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Kapitel 8.


Ich muß geduldig sein, bis der Aspect am Himmel günstiger ist.

Wintermärchen II. Aufz. 1. Sc.

»Ich will ihm dienen, ihm leben, ihm angehören ganz.«

Chamisso.

 

Das war eine der größten Überraschungen, welche die Residenz jemals erlebt hatte, als am nächsten Morgen die Verlobungsanzeige des Grafen Willibald von Niedeck mit Johanna, Freyin von Nördlingen-Gummersbach, in der Zeitung stand.

Frau Melanie stieß einen gellenden Schrei aus, so daß ihr Gatte entsetzt von dem Chaiselongue, auf welchem er seine Frühstückscigarette rauchte, emporschnellte.

»Rüdiger – auch das noch! – Das war alles, was noch fehlte!«

Der Graf warf einen verstörten Blick auf das Zeitungsblatt. Er ward sehr bleich.

»Ah – das ist perfide!!« stieß er kurz hervor, dann preßte er die Lippen zusammen und starrte an seiner aufgeregten Gattin vorüber ins Leere. Plötzlich lachte er hart auf: »Je nun, gönnen wir ihm doch das harmlose Vergnügen!« spottete er achselzuckend.

»Harmloses Vergnügen, wenn der Majoratsherr heiratet??«

»Gewiß! – Wen heiratet er denn? Bah! die kleine Buckline ist sehr ungefährlich!«

»Johanna ist nicht bucklig!« –

»Nun, dann ist sie schief – und hinkt! Jedenfalls ist wohl ausgeschlossen, daß sie den Klapperstorch noch zu ihrem Hoflieferanten macht!« –

»Irre Dich nicht! Man hat Beispiele – –«

Rüdiger stampfte voll zorniger Gereiztheit das Parquet: »Unke doch nicht ewig! – Als ob ich es ändern könnte! – Hol der Teufel den verrückten Kerl, wenn er etwa unserem Jungen noch einen Erben vor die Nase setzen will!« –

»Der Teufel scheint keinen Appetit auf ihn zu haben, sonst hätte er ihm wohl schon eher den Hals umgedreht! – Rüdiger – ich beschwöre Dich – was soll aus uns werden, wenn Wulff-Dietrich auch noch das Majorat verliert?! Wird in Niedeck ein Sohn geboren, haben wir auch jedweden Kredit verloren!«

Der Graf schritt wie ein Tiger im Käfig auf dem weichen Teppich hin und her. Er nagte voll zitternder Nervosität an den Schnurrbartspitzen, seine Gesichtsfarbe spielte in das Grünliche.

»Ja, was soll dann werden?« murmelte er tonlos.

Die Gräfin sank laut aufweinend wie ein Kind in einen Sessel: »Papa muß aushelfen!«

»Dein Herr Vater ist bankrott!«

»Noch nicht offiziell – er kann vielleicht noch etwas retten!« –

»Wenn er etwas rettet, denkt der brave Mann zuerst an sich!« spottete Rüdiger.

»Ich werde zu Tante Aurelie reisen und ihr unsere Lage mitteilen! Sie ist meine Pate und steinreich!«

»Reise Du zu Tante Aurelie, – aber vergiß nicht, daß sie unserem Wulff ein Alfenide-Besteck zum Patengeschenk gemacht hat, – Dir gab sie überhaupt nichts. Tante Aurelie ist das gemeinste, knauserigste Frauenzimmer unter der Sonne!« –

»Du hast recht; – ich fürchte ... ich fürchte ...« ihre Stimme erstickte in verzweifeltem Schluchzen.

