Kurt Faber
Tage und Nächte in Urwald und Sierra
Kurt Faber

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Bei Mister Wu

Schlechte Zeiten. – Nur ein böser Finger! – Und doch... – Mister Wu als Rettungsengel. – Ein Kapitel über die gelbe Frage. – Seltsame Kundschaft. – Die Abenteuer des Kapprebellen. – Wie man ein Hochstapler wird. – Klewitz' Glück und Ende. – »Man weiß nicht, wo das noch Zinsen trägt.« – Endlich ein Lichtstrahl! –Und noch ein weiterer. – Ein Küstenbummel. – Ankunft in Mollendo.

Ganz draußen, am äußersten Ende von Callao, wo die Häuser klein und immer kleiner werden und die salzige Seeluft sich seltsam vermengt mit dem Duft von Knoblauch und solchen Dingen, wohnte damals, und wohl auch heute noch – denn die Sorte ist unsterblich – Mister Wu. So wenigstens nannten sie ihn. Sein wirklicher Name, den er in China zurückgelassen hatte, mochte wesentlich länger und blumenreicher gewesen sein, aber was liegt daran in dieser namenlosen Unterwelt?

Von allen Menschen, die mir je begegnet sind, war Mister Wu der einzige, der stets und zu aller Zeit restlos zufrieden war. Warum sollte er nicht? Die Geschäfte gingen gut, die Kasse war alle Abend wohl gefüllt und an lieben Landsleuten fehlte es ihm wahrlich nicht in der nahen und weiten Umgegend. Im Lande Peru, wo die Farbenlinie so sehr verschwommen ist, wo Schwarz und Weiß und Braun so einträchtig gemischt sind in allen Ständen, kommt es auf die gelbe Nuance auch nicht mehr an. Die »gelbe Gefahr«, die an der Pazifikküste des nördlichen Kontinents für ehrgeizige Politiker so oft das Steckenpferd ist, auf dem sie vorwärts zu reiten hoffen in die Gefilde der Ministermöglichkeiten, ist in Peru noch nicht einmal ein Gesprächsthema. Weit offen ist das Tor für die westliche Einwanderung. Leise und unauffällig kommen sie herein und reißen einen Erwerbszweig nach dem anderen an sich. Eine »pénétration pacifique« im wahrsten Sinne des Wortes. In Lima und Callao gibt es bereits ganze Stadtviertel, die sich ausnehmen wie eine Kolonie des Himmlischen Reiches. Die oft recht verwahrlosten Fincas (Finca = kleines Landgut) der Umgegend mit ihren halbverfallenen Bewässerungsanlagen wechseln den Besitzer und blühen auf unter fleißigen Chinesenhänden. Noch sind die großen Handelsgeschäfte zum weitaus größten Teile in einheimischen oder europäischen Händen. Aber wie lange noch? Immer mehr sieht man in der Tür ein verschmitztes Japanergesicht und darüber eine Inschrift wie diese:

»Sociedad Japonesa de Importación.«

Sie gedeihen erstaunlich, sie wachsen mit jedem Tage, sie breiten sich aus wie Ölflecken, und wenn es weitergeht in diesem Tempo, so ist es nur eine Frage der Zeit, ob das Land einmal chinesisch oder japanisch sein wird.

Was Wunder, daß Mister Wu zufrieden ist?

Wenn er nun auch sehr mit sich zufrieden war, so hatte ich nicht weniger Grund zur Zufriedenheit mit Mister Wu, denn in jenen düsteren Wochen, wo sich kein Hund auf der Straße um mich kümmerte, war Mister Wu stets ein hilfsbereiter Freund, der sich meiner annahm ohne jeden Vorbedacht und ohne irgendwelche Aussicht auf Gewinn. Warum er es tat, weiß ich bis heute noch nicht, denn es lag sonst nicht in seiner eiskalten Wucherernatur, aber kenne sich einer aus bei einem Chinesen!

Das war damals, als die Hand nicht besser werden wollte.

Eine böse Hand mag manchem als ein Ding erscheinen, das zu unbedeutend ist, als daß man darüber Tinte und Druckerschwärze verschwende. Und doch – das Leben ist zusammengesetzt aus kleinen Ursachen und großen Wirkungen, und da kann unter Umständen ein wunder Finger einen ganzen Körper ruinieren und eine Seele verderben.

Was ist es um einen wunden Finger? Er ist sogut wie eine verlorene Hand, wenn er auch diese immobilisiert, zumal dann, wenn du halt- und heimatlos, ohne Versicherung und Krankenkasse umherirrst in den heißen Straßen fremder Städte. Es wäre dir wahrlich besser, du hättest ein Bein gebrochen, du wärest am Typhus erkrankt oder littest an einem Malariaanfall. Dann müßten sie dich wenigstens im Spital verpflegen. So aber glaubt dir kein Mensch deine Krankheit, außer denen, die dir Arbeit geben sollen. Sie stoßen dich alle von der Tür. Die einen, weil sie dich nicht brauchen können, die anderen, weil sie nichts mit dir zu tun haben wollen, und du schwebst hilflos in der Luft mit dieser Tücke des Geschicks. Ein böser Finger hat schon manchen hinabgestoßen in die Nacht der Verzweiflung! Denn das Leben ist viel komplizierter, als es sich die meisten vorstellen, die es nie erlebt haben, und das Schicksal hängt oft an einem kleinen Finger.

Es war ein Glück, daß ich ein erfahrener Mann war mit der glücklichen Abenteurerphilosophie, daß alles einmal ein Ende nehme, denn sonst hätte ich mit Fug und Recht verzweifeln müssen, wie von Tag zu Tag der Finger immer gleichblieb und die sauer verdienten Pfunde immer weniger wurden. Alle Mühe, die ich mir gab um Arbeit und Verdienst, war vergebens. Von allen Türen schickten sie mich fort, die lieben Landsleute nicht am letzten. Und der einzigste, der mir die Stange hielt, war eben Mister Wu.

