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Kapitel 3.


– – – Gold ist's ja das Zutritt kauft sehr oft; ja es besticht
Dianens Förster, daß sie selbst das Wild dem Dieb entgegen treiben.
Shakespeare.

Cymbeline II. Aufz. 3. Sc.

 

Der bedeutungsvolle Tag brach an.

Als erste Nachricht, welche die Herzen der weiblichen Bewohner von Angerwies hoch aufschlagen ließ, kam die Kunde von der Post, daß für die Frau Gräfin eine mächtige Kiste aus der Residenz angekommen sei, welche sicher eine Toilette berge, wie sie seit Bestehen der Stadt noch nicht in ihren Mauern geschaut war.

Da huschte es hin und her zwischen den Hausthüren, um dieses Ereignis voll höchster Mutmaßungen zu besprechen; – die älteren Damen wanderten ungeniert in den Morgenhauben, deren Fülle die Haarnadeln, über welche die Scheitel festlich gewellt waren, teilweise versteckte – Die jungen Mädchen aber hatten sich wahrhaft orientalisch verschleiert, um jedem Späherauge die Papilloten zu verbergen, in deren Ergebnissen die Hauptüberraschungen des Abends gipfelten.

Es war in Angerwies selbstverständlich, daß man vor einem Ball nicht zweimal Toilette machte, sondern Tags über in jenem geheimnißvollen unfertigen, holdverträumten Negligee einherschwebte, welches die Deckblätter der Knospe repräsentierte, aus welchen abends die strahlende Blüte brach!

Dieses »Nachtjacken-Lockenwickel-Morgenschuh-Idyll« gehörte nun einmal zu jeder Festvorfreude, und darum starrten die Schönen von Angerwies auch höchlichst verblüfft auf die Gräfin, welche auch heute in eleganter Promenadentoilette schon vormittags spazieren ging, und bei Tisch sich ganz wie gewöhnlich chic und fesch gekleidet und frisiert vor den Herren der table d'hôte zeigte.

»Ja, die Residenzlerinnen,« seufzte die Frau Bürgermeisterin, »die sind auf das Toilettemachen ganz anders eingedrillt wie unsereins! Die können's auch! Hat doch die Gräfin ihre französische Kammerjungfer noch nachkommen lassen, weil der alte Friseur hier sich absolut nicht auf ihre neumodische Frisur verstand. Du lieber Gott, wie soll er auch! Er legt nur Schnecken von den Haaren und kann sechzehndrähtig breite Zöpfe flechten, das ist seine Hauptkunst! Aber die Gräfin mit all ihren kleinen Löckchen ... o es sieht ja zum toll werden schön aus, wie der Assessor sagt – und meine drei Mädels ... heut Abend ... oh, wenn sie ahnten!« Dabei aber schlug sich die indiskrete Mutter selber mit der flachen Hand vor den Mund und kicherte: »Du lieber Gott ... ich darf ja bei Leibe nichts verraten!«

So waren die Kemnaten überreich mit dem interessanten Gesprächsstoff versehen, aber auch das Ewig-Männliche von Angerwies hatte ein Thema gefunden, welches gar nicht genug besprochen werden konnte!

Überall auf der Straße sah man die ehrsamen Bürger zusammenstehen, wie düstere kleine Wetterwolken, welche sich immer finsterer und drohender zusammenballen, um sich schließlich als Gewitter zu entladen.

Obwohl der Tag kühl und regnerisch war, redeten sich die Männer doch immer mehr in die Hitze, so daß zur Mittagszeit ein jeder nach Hause dampfte wie ein Kessel, welcher dicht vor dem Platzen steht. War solch eine Beleidigung, solch eine Schmach je zu verwinden, je zu vergessen?

Wehe dem Schafpelz von Niedeck, welcher so den Haß geschürt und die Rache herausgefordert hatte!

