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XI.

War der Streit zwischen dem Ehepaar Schaddinghaus entbrannt, so wogte er eine geraume Zeit hin und her, sich steigernd bis zu einer Erbitterung, welche weder Maß noch Ziel kannte.

Da der Austrag meist unentschieden blieb – die Gegner waren einander in jeder Beziehung gewachsen – so dauerte die Kampfesstimmung meist noch längere Zeit nach dem Abbruch des Wortgeplänkels fort, sich äußernd in grenzenloser Gereiztheit, in gegenseitig hohnvollem Ignorieren und machtvollem Zuschlagen der Thüren.

Die leidende Tante verfügte über einen erstaunlich hohen Grad von Kraft und Ausdauer, wenn es galt, den lieben Gatten bis aufs Blut zu schikanieren, und konnte sie ihn dadurch ärgern, scheute sie selbst die größte Anstrengung nicht; einen wichtigen Schlüssel, oder die Brille, oder gar die Zähne des Herrn Gemahls in der Tasche, konnte sie stundenweite Partien zu Wasser und zu Lande unternehmen, gestählt durch das erhebende Bewußtsein, daß der liebe Theodor daheim in Raserei verfiel.

– Während solcher Zeit, wo der Ehestandsbarometer bedenklich auf Sturm und bös Wetter zeigte, erging es Charitas anscheinend am leidlichsten, denn die feindlichen Parteien rissen sich um sie als Alliierte, und die sonst so seltenen guten Worte schwirrten honigsüß um sie her.

Der Herr Rat bemühte sich, die Gattin zu wilder Eifersucht zu reizen, indem er der Nichte die plumpsten Schmeicheleien sagte und sie mit Zärtlichkeiten verfolgte, welche dem jungen Mädchen noch tausendmal widerwärtiger waren, wie die brutalste, moralische Mißhandlung.

In solchen Stunden glaubte sie dem Elend ihres Daseins erliegen zu müssen.

Sie, deren Seele nach Frieden und stillem Glück lechzte, verschmachtete in dem Höllengefühl dieses ewigen Haders, dieser niederen Gesinnung, dieser herzlosen und gemeinen Feindseligkeiten, mit welchen jeder Tag in unerträglicher Gleichmäßigkeit begann und endete. Ein Gefühl des Ekels, des Abscheus vor diesen beiden Menschen erfüllte sie, voll Verzweiflung hob sie die Hände zum Himmel und flehte um Erlösung.

Ach, wie oft hatte sie, zum äußersten entschlossen, ihr Bündelchen packen wollen, um davonzufliehen in die weite Welt, aber ihr edles, braves Herz sträubte sich dagegen, sie verachtete den Undank von andern und sollte sich selber eines solchen schuldig machen?

Wurde ihr nicht täglich vorgehalten, was sie Gutes im Hause der Pflegeeltern genossen? Ach, daß sie jeden Bissen Brot, jedes Stückchen Zeug, jede durchwachte Stunde mit Gold hätte abzahlen können! Aber sie besaß kein Geld, sie war arm, sie war der Gnade und Ungnade dieser grausamen Egoisten anheim gegeben.

Wie ein freundlicher Lichtblick in ihre Verlassenheit kam die Reise nach der Schweiz.

Sonst hatte sie daheim bleiben und als Aschenbrödel das Haus hüten müssen, jetzt aber hielten es die Pflegeeltern für sicherer, sie mitzunehmen, denn der alte Drachen von einer Schwägerin, welche ehedem noch bei Rats lebte, und die besondere Aufgabe hatte, das junge Mädchen zu überwachen, war im letzten Winter gestorben.

Da geboten Vorsicht und Bequemlichkeit, die Nichte in diesem Jahre mitzunehmen und Charitas jubelte zum erstenmale vor Freude und genoß all die Wunder der Schönheit, welche sich ihr in dem herrlichen Schweizerland erschlossen, anfänglich mit Entzücken und Wonne.