Tiefe, unergründliche Chinesenseele! Wer schaute je durch die undurchdringliche Maske eines Mongolengesichtes? Was weiß ich von den Beweggründen des Mister Wu? Und wiederum: Was können sie anderes gewesen sein, als Mitleid und Hilfsbereitschaft, obwohl mir das damals so unmöglich vorkam wie heute, wenn ich daran zurückdenke.

Als ich zum erstenmal in sein Gasthaus kam und man mir eine Nudelsuppe vorsetzte, in der ein halbes Huhn schwamm, und dazu noch einen Löffel voll Sirup und eine mächtige Wassermelone und für alle diese Genüsse nur dreißig Centavos abnahm, da fand ich das recht billig, und ich wurde fortan Stammgast bei Mister Wu. Es waren nicht nur die Hühner, die mich dazu veranlaßten, sondern das ganze Milieu. Hier war ein Stück China auf peruanischer Erde. Die wachstuchüberzogenen Tische, die sich bogen unter den fremdartigen Gerichten, die Decke mit den Fächern, die Wände mit den seltsam verschnörkelten Inschriften, die bezopften Gestalten, die mit den Holzpantinen auf den Bodenmatten klapperten, das schnatternde Geräusch verworrener Stimmen im Hintergründe und über der Türecke die bunte Papierlaterne, die ein unsicheres Licht in die schmutzige Straße warf – das alles mochte wohl auch nicht anders sein am Yangtse-kiang, am Honan oder hinterwärts von Kanton. An den Tischen saßen dichtgedrängt die Söhne des Himmlischen Reiches und aßen gebratene Eidechsen, geröstete Kürbiskerne und dergleichen Leckerbissen und hielten ihre Zungen in ebenso fabelhaft schneller Bewegung wie die kleinen Eßstäbchen – denn Messer und Gabel waren unbekannte Instrumente in dieser Umwelt.

Vierzehn Tage lang bezahlte ich pünktlich meine Rechnung. Dann fing es an zu hapern mit meiner Zahlungsfähigkeit. Nach weiteren acht Tagen hatte ich keinen Centavo mehr, und ich wäre vielleicht verhungert in den Straßen von Lima, wenn der verschmitzte Himmelssohn nicht beide Augen zugedrückt hätte.

»Vely well,« sagte er in seinem chinesischen Pidgin-Englisch, das er mit großer Zungenfertigkeit sprach.

Dafür verschaffte ich ihm Kundschaft bei den Gringos, die ich kannte. Es war wahrlich eine seltsame Kundschaft, und einige darunter waren so seltsam, daß ich nicht umhin kann, sie hier zu erwähnen. Keine von diesen erscheinen mir so charakteristisch und so bezeichnend für die Zeit, in der wir leben, wie die beiden Burschen, denen ich eines Tages drunten am Hafen begegnete. Sie saßen auf der Kaimauer und ließen sich von der Sonne bescheinen. Das war an sich nichts Auffälliges, denn schließlich waren sie nur zwei mehr unter der großen Schar der Sonnenbrüder. Aber sie gewannen an Interesse bei näherer Betrachtung. Der Lodenhut, die Lodenjoppe, die Rucksäcke, vor denen die Lancheros (Lanchero = Hafenarbeiter.) die Augen aufrissen, das alles wäre nicht weiter aufgefallen unter einer Schar von deutschen Wandervögeln, aber hier unter der peruanischen Sonne war das doch etwas ungewöhnlich. Sicher – so dachte ich mir – bist du hier ein paar armen lieben Landsleuten auf die Spur gekommen, grasgrünen Grünhörnern, die es dankbar begrüßen würden, wenn du ihnen raten und helfen würdest mit deiner großen südamerikanischen Erfahrung. Also machte ich mich an sie heran. Der eine von den beiden war ein blutjunger Mensch, fast noch ein Kind von siebzehn Jahren, eines von den armen elternlosen Geschöpfen, die in Landerziehungsheimen aufwachsen und von den lieben Verwandten baldigst abgeschoben werden ins Ausland. Dieser besondere wurde möglichst weit fortgeschickt zu einem Bruder in Patagonien, wo er aber niemals landete, da er schon in Buenos Aires das Reisegeld vertan hatte. Statt dessen landete er in Lima, was den lieben Verwandten wohl ebenso recht sein mochte. Der andere war ein stämmiger Bursch von einigen dreiundzwanzig bis fünfundzwanzig Jahren. Kriegsleutnant, Freikorpssoldat, Baltikumkämpfer, Kapprebell. Einer von den vielen, denen Krieg und Abenteuer zur zweiten Natur geworden ist und die nun ruhelos die Welt durchziehen als moderne Glücksoldaten, immer auf der Suche nach dem Abenteuer, nach Sold und Brot, wo wieder einmal Weltgeschichte gemacht wird.

Es war in der Tat interessante Gesellschaft. Wohl eine Stunde lang saßen wir in der Sonne, während der Dicke erzählte. – Ja, er war erst ein halbes Jahr im Lande, aber was er in diesem kurzen Zeitraum erlebt hatte, das stellte beinahe schon mich mit all meinen Abenteuern in Schatten. In Pernambuco, in Bahia, in Rio de Janeiro, in Sao Paulo, in Buenos Aires war er gewesen. Die weite Pampa, den wilden Gran Chaco und die Kordilleren hatte er durchquert von Rosaria nach Tucuman und Oruro. Von La Paz war er über den Titicacasee und Mollendo nach Callao gekommen. Und das alles ohne einen Pfennig Geld, ohne Pässe und Papiere. Und das alles in seinem grünen Lodenanzug und ohne irgendwelche belangreiche Sprachkenntnisse. Denn außer einigen spanischen und englischen Brocken sprach er nichts als Deutsch.

