der Spitzbuben. Nein, ich werde Ihnen die Genehmigung zur Durchreise nicht erteilen. Mit Ihrer Erlaubnis tue ich das nicht!«

Umständlich zündete er sich eine Zigarette an, während ich wortlos in das Feuer starrte. Alle meine schönen Pläne lagen vor mir wie ein Trümmerhaufen. Was nun? Ein guter Gedanke schoß mir durch den Kopf wie eine Ahnung, an die ich selbst noch nicht zu glauben wagte. – Wenn es gelänge!

Da war doch irgendwo ein maschinengeschriebenes Schreiben – es war das einzige, das ich noch besaß, nachdem der Sylvestro mit den andern davongegangen – mit dem bolivianischen Wappen als Briefkopf. Ich überreichte es ihm, und er betrachtete es kritisch, indem er es zuerst umgekehrt in der Hand hielt. Meine Vermutung war richtig. Er konnte nicht lesen. Sorgfältig untersuchte er das Wappen, das vor seiner Kritik standhielt.

»Aber die Unterschrift ist nicht die unseres Kommandanten.« »Es kommt doch direkt vom großen Hauptquartier in La Paz.«

Bei solcher Eröffnung erfror er sofort zu militärischer Haltung.

»Bueno,« sagte er salutierend, »es wird alles besorgt werden.«

Und noch ehe eine Stunde vergangen war, standen ein gesatteltes Maultier und ein Soldat als Bedeckung vor der Tür der Hütte. Gegen einige fünf oder sechs meiner schon allzu wenigen Bolivianos überließ er mir noch eine ansehnliche Quantität von Reis, Zucker und Kaffee als Proviant, und dann ritt ich seelenvergnügt in den neuen Tag hinein. Fabelhaft, wie sich hier alles zum besten gewandt hatte, fürwahr ein verheißungsvoller Anfang! Ich war nicht wenig stolz auf meine Köpenikiade. Hätte ich nur wenige Wochen vorausgeahnt, ich hätte wahrlich gewünscht, sie wäre nie zustande gekommen!

So aber war ich bis zum Zerbersten angefüllt mit Optimismus. Ohne Zeitverlust machte ich mich auf den Weg nach dem etwa fünfzig Kilometer weiter östlich gelegenen nächsten Fort und war bald wieder im dichtesten Urwald. Das Maultier erwies sich als ein gutes Reittier, und gar erst der als Bedeckung beigegebene Soldat war nichts mehr und nichts weniger als ein Wunder. Auf den ersten Blick hatte man ihn gern für einen Wilden halten mögen, denn er trug nur eine Art Badehose, und auch die stand ihm nicht gut zu Gesicht. Da er im übrigen nicht den Eindruck eines Riesen machte, ließ ich die Mula in einen angenehmen Trab fallen, damit er den Anschluß nicht verliere. Das faßte er als eine ihm angetane Beleidigung auf.

»Déle! déle no más« rief er ungeduldig.

Da schlug ich einen schärferen Trab an.

»Déle no más!«

Nun ging ich zu einem Galopp über, den ich fast während des ganzen Rittes beibehielt, ohne daß der Soldat jemals woanders gewesen wäre, als dicht hinter den Hufen des Maultiers. Das quer über die beiden Schultern gelegte Gewehr hielt er mit beiden Armen fest, während er mit eigentümlich wiegenden, springenden Sätzen den schmächtigen Körper vorwärtsschnellte. Es war eine Leistung, die ihm keiner der weltberühmten Schnelläufer nachgemacht hätte. Und doch schien er am Ende des Fünfzigkilometermarsches ebenso frisch wie am Anfang. Ich konnte während der nächsten Tage feststellen, daß diese Leistung keineswegs vereinzelt, sondern im Gegenteil das normale Pensum der dortigen Soldaten war.

Längs des ganzen Weges erstreckte sich der Urwald in seiner ewigen Einförmigkeit. Es war das erstemal, daß ich einen richtigen tropischen Urwald zu Gesicht bekam, und ich muß gestehen, daß ich mir etwas anderes vorgestellt hatte. Wie anders ist es hier als in der stillen Feierlichkeit eines deutschen Hochwaldes! Dort ist alles Ruhe, hier alles Aufruhr und Durcheinander; ein wilder Kampfplatz der Naturgewalten, auf dem das Leben ewig wächst und ewig stirbt und vermodert. Und nirgendwo Ordnung. Fast sieht man ebenso viele gefallene wie wachsende Stämme, und wo etwas recht morsch und vermodert ist, da grünt es auch schon üppiger, als irgendwo anders. Selbst am hellen Tage ist es dunkel in diesem Dickicht. Nur hie und da tanzt ein Sonnenfleck auf einem fleischigen Blatte, nur da und dort läuft ein Lichtstrahl an dem weißen Stamm einer Palme herunter. Schwül ist die Luft, und dennoch kommt sie eisig kalt, wie eine dumpfe, modrige Kelleratmosphäre aus der Dschungel. Und immer gibt es etwas zu hören. Da schwirrt ein Vogel im Busch, da läuft eine Ente mit lautem quak quak über den Weg. Jetzt raschelt und grunzt und quiekt es irgendwo. Hier gaukeln Schmetterlinge und Kolibris wie bunte Farbenflecke durch die Luft. Hier sitzt ein grotesker Vogel mit einer mächtigen Nase, der sich gravitätisch auf den Zweigen wiegt. Nun erhebt sich irgendwo ein mächtiges Papageiengeschrei in den Baumkronen. Nun zetern die Affen. Nun hallt es wider aus allen Winkeln der Dschungel, ein ohrenzerreißendes Konzert der zwei- und vierbeinigen Sänger und Brüller.

Bei sinkender Nacht kamen wir zum nächsten Fort, das in seiner Anlage fast noch armseliger war als jenes, das wir am Morgen verlassen hatten. Der Boden war hier offenbar recht kümmerlich. Der Urwald, der in der Gegend des Flusses in überwältigender Üppigkeit stand, war hier zu einem dürftigen Busch zusammengeschrumpft und stellenweise hatte er sich in eine parkartige Landschaft aufgelöst, nur spärlich bestanden mit vereinzelten mächtigen Bäumen, die mit ihren breiten Kronen an unsere heimischen Eichen erinnerten. Ein kleiner Fluß, fast mehr ein Bach, zog träge durch das flache Land. Überall blieb er stehen und bildete Teiche, Tümpel und Sümpfe, in denen die Frösche ein ohrenbetäubendes Konzert veranstalteten. Längs der Ufer stand hohes, schilfartiges Gras, das in der Sonne wie Silber glänzte, wenn der Wind darüber hinfuhr. Im übrigen war der Boden kahl und rissig wie eine Dreschtenne. Das Fort selbst bestand aus zwei großen Hütten, in denen außer einigen irdenen Töpfen weiter nichts zu erkennen war als ein Dach aus Palmblättern und ein Fußboden aus gestampftem Lehm. Drei oder vier Soldaten nebst ihren Weibern hausten an diesem Platze, und so waren wir denn an jenem Abend eine recht angeregte Gesellschaft. Die Weiber servierten »Charqui«, eine Art Trockenfleisch, das in großen schwarzen Fetzen aufgetragen wird, die aussehen wie Schuhsohlen, die aber sehr nahrhaft sind und, wenn man Hunger hat, keineswegs schlecht schmecken. Als Revanche für die dargebotenen Genüsse wartete ich mit meinem Kaffee- und Zuckervorrat auf, der als Abwechslung in der Kost große Anerkennung fand, denn für gewöhnlich ist eine Art Urwaldtee mit einem anisartigen Beigeschmack ihr einziges Getränk.

Bis spät in die Nacht hinein saßen wir zusammen, und die Soldaten wurden nicht müde, von ihrem beschaulich abenteuerlichen Leben als Wächter in der Wildnis zu erzählen. Mit den Wilden – so sagten sie – hatte es wohl seine Richtigkeit. Es gäbe deren eine ganze Menge in der Gegend, und es gäbe recht boshafte Burschen darunter, denen es auf eine Mordtat mehr oder weniger wirklich nicht ankomme. Wenn sie der Durchreisende auch nur selten zu Gesicht bekäme, so seien sie doch immer gegenwärtig und schlichen im Busch nebenher wie ein Jaguar auf der Lauer. Einen ungeschützten Reisenden würden sie unweigerlich überfallen und mit ihren vergifteten Pfeilen im Nu erledigen. Etwas anderes sei es, wenn man mit militärischer Bedeckung ginge. Dann brauche man nichts zu befürchten, denn sie hätten miteinander ein Schutz- und Trutzbündnis abgeschlossen, das im wesentlichen auf dem Grundsatz beruhe: »Tu mir nichts, ich tu dir auch nichts.« Das sei das allerbeste unter den gegebenen Umständen. Denn wenn sie es sich wirklich einmal in den Kopf setzen wollten, alle Forts zu überfallen und jedem Soldaten die Gurgel abzuschneiden, wer könnte sie daran hindern? Es ginge jetzt schon gegen Ende des Monats, und wer hätte da noch eine Patrone? Die Gewehre liefere die Regierung, aber die Patronen gingen auf Rechnung des Soldaten und würden an jedem ersten des Monats ausgeteilt. Da könne man wenigstens zu Anfang des Monats auf die Jagd gehen und sich einen Braten leisten. Gegen Ende sei dann wieder Schmalhans Küchenmeister. Andererseits aber hätten auch die Wilden aus langer Erfahrung gelernt, daß es nicht gesund sei, sich am Eigentum des bolivianischen Staates und an den Soldaten zu vergreifen. Es erfolge dann sofort eine Strafexpedition, die ihre Lager zerstöre, ihre Hütten verbrenne und ihre Frauen und Kinder ermorde, wenn sie der Männer nicht habhaft werde.