Also hatte sich die Geschichte zugetragen. Obwohl Graf Rüdiger und seine Gemahlin umsonst an dem Portal von Schloß Niedeck angeklopft hatten, kannten die hochherzigen, edlen Menschen doch kein Gefühl des Zornes und der Rache, im Gegenteil, Graf Rüdiger hatte sich abends zu den alten Freunden der table d'hôte und den Vätern der Stadt gesetzt und hatte mit ihnen ehrlich und aufrichtig, wie zu seinen besten Vertrauten gesprochen. Obwohl ihn Graf Willibald jüngsthin noch auf das herzloseste gekränkt hatte, war er doch zu ihm nach Niedeck gefahren, die Hand der Versöhnung zu bieten. Nicht um seinetwillen – o bewahre! Es kann dem Millionär Rüdiger ganz gleichgültig sein, ob der Vetter ihm zürnt oder nicht, er trägt kein Begehr nach dem Majorat, welches sein Sohn ja doch einmal erben muß und wird, – nein, um der armen, vernachlässigten Angerwieser willen wollte Graf Rüdiger auf Niedeck vorsprechen! Er beabsichtigte dem geizigen Vetter einmal ernstlich in das Gewissen zu reden, daß er sich der Seinen doch besser annehmen möge! Da gab es eine neue Gemeindeschule zu bauen, welche der Majoratsherr selbstredend der Stadt zum Geschenk machen müßte, dann war es dringend nötig, Chausseen und Wege verbessern zu lassen, eine Ausgabe, welche er der armen Stadt auf jeden Fall abnehmen müßte! Nun und schließlich noch so tausenderlei Anderes! Man sah ja, wie Handel und Wandel aufblühten, wenn ein wirklich gräflich auftretender Niedeck nur acht Tage lang in der Stadt weilte! Hier hatte sich der Sprecher allerdings seufzend unterbrochen: »Dies Letztere wird allerdings nie bei Graf Willibald zu erreichen sein, denn wo keine Frau im Hause ist, kann kein Aufwand gemacht werden, da giebt es keine Ansprüche, keine Geselligkeit! – Wie soll aber ein Verrückter heiraten? Dieser Gedanke ist ja leider ganz ausgeschlossen!« – Dann aber hatte er die jammernden Häupter getröstet, er wolle noch ein Letztes versuchen, günstig auf seinen Vetter einzuwirken. Er bäte darum, daß man dem Grafen eine formelle Einladung zum Festaktus und Ball des Kriegervereins schickte! Graf Willibald habe ja freilich nie am Pulver gerochen und keinen feindlichen Franzosen je zu Gesicht bekommen, dennoch müsse er so viel Patriotismus besitzen, um an dem Feste teil zu nehmen! Er könne ja die freundliche Einladung gar nicht ablehnen, ohne dadurch sämtliche Bürger der Stadt auf das tödlichste zu kränken und zu beleidigen. Nur Krankheit könne ihn entschuldigen, – er sei aber nicht krank. Sagte er dennoch ab, wäre es eine Schmach! Dies aber wäre so unerhört, daß es ausgeschlossen sei. Auf dem Ball aber wolle Graf Rüdiger den Vetter schon stellen, daß er ihm Gehör geben müßte, und dann wolle er schon auf jeden Fall die Schule und Chausseebauten bei ihm durchsetzen.

Welch eine Aufregung hatten diese Worte verursacht! Sie wirkten wie ein Stich ins Wespennest!

Man jubelte Graf Rüdiger zu und ermaß mit funkelnden Augen die Möglichkeit, daß der Majoratsherr vielleicht doch absagen könne! Bei diesen Gedanken ballten sie die Hände zu Fäusten!

Dann hatte man eine feierliche, sehr schmeichelhafte und respektvolle Einladung aufgesetzt, welche zwei Herren persönlich nach Schloß Niedeck brachten.

Natürlich bekamen sie den Grafen, welcher ausgegangen sei, nicht zu Gesicht. Aber es sollte baldmöglichst Antwort geschickt werden. Heute Morgen war diese Antwort endlich eingetroffen, und als der Bürgermeister sie las, brach es wie ein Wutschrei über seine Lippen.

»Er kommt nicht, Lieschen! – zum Teufel, er kommt nicht!!« –

Frau Lieschen schüttelte den Kopf. »Ich habe es gleich nicht begriffen, daß Ihr ihn eingeladen habt! So etwas ist Euch doch früher nicht in den Sinn gekommen! Da sagtet Ihr: ›Wie können wir es wagen, einen hochgeborenen Reichsgrafen zu uns Ackerbauern zu invitieren!‹ und nun mit einem Mal thut ihr, als wäre er eures Gleichen!« –

Der Bürgermeister tobte mit wütenden Schritten durch die Stube: »Schweig still! das verstehst Du nicht! Reichsgraf hin – Reichsgraf her! – zeigt es nicht unser Freund Rüdiger und seine Gemahlin, daß man mit uns verkehren kann? Und die sind auch Grafen von Niedeck – und Millionäre! Aber sie kennen keinen Dünkel und Hochmut, wie der verdammte Kerl im Schafspelz! Dieser Verrückte! Dieser Geizhals, dieser Kleidertrödler, der sich nicht schämt, einher zu gehen wie ein Lump! wie ein Slowak!!« Damit stürzte er zur Thüre hinaus.

