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Kapitel 11.


Er lebt vom bloßen Pflichtteil seines Lebens und
giebt die volle Erbschaft hin!

Tiedge.

 

Als Pia den Saal betrat, mußte sie durch etliche Reihen junger Herren schreiten, welche erwartungsvoll in der Nähe der vergoldeten Flügelthüren Spalier bildeten, und bei dem entzückenden Anblick der »unbekannten Göttin« überrascht zurücktraten.

Die wohlfrisierten Häupter neigten sich grüßend, die Sporen klangen mit melodischem Silberklang zusammen, und dann flüsterte es von Mund zu Mund: – »Wer war das? – brillante Erscheinung! – bildhübsch! Alle Wetter, diese Auffrischung that unserer Blütenlese not!« –

»Baroneß Nördlingen-Gummersbach!« –

»Thatsächlich? die schöne Pia?« –

»Ganz frisch aus dem Haag verschrieben! Für Wulff-Dietrich, den Majoratsherrn, welcher sechzehn Ahnen zum Heiraten braucht!« –

»Gratuliere! dann hat er eben einen kolossalen Dusel, und kommt besser weg wie sein Onkel Willibald!«

»Auf Kommando? –«

»Was hilfts! Vater hat ja die Sache schon vor zwanzig Jahren für ihn abgemacht!« –

»Merkwürdig! Man erzählt sich doch, Wulff-Dietrich habe eine stille Liebe für die kleine Edda Langenfeldt!« –

»Habe ich auch gehört! Soll sie glühend lieben und beabsichtigen, die Majoratserbfolge um ihretwillen schießen zu lassen!«

»Aha – darum will Vater Rüdiger die Sache etwas gewaltsam zum Abschluß bringen!«

»Na, na, wenn es ihm nur glückt! – Der Sohn ist ein Starrkopf par excellence! Er wäre es imstande, einen Strich durch die schönen Pläne zu ziehen!«

»Auf alle Fälle wird es interessant sein, ihn heute Abend zu beobachten!« –

»Wenn er überhaupt kommt! Hahaha, ich traue es ihm zu, daß er das Rendezvous ablehnt!«

»Pyramidal! – Das kann einen Hauptscherz geben!«

Niemand der Herren hatte im Eifer der Unterhaltung bemerkt, daß der Oberstlieutenant von Nördlingen seiner Gemahlin und Tochter in kurzem Abstand gefolgt war und momentan an der Thüre stehen blieb.

Der alte Herr hatte Wort für Wort vernommen. Das Blut stieg ihm siedend heiß zu Kopf.

Er ärgerte sich unbeschreiblich, und empfand beinahe ein Gefühl ängstlichen Unbehagens bei dem Gedanken an die niedliche Gräfin Edda – dann aber lächelte er ironisch und hob den Kopf noch höher auf den Schultern.

Pia nahm den Kampf mit ihr auf! Seine Pia, o, es war ja gar nicht möglich, daß Wulff-Dietrich so blödsinnig sein konnte, um einer sentimentalen Neigung willen ein Majorat wie Niedeck aufzugeben! Es wäre nicht allein rücksichtslos gegen seinen Vater, sondern auch im höchsten Grade beleidigend gegen Pia – gegen ihn, Nördlingen!

Es würde einfach unerhört, geradezu empörend sein! –

Aber nein. – Es ist ja lächerlich, nur an eine derartige Möglichkeit zu denken!

Wäre Graf Rüdiger seines Sohnes nicht gewiß gewesen, würde er doch die ganze Heiratsgeschichte nicht erst eingerührt haben! Allerdings sprach er ja die dringende Bitte aus, Pia möchte alles thun, um ihm zu gefallen ... hm – sollte doch etwas an dem Klatsch mit Edda Langenfeldt sein? –

Das leicht erregbare Blut des Freiherrn wallte auf, sein Auge blitzt wie in stolzer Drohung, – aber er hat keine Zeit mehr, seinen Gedanken Audienz zu geben, Bekannte treten grüßend an ihn heran und etliche junge Herren bitten stürmisch, sie dem Fräulein Tochter vorzustellen.

Pia steht gar bald umringt, sie plaudert graziös und anmutig, und dennoch flackert es wie nervöse Unruhe in ihren Augen, und während sie mit lächelnden Lippen scherzt, schweift ihr Blick verstohlen über die Menge, nach Graf und Gräfin Niedeck auszuschauen.