Es war schon spät in der Nacht, als wir uns schlafen legten.

Ich hüllte mich in meine Decken und streckte mich auf dem harten Lehmboden aus. Da kamen die Sandflöhe in ganzen Legionen. Ich legte mich ins Freie unter einen der großen Bäume, wo es angeblich keine von diesen Quälgeistern geben sollte. Aber da kamen die Moskitos herangesummt in hungrigen Heerscharen. Ja, niemand wandelt ungestraft unter Palmen! Ich hockte mich vor das Feuer vor der Hütte und machte einen mächtigen Rauch, um die Plage zu verscheuchen, aber es war alles nur eine Illusion. Immer wieder hörte ich das metallene Summen dicht neben dem Ohre, immer wieder erwischte ich einen der Blutsauger auf der Haut. Wie soll ich es beschreiben? Nur wer schon einmal ohne Moskitonetz, Hängematte und sonstige Schutzmittel als armes, hilfloses Hascherl eine Nacht unter den Moskitos zugebracht hat, kann sich eine richtige Vorstellung von so etwas machen, und die anderen werden es nie begreifen!

Je weiter die Nacht fortschritt, desto toller wurde die Plage. Es summte und brummte immer schlimmer, und das, zusammen mit dem ewig eintönigen, aufreizenden Singen der Frösche im Sumpfe brachte mein Blut zum Kochen und meine Nerven zum Zerreißen, bis endlich der siegende Tag den Nachtspuk verscheuchte.

Beim Tagesgrauen machten wir uns auf den Weg nach dem nächsten Fort. Die Gegend mußte hier noch unsicherer sein als die bisher durchmessene, denn nun hatte man sogar nicht weniger als drei Soldaten zur Bedeckung meiner wertvollen Persönlichkeit mitgegeben. Das war recht beruhigend. Da es aber schon gegen Ende des Monats ging und keiner mehr Patronen hatte für sein Gewehr, so würde es im Ernstfälle wohl auf dasselbe herausgekommen sein, ob es deren einer oder drei waren.

Auf dieser Etappe war der Weg stellenweise sehr eng, und die Büsche standen so nahe beieinander, daß man sich dicht auf den Rücken seines Reittieres hinunterbeugen mußte, um überhaupt ein Durchkommen zu ermöglichen. Der Boden selbst aber war hier meist eben und hartgetreten wie Asphalt, sodaß die Mula ordentlich ausgreifen konnte. Allmählich wurde er dann immer breiter und der Wald immer niedriger und verkrüppelter, und gerade hier zeigte sich ein Naturwunder, wie es wohl nur in jener weltverlassenen Urwaldwildnis vorkommen mag. Auf meilenlange Strecken war die Straße mit einer dichten weißen Decke überzogen, die aussah wie eine Schneeschicht. Noch erstaunlicher war es, wie das alles unter den Hufen des Maultiers plötzlich aufwirbelte gleich einem dichten Schneegestöber von mächtigen Flocken. Jeder einzelne dieser Flocken aber war ein Schmetterling. Es waren Milliarden und aber Milliarden von Weißlingen aus dem Urwalddickicht, die sich in der Sonnenhitze an den Wasserpfützen des Weges versammelt hatten. So seltsam war der Anblick dieses unwahrscheinlichen Schneegestöbers, daß ich mich an der Nase zupfen mußte, um mich zu vergewissern, daß ich nicht träumte.

Die Waldwüsten im Innern Boliviens und am Amazonas sind bei den Fachleuten berühmt wegen der Menge und des Artenreichtums der Schmetterlinge und, nebenbei bemerkt, auch der Orchideen. Es gibt in jenen Gegenden eigene Schmetterlings- und Orchideenjäger, die im Auftrage wissenschaftlicher Institute oder auf eigene Rechnung das Gewerbe betreiben. Auf dieser nüchternen, allzu modernen Erde dürfte es kaum einen Beruf geben, der gefährlicher wäre als dieser, denn es handelt sich bei diesen Jagden um ganz seltene Arten, bei denen jedes Stück der Beute in pfadlosen Urwäldern, aus fieberbrütenden Sümpfen, aus den Klauen wilder Tiere und noch wilderer Menschen herausgerissen werden muß. Die meisten dieser verwegenen Abenteurer kommen eines Tages an Fieber um, wenn sie nicht den vergifteten Pfeilen der Wilden zum Opfer fallen. Dennoch finden sich immer wieder Leute, die ihr Glück auf diesem Gebiete versuchen. Die Einnahmen sind gar zu verlockend. Für ein Exemplar einer einigermaßen seltenen Schmetterlingsart werden drei bis fünf Dollars bezahlt, während man für ganz ausgefallene, nur in jenen Wäldern vorkommende Arten verlangen kann, was man will. Jeder Phantasiepreis wird von den betreffenden Instituten willig bezahlt, zumal in Nordamerika, wo zur Zeit eine wahre Schmetterlingsmanie zu herrschen scheint. Bei alledem handelt es sich natürlich nicht um die unschuldigen Geschöpfe, die einem auf der Straße um die Ohren flattern, sondern um seltene Einzelerscheinungen, die weit ab vom Wege im Innersten der Dschungel hausen und nur durch ein raffiniertes System von Lockspeisen und Lichteffekten herbeigelockt werden können. –

So vergingen diese ersten beiden Tage im Walde. Es folgten noch viele andere. Doch ich will diese lange Geschichte kurz machen. Eintönig wie der Urwald selbst, ist das Wandern in seinem Schatten; ein recht unromantisches Dahintrotten und Gezwicktwerden von Moskitos. Und doch – wenn ich an jene Tage und Nächte im Urwald zurückdenke, so sehe ich Bilder vor mir, die ich nicht mehr vergessen konnte und die auch heute, nach mehr als drei Jahren, so deutlich vor mir stehen, als ob ich sie gestern gesehen hätte.

So geschah es einmal, daß wir im Gehen – der Soldat und ich, das Maultier hatte inzwischen schlapp gemacht – von der Nacht überrascht wurden.

Diese Nacht im tropischen Urwald werde ich so bald nicht wieder vergessen. Ganz unvermittelt war sie hereingebrochen, als ob eine unsichtbare Kraft plötzlich ein schwarzes Tuch über Busch und Bäume gebreitet hätte. Bis das Auge sich an die Dunkelheit gewöhnt hatte, war es so finster, daß man kaum die Hand vor den Augen erkennen konnte. Und dennoch war alles ringsum lebendig von tanzenden, funkelnden Lichtern. Wo immer man hinschaute, leuchtete es im Dickicht von funkelnden Glühwürmchen. Nicht nur in der Dschungel selbst, sondern auch auf der Straße war alles lebendig von ihnen. Quer über den Weg hatten die Spinnen unzählige Fäden von Baum zu Baum gezogen, an denen die Leuchtkäfer dicht nebeneinander wie die Perlen hingen. Das gab eine venezianische Nacht von grotesker Wildheit. Und doch waren das nicht die einzigen Lichter. Was einen noch mehr erstaunte und geradezu mit Schrecken erfüllte, das war der unheimlich helle Phosphorschein, der überall an den gefallenen und vermoderten Bäumen hinhuschte. Je weiter die Nacht vorschritt, desto heller wurde der Schein, und bald war es, als ob der ganze Wald in Flammen stünde. Unwillkürlich mußte ich schneller gehen, um das unheimliche Gefühl loszuwerden, das kalt in mir aufzusteigen begann. Der Soldat aber, dem das nichts Neues war, blieb völlig gleichgültig gegen das Naturschauspiel und schien nur darauf bedacht, daß im Gehen seine Zigarette nicht ausging. Nur zuweilen, wenn es im Busch dumpf knurrte, blieb er stehen und faßte mechanisch nach seinem ungeladenen Gewehr.

»Tigre!« Jaguar!

Auch das trug nicht zur Beruhigung meiner Nerven bei. Ich habe in den kommenden Wochen noch manchen Jaguar angetroffen und dabei die Erfahrung gemacht, daß sie nicht annähernd so schlimm sind wie ihr Ruf, aber damals hatte ich vor ihnen noch einen gewaltigen Respekt, und der sowohl wie die Nähe der Wilden und die ganze phantastische Umwelt und die lauernden Gefahren, die in der Dschungel drohten, begannen mir den Kopf zu verwirren, und wer weiß, was in jener Nacht noch geschehen wäre, wenn nicht endlich die Hütten des nächsten »Forts« aus dem Nachtdunkel aufgetaucht wären.