Bald aber ließ gerade diese paradiesische Schönheit ihrer Umgebung, das lustige, glückselig sprudelnde Leben ringsum, die jauchzende Sprache eines ungetrübten Genusses, welche ihr jeder Luftzug entgegentrug, den schroffen Gegensatz zu ihrem freudlosen Reisen doppelt stark hervortreten, und mehr denn je empfand Charitas ihre namenlos traurige Vereinsamung inmitten der reichen, lockenden, lachenden Welt.

Da kam ein zweiter Sonnenstrahl und fiel leuchtend in ihr krankes Herz.

Sie fand, ohne ihn gesucht zu haben, einen Freund.

Jene erste Begegnung mit Josef von Torisdorff glich der Schwalbe, welche lieblichen Lenz verkündet. Ihr folgen mehr und mehr – in jubelndem Schwarm, bis der Sommer gekommen ist und die Rosen aus der Knospe brechen.

Droben auf dem lauschigen Pfad der grünen Bergwildnis erblühte ungeahnt und ungesehen für zwei junge Menschenherzen die Blume des Glücks.

Noch gingen sie blinden Auges an ihr vorüber, aber sie atmeten schon jetzt wie in süßer Ahnung ihren Duft, sie hörten das leise Klingen und Flüstern ihrer Blätter im Wind, und sie schlossen die Augen nur desto fester in bebender Angst, ein seliges Traumgebilde vorzeitig zu zerstören.

Es hatte keines zu dem anderen gesagt: »Komm wieder!« – Wenn aber die Bergfirnen unter dem heißen Kuß der Morgensonne purpurn erglühten oder wenn die ersten zarten Duftschleier träumerischen Abendfriedens um die dunklen Tannen wehten, dann erklang auf dem moosigen Pfad ein eiliger Schritt, das lichte Sommerkleid wehte wie winkender Gruß schon von fern, und der junge Priester stand mit verklärtem Angesicht droben unter den Platanen und bot der Nahenden mit festem Druck die Hand.

Ja, sie waren Freunde geworden.

Sie saßen nebeneinander auf den moosigen Felsen und verhehlten sich nichts von allem, was ihr Leben an Freud und Leid gebracht.

Zwar nannte Josef nie den Namen seines Stiefvaters, wie er über die unglücklichste Zeit seines Daseins sich unverbrüchliches Schweigen auferlegt hatte.

Aber er erzählte von seiner Kindheit, von dem so trauten Leben in der Residenz, ehe seine Mutter einen Wechsel in ihren Verhältnissen eintreten ließ, an welchem er leider Gottes die Schuld trage, eine Schuld und Verantwortung, welche all sein friedliches Glück gemordet.

Charitas blickte mit einem Ausdruck tiefster Ergriffenheit in sein Antlitz.

»Noch ehe ich Sie persönlich kannte, habe ich über das Unbegreifliche nachgedacht, wie es wohl gekommen sei, daß Sie sich dem ernsten, entsagungsvollen Beruf des Priesters zugewandt. Ist es indiskret, wenn ich diese Frage auch jetzt noch erwäge, ja, wenn ich sie Ihnen sogar ehrlich ausspreche? Ich habe ja versucht, sie mir zu beantworten, aber nach allem, was Sie mir soeben angedeutet haben, sehe ich doch ein, daß ich Sie nicht richtig beurteilt habe.«

Er lächelt. »Sie werden geglaubt haben, was die meisten Menschen als Grund meiner Sinnesänderung annahmen. Wenn ein Bonner Korpsstudent, der zwar nie ein Genußmensch, aber auch kein Duckmäuser war, sondern im gemäßigten Fahrwasser des breiten Stromes mitschwamm, wenn dieser Beneidenswerte, der über Titel und Mittel verfügt, um dem Leben abzugewinnen, was es begehrenswert macht, wenn der urplötzlich das bunte Band und den Schläger an den Nagel hängt, um Priester, oder gar Mönch zu werden, so kennt die große Menge nur eine Frage: ›où est la femme?‹ und diese Frage stellen auch Sie, Fräulein Charitas?«

Sie errötet ein wenig, weil er das Rechte getroffen, aber sie erwidert freimütig seinen Blick und nickt sehr ernsthaft.

