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Kapitel 9.


Wen anhaltendes Glück in schwindelnden Freuden erhob,
Senket der Wechsel in Gram.

Horaz.

 

Majoratsherrn von Niedeck war eine Tochter geboren! Eine Tochter, anstatt des höchst ersehnten, hochwichtigen Sohnes! –

Diese Nachricht wirkte auf Gräfin Melanie wie eine Narkose. Sie starrte mit blödem Lächeln vor sich hin und wiederholte wie im Traume: »Eine Tochter! nur eine Tochter!« und dann lachte sie plötzlich in schadenfrohem Gelächter hell auf: »O, wie ich ihm das gönne, dem verrückten Kerl! wie mir das eine Genugthuung ist!« –

Graf Rüdiger hatte die Arme gekreuzt und wanderte mit hastigen Schritten im Salon auf und nieder: »Ja, das ist dem jungen Ehegatten recht geschehen,« spottete er mit glimmenden Blicken. »Diese Niete dürfte doch wohl als Raureif auf sein Turteltaubenglück fallen, denn ich hoffe, zum zweitenmal schwingt sich das Buckelinchen nicht zu derartigen Leistungen auf!« –

»Vielleicht stirbt sie noch!« fuhr Frau Melanie mit gehässigem Blick auf, »dann würde ja die Erbfolge am besten erledigt sein! schreibt er gar nichts über ihr Befinden?«

»I wo wird er denn an mich schreiben? Es ist eine gedruckte Anzeige.«

»Laß mich sehen!« – Die Gräfin nahm hastig das Papier zur Hand und entfaltete es: »Da hier, da steht ja ›verte!‹ also laß die andere Seite sehen – richtig! da hat er noch etwas hingekratzt! ›Was nicht ist, das kann noch werden!‹« – die Leserin brach in ein schallendes Gelächter aus. »Köstlich, er macht noch Witze! o sieh, Rüdiger, das ist ja unbezahlbar!!« –

»Was nicht ist, das kann noch werden« – las der Kammerjunker ebenfalls und er lachte gleich seiner Gemahlin – aber beider Fröhlichkeit klang doch ein wenig gewaltsam, und wenn Rüdiger auch über den »Galgenhumor« spottete, so furchte sich seine Stirn dennoch dabei.

Schließlich zuckte er nervös die Achseln: »Je nun, bei Gott ist ja kein Ding unmöglich! wenn das verwachsene Frauenzimmer überhaupt ein Kind in die Welt setzt, kann es auch noch sechs Geschwisterchen bekommen! Also verlassen können wir uns noch nicht auf das Majorat!«

Melanie biß sich auf die Lippe: »O es wäre ja empörend! – es wäre – – –!« sie brach kurz ab und trommelte mit den langen Fingernägeln aufgeregt auf dem steifen Kartonpapier der Anzeige, welche vor ihr auf dem Tisch lag.

»Warum er es uns überhaupt anzeigt?« fuhr sie ärgerlich fort, »den Silbergroschen Porto hätte sich der Geizhals auch sparen können.« –

»Pah – er will sich doch nicht blamieren und seinen Ärger zeigen!«

»Das ist möglich. – Wenn sie doch sterben wollte!«

»Sie stirbt nicht, – solche Jammerbilder sind am zähesten, aber wie gesagt, wir dürfen nicht auf die Erbschaft rechnen, – noch nicht. Und da ist eine dringende Notwendigkeit, daß wir uns mit dem, was wir jetzt besitzen, einrichten. Unser Haushalt hier ist viel zu kostspielig und ich sehe nicht ein, warum wir ein Heer von Schmarotzern durchfüttern sollen, welche uns absolut nichts nützen. So schlage ich vor, wir sprengen das Gerücht aus, Deine Gesundheit verlange einen Aufenthalt im Süden. Wir lösen hier den ganzen Haushalt auf, schicken die Jungen auf die Ritterakademie und nehmen Aufenthalt in Italien. Du nimmst Dir Deine Jungfer, ich mir den Kammerdiener mit, und dann können wir im Hotel mit aller Bequemlichkeit und allem Komfort leben, – dazu reichen unsere Zinsen aus. – Sollten wir Geschmack an dem Wanderleben finden, so bleiben wir fern von Madrid. – Ist in zehn Jahren noch kein Sohn auf Niedeck geboren, so können wir das Erbe als völlig sicher erachten. Wir kehren dann nach hier zurück und holen alles nach, was wir etwa versäumt haben sollten. Bist Du damit einverstanden?«