»Zur Not verkaufen wir die Besitzung hier und ziehen uns in das Ausland zurück; unbekannt in einer kleinen Stadt können wir von den Zinsen des Erlöses leben!«

»Aber wie!! Solch eine unwürdige Existenz ertrage ich nicht! – Ich kann mich nicht einschränken – ich kann nicht darben! – Lieber will ich sterben!«

»Das steht Dir ja immer noch frei!« höhnte er mit harter Stimme, »falls Dir nicht im letzten Moment noch einfällt, daß Selbstmord tödlich ist!«

»Laß solche unverschämte, herzlose Redensarten!« brauste sie wütend auf, »bildest Du Dir ein, ich würde in solchem Elend bei Dir bleiben? Ich lasse mich von Dir scheiden!!« –

Er verneigte sich höflich: »Wird mir ein ganz besonderer Vorzug sein!« – dann wandte er sich kurz ab, nahm die Zeitung abermals zur Hand und warf sich in einen Sessel nieder, um gleichgültig in den Papieren zu blättern.

Aber seine Augen schweiften ruhelos über die Zeilen hinweg, es schillerte und flackerte darin wie bei einem Menschen, dessen Inneres durch wüste Stürme leidenschaftlicher Erregung durchtobt wird.

Frau Melanie schluchzte leise vor sich hin, zerbiß in förmlicher Wut ihr Spitzentaschentuch und hämmerte mit dem roten Absatz ihres orientalischen Pantöffelchens gegen die Goldleisten des Kamins.

So mochte eine Stunde verflossen sein, eine Stunde, in welcher die beiden Menschenseelen die Qualen eines Fegefeuers durchlitten. Von der Verzweiflung und Angst, von der Sorge um ihre ganze Existenz geschüttelt, kämpften sie einsam gegen die Schrecknisse ihres drohenden Ruines an.

Keines fand bei dem anderen Trost und Zuspruch, keines eine milde, liebevolle Teilnahme, welche stützen, helfen, raten und ertragen will. Wenn sich zwei Herzen im Glück kalt und fremd gegenüber stehen, so empfinden sie die Öde und Verlassenheit ihres Lebens nicht so schroff, weil noch die Mittel zu Gebote stehen, die Sinne zu betäuben, – tritt aber das Unglück rauh und kalt neben solche Ehegatten, dann reißt es sie rettungslos auseinander und deckt den schwindelnden Abgrund, welcher rosenverdeckt zwischen ihnen gähnte, auf, daß er jedem Glück und jedem Frieden zum Grabe wird.

Eine trostlose, entsetzliche Stunde bitterster Verlassenheit! Eine Stunde, welche das Schicksal als Keulenschlag gegen die Herzen führt, sie mit brutaler Hand aufzuschrecken und zu mahnen. Aber die Stunde verstrich, und die Herzen waren härter gewesen wie die Keule.

Der Zufall mischte die Karten noch einmal tückisch zum Spiel. An der Thüre des Nebensalons klopfte es.

Gräfin Melanie schrak mit rotgeweinten Augen und verstörtem Gesicht empor.

Sie starrte dem Diener, welcher auf silbernem Tablett ein Papier trug, entgegen.

»Was stören Sie mich? – – Was bringen Sie?« herrschte sie den Galonierten zornig an.

Graf Rüdiger lachte ironisch: »Die Hochzeitseinladung, Herzchen! hast Du schon eine Toilette bereit?!« –

Melanie biß die Zähne zusammen und riß den Brief an sich.

»Eine Depesche! – An mich?« –

»Befehl, Frau Gräfin!«

»Aha – der Vetter hat es eilig mit dem Heiraten!« klang die Stimme des Grafen abermals heiser dazwischen, aber er erhob sich und trat hinter den Sessel seiner Gemahlin.

Ebenso wie vorhin brach auch jetzt ein Schrei über die Lippen der Gräfin, aber diesmal war es greller Jubel, welcher durch das Zimmer hallte.

»Lies!« rief sie triumphierend und warf ihrem Gatten mit flammenden Augen das Blatt zu.

»Es ist gut; gehen Sie,« fügte sie mit ihrer gewohnten, hochmütigen Kopfbewegung gegen den Diener gewandt hinzu.