»Gewiß, ich bin nicht sehr originell in meinen Gedanken, sondern zähle sehr zu den platten Philosophen, welche zuerst nach dem Nächstliegenden greifen. Ein bißchen Poesie und Romantik spukt ja stets in einem Mädchenkopf, und, ehrlich gestanden, es würde mich freuen, mich überzeugen zu können, daß es auch heute, am fin de siècle, in dem kaltherzigen, nüchternsten Jahrzehnt noch eine Toggenburgliebe gibt, welche alle Verleumdungen der Männerherzen Lügen straft!«

Wieder huscht ein Lächeln um seine Lippen, aber ein gar wehmütiges, und während er mit der Fußspitze die zarten Grasrispen hin und her neigt, schüttelt er langsam, gedankenversunken den Kopf.

»Vergeben Sie mir, wenn ich Ihnen einen schönen Wahn zerstören muß. Auch Illusionen können beglücken, darum ist es grausam von mir, sie Ihnen zu nehmen. Aber Sie fragen mich. Freiwillig hätte ich Ihnen wohl nicht darüber gesprochen, da Sie mir aber nun bewiesen, daß mein Schicksal Ihnen wahrlich nicht gleichgültig, nicht nur eine Episode ist, amüsant zu hören und gut genug für kurzen Zeitvertreib, so sollen Sie erfahren, Charitas, was außer Ihnen nur noch Gott der Herr allein weiß. Nicht die Liebe hat mich in das Kloster getrieben, sondern die Schuld!«

Er blickt jählings auf, in ihr Auge. Sie schrickt nicht zusammen, sie weicht nicht entsetzt von ihm zurück, sie hebt nicht staunend, nicht beschwörend die Hände mit dem zitternden Ruf: »Welch ein Verbrechen begingen Sie?!«

Ihr Antlitz wird nur um einen Schatten bleicher, als sie tief aufatmet und leise fortfährt, als er noch immer schweigt: »Eine Schuld? – Dann war es doch wohl nur eine solche, welche kein irdischer Richter und wohl auch der ewige droben nicht anerkennt?«

Er springt empor, er schreitet vor ihr auf und nieder, als müßte er einen Sturm bekämpfen, welcher ihn plötzlich bis in jeden Nerv und jede Faser hinein schüttelt. Und dann bleibt er stehen, preßt die Hände gegen die Brust und blickt ihr in das Antlitz, so wundersam, so tief ergriffen, wie ein Gerichteter, welchem plötzlich ein Wort der Gnade das Leben wiederschenkt.

»Sie trauen mir nichts Böses zu, Charitas«, sagt er mit erstickter Stimme, »nicht mir und nicht jenem anderen! Ich danke Ihnen für diesen guten Glauben, welcher mich vor mir selber wieder wert macht, welcher meinem Leben einen neuen Inhalt gibt. Wenn man sich selber für einen Paria hält, so thut es wohl, Augen zu finden, welche kein Kainsmal, sondern nur das Gute an uns sehen. – Nicht nur Mord und Totschlag sind eine Schuld, Charitas, es gibt auch eine moralische, welche noch schwerer zu lasten vermag wie jene, denn sie bedrückt keine gewissenlose Verbrecherseele, sondern im Gegenteil, die empfindsamste, in ihren heiligsten Gefühlen gekränkte Ehre!« Der Sprecher sank auf den Felsblock zurück und stützte das Haupt schwer in die Hand. »Ein Mann, welcher mir nahe stand, dessen Namen die Welt in einem Atem mit dem meinen nennt, mein Stiefvater, hat den Anlaß zu einem schweren Unglück gegeben, durch welches viele Menschen in das tiefste Elend gestürzt sind. Und daß ich dieses Elend nicht von ihnen abwenden kann, daß ich nicht gut machen kann, was mein Stiefvater gefehlt, ist das qualvolle, erdrückende Schuldbewußtsein, welches mich in die Einsamkeit des Klosters getrieben. Verstehen Sie mich, Charitas? Können Sie jetzt mit mir fühlen und empfinden? Ich kann nicht leben und genießen, während andere durch die Schuld des Mannes, welcher vor der Welt mein Vater war, darben müssen. Es gibt keine andere Sühne, als von mir zu werfen, was ich besitze, als allem zu entsagen. Ich will abbüßen, was jener fehlte, ich will durch mein Martyrium seine Seele los und mein Gewissen frei beten!«