Gräfin Melanie nickte. Sie liebte die Abwechslung und sah es nebenbei auch ein, daß man unter den obwaltenden Umständen nicht mehr blindlings in den Tag hinein leben durfte. Jene Stunde im Fegefeuer der Angst, welche Tante Aureliens Erbschaft vorausging, lebte noch in ihrer Erinnerung und mahnte sie zur Vorsicht. –

So ward der fürstliche Haushalt des Grafen Niedeck aufgelöst und Villa Casabella schloß die strahlenden Fensteraugen zu einem langen, langen Winterschlaf.

Wulff-Dietrich und Hartwig siedelten auf die Ritterakademie über, – der Ältere mit viel Eifer und Genugthuung, der Jüngere grollend und außer sich, das behagliche, elegante Leben des Vaterhauses aufgeben zu müssen.

Er bestürmte die Eltern mit bitteren Vorwürfen und verlangte die Beweggründe für diese Neuerung zu wissen, welche ihm in dem leidenden Zustand der Gräfin angegeben wurden. Er lachte spöttisch auf: »Mama ist ja gesund wie ein Fisch im Wasser und darum könnte ich Euch doch auch mit meinem Hauslehrer begleiten!« Graf Rüdiger ward schließlich grob, und Hartwig verstummte tief gekränkt.

Wulff-Dietrich hatte keine einzige Frage an die Eltern gerichtet, als er ihre überraschenden Vorbereitungen bemerkte. Er sah sehr blaß aus, und die herbe Linie reservierten Stolzes senkte sich schärfer wie je um seine Lippen.

Es war schon seit längerer Zeit auffallend gewesen, wie anspruchslos und sparsam der ehedem so sorglose Knabe geworden war. Er verbat sich die spitzenbesetzte Wäsche als eines Jungen unwürdig, er vermied alle Spiele, welche seine kostbaren Anzüge ruinierten und unterließ all die vielen, unnützen Ausgaben, welche früher sein Taschengeld verschlungen hatten.

Auch die neue Ausstattung, welche er für die Ritterakademie erhielt, ward auf seinen ausdrücklichen Wunsch sehr einfach, beinah schlicht gehalten, und obwohl die Gräfin in ihrer großspurigen Weise laut lachend die Hände über solche Narrheit, – solch eine Marotte – zusammenschlug, befahl sie dennoch in heiterster Laune, diese »Seminaristenausstattung« genau nach seiner Angabe anzufertigen.

Hartwigs Ansprüche waren desto unbescheidener, aber auch sie wurden anstandslos bewilligt. Nie war der Unterschied zwischen den Brüdern so schroff zu Tage getreten wie jetzt; während Wulff-Dietrich mit seinen noch nicht vollendeten dreizehn Jahren den Eindruck eines ernstdenkenden, ruhigen, beinah verschlossenen jungen Mannes machte, verriet sich in Hartwigs Wesen schon jetzt der ganze sorg- und anspruchslose Leichtsinn, welchen er wohl als fatales Erbteil seiner Eltern mitbekommen. Die Grafen Niedeck hatten stets für ein solides, gewissenhaftes, ritterliches Geschlecht gegolten, Rüdiger bildete wohl die erste Ausnahme von dieser Regel.

