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X.

Die Frage des jungen Mädchens hatte wohl bezweckt, die Unterhaltung, welche für zwei wildfremde Menschen schon ungebührlich lange gewährt, auf schickliche Art abzubrechen, um so betroffener blickte sie auf Josef, welcher so ruhig nach ihrem Schirm griff und ihn wie in selbstverständlicher Höflichkeit momentan in der Hand hielt, abwartend, ob ihn die junge Dame benutzen oder denselben ihm, als Träger, überlassen wolle.

Sie zögerte einen Augenblick und preßte wie in kurzem Überlegen die schön geformten Lippen zusammen. Dann traf ihr Blick Reverenda und Cingulum und sie atmete beruhigt auf.

Ihr Blick traf voll und ehrlich den seinen.

»Meine Pflegeeltern denken ganz außergewöhnlich streng und haben mir jedweden Verkehr mit Herren aufs entschiedenste untersagt; ich würde gewiß nicht gewagt haben, mit Ihnen zu sprechen, wenn sie zu dem großen Touristenschwarm der Landstraße gehörten! Aber ein katholischer Priester ist wohl nur ein Schutz und keine Gefahr für ein junges Mädchen, und ich denke, Onkel und Tante werden nichts dagegen haben, wenn Sie mich auf meinem Spaziergange begleiten. Ist es Ihnen recht, so steigen wir noch bergan, – der Blick ist von droben so wunderschön, ich erfreue mich jeden Abend daran.«

Sie faßte das Kleid etwas höher, daß seine weichen Falten die Gräser und Rispen nicht knickten, und wandte sich dem schmalen Pfad, welcher waldeinwärts führte, zu.

Eine Blutwelle hatte sich über Josefs Antlitz ergossen, als Charitas voll reizender Naivetät ihn für einen absolut ungefährlichen Menschen erklärte. Ihr treuherziger Glaube an seine priesterliche Würde rührte und beglückte ihn, und dankte er ihr von Herzen diese Worte, welche die Grundlage für einen harmlos erfreulichen und freundschaftlichen Verkehr bilden werden. –

Er lächelte und versuchte zu scherzen. »Nein, ein Heiratskandidat bin ich nicht, in dieser Beziehung können Ihre verehrten Pflegeeltern völlig beruhigt sein. Ich gebe Ihnen auch vollkommen recht, daß man an einem internationalen Badeort wie Montreux niemals vorsichtig genug mit dem Anknüpfen von Bekanntschaften sein kann. Wieviele Glücksritter machen die Straßen und Hotels unsicher, wieviel zweifelhafte Existenzen verstecken sich hinter gutem Namen und ehrbarer Maske! Ich denke es mir ja für ein junges Mädchen recht langweilig, ohne jedwede Anregung, nur auf sich selbst und seinen empfänglichen Sinn für Naturschönheit angewiesen zu sein, aber ich hoffe, daß die Heimat Sie doppelt für die Einsamkeit der Fremde entschädigen wird.«

Charitas schüttelte beinahe wehmütig das Köpfchen. »Wir leben auch in Eisenach ganz still und zurückgezogen. Onkel muß in seiner Eigenschaft als Abgeordneter die längste Zeit in Berlin sein, und währenddessen bleiben wir Damen einsiedlerisch daheim, nur auf den Verkehr mit ein paar alten Freundinnen der Tante angewiesen.«

Josef blickte die Sprecherin überrascht an. »Sie besuchen gar keine Bälle und Gesellschaften? Sie besitzen keine gleichaltrigen Genossinnen?«

»Nichts von alledem. Mein Leben verläuft so einförmig und einsam, daß mir die bunte, schöne Welt mit all ihrer Lust und Freude bisher ein verschleiertes Bild geblieben ist.«

»Welch eine Unnatur! Haben Ihre Angehörigen denn einen besonderen Grund, Sie so völlig von dem Leben abzuschließen?«

