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Kapitel 6.


Teuer ist mir der Freund, doch auch den Feind kann ich nützen,
Zeigt mir der Freund was ich kann, lehrt mich der Feind was ich soll!

Schiller.

 

Das Tagesgespräch im ganzen Herzogtum bildete der Fall Niedeck. Man hatte diese Wendung der Dinge eigentlich längst erwartet, denn das Gerücht bezeichnete Graf Willibald seit Jahren bereits als geisteskranken Mann.

Nun war die Geduld seiner Patronatszugehörigen gerissen.

Man erzählte sich, daß der Bürgermeister von Angerwies sich mit dringenden Vorstellungen an Graf Rüdiger gewandt habe. Dieser sei infolge dessen in Begleitung seiner Gemahlin nach dem Städtchen abgereist, um sich unter der Hand von der Lage der Dinge zu überzeugen.

Die Ergebnisse dieser Revision seien geradezu entsetzliche gewesen.

Der Majoratsherr leiste die unerhörtesten Narrheiten. Allem Anschein nach sei eine Gehirnerweichung bereits in vollem Gange, was bei dem außerordentlichen dicken Wasserkopf des Degenerierten kaum erstaunlich sein konnte. Daß unter solch einem unzurechnungsfähigen Herrn die ganzen Besitzungen ruiniert würden, sei klar, und darum könne man es dem Vetter nicht im mindesten verdenken, wenn er rechtzeitig Schritte thue, das bedrohte Erbe für den Sohn zu retten.

Sehr überrascht war man daher, als die Kunde auftauchte, Graf Willibald sei in der Residenz angekommen, um sich eines der ersten Rechtsanwälte zu vergewissern und – wie man erzählte – sich gegen die bösartigen Verleumdungen, welche über ihn erfunden seien – unter den persönlichen Schutz des Herzogs zu stellen.

Man war auch erstaunt, den Grafen in offener Equipage zeitweilig durch die Stadt fahren zu sehen; er war elegant und modern gekleidet und machte durchaus nicht den verkommenen und geistesschwachen Eindruck, wie man sich erzählt hatte.

Sicherlich war auch dabei stark übertrieben, wenngleich grade diese Art von Menschen besonders mißtrauisch und raffiniert jedes äußere Merkmal ihrer Krankheit zu verstecken suchen.

Man sah der Lösung der Dinge im großen Ganzen ziemlich gleichgültig entgegen, denn Graf Rüdiger war ein reicher Mann, dessen Verhältnisse durch den gewonnenen Prozeß kaum eine sichtbare Änderung erfahren durften, und der Erbherr von Niedeck war zu unbekannt, um die große Menge zu interessieren.

Die Angelegenheit nahm den gewöhnlichen Verlauf, die Zeugen wurden verhört und die Sachverständigen walteten ihres Amtes. Sie hatten ihre Gutachten bereits abgegeben, nachdem sie auch in Niedeck die Rechnungsbücher und den Stand und die Lage der allgemeinen Gutsverhältnisse geprüft hatten.

Nun erwartete man die endgültige Entscheidung des Amtsgerichts.

*

In dem elegantesten Villenviertel der Residenz lag inmitten eines wundervollen Parks der Prachtbau der Villa Casabella, das Eigentum des Kammerjunkers des Herzogs, Grafen Rüdiger von Niedeck, welcher mehr zum Vergnügen und um wenigstens eine Beschäftigung zu haben, diese Stellung am Hofe bekleidete. Villa Casabella strotzte von Prunk und Schönheitsfülle, wie ein Schmuckkästchen, in welches unersättliche Hände stets Kostbarkeiten häuften.

Man hatte in der Hofgesellschaft anfangs etwas glossiert über die beinah unfeine und protzenhafte Weise, mit welcher das gräfliche Ehepaar seine Reichtümer zur Schau stellte und spottete leise und laut über »la dame parvenue«, welche mit ihrem Spekulanten-Geschmack jedwedem Dinge des gräflichen Haushalts den Stempel aufdrückte. Aber Graf Rüdiger war stets tonangebend gewesen und allen Lästerzungen durch sein gefürchtetes Mundwerk so überlegen, daß niemand wagte, auch nur im mindesten an seiner gesellschaftlichen Position zu rühren!