Was indes ein Deutscher tut, tut er immer systematisch, und sei es auch ein so unsystematisches Geschäft wie das Vagabundieren.

Über die von ihm eingeschlagene Reiseroute hatte er sich schon in Deutschland genau informiert aus einem kurz zuvor erschienenen Buche. – Wie hieß es doch? – »Dem Glücke nach durch Südamerika.« – Ob ich es auch kenne?

»Ja –« sagte ich nachdenklich.

Und wahrlich, ich mußte darüber nachdenken! Hatte ich das doch wirklich alles vergessen über den Puppen, Kirchtürmen und all den anderen Erlebnissen. Nun kam es wieder wie eine Stimme aus einer anderen Welt. Eine Stimme, die mich lustig machte trotz meiner traurigen Lage. Einmal – so sagte ich mir – wird das alles hinter dir liegen wie ein böser Traum. Einmal wirst du wieder auf einem ordentlichen Stuhl vor einem richtigen Tische sitzen und auch diese Geschichten niederschreiben. Andere werden darüber lachen und du selbst wirst alles nicht mehr so tragisch finden, keine Not und Enttäuschung der bösen Zeiten und nicht einmal diese dumme Geschichte mit dem Finger. Ich dachte an das alles, und es überkam mich dabei ein großes, schönes Gefühl der Beruhigung, bis ich zufällig mit der Hand in die leere Tasche fuhr und alle Not und alles Unglück wieder vor mir aufstieg wie ein drohendes Gewitter.

Während wir dann in Mister Wus Speisehaus saßen und meine neuen Freunde sich noch ungeschickter wie ich selbst in den chinesischen Tischsitten versuchten, wurde der ältere von den beiden nicht müde, sich zu erkundigen nach der Ergiebigkeit der peruanischen Jagdgründe. Wie das hier Wohl sei mit den Kommerzien? Ob es sehr überlaufen wäre? Ob es einen deutschen Hilfsverein gebe und ob man einigermaßen sein Auskommen habe mit der Polizei? Er jedenfalls habe bisher die allerbesten Erfahrungen gemacht in dem einen Tage. Die Geschäfte an der Plaza de Armas in Lima habe er gründlich abgegrast. Der deutsche Konsul habe ein Pfund geschwitzt und der Bischof habe ein weiteres herausgerückt. Dabei sei ihm leider ein kleines Malheur passiert. Als er nämlich im Vorzimmer vom Bischof sitze, kommt gerade auch der Konsul herein. So etwas spreche sich schneller herum als man denke und verderbe einem das Geschäft. Da müsse man schnell handeln, ehe es zu spät sei. Gleich nach dem Essen wolle er wieder auf die Fahrt steigen und sich die verschiedenen Bonzen vorknöpfen, trotz der großen Hitze.

Und ob er schon einmal an Arbeit gedacht hätte? fragte ich zwischendurch.

Da schaute er mich recht erstaunt an.

»Ar-beit? Ja, einmal habe ich gearbeitet, wie ich zuerst von drüben kam, für dreieinhalb Milreis pro Tag beim Unkrauthacken in einer Kakaoplantage in Bahia, die einem lieben Freunde unserer Familie gehörte. Ein andermal habe ich die Straße gekehrt in Pernambuco für zweieinhalb Milreis. In Rio, in Santos, in Sao Paulo habe ich mich für liebe Landsleute geschunden zu Löhnen, die die Wäsche nicht bezahlten, die ich dabei verdarb. Alle Tage habe ich von Reis und Bohnen gelebt, in Hütten, in denen ein Hund nicht schlafen möchte bei uns zu Hause. Alle Tage habe ich mir die Seele matt und die Hände wund gearbeitet und nur Spott und Mißachtung dafür geerntet, weil ich jung und dumm war und nichts wußte vom Lande. Und die schlimmsten waren die lieben Landsleute. Am tollsten trieb es einer auf einer Estancia in der Provinz Entre Rios. Der kam um Mittag auf die Arbeitsstelle geritten mit einem rohen Stück Fleisch, wie ein Wärter in den Löwenkäfig. Und als ich noch um etwas Salz bat und um ein Streichholz zum Feueranmachen, da konnte er sich nicht genugtun im Schimpfen und Fluchen auf die Anmaßung der Deutschen. Da sagte ich mir: Jetzt ist's genug. Wenn man viel arbeitet in Amerika, so kommt man unter die Räder. Nur lügen muß man. In Amerika kannst du gar nicht genug lügen. Du mußt es machen wie die anderen, die sich als Fliegeroffiziere und Unterseebootkommandanten ausgeben, und wenn du nur recht ordentlich lügst, so wird es dir nie an barem Gelde fehlen. Ich tat, wie ich mir es vorgenommen, und seither hat es mir nie gefehlt an barem Geld und wird mir auch in Zukunft nicht fehlen, denn jeder gibt mir Empfehlungsschreiben, um mich loszuwerden.« Nicht ohne Stolz zeigte er mir die lange Liste, die sich schon zu einem Buche ausgewachsen hatte. Langsam blätterte ich sie durch, ohne ein Wort zu sagen. Aber ich dachte mir mein Teil.

Aber da war hier noch ein anderer Stammgast, der mich zu noch größerem Nachdenken veranlaßte. Ein gewisser Herr Klewitz, der damals an der peruanischen Küste eine Gastrolle gab. Wie ein Komet war er aufgetaucht als Kajütenpassagier, mit Frack und Smoking, in der ganzen Würde seiner neunzehn Jahre. Im Hotel Maury, wo sonst nur die Gesandtschaften verkehren, war er abgestiegen, denn das beste war gerade noch gut genug für Klewitz. Eigentlich hatte er es nur auf einen kurzen Aufenthalt abgesehen, ein Jagdausflug gewissermaßen, und nebenher zu informatorischen Zwecken geschäftlicher Art, im Auftrage seines Onkels, denn bei der heutigen Lage des Geldmarkts! –Und allmählich sickerte es durch: Der Neffe von Stinnes! Es gab eine Sensation in der ganzen deutschen Geschäftswelt.