Endlich sieht sie die Brillanten Melanies funkeln.

Am Arm ihres Gatten tritt sie – von der Gemäldegallerie aus, in welcher sich die älteren Herrschaften versammeln und Aufstellung nehmen, in den Saal.

Pias Herzschlag stockt. – Mit weit geöffneten Augen, in zitternder Erregung starrt sie auf das gräfliche Paar, – und atmet momentan auf, – Wulff-Dietrich folgt ihm nicht. – Hartwig eilt der Mutter entgegen und begrüßt sie in seiner chevaleresken Weise. –

Melanie tuschelt eifrig hinter dem Fächer mit ihm und der junge Dragoner macht ein betroffenes Gesicht. Dann zuckt er die Achseln und lacht.

Graf Rüdiger sieht entschieden verstimmt aus; er scheint nach Pia zu fragen, Hartwig dreht wenigstens den Kopf hin und her und scheint sie zu suchen.

Fräulein von Nördlingen wendet sich voll lebhafter Liebenswürdigkeit einem neu vorgestellten Herrn zu und vertieft sich so sehr in eine Unterhaltung mit ihm, daß sie es gar nicht zu bemerken scheint, wie die Niedecks, mit den Bekannten plaudernd, rechts und links grüßend, immer näher und näher zu ihr herankommen.

Die Stimme einer bekannten Dame klingt an ihr Ohr. »Liebe Baroneß – darf ich Sie der Gräfin Niedeck vorstellen!« –

Pia wendet sich ohne sonderliche Hast, aber mit verbindlichem Lächeln der Genannten zu und küßt die dargebotene Hand! –

»Endlich lerne ich Sie kennen, mein teuerstes Fräulein von Nördlingen!« – begrüßt sie Melanie in ihrer etwas exaltierten Weise: »Bei Besuch und Gegenbesuch haben wir uns natürlich verfehlt, wie das ja meist der Fall ist, – nun endlich kann ich Sie in der Heimat willkommen heißen! – Sieh doch, Rüdiger, welch eine Rose aus dem kleinen Knöspchen erblüht ist, seit wir la petite beim Taufdiner zuletzt gesehen!«

Graf Rüdiger scheint in hohem Grade überrascht von Pias Anblick. Sein entzückter Blick spricht noch mehr Schmeichelhaftes aus wie sein Mund, welcher sich beeifert, der jungen Dame die größten Liebenswürdigkeiten zu sagen!

Durch alle charmanten Phrasen des gräflichen Paares klingt aber dennoch eine gewisse Verlegenheit hindurch, welche Pia nicht entgeht, und während sie stolz und siegesschön vor ihnen steht und mit ganz wunderbar strahlenden Augen lächelt, stottert Graf Rüdiger ziemlich unvermittelt: »Denken Sie doch, welches Mißgeschick, Baroneß! mein armer ältester Sohn telegraphiert mir soeben, daß er bei der Jagd Pech gehabt und gestürzt sei, der Fuß ist verstaucht und wird ihn möglicherweise wochenlang an das Chaiselongue fesseln! Solch ein abscheuliches Mißgeschick! gerade heute, wo er sich so sehr auf den Ball gefreut hatte!« –

»Und welcher Schmerz erst, wenn ich ihm schreibe, was er alles versäumt hat!« fügt die Gräfin mit bedeutsamem Blick hinzu: – »Nun ich hoffe, der Brandbrief, welchen ich verfassen werde, wird die Heilung beschleunigen!«

»Wie bedaure ich das Mißgeschick Ihres Herrn Sohnes!« sagt Pia höflich, ohne im mindesten traurig dabei auszusehen. »Ein verstauchter Fuß darf wirklich nicht leicht genommen werden, Frau Gräfin, und bedarf der Zeit, um auskuriert zu sein! Hoffentlich wird Ihr Herr Sohn recht vernünftig sein und allen Lockungen Ihrer gewiß recht verführerischen Briefe widerstehen, gnädigste Gräfin, – er versäumt wahrlich nichts hier, – und nächstes Jahr giebt es neue Bälle!« –

Ein paar Dragoner harren der Vorstellung und Gräfin Melanie drückt Pias Hand: »Bitte, besuchen Sie mich recht bald einmal freundschaftlichst, liebste Baroneß! Ich möchte so gern noch recht oft und viel mit Ihnen plaudern!« –

Pia neigt nur sehr höflich das Köpfchen und küßt abermals die Fingerspitzen der Gräfin, dann verabschiedet sie sich von dem Grafen und muß sich hastig den Herren zuwenden, deren Namen der sehr eilige, vielbeschäftigte Vortänzer mit erstaunlicher Zungenfertigkeit herunterraspelt.