Es lag eine düstere Leidenschaftlichkeit, der Fanatismus eines jungen Menschen, welcher voll zäher Beharrlichkeit an einem Wahn – und sei es auch ein Irrwahn – festhält, in der Stimme des Sprechers, und sie verfehlte ihre Wirkung nicht auf die, welche ihr lauschte.

Ein tiefes, namenloses Weh bebte durch Charitas Herz – sie, die Weltfremde, Unerfahrene, an welche noch nie die großen Rätselfragen ernster Schicksalswirren herangetreten waren, konnte sich kein Bild von den Seelenkämpfen eines Mannes machen, welchen übertriebenes Pflichtgefühl und stolze Ehrenhaftigkeit zum Phantasten gemacht; sie hörte nur seine klaren, deutlichen Worte, daß er das Priesterkleid tragen müsse, wenn er nicht an verzweifelndem Schuldbewußtsein zu Grunde gehen solle.

Diese Worte rissen einen Schleier von ihren Augen, sie wußte von Anbeginn, daß eine Kluft zwischen ihnen lag – jetzt sah sie dieselbe in furchtbarer Deutlichkeit, wie sie sich aufrichtet zwischen ihm und ihr – für alle Ewigkeit.

Und ihr Herz zuckte plötzlich auf wie in herbem Schmerz, und in ihre Augen traten Thränen.

War es nur Mitgefühl, Anteilnahme an dem Schicksal des Freundes?

Sie wußte es nicht, sie gab sich auch keine Rechenschaft darüber, sie empfand es nur instinktiv, daß diese Stunde einen gar bedeutsamen Wendepunkt in ihrem Leben bilde.

Auch jetzt hatte Josef nicht den Namen des Stiefvaters genannt, und Charitas kam es nicht in den Sinn, ihn zu erfragen oder zu erforschen.

 

»Singen Sie mir wieder ein Lied!« bat Josef am anderen Tage, als er ihre Hand mit langem Druck umschloß, und sie senkte die dunkeln Wimpern und wich seinem Blick aus.

»Das wäre wie ein brennend Licht am Tage!« versuchte sie zu scherzen. »Warum mit mir selber plaudern, wenn ich so freundliche und anregende Gesellschaft habe? Meine Lieder sind nur ein Notbehelf.«

»Für mich sind sie mehr – sie sind Arznei, an welcher meine kranke Seele gesundet.«

»Sie täuschen sich. Trauer und Wehmut heilen keine Wunde. Die trüben Weisen waren Ihnen sympathisch, ein Spiegelbild Ihres eigenen Empfindens, darum thaten sie Ihnen wohl, wie ein milder Trost. Aber sie sind es nicht, sie sind heimtückische Klangperlen, welche das Herz, in welches sie fallen, ebenso schwer und krank machen, wie die Muschel, welche auch an ihrer Perle stirbt. – Nein, keine schwarzen Gedanken mehr, dazu ist die Welt zu schön und heiter und der Himmel hier droben zu nahe. – Waren Sie schon einmal auf jener Felskuppe? Nein? – ich bestieg sie auch noch nicht. Und darum frisch ans Werk! Und wenn wir droben sind, jodle ich einen Gruß zu Tinière hinüber, so frisch, fromm, fröhlich und frei, daß kein Sennerdeandel es besser machen soll!«