Und wie Anno 48 ein dumpfes Murmeln aufrührerischen Hasses durch das Volk ging, so schlug auch jetzt die Zunge des Stadtoberhauptes als Alarmglocke an –: »Bürger heraus!!« – Das lief an allen Straßenecken zusammen, schimpfte und fuchtelte, immer bedrohlicher und hitziger.

Gevatter Handschuhmacher aber zuckte wehmütig die Achseln. »Ruhig Blut, Kinder! Was nützt alles Gezeter? Ein Majoratsherr ist kein König, den eine Revolution stürzen kann. Der Niedecker sitzt sicher und unantastbar im Nest, und ehe nicht Freund Hein ihn herauswirft, nützt alles Sturmlaufen unsererseits ganz und gar nichts!« –

»So? muß man sich etwa einen Verrückten zum Herrn gefallen lassen? – Sagt nicht die Gräfin auch, ein Narr gehört ins Narrenhaus?« –

»Die Gräfin mag das schon sagen, denn sie gehört zu seiner Familie, aber uns geht das nichts an!« –

»Dadrüber ließe sich wohl reden!« trotzten etliche Stimmen: »Ein Gaudi wär's für uns, wenn es dem hochmütigen Schuft passierte!« –

»Fragt doch den Assessor! der muß es ja wissen, ob wir ihm nicht eine Suppe einbrocken können.«

»Laßt aber den Rüdiger nichts merken! Es mag kein Vornehmer gern einen Vetter im Tollhaus haben!« –

»Bah – er und die Gräfin haben ihn ja zuerst verrückt genannt!«

»Ich rate Euch, sprecht erst mit dem Assessor!« –

»Heute Abend sondieren wir den Graf, der Wein löst die Zunge!«

»Gut, heut Abend!«

Mit wetterschwülen Stirnen trollten sie heim. Die Schmach, die Graf Willibald ihnen angethan, fraß ihnen an der Ehre, und einer hetzte den anderen auf, wenn gar ein Wort fiel: ob's denn wahrlich ein so schwerer Schimpf sei, wenn ein Sonderling nicht gern unter Menschen gehe!

Die Sonne sank – und voll fiebernden Eifers rückten die Frauen und Jungfrauen von Angerwies die Spiegel zurecht, um endlich die Fesseln der Papilloten zu sprengen!

Wenn es nur aufhören wollte zu regnen! Die Mütter konnten ja feste, rindslederne Stiefel anziehen, aber die tanzenden Töchter! je nun, man hatte sich in solcher Verlegenheit schon so oft geholfen, warum nicht auch heute? In Ermangelung einer Droschke thaten die riesenhaften Holzpantoffeln genau so gute Dienste, und darum waren sie so lange man denken konnte in Angerwies existenzberechtigt und genossen die Achtung, welche sich das Zweckmäßige überall erwirbt.

Eine halbe Stunde vor der gesetzten Zeit hörte man denn auch ein unermüdliches »Klipp-Klapp-Klipp-Klapp« auf dem holprigen Pflaster und dann und wann ein jungfräulich, zartes Aufkreischen, wenn eins der hölzernen Piedestale in einer Pfütze versank. – Große Regenschirme und flatternde Umschlagetücher verhüllten den Scharen neugieriger Gaffer die Pracht, welche sich jenseits der Hotelthür enthüllen sollte. –

Hie und da schwankte ein Laternchen vor einer Honoratiorendame her, und je nachdem, ob ein oder zwei Lichtlein in demselben brannten, erkannte man den Grad der Würde, welchen die Nahende einnahm. –

Mehr und mehr füllte sich der Festsaal.

Die Herren in seltsam langschößigen Fracks, mit weißen Zwirnhandschuhen an den Händen. – Der Assessor, Apotheker und Doktor, sowie etliche der »übertrieben« eleganten jungen Herren hatten Glacés angelegt! köstlich duftend nach Pomade und Moschus, die Krieger mit der Denkmünze oder gar dem schwarz-weißen Bändchen im Knopfloch, die Nicht-Krieger mit kleinen Sträußchen an der Brust, deren Blüten in dieser blütenlosen Märzzeit durch Strohblümchen geschmackvoll und sinnig ersetzt wurden.