Sein ältester Sohn verleugnete das Blut seiner Ahnen nicht und schien in jeder Beziehung den Traditionen der Familie Ehre machen zu wollen, Hartwig aber war ein echtes Kind seiner modernen Zeit, das treue Abbild des Vaters, und gleich der Mutter ein fremdes Reis auf dem alten Stamm. –

*

Jahre waren vergangen, fünfzehn lange Jahre. Gar manches hatte sich in dieser Zeit geändert und wenig nur war sich gleich geblieben. Zu diesem Wenigen gehörte auch das alte Schloß Niedeck, in welchem kaum ein Stuhl von der Stelle gerückt worden war, geschweige daß eine eingreifendere Neuerung an seinem Inneren oder Äußeren vorgenommen wäre. Die gräfliche Herrschaft wohnte nur wenige Sommer- und Herbstmonate in der Heimat; sie kam unerwartet an, und kein Mensch würde etwas von ihrer Anwesenheit gemerkt haben, wenn nicht die Bauern und Waldhüter der Equipage in den Forsten begegnet wären.

In Angerwies ließ sich niemand von der Familie blicken, ebensowenig in der Umgegend. Da Niedeck ein mächtig ausgedehnter Länderkomplex war, befanden sich keine Güter in der Nähe, auf welchen man von dem Schlosse aus hätte verkehren können. Aber Graf und Gräfin Niedeck schienen grade die Einsamkeit ganz besonders zu lieben.

Sie pflegten voll Entzücken die alten Erinnerungen, saßen abends Hand in Hand an dem Fenster des Kutscherstübchens und sahen sich wie einst in den Flitterwochen voll zärtlicher Anbetung in die Augen. Johanna war mit den Jahren noch stiller, fügsamer und sanfter geworden, Willibald hingegen schien die frische Luft der fremden Länder in lebhaftester Weise angeregt zu haben.

Sonderling blieb er nach wie vor, – seine kleinen Eigenheiten legte er nicht ab, – aber es waren zumeist Schrullen, von denen die Außenwelt nicht viel merkte und welche seine Gattin voll nie ermüdender Engelsgeduld ertrug. Nachdem Graf Willibald seiner Zeit die Geburt einer Tochter angezeigt hatte, schien der Klapperstorch die Adresse des Majoratsherrn vollständig vergessen zu haben. Der Erbe, nach welchem so viele Augen voll brennenden Interesses ausschauten, ward nicht geboren, und je mehr Jahre verstrichen, ohne einen kleinen Majoratsherrn mitzubringen, je triumphierender und selbstbewußter wiegten sich Graf Rüdiger und Melanie in der seligen Gewißheit, das Majorat unbestritten auf ihren Sohn übergehen zu sehen.

Seltsamerweise hörte man so gut wie nichts von der Familie Willibalds.

Niemand traf sie auf Reisen an, in keinem Fremdenbuche war der Name Niedeck zu finden, obwohl man wußte, daß die Familie in Venedig, Rom oder Neapel weilte, weil die Briefschaften von Niedeck postlagernd nach dort gesandt wurden.

Dann hatte Graf Rüdiger erforscht, daß der Vetter den Winter in Kairo zubringe.

Die Neugierde trieb ihn, mit seiner Gattin ebenfalls in Kairo Aufenthalt zu nehmen. Aber von Graf Willibald und seiner Familie war keine Spur zu entdecken, so sehr sie auch alle Hotels und Fremdenpensionen nach ihm abforschten. Da öfters von reichen Engländern, Amerikanern und Russen ganze, villenartige Häuser gemietet wurden, forschte Rüdiger auch in diesen nach, doch erfuhr er nur unbekannte Namen von etlichen Ausländern, welche sich diesen Luxus gestatteten.

Und doch würde es den Kammerherrn außerordentlich interessiert haben, einmal die Nichte von Angesicht zu schauen, welche nach dem eigenartigen Elternpaar ein ganz absonderliches kleines Wesen sein mußte.

Es gelang ihm aber nicht.