Er lachte mit ihr, und während sie eilig das Sommerkleid über den Füßen hochsteckte, um bequemer ausschreiten zu können, ruhte sein Blick auf ihrer schlanken, blühenden Gestalt, und es deuchte ihm, sie werde alle Tage schöner,

Charitas schien ängstlich darauf bedacht, jedes traurige Gesprächsthema zu vermeiden,

»Wir kennen ja nun einander! Wir wissen, wie es bisher so dunkel in unserem Leben war, darum wollen wir den Sonnenschein froh und dankbar genießen,«

»Und die Rosen pflücken, eh' sie verblühn!« fügte er scherzend hinzu, als seine Begleiterin sich bei den letzten Worten neigte, ein wildes Röslein vom Busch zu brechen.

»Manche Menschen nennen das Blumenpflücken eine Barbarei, und Tante ist jedesmal empört, wenn ich aus unseren Spaziergängen daheim ›Grünfutter raufe‹. Sie legt keinen Wert auf ein geschmücktes Zimmer. Ich thue es um so mehr, denn das düsterste Stübchen wird freundlich und wohnlich, wenn solch ein blühender Gruß vom Tisch lacht. Man muß die Blumen nur verstehen! – Sie sagen so viel ...«

»Namentlich die Gretchenblume!«

»Sie sagt dummes Zeug, welches man sie gar nicht fragen sollte.« –

»Sollte? Also ›man‹ thut es doch!?« Sie wandte sich eifrig zur Seite und mühte sich mit einer zierlichen Brombeerranke ab.

»Wer weiß!« lachte sie, aber ihre Stimme bebte wunderlich; »wenn nicht jetzt, so doch vielleicht später! Man soll nichts verreden, denn seinem Schicksal entgeht man nicht. »Blüht Blümlein noch so tief versteckt, die Sonne hat es doch entdeckt!« versichert ja der Dichter, und mit den Blümchen meint er die Mädchen, und die Sonne soll die Liebe sein!«

Josef antwortete nicht, er stand plötzlich still und starrte auf das geneigte Köpfchen, dessen goldene Löckchen in der Sonne flimmerten.

Jetzt nicht! Aber später ... dann kommt die Sonne, die große, strahlende Liebessonne, die geht über diesem einsamen, tiefverborgenen Mädchenherzen auf, und ein Mann, ein Fremder kommt, der legt den Arm um sie, der flüstert ihr trunken vor Glückseligkeit ins Ohr – –

Josef schrickt zusammen, über ihm im Gezweig schmettert ein Vögelein aus voller Kehle, sein lieber, kleiner Sänger, welcher ihm jüngst, gleich Siegfried den Weg wies. Ist er's?

»Jetzt wüßt' ich ihm noch
Das herrlichste Weib!
Durchschritt er die Brunst –
Erweckt' er die Braut –
Brünhilde wäre sein!«

Welch ein Gedanken! –

Wie ein feuriger Blitz zuckt es vor ihm nieder und blendet ihm plötzlich die Augen. Hat er es sich denn nicht von Anbeginn sagen müssen, daß dieses liebliche, anmutige Weib begehrenswert sein muß, jedem Auge, welches Verständnis für Schönheit, jedem Herzen, welches versteht in andern Herzen zu lesen? Ist es etwas so Unfaßliches, daß sie geliebt werden und auch wieder lieben wird? Hat er nie zuvor daran gedacht? Lagen seine Gedanken im Traum?

»Jetzt wüßt' ich ihm noch
Das herrlichste Weib!«

jubiliert es über ihm, ach, Sehnende verstehen ja den Sinn dieses Vogelliedes!