Die Damen hatten ungeheuerliche Anstrengungen gemacht, zu glänzen.

Die Mamas fanden sich mit Würde in entsagungsvolle Farben, schwarz, pflaumenblau, kaffeebraun, lila und grau, Nüancen, welche jedoch auf das lieblichste durch die dreieckig gelegten weißen Crêpe de Chine-Tücher gehoben wurden, ohne welche eine Ballmutter von Angerwies einfach undenkbar war.

Die Matronen hatten ungeheure Kopfputze, eine Art blumenumrankter, federumwallter, spitzenumnickter und bänderumflorter Sturmhauben, bei deren schwiegermütterlichem Anblick eigentlich jedem Freier, auch dem beherztesten, das Herz in die Hosen rutschen mußte, – so kriegerisch kampfesmutig trugen die Damen dieses stattlich geschmückte Haupt auf den Schultern.

Der Mittelschlag der noch nicht ergrauten Frauen lächelte unter Puffscheiteln oder Zöpfen hervor, welche als Wunder der Flechtkunst um die Ohren gelegt waren, ein paar handfeste Rosen oder Astern vervollkommneten den Liebreiz, goldene oder elfenbeingeschnitzte Kreuze oder Broschen prunkten am Halse. – Trotz manches hübschen, vollwangigen Gesichts waren diese mittelalterlichen Gattinnen die vollste Ehrbarkeit, welche nicht mehr an Tanzen und Kokettieren denkt; der Strickstrumpf erinnerte auch jetzt in ihrer Hand an die lieben Kleinen daheim.

Die holde Jugend war vollzählig und wie überall in kleineren Städtchen im Übergewicht erschienen. Auf vier Damen kam ein Herr, weswegen die Fräuleins ungeniert unter sich tanzten. Weiß, rosa, himmelblau, Blumenkränze, Filethandschuh, bemalte Holzfächer und ausgeschnittene Kittlederschuhe ... schwarze, blonde, rote Haare, dick und dünn, groß und klein, hübsch und häßlich, graziös und plump, alles war vertreten.

Ein Gefühl, aus Staunen, Bewunderung und Neid gemischt, beschlich aller Herzen, als die Bürgermeisterin mit ihren drei Töchtern eintrat! Die Überraschung war komplett. –

Modern frisiert! – das Althergebrachte einfach über den Haufen geworfen, nach dem Muster der Gräfin hochmodern frisiert! Die Haare des halben Vorderkopfes waren kurz geschnitten und in krause Locken gebrannt, hoch auf dem Kopfe bäumten sie sich, wie indigniert über solche Zumutung, gleich einem Kakaduschopf, von der Stirn abstarrend und über die Ohren hinweg ragend!

Wie wunderlich verändert die Mädchen aussahen! Die beiden Ältesten waren ja nie sehr hübsch – aber heute ... hm ... oder täuschte man sich? Eine so hochmoderne Frisur muß ja gut kleiden, es war nur das Ungewohnte des Anblicks, welches jedes Auge stutzig machte! Ein Wagen rollte heran. Oberförsters. – Nun waren die hohen Würdenträger versammelt, nun konnte das gräfliche Paar auch erscheinen; die Getreuen von Angerwies stellten sich feierlich, mit hochklopfenden Herzen rings an den Wänden auf, gleich dem Hofstaat, welcher die Majestäten erwartet. – Während dessen hatte Gräfin Melanie ihre Toilette beendet und die Jungfer hinaus geschickt. Es war die Zofe ihrer Schwester, welche sie sich vom Lande hatte kommen lassen, und welche so gut wie kein Wort Deutsch verstand.

Diesen Umstand lobte der Graf soeben wieder. »Es ist ein Glück, daß die Person nicht ahnt, was um sie her vorgeht, ihre Sprachunkenntnis ist der Hemmschuh für jeglichen Klatsch. Es wäre Dir doch auch sehr zu empfehlen, anstatt dieser entsetzlichen Frau Stiehl auch eine Französin zu engagieren! Denke Dir die Stiehl hierher in diese Situation! Ihre Zunge würde uns jeden Plan durchkreuzen, sowohl hier, wie in der Residenz.«