»Darf ich Sie einladen, Herr Klewitz?« »Werden Sie mein Gast sein, Herr Klewitz?« »Eine kleine Geldverlegenheit? – Aber mit dem allergrößten Vergnügen, Herr Klewitz!« Eine Weile schwamm Herr Klewitz oben wie ein Fettauge auf der Suppe. Herr Klewitz ging ein und aus im Klub, Herr Klewitz war beim Pferderennen, Herr Klewitz wurde dem Präsidenten vorgestellt. Dann überschlug sich die Konjunktur. Die kleinen Geldverlegenheiten wurden immer größer und hartnäckiger. Die tausend Pfund, um die er gekabelt hatte, wollten nicht ankommen. Herr Klewitz war entrüstet. Dreimal wiederholte er das Telegramm auf Kosten der Bank: »Tausend Pfund noch nicht angekommen. Bitte nachforschen.« Und als die Wochen vergingen und die Pfunde nicht kamen und die Nachforschungen sehr unerfreulich ausfielen, da war es aus mit Onkel Stinnes, und Herr Klewitz verlegte den Schauplatz seiner Tätigkeit nach Callao. Er speiste bei Mister Wu und schlief für einen halben Sol in der Heilsarmee. Frack und Smoking waren schon lange ins Pfandhaus gewandert auf Nimmerwiedersehen. Freunde und Gönner hatten sich von ihm zurückgezogen, aber seine eiserne Ruhe hatte ihn nicht verlassen. Nach wie vor war er der Grandseigneur, nach wie vor redete er von Aktien, Obligationen und Genußscheinen und machte diskrete Andeutungen von reichen Verwandten und Bekannten. Nach wie vor besuchte er die Pferderennen. Einmal geschah es, daß in einer Auseinandersetzung mit einem ungeduldigen Gläubiger seine goldene Brille in Scherben ging. Sogleich machte er sich auf den Weg, um eine neue zu kaufen und nahm mich als Dolmetscher mit, da er selbst nicht genug Spanisch konnte. Der Verkäufer legte allerlei Brillen vor in allen Preislagen. Die teuerste war eine goldene und kostete anderthalb Pfund. Nach dieser griff Klewitz. Als er aber sein Geld nachzählte, mußte er feststellen, daß sein letzter Centavo draufgehen würde. Dennoch setzte er sie auf und betrachtete sich aufmerksam im Spiegel.

»Klewitz, laß das nach!« sagte ich voll Entsetzen, »du machst dich unglücklich! Du wirst nachher nichts zu essen haben. Kauf dir eine von den billigen. Die sind auch ganz hübsch.«

Aber Klewitz behielt die Brille und zahlte, ohne mit den Wimpern zu zucken.

»Man weiß nicht, wo das noch Zinsen trägt.«

Wenige Tage nach diesem Zwischenfall war Klewitz spurlos verschwunden nach anderen Zonen.–

Und was wollte ich eben noch erzählen? Ach, niemand war in Callao, der sich sehnsüchtiger fortwünschte nach den äußersten Enden der Erde! Einmal erschien im Hafen ein norwegisches Segelschiff, eine stattliche Viermastbark, die nach Australien fahren sollte. Groß und stolz lag sie am Pier. Alle Tage ging ich an den Platz und betrachtete das blanke Verdeck, die mächtigen Rahen, das vielgestaltige Tauwerk, das von großen Reisen und von fernen Ländern erzählte, und es überkam mich die alte Sehnsucht nach dem Wasser wie eine Ente, wenn sie den Tümpel riecht.

Ich sprach mit dem Kapitän, kurz vor der Abreise, und vielleicht wäre alles anders gekommen, wenn nicht – ja, sollte es denn in alle Ewigkeit so weiter gehen mit dieser Tücke von einer bösen Hand!

Mit sinkendem Mut und mit neidischen Blicken mußte ich zusehen, wie am anderen Morgen der qualmende Schlepper kam und das stolze Schiff hinausschleppte in die hohe See und die lockende Ferne.

Es war gut für meinen Seelenfrieden, daß sich an jenem Tage ein mildtätiger Landsmann fand, der gewillt war, über mein zeitweiliges körperliches Gebrechen hinwegzusehen und mir eine leichte Arbeit in seinem Lager gab, die er mir nach vierzehn Tagen, ganz außer allem Verhältnis zu meinen recht bescheidenen Leistungen, mit zehn blanken Pfunden bezahlte. Selbst auf die Gefahr hin, das Mißfallen dieses braven Mannes zu erregen, muß ich ihn hier nennen. Es war der Vertreter der Firma Gildemeister. Er ist der einzige Deutsche in Peru, dem ich etwas zu danken habe.

Mit so viel Geld war ich ein reicher Mann, gewissermaßen, und da ich nun auch wieder meine zehn Finger hatte, begann die Unternehmungslust zu wachsen wie ein Wildfeuer. Die Pfunde in der Tasche setzten sich in Meilen um. Die verwegensten Reiseplane spukten im Kopfe, und es war nur eine Frage des Wohin. Da war es nach altem Abenteurerbrauch der Zufall, der die Richtung bestimmte.

Die große Fiesta war endgültig vorüber, denn schließlich kann auch ein Centennario nicht ewig dauern. Einmal hat die Herrlichkeit ein Ende, und dann kommen schlimme Zeiten für das wandernde Volk; für die Puppenspieler, die Possenreißer, die Glücksritter, die Abenteurer und sonstigen problematischen Caballeros, die da in den letzten Monaten aus allen Windrichtungen herbeigekommen waren, um Heu zu machen, so lang die Sonne scheint. Marsch, weiter, sagt das unerbittliche Schicksal – méndese mudar! – Wenn man nur immer gleich wüßte wohin.–

Nun saßen sie alle schon während des ganzen Abends in der Kneipe und redeten von großen Reisen. Von Australien, von Panama, von Kuba, von Nordamerika.