Pia feiert Triumphe, und ihr eifrigster Schleppenträger ist Hartwig.

Wie eine junge Königin, glühend in stolzer Freude, schwebt sie über das Parkett.

Es ist, als ob ein Joch von ihrem Nacken genommen sei, als ob sie, von einer drückenden, demütigenden Last befreit, Schwingen an den Schultern fühlte, welche sie hoch über jede Angst und Sorge hinwegheben.

Aber noch etwas anderes, unbewußtes erfüllt ihre Seele mit Licht.

Sie hat einen Mann entdeckt, dessen stolze, edle Ritterlichkeit größer ist, wie seine Gier nach Reichtum und Ehre!

Graf Wulff-Dietrich verzichtet auf ein fürstliches Erbe, weil ein unbekanntes Mädchen ihn zum Schutze ihrer hoffnungslosen Liebe anfleht!

Das ist für das fin de siècle eine solch märchenhafte Seltenheit, daß Pia nun und nimmer daran glauben würde, wenn nicht jeder Blick auf die Reihen der Tänzer sie davon überzeugte!

Welch ein Opfer bringt er um ihretwillen!

Welch eine Genugthuung für sie, daß der Mann, welcher sie, durch die Verhältnisse gezwungen, heimführen wollte, doch zu den besten seiner Zeit gehört!

Ein Gefühl warmherziger Rührung überkommt Pia; – wie soll sie ihm solch eine Großmut jemals danken! –

Ihn heiraten? doch noch heiraten? nein; – nie.

Sie kann keinen Mann lieben, den sie lieben soll und muß, – ihr ganzes Ich bäumt sich wild auf gegen solch eine Bevormundung ihres Herzens. Sie ist eine viel zu selbständige Natur, um sich jemals beeinflussen zu lassen, und darum soll auch die Erkenntlichkeit keinen moralischen Zwang auf sie ausüben. Es würde der schlechteste Dank sein, wollte sie dem Grafen Wulff nun aus Hochachtung dennoch die Hand reichen.

Ist er in Wahrheit der edel denkende Mann, welcher die Heiligkeit der Liebe derart respektiert, daß er ihr das eigene Glück, die glänzende Zukunft, die imponierende Größe eines Niedeckschen Majorats opfert, – so verlangt er auch für sich in erster Linie diese treue heilige Liebe, als bestes und wichtigstes Heiratsgut der Frau.

Auf die reiche Mitgift würde er verzichten, auf die Liebe nicht, – und gerade diese kann Pia ihm nicht geben. –

Warum nicht? Sie kennt ihn ja nicht einmal, und weiß es gar nicht, ob er nicht gerade derjenige Mann ist, für welchen ihr Herz voll leidenschaftlicher Zärtlichkeit entflammen würde! –

Pia kennt ihn zwar nicht, aber sie kennt sich selbst.

Sie weiß, daß ihr Oppositionsgeist nie ein anderes Gefühl für den aufgenötigten Freier zulassen würde, als den Ingrimm, als den empfindsamen Ärger über die Demütigung, als Ware verhandelt zu sein.

Das würde sie nie überwinden, ebensowenig wie sie jemals an die Liebe solches Gatten glauben könnte. –

Andere Frauen würden sich lachend in die Verhältnisse schicken und die Grafenkrone und das blinkende Geld als reiches Entgelt für ihr geopfertes Herz an sehen; sie würden das Leben auf ihre Art und Weise genießen und sich mit der Thatsache trösten, daß die meisten modernen Ehen nichts anderes sind, als eine Spekulation, als ein Geschäft, welches ebenso nüchtern abgeschlossen, wie gelöst wird. – Gelöst mit allen inneren Banden, – nur das Firmenschild mit den vereinigten Namen hängt als ein äußerliches Zubehör über der Schwelle.

Pia denkt nicht modern.

Sie, die in Paris erzogen ist?