Lautlos glitt dieser über den Teppich zurück. Graf Rüdiger aber las mit fliegenden Pulsen: »Tante Aurelie soeben am Herzschlag gestorben, kommt sogleich zur Testamentseröffnung, Melanie ist Universalerbin!«

»Hurrah! – Hurrah!« – –

Wie ein Aufatmen der Erlösung nach Todesangst überkam es die beiden Ehegatten, – sie sahen sich an, lachten, – reichten sich die Hände.

Rüdiger küßte galant die Fingerspitzen seiner Gemahlin.

»Ich gratuliere Dir und mir –! Ich wußte es ja, das Glück hatte noch nicht das letzte Wort mit uns gesprochen!«

»Und nun glaube ich auch an seine dauernde Gunst!« lachte Rüdiger übermütig. »Was gilt die Wette, Gnädigste, der Erbe von Niedeck wird dem Vetter nicht geboren!«

Sie zuckte lächelnd die Achseln: »Hoffen wir, ich wette um das Perlenhalsband, welches Dir letzthin noch zu teuer für mich war!«

»D'accord. –«

»Nun werde ich Trauertoilette bestellen. Wollen wir die Jungens mit zur Beerdigung nehmen?« –

»Ja, es macht einen besseren Eindruck.« Der Graf schellte und befahl den Erzieher der Knaben zu sich. –

»Sie müssen ein paar Tage Ferien geben, Herr Doktor, Ihre Zöglinge sollen uns zu einer Trauerfeierlichkeit begleiten,« und der Sprecher wandte sich zu seinen Söhnen, welche ihrem Lehrer gefolgt waren: »Na, Ihr Schlingel, das kommt Euch wohl recht gelegen, mal wieder ein paar Tage schwänzen zu können?« – Der jüngere der Knaben breitete mit einem Stoßseufzer die Arme aus: »Gott sei Dank! dies elende Gebüffele hatte ich nachgerade satt!« –

Die Gräfin lachte, der Hauslehrer aber sagte ernst: »Grade Hartwig dürfte am wenigsten eine Pause machen, Herr Graf; er ist sehr weit zurück geblieben und hält in keiner Weise Schritt mit dem Bruder.«

Hartwig schmiegte sich an die Mutter und hob das hübsche Gesichtchen voll herausfordernden Trotzes nach dem Pädagogen.

»Fällt mir im Traume ein, mich derart abzuschinden, wie Wulff-Dietrich! Wenn er ein solches Schaf ist und ochst wie ein Unsinniger, obwohl er weiß, daß er mal Majoratsherr wird, – so ist das sein Privatvergnügen –! Ich werde Dragoner – und das bischen, was ich dazu brauche, pauken sie mir schon auf der Presse ein!« –

Frau Melanie lachte abermals höchlichst amüsiert und streichelte die rosige Wange ihres Lieblings, dann hob sie die Lorgnette und sah ihren ältesten Sohn prüfend an: »Mon Dieu, Dietel ... Du arbeitest so viel? Was ist denn plötzlich in Dich gefahren? Natürlich, ganz blaß und kümmerlich siehst Du schon aus! Als ob Du für Geld schafftest!« –

Wulff-Dietrich hob den Kopf mit der ihm eigenen stolz abweisenden Bewegung: »Ich arbeite auch für Geld, Mama, – ob jetzt oder später, das bleibt sich gleich.«

Gräfin Niedeck riß die Augen weit auf und trat dem Sprecher einen Schritt näher, während Hartwig vor Lachen in die Hände prustete.

»Für Geld, bah –? was soll das heißen?!« –

Wulff-Dietrich zog die dunklen Augenbrauen zusammen. »Das soll heißen, Mama, daß ich lernen und studieren will, um später eine Stellung im Leben einzunehmen und auf eigenen Füßen zu stehen!« –

»Ah – Du überraschest mich! Selbst als Majoratsherr willst Du Examinas machen?« –

»Selbst dann; vorläufig bin ich es aber noch nicht, und es ist sehr zweifelhaft, ob ich es werde; Vetter Willibalds Verlobung steht ja heute in der Zeitung.«