Und ein andermal – ein andermal kam der Regen. Der Winter selbst hatte sich in der Jahreszeit geirrt. Es war programmwidrig, es war gegen die Natur, daß jetzt schon die Regenzeit hereinbrach. Aber es regnete, und wenn es im bolivianischen Urwald regnet, so schüttet es wie mit Kübeln. Der Wald wird zum Sumpf und die Straße zum Fluß. Und dann kommen die Frösche, riesenhafte, unmögliche Frösche. Im allgemeinen – das muß ich gestehen – habe ich eine Vorliebe für Frösche. Wenn bei uns an warmen Sommerabenden die Sonne hinter den Bergen verschwindet, wenn die Dämmerung ihre Farben ausgießt und die ganze Natur in seliger Andacht den Atem anhält, da kann es in der Tat nichts Melodischeres geben als so ein Froschkonzert in der Wiese. Aber anders ist es mit diesen bolivianischen Fröschen! Das ist kein ehrsames, gut bürgerliches Quaken wie bei uns zu Hause. Das ist ein schrilles, aufreizendes Schreien und Singen mit einem eigentümlich rasselnden Unterton, der an eine Dampfmaschine erinnert. Wie Wimmern und Weinen klingt es aus der Ferne, und manchmal wie Hohngelächter. Unzählige Arten gibt es von diesen Untieren. Einige sind klein wie Laubfrösche, andere haben die Größe einer ausgewachsenen Ratte. Diese letzteren sitzen auf den Bäumen. Beim Herannahen des Wanderers springen sie mit einem Satz ins Wasser hinunter. Es sieht aus, als ob ein nasser Lumpen vom Baum herabgeworfen würde. Aber kaum sind sie unten angelangt, so werfen sie sich in Positur, blähen sich auf und brüllen laut wie Ochsen, während sie einen mit schweren, weit hervorstehenden Glotzaugen anstarren. Man könnte sich nicht gut ein Lebewesen vorstellen, das unmöglicher und übernatürlicher aussähe wie dieses! Die Frösche Boliviens! Sie sind mir später noch manchmal erschienen in meinen wüstesten Träumen!

Und doch – was waren alle diese gegen die Pest der Moskitos, die in schwarzen Wolken den grauen Regenhimmel noch mehr verdüsterten? Möge der Laie mich einen Aufschneider nennen, aber jedem moskitogeprüften Tropenwanderer rufe ich zum Zeugen dafür an, daß die reißendsten Löwen keine schlimmeren Bestien sind.

Ja, gibt es auf dieser Erde, sogar mit Einschluß der Hölle, noch eine Sorte von Plagegeistern, die schlimmer wären wie diese? Sie kommen herangeschwirrt wie das böse Gewissen. Sie tanzen auf deiner Haut mit ihren dünnen Beinen. Sie saugen dein Lebensmark mit den langen Rüsseln. Machtlos mußt du zusehen, wie der Bauch der kleinen Höllenkreaturen sich mit deinem Blute füllt. Und wenn du eine totschlägst, so kommen tausend dafür wieder. Es ist das reine Hexeneinmaleins. Wahrlich, das sind die wahren Wilden des Urwaldes! Schlimmer als alle Schlangen und alle Jaguare in der Dschungel. Typhus, Malaria und alle ekligen Sumpffieber der Tropen tanzen um dich her und vollführen eine aufreizende Musik, die eine Sinfonie des Teufels ist.

Das letzte Fort lag bereits hinter mir. Bergaufwärts führte der Weg. Er wurde härter und trockener, und bald stieß mein Fuß an etwas, das ich seit Wochen nicht mehr gesehen hatte: einen Stein! Bald wurden es deren mehr. Aufwärts ging der Weg an einem stellen Hügelhang. Es war eine hübsche Gegend, die mich mit einem Schlage weit wegzuversetzen schien von den Sümpfen mit ihren Kreaturen. Überall rieselte das Wasser. Murmelnde Bäche hüpften über graue Granitfelsen, und grüne Papageien saßen lärmend und schwatzend in den hohen Bäumen. Immer höher wurden die Bäume, je weiter man in den Wald hineinkam. Bald war der Wald ebenso üppig und majestätisch wie der, den ich in der Flußniederung von Santa Cruz gesehen hatte. Ringsum im Dämmerlicht stand regungslos das Wunder der mächtigen Bäume, das wildverschlungene, unentwirrbare Chaos der Lianen, die berückende Schönheit der Orchideen, die aus dem kalten Grunde der Dschungel leuchteten. Besonders viele Affen waren hier zu Hause. Ganze Herden von Brüllaffen vollführten ein ohrenzerreißendes Gezeter in den Palmenkronen. Andere kamen auf den Hinterhänden aus der Dschungel gerannt, gerade auf mich zu mit kurzem, heiserem Bellen wie Miniaturgorillas. Mit ihrem schwarzen, zottigen Fell sahen sie aus wie kleine Waschbären, und ihre grinsenden Affenfratzen, die in ihrem Leben wahrscheinlich noch nie einen Menschen gesehen und fürchten gelernt hatten, hatten etwas spukhaft Unwirkliches an sich. Doch waren es nicht diese, die mir auf die Nerven gingen. Ganz zufällig war mein Blick an einigen besonders grellen Farbenflecken auf halber Höhe eines dicken Baumes haften geblieben. Die Erscheinung hatte nichts sehr Auffälliges, und ich hätte sie auch weiter nicht beachtet, wenn sich da nicht etwas bewegt hätte. Die Sache interessierte mich, und da ich schlechte Augen habe, trat ich näher, um mir den Spuk genauer zu betrachten. Im nächsten Augenblick hätte ich etwas darum gegeben, wenn ich weniger neugierig gewesen wäre. Die Farbenflecke, die aus der Ferne so anziehend ausgesehen hatten, gehörten zum Leib einer Riesenschlange, die in großen Windungen um einen mächtigen Ast geschlungen war. Im Augenblick war ich wie versteinert. Ich vergaß alle Furcht und Gegenwehr über dem seltsamen Anblick. Wäre das Tier zum Angriff übergegangen, so hätte es die leichteste Beute gehabt. Aber es dachte nicht daran. Es schien sich in einem Zustand absoluter Weltverlorenheit zu befinden. Der schwere Kopf glotzte ausdruckslos ins Weite, und der glatte, offenbar ganz dem Geschäfte des Verdauens hingegebene Körper bewegte sich ganz langsam auf dem Aste hin und her. Das Tier mochte eine Länge von einigen sieben bis acht Metern haben, aber in meinen von der Phantasie erhitzten und von der Angst verzerrten Sinnen hatte es die Länge eines ausgewachsenen Eisenbahnzugs, einen Kopf wie ein Haus und Augen wie Teetassen und Zähne wie ein Mammut. Ganz vorsichtig zog ich mich zurück, um das Tier nicht zu reizen, aber sobald ich mich in sicherer Entfernung glaubte, rannte ich weiter, so schnell mich die Beine trugen.

Ich habe später noch mehrere Riesenschlangen angetroffen, aber vor keiner mehr habe ich mich gefürchtet. Unter den Bestien des Urwalds gehören sie zu den harmloseren. Wenn sie hungrig sind, können sie freilich recht gefährlich werden, aber sobald der Magen gefüllt ist, verkriechen sie sich in der Dschungel, wo sie sich wochenlang nur dem Geschäft des Verdauens hingeben und während dieser Zeit für ihre äußere Umwelt geradezu abgestorben sind. Unendlich viel gefährlicher sind die kleinen Giftschlangen, von denen stellenweise der Wald geradezu wimmelt.

Es war indessen schon spät geworden, und die Nacht kam pechschwarz aus der Dschungel. Eine schöne Nacht. Der Regen hatte aufgehört, und zwischen den gefiederten Palmenkronen, die regungslos am Himmel standen, konnte man vereinzelte Sterne sehen. Bald war es stockdunkel. Eine Stelle, wo ein gefallener Baum mit schönem trockenem Holze quer über die Straße lag, schien mir für ein Nachtquartier mit einem ordentlichen Feuer zum Fernhalten der Bestien geeignet, denn ganz so wie Tarzan fühlte ich mich nicht zu Hause unter den Tieren des Urwalds.

Das Holz mußte mit Pech gestrichen sein oder doch mit irgendeinem Harz, das mit dem Feuer auf gutem Fuße stand. Das Streichholz hatte es noch kaum berührt, als die Flamme züngelnd über den Stamm hinlief. Puffend und knisternd breitete sie sich aus. Brüllend wuchs sie immer höher. Es war, als ob der ganze Wald in Flammen aufgehen wollte. Wie der Zauberlehrling kam ich mir bei dem Anblick vor. Eben erst hatte ich mit Angst und Mißtrauen eines meiner schon recht zusammengeschmolzenen Streichhölzer geopfert, in der schwachen Hoffnung auf ein kleines, aufmunterndes Feuerchen, und nun –

Wenn sich das Feuer auch nicht weiter ausbreitete – denn offenbar bestand nur dieser Baum aus dem guten Brennmaterial – so wuchs es doch immer mächtiger in die Höhe. Der ganze Wald war taghell erleuchtet. Der Widerschein lief züngelnd an den weißen Stämmen in die Höhe und irrlichterte zwischen den Baumkronen. Eine sengende Hitze lag über der Lichtung. Die Wildnis ringsum wachte auf und protestierte heftig gegen die Störung. Es brüllte, grunzte und zeterte in allen Tonarten. Der Lichtschein hatte alles Getier herbeigelockt. Dicke Eidechsen liefen über den Weg. Im Dickicht raschelten die Wildschweine. Nah und fern hörte man das dumpfe Hm! Hm! der Jaguare. Mehrmals war es mir, als ob ich im Lichtschein des Feuers die Umrisse ihrer schlanken Leiber gleich Silhouetten riesiger Katzen durch das Dickicht schleichen sähe.