Endlich hörte er auf Umwegen von ihr.

Ein Niedecker Forstläufer war für Geld und gute Worte erbötig, von der gnädigen Komtesse Fränzchen zu erzählen.

Fränzchen! Also doch Franziska getauft! Wie verrückt war das einmal wieder! So weit man zurückdenken konnte, gab es keine Franziska in der Familie, – höchstens konnte die Ovation irgend einer lieben Nördlingen gelten. Also Komteß Fränzchen ward ihm als ein sehr frisches, derbes, außerordentlich übermütiges Mädel geschildert, welches die Freiheit von Niedeck dazu benutze, in wildester Weise herumzutollen.

Die Eltern seien unglaublich besorgt um das Kind. Die Gräfin schlafe nie, ohne ihr Töchterchen an der Seite zu haben, sie sei Tag und Nacht um die Kleine, warte es meist ganz allein und gestatte den Wärterinnen nur die kleinsten Handreichungen. Eine alte Engländerin, welche kein Wort Deutsch verstehe, dürfe allein das Schlafzimmer betreten. Graf Willibald schien seine Lebensaufgabe darin zu sehen, das Kind zu behüten. Fränzchen sei nie ohne die Eltern zu sehen und die Liebe zwischen ihnen gradezu abgöttisch.

Ob Fränzchen hübsch sei?

Auf diese Frage war der junge Forstmann ein wenig verlegen geworden. Sie habe etwas große derbe Züge, ähnele aber doch der Gräfin. Namentlich die Augen seien so schön, so groß und braun wie die der Mutter, nur daß sie bei dem wilden Kind ganz anders dreinschauten wie bei der Gräfin. Jetzt sei eben noch nicht viel zu sagen, – aber er glaube wohl, daß das Komteßchen noch mal eine recht schmucke Dame werde! –

Weiter reichte die Wissenschaft des Jägers nicht, und Graf Rüdiger mußte sich mit diesem skizzenhaften Bilde der unbekannten Nichte genügen lassen.

Als er es entworfen bekam, zählte Fränzchen vier Jahre, jetzt war sie schon ein Backfischchen von fünfzehn Lenzen, und noch hatte kein Mensch jemals den Schleier gehoben, welcher dieses Bild von Sais verhüllte. – –

Als zwölf Jahre seit der Geburt der Kleinen verstrichen waren, ohne daß sich der Erbe von Niedeck eingestellt hatte, schien Graf Rüdiger das Majorat für seinen Sohn gewiß zu sein. Die ruhelosen, aber immerhin recht interessanten Wanderjahre wurden beendet.

Nach langer Abwesenheit zog Graf Rüdiger mit seiner Gemahlin abermals in Villa Casabella ein, von neuem seine altgewohnte, glänzende Rolle in der Residenz zu spielen. Seine Familienverhältnisse hatten sich während der Zeit bedeutend verändert. Ehemals lebte er mit zwei kleinen Knaben, jetzt gingen erwachsene Söhne in seinem Hause aus und ein.

Wulff-Dietrich hatte die Forstcarriere erwählt und war bereits wohlbestallter Forstassessor geworden. Nebenbei hatte er den Titel eines Hofjagdjunkers erhalten, denn er war bei Hofe sehr beliebt und erfreute sich besonders der Sympathien seines Herzogs Karl-Friedrich. Wie man sagte, hatte Graf Wulff-Dietrich sich diese Auszeichnung durch eine sehr amüsante Schlagfertigkeit verdient, welche ihrerzeit viel besprochen wurde. Anläßlich einer besonderen Hoffestlichkeit in Dresden schickte Herzog Karl-Friedrich eine Gesandtschaft nach dort, und attachierte derselben auch in besonderem Wohlwollen den jungen Assessor Graf Niedeck.

Wie es bei solchen Gelegenheiten üblich, wurden die Herren von dem König von Sachsen dekoriert, und auch Wulff-Dietrich kehrte mit einem Orden heim.