Graf Rüdiger war schweigend im Zimmer hin und her gegangen, jetzt blieb er neben seinem Sohne stehen und sagte mit dem Anflug von Ironie, welcher seiner Sprechweise eigen war: »Gut, mein Junge, ich habe absolut nichts gegen diese löblichen Absichten einzuwenden! Das Majorat ist freilich zur Zeit ein hochgehängter Korb für Dich, und darum ist es sicherer, wenn Du nicht darauf rechnest. Ich fürchte nur, Dein Feuereifer wird sehr bald erlöschen, wenn Dir Niedeck unbestritten sicher bleibt!« –

Wulff-Dietrich richtete sich noch höher auf: »Ich hoffe Dich von dem Gegenteil zu überzeugen.«

»Aber sage doch, boy – was hat Dich denn plötzlich so verwandelt?« – forschte die Gräfin voll naiven Erstaunens –: »früher hattest Du so wenig Passion für das Lernen, daß wir meist Klagen hören mußten, und nun entwickelst Du Dich zum Musterknaben! Wie kommt das!« –

Der Gefragte schüttelte die dunkelblonden Haare zurück und preßte die Lippen zusammen. Sein Blick glühte wundersam auf, aber er schwieg.

Der Graf jedoch brach kurz ab. – »Nun wir freuen uns der Thatsache und hoffen, daß Du bei der Stange bleibst, mein Sohn, jetzt geht und laßt Eure Koffer packen!« –

»Du gestattest, Papa, daß ich hier bleibe, um meine Stunden nicht zu unterbrechen! Mein Privatlehrer im Latein verreist nächsten Monat, – bis dahin müssen wir unser Pensum absolviert haben!« –

Graf Rüdiger blinzte seinen Ältesten momentan mit halb zugekniffenen Augen an – dann lachte er in bester Laune auf. »Betend, daß Gott Dich erhalte, so fleißig, fromm und rein! – Gut, bleibe Du hier! Ich bin sehr stolz, der Welt von solch unnatürlichem Sohn erzählen zu können! Und Du, Hartwig?« –

Der Kleine schnitt eine Grimasse und nickte dem Vater pfiffig zu: »Ich werde Dich selbstredend nicht im Stich lassen, sondern den Kronprinzen nach Kräften vertreten!« –

Lautes Gelächter belohnte den Witz, und wie Hartwig mit ironischem Lächeln einen tiefen, devoten Diener vor dem älteren Bruder machte, trat trotz seines runden, rosigen Kindergesichts die Ähnlichkeit mit seinem Vater schärfer denn je hervor. – –

In der Küche aber saß der Kammerdiener im Kreise des Gesindes und sagte mit bedeutsamem Lächeln: »Seltsame Menschen! Als die Hochzeitsnachricht kam, verfiel die Gräfin in Weinkrämpfe und als die Depesche den Tod der lieben Tante meldete, hallte das Haus wider von dem Jubel und Gelächter, – seltsame Menschen!« –

*

In Angerwies herrschte große Erregung über die Verlobungsanzeige des Majoratsherrn von Niedeck.

Man jubelte und schwelgte in dem Gedanken an bessere Zeiten; – die Optimisten wagten sogar kühnen Flug in das Reich der Phantasie und prophezeiten: Graf Willibald werde in seinem bräutlichen Glück allen Groll vergessen, der Stadt die alten Vergünstigungen wiederum gewähren und noch viele neue hinzufügen, ja man malte sich schon die herrlichsten Zukunftsbilder aus, wie man dem jungen Paare einen enorm schmeichelhaften Empfang bereiten und von Anfang an für die Angerwieser Interessen gewinnen werde. Wenn die Braut nur halb so viel Humanität und Herzensgüte besäße, wie ihre Cousine Melanie, würde sie sicher allen Einfluß aufbieten, Beziehungen mit der Stadt anzuknüpfen, wie sie Graf Rüdiger nebst Gemahlin so herzerquickend angebahnt hatten! –