Wahrlich, es war eine entsetzliche Nacht!

Soweit es immer die Hitze erlaubte, verkroch ich mich in die Nähe des Feuers. Ich schloß die Augen, um nichts sehen zu müssen, aber dann war es die überreizte Phantasie, die mir noch viel schrecklichere Gespenster vorzauberte. Nicht einmal ein Taschenmesser hatte ich, um mich gegen die Bestien zu wehren, falls sie wirklich zum Angriff vorgehen sollten. Nur das Feuer war mein Schutz, und dieses selber war mir unheimlich in seiner sengenden Glut und seiner unnatürlichen Wildheit. Es war mit einem Wort eine unerquickliche Nacht, und ich glaubte eine halbe Ewigkeit durchlebt zu haben, als sich endlich die Geister beruhigten und der kommende Tag durch das Dickicht schlich.

Beim ersten Lichtschimmer machte ich mich auf den Weitermarsch und war bald auf einer freien Anhöhe angelangt, von wo man eine weite Aussicht auf das umgebende Land hatte. Ich schaute auf die hohen Palmen, die starr und stumm im Lichte der aufgehenden Sonne dastanden. Ich schaute zurück auf die Waldwüste, die sich flach und endlos in schauriger Einsamkeit ausbreitete. Dampfende Nebel zerflossen im Dämmerlichte. Von fernher kam das Singen der Frösche. Noch einmal, während ich mich zum Weitergehen anschickte, glaubte ich das wilde, vielstimmige Konzert von Jaguaren, Fröschen, Eidechsen und Moskitos zu hören, und es war mir wie ein wüster Traum.

»Muchos bárbaros!«

In der Tat! Ich hatte sie gesehen dort unten! Auf zwei, vier und sechs Beinen waren sie um mich hergeschwirrt, auf den Bäuchen waren sie herangekrochen, um mir das Leben zur Hölle zu machen. Nun war's genug!

Adios!

Mich seht ihr nicht wieder!

Nun wurde der Weg von Stunde zu Stunde immer besser und der Wald mit seinen mächtigen Farnkräutern, an denen die dicken Wassertropfen wie so viele Diamanten in der Sonne glitzerten, immer schöner. Einmal traf ich sogar eine Hütte, die dicht an der Straße stand. Unter dem weit vorspringenden Palmblattdache saß eine Indianerfrau, eine alte, zahnlose Dame an der schattigen Seite der Fünfzig, die eben dabei war, irgendein unbeschreibliches Tier der Wildnis zum Nachtessen zuzubereiten. Bedächtig zog sie den schwarzen Pelz von dem tiefroten, ins Grünliche schillernden Fleisch und warf dann jedes der abgezogenen Stücke in einen mit Wasser gefüllten Eimer, daß es nur so platschte. Ihre Einladung zum Essen lehnte ich ab, denn wenn das Tier so war, wie es aussah, so war es zäh wie Treibriemen und schmeckte wie Pomade.

Vor Einbruch der Nacht kam ich dann endlich nach einer Ansiedlung, die tatsächlich schon etwas von der Kultur beleckt schien, oder wie man's so nimmt: im Reiche der Blinden ist der Einäugige König. Da standen mehrere mit Palmblättern bedeckte Hütten am Waldrand und etwas abseits eine weite Umzäunung, hinter der die Kühe standen. Ochsenkarren, Wagenspuren, aufgehängte Rindshäute, unordentlich umherliegendes Geschirr, Kuhhörner und Knochen, an denen die Hunde schnupperten, deuteten auf menschliche Tätigkeit. Es roch nach Mist und Landwirtschaft. Schwärme von dicken, schwarzen Fliegen brummten wie Motore in der zitternden Luft des heißen Tages, und dazwischen klang immer noch, wenn auch nicht annähernd so stark wie unten im Sumpfe, das helle metallische Summen der Moskitos. Alles in allem war es trotz aller Kulturbelecktheit nicht eben ein angenehmer Aufenthaltsort.

Ich ging in eine der Hütten zu den Weibern, die über dem beißenden Rauche eines kümmerlichen Feuers stumpfsinnig vor sich hinträumten. Todmüde war ich von der langen Reise und den vielen Aufregungen der letzten Wochen. Gerne hätte ich eine Tasse Kaffee getrunken, wenn ich welchen gehabt hätte. Aber der Vorrat war erschöpft. Nicht eine Bohne war übriggeblieben. Hier saß ich mit bangem Herzen und trübem Sinne, vis-à-vis de rien in des Wortes verwegenster Bedeutung. Die Weiber versicherten mir, daß sie da auch nicht helfen könnten. Nicht eine einzige Maniokawurzel hätten sie in der Hütte, und Fleisch hätten sie seit Wochen nicht mehr gesehen. Die Männer seien schon vor Tagen auf die Jagd gegangen, und wer könne wissen, wann sie wieder kämen. – Que lo vamos hacer? Was ist da zu machen? Das ist nun einmal so in der Wildnis. Dann stopften sie wieder mit der größten Seelenruhe ihre Pfeifen.

Bei Anbruch der Nacht kehrten dann wirklich die Männer von ihrem Jagdausfluge zurück. Neben einigen Spießhirschen und Schildkröten trugen sie an einer Stange einen mächtigen Jaguar, über den sich die Frauen mit großem Eifer hermachten. Mehrere Stunden brauchten sie zum Zerlegen und Zubereiten. Dann gruppierten wir uns malerisch vor der Hütte, jeder mit einem langen Messer. Und als es dann Nacht wurde und das Feuer in der Dunkelheit hoch aufloderte, als der Braten in der Asche schmorte und sich ringsum die großen, stillen Bäume des Urwalds im zuckenden Scheine der unruhigen Flammen wie etwas Lebendiges bewegten, da war es eigentlich ganz gemütlich. Ich gab den Leuten etwas Reis, den ich noch übrig hatte, und dafür revanchierten sie sich mit einem riesengroßen Jaguarkotelette. Nun hatte ich zwar in meinem Leben schon allerlei gegessen, aber Jaguar noch nicht, und »was der Bauer nicht kennt, das frißt er nicht«, sagt ein altes Sprichwort. Trotz dem großen Hunger weigerte ich mich standhaft, etwas von der Delikatesse anzunehmen, sehr zum Mißvergnügen meiner Gastgeber. Jaguar, sagten sie, sei bei ihnen ein Festessen, und es sei eine Auszeichnung für einen Gast, wenn er daran teilnehmen dürfe. Doch wollten sie keinerlei Zwang auf mich ausüben. Sie würden auch allein damit fertig. Es sei auch ganz delikater Spießhirschbraten da, wenn ich diesen etwa vorziehe. Ich war so frei, das zu tun, und sie brachten mir ein mächtiges Lendenstück, das ich ländlich, sittlich, nach Urwaldmode gar bald mit Hilfe des langen Messers und den fünf Fingern als Gabel vertilgt hatte, während die anderen mit schmatzendem Behagen dem Raubtier zu Leibe gingen.

»Fein, was?« sagte ein neben mir sitzender alter Bursch mit dünnem weißem Bart, und schnitt mir noch ein Stück ab.

»Aber Spießhirsch!« –

»No señor! Que esperanza!« Das war doch auch Jaguarbraten!«

Im Augenblick war ich etwas bestürzt über die Eröffnung, aber wenn die Bestie Blut geleckt hat – – Nun erst recht nahm ich mir ein Jaguarkotelette. Es sah aus und schmeckte auch ungefähr wie Schweinebraten. Andere Länder, andere Kochkünste, und nie kommt man ans Ende seiner Erfahrungen auf diesem Gebiete.

Nachdem der erste Appetit gestillt war, nahmen sie mich gründlich ins Gebet über das Woher und Wohin.

»Und wo,« so sagte wieder der alte Mann mit einer gewissen Feierlichkeit, während er sich das lange Messer an den Hosen abwischte, »wo gedenken der Caballero jetzt hinzureisen?«

»Nach Osten,« antwortete ich ohne Besinnen, denn es war ja nicht das erstemal, daß dieses Verhör mit mir vorgenommen wurde.

»Nach Osten? Durch den Wald?«

Der alte Mann machte große Augen. Langsam fuhr er mit seiner knochigen Hand durch die dünnen weißen Haare. Dann kratzte er sich bedenklich hinter den Ohren, dann schüttelte er mißbilligend den Kopf, dann schüttelten alle anderen, die umher saßen, ebenfalls den Kopf, dann brachen sie alle unisono in den Klagruf aus, den ich nun schon so oft gehört hatte in jenen Wochen:

»Muchos, muchos, bárbaros!«

Und dann: »Mucho agua!« Viel Wasser.

Ich wollte mehr davon erzählt haben, und sie ließen sich auch gerne dazu ermuntern; aber was sie zu berichten wußten, klang wenig erfreulich. Es war noch immer das alte Lied von Sümpfen, Fröschen und Moskitos, denen ich mich eben erst glücklich entronnen wähnte.

Als ich mich am anderen Morgen schon vor Sonnenaufgang auf die Weiterreise machte, verabreichten sie mir ein mächtiges Stück Käse als Wegzehrung und ein Holzgefäß voll frischgemolkener Milch. Es war das köstlichste Getränk, das ich je getrunken habe.