Die Gräfin seufzte: »Du hast ganz recht, aber sag selber, wäre es vorteilhaft, dieses Frauenzimmer jetzt zu entlassen, damit sie uns in der ganzen Stadt herumbringt? Sie hat zu oft gehorcht und ausspioniert, um nicht über mancherlei vollständig informiert zu sein. Die Klugheit gebietet energisch, sie im Hause zu behalten!« –

Rüdiger knurrte etwas Unverständliches, seine Gemahlin aber stand vor dem Spiegel und musterte ihre strahlende Erscheinung mit ironischem Blick. Und als sie die Brillantarmbänder anlegte, brach sie plötzlich in ein leises Gelächter aus und warf sich in das Sofa. Sie preßte das duftende Spitzentuch gegen das Gesicht, aber sehr vorsichtig, daß der Puder nicht abwischte – und lachte immer mehr und immer spöttischer.

Der Graf, welcher in elegantestem Ballanzug mit Orden und Ehrenzeichen geschmückt im Zimmer auf und ab gegangen war, blieb vor ihr stehen und blickte sie mit seinen scharfen, kalten Augen überrascht an.

»Bist Du von Sinnen? was soll dies Benehmen?!« herrschte er sie ärgerlich an.

»Verzeih, Rüdiger – es kommt mir so namenlos komisch vor.«

»Was denn, wenn man fragen darf?«

Ihr Blick flog musternd über seine schlanke Gestalt und sie lachte abermals! »Daß wir so fabelhafte Anstrengungen machen, um uns für dieses odiöse Krähwinkelpack zu putzen! Schade um meine schöne Schleppe!«

Er zuckte nervös die Achseln: »Thuen wir es etwa zum Vergnügen? Ich dächte, Du wüßtest genugsam, um was es sich handelt!« –

»Weiß ich auch, mon ami« – nickte sie plötzlich ernst werdend und sich erhebend – »und ich will diese schöne Toilette und noch weitere acht Tage meines Lebens gern opfern, wenn wir dadurch das Ziel erreichen können! Bis jetzt stehen die Chancen gut, und ich denke, heute Abend werden wir siegen.« –

»Ich bitte Dich, liebe Melanie, bei der außerordentlichen Farce, welche Du zu sehen bekommst, ernst zu bleiben. Denk, Du besuchst einen Kostümball – altmodische, spießbürgerliche Verhältnisse sind Vorschrift. Und nun komm und öffne der Liebenswürdigkeit alle Schleusen, um mir in die Hände zu arbeiten!« – Er bot ihr aufseufzend den Arm und schritt zur Thüre.

Wie durch einen Zauberschlag verstummte das Sprechen, Lachen und Geigenstimmen im Saal, als Herr Simmel atemlos in der Thüre erschien und in heimatlichen Lauten meldete: »Se kumm'n – Se kumm'n!« –

Und sie kamen.

Der Bürgermeister hatte sich mit dem Gedanken getragen, beim Eintritt des gräflichen Paares die Nationalhymne spielen zu lassen, der Doktor und Oberförster fanden diese Idee jedoch nicht ganz passend, und der Vater der Stadt fühlte sich ein wenig beleidigt. –

Dafür aber schritt er, von sämtlichen Honoratioren der Stadt geleitet, den Eintretenden unter zahllosen Bücklingen entgegen, und das gefeierte Paar wußte bei aller Liebenswürdigkeit doch so viel hoheitsvolle Würde zu zeigen, daß es den Herren und Damen von Angerwies voll traumhaft seligen Entzückens zu Mute war, als ob sie doch einmal in ihrem Leben auf höfischem Parquet stünden, sich tief vor den Majestäten zu verneigen.

Der Graf drückte dem Bürgermeister die Hand. »Wollen Sie uns zu Ihrer Frau Gemahlin führen und uns mit den Damen der Gesellschaft bekannt machen?« sagte er in dem Flüsterton hoher Wichtigkeit, welcher ganz besonders zu imponieren pflegt.

Der Ausgezeichnete legte die Hand in dem baumwollenen Handschuh mit gespreizten Fingern auf die Brust und machte einen Kratzfuß, ein Benehmen, welches die hinter ihm stehenden Herren sofort kopierten, bis auf den Assessor, welcher voll weltmännischer Eleganz sofort als Kammerherr an die Seite der Gräfin trat.

Sie grüßte ihn lächelnd mit vertraulichem Händedruck, und Bärning erglühte vor Stolz und blickte sich rings im Kreise um, als wolle er sagen: »Welch ein Mensch bin ich!!« –

Dann begann die Tournee.