Charitas seufzte tief auf, ihr feuchtglänzender Blick traf momentan den seinen. »Nein, ich wüßte keinen! Tante ist kränklich und haßt alle Unbequemlichkeiten, welche ihr durch Geselligkeit ja unerläßlich bereitet würden, auch denkt sie zu viel an sich und ihr Leiden, und der ganze Tag geht in Pflege und Wartung auf.«

Und Ihr Herr Onkel?«

Ein seltsames Zucken ging um die Lippen der Gefragten. »Onkel ist ein sehr eigenartiger Charakter, sein Klub genügt ihm, er bedarf und verlangt keine weitere Anregung.«

»Und an Sie und Ihre Jugend denkt niemand?«

»O, wohl nicht im bösen!« klang es leise, sehr leise zurück. »Ich kann ja nicht verlangen, daß sich die alten Leute irgend welche Last um meinetwillen aufbürden sollen! Ich habe ihnen so viel Mühe und Unbehagen in meiner Kindheit bereitet, bin ihnen so ungewünscht unter das Dach geschneit, daß ich ja nur für alle Opfer danken, aber nicht neue beanspruchen kann.«

»Sind Sie schon lange im Hause der Pflegeeltern, Fräulein Reckwitz?«

»So lange ich denken kann, – meine Eltern habe ich nie gekannt.« Die Sprecherin atmete schwer auf; wie heimliches Schluchzen klang es durch ihre Stimme.

Josefs Hand umkrampfte den gewundenen Griff des Sonnenschirms.

»Und fanden Sie bei den Pflegeeltern nicht all die Liebe, welche Ihnen Vater und Mutter ersetzte?«

Da brach ein Blick aus ihren sammetfarbigen Rehaugen, welcher dem Frager durch Mark und Bein ging. Sekundenlang sah Charitas zu ihm auf, dann sank ihr Haupt wie eine tauschwere Blüte zur Brust.

»Es ist nicht jedermanns Sache, Kinder zu lieben und zu dulden; eigene sind wohl eine Wonne für jedes Frauenherz, fremde können gar leicht eine unbequeme Bürde werden. Aber darüber kann man niemand einen Vorwurf machen, die Menschen sind ja so verschieden beanlagt, es liegt in ihrer Natur. Meine Kindheit war wohl eine traurige, aber ganz so liebeleer und öde wie mein jetziges Leben war sie dennoch nicht. Ich ging zur Schule! O, mit welcher Freude, mit welcher Dankbarkeit gegen alle die, welche dort so freundlich und gut zu mir waren! Die Lehrer und Lehrerinnen hatten mich lieb, meine Freundinnen standen mir nah wie Schwestern, – ich konnte sagen und klagen, was mein Herz bewegte, – o, es war eine glückliche Zeit! – Dann siedelten wir nach meiner Konfirmation nach Eisenach über; ich war dort fremd und einsam, kannte keine Menschenseele, und je älter ich wurde, desto trostloser und qualvoller empfand ich diese Vereinsamung!«

Josef blieb stehen, seine Stimme klang durch die Zähne: »Nun verstehe ich Ihre Lieder!« stieß er kurz hervor.

Charitas strich die goldbraunen Löckchen aus der Stirn und wandte ihm mit kindlich offenem Blick das Antlitz zu.