Als kurze Zeit darnach ein hoher Gast im Schloß Karl-Friedrichs einkehrte, ward auch der junge Niedeck zum Dienste einberufen.

Die Herren und Damen standen nach dem Galadiner zum Cercle versammelt und lauschten den mehr oder minder huldvollen Ansprachen, durch welche der zum Besuch weilende König die einzelnen Würdenträger auszeichnete.

Seine Majestät war dafür bekannt, oft etwas scharf zu spotten, – man zitterte vor seinen Scherzen, weil sie zumeist für den Betroffenen den Fluch der Lächerlichkeit nach sich zogen. So stand auch diesmal der König, und bemerkte mit adlerscharfem Blick den Orden auf der Brust des blutjungen Assessors.

Er schaute immer angestrengter, sein Gesicht nahm mehr und mehr den gefürchteten Ausdruck der Ironie an, und aller Augen hingen in angstvollem Schweigen an dem unglücklichen Opfer Niedeck, auf welchen der König langsam zuschritt. Er blieb vor dem Assessor stehen, blickte auf den Orden und fragte mit sarkastischem Lächeln: »Hm, sagen Sie mal, Verehrtester, was haben Sie denn schon für Sachsen gethan??!« –

Betroffene Mienen ringsum, – Totenstille, – nur Graf Wulff-Dietrich hielt den Kopf hoch und stolz auf den Schultern und antwortete ebenso ironisch: »Mein Möglichstes, Majestät!« –

Der König brach in ein schallendes Gelächter aus, in welches alle Umstehenden von Herzen einstimmten, dann reichte er dem Assessor sehr gnädig die Hand und nickte ihm zu: »Gut geantwortet, – der Herzog wird noch Freude an Ihnen haben.« – Und der Herzog erlebte sie.

Graf Wulff-Dietrich war einer seiner talentvollsten und strebsamsten Beamten, und wenn er auch in manchen Dingen recht eigenartig und wunderlich schien, so sah man ihm manche Starrköpfigkeit und Schroffheit nach, weil er vollsten Respekt und Anerkennung verdiente.

War es nicht in hohem Grade ehrenwert, daß der junge Mann, trotz des Reichtums seiner Eltern, trotz des fürstlichen Majorats, welches seiner wartete, einen eisernen Fleiß entwickelte, sich selbständig zu machen und eine Stellung aus eigener Kraft zu erwerben?

Er war zu stolz, um sich von unverdientem Gelde ernähren zu lassen, er war viel zu edel und rechtlich denkend, um dem blinden Zufall seine Existenz verdanken zu wollen.

Selbst ist der Mann! – Was er im Leben war und galt, wollte er nur sich allein verdanken.

Allerdings übertrieb er in dieser Ansicht ein wenig. Wie man sagte, nahm er nur die allernotwendigste Zulage von den Eltern an, lebte so solid und einfach wie seine unbemitteltsten Kollegen und hielt sich der Residenz mit ihrem kostspieligen Hofleben mit Vorliebe fern.

Der Herzog schien ganz andere Pläne betreffs seiner Carriere zu haben, – und sehr ungern gab er dem Gesuch des jungen Grafen nach, in der Abgeschiedenheit der Wälder seinen Dienst verrichten zu dürfen. –

Als abermaliges Zeichen besonderer Huld beförderte der Landesherr ihn zum Oberförster auf Rauenstein, einem Jagdschloß des Herzogs, romantisch im Gebirge gelegen, auf welchem der hohe Herr öfters im Jahre weilte, die verschiedenen Jagden abzuhalten.

Graf Wulff-Dietrich lebte dort in anspruchsloser und bescheidener Weise, nun völlig sein eigener Herr und auf eigenen Füßen stehend.