Er verstand es, sich voll genialer Arroganz überall zu behaupten, und da seine ›Schandschnauze‹ fabelhaft amüsant und sein opulentes gastliches Haus sehr bequem und angenehm war, so beugte auch diesmal die Macht des Geldes die Rücken der Leute, und derjenige, welcher zeitlebens am meisten und schärfsten über Mesalliancen gespottet, bewies den Leuten, daß man seine Ansicht ändern und doch des Beifalls der Menge sicher sein kann.

Leute, welche einen großen Onkel oder viel Geld besitzen, genießen nun einmal in der Welt das Prestige, immer Recht zu haben! und wer den Mund am unverschämtesten voll nimmt, der wird zur Monstranz, vor welcher sich alles demütig neigt und auf die Kniee fällt, wann und wo sie sich nur blicken läßt! – Villa Casabella blähte sich immer hochmütiger und dominierte als Königin unter ihren viel bescheideneren Nachbarinnen. Der Park lag im ersten Frühlingsgrün. Die auserlesensten Blumen dufteten und prankten auf den Teppichbeeten, kostbare Marmorstatuen waren der winterlichen Umhüllungen entkleidet und leuchteten voll märchenhaften Zaubers durch den smaragdenen Schleier jungen Laubes.

Fernerhin, wo sich die herrlichsten Baumexemplare dichter zusammendrängen und einen kleinen Wald bilden, wo eine künstliche Ruine für Staffage sorgt und kühle Grotten und Lauben für den pikanten Zauber italienischer Nächte bereit stehen, huscht eine schlanke Knabengestalt über die buntglitzernden Sandwege.

Hie und da bleibt Wulff-Dietrich stehen und späht vorsichtig den Weg zurück, welchen er gekommen. Ringsumher schweift sein Blick in ruhigem Forschen, dann atmet er tief auf. Er ist dem Haushofmeister unbemerkt entwischt, er ist allein und ungesehen.

Er huscht in die nächste noch kahle Laube, in welcher jedoch schon elegante Bambusmöbel aufgestellt sind, – wirft sich in einen Rohrsessel nieder und zieht ein Buch aus der Sammetbluse.

Mit leuchtenden Augen schlägt er es auf und vertieft sich in die Lektüre der »Ägyptischen Königstochter«, welche ihm, als noch nicht passend für seine Jahre, von dem Erziehungstyrannen untersagt ist.

Wulff-Dietrich liebt aber nichts mehr auf der Welt, als gute, interessante Bücher.

Er versteht sie auch besser als man ahnt, denn seine Seele gleicht einem stillen, tiefen Wässerlein, auf dessen Grunde es von heimlichen Schätzen gleißt.

Wer aber hat in Villa Casabella Zeit und Lust, das zu erforschen? – Wulff-Dietrich genießt nicht die Sympathien wie sein kecker, übermütiger und amüsanter jüngerer Bruder Hartwig.

Er ist ein ernster, schweigsamer Knabe, stolz und spröde bis zur Empfindlichkeit, – seinen Jahren weit voraus, er sieht und beobachtet scharf, und ist ein strenger, aber gerechter Kritiker.

Das ist der Leichtlebigkeit unbequem, und oft hat Gräfin Melanie schon ärgerlich den Kopf geschüttelt und geklagt: »Wo der Junge nur das schwere Blut her hat! – Gewissenhaftigkeit ist ja recht schön, aber wenn sie übertrieben wird, wirkt sie als Pedanterie! Wulff-Dietrich hat alle Anlage zum langweiligen Moralprediger und wenn er sich nicht noch sehr ändert, wird Niedeck unter seinem Kommando ein Kloster oder eine Universität!«

Ja, Wulff-Dietrich war ein eigenwilliger Knabe, ein Charakter im Flügelkleide, aber es war keinerlei Unnatur in seinem Wesen und der kleine Moralist sündigte sogar mit größter Kaltblütigkeit, wenn es galt, an verbotenen litterarischen Früchten zu naschen.

Seine großen, dunklen Augen blitzten stolz auf, als ihn sein Vater einst darüber zur Rede stellte. »Ich lese keine gemeinen und keine gottlosen Bücher,« antwortete er fest, »und mir eine gute Lektüre verbieten, ist Unsinn. Ob ich sie verstehe oder nicht, – das ist meine Sache.«

Dennoch beharrten Eltern und Lehrer bei ihrem Verbot und dennoch sündigte Wulff-Dietrich mit bestem Gewissen dagegen, so oft sich ihm eine Gelegenheit bot.