Bald war ich wieder allein im Walde. Noch immer war es halb dunkel. Die Glühwürmchen leuchteten noch im Dickicht. Zwischen den höchsten Bäumen, die schlank wie Schiffsmasten in den Himmel ragten, kam der Tag heraufgedämmert. Mich fröstelte in der kühlen Morgenluft. Und nach den Prophezeiungen vom gestrigen Abend fröstelte mich auch ein wenig bei dem Gedanken an all die Abenteuer, die ich noch erleben sollte auf dem weiteren Wege durch diese ewig währende Wildnis.


Und nun folgt ein Abschnitt, den ich mit dem komplizierten und wenig schönen Namen Motocusito überschreiben möchte. Ich weiß selbst nicht warum. Ich weiß nicht einmal, was es ist und was es bedeutet. Und dennoch kann ich nicht anders. Wenn ich heute zurückdenke an jene nun glücklicherweise schon längst vergangenen Wochen, so klingt mir dieses dumpfe Wort ganz von selbst in den Ohren, wie ein trauriges Klagelied aus heißen Tropenländern. Wie brütende Hitze, wie brennende Sonne und summende Moskitos.

Motocusito! Was ist es eigentlich? Kommst du nach einem Ort, oder was sonst so in jener Gegend noch als Ortschaft passiert, so heißt er sicherlich Motocusito, erkundigst du dich nach dem Namen einer unbekannten Palme, so wird man sie dir als eine Motocusito vorstellen. Schaust du in einen Kochtopf, in dem irgendein unbeschreibliches Etwas brodelt, so kannst du zehn gegen eins wetten, daß es ein Motocusito ist.

Doch wo war ich stehengeblieben? Mitten im Walde, bei der gastlichen Hütte mit dem Jaguarbraten. – Wieder begann es in Strömen zu regnen. An vielen Stellen war die Wasserfläche bedeckt mit schwimmenden Wiesen bunter Blumen – lockende Pracht! Nur das nimmer endende Quaken der Frösche verriet die Täuschung. Noch immer gab es Frösche und Moskitos. Noch immer drohten die Wilden im Walde. Nur eben das Motocusito war ganz anders. Von menschlichen Ansiedlungen war auch nichts zu sehen außer einigen kümmerlichen Hütten, bis eines Tages auf einem offenen Plateau zwischen niedrigem Buschwald eine größere Ansammlung von Hütten auftauchte. Was wird es sein? dachte ich mir. Irgend so ein Motocusito. Aber siehe da: die Häuser wurden immer zahlreicher. Ein stolzer Kirchturm bohrte sich in den heißen Himmel. Schon ging ich durch die ersten Straßen des Städtchens San José.

San José ist keine Weltstadt. Wenn es hoch kommt, dürfte der Platz einige achthundert bis tausend Einwohner beherbergen, und auch diese sind kümmerlich genug untergebracht. Wenn man aber wochenlang unter Affen und Moskitos gelebt hat, so ist man nicht mehr wählerisch. Das Treppensteigen braucht einem in San José nicht schwer zu fallen, denn im ganzen Orte gibt es kein Haus, dessen Dach ein einigermaßen ausgewachsener Mann nicht bequem vom Boden berühren könnte. Die Dächer selbst springen weit vor und bieten so wenigstens etwas Schatten in diesem schattenlosen Orte. Über jeder Tür hängt eine bauchige »tinaja« (Tonkrug) mit eiskaltem Wasser, das in diesem Zustand aus einem wohltätigen Brunnen kommt, weil es der liebe Gott so eingerichtet hat, daß auch die schlimmsten Plätze irgend etwas Gutes aufzuweisen haben. Denn sonst ist wirklich nichts zu loben in San José. Es ist alles nur Sonne und Staub und Lehmhütten, die sich in ihrer graugelben Farblosigkeit kaum noch abheben von dem rissigen Erdreich der unheimlich großen Plaza, auf der ein paar windschiefe Palmen in der grellen Sonne stehen. Unnütz zu sagen, daß an der einen Seite der Plaza sich auch eine Kathedrale erhebt, die mit ihren zwei Türmen recht monumental, ja beinahe grotesk wirkt in dieser kümmerlichen Umgebung. Sie stammt noch aus der Zeit, da der berühmte Jesuitenstaat von Paraguay seinen Machtbereich bis in diese Gegend ausdehnte. In San José gibt es auch einige Europäer, und natürlich sind es Deutsche, denn wer sonst käme auf den Gedanken, etwas zu suchen in solcher Gegend. Es gibt dort drei Filialen der deutschen Handelshäuser in Santa Cruz, die den Handel des gesamten bolivianischen Tieflandes souverän kontrollieren bis zur brasilianischen Grenze. Außerdem wohnte hier ein sehr behäbiger Doktor der Philosophie aus dem Schwabenlande, der im besten Haus an der Plaza wie ein Pascha residierte. Gegenwärtig hatte er Einquartierung von einer Horde Wandervögel – ja, von Wandervögeln, frisch importiert aus Deutschland! Eines Tages waren sie angerückt; sechs stramme Burschen, jeder mit einem rechtschaffenen Rucksack. Außerdem hatten sie noch einen Esel, der das übrige Gepäck nachschleppen sollte. Zwanzig Pfund Gepäck kamen gut und gern auf jeden einzelnen, und außerdem trug noch jeder ein Mausergewehr. Ihr Kommandant – auch das hatten sie! – war ein ehemaliger Kriegsleutnant und hielt ganz leidlich Disziplin. Für mich waren sie wie die ersten Schwalben, die den Sommer machen, denn sie kamen von Brasilien und waren also der lebendige Beweis dafür, daß so etwas möglich war, und solchen Beweis hatte ich nötig, denn der Glaube daran war etwas wankend geworden in den letzten grausamen Wochen. Authentische Informationen waren selten auf diesem Wege. Selten traf man einen, der ein vernünftiges Spanisch sprach, und wenn das der Fall war, so war aus ihm doch nicht viel mehr herauszubekommen als das immerwährende »muchos bárbaros!« Hier aber war eine Gesellschaft von lieben Landsleuten, die einen gewiß auf das genaueste informieren konnte über alle Einzelheiten der kommenden Wegstrecke. Ich spitzte die Ohren wie ein amerikanischer Reporter, wenn er John D. Rockefeller interviewt. Aber siehe da: es war auch hier wieder die alte Geschichte von wilden Tieren und Menschenfressern, von Überschwemmungen und Durststrecken. Fast drei Monate hatten sie gebraucht von der brasilianischen Grenze bis hierher, und das war kein Wunder bei den Lasten, die sie mit sich schleppten. Ich machte eine dahingehende Bemerkung, aber da lachten sie mich aus. Zumal ein kleiner Berliner mit einem großen Lästermaul konnte sich nicht genugtun im Schwarzmalen und im Herabsetzen meiner allerdings recht dürftigen Ausrüstung.

»Mit die Klamotten?« sagte er mit einem Seitenblick auf mein allerdings nicht sehr inhaltreiches Bündel, »und das hier in der Wildnis, bei den Tigern und Menschenfressern? Und ohne Schießprügel und nicht einmal ein ordentliches Messer zum Halsabschneiden? Mensch, dich werden sie aufgefressen haben, ehe du viel älter geworden bist! Du wirst eine Mahlzeit für die Tiger werden oder ein Braten für die Indianerküche.«

So redete er noch lange weiter, und die anderen stimmten ihm in allem bei, wenn sie sich auch nicht ganz so drastisch ausdrückten. Dafür revanchierte ich mich, indem ich ihnen die Schrecken der Wegstrecke nach Santa Cruz in den schwärzesten Farben malte. Ach, ich brauchte dafür meine Phantasie nicht zu Hilfe zu nehmen. Die nackte Wahrheit war wahrlich schlimm genug.

Am anderen Morgen machte sich die Karawane auf den Weiterweg, trotzdem ein schweres Gewitter über dem Walde heraufgezogen kam. Es war schon ein Anblick, wie sie so davonzogen. Echt deutsch. Der Esel hatte am wenigsten zu tragen. Von der Mannschaft, bei der fast jeder schon wunde und geschwollene Füße hatte, trug jeder einen Rucksack von beträchtlichen Dimensionen neben einem Mausergewehr. Ich schaute auf mein eigenes kleines Bündel und es kam mir nun erst recht zum Bewußtsein, wie arm ich eigentlich war. Dennoch beneidete ich sie nicht um den Plunder. Sondern im Gegenteil! Das ist es eben, warum unter tausend Menschen neunhundertneunundneunzig am Wege liegenbleiben, im Urwald wie anderswo: Weil sie sich zu sehr mit Gepäck belasten. Die einen mit Kenntnissen, die anderen mit Wissenschaft, mit Vorsicht und Klugheit, mit kalter Berechnung, mit nüchterner Besonnenheit und mit sonst allerlei kleinen gegebenen Tatsachen, die ebenso viele Fallstricke sind für allen Tatendurst und jede Leidenschaft. Der Tod aller Toten ist das Gepäck. –

Wie dem auch sei: Da standen sie zum Abmarsch bereit.

»Bataillon – marsch!« kommandierte der Leutnant.