Sein Weg führte ihn nur dann in die Residenz, wenn die Eltern ihn zu den hohen christlichen Festen, zu Geburtstagen oder sonstigen Feierlichkeiten einluden, oder wenn er Befehl bekam, seiner Stellung als Jagdjunker gemäß am Hofe Dienst zu thun. Welch ein Unterschied zwischen Wulff-Dietrich und seinem Bruder Hartwig! –

Graf Rüdiger hatte seinen jüngsten Sohn bei den Dragonern, welche in der Residenz standen, eintreten lassen, und so sparsam und anspruchslos wie der künftige Majoratsherr von Niedeck lebte, so grenzenlos verwöhnt und unberechenbar war Hartwig. Die Zulage, welche er von den Eltern bezog, war enorm, und weil Wulff-Dietrich keinerlei Unterstützung mehr von dem Vater annahm, so erzählte man sich, daß Hartwig auch noch den Teil, welcher für den Bruder ausgesetzt gewesen, gleich einem Nimmersatten Moloch verschlänge.

Und trotzdem war er oft in Geldverlegenheit und benötigt, die Hilfe der verblendeten Eltern gar manchmal privatim anzurufen.

Trotz seines Leichtsinnes erfreute sich der junge Graf einer gewissen Beliebtheit.

Seine äußere Erscheinung war hübsch und elegant, wenn auch sein rundes Gesicht mit dem dunklen, gebrannten Schnurrbärtchen etwas Puppenhaftes gegen die stolzen, großen, gradlinigen Züge des Bruders hatte.

Hartwig war auch bedeutend kleiner, wie Wulff-Dietrich, dessen hohe, schlanke Gestalt mit der imponierend ruhigen Haltung die meisten Herren noch um eines Hauptes Länge überragte.

Hartwig besaß alle gesellschaftlichen Talente, welche dem zukünftigen Majoratsherrn abgingen, er verstand es, zu amüsieren, – er machte ungezählten Damen die Cour, – er wettete und trank mit den Kameraden, er sagte den verheirateten Damen die verwegensten Elogen, – zahlte verschwenderische Summen für alle Suppenvereine, Kranken-, Waisen- und Armenhäuser, welche die unverheirateten älteren Damen leiteten, er arrangierte alle Partien, Kasinofeste, Theateraufführungen und Lawn-tennis-Schlachten, welche Mütter und Töchter von ihm verlangten, und so war es selbstverständlich, daß er eine hervorragende Rolle in der Gesellschaft spielte und unbestritten als Löwe des Tages in den Salons herrschte.

*

Das Weihnachtsfest stand vor der Thür.

Über den glitzernden Fahrweg, welcher vor dem strahlend erleuchteten Portal der Villa Casabella mündete, rollte die Equipage, welche Graf Wulff-Dietrich von der Bahn abgeholt hatte.

Ohne auf die Hilfe der Dienerschaft zu warten, stieß der junge Oberförster selbst den Schlag zurück und sprang auf die spiegelnden Mosaikfliesen nieder.

Er stach wunderlich gegen seine prächtige Umgebung ab, als er in dem einfachen grauen Jagdcivil die goldgegitterte Treppe emporstieg, aber die Diener verneigten sich so respektvoll vor ihm, wie vor einem Manne, welchem man nicht nur Ehre anthun muß, sondern welchem man auch gern alle Ehre erweist. – Die Gräfin trat ihm mit phrasenhaftem Willkommen entgegen und Graf Rüdiger umarmte ihn voll gönnerhaften Wohlwollens, nur Hartwig blieb ungeniert in dem bequemen Sessel liegen, breitete die Arme weit aus und sang mit viel Stimme und wenig Melodie: »Max, schieß nicht – ich bin die weiße Taube!« – ein kleiner Scherz für den »gräflichen Jagdbursch«, welcher Gräfin Mutter außerordentlich amüsierte.