Den Kopf tief herabgeneigt, las er mit heißen Wangen. Fern her hallte der Straßenlärm, über ihm zwitscherte es im Gezweig. Der künftige Erbe von Niedeck war ein schlanker, und doch sehr kräftiger Knabe, dessen Antlitz schon jetzt den Ausdruck trug, welcher es einst als Männergesicht veredeln und interessant machen wird.

Schmale, feingeschnittene, etwas blasse Züge, welche stolz und ruhig, beinah allzu leblos scheinen würden, wenn nicht die dunklen Augen tief und seelenvoll aus ihnen hervor leuchteten. Das Haar ist in altdeutscher Art tief in die Stirn geschnitten und fällt bis auf die Schultern, über welche ein kostbarer Spitzenkragen breit zurückfällt.

Der ganze Anzug des jungen Grafen ist so elegant wie kaum bei einem Prinzen.

Die seidenen Knieestrümpfe, die Lackschuhe, der dunkelblaue Sammetanzug sind tadellos, und nach Ansicht der Gräfin sofort unbrauchbar, wenn er auch nur das kleinste Fleckchen aufweist. Die Spitzen des Battisthemdes fallen über die Hand, und wenn die Knaben einmal geturnt, oder mit Kameraden wild gespielt haben, wandern die echten Valenciennes in die Lumpen! Wer hätte die Kinder wohl jemals gelehrt, Rücksicht auf ihre Kleidung zu nehmen?

»Schonen« war ein ebenso plebejisches Wort wie »sparen«, darum war beides im Hause Niedeck verpönt.

Wulff-Dietrich hatte die Füße übereinander geschlagen und lebte so sehr in allen Gedanken an den Ufern des Nils, daß ihn erst ein leises Bellen ganz in seiner Nähe aufschrecken ließ.

Das Schoßhündchen der Mama kollerte wie ein weißer Seidenknäuel über den sammetweichen Rasen, und in kurzer Entfernung folgten ihm Graf und Gräfin hastigen Schrittes. Ihr Sohn sprang jählings empor und starrte erschreckt durch das knospende Laub. Die Eltern waren seit einigen Tagen in der schlechtesten Laune, zankten und schalten über jede Kleinigkeit, – es würde eine sehr heftige Scene geben, wenn sie den ungehorsamen Sohn abermals bei verbotener Lektüre ertappten.

Schnell entschlossen sprang Wulff-Dietrich die kleine Anhöhe empor, in der Ruine Schutz zu suchen, – kaum aber, daß er sie betreten, merkte er, daß die Nahenden ihre Schritte ebenfalls nach dem alten Gemäuer richteten. Was thun? –

Zur Seite lehnte eine kleine eiserne Thür lose in den Angeln, sie schloß einen gewölbeartigen Raum ab, in welchem die Gärtner ihre Gerätschaften unterstellten.

Ohne sich zu besinnen, huschte der künftige Erbherr von Niedeck in den Keller hinein, atemlos wartend, daß die Eltern vorüberschreiten würden.

Er täuschte sich.

Tiefatmend trat die Gräfin in die Ruine, warf einen spähenden Blick ringsum und sank erschöpft auf die nächste Steinbank nieder.

»Hier sind wir ganz allein und ungestört, hier mach auf und lies!« stieß sie durch die Zähne hervor.

Graf Rüdiger schritt voll nervöser Aufregung noch einmal an den Mauern entlang, sich zu überzeugen, daß keine Beobachter in der Nähe waren, dann zog er einen Brief aus der Brusttasche und fuhr zuvor mit dem seidenen Taschentuche über die Stirn, ehe er ihn öffnete.

»Im Hause ist man ja keinen Augenblick unbelauscht – und ich ertrage es nicht mehr, all die Aufregungen schweigend in mich hinein zu würgen! Je nun – so dann! – Laß uns unser Schicksal hören!«

Auf das höchste betroffen, starrte Wulff-Dietrich durch die Thürspalte.