Die Kolonne setzte sich in Bewegung und war bald verschwunden im tobenden Regensturm des gleich darauf losbrechenden Tropengewitters. Noch heute, indem ich dies niederschreibe, wundere ich mich, was aus ihnen geworden ist. Vor wenigen Tagen war ich mit knapper Not jener Hölle entronnen. Das Wasser war mir damals schon stellenweise bis an den Hals gegangen, und seither hatte es dort drüben nicht aufgehört zu regnen. Ein günstiges Horoskop konnte ich ihnen also nicht stellen. Dennoch zweifle ich keinen Augenblick, daß sie zu gegebener Zeit, naß und müde doch sicher am anderen Ende angekommen sind. Ich habe einen viel zu blinden Glauben an den Stern der Abenteurer und den Schutzgeist der Vagabunden, als daß ich mir etwas anderes vorstellen könnte. Zumal an den der Deutschen. »Deutsch sein,« hat einmal jemand gesagt, »heißt eine Sache um ihrer selbst willen betreiben.« Es ist trotz allem ein wahres Wort. Denn ist es nicht merkwürdig: wird irgendwo Gold gefunden im fernsten Erdenwinkel, so sieht man sofort die Engländer in Scharen auftauchen. Das Petroleum zieht den Yankee an, und müßte er es aus dem Rachen eines Löwen holen. Ist aber noch irgendwo ein ganz ferner, weltverlassener Erdenwinkel, in dem von der Gotteswelt nichts zu holen ist als Gefahren und Abenteuer und nichts zu genießen als der Zauber der Ferne, so wird man nur Deutsche dort finden! Afrika zum Beispiel wurde fast allein von Deutschen entdeckt. Ein Rohlfs, ein Schweinfurt, ein Emin-Pascha haben dort ihre Haut zu Markt getragen mit beispielloser Kühnheit unter unerhörten Gefahren. Aber die Früchte erntete ein Cecil Rhodes, ein Livingstone und der große Zeitungsscharlatan Henry Morton Stanley. War es nicht immer so gewesen? Der abenteuerliche Simplizius Simplizissimus geht auch heute nach dreihundert Jahren noch um. Das Urbild des deutschen Michels, wie er sich von seiner kriegerischen, ganz unphiliströsen Seite zeigt: ein Landsknecht des Glücks für tausend Herren und tausend Dinge. Immer tapfer, immer unternehmend und immer betrogen. Und doch – o möge er niemals aussterben im deutschen Lande!

Doch ich komme hier ins Predigen.

Auch im Urwald braucht man Geld. Bei meiner Ankunft in San José hatte ich nur noch wenige Bolivianos, die ich hüten mußte wie meinen Augapfel, wenn ich damit auskommen wollte bis ans Ende der Reise, und da traf es sich gut, daß in dem Dorfe ein Schweizer mit Namen Habegger wohnte, der gegen geringes Entgelt einen »maître de plaisir« dringend benötigte. Denn er war blind. Blind sein ist überall ein Unglück. Aber blind an solchem Platze! Kaum irgendwo auf der Erde gibt es einen Menschen, an den ich zurückdenke mit heißerem Mitleid. Materiell ging es ihm nicht schlecht. Er hatte ein hübsches kleines Häuschen und eine dunkelhäutige Señora, die ihm den Hausstand besorgte. So fehlte es ihm eigentlich an nichts. Aber die Langeweile, die ihn auffraß! Irgendwo in seiner Hütte hatte er einen Stoß von alten Gartenlauben und einigen schweizer Zeitschriften, aus denen ich ihm täglich viele Stunden lang vorlas von den alten Geschichten, die er immer wieder mit Begierde hörte, obwohl er sie längst schon auswendig kannte. Und wenn wir lange genug gelesen hatten, so rückte er näher heran mit dem Stuhle und erzählte aus seiner buntbewegten Vergangenheit einen Roman, wie ihn sich so wild und verwegen nur das Leben ausdenken kann. Und zumeist, wenn er im besten Erzählen war, unterbrach ihn die keifende Stimme der Alten, die ihn schimpfend zu Bett schickte.

Er mußte ein Hüne gewesen sein in seinen gesunden Tagen. Er war auch jetzt noch eine Gestalt zum Bäumeausreißen, aber das Unglück hatte ihn zum Spielball launischer Indianerweiber gemacht an einem einzigen Tag. – –

Nach einigen fünf oder sechs Tagen kündigte ich meine schöne Stelle und wanderte weiter auf dem langen Wege nach Brasilien.

Ich tat das mit einem nassen und einem heiteren Auge, denn nach den vorangegangenen Erfahrungen mußte ich auf vieles gefaßt sein, und das, was ich von den Leuten gehört hatte, war nur dazu angetan, meine geringen Erwartungen noch weiter herabzusetzen. Von San José bis zum Rio Paraguay sind es noch einige sechzig Leguas, also dreihundert Kilometer in der Luftlinie, und das in vielen Windungen, durch Sumpf und Schlamm auf Schusters Rappen war keine erfreuliche Aussicht. Der einzige angenehme Gedanke war der, daß es die letzte Wegstrecke war in diesem nimmer endenden Walde und daß alsdann ein besseres Land komme am anderen Ende. So dachte ich mir wenigstens. Aber man denkt sich manches.

Auf jeden Fall kam es so, wie es auf Reisen in Bolivien immer zu gehen pflegt. Es kam alles ganz anders. Der Weg, vor dem ich mich gefürchtet hatte wie vor dem leibhaftigen Bösen, war schlecht und naß und schlammig, aber dennoch ein Kinderspiel im Vergleich zu dem, was ich hinter mir hatte. Aber die Gegend war womöglich noch wilder, noch öder und menschenleerer als zuvor, und die umherschweifenden Wilden noch zahlreicher und bösartiger. Wo immer man hinkam, vernahm man von ihnen Schandtaten. Bald hatten sie einen Ochsenwagen geplündert, bald eine einsame Farm verwüstet oder einen Wanderer überfallen und umgebracht. Jedenfalls sah man niemand, der anders als bis an die Zähne bewaffnet durch das Land marschierte. Nur ich hatte nicht einmal ein ordentliches Taschenmesser. Aber – sei es, daß sie sich vor mir fürchteten oder daß sie in mir eine verwandte Seele sahen – jedenfalls habe ich nicht einen einzigen Wilden zu Gesicht bekommen auf der ganzen langen Reise. In dieser Hinsicht hatte sich meine Nervosität völlig gelegt. Während ich anfangs bei jedem Geräusche ängstlich in den Busch starrte nach funkelnden Augen und vergifteten Pfeilen, wanderte ich nunmehr nur mit dem Gefühl der göttlichen Sicherheit durch die lauernden Gefahren dieser heulenden Wildnis. Nur ein Gespenst hatte ich nicht zu bannen vermocht, auch nach ausgiebigster Gewöhnung: Hier war man in der Tat »mittenmang die Schlangen«, und mit diesen vermochte ich mich nicht abzufinden. Am auffälligsten ist eine Art Riesenschlange, die äußerst gefahrdrohend aussieht mit ihrer getigerten Haut und den starren Augen, die aber keinem Menschen etwas zuleide tut. Von was sie lebt, weiß ich nicht. Jedenfalls habe ich sie nie anders gesehen als im Zustand sattester Behaglichkeit und intensivster Verdauung. Bei den Schlangen ist es nicht anders wie bei den Menschen. Die kleinen sind die gefährlichsten. Sie liegen auf der Straße in der grellen Sonne, und da die Natur sie mit einem Schutzkleide versehen hat, das sie auf die nächste Entfernung – wenigstens für kurzsichtige Augen – als ein Stück des Erdreiches erscheinen läßt, kann für den ahnungslosen Wanderer gar leicht der Bibelspruch zur Wahrheit werden: »Du wirst ihr den Kopf zertreten und sie wird dich in die Ferse stechen.« Ein solcher Schlangenbiß aber unter solchen Umständen hätte unweigerlich einen qualvollen Tod bedeutet. Nur der große, gute, nie versagende Schutzgeist der Vagabunden hat mich vor solchem Schicksal bewahrt. Ein Wunder ist es jedenfalls gewesen, denn wieder und wieder habe ich dicht neben meinem Fuß das eigentümlich rasselnde Geräusch einer aufgeschreckten Klapperschlange vernommen. Zumal bei sinkender Nacht, wenn die größte Hitze aus dem Sand der Straße gewichen ist, kommen sie in Legionen aus der Dschungel gekrochen wie eine schleichende Pest. Anfangs – als ich noch ganz dumm war in diesen Dingen – pflegte ich mit Vorliebe in der Dämmerung zu marschieren, aber ich lernte bald die grelle Mittagssonne dem Zischen und Rasseln in der kühlen Abendluft vorzuziehen.

Doch was rede ich von diesen?