Ihm? Ihm weiß er das herrliche Weib? Bist du blind, kleiner Sänger? Siehst du nicht das dunkle Kleid, Reverenda und Cingulum? Weißt du nicht, was sie bedeuten wollen? Das Herz, welches unter ihnen schlägt, und sei es noch so jung und so heiß, ist tot für dich und kein holdes Locken, und kein Strahl jener Gnadensonne, welche die Liebe heißt, kann es rettend aus diesem Todesschlafe wecken!

Hat er sich dies alles nicht tausendmal zuvor gesagt? Ist er nicht fest entschlossen gewesen, der Liebe und ihrem Glück zu entsagen?

Ja, er war es, und es dünkte ihm kein schwerer Kampf, inmitten der Welt voll lachender, glutäugiger Weiber dennoch ein sittenstrenger und sittenreiner Diener des Herrn zu bleiben.

Warum starrt er das Bild dieser seiner eigenen Überzeugung plötzlich an wie ein Schreckgespenst, welches ihm mit eiskalten Händen nach dem Herzen greift?

»Wissen Sie auch, daß Sie sich das Leben recht bequem machen, auf Kosten aller Höflichkeit und Nächstenliebe?« lacht Charitas, sich mit glühenden Wangen von den Knien aufrichtend; sie hat die duftigen Alpenblumen aus dem Moos gepflückt und hält ihm nun Germer und Colchicum heiter entgegen: »Diesen ganzen Strauß lassen Sie mich im Schweiße meines Angesichts pflücken und Sie stehen ungerührt dabei, ohne auch nur ein einziges Blättchen beizusteuern?«

Er nickt zerstreut und sieht auf die Blumen nieder. »Und wenn ich Ihnen einen anderen Strauß pflücke, bekomme ich dann diesen?«

»Wenn der Ihre noch größer und hübscher ist, tausche ich ihn opfermutig ein!«

»Ich werde wenig Glück haben; die Blumen blühen nicht für mich schwarzen Gesellen, aber vielleicht gibt es dennoch ein Knösplein, welches sich nicht vor mir versteckt, also suchen wir! Bitterklee und Thränenweiden finde ich wohl,«

»Hier schwerlich!« Charitas zwingt sich, heiter zu bleiben. »Auf den Bergen wohnt die Freiheit und die Freude, und dicht vor Ihren Füßen lächelt eine blaue Enziane sehnsüchtig zu Ihnen auf; ich glaube, sie fürchtet sich weniger vor Ihnen, wie Sie sich vor ihr, – das Bücken ist auch gar zu sauer.«

Nun muß er lachen, und laßt sich nieder auf das Knie und folgt dem Wink ihrer weißen Hand.

»Sehen Sie, ob noch etwas in Greifweite blüht, daß ich gleich drunten bleiben kann!«

»O nein, so sehr arbeite ich der Bequemlichkeit nicht in die Hände. Jetzt heißt es, sich anstrengen. Denn – wie gesagt – wenn Ihr Strauß nicht sehr viel hübscher ist wie der meine, tausche ich nicht!«

»O Opfermut – dein Name ist Weib!«

»Mit Vornamen Charitas!«

»Ich hatte eine so gute Meinung von Ihnen!«

»Das war leichtsinnig; nun haben Sie die Enttäuschung, denn bei »Mein« und »Dein« hört jede Güte auf!« – Sie eilte leichtfüßig durch das wogende Gras eine kleine Anhöhe empor, wo die roten Steinnelken und der wilde Thymian ihr entgegennickten.

Er aber hob den Arm und pflückte das duftende Jelängerjelieber, welches seine üppigen Blattschlingen bis empor unter das Gezweig der Bäume flocht.

Und dann sah er ihr nach, wie sie droben stand. Die schlanke Gestalt zeichnete sich gegen den steckenlosen Himmel ab wie ein Marmorbild, welches Leben gewonnen.