Er zuckte zusammen, als er in die Züge des Vaters blickte, farblos, – zerrissen von Aufregung und wilder Leidenschaft, mit fest zusammengepreßten Lippen starrte er auf das Papier nieder, welches leise zwischen seinen bebenden Fingern knisterte. In angstvoller Spannung hingen die weit aufgerissenen Augen der Gräfin an seinem Munde. Da rang sich ein heiserer Aufschrei von den Lippen des Lesenden. – Laut aufstöhnend hob er beide Fäuste und schlug sie wie ein Rasender gegen die Stirn: »Das Gericht lehnt den Antrag auf Entmündigung ab!« – schrie er auf. »Wir haben verspielt, Melanie, wir sind vernichtet!«

Die Mutter war aufgesprungen und stand an der Seite ihres Gatten. Wulff-Dietrich wich jählings zurück, als er in ihr entstelltes Gesicht sah.

»Rüdiger!« rief sie außer sich, »Willibald behauptet sich? All unsere Mühe – all unsere namenlosen Opfer umsonst gewesen? die ganze schauerliche Zeit in dem entsetzlichen Krähwinkel umsonst?«

Sie lachte schrill auf.

»O Du vortrefflicher Diplomat! Ich sagte Dir doch gleich, daß alle Kniffe und Pfiffe nichts nützen würden, daß wir den verrückten Kerl nun und nimmermehr unschädlich machen könnten!«

Der Kammerjunker lachte bitter auf: »O ja, wenn man vom Rathaus kommt, ist man stets klüger, als wenn man hingeht! Warst Du es nicht selbst, die mich zuerst auf die Idee brachte, Willibald in ein Irrenhaus zu stecken?«

»Gewiß, es war ja das Einzige, was Du leisten konntest, um Deine Familie vor dem Verhungern zu schützen!« zuckte Melanie mit gehässigem Blick die Achseln.

»So? Und wer trägt die Schuld, daß wir verhungern müssen? Der saubere Herr Schwiegerpapa! Der Schwindler!«

»Rüdiger!!«

»Der Schwindler, der Bankrottmacher, der meineidige Halsabschneider, welcher den gräflichen Freier mit Millionen anlockte und ihm zum Schluß den Bettelstab vor die Füße wirft!« tobte der Graf in unbezähmbarer Wut. »Ich habe mich auf Dein Vermögen verlassen, als ich heiratete, wenn sich dieses Vermögen aber als ein Dunst erweist, so trifft nicht mich, sondern Dich die Schuld!«

Melanie verschränkte mit schillerndem Blick die Arme unter der Brust. »Was der Tausend! Ein netter Freier, welcher sich von der lieben Gattin zeitlebens durchfüttern lassen will! Hättest Du jemals Ehr- und Pflichtgefühl gekannt, so würdest Du Dich vor allen Dingen bemüht haben, selber etwas zu leisten, um Deine Familie ernähren zu können! Als Du aber die Millionen der Frau in der Tasche zu haben glaubtest, da hatte der Herr Referendar weder Zeit noch Lust mehr, das Assessorexamen zu machen! Haha! Nun mußt Du Dich vielleicht jetzt noch auf die Hosen setzen und es nachholen, denn das siehst Du doch wohl ein, daß es nichts Verächtlicheres giebt, als solch ein Weltenbummler, der nichts weiß, nichts kann und nichts ist!«

Frau Melanie hatte in sinnloser Heftigkeit gesprochen, einzig von dem Gefühle geleitet, ihrem kochenden Grimm auf irgend eine Weise Luft zu machen, aber Wulff-Dietrich, welcher halb ohnmächtig vor Entsetzen hinter der Thüre kauerte, konnte ihre Gemütsstimmung nicht beurteilen, er hörte nur die klaren, nackten Worte und sah die Wirkung, welche sie auf den Vater ausübten. Zum ersten Mal im Leben fehlte Graf Rüdiger die Entgegnung.

Totenbleich an allen Gliedern zitternd, lehnte er den Kopf gegen das Gemäuer zurück und seine Rechte zerknäulte den Unglücksbrief, welcher diese Scene heraufbeschworen.

Der Ausdruck seines Gesichtes machte einen unauslöschlichen Eindruck auf die Seele des lauschenden Knaben.

Er sah es dem Vater an, daß er sich auf die herbe Anschuldigung nicht rechtfertigen konnte, daß Scham und Demütigung ihm die Kehle zuschnürten, daß ihn dieser Augenblick erniedrigte vor seiner Frau und sich selbst.