Unter feierlichstem Schweigen schritt man quer durch den Saal, zum Entzücken der Damen, welche nun so recht von allen Seiten das Prachtkleid der hochgeborenen Frau mit den Augen verschlingen konnten!

Wie geblendet starrte Alt und Jung auf die märchenhafte Erscheinung dieser schönsten aller Gräfinnen, welche wie eine Fata Morgana glitzernd und schier spukhaft über die weißgescheuerten Dielen schwebte.

Ja, sie war doch noch etwas anders frisiert wie Bürgermeisters Töchter!! –

Wie es möglich war, das Haar derartig zu wellen, zu kräuseln, zu puffen und aufzubauen, deuchte jedermann ein Rätsel, das fabelhafteste aber war ein breites, goldenes Diadem, dessen Mitte einen Brillantstern trug, sprühend und glühend in allen Farben! So also sehen die Diamanten aus, von denen Heinrich Heine singt: »Mein Liebchen, was willst Du noch mehr?«

Und nicht nur der Haarreif war mit diesen funkelnden Steinen besetzt, nein, über Hals, Brust und Armen flimmerten sie wie ein Märchen aus Tausend und einer Nacht, – wunderbar! unfaßlich! Ja, da mußte das Vermögen nach Millionen zählen, wenn man derartige Schätze unverzinst in die Kommode legen kann!!!

Mit leisem Frou-frou rauschte die pfirsichblütfarbene Seidenplüschschleppe wie ein gleißender Strom hinter der schlanken Gestalt her, und die Herren, welche folgten, und solche Toilettenpracht nicht kannten, gerieten anfangs öfters in die Gefahr, rechts und links darüber hinweg zu stolpern!

Aber sie fanden sich schnell in höfische Sitte und hielten scheue Distance von der seidenglänzenden Pracht.

»Sie hat auch rosa Schuhe und Strümpfe an!« flüsterte es schier atemlos vor Staunen im Kreise der Damen.

»Und Handschuhe bis über die Ellbogen hinauf!«

»Und der Atlas vorn am Kleid ist mit Gold durchwirkt!«

»Jetzt öffnet sie den Fächer –! Minchen, guck doch nur, er ist ganz und gar von rosa Straußenfedern!«

»Nun kann ich mir doch vorstellen, wie die Königin aussieht,« schwärmte ein stumpfnäsiges Fräulein. Die Bürgermeisterin knixte und schüttelte der Gräfin die zarte Rechte, als wolle sie das Gelenk auf seine Dauerhaftigkeit prüfen!

Dann griff sie rechts und links nach rückwärts und zerrte die schämigen, dunkelrot erglühenden Töchter vor. Frau Melanie stutzte bei deren Anblick, auch über ihr Antlitz ergoß sich verräterische Glut, sie hob den Fächer bis an die Augen und hustete so heftig, daß die Frau Bürgermeisterin im Begriff stand, allen Respekt vergessend, sie hilfreich in den Rücken zu klopfen.

Der Graf preßte den Arm der Gemahlin auch recht besorgt an sich, – da legte sich der Husten, die Gräfin lächelte wie ein Engel und reichte den jungen Mädchen die Hand, mit dem charmanten Kompliment für die Frau Mama: »Was haben Sie für frische bildschöne Töchterchen, Frau Bürgermeisterin!«

Wer war beglückter als diese!

Und dann wurden die nächststehenden Damen vorgestellt, und das gräfliche Paar hatte für jede die gewinnendsten Worte.

Während dessen gab der Graf einen Wink, daß der Tanz beginne. Er bot der Bürgermeisterin galant den Arm, – die Gräfin legte mit graziösem Lächeln ihre Hand auf denjenigen des Herrn Bürgermeisters und die große Polonäse begann. Sie tanzen sogar mit!!

Wie Enthusiasmus schwellte es aller Brust, selbst die Musikanten schmetterten so begeistert darauf los, daß Gräfin Niedeck manchmal schmerzhaft zusammenzuckte.

Das Fest hatte begonnen und nahm einen glänzenden Verlauf.

Die gräflichen Herrschaften plauderten mit allen Anwesenden und die Gnadensonne ihrer Huld bestrahlte ausnahmslos einen jeden, welcher sich in ihre Nähe wagte.