»Ja, lieber Wulff, der arrogante kleine Schlingel da kann es Dir immer noch nicht recht verzeihen, daß Du in die simple Jägerjoppe geschlüpft bist!« – lachte sie – und fügte ein wenig schmollend hinzu, »ebenso wie es Deiner eitlen Mutter stets von neuem einen Stich ins Herz giebt, wenn sie ihren Ältesten so schmucklos gekleidet daher kommen sieht. –«

»Hm. – Ein Ordensstern und Tressenhut, die sind gar schön – die sind gar gut!« – intonierte der Dragoner abermals, dem Bruder die Hand schüttelnd und alsdann in Prosa fortfahrend: »Ich verwahre mich gegen Deine Anschuldigung, Mama, unser teurer Freischütz ist ein durchaus schmucker Bursch, welcher sogar den Ordensstern aufweisen kann! Was willst Du –? Sein Civil hat tadellosen Schnitt, – verkaffert ist Wulff-Dietrich nicht in seiner Einsamkeit, sondern trotz diesem »Grau in Grau« so pschütt, daß ich morgen Vormittag öffentlich mit ihm spazieren gehen will!« –

»Grau in Grau! das ist es ja!« – seufzte Gräfin Melanie und schmiegte sich so zärtlich vorwurfsvoll an den Arm ihres Großen, daß ihre elegante Toilette in allen Seidenfalten rauschte, süßer Goldlilienduft jeder Spitze und Bandschleife zu entschweben schien.

»Mein schöner, stattlicher Junge verkriecht sich in ein Fledermausfell, während er in blitzender Uniform ein Gott unter Sterblichen sein würde!« –

»O Eitelkeit, Dein Name ist Mutter!!« –

Wulff-Dietrich küßte die diamantglitzernden Fingerchen der noch immer sehr jugendlichen Mama: »Wie schade, daß das Schöne mit dem Nützlichen so selten Hand in Hand geht!« setzte er lächelnd hinzu: »Als Offizier würde ich Euch jetzt noch ebenso viel schweres Geld kosten, wie der blaue Apoll dort – welcher seine Götterherrlichkeit recht teuer bezahlen muß; als Jägermaxel brauch ich Euch aber nicht mehr zur Last zu fallen, sondern verdiene selber genug. – –«

»Um Weib und Kind ernähren zu können! bravo! das klingt unendlich ehrbar und bieder – so herzerfreulich wie das Lied vom braven Mann!« amüsierte sich Hartwig, die silbernen Sporen melodisch zusammen klingend: »Aber wie das Lied eines künftigen Majoratsherrn und reichsten Groß-Grundbesitzers klingt es nicht! – Teufel ja, es ist ein rechter Mißgriff des Schicksals, daß es nicht mich zum Ältesten von uns beiden gemacht hat!« –

Wulff-Dietrich hat zwischen seinen Eltern Platz genommen. Er zuckte in seiner ruhigen Weise die Achseln: »Vorläufig hat uns das Schicksal alle beide noch nicht zum Majoratsherrn gemacht, weder Dich noch mich!« –

Schallendes Gelächter. »Mensch! – Wulff! – glaubst Du etwa jetzt noch, daß sich Tante Johanna, die Bucklige, mit Kinderkrankheiten abgeben wird?« –

»Nein, aber trotzdem rechne ich nicht eher mit einer Möglichkeit, als bis sie zur Thatsache geworden ist!«

»Das möchte doch unpraktisch sein –« schüttelte Graf Rüdiger den Kopf: »und hatte ich Dir im Gegenteil eine ganz andere Rolle in diesem Erbfolgekrieg zugedacht!« –

»So? und welche?« –

»Du mußt Dir bei Zeiten – jetzt, – so schnell wie möglich einen Verbündeten sichern, welcher Dir den Sieg garantiert!« –