Dann aber zuckte ein Blick durch seine Wimpern, daß das Herz des Kindes erbebte.

Er hob langsam den Kopf und wandte seiner Gemahlin langsam den Rücken, um unsicher, wankend wie ein Kranker, davon zu schreiten.

Frau Melanie stürmte ihm nach und hielt seinen Arm.

»Verzeih, Rüdiger! Ich habe dich beleidigt, ich war so heftig!« rief sie plötzlich wie ein Kind, in konvulsivisches Schluchzen ausbrechend. »Ach, ich bin so unglücklich, daß unser Plan fehlgeschlagen hat! Rüdiger, sag mir um Gotteswillen, was soll nun werden?«

»Wart's ab!« entgegnete er rauh, »vielleicht thue ich Dir den Gefallen und setze mich wieder auf die Schulbank!«

»Unsinn! Dein Assessorgehalt könnte uns auch nicht ernähren! Wir müssen etwas anderes ausdenken, um zu Gelde zu kommen!«

Er stieß ihren Arm rücksichtslos von sich: »Gut, denk Dir nur etwas aus, – ich bin ja ein zu schlechter Diplomat! Wenn ich noch einmal einen ins Irrenhaus bringen wollte, der leider nicht verrückt ist, möchte es mir am Ende abermals nicht glücken!«

Die Stimmen verklangen, nur das schrille weinerliche Organ der Gräfin hallte noch ein paarmal zurück, dann war es still in der Ruine wie zuvor.

Die eiserne Thür schlug zurück und Wulff-Dietrich taumelte die steinerne Stufe empor.

Sein junges Gesicht war aschfahl, es sah gealtert aus wie das eines Mannes.

Er stand und strich mit zitternden Händen die Haare aus der Stirn, angstvoll, wie ein Mensch, welcher aus schwerem Traume erwacht, starrte er um sich her.

Wie ein Schüttelfrost flog es durch seine Glieder, mechanisch setzte er sich nieder und schlug die Hände vor das Antlitz. Die Eröffnungen dieser Stunde waren entsetzlich, so qualvoll überraschend, daß seine Seele sie kaum zu fassen vermochte. Er war erst zehn Jahre alt, aber in dieser Stunde fühlte er wie ein Jüngling. Er empfand die Schmach, welche es ist, wenn ein Mann nicht auf eigenen Füßen steht, sondern von fremdem Geld und fremdem Willen abhängt. Und dieses Empfinden brannte sich ein in seine junge Seele und rüttelte sie wach aus dem wohligen Behagen sorgloser Gleichgültigkeit. Wie ein Wettersturm war es soeben über sein Kinderhaupt dahin gezogen, der riß mit grausamer Hand die Schleier entzwei, welche seine Augen verhüllt hatten. Er sah es, – sah es plötzlich erschaudernd, was seine Eltern bezweckt hatten, als sie den Majoratsherrn von Niedeck für geisteskrank erklären wollten, sah, wie es hinter den Koulissen der Komödie aussah, welche in Villa Casabella der Welt und den eigenen Kindern vorgespielt wurde. Wie ein Aufstöhnen entrang es sich Wulff-Dietrichs Lippen.

Wie ein physischer Schmerz nagte es an seinem Herzen. Hätte er nur weinen können, um das Entsetzen, welches ihn packte, hinweg zu waschen!

Aber seine Augen waren trocken und fieberheiß, während Eiseskälte durch seine Glieder kroch.

Seine Eltern waren arm geworden, plötzlich arm! Aber das war das Schlimmste nicht.

Sie hatten nur ihr Geld verloren, ihr Sohn aber verlor in dieser Stunde noch tausendmal mehr, – Alles. Er verlor das Paradies seliger Kindheit.

*

Auf Niedeck wehten die Flaggen von Turm und Söller, Guirlanden schlangen sich festlich um die Säulen und schaukelten buntgemalte »Hurrah« und »Willkommen« über der Einfahrt. Graf Willibald kehrte in seiner Väter Schloß zurück; er nahm von neuem Besitz von seinem Erbe, welches ihm listige und verbrecherische Ränke hatten abstreiten wollen.

Im offenen Wagen saß er und fuhr durch Angerwies, daß die Funken unter den Hufen der Rosse sprühten.

Es war merkwürdig still und leer auf den Straßen; hie und da stand eine Gestalt hinter den Thüren, welche scheu zurückhuschte, als die Equipage heranrollte.