»Klangen sie so traurig? Ich weiß es nicht. Ich hatte nur die Sehnsucht, meine Gedanken auszusprechen. Ich bin so viel allein. Mit den Blumen und den gefiederten Sängern des Waldes zu reden, kommt mir so thöricht vor, da bleiben nur die Lieder. Ich habe nicht singen gelernt, die Stunden waren so teuer, aber ich lauschte manche Weisen einer Sängerin ab, welche daheim neben meinem Zimmer wohnt. – Und ich singe so gern, namentlich hier, wo ich die Empfindung habe, meine Stimme klingt geradezu in den Himmel hinein, und der liebe Gott hört es besonders deutlich, wie es mir ums Herz ist. –- Ich habe es ja nicht alle Tage so gut, einem solch freundlich teilnehmenden Blick zu begegnen wie dem Ihren, – und daß ich Ihnen dies alles so ehrlich sage? – eigentlich schickt es sich wohl nicht, Sie sind mir ja fremd, aber dennoch weiß ich, daß es in Ihrer Kirche eine Ohrenbeichte gibt. Da sind Sie es gewiß gewöhnt, in der Leute Herz zu schauen, und verargen mir mein Geplauder nicht. – O wenn Sie wüßten, welch eine Wohlthat es für mich ist, mit Menschen zu reden, – selbst auf die Gefahr hin –« sie zögerte und blickte forschend in sein ernstes, beinahe finsteres Gesicht – »nicht ganz verstanden zu werden!«

Er schrak wie aus tiefen Gedanken empor. »Wie meinen Sie das?« fragte er hastig.

Ihre ganze Seele spiegelte sich auf dem lieben, treuherzigen Kindergesicht.

»Nun, ich denke, ein Mann, welcher selber die Einsamkeit und Abgeschlossenheit von allem Leben zu seines Daseins Ziel und Zweck erkoren, kann es nicht recht begreifen, wie ein junges, warmes Herz sich nach Welt und Leben sehnt. Ich thue es! Warum soll ich ein Hehl daraus machen? Ich jammere nach meinem toten Mütterchen; hätte ich sie, brauchte ich nichts weiter. Aber ich bin ganz allein. Draußen in dem Hasten und Treiben würde ich mein Leid wohl eher vergessen, ich würde vielleicht lustig und froh sein können, jung wie andere Mädchen auch, ich würde Freundschaft und Liebe finden und glücklich sein! – Ist es eine Schuld, sich nach dem Glück zu sehnen? Ist es eine Versündigung, wenn man den lieben Gott danach anruft? – Ich thue es, – alle Tage, – ist es nicht recht von mir?«

Charitas schwieg beinahe erschreckt; sie sah den seltsamen ungeheuren Eindruck, welchen ihre Worte auf den jungen Priester machten.

Josefs Lippen bebten, er wollte in leidenschaftlicher Erregung die Hand der Sprecherin fassen und rufen: »Ist es eine Schuld, so haben wir beide uns versündigt!« – Aber er preßte nur die Lippen zusammen und schüttelte mit jäher, heftiger Bewegung das Haupt. Vor ihnen lichtete sich der Wald, – smaragdgrün funkelnd im hellen Sonnenlicht, besät von Milliarden blitzender Tautropfen dehnte sich die Alpmatte am Bergeshang empor, zu ihren Füßen aber, schroff abfallend, gähnte die waldige Kluft, und über sie hinwegschweifend haftete der Blick auf dem überschwenglich schönen Bild des Genfer Sees mit seinem jenseitigen, alpenbegrenzten Ufer.

Das Haupt des Dent du midi grüßte mit schimmernder Zinkenkrone zu ihnen herüber, Glocken tönten empor und das fröhlich belebte, üppige Bild der villengesäumten Landstraße sandte mit wirren Klängen und gedämpftem Jubelschrei seinen Gruß hinauf.

Josef riß seine Kopfbedeckung vom Haupt und breitete in jähem, leidenschaftlichem Entzücken die Arme aus.

»Wie schön, wie zauberhaft schön ist Gottes Welt, in welcher trotz allen Leids dennoch das Glück wohnt! – Nein, Fräulein Charitas, Sie sündigen nicht, wenn Ihre süße Unschuld es von Gott erbittet! Des Gerechten Gebet vermag viel, wenn es ernstlich ist! – Glauben Sie nur, so wird es auch erhört!«

Er sprach hastig, den Blick von ihr angewandt, so erregt und mit leuchtenden Augen, als rede er mehr zu sich selbst als zu ihr. Und der würzige Morgenwind strich über die Häupter der beiden einsamen Menschen, und ein leises Echo trug den Klang des Wortes zurück, wie eine prophetische Verheißung des Himmels.