Der weiße Kleiderrock wehte, sie hob die Hand beschützend über die Augen und spähte weit hinaus ins Thal. Und das goldbraune Haar leuchtete wie das Laub des Edelweiß.

Ja, hier blüht's vor seinen Blicken.

Versteckt es sich auch vor ihm? – Nein, es winkt ihm sogar lächelnd zu: »Komm auch!«

Ach, daß er emporstürmen könnte ...

Josef streicht plötzlich mit bebender Hand über die Stirn. Welche Gedanken! Wie fallen sie plötzlich über ihn her, gleich Wölfen im Schafspelz.

Was ficht ihn an? Tobt ihm das Fieber in den Adern und wirbelt ihm Wahngebilde durch das Hirn? Ach, warum sprach sie von dem andern, der einst kommen wird!

Der Schatten dieses Fremdlings ist in all den lichten Sonnenglanz gefallen und hat den Tag verfinstert. Darf es geschehen? Gehört es nicht zu dem Martyrium der Entsagung, daß er neidlos und wunschlos vor Gottes Altar steht, die Hände der Liebenden in ewigem Bund zu vereinen?

Der Liebenden! – Mögen sie kommen von nah und fern! Er will der Braut in das strahlende Antlitz schauen und ruhigen Herzens den Segen über sie und den Ring an ihrem Finger sprechen – nur Charitas soll es nicht sein, welche als Weib eines andern vor ihn tritt!

Wehe ihm! – Charitas steht ihm so fern – so ewig fern wie all die andern Weiber auch, – und wie er auch mit blutendem Herzen zu dem lichten Edelweiß emporschaut, – es gähnt ein Abgrund zwischen ihnen, über welchen kein Steg und keine Brücke führt.

»Warum kommen Sie nicht? – Sie ahnen nicht die Pracht, welche Ihrer hier harrt! – Ich werde Entree nehmen, wenn Sie nicht eifriger bei der Sache sind, – oder Ihnen den schönen Jodler, mit welchem ich Sie hier oben am Ende der Welt begrüßen wollte, vorenthalten!«

Wie heiter sie seit den letzten Tagen ist! Wie sie scherzt und gar nicht ahnt, welche Stürme in ihrer nächsten Nähe ein armes Menschenherz durchtoben. Wie fern liegen ihr die Gedanken, welche ihn plötzlich heimsuchen! Wie blind bleibt sie, wo ihm von Minute zu Minute die Augen sehender werden!

Gar schwer wird es ihm, auf ihr lustiges Geplauder einzugehen.

Seine Stimme klingt heiser und fremd, als er ihr antwortet, aber er umschließt die paar Blüten, welche er gepflückt, mit krampfhaftem Druck und steigt bergan.

Sie steht im goldenen Sonnenglanz, von Wind und Halmen umspielt und sieht ihm entgegen. Und als sie seine schöne, ritterliche Gestalt sieht, und das geneigte Antlitz mit den so wunderbar düstern und dennoch edeln, durchgeisteten Zügen, da fühlt sie wieder das heiße Weh im Herzen, welches sie sich nicht deuten kann. Verloren für die Welt, – verloren für das Glück!

Warum empfindet sie es so tief und schmerzlich? Ist es denn ihr eigen Glück, welches an diesem dunklen Priesterkleid zu Grunde geht?

Er ist ihr fremd, – er steht ihr ewig fern, – warum klagt sie?

Als sie den »Ekkehard« gelesen, zitterten ihr auch die Thränen an den Wimpern, Das war die bittersüße Wehmut solcher Poesie, welche die tiefsten Tiefen des Menschenherzens rührt. Ist's auch jetzt das gleiche Empfinden?

O nein, – Josef von Torisdorff ist nicht der Mönch vom hohen Twiel! Jener liebte, – und seiner Liebe bittere Not war sein Unglück.

Josef liebt nicht. Sein Herz schlägt kühl und leidenschaftslos in der Brust, einzig blutend an der Wunde, welche man seiner Ehre, seiner Gewissenhaftigkeit geschlagen!