Ein paar Bürger, welche nicht rechtzeitig einen Unterschlupf erreichen konnten, zogen wie die begossenen Pudel de- und wehmütig die Käpplein, und bemerkten mit Schrecken, daß der finstere Blick des Majoratsherrn sie streifte, als wären sie Luft.

Ihr Gruß blieb unerwidert.

In gedrückter Stimmung saß man abends in der »Stadt Hamburg« zusammen und besprach voll banger Sorge das Fiasko, welches man gemacht. Sie befanden sich in mißlicher Lage, denn ihr Patronatsherr war auf das tödlichste von ihnen gekränkt und beleidigt worden, er war aus einem Freund zum Feinde geworden, und anstatt zu gewinnen, hatten sie bei dem tollkühnen Hazard alles verloren!

Nun begriffen sie es selber nicht, wie sie sich so thöricht hatten hereinlegen lassen, wie sie so ohne Vernunft und Überlegung hatten handeln können.

Aber es war zu spät zum Ändern, und alles Murren und Hadern half nichts mehr.

Nun hieß es, voller Resignation die Suppe ausessen, welche sie sich selber in ihrer Dummheit eingebrockt hatten, denn daß Graf Willibald ihnen nun aus Rache manch harten Brocken zu schlucken geben würde, das erschien ihnen selbstverständlich. Ihre Befürchtungen erfüllten sich nur zu bald. Der erste April stand vor der Thüre, und Graf Niedeck benutzte den Termin, der Stadt etliche Hypotheken zu kündigen, sowie verschiedene Vergünstigungen zu annullieren.

Der Bürgermeister saß blaß und zu Tode erschreckt vor diesen Schriftstücken, welche die höchste Ungnade des Grafen als Stempel am Rande trugen.

*

Wieder war es Abend geworden.

Das letzte Sonnenlicht zitterte um die Türme der alten Burg. – Der Himmel leuchtete im Hintergrund so klar und wolkenlos, so blendend im vollen Abendglanz, daß sich das dunkle Gemäuer dagegen abhob wie ein klassisches Gemälde auf Goldgrund. –

Graf Willibald saß in seinem bequemen Sessel in dem geliebten Fenstereckchen und starrte nachdenklich in die schöne Gotteswelt hinaus. Jetzt erst, nachdem die nervenmordende Sorge und Unruhe von ihm genommen, jetzt, wo er die geliebte Heimat wie neu geschenkt abermals in Besitz genommen, jetzt erst ward ihm bei ruhigem Überlegen die ganze Größe des Unrechts klar, welches man ihm hatte anthun wollen, und das erfüllte seine Seele mit bitterem, leidenschaftlichem Rachedurst.

Seltsame Widersprüche vereinigte sein Herz in dieser Beziehung. Er war ein frommer Mann, voll wahrhaft kindlichen Glaubens und Gottvertrauens. Er hatte sich, ohne je zu murren oder mit dem Höchsten zu hadern, in das traurige Schicksal gefügt, welches er ihm beschieden, jetzt aber, wo seine Seele voll innigsten Dankes gegen Gott war, beherrschte ihn dennoch ein schier unersättlicher Rachedurst, und der leidenschaftliche Wunsch, seinen Feinden mit gleicher Münze heimzuzahlen.

Und dieses Sinnen und Trachten vereinigte er ohne Skrupel mit seinem Kinderglauben. Er sagte sich, daß Gott die irdische Justiz geschaffen und bewilligt hat, um das Böse zu strafen. Wollte man alles dem lieben Gott als Rächer der Schandthaten überlassen, so brauchte es keine hohe Obrigkeit zu geben, – und in diesem Falle würde der Heiland uns nicht ermahnt haben, dem König und seinem Gesetz unterthan zu sein.

In diesem Falle nun erachtete sich Graf Willibald selber als Richter, welcher berechtigt ist, Justiz zu üben und geschehene Frevel zu strafen, hatten doch die Grafen von Niedeck seit grauen Zeiten die eigene Gerichtsbarkeit ausgeübt. Die Zeiten hatten sich geändert.

Er konnte die Bürger von Angerwies und den Vetter Rüdiger nicht mehr unter die Rechtslinde laden, den Stab über sie zu brechen, aber er hatte dafür andere Mittel in der Hand, ihre Untreue empfindlich zu strafen, und dieser Mittel wollte er sich bedienen.