Da war aber einer – ein forscher Kerl aus Berlin mit einem verwegenen Gesicht und großem, blondem Schnurrbart–, der eben erst von Brasilien gekommen war. Durch die Staaten Sao Paulo und Matto Grosso war er gekommen. Im wildesten Bolivien – fern von der Eisenbahn – war er seine Straße gezogen mit einem Reitochsen »mitten mang die Schlangen«, wie er sich ausdrückte. Als Schmetterlingsjäger im Urwald. Was der nun zu erzählen wußte von Tigern, Skorpionen und wilden Indianern, das gefiel mir sehr. Bis in die späte Nacht hörte ich ihm zu und sog jedes Wort in mich ein wie lauteres Evangelium, und je mehr ich ihm zuhörte, je mehr versank aller Lärm der Kneipe in nichts und vor mir sah ich funkelnde Pantheraugen und tückische Wilde im dämmernden Urwalddschungel. Und das hatte ich mir durchgehen lassen durch all die Jahre? In Patagonien, im Feuerland, in Alaska und Kalifornien, im nördlichen und im südlichen Eismeer war ich gewesen, aber daß ich solches Land noch nicht gesehen hatte, war entschieden ein Manko. Fortan gab es keine Zweifel mehr über die Reiseroute. –

Es war noch früh am Morgen, als ich mich anschickte, den Staub der holprigen Straßen Limas von den Füßen zu schütteln. Ein grauer, trüber, peruanischer Wintermorgen. Ein ganz feiner Regen rieselte vom grauen Himmel. Die Nässe spiegelte sich auf dem Asphaltpflaster der Plaza de Armas, über die eben die schwarzgekleideten Frauen aus dem Volke, eingehüllt in schwarze Mantillas, zur Frühmesse huschten. Vor dem großen Rummelplatz am Zoologischen Garten blieb ich eine Weile stehen und warf noch einen letzten Blick auf die einstige Stätte meiner Wirksamkeit. Das ist der Lauf der Welt! Wo waren sie hin, die schimmernden, lichtumfluteten Paläste, vor denen sich vor kurzem noch die schaulustige Menge drängte; das indische Feenhaus, der Zauberpalast, die Jazzband und die vielbesuchte »casa de locos«, deren Wunder und Schrecken ich eine Zeitlang selbst dem staunenden Publikum auseinandergesetzt hatte.

Und da stand wirklich noch immer das große Puppenrad mit den Puppen, die so vornehm, kalt und unnahbar wie je, wie richtige Ladies von den Regalen herunterschauten.

»A cinco reales, senores ...«

Die Macht der Gewohnheit wiederholte den Spruch, den mein Mund so oft geplappert hatte, und es war mir dabei, als ob die Soles wieder über den Spieltisch sprangen, als ob die großen Puppenaugen so groß wie Teetassen würden und die roten Backen in Gedanken an das große Busineß sich zu Feuer entzündeten.

Ah, money, money, money –-

Und wo war das nun alles geblieben?

Vorbei!

Zerstampft und zertreten lag der Plunder auf dem Wege, grau und übernächtig schaute er von den Regalen, die Fahnen wehten lustlos im Winde, und alles war so grau und nüchtern, wie der Alltag nun einmal ist in dieser grauen, nüchternen Welt.–

Eine halbe Stunde später war ich wieder in Callao. Der Nebel hatte sich verzogen und es war ein schöner Morgen geworden. Im Lichte der frühen Sonne hatte sogar diese Rumpelkammer von einer Stadt etwas Lustiges und Anheimelndes an sich. Ringsum wogte das lärmende Leben des Hafens, das Poltern der Lastwagen, das Fauchen der Lokomotiven. Hin und her sausten die Motorboote über das glitzernde Wasser. Schwarzgeteerte Fischerschoner wiegten sich träge vor ihrem Anker mit ihren gestickten Segeln, die lose von der Gaffel hingen. Es roch nach Teer und Tang und Fischen. Lustig tanzte der Sonnenschein über den hüpfenden Wellen. Blau lag der Himmel über dem blauen Meere. Ich stand am Kai und wartete auf das Boot des norwegischen Dampfers, der mich nach Mollendo bringen sollte. Nach dem vielen Unglück der letzten Wochen war ich zum erstenmal wieder restlos zufrieden mit mir und meiner Lage. Aber auch ein Glück kommt selten allein. Während ich noch dastand und wartete, kam ein Herr herbei, der mich freudig überrascht begrüßte. – Fast hätte ich ihn nicht wiedererkannt in seiner fabelhaften Eleganz. Es war der Boß vom Rummelplatz.

»Hallo!« sagte er, indem er mir vertraulich auf die Schulter klopfte, »shake hands, old boy! Pech gehabt, was? Blutvergiftung. Hab' gedacht, du wärst schon lange gestorben. – Glad to m-eet you! – Da sieht man's wieder: Ochsen und Elefanten können einen Zirkusmenschen nicht unterkriegen.«

Während er noch so sprach, hatte er schon in seine Hosentasche gegriffen, wo er die Pfunde immer so lose sitzen hatte. Ohne sie nur anzusehen, gab er mir eine Handvoll Geld mit dem Sprüchlein, das er auf dem Rummelplatz zu sagen pflegte: »Here you are, Charley.«

Während dessen hatten die Lancheros schon seine Koffer in das Motorboot gepackt. Mit einem Satz sprang er auch hinein, und fort ging es nach dem großen weißen Dampfer, der mit qualmendem Schornstein zur Abreise nach Nordamerika bereit lag. Ich zählte das Geld, das er mir gegeben hatte, und fand darunter drei blanke englische Pfunde. –

Einen Augenblick stand ich sprachlos da und starrte erst auf das Geld, dann auf den davonfahrenden Boß wie auf eine Erscheinung.