Gerade darum! weil ihr scharfer Blick allzuviel französisches Elend gesehen, rebelliert ihr deutsches Blut gegen die Sünde solchen Meineids. Die Jugend urteilt immer schroff, – sie schafft sich Ideale und kämpft für dieselben und je reiner und gesunder ihr Herz und Seele geblieben, desto tiefer und leidenschaftlicher die Begeisterung, für die eigene Überzeugung einzutreten. –

Nein, sie wollte Graf Wulff-Dietrich nun erst recht nicht heiraten, aber dankbar wollte sie ihm zeitlebens sein.

Sie hat ihn arm gemacht, – er macht sie dafür reich, – reich an dem schönen lieben Kinderglauben, daß es noch Männer auf der Welt giebt, stolz, edel und tugendhaft, wie die Ritter vom heiligen Graal. –

Die hohen Herrschaften verweilen heute außergewöhnlich lange. Der Kotillon, welcher so selten noch zu seinem Recht kommt, feiert heute wieder Triumphe.

Die Herzogin hat ihre Getreuen durch eine ebenso sinnige wie liebenswürdige Überraschung ausgezeichnet.

Es werden allerliebste kleine Geschenke, welche sämtlich den gekrönten Namenszug der hohen Frau tragen, ausgetanzt. Die Vortänzer haben schon zu verschiedenen Malen heimlich auf die Uhr geguckt. Die Stunde, welche zur Abfahrt der Wagen vorgeschrieben, ist längst überschritten.

Und es dauert immer noch eine halbe Stunde, bis die ersten Equipagen durch den Schloßhof zurückrollen.

Pia hat die Eltern während des Balles so gut wie gar nicht gesehen; jetzt, als sie harrend an der goldzitternden Treppe des Vestibüls stehen, streift ihr Blick forschend die Züge des Vaters.

Der Oberstlieutenant sieht mit starrer Falte zwischen den graubuschigen Brauen wortkarg gradeaus, seine Gemahlin läßt die Lider müde und abgespannt über die Augen sinken.

»Wagen für Freiherrn von Nördlingen!!« schmetterte die Stimme des Huissiers.

Mit ungewohnter Hast, zum letzten Male nach rechts und links grüßend, eilt der Oberstlieutenant die Stufen hinab, Pia wechselt noch ein paar heitere Worte mit etlichen Offizieren – Hartwig als erster darunter –, welche neben ihr stehen und voll schwärmerischer Verehrung die Sträuße tragen, welche ihre kleinen Hände nicht mehr fassen konnten.

Hartwig folgt galant bis an den Wagen, seine duftende Bürde dort abzugeben, er verabschiedet sich voll auffallender Verbindlichkeit, der Freiherr dankt sehr kühl und kurz und der Wagen rollt davon.

»Unverschämte Frechheit von diesem Bengel!« stößt er, kaum noch seine Erregung meisternd, zwischen den Zähnen hervor. »Soll das etwa Hohn sein?«

»Wen meinst Du, Papa?«

»Nun den charmanten Bruder Deines verunglückten Freiers!« –

»Meines – – ah – des Grafen Wulff-Dietrich! Man sagte mir, er sei erkrankt. – Seltsam, gerade heute. Kein Mensch schien an diese Krankheit zu glauben und legte sich sein Fernbleiben eher als einen Korb für mich aus! – und ich wollte so liebenswürdig zu ihm sein.« –

Ein unverständliches Knurren und Wettern antwortete ihr, – Frau von Nördlingen aber drückt plötzlich das Spitzentuch gegen die Augen.

»Eine Blamage ist es für uns!« schluchzt sie auf. »Warum bringen Niedecks erst selber unser Kind in aller Leute Mund, wenn sie ihrer Sache nicht sicher sind!«

»Aber, Mamachen, – Graf Wulff kommt ja vielleicht das nächste Mal!« sagt Pia leise und neigt das Antlitz tief in die duftenden Blumen.

Der Oberstlieutenant schnellt bebend vor Zorn empor. »Das Kommen steht dem Herrn frei! Aber unser Haus bleibt ihm verschlossen! Bildet sich der Laffe etwa ein, ich biete ihm meine Tochter zum zweiten Male auf dem Präsentierteller an? – Der soll sich irren! und die Beine soll er sich ablaufen, bis er Dich zu Gesicht bekommt! – Wir brauchen keinen Schwiegersohn mit sechzehn Ahnen, – Du kannst wohl noch andere gute Partien thun und brauchst nicht auf den Herrn Grafen zu warten!«

Es ist dunkel im Wagen, der Sprecher kann nicht die Wirkung seiner Worte in dem Gesicht seiner Tochter lesen.