Wenn man Graf Willibald verrückt nannte, so that man ihm bitter Unrecht, aber als einen Sonderling eigner Art konnte man ihn sicher bezeichnen, denn das war er in der That.

Die langen Jahre weltferner Abgeschlossenheit hatten wunderliche Charakterschrullen in ihm reifen lassen, welche schließlich sein Wesen beherrschten.

Sie waren nicht bösartig – aber seltsam, und die seltsamste von allen Marotten, welche er je gezeitigt, war wohl der Plan, wie er sich am bittersten an seinem Todfeinde Rüdiger rächen könnte.

Tage- und wochenlang hatte er gesessen und über diesem Plan gegrübelt, bis seine Augen schließlich voll Triumph aufleuchteten und seine Lippen glückselig murmelten: »Ja, so ist es gut! – so muß es gehen! und ich denke, wenn alle Vorbedingungen glücken, führe ich mein Vorhaben auch durch.« –

Sein Aufenthalt in der Residenz hatte ihm, überraschender Weise, recht gut gefallen. Das Reisen hatte ihm Spaß gemacht, und der Anblick des lustigen Stadtgetriebes weckte eine heiße Sehnsucht in ihm, der verschmähten Welt doch wieder ein wenig näher zu treten.

Er schritt vor den Spiegel und sah sich prüfend an. Er war noch nicht zu alt und auch garnicht so entsetzlich häßlich, um nicht noch heiraten zu können! Und heiraten wollte er und mußte er, denn just darin bestand der erste Teil seiner Rache, daß er Vetter Rüdiger jeden Anspruch an das Majorat ein für allemal entzog. Ja, er wollte heiraten!

Aber eine Tochter des Landes mit sechzehn Ahnen mußte die Zukünftige sein, denn ohne diese hätte die Ehe keinen Zweck gehabt.

Ein majoratsberechtigter Sohn, wie ihn die strengen Erbschaftssatzungen vorschrieben, mußte ihm geboren werden, denn nur ein solcher machte Wulff-Dietrich als dem Älteren die Erbschaft streitig.

Eine Frau mit sechzehn Ahnen! die Tochter eines landangesessenen Geschlechts! Das war eine schwierige, üble Sache!

Graf Willibald ward bleich vor Schreck bei dem Gedanken, daß an einer solchen Gattin sein ganzer schöner Plan scheitern könne!

Voll fiebernder Ungeduld stürmte er in die Bibliothek und holte den Adelskalender.

Er las und las – und zählte und rechnete – und fand doch nur die eine, ihm schon von früher her bekannte Thatsache bestätigt, daß es nur drei Damen in dem kleinen Herzogtum gab, welche die nötige Ahnenzahl aufweisen konnten. Die eine war Stiftsoberin zu Schlierstein, eine Jungfrau von einigen siebzig Jahren, welche auf keinen Kindersegen mehr rechnen konnte, die zweite, – eine vierunddreißigjährige Johanna von Nördlingen-Gummersbach – hatte einst die Hüfte gebrochen und war jahrelang im Rollstuhl gefahren, – ob sie jetzt wieder gehen kann, ahnt er nicht – und die dritte, – Johannas kleine Nichte, Pia von Nördlingen, zählte erst vier Lenze, war also wieder viel zu jung für den alternden Erbherrn von Niedeck.

Willibald kraute sich voll höchster Bestürzung den Kopf, – dann setzte er sich langsam auf seinen Sessel nieder und überlegte den so äußerst schwierigen Fall.

Johanna! ja, Johanna war der Strohhalm, an welchen sich all seine Hoffnungen klammerten! Auch eine Frau mit gebrochener Hüfte kann Mutter eines Sohnes werden!

Auf jeden Fall war sie die einzige, welche in Betracht kam. Ob so – oder so, – heiratete er sie, war doch immer die Möglichkeit vorhanden, während er als Junggeselle keinerlei Chancen für die Erfüllung seines Planes hatte. – Ja, er mußte heiraten! Diese Notwendigkeit hatte ihn sein Feind gelehrt, – nun ward sie Pflicht. –

Sollte er an Johanna schreiben? – Nein, er will persönlich zu ihr gehen und um sie werben!

Abermals wurden die Koffer gepackt.


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