 

Mit hastigen Schritten näherten sich Charitas und Josef der Printaniere.

Sie hatten sich bei all dem Plaudern und glückseligem Genießen der morgenfrischen Schönheit verspätet, und das junge Mädchen flog ihm schließlich wie ein flüchtiges Reh den letzten Abhang des Gartens voraus, als die Turmuhr von Neufville acht leis verhallende Töne über den See herüberzittern ließ.

»Wenn Tante aufwacht und ich bin nicht zur Stelle, ist sie den ganzen Tag ärgerlich auf mich!« flüsterte sie noch mit sorgenvollem Blick, reichte ihm herzlich die Hand entgegen und fügte leise hinzu: »Ich danke Ihnen für all Ihre guten Worte, welche mich lange begleite» werden!« Dann noch ein Lächeln und Nicken – und der Wind wehte die weißen Rockfalten um ihre graziösen Füße, als sie, ohne das Haupt zu wenden, durch Gras und Blüten hinabeilte.

Er folgte nicht, er blieb stehen und sah ihr nach, und ein Vöglein schwang sich jubelnd über seinem Haupt, dasselbe wohl, welches ihm vorhin den Weg gezeigt, und sang abermals:

Wonnig und weh'
Web ich mein Lied –
Nur Sehnende kennen den Sinn!

Die Villa lag noch still und traumbefangen in dem lauschig grünen Kranz von Bäumen, als Charitas atemlos über die Schwelle trat. Das Zimmermädchen stand seitlich am Vorplatz und bürstete Kleider, sie grüßte, freundlich lachend, zu Fräulein Reckwitz herüber und nickte beruhigend: »Die Herrschaften schlafen noch!«

Gottlob! Charitas preßte momentan die Hände gegen die Brust und blieb atemschöpfend stehen. Gerade heute hätte sie es doppelt schmerzlich empfunden, die Pflegeeltern schelten und tadeln zu hören, heute, wo ihre ganze Seele so leicht und froh war, wo ein Gefühl niegekannter Freude und Neubelebtheit sie durchströmte, wo alle ihre Gedanken noch bei der Begegnung mit dem Fremden weilten.

Dem Fremden? – O wunderbar! Er war ihr nicht fremd, obwohl sie zum erstenmal im Leben in seine Augen geschaut! Er stand ihr so freundlich und teilnehmend, so Vertrauen heischend und warmherzig gegenüber wie ein Bruder, vor welchem man keine Scheu und Zurückhaltung kennt.

Es lag eine solch harmonische Übereinstimmung in ihrem Denken und Empfinden, als ob sie schon jahrelang in treuer Freundschaft die Gedanken ausgetauscht hätten!

Die Wangen des jungen Mädchens blühen so frisch, wie die wilden Rosen am Strauch, ihre sanften Augen leuchten wie verklärt und die schlanken Hände beben, als sie geschäftig die Kakaobüchse herbeiholt, das Flämmchen unter dem Spirituskesselchen entzündet und die beiden Tassen für die Pflegeeltern auf dem Tablett zurechtstellt.

Sie war es von daheim gewöhnt, Mädchenarbeit zu verrichten und Onkel und Tante zu bedienen, sie that es ohne Murren und gern, mit dem Eifer und der freudigen Schaffenslust eines jungen Weibes, welches seine Kräfte gern nützt und sich vor keiner Arbeit scheut.

Was hatte sie auch anders als Arbeit!

Sie allein füllte die fürchterliche Eintönigkeit und Öde ihres Lebens daheim aus, sie half hinweg über die qualvollen Stunden des Verlassen- und Verlorenseins, sie war ihr zur Wohlthat, zur Freundin und Trösterin geworden. Auch hier, wo sie zum erstenmal die Pflegeeltern auf einer Reise begleiten durfte, blieb die Arbeit ihre Begleiterin bei Tag und Nacht.