»Ich empfinde die Kränkung, welche man mir angethan hat, wohl noch empfindlicher wie Du, Papa, und ich habe eine dringende Bitte an Dich!«

»Hm ... sprich ... welch eine?«

»Laß mich jedes weitere Gerede abschneiden und nach dem Haag zurückkehren, – dann kann doch kein Mensch sagen, daß ich hier sitze und auf den Grafen Niedeck warte!«

»Ach, meine Pia, kaum daß wir Dich wieder gehabt haben!« schluchzte Frau von Nördlingen abermals.

»Wenn ich geheiratet hätte, hätten wir uns ja doch trennen müssen, Herzensmamachen, und im Sommer sollt Ihr doch beide nach dem Haag kommen, das haben wir ja längst verabredet!«

Einen Augenblick herrscht tiefe Stille, dann sagt der Oberstlieutenant rauh: »Ja, das Kind hat recht; sie soll hier nicht im Wartesalon sitzen und eine glänzende Partie kann sie hier auch nicht machen, während im Haag Auswahl darin ist.«

»Gut, Pia, ich freue mich, daß Du so verständig bist, in vierzehn Tagen reisest Du zu Onkel und Tante zurück.«

Der Wagen hielt und der Oberstlieutenant stieg schwerfällig heraus, erst das Haus aufzuschließen, ehe sich die leichtgekleideten Damen in den Schneesturm hinauswagten.

*

Tage waren vergangen.

Gräfin Niedeck war zu einer Visite vorgefahren, da aber die Herrschaften ausgegangen waren, hatte sie niemand sehen und sprechen können.

Pia erschien wie verwandelt, und obwohl sie sich in Gegenwart der Eltern sehr zusammennahm und ein ernstes Gesicht machte, konnte sie es doch nicht hindern, daß ihre strahlenden Augen und rosigen Wangen ihre markierte elegische Stimmung Lügen straften.

Droben in ihrem einsamen Zimmerchen aber stand sie hochaufatmend und breitete voll schwärmerischer Glückseligkeit die Arme aus; wie ein feierlicher Klang zog die volkstümliche Weise mit ihren schlichten Worten durch ihr Herz:

»Und hätt' ich Gold und Ehre,
Und alle Pracht der Welt,
Und hätt' doch keine Liebe,
Schlimm wär's um mich bestellt!«

Ja, die Liebe! Sie will nicht auf die Liebe verzichten, um alles Gold der Welt ist sie ihr nicht feil! Die Liebe in ihrer goldenen, heiligen Freiheit!

Eine gute Parthie soll sie thun, das verlangt der Vater von ihr.

Wird sie jemals seinen Wunsch erfüllen können und einen Mann freien, der in seinen Augen eine gute Partie ist?

Sie weiß es nicht und kann nicht dafür gut sagen. Sie, deren Stolz so groß und deren Sinn so spröde ist, sie wird nie nach Rang, Gold und Ehren fragen, wenn jener Eine ihren Weg kreuzt, dessen Auge es ihr mit unerklärlich zwingendem Blicke anthun wird!

Und dieser Eine wird kommen, das weiß sie, und darum wartet sie auf ihn.

Die Mittagspost brachte einen überraschenden Brief.

Der Oberstlieutenant brachte ihn selber der Tochter und rief schon von weitem ganz aufgeregt: »Pia! Ein Brief von Tante Johanna und woher? Um diese Zeit aus Niedeck! Ob sie etwa den ganzen Winter dort zugebracht haben? Mach 'mal schnell auf, das ist ja riesig interessant!«

Das junge Mädchen öffnete mit etwas unsicheren Fingerchen. Alles Blut stieg ihr in die Wangen und die Sorge erfüllte sie, Tante Johanna möchte sich über das verhaßte Heiratsprojekt aussprechen, welches sie ihr so aufgeregt geschrieben.

Aber Gott sei Dank, nein, das Schreiben enthielt nur wenige Zeilen, und bat in sehr herzlichen Worten um Pias recht langen Besuch auf Niedeck.