Das ist keine Poesie, – wenigstens nicht in Mädchenaugen.

Warum beklagt sie ihn? – Bestimmte er sich sein Geschick nicht selbst?

Nein, ihr Herzeleid gilt nicht ihm.

Wem sonst? – ihr selbst? – ihr?

Charitas drückt plötzlich die Hand vor die Augen, als könne sie sich blind machen gegen ihre eigenen Gedanken.

Und dann flammt es in ihr auf wie eine tödliche Angst, wie eine spröde, jungfräuliche Scheu, welche vor dem traumhaften Geheimnis ihres eigenen Herzens zittert, und sterben würde vor Scham und Entsetzen, wenn gar ein anderer solch wahnwitziges Denken und Sinnen auch nur ahnen würde.

Die keuschen Frauen sind gegen den Mann Meisterin in der Selbstbeherrschung und tugendhaften Verstellung. Sie lächeln, wenn sie weinen möchten, sie kämpfen wie Heldinnen gegen sich selbst und ihre Leidenschaft, sie vermögen ein Antlitz zu zeigen, ruhig und friedvoll, während ihr Herz verblutet unter den Todesstreichen, welche es zerfleischen.

»Ist's nicht brav von mir gewesen, Sie zu rufen? Vielleicht bekommen Sie angesichts dieses Freundschaftsdienstes doch noch einmal die gute Meinung von mir, welche sie vorhin verloren haben?«

Sein Blick schweifte an ihr vorüber über das Bild unendlicher, landschaftlicher Schönheit, welche sich vor ihm entrollte.

»Eine schöne, große Lüge!« nickte er herb.

»Eine Lüge?«

»Sehen Sie, wie sonnig die Welt vor mir liegt! Sie spricht mit tausend blühenden Kelchen, mit tausend goldenen Sonnenstrahlen – mit all dem überschwenglichen Schimmer, welcher sie schmückt: Ich bin eine lachende, glückselige Erde! Ich bin die Heimat des Glücks! Ich liebe die Menschen und gebe ihnen, was ihr Herz begehrt! So spricht sie – ist es wahr?«

»Im allgemeinen ja' gerade die Ausnahme beweist die Regel, und Sie sind – Gott sei es geklagt – eine Ausnahme.«

»Und Sie?« – Wie er sie ansah – welch ein angstvolles Forschen in seinem Blick.

Charitas lächelte: »Bis jetzt sah mein Leben ja auch aus, als ob ich eine Niete in der großen Glückslotterie gezogen hätte – aber die letzten Tage haben mir schon gezeigt, daß nicht nur das Glück, sondern auch das Unglück wandelbar ist. Wäre ich nicht das undankbarste Geschöpf in der Welt, wenn ich in diesem Augenblick klagen wollte? Was fehlt mir? Ich bin so froh – so frei – so umgeben von aller Herrlichkeit Gottes, so treu geschützt durch einen guten Freund, daß ich mit keiner Kaiserin tauschen möchte.«

Voll inniger Rührung ruhte sein Blick auf ihrem lieben, lächelnden Kindergesicht.

»Und wenn diese kurze, schöne Zeit vergangen ist – wenn die Sonne wieder untergeht in Nacht und Leid?« murmelte er.

Da schlang sie die Hände ineinander und blickte empor zu dem blauen Himmel und antwortete leise und schlicht: »So werde ich auch dann noch nicht verzagen und den Glauben an die wahre göttliche Sprache dieser blühenden Welt verlieren – sie hat mir jetzt nicht gelogen und wird es auch künftighin nicht thun – meine Zukunft steht in Gottes Hand!«

Da ergriff eine bebende Rechte die ihre; – hastig, übermannt von einem Empfinden, welches sein ganzes Wesen und Sein zu verklären schien, neigte sich Josef und drückte die heißen, zuckenden Lippen auf diese kleine Hand.


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