Drei Pfunde! Damit konnte man gut und gern dreihundert Meilen weiter reisen.

»Vamos! Ein bißchen fix!« unterbrach der eben des Wegs kommende Dampfermatrose meine Betrachtungen, »der Patron wartet schon drunten in der Lancha.« Ehe ich es richtig bedacht, hatte das Boot mich schon hinaus entführt an Bord des großen norwegischen Frachtdampfers, der in der Bai vor Anker lag. Und dort hatte ich nun weiter nichts zu tun, als den Leuten zuzusehen, wie sie die Ladung löschten. Wenn man es auch schon tausendmal vorher gesehen, so muß man sich doch immer wieder von neuem wundern über die ungeheuren Quantitäten, die so ein unersättlicher Schiffsbauch zu bergen vermag. Und das war hier alles made in Germany. Das Schiff war gechartert von der Firma Gildemeister, und es war nur deutsche Ware, die da von den Dampfwinden in die längseit liegenden Leichter geschafft wurde. Kisten und Kasten mit Messern und Porzellanwaren, Maschinen, Werkzeugen, Autos, ganzen Zuckermühlen, fertig zum Aufmontieren im Kamp, alles gegen blanke Pfunde und dicke Dollars.

»Ricos los alemanos!« sagte bewundernd einer von den Arbeitern, während er in der Pause seine Reissuppe löffelte.

»Ricos,« bestätigte ich mit dem Brustton der Überzeugung.

»Muy picaros!« meinte ein anderer mit listigem Augenzwinkern.

»Muy picaros!« bestätigte ich. Aber ich dachte mir mein Teil. Daß wir vielleicht das tüchtigste, das klügste, das fleißigste, aber ganz gewiß auch das dümmste Volk der Erde sind, dem man seit Menschengedenken noch in jedem Jahrhundert seine Ersparnisse abgenommen hat und das auch diesmal nur sich anstrengt pour le roi de Prusse– aber wie lange noch?

Bis jenes Blatt der Schande,
Das feig ihr unterschriebt,
Zerstört vom Riesenbrande
In alle Winde stiebt!

Während des ganzen Nachmittags stand ich an Deck und schaute über die unruhige Bai und wurde nicht fertig mit Grübeln. Es war ein genau so dunstiger, drückend schwüler Tag wie jener, an dem ich zuerst diese Küste erblickt hatte. Seither war schon ein Vierteljahr darüber hingegangen, und das war schon beinahe ein Rekord der Seßhaftigkeit. Nun war es genug! Das Leben war hier recht unromantisch gewesen, trotz allem. Nur Mühe und Arbeit und drückende Not und fressende Unruhe und Zumutungen und Demütigungen und alles das, was man sonst noch mit in den Kauf nehmen muß, wenn man arm ist und in fremden Ländern reist. Aber ein wenig mußte ich doch lachen, als ich über die flachen Dächer hinweg den hohen Turm der Iglesia Madriz erblickte, der einmal der Schauplatz meiner Taten gewesen war, und weiter in der Ferne, unweit der blauen Hügel, den Zoologischen Garten von Lima, der mich auch bei der Arbeit gesehen hatte. Denn irgendwo muß der Spaß zur Geltung kommen, auch bei den unerfreulichsten Abenteuern. Es wäre traurig, wenn's anders wäre. Und wenn man nur einmal irgendwo etwas recht Bockbeiniges erlebt hat, so kommt es einem dennoch so vor, als ob man ein Stück Heimat zurückließe, auch in der kältesten Fremde. – –

Am anderen Morgen in aller Frühe, als die Nebel noch schwer auf dem Wasser lagen und die Masten und Rahen sich nur unsicher vom Dämmerlicht abhoben, gingen wir in See. Langsam ging es vorbei an der steilen Insel San Lorenzo. Immer schon, wenn abends das weite Meer in den wechselnden Farben der untergehenden Sonne glühte, während draußen schon die Nachtschatten um die finsteren Berge lagerten und langsam und träge, mit schlaffen Segeln, die Fischerboote mit ihrer Beute von dorther kamen, war in mir das Verlangen aufgestiegen, auch einmal den Fuß auf jenes wilde Land zu setzen. – Ah, aber es gibt Dinge, die man lieber nur aus der Ferne betrachtet! Kein Baum, kein Strauch war hier zu sehen. Nur Sand und Steine. Grelle Felskuppen und kahle Sanddünen in ihrer ganzen Trostlosigkeit. Der heilige St. Lorenz würde sich gewiß noch heute im Grabe herumdrehen, wenn er mit eigenen Augen sehen müßte, welch ungastlichen Erdenwinkel man nach ihm benannt hat. Irgendwo in einer Talmulde am Strande stehen ein paar Wellblechbaracken in der Sonnenhitze, und mit diesen hat es eine eigene Bewandtnis. San Lorenzo ist nämlich für den Peruaner die Insel der Tränen, der Popanz für alle politischen Bösewichter. Alles, was da wagt, gegen den Stachel der leguistischen Diktatur zu löken, wandert unwiderruflich in die Baracken von San Lorenzo. Generale, Deputierte, Zeitungsverleger, sogar Expräsidenten sind die erlauchten Gäste. Denn Don Agusto versteht keinen Spaß.

Im tiefen Blau des frühen Tages blieb San Lorenzo hinter uns wie ein wüster Traum. Langsam begann es in der blauen Fläche des sonnebeschienenen Meeres zu versinken, und die unendliche Weite des Stillen Ozeans fing an, sich mit viel Temperament bemerkbar zu machen. Weit holte das Schiff über in der langen Dünung. Wild rauschte der Wind in dem Tauwerk, und die überkommenden Seen brachen sich sprühend und schäumend an der Bordwand.