Man schwelgte in dieser Hoffnung; die Pessimisten jedoch schüttelten die Köpfe und sprachen: »Ihr kennt den Sonderling schlecht, wenn Ihr an seine Verzeihung glaubt! – Wenn solche Menschen einmal hassen – dann ist es gründlich! Graf Willibald ist Fanatiker, er hält zähe fest an Gefühlen und Empfindungen, welche Macht über ihn gewonnen haben!« –

Und leider sollte sich dies bewahrheiten. –

Während man noch eifrig debattierend in der »Stadt Hamburg« zusammen saß und die Ausschmückung der Stadt – welche nach viel aussehen und wenig kosten sollte – besprach, als man just darüber stritt, ob sechs oder acht weißgekleidete Ehrenjungfrauen der Gräfin einen Blumenstrauß überreichen sollten und ob der Bürgermeister seine Ansprache auf dem Marktplatz oder am Thore halten müsse, rollte eine Equipage in scharfem Trabe vorüber. Solch elegantes Räderrollen gehörte in Angerwies nicht zu dem täglichen Brot, darum schnellten alle Köpfe empor und äugten hinaus.

Und dann sahen sich die Väter der Stadt schweigend und jäh betroffen an.

»Die Niedecker Equipage!« –

»Bah – es werden die Herren Dienstboten ein wenig spazieren fahren!« trösteten die Optimisten.

»Gebt acht, sie sind angekommen!« – wehklagten die Schwarzseher, und sie sollten abermals recht behalten.

Der Bahnhofsvorsteher stürmte nach wenigen Minuten atemlos in das Gastzimmer.

»Eben einpassiert! ganz überraschend! ganz ohne Anmeldung! – vor einer halben Stunde hat der Graf telegraphisch einen Wagen an die Bahn bestellt! Nun sind sie da – ohne jeden Empfang!«

Die Bestürzung war groß.

Was thun? – Ratlos kraute sich der oberste Rat den Kopf.

»Wir bringen einen Fackelzug nach dem Schloß!« rief der Apotheker.

»Bravo – brillant! gleich heute Abend muß es sein! – Und ein Feuerwerk brennen wir ab.« – Der Bürgermeister schüttelte besorgt den Kopf. »Wo sollen wir denn Fackeln, Windlichter und Feuerwerk hernehmen? Das müßte doch erst alles bestellt werden!« –

Abermals tiefe Stille.

»Nun, dann machen wir es eben ein paar Tage später!« prahlte der Auditeur: »wer kann denn vermuten, daß nach drei Wochen schon die Hochzeit ist! –«

»Ja, wir veranstalten die Feierlichkeit später!«

Man tröstete sich so gut man konnte.

Wer die Gräfin auf der Bahn gesehen hatte, erzählte Wunderdinge, wie sehr freundlich und gütig sie gelächelt und gegrüßt hätte! Hinken thäte sie ja etwas, aber das sei doch gleichgültig für eine, die im Wagen fahren könne! Und Graf Willibald sei gar nicht zum Wiedererkennen, so nobel gekleidet und so glückstrahlend! Er habe seine Frau in den Wagen gehoben, als ob sie von Glas wäre, – – und beide hätten einander so zärtlich angeschaut, wie die jüngsten und verliebtesten Hochzeiter! Man hoffte nun, daß die nächsten Tage schon merklich mehr Leben in die Stadt bringen würden, zu allgemeiner Überraschung ließ sich die Gräfin aber mit keinem Blicke sehen, und Niedeck lag so still und unverändert einsam auf seiner waldigen Bergkuppe, als habe nie eine junge Herrin den Fuß über seine Schwelle gesetzt, neue Zeiten für das alte Schloß zu bringen. Endlich konnte man des alten Kuhnert einmal habhaft werden.

Der Bürgermeister beehrte ihn persönlich mit einer Unterredung. Er teilte mit, daß die Stadt großartige Empfangsfeierlichkeiten geplant hätte, welche leider nicht hätten zur Ausführung kommen können. Das Feuerwerk und die Fackeln zu feierlichem Zuge nach Niedeck lägen nun bereit und die Bürger beabsichtigten, in diesen Tagen das junge Paar zu ehren, – ob wohl der nächste Sonntag dem Herrn Grafen angenehm sein werde? – Der alte Kuhnert zog ein absonderliches Gesicht, vor lauter Runen und Fältchen konnte man nicht erkennen, was es eigentlich ausdrückte. Er neigte sich wichtig flüsternd näher.