»Wir reisen anfangs Mai, oder, falls das Wetter günstig ist, schon früher an den Rhein, um einen kurzen Aufenthalt in Aßmannshausen oder St. Goar zu nehmen; alsdann führt uns der Weg nach Scheveningen. Wir können Dich also sehr bequem nach dem Haag zurückbringen. Ich hoffe, Deine Eltern versagen mir nicht die unendliche Freude, meinen Liebling nach so langer Zeit einmal wieder zu sehen, – auch Onkel Willibald und meine wilde Hummel Fränzchen erwarten Dich voll Ungeduld. Niedeck ist auch im Winter schön, – freilich recht einsam.«

»O, die Einsamkeit fürchte ich nicht!« lachte Pia und schlang die Arme voll stürmischen Jubels um den Vater. »Ich habe mir so lange schon gewünscht, das sagenhafte Niedeck, von welchem alle Leute sprechen und welches doch niemand kennt, einmal mit Augen zu schauen! Nicht wahr, Papa, Du erlaubst es, daß ich Tante Johanna besuche?«

Der Freiherr zuckte mit bitterem Lächeln die Achseln. »Wenn Du das Schloß gern sehen möchtest mußt Du wohl jetzt schon die Gelegenheit beim Schopfe nehmen, denn ob Du jemals dort Deinen Einzug als Herrin feiern wirst, will mir doch mehr wie fraglich erscheinen. Komm mit zu Mama und lies ihr den Brief vor, – wenn sie einverstanden ist, kannst Du anfangs März abreisen, falls Graf Wulff-Dietrich bis dahin nicht das Haus gestürmt hat, um Deine Bekanntschaft zu machen ...!«

»Aber, Papa, glaubst Du das wirklich?!«

»Je nun, wenn sein Unfall thatsächlich das Kommen zum Hofball verhinderte und es ihm mit seiner Werbung ernst ist, holt er das Versäumte wohl mit doppeltem Eifer nach. In vier Wochen ist ein verstauchter Fuß auskuriert, und wenn nicht, kann er in dieser Zeit schriftlich anfragen und Deine Abreise verhindern, thut er nicht dergleichen, so wird unsererseits jede spätere Annäherung rundweg abgelehnt, – mag er doch sehen, wo er sich sonst die sechzehn Ahnen zusammensucht.« –

Pia nickt nachdenklich vor sich hin: »Gut,« sagt sie, ihre schlanke Gestalt zu voller, imponierender Höhe aufrichtend, »vier Wochen magst Du ihm Frist geben, läßt er in dieser Zeit nichts von sich hören, sind wir für immer geschiedene Leute, – versprichst Du mir das, Papa?«

»Habe es ja schon gethan, natürlich verspreche ich es,« polterte der Oberstlieutenant ingrimmig, »es ist eine Schande, daß wir überhaupt auf den Monsieur warten müssen, – aber ungerecht dürfen wir auch nicht sein, falls er wirklich krank ist, – bedenke, es handelt sich für ihn wahrlich nicht um ein Butterbrot!«

Pias reizendes Köpfchen sank unmerklich tiefer: »Nein, es handelt sich um recht viel für ihn, ich weiß es ja!« flüsterte sie, und wie ein leises Beben des Mitleids ging es um ihre Lippen. »Wer weiß, ob der Goldteufel ihm während dieser vier Wochen nicht noch zusetzen wird!« – und langsam, gedankenvoll folgte sie dem Freiherrn durch den schmalen Flur und über die alte, ausgetretene Treppe hinab zu der Mutter.

Ihre Augen, welche soeben noch so zuversichtlich gelächelt, blickten plötzlich sehr ernst.

Vier Wochen sind eine lange Zeit, und manchen helden- und ehrenhaften Entschluß hat die Zeit schon über den Haufen geworfen. Wie werden Graf und Gräfin Rüdiger alles aufbieten, den Sohn zu der vorschriftsmäßigen Partie zu überreden, wie werden ihm die Eltern sowohl wie der Bruder in wohlweislicher Übertreibung Wunderdinge über ihre Schönheit berichten! Eine erste Liebe!

Was bedeutet sie sonst wohl einem Manne? Vielleicht philosophiert Wulff-Dietrich voll grausamer Skeptik auch: »Ein großer, wilder Schmerz der Jugend ist Poesie!« –

Die Gräfin wird ihm schon jede Skrupel ausreden und ihm versichern: »Wie viele Tausende von Mädchen müssen ohne Liebe, mit bitterer Entsagung eines Jugendtraumes heiraten und sie werden dennoch glückliche Frauen!