Als einziges arbeitsloses Geschöpf an Bord hatte ich nun weiter nichts zu tun, als auf dem großen, geräumigen Verdeck auf und ab zu spazieren und den Gedanken nachzuhängen. Den Gedanken und den Träumen.

Ah, einmal nicht mehr in langen Nächten den Leuten den Possenreißer und den Puppenspieler vormachen, einmal nicht mehr der gaffenden Menge die Wunder der casa de lecos preisen, nicht mehr Häuser und Kirchtürme anstreichen, nicht mehr den Baumwollplunder für echte europäische Wollstoffe anbieten auf dem Jahrmarkt dieser närrischen Welt! Ja, und nicht mehr an den Docks den Schiffen nachsehen und in langen, lustlosen Tagen die Füße wundlaufen nach dem bißchen Arbeit und Verdienst, das sich immer gerade dann nicht findet, wenn man es am nötigsten gebraucht. Wieder einmal denken können von heute auf morgen, ohne die ewige Ungewißheit und die rastlose Unruhe, die alles verwirrt! Hier möchte ich leben und an jedem neuen Tage dem Farbenspiel der Sonne, dem Spiel des Windes mit den Wellen zusehen und gar nichts denken. Und dann könnte meinetwegen die Reise so weiter gehen von hier bis Hamburg und wieder zurück. Abends saß ich auf der Back mit den Matrosen, die sich redlich bemühten, mir die Anfangsgründe der norwegischen Sprache beizubringen. Manche Vokabel ist da durch meinen Kopf gegangen, aber nur eine habe ich behalten: Fiskeballen – Fischklöße. Wer diese kennt, hat schon erhebliche Fortschritte gemacht im Norwegischen; denn Fiskeballen spielen anscheinend dortzulande die Rolle wie in Chile die Bohnen, in Brasilien der Reis mit Bohnen und bei uns die Kartoffeln.

Ehe man's gedacht – denn die schönen Zeiten gehen stets am schnellsten vorüber–kam in der dämmerigen Ferne Mollendo in Sicht, und da hieß es das Bündel packen und sich fertig machen zur Reise nach Bolivien.

Nicht eben verlockend sah die Gegend hier aus. Alles tot und kahl. Nicht ein Grashalm in der weiten Runde. Nur schwarze Felsen und weiße Sandflächen, wie Schneefelder, die an den Berghängen liegen. Donnernd bricht sich die Brandung an den schwarzen Klippen. Wären es nicht die gewaltigen, nebelverhangenen Berghänge, die hier unmittelbar von der Meeresküste schroff ansteigen zu ungeheurer Höhe, so könnte man sich unschwer an eine der kahlen, schneebedeckten Inseln im Nördlichen Eismeer zurückversetzt glauben.

Die Reede von Mollendo ist denkbar schlecht, und demgemäß gingen wir weit draußen vor Anker, dicht neben einem Kosmosdampfer von gewaltigen Ausmaßen; das heißt er war einmal ein Kosmosdampfer, wie die pockennarbigen, mehr oder minder wollköpfigen und schwarzhäutigen Halunken von Zollbeamten und Hafenarbeitern, die da an Bord kamen, uns gebührend aufklärten mit boshaftem Grinsen. Ja, viva el Peru! Nun wehte die rotweißrote Flagge vom Heck der glorreichen Kriegsbeute. Er trug einen ausländischen Namen, sie bemalten ihn mit ausländischen Farben, und, oh!, was sie nicht alles mit ihm tun wollten! Schon sahen sie die Flagge ihrer Überseelinien in Europa wehen. Aber es erging ihnen wie der Magd mit dem Milchtopf in der Fabel. Die Finanzierung dieser Dampferlinie war doch nicht so leicht, wie man sich in der ersten Begeisterung gedacht hatte, und auch sonst fanden sie manches Haar in der Suppe. Ein Dock und die nötigen Hafeneinrichtungen für Schiffe von solchem Ausmaß sind im ganzen Lande nicht vorhanden, und so liegt der unglückselige Kasten, der eigentlich der Stolz des Landes hätte sein sollen, schon seit Jahren untätig auf der Reede von Mollendo, verwünscht vom ganzen Lande als pfundefressender Moloch. Der Traum der peruanischen Handelsmarine ist ausgeträumt. In Anbetracht der gefährlichen Gewässer muß das Schiff stets unter Dampf gehalten werden, und eine volle Mannschaft muß sich an Bord die Zeit vertreiben mit Putzen, Schrubben, Malen und Rostklopfen in Erwartung der großen Reise, die niemals kommt. Es wird eben nichts so heiß gegessen, wie es gekocht wird. Und unrecht Gut –

Es ist das Schicksal des Weltenbummlers, daß er immer wieder aus den Nestern herausfliegt, in denen er eben warm zu werden beginnt. Aus wenigen fiel mir das Herausfliegen so schwer, wie aus diesem. Als wir ankamen, begann die schnelle Nacht der Tropen sich schon vom Himmel zu senken. Bald war es so dunkel, daß man das Ausbooten bis auf den nächsten Tag verschieben mußte.

So saß ich fast während der ganzen Nacht auf dem Verdeck des schwerfällig schlingernden Schiffes und hörte auf das Summen des Windes, das Klirren der Ketten im Tauwerk und auf das Schlagen der Glasen, das von den anderen Schiffen über das stille Wasser kam. Von fernher kam das Donnern der Brandung, das grelle Phosphorleuchten des Wassers, das haushoch an den Klippen aufspritzte. Hoch oben auf der Uferbank sah man ein paar armselige Lichter und dahinter türmten sich die Berge wie drohende Gespenster. Die Nacht war mild und lau, und dennoch fröstelte mich ein wenig bei dem unfreundlichen Anblick.