Der Assessor fieberte! Die Gräfin tanzte Walzer mit ihm, – der Apotheker und Assistent klatschten während dessen alle anderen tanzenden Paare ab, teils aus höchster Devotion, teils um ein Unglück mit der Schleppe zu verhüten, welche die hochgeborene Frau zu allgemeinem Staunen selbst während der Rundtänze nicht hoch nahm.

Aber der Assessor war ein Mordskerl, er machte seine Sache brillant, und heimste nachher auch von allen größtes Lob ein.

»Ja, mit Schleppe tanzen!« lächelte er blasiert – »das will eben gelernt sein! Ich habe lange Jahre in den großen Städten dazu Zeit gehabt!«

Es war ganz augenscheinlich, daß das Ansehen des Assessors mit diesem Tanze noch bedeutend stieg, auch die anderen jungen Herren bildeten plötzlich ein Strebertum, – sie bemühten sich im Schweiße ihres Angesichts zu zeigen, daß auch sie Mut und Schliff genug besaßen, eine Dame wie Gräfin Niedeck aufs beste zu unterhalten!

Der Tanz nahm seinen Fortgang, und während Frau Melanies Diamantgefunkel die Herzen und Seelen im Saale in Zauberbande schlug, setzte sich der Graf im Nebenzimmer nieder, im Kreise seiner Getreuen männerwürdige Reden zu pflegen!

Er hatte voll gewinnendster Kordialität den Doktor an seine Seite gerufen und schien es ganz besonders darauf abzusehen, auch diesen Herrn mit Leib und Seele für sich zu gewinnen.

»Verkehren Sie viel und intim mit meinem Vetter Willibald auf Schloß Niedeck?« fragte er.

Der Arzt zog ein sauersüßes Gesicht: »Doch nicht, Herr Graf!« – verneigte er sich, »meine Bekanntschaft mit dem Majoratsherrn ist leider nur eine sehr oberflächliche!«

Rüdiger war starr. »Wie ist das möglich?! Der Arzt pflegt gewöhnlich auf dem Lande der vertrauteste Freund und Ratgeber zu sein? – Aber ganz recht, ich entsinne mich, daß Willibald stets eine Aversion gegen Ärzte hegte, ihre Wissenschaft verspottete und sich lieber irgend einen Quacksalber von Wunderschäfer holen ließ, anstatt eine Autorität zu konsultieren!«

Der Doktor lachte scharf auf.

»Ganz recht! Der alte Schäfer Encke ist Faktotum bei dem Herrn Grafen, falls derselbe wirklich einmal zu klagen hat, was äußerst selten der Fall ist!«

»Hm ... bei Leuten seines Geisteszustandes bilden sich ja derartig krankhafte Marotten!« nickte Graf Rüdiger traurig, »aber er ist doch hoffentlich anständig genug, Ihnen als Entschädigung für solche Nichtachtung ein hohes Jahrgehalt zu zahlen, um Ihr Ansehen in der Stadt nicht zu schädigen?«

Das magere Gesicht des Gefragten spiegelte allen Ingrimm, welcher wohl schon seit Jahren an dem armen, kinderreichen Familienvater zehrte.

»O nein, nicht einen roten Heller beziehe ich von ihm, wie sollte ich auch, da ich ja gar nicht nach Niedeck geholt werde!«

Rüdiger war empört, außer sich. »Ist es denn schon soweit mit dem Unglücklichen gekommen, daß ihm jedes Pflicht- und Ehrgefühl mangelt? Wenn eine anständig denkende Familie auf Niedeck wohnte, müßten Sie ein fürstliches Salair beziehen, teuerster Doktor! ein Salair, wie es Ihre hohen Kenntnisse einfach bedingen!!«

Der kleine Landarzt seufzte tief auf und nickte trostlos mit dem Kopfe, dann fragte er mit haßfunkelnden Augen: »Sie halten ihn wirklich für verrückt, Herr Graf?«

»Gewiß, Sie etwa nicht, lieber Doktor, der doch als Mann der Wissenschaft seinen Zustand am besten beurteilen kann?!«

»Ich ... oh ... ja ... ich –« stotterte sein Nachbar verlegen, »ich habe ihn stets für einen Sonderling gehalten, – zu näherer Beobachtung seines geistigen Zustandes habe ich leider noch keine Gelegenheit gehabt!«

»Und bedarf es derselben wirklich?« seufzte Rüdiger kummervoll auf.