Denn erste Lieb' Du gehst vorbei,
Schneller wie ein Sturm im Mai,
Bleibst kein ständ'ger Gast.«

Frau Melanie würde eine solche Anschauung zuzutrauen sein, denn sie hat wohl sicher nicht aus glühender, zärtlicher Liebe geheiratet und ward ihrer Ansicht nach doch eine glückliche und beneidenswerte Frau!

»Wahrlich beneidenswert?« Pia beneidete sie nicht. Wulff-Dietrich wird aber sicherlich die Ansicht der Mutter und die Überzeugung von Vater und Bruder für maßgebender halten, als den sentimentalen Gefühlserguß eines jungen Mädchens, welches in seiner Naivetät gar keinen Begriff von dem Wert des Geldes und eines gräflichen Majorats hat.

In seiner ersten Aufwallung des Mitleids hat er sich vielleicht versagt, auf den Hofball zu kommen, nun aber, wo er von allen Seiten auf das heftigste bearbeitet wird, wo ihm selber vielleicht die Reue kommt und er einen Vorwand sucht, sich ihr dennoch zu nähern, ob er auch jetzt noch, vier Wochen lang, standhaft bleiben wird?

Es ist so bequem für ihn, zu sagen: Ich wollte ja zurücktreten, aber der Willen meines Vaters zwingt mich zu der Heirat, welche ich selber, ungefragt, aus tausend schwerwiegenden Gründen schließen muß!«

Ja, wer weiß es überhaupt, ob nicht Graf Wulff-Dietrich von Anbeginn solchen diplomatischen Plan ersonnen, der anscheinend auf gradem Wege ihrem Wunsch entgegenkommt, um ihn auf krummen Pfaden desto sicherer zu durchkreuzen?

Pia erbleicht bei diesem Gedanken, welcher ihr ganz plötzlich, ganz überraschend in diesem Augenblicke gekommen.

Ein Beben geht durch ihre Glieder und die schönen strahlenden Augen sprühen in all der Erregung auf, welche ihrem Wesen nun einmal angeboren ist.

Bis jetzt war ihr Graf Niedeck gleichgültig, ja, sie hat sogar seit dem Hofball ein Gefühl warmherzigen, dankbaren Interesses für ihn empfunden. Sie hat seine Person mit einem Glorienschein edelster Ritterlichkeit umgeben.

Wenn er sie aber getäuscht hätte, – wenn sein Nichtkommen nur ein kurzes Nachgeben gewesen, wenn er nun auf irgend eine Weise dennoch sein Ziel zu erreichen und sie zu gewinnen trachtete, – oh – Pia würde ihn hassen darum! Sie hat noch nie einen Menschen gehaßt, – aber dann, ja, dann würde sie es lernen! – Das Stubenmädchen kommt ihnen mit einer Visitenkarte entgegen.

»Der junge Herr Graf zu Niedeck.«

Ein leiser, halberstickter Aufschrei von Pias Lippen.

»Welcher Graf?« herrscht der Oberstleutnant betroffen.

»Der Herr Lieutenant von den Dragonern hier!« knixte das Mädchen mit triumphierendem Blick auf das gnädige Fräulein, welches seine Liebe zu dem schönen Verehrer doch auch gar zu nett verraten hat.

Der Freiherr runzelt enttäuscht die Brauen und knäuelt die Karte in der Hand. Er überlegt einen Augenblick.

»Sagen Sie, es thut uns sehr leid; die Damen machen Toilette für das Theater und ich sei nicht zu Hause.« –

Überrascht zieht sich das Mädchen zurück, das hatte sie nicht erwartet.

»Zappeln lassen!« knurrt Nördlingen voll Genugthuung; Pia aber preßt aufatmend die Hand gegen das Herz.

Oh, entsetzliche vier Wochen, welche Qual werdet ihr für mich sein! –

»Wir fahren heute Abend in das Theater!« fährt der Oberstlieutenant fort, »Du bist zu allen Herren sehr liebenswürdig, – den Grafen Hartwig behandelst Du möglichst gleichgültig, verstanden?«

Pia nickt und schweigt. Das Theater! ein entsetzlich neutraler Boden, wie geschaffen für derartige Begegnungen! Nun, Gott sei Dank gestatten es die Mittel der Eltern nicht, daß sie es oft besucht. –


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