»Jetzt ist überhaupt noch nicht der richtige Moment, Herr Bürgermeister! Das Paar will ganz und gar durch nichts gestört sein! Du lieber Himmel, was ist das für ein Glück da oben! Solche Flitterwochen lasse ich mir gefallen! Wie die Turteltäubchen sind sie miteinander! Was sie sich nur Liebes an den Augen absehen können, thuen sie sich an! Wer so etwas sich hätte träumen lassen! Die Frau Gräfin, welche wahrlich ein Engel in Menschengestalt ist, so zart und fügsam und milde und gut – die ist ja ganz entzückt von unserem alten Niedeck! – Wie verklärt sieht sie alles an, – und die Aussicht von den Fenstern des Kutscherstübchens findet sie auch am schönsten! Da sitzen sie jeden Abend Hand in Hand und freuen sich an dem schönen Anblick! Nun wird der arme Graf auch seines Lebens froh –! ach und wie froh! –«

»Und das Feuerwerk?« erinnerte der Bürgermeister beklommen.

»Ja, dafür ist jetzt wirklich noch keine Zeit! Das junge Paar ist ja ganz inkognito hier, und Sie wissen, daß der Graf wunderlich in manchen Dingen ist, er würde sich über jede Störung ärgern. Aber einen guten Rat will ich Ihnen geben! In vier Wochen ist doch der Geburtstag Seiner Gnaden, da wäre solch eine Ovation vielleicht als Überraschung ganz angebracht! Ich glaube, das würde die Herrschaften freuen! Aber wie gesagt, das ist nur so ein Ratschlag von mir und für den Erfolg garantieren kann ich nicht!!« –

Der Vater der Stadt war entzückt.

Er dankte mit wärmsten Worten und versuchte noch durch eine Einladung zum Glase Bier seine Beziehungen zu dem Faktotum von Niedeck möglichst intim zu gestalten, Kuhnert lehnte jedoch unter dem Vorwande, es sehr eilig zu haben, recht entschieden ab, und die Goldfüchse griffen doppelt eilig aus, die Mauern von Angerwies hinter sich zu haben.

Die Wochen vergingen und das Feuerwerk ward mit größtem Pomp vorbereitet. Bürgermeisters Lieschen lernte im Schweiße ihres Angesichts ein äußerst schwungvolles Gedicht, welches der Assessor verfaßt hatte, und welches sie bei Überreichung eines riesigen Blumenstraußes der Frau Gräfin aufsagen sollte. – Am Abend vor dem festlichen Tage saßen Graf Willibald und Johanna wie immer an dem weitgeöffneten Fenster des Kutscherstübchens, den entzückenden Anblick in das Thal zu genießen. Obwohl sie für gewöhnlich die eleganten Gemächer des Schlosses bewohnten, liebten sie es dennoch, abends das ehemalige Junggesellenstübchen des Majoratsherrn aufzusuchen.

Johanna hatte es in ihrer Feinfühligkeit sofort bemerkt, wie sehr es ihren Mann beseligte, daß sie diesen Fensterplatz ebenso anziehend fand wie er, und so sorgte sie dafür, daß er liebgewonnene Gewohnheiten auch weiter pflegen konnte.