»Ich verstehe Dich nicht, Papa.«

Hartwig stieß den Vater kichernd an: »Die Leute in der Provinz sind viel zu harmlos, um auf solche Spitzfindigkeiten zu reagieren, wenn da nicht der Brautbitter mit dem Strauß in der Hand an die Thür klopft und sein Verschen stammelt, wissen sie nicht, was von ihnen verlangt wird!« Wulff-Dietrich lachte: »Ach – Heiratsprojekte! – Hm, ich dächte, die Majoratsherrn von Niedeck wurden nicht lange um ihren Geschmack gefragt!« »Ganz recht! die sechzehn Ahnen werden immer rarer hier zu Land, und kannst Du faktisch von kolossalem Glück reden, daß die Einzige, welche Deine Zukünftige werden kann, ein junges, reizendes Mädchen, ohne Buckel oder Blatternarben ist!« –

»Meine Zukünftige! – gräßlich, von einem wildfremden Wesen derart sprechen zu können! Ich kenne bis jetzt keine junge Dame, welche ich zur Gräfin Niedeck machen möchte!«

»Um so besser, daß Dein Vater Deiner Unentschlossenheit zu Hilfe gekommen ist!« – Hartwig drehte die Daumen umeinander und recitierte:

»Dann kommt mein Sohn Wulff-Dieterich
und macht zu seiner Gräfin Dich!«

»Ach so! der Heiratsantrag, welchen Papa dem Wickelkinde Pia machte! – Hat das blonde Kind wirklich geduldig auf den verschriebenen Freier gewartet? –«

»Das versteht sich, Pia weiß wohl, was sie dem Geschlecht der Niedeck schuldig ist! Und wie glücklich sich das trifft! Ihr Vater – welcher doch seit Jahren nach R. versetzt war, hat jetzt als Oberstlieutenant den Abschied genommen – wie man sagt aus Gesundheitsrücksichten! – und zieht sich nun hierher in das Haus seiner Väter zurück. Pia lebt immer noch bei dem Vormund, ehemals in Paris, jetzt im Haag. Auf Wunsch des Vaters aber soll sie diesen Winter nach Hause kommen, um die hiesige Saison zu ›verschönern‹. Ich lobte die Absicht sehr – ja ich gestehe ehrlich ein, daß ich darauf gedrungen habe, denn es wird die höchste Zeit, daß Ihr Euch kennen lernt! Pia wird nicht jünger – und bei ihrer Schönheit dürften sich wohl auch Freier für ein armes Mädchen finden. Du hast aber keine andere Wahl, wie diese kleine Nördlingen, und darum ist es gut, wenn dem ehemals schriftlich gemachten Antrag nun baldmöglichst der mündliche folgt.«

Wulff-Dietrich preßte die Lippen zusammen und blickte starr vor sich nieder.

»Ich lasse mir durch das elende Erbe nun und nimmer mein Lebensglück zerstören –« sagte er ernst – »und ich gebe Dir mein heiliges Wort, wenn Fräulein von Nördlingen nicht nach meinem Geschmack ist, wenn ich sie nicht lieben kann –, werde ich sie nun und nimmermehr heiraten!« Atemlose Stille.

»Und das Majorat?«

»Das werde ich als Junggesell übernehmen, und es Hartwig freistellen, durch eine entsprechende Heirat seinen Sohn zu meinem Erben zu machen.«

Graf Rüdiger lächelte so spöttisch wie immer und schnitt eine sehr erregte Einmischung seiner Gemahlin durch die Worte ab: »Gut, Du bist Dein eigener Herr und kannst handeln, wie Du willst. Ich denke aber, Pia wird Dein Fischblut auf jeden Fall in Wallung bringen, und Du wirst die Genugthuung haben, Deinen Ruf als felsenfester Ehrenmann nicht im mindesten durch eine unmoralische Vernunftsheirat zu gefährden!« – Er schwieg und wandte sich nach der Thüre, in welcher ein Diener erschien, das Souper zu melden.

Wulff-Dietrich bot auf einen Wink des Grafen der Mutter höflich den Arm und führte sie schweigend durch die lange Flucht der Salons nach dem Speisesaal. Mehr wie je empfand er es, ein Fremder in seinem Vaterhaus geworden zu sein.


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