Wenn man einem nordeuropäischen Menschen vom tropischen Urwald erzählt, so möchte er von Tigern und Schlangen hören. Und doch sind diese zumeist nur die harmlosesten unter den Quälgeistern, die einem dort das Leben zur Hölle machen. Unsagbar viel schlimmer ist das Gewürm und Geschmeiß, das in den Lüften summt und auf dem Boden krabbelt. Von den Moskitos habe ich schon berichtet und ich will kein Wort weiter von ihnen erzählen. Sie sind ein Kreuz unter vielen. Wer zählt die Völker, nennt die Namen aller der Quälgeister, die da aus Busch und Urwald herausgesummt und gekrochen kommen, die da in Sümpfen hocken und im Sande wimmeln in der sonndurchglühten Steppe? Im Wasser und auf dem Lande ist man nirgendwo sicher vor ihnen. Da gibt es in den Flüssen einen Raubfisch, der schlimmer ist wie der blutdürstigste Tiger. In Schwärmen tun sie sich zusammen, und wehe dem Wesen aus Fleisch und Blut – Mensch oder Tier –, das ihnen zwischen die Zähne kommt! Im Nu ist es nur noch ein kahles, abgenagtes Skelett. Wollen die Eingeborenen ihre Herden durch solchen Fluß treiben, so suchen sie sich zunächst eine besonders magere und unansehnliche Kuh aus als Angriffsobjekt. Sobald dieses im Wasser ist, fallen die Bestien darüber her und zerreißen es in Stücke. Lange zieht die blutige Spur flußabwärts, die nun alle anderen Raubfische wie ein Magnet anzieht, derweilen der Rest der Herde sicher und unbehelligt ans andere Ufer schwimmt. Fast noch schlimmer wie diese ist ein anderer Fisch – oder ist es ein Skorpion? –, den sie die »Raya« nennen. Am Flußufer vergräbt er sich im Schlamm, so daß nur der giftige Stachel herausschaut. Ein einziger Stich aus solchem Stachel kann einen monatelang zum Invaliden machen.

Doch das sind noch die geringsten der Quälgeister. Da gibt es an gewissen Bäumen eine Sorte von ganz kleinen, ganz harmlos aussehenden roten Ameisen. »Pala Santo« nennt man sie. Ihr Biß ist so schlimm wie der einer Schlange und wird von Mensch und Tier mehr gefürchtet als dieser. Dann sind da die Zecken, die Wanzen, die Sandflöhe. Da gibt es in bestimmten Gegenden eine Sorte von Schnaken, die wie Staub so klein sind, aber in ihren vereinten Anstrengungen von ungezählten Millionen tausendmal schlimmer und lästiger als alle Moskitos. »Jejemos« nennt man sie. Aber die Krone unter ihnen allen verdient ein auf dem Boden kriechendes Scheusal, das sie »Garagatos« nennen. Eine fast kreisrunde, dunkelbraun gefärbte Zecke, die allgegenwärtig ist, wo immer man sich in den Sand setzt. Während die anderen Teufel in Luft und Sand einfach beißen und damit fertig sind mit ihren Schandtaten, kriechen diese erst unter die Haut und versetzen ihrem Opfer dann einen Biß, der das Blut herausströmen macht. Noch heute, indem ich dieses schreibe, sehe ich die Narben dieser Wunden und spüre in Gedanken die Zeckenbisse, und in meiner Erinnerung sind sie mörderischer als alle Tiger und Schlangen im Lande Bolivien. Da sie nur auf dem Boden kriechen, braucht man sich, wenigstens während der Nachtruhe, von ihnen nicht stören zu lassen, wenn man eine Hängematte hat. Eine solche Hängematte ist nun freilich recht schön und nützlich, wenn man eine besitzt. Wer aber keine hat – und ich war der einzige, dem ich so begegnet bin – für den wird das Leben und Wandern in dortiger Gegend zu einer einzigen fortgesetzten Tortur. Tagsüber ist es ein mühseliges Wandern in Sumpf und Wald, in Sand und Sonne, und die langen Nächte sitzt er stumpf vor dem Feuer, umsummt und umkrabbelt von tausend Quälgeistern, die ihm den Schlaf verleiden, die ihn beißen und zwicken und es ihm mit giftigen Stichen immer wieder zum Bewußtsein bringen, daß niemand ungestraft unter Palmen wandelt. –

Dennoch ist dieser Weg interessant, und trotz aller Entbehrungen reut es mich nicht, daß ich ihn gegangen bin. Während man im berüchtigten »Monte Grande«, auf der anderen Seite von San José, nur durch einen einheitlichen Wald von ermüdender Einförmigkeit kommt, hat man hier ein neues Landschaftsbild vor sich an jedem neuen Tage. Einmal kommt man durch das Dämmerdunkel eines dichten Waldes, in dem zu beiden Seiten die Dschungel wie eine schwarze Mauer steht, dann kommt man wieder durch eine leicht gewellte, mit hohen Palmen bestandene Savanne, wo das lange Gras mit silbernem Glanze im Winde weht, dann wieder durch einen fröschequakenden Sumpf, dann tappt man auf endlose Strecken durch tiefen Sand zwischen grauen, staubigen Buschwäldern unter einer brütenden Sonne, und plötzlich wandert man durch ein liebliches Hügelland, zwischen Büschen und Blumen, die hell aufblühen in feurigem Rot und blendendem Weiß. Man schaut in die Ferne in ein blaues Bergland mit steilabstürzenden Barrancas, die blutrot leuchten unter dem dunkelblauen Himmel. Es ist alles wie ein einziger Garten, versorgt und gepflegt von dem großen Gärtnermeister Natur.

Es ist unfaßbar, daß in diesem so fruchtbaren und so unendlich dünn besiedelten Lande der Hunger zu Hause sein könnte. Und doch ist es so. Abgesehen von den wilden Indianern, die man dort nicht als Menschen betrachtet und auch bei Sicht niederschießt, nicht anders wie etwa einen Jaguar, gibt es in jenem Lande von der vielfachen Größe des Deutschen Reiches nur einige tausend »zivilisierte« Einwohner, und selbst diese führen, so weit ich sehen konnte, eine überaus kümmerliche Existenz. Zumeist sind es »Cruceños«, deren hervorragendste Eigenschaft neben ihrem Stolz ihre Faulheit ist. Beschaulich verdämmern sie ihr Leben im dolce far niente. Sie bauen ein wenig Reis, ein wenig Yuka und im übrigen sitzen sie unter dem Dach ihrer Hütte, die zumeist aus nicht viel anderem besteht, oder unter dem Schatten eines Orangenbaumes und trinken Kaffee oder kauen Erdnüsse. Nur die ganz unternehmenden haben noch eine kleine Zuckerrohr-Plantage mit einer primitiven Mühle beim Hause. Viele machen sich nicht einmal die Mühe dieser kümmerlichen Landwirtschaft und nähren sich gleich den Wilden fast einzig von dem Mark der wildwachsenden Totaïpalme, aus dem sie eine Art Brot backen. So oder so ist aber meistens der Hunger ihr bester Koch. Zwischen Leben und Sterben sind sie fast immer. Was der Hunger nicht will, das holen die Wilden.

Und doch ist auch dieses ein Land der Zukunft, wie ich zu erfahren Gelegenheit hatte, als ich am Ufer eines seichten Flusses einen Wagenzug antraf, der hier ausgespannt hatte für eine längere Rast. Die Ochsen weideten weithin in der Pampa und die Arrieros saßen um das Feuer, dessen Rauch kerzengerade aufstieg zum klaren Himmel des windstillen Abends. Einer von ihnen war ein Gringo. Ich war nicht im geringsten erstaunt zu erfahren, daß er ein Deutscher war. Das war eine Selbstverständlichkeit in dieser Gegend. Es war ein wohl sechs Fuß langer Mensch mit nur einem Auge und einer von einem Messerstich tief gefurchten Stirn, über die das aschblonde Haar in langen Strähnen herunterhing. Wild wie er aussah, war er doch sehr umgänglich und gesprächig, und in der einen Nacht am Feuer habe ich von ihm viel erfahren über jenes seltsame Land. Genau wie ich selbst, war er, vor fünf Jahren, ins Land gekommen als mittelloser Abenteurer und seither war er ständig auf der Landstraße als Leiter und Aufseher der Wagenkolonnen des Hauses Zeller & Villinger in Santa Cruz. Ich meinte, daß das doch ein recht zweifelhaftes Vergnügen sei in der gegenwärtigen Jahreszeit. Aber er schüttelte den Kopf. Jetzt wäre es gerade am besten. Nur wenig feucht und eben Moskitos genug, um ein wenig Abwechslung zu bringen in das Einerlei der Reise. »In der Regenzeit kannst du schwimmen von hier bis Santa Cruz, und die Sonne bekommt man nicht mehr zu sehen vor lauter Moskitos. Die Menschen und Karren werden alsdann auf Pelotas (Kuhhäuten) über die Flüsse befördert und die können von Glück reden, die dann noch ans andere Ufer kommen. In der trockenen Jahreszeit hängt dir die Zunge zum Hals heraus auf dem ganzen langen Wege und man kann froh sein, wenn man an jedem dritten Tage einen Tümpel erwischt, in dem die toten Kühe herumschwimmen. Das ist eben das schlimme in diesem Lande, daß man immer entweder verdurstet oder ertrinkt.«

Trotz allem, meinte er, möchte er mit keinem anderen Lande mehr tauschen, denn so ein Land wie Santa Cruz gäbe es nirgendwo wieder auf dem weiten Erdenrunde. Jeder könne hier kostenlos Land bekommen, so viel er wolle. Und wo könne man das sonst noch? Er selbst habe ein Gebiet von zehn Quadratleguas (fünfzig Quadratkilometer) aufgenommen. Alles erstklassiges Weideland. Das Rindvieh bekäme man hier um ein Butterbrot. Ein paar hundert Stück täten schon die Dienste. Es werden dann von selbst immer mehr bei dem guten Futter, und bis dann die Bahn gebaut werde vom Rio Paraguay herüber – und das müßte doch einmal kommen –, sei er ein reicher Mann. Denn so sei es mit dem Kolonisieren: Glück und Mut gehörten hier zusammen. »Überall in São Paulo und Santa Catharina sieht man die Leute sich die Zungen lecken nach den guten Zeiten und den schönen Möglichkeiten, die vor fünfzig Jahren waren. Aber warum sind sie nicht dort gewesen vor fünfzig Jahren? In fünfzig Jahren werden hier auch die Leute von den großen Aussichten reden, die heute sind. Aber vorerst kümmert sich niemand darum. Es fehlt ihnen der Mut und die Geduld, und wenn sie nicht zweimal in der Woche ins Kino gehen können, so gehen sie lieber woanders hin.«

Aufmerksam hörte ich ihm zu. Was er sagte, war nur allzu richtig, und ich wäre schon bereit gewesen, mein Glück und meine Zukunft mit diesem Lande zu verketten. Wenn nur die Moskitos etwas seltener gewesen wären, wenn es keine Stechfliegen und keine Jejemos gegeben hätte, wenn die Skorpione weniger aufdringlich wären, wenn diese unausstehlichen Garagatos nicht im Sande hausten. –

So aber wanderte ich weiter und segnete jeden Kilometer, der mich der Grenze entgegenführte.