»Ich dächte, alles, was man von meinem armen Vetter hört und sieht, spräche deutlich genug für seinen Zustand. Degeneriert! – Dies eine Wort sagt alles! Sehen Sie seinen unförmigen Kopf an, – wie eine Wassermelone! Das kommt bei den sechzehn Ahnenheiraten heraus!«

Der Bürgermeister lachte hart auf. »Ja, ja, das sieht ein Kind ein, daß es bei dem Grafen Willibald nicht mehr richtig im Hirne ist! Haben Sie schon von seiner neusten Verrücktheit gehört, meine Herren?« –

Alle Köpfe schossen eifrig näher: »Nein, bitte, erzählen Sie!« –

»Nun, der Herr Graf hat sich jetzt für Tischgesellschaft gesorgt! Es wird täglich für sechs Personen gekocht und gedeckt. Dann geht Seine Hochgeboren hinüber in die Ahnengalerie, wählt fünf Portraits aus, dieselben werden in das Kutscherstübchen gesetzt, und nun nimmt der Graf neben ihnen Platz, legt seinen stummen Gästen Essen vor, schenkt ihnen ein, – spricht mit ihnen – –«

»Großer Gott! entsetzlich!« stöhnte Rüdiger auf: »vollständige Gehirnerweichung! Man hat derartige Erscheinungen sehr oft, ehe Katastrophen eintreten, nicht wahr, mein lieber Doktor, Sie kennen auch derartige Fälle?!«

»Gewiß,« nickte dieser selbstbewußt, »die bekannte Encephalomalacia, bei Verschluß der Schlagadern eines Bezirkes, kennzeichnet sich durch langsame Abnahme der Geisteskräfte.«

»Großartig,« bewunderte der Graf, »vortrefflich bewandert, dieser Doktor! Ja, meine Herren, ich fürchte, da werden wir uns auf ganz ungeheuerliche Dinge gefaßt machen müssen!«

»Das wäre ja alles, was noch fehlte!«

»Hm ... haben wir uns das etwa gefallen zu lassen!«

»Nun ... was in meinen Kräften steht, um alles gut zu machen, was mein Vetter an Ihnen und der Stadt hier versäumt, meine Herren, soll geschehen. Vor allen Dingen will ich mich sofort persönlich bei dem Herzog melden lassen, um es durchzusetzen, daß Angerwies Garnison wird!«

»Hurrah! – Hurrah!«

»Oh bitte, jubeln Sie nicht zu früh, meine Freunde! Willibald hat sehr viel in dieser Angelegenheit versehen, indem er sich nie für die Sache verwandt hat! Er, als Majoratsherr, hätte dem Herzog gegenüber ganz anders energisch vorgehen können, wie ich jetzt, der ja eigentlich gar nichts mit der Angelegenheit zu thun hat. Ich fürchte auch, daran werden meine Bemühungen scheitern! Ja, wenn ich Majoratsherr wäre – oder für meinen minderjährigen Sohn als Vormund sprechen könnte – ja dann!!« Atemlos lauschte man im Kreise.

Endlich stieß der Bürgermeister heraus. »Nun, Herr Graf – und könnten Sie denn das nicht jetzt schon werden?«

Rüdiger zuckte die Achseln. »Willibald lebt ja noch, meine Herren.«

»Aber er ist geisteskrank!«

»Ja gewiß, er ist verrückt!«

»Man muß ihn in ein Narrenhaus bringen und Ihren Sohn als Erben proklamieren, Herr Graf!«

Das Eis war gebrochen, in wildem Durcheinander klangen die Stimmen und auf Rüdigers fahle Wangen traten zwei rote Flecken höchster, fieberhafter Erregung. Er senkte die Wimpern über die Augen, um seine verräterisch aufblitzenden Blicke zu verbergen. Dann seufzte er tief auf, streckte jählings dem Bürgermeister und Doktor die Hände hin und rief voll schmerzlicher Extase: »Ja, meine Herren, könnte man dem armen Geisteskranken die Wohlthat anthun, ihn in eine Anstalt zu bringen, so wäre Angerwies gerettet und könnte blühen, wachsen und gedeihen zu einer Stadt ersten Ranges! – Nicht an mich denke ich – ich habe es nicht nötig – sondern nur an Angerwies und seine Bewohner, wenn ich erkläre – es würde ein Glück sein, könnte mein beklagenswerter Vetter einem Irrenhause überwiesen werden!«

»Ja, ein Glück, ein Glück für ihn und uns!« hallte es im Kreise: »Erbarmen Sie sich, Herr Graf, helfen Sie uns, daß es geschehe!«


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