Als ich am anderen Morgen eben von Bord gehen wollte, klopfte mir der Kapitän wohlwollend auf die Schulter. »Na,« sagte er mit einem listigen Zwinkern in den blanken Augen seines Seebärengesichts, »brechen Sie sich nur kein Bein da drüben. Und besuchen Sie mich, wenn Sie gelegentlich mal nach Bremen kommen. Die Adresse ist leicht zu behalten: Kapitän Schumann.« – Schuh-Mann. Es war in der Tat leicht zu behalten, denn er war wirklich ein Mann, und die Schuhe waren sehr elegant. Und das war mehr, als man von meinen sagen konnte.

Das An-Land-Fahren in Mollendo ist ein Unternehmen, das allemal etwas Abenteuerlich-Atemberaubendes an sich hat. Es gehört schon die ganze lebenslange Erfahrung eines ausgekochten Westküstenlancheros dazu, um bei der hohen Dünung das Boot zwischen den zahllosen Klippen hindurchzulotsen. Eine einzige Linie von Schaum und Gischt der brausenden Brandung zieht sich scheinbar ununterbrochen entlang der Küste. Mit wildem Wüten zerschellt die Dünung an der Küste und spritzt haushoch auf an den schwarzen Felsen. Vergeblich fragt man sich, wo in diesem Aufruhr der Elemente ein Durchgang zu finden sei, in dem das Boot nicht zu Atomen zerbreche. Aber gerade hinein schießt das Fahrzeug in diesen Hexenkessel, und ehe man es richtig bedacht, liegt man schon fest und sicher in der ganz kleinen »Caleta«, zwischen kahlen, schwarzen Felsen, längsseit des Steinkais, über den die Schaumflocken der Brandung spritzen. Nichts Böses ahnend ergreift man auf Geheiß des Lancheros das Tau eines in das Boot heruntergelassenen Fahrstuhls, und schon wirbelt man durch die Luft, um dann im nächsten Augenblick piano, pianissimo auf peruanischem Boden zu landen, nicht anders wie einer von den Heuballen, die da vor dem Zollschuppen aufgestapelt liegen.

Noch ist man nicht in Mollendo. Es bedarf noch einer Wanderung über eine steile Straße mit spitzem, fußmarterndem Pflaster, das sich in jedem Tiroler Wallfahrtsort sehen lassen könnte. Nachdem man noch am Ende der Wallfahrt einem peinlichen Verhör unterzogen wurde von der hochmögenden Polizei, wird man endlich losgelassen auf dieses Maravillo »to see the sights«, wie die Amerikaner sagen.

In der Tat: Mollendo!

Schon vom Meere aus hat es einen wenig angenehmen Eindruck gemacht in seiner trüben, traurigen Herrlichkeit aus Holz und Wellblech inmitten der trostlosen Wüste. Es gewinnt auch nicht bei näherer Betrachtung. Verfallen und verwahrlost ist hier alles. Enge, übelriechende Straßen. An den Ecken zahnlose Weiber, die Kuchen feilbieten, so zäh und altbacken wie sie selber. Schmutzige Kinder auf schmierigen Haustreppen. Auf dem Markte räudige Hunde und struppige, halbverhungerte Katzen, die sich zwischen den Gemüseständen balgen. In einem schimmernden, farbenprächtigen Basar, der ausschaut wie ein Kapitel aus »Tausendundeine Nacht«, thront ein üppiger Araber zwischen den Schätzen beider Welten, den Scheren, den Taschenspiegeln, den falschen Smyrnateppichen, die bis weit in die Straße hinaus überquellen. Irgendwo auf dem Markt hat ein verschmitzter Sohn des Himmels ein fliegendes Wirtshaus aufgemacht, mit chinesisch bemalten Fächern an der staubigen Bretterwand, mit Tellern und Tassen, die einmal weiß gewesen, und trockenen Kaffeekuchen, an denen die Hunde schnuppern.

Gibt es wohl auf dieser Erde noch einen verwahrlosteren Ort wie diesen? Einmal bin ich mit großen Erwartungen nach Neapel gereist. Wißbegierig, schönheitslüstern bin ich dort in die engen Gassen geraten, wo zwischen den grauen Mauern die schmutzige Wäsche flattert, wo im siebten Stock der hohen Häuser die Ziegen meckern, wo es nach Pest und Fäulnis und Makkaroni duftet und schmutzige Lazzaroni in den Haustüren lungern. Von dort habe ich die Erkenntnis mitgenommen, daß das wohl nicht mehr zu überbieten sei. Aber Mollendo – – –

Jedoch – man muß auch dem Teufel Kredit geben für das, was ihm zusteht. Auch dieser verwahrloste Erdenwinkel hat seine Schönheiten. Man braucht nur den Wind zu spüren, der hier, frisch wie das Leben selber, durch die Gassen fegt; man braucht nur leise zu lauschen auf das Spiel der Brandung zwischen den Felsenklippen.

Drei Schritte nur braucht man aus den engen Gassen zu tun, und schon ist man mitten in der salzigen Luft. Wenige Plätze habe ich gesehen, wo das ewige Wechselspiel von Land und Meer so selten großartig ist wie dort am Strande von Mollendo. Lange saß ich auf den Klippen, zwischen den seltsamen Muscheltieren und schaute auf das dunkelblaue Meer und den dunkelblauen Himmel. Ich spürte den Lufthauch der salzigen Gischt, die tosend über die Felsen rannte. Es wurde dunkel und ich merkte es nicht. Die Brandung leuchtete weithin wie eine funkelnde Schlange aus unzähligen Diamanten. Ich hörte die Möwen, die kreischend durch das Nachtdunkel flatterten. Ich spürte den Wind, der die Wolken wie Schatten über den hellen Sternenhimmel jagte. Ich hörte die Musik des Meeres und sah den Zauber der Ferne und konnte mich nicht davon losreißen, bis der blasse Morgen hinter den Bergen heraufdämmerte.

Ich liebe die weißen, losen,
Ich liebe die Wolken, den Wind,
Weil sie den Heimatlosen
Schwestern und Engel sind!


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