Und was wollte ich noch weiter erzählen von der langen Reise durch das Land Chiquitos? Auch sie nahm doch einmal ein Ende, obwohl es mir manchmal als eine Unmöglichkeit vorgekommen war. An einer Stelle der Straße, mitten im dicksten Walde sah ich Pfähle, die nicht durch Zufall hierhergekommen sein konnten. Ich mußte sie mir zweimal ansehen, ehe ich es glaubte. Es waren wahrhaftig Telegraphenstangen! Freilich nur sehr krumm und windschief und nur da und dort in großen Lücken. Von einem Draht war weit und breit nichts zu bemerken. Der wurde andauernd gestohlen und zu Zäunen verwandt von den Indianern, derweilen die Ochsen an den Stangen selbst ihre Hörer wetzten. Sie mochten darüber dieselbe Ansicht haben wie jener australische Eingeborene: »Weißer Mann viel dumm. Macht Draht zu hoch, läuft Kuh unten durch.« So hatte man es schließlich aufgegeben mit dem Telegraphieren. Dennoch berührte das alles unendlich wohltätig als ein Zeichen beginnender Zivilisation. Auch sonst mehrten sich die Anzeichen einer vordringenden Besiedelung. Dort, wo lichter Busch oder offene Pampa war, konnte man große Herden von langhornigen Rindern sehen, und es verging kein Tag, an dem man nicht an irgendeiner primitiven Farm vorbeikam, wo man mit herrlicher frischer Kuhmilch bewirtet wurde. Aber der Weg wurde mit jedem Tage schlechter. An Stelle des Sandes trat zäher Lehm, der einen zur Raserei bringen konnte. Dort, wo er feucht war, sank man bei jedem Schritt tief ein in die zähe Masse, aus der man den Fuß nur mit allergrößter Anstrengung wieder herausziehen konnte, wobei es knallte wie ein Flintenschuß. Dort aber, wo der Boden bereits getrocknet war, wurde er auch sofort hart und rissig, und es war, als ob man über scharfe Glasscherben wanderte. Suchte man vorwärts zu kommen durch Umgehung in dem nebenanliegenden Busch, so watete man dort durch seichtes, stinkendes Wasser, und das ohnehin schon recht freudlose Leben wurde einem zur Hölle gemacht durch allerlei dornige Gewächse, die schon Wilhelm Busch besungen hat.

»Dort steht die bittere Aloe,
Setzt man sich drauf, so tut es weh.«

Lang und voller Tücken war der Weg gewesen von Cochabamba bis hierher, aber nun, auf den letzten zwei Leguas – zehn Kilometern, – die mich noch vom Ziele trennten, glaubte ich es nicht mehr zu schaffen. Zwei Tage war ich schon unterwegs, ohne viel vorwärts zu kommen. Ich hätte weinen mögen aus purer Verzweiflung.

Aber endlich war ich doch in Puerto Suarez. Die ganze Nacht war ich weitergetappt im Mondlicht, und als der Morgen dämmerte, da begrüßte ihn Hahnengeschrei von überall aus dem Busch, überall begannen sich die Dächer von Hütten und Häusern aus der Dämmerung abzusondern. Bald darauf stand ich mitten in dem Orte, der so lange meine Phantasie gefangengenommen und den ich nun auch endlich erreicht hatte auf endlosem Wege. Müde wie ich war, schaute ich mich doch mit großen Augen um nach den Sehenswürdigkeiten dieser exotischen Stadt. Nach den vielfachen Enttäuschungen dieser langen Reise war ich auf wenig gefaßt. Höchstenfalls eine etwas erweiterte Auflage von irgend so einem dumpfen Motocusito unter einer sengenden Sonne. Aber einmal wenigstens erlebte ich eine angenehme Enttäuschung. Was sich hier dem Auge darbot, war ein richtiges kleines Städtchen mit vielen Lehm- und Bretterhäusern, zwischen denen man bei einiger Phantasie sogar so etwas wie eine Straße erkennen konnte. Trotzdem die Sonne schon ziemlich hoch stand, waren die Straßen wie ausgestorben. Unversehens stand ich auf einer hohen Uferbank, von wo man weit hinausschauen konnte auf eine grenzenlose Wasserfläche. Das war der langersehnte Rio Paraguay, der hier einen flachen See bildet, der ziemlich weit hineinragt ins bolivianische Land. Es gehört nicht viel Phantasie dazu, um sich hier an den Ufern des Meeres zu glauben, und ich war gerade in der Stimmung, mich solchen Phantasien restlos hinzugeben. Mühsam schleppte ich mich nach einer Bank vor einem recht stattlich aussehenden Hause, und als ich mich dort niederließ, da war mir, als ob die ganze Müdigkeit der langen Reise mir plötzlich in alle Glieder gefahren wäre. Ein süßes Gefühl des Nichtstuns, des Garnichtsdenkens kam über mich, während ich blinzelnd über das glitzernde Wasser schaute. Ich war schon eingeschlafen, als ein großer, stattlicher Offizier mich unsanft wieder wachrüttelte.

»Hallo!« sagte er mit rauher Stimme. Verständnislos schaute ich ihn an.

»Was treiben Sie hier? – Mann, Sie sehen ja aus wie der Tod!«

Auch darauf wußte ich nichts zu antworten. Ein Wunder wäre es ja nicht gewesen.

»Wo kommen Sie her?«

»Von Cochabamba.«

»Von Co–cha–bam–ba?«

Sprachlos schaute er mich eine Weile an, während er seinen großen Tschako vor sich hinhielt. »Von Cochabamba! Das kann man Ihnen ansehen. – Und ein Gringo ist es auch noch!«

»Aleman!« sagte ich.

Viel hätte nicht gefehlt, und er wäre mir um den Hals gefallen bei dieser Eröffnung.

»Aleman!« rief er voll Begeisterung, indem er sich mächtig in die Brust warf. »Ich bin sehr germanófilo. Während des ganzen Krieges war ich das und bin es bis heute geblieben. Unser General ist auch ein Deutscher – ja, ein Deutscher kann von mir alles kriegen.«

Über diesen Reden war noch ein anderer Offizier gekommen, und die beiden betrachteten mich noch eine Weile sehr eingehend.

»Von Cochabamba ist er gekommen – gerade so wie er da ist, mit einem Sack auf dem Buckel. So was bringen nur die Alemanos fertig!«

»Aber er sieht wirklich so aus wie ein Toter auf Urlaub,« meinte der andere.

Schließlich brachten sie mich in die Kantine, wo ein Soldat mir eine mächtige Kanne Mate brachte, ein riesengroßes Beefsteak und einen Laib schönes weißes Brot, das schon lange meine Sehnsucht gewesen und an dem die beiden immer noch anwesenden Offiziere zu ihrem Erstaunen wahrnehmen mußten, daß der »Tote« denn doch noch einen recht gesegneten Appetit entwickelte. Über dem Essen aber waren mir die Augen zugefallen. Ehe ich mich's versah, lag ich in einem schönen Feldbett in einem sauberen Raum, wo es keine Zecken und Moskitos gab, wo keine Schlangen und keine Jaguars in der Dschungel drohten, wo keine Frösche wie ein verheißendes Unglück in der Ferne quakten, und schlief drei Tage und drei Nächte ohne Unterlaß, denn ich hatte viel nachzuholen.

Nach einigen Tagen fuhr ich mit dem kleinen Dampfer eines in Puerto Suarez ansässigen Türken hinüber nach dem Lande Brasilien. Noch immer hatte ich nicht ausgeschlafen. Nur mit Mühe konnte ich mich auf den Beinen halten. Aber es war eine angenehme Müdigkeit, die mir da kalt über den Rücken lief, während die Schraube im schlammigen Wasser wühlte und das Schiff seine Nase gen Osten wandte, wo die blauen Berge des Matto Grosso über dem dunstigen Lande standen.

Ich dachte zurück an alles das, was ich erlebt hatte in Busch und Urwald und mir war wie einem Genesenden nach langer Krankheit, wie einem Erwachenden nach einem wüsten Traum.

Ach, ich wußte nicht, daß auf dieses alles noch ein Ende mit Schrecken kommen sollte.


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