Willibald hatte den Arm um seine junge Frau geschlungen: »Du bist also einverstanden mit meinen Plänen, teuerstes Herz?« –

Johanna sah ein wenig sorgenvoll in seine Augen. »Ich fürchte, Willibald – Du legst Dir mit dieser Reise schwere Opfer um meinetwillen auf?« –

Er lachte glückselig: »Ich schwöre Dir, nein! Ich selber kenne keinen höheren Wunsch, als die nächste Zeit auf Reisen verleben zu können.«

Ihr Blick strahlte vor Freude: »Wahrlich? o dann bin ich mit Dir froh und glücklich! Dann werde ich all die unendliche Freude ohne Gewissensbisse genießen können! Reisen! ich habe noch nie eine Reise gemacht! ich habe noch nichts von Gottes schöner Welt gesehen! O, lieber Mann, wie soll ich Dir für so viel Glück danken!« –

Er küßte voll überströmender Zärtlichkeit ihr Antlitz, ihre Hände. »Ich habe Dir zu danken, – ich allein! O, Johanna, wie hast Du mir die Welt in einen Himmel verwandelt! – Und morgen früh fahren wir, – Du hast Deine Koffer packen lassen?«

»Es ist alles bereit. – Aber der Fackelzug der Angerwieser?«

Sein Gesicht ward finster. »Sie sollen uns vergeblich suchen. Ich hasse sie! Jetzt erst ermesse ich ganz, um wie viel Glückseligkeit meine Feinde mich durch ihren verruchten Anschlag bringen wollten! Johanna, Du fühlst sonst in allen Dingen so gleich mit mir, empfinde auch meinen Haß mit mir!«

Sie drückte ihm zärtlich die Hand, wie man ein aufgeregtes Kind beschwichtigt: »Du weißt, daß ich alles will, wie Du es willst!« sagte sie, und ihr Antlitz glänzte in hingebender Demut und Bescheidenheit.

Johanna hatte nie einen Widerspruch im Leben laut werden lassen, ihr sanftes Wesen fügte sich gern jedem Wunsche und jeder Ansicht ihrer Lieben, – wieviel mehr dem Willen eines Mannes, in welchem sie voll überschwenglicher Dankbarkeit ihren Erretter aus aller Not und Einsamkeit sah. Wenn ihr auch selber jede Regung von Haß und Rache fern lag, so respektierte sie doch das leidenschaftliche Empfinden Willibalds, und wenn sie auch den wunderlichen Plan, welchen er hegte, unbegreiflich fand, so fügte sie sich dennoch ohne den mindesten Widerstand seinem Willen, – er war ihr Herr, – er sollte befehlen und sie wollte gehorchen! –

Nie war den Bürgern von Angerwies eine höhere Enttäuschung geworden, als in jenem Augenblick, wo sie mit Fackeln, Pauken und Trompeten vor schloß Niedeck anlangten und das Nest leer und verlassen fanden.

Knirschend vor Ingrimm und Beschämung kehrten sie um, und wußten nun genau Bescheid, wie die Aktien auf Niedeck für sie standen.

Es war ihre eigene Schuld, und das verdroß sie am meisten. Graf Rüdiger war sehr unangenehm überrascht, als er erfuhr, daß Vetter Willibald sich für unbestimmte Zeit mit seiner Gemahlin auf Reisen begeben hatte. Sie entzogen sich nun völlig seiner Beobachtung, und das verdroß ihn. Er erwog die Notwendigkeit, das neu ererbte Vermögen klüglich zu Rate zu halten, bis sich die Erbfolge von Niedeck entschieden habe. Er bewog seine Gattin, die Familientrauer zum Vorwand zu nehmen, um das kostspielige Leben etwas einzuschränken: »Nur auf kurze Zeit!« tröstete er: »wird kein Sohn auf Niedeck geboren, bleibt das Majorat für Wulff-Dietrich, so holen wir alles doppelt nach!« –

Die Zeit verging. Voll fiebernder Spannung harrte man der kommenden Dinge. Ein Freund des Grafen, welcher die Niedecker in der Schweiz getroffen, berichtete, daß Gräfin Johanna wahr und wahrhaftig vor einem freudigen Ereignis stehe. Rüdiger und Melanie verkamen vor Aufregung. – Da traf nach Monaten ein Brief aus Wiesbaden ein.

»Von Willibald!« keuchte Rüdiger bleich und bebend, er riß mit zitternder Hand den Umschlag ab. Dann gellte ein Triumphgelächter durch das Zimmer: – »eine Tochter!«


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