Sie war ja nicht hergekommen, um sich zu erholen, um eine Freude zu haben, oder das Schöne zu genießen, sie war lediglich da, um den Pflegeeltern Unkosten zu ersparen, denn die Tante konnte ohne die weitgehendste Bedienung nicht zu Ende kommen, und eine Masseuse, welche stundenlang ihren Körper kneten und reiben sollte, hätte allein ein Kapital verschlungen.

Da entschloß man sich murrend, das »Ding« mitzunehmen, man hatte dann die gewohnte Bequemlichkeit und sparte das Trinkgeld für die Zimmermädchen.

Charitas hatte alles geordnet, sie setzte sich auf einen Stuhl nahe der offenen Balkonthür und blickte in die wonnevolle Welt hinaus!

Wie sonnig und duftig war sie plötzlich! Gar nicht mehr so leer und arm wie zuvor!

Seltsam, wie die große, weite Erde mit all ihren viel Tausenden von Menschen doch nur eine Wüste ist, wenn all diese Tausende fremd und kalt an uns vorübergehen, und wie reich, wie lebensvoll und traut sie ist, wenn nur ein einziges Herz uns freundlich und teilnehmend entgegenschlägt.

Gestern noch sah sie den jungen Freiherrn durch den Garten gehen, sie wähnte, er kehre von Chillon oder Montreux zurück.

Ihr Blick hatte lange und nachdenklich auf ihm geruht, diesem jungen Ekkehard im Priesterkleid, welcher sich freiwillig von dem bunten Leben und aller Daseinsfreude abgewandt, die sie mit jungem, glückzitterndem Herzen ersehnte.

Lina, die Kammerjungfer der kranken Baronin, hatte erzählt, ihr junger Herr wolle Mönch werden, das Priestergelübde habe er schon abgelegt, nun warte er wohl nur auf den Tod der Mutter, um vollends ins Kloster zu gehen.

Seltsam, so jung und so entsagungsvoll!

Charitas ist ja nicht vergnügungssüchtig, sie verlangt ja nicht Spiel und Tanz und berauschende Lustbarkeiten, nur ein paar frohe, heitere Menschen, mit welchen sie jung sein kann, bei denen sie Zerstreuung und Erholung findet, wenn die Last des Tages gar zu erbarmungslos auf ihr gelegen.

Torisdorff besitzt eine Mutter! – er besitzt in ihr den höchsten Schatz, das teuerste Kleinod, welches einem Menschen werden kann. Das freundliche Schicksal hat ihm einen vornehmen Namen und anscheinend doch auch genügende Mittel gegeben – warum verachtet er die Welt, wirft dies alles von sich und begräbt sich hinter Klostermauern?

Ein träumerisches, wehmütiges Lächeln geht über das Antlitz der Sinnenden.

Eine unglückliche Liebe! Nur die allein ist es, kann es sein! Er hat entweder die Erwählte durch den Tod verloren, oder andere unüberwindliche Hindernisse sperren ihm für ewige Zeiten den Weg zu ihr!

Darum auch seine Vorliebe für traurige Lieder, darum seine seltsame Erregung, als sie von dem Glück sprach, sein ernstes Sinnen und sein Hang zur Einsamkeit, welcher ihn, den jungen Mann, schon vor der Zeit zum Greise macht.

Ein tiefes, inniges Mitgefühl überkommt Charitas. Wie beklagt sie ihn! Wie ist er doch so viel, viel unglücklicher noch wie sie! Ein altes Wort fällt ihr ein: »Wer Freundschaft und Liebe nie suchte, ist tausendmal ärmer, als wer beide verlor!«

Und dies Wort hat recht. Neben ihm schreitet durch alle Einsamkeit und alle Öde des Lebens dennoch eine lichte Huldgestalt, die Erinnerung an die Geliebte. Er nimmt ihr Bild mit sich in den Klosterfrieden und schmückt es voll treuer Liebe mit nimmer welkenden Immortellen. Er hat das süße Glück zärtlichen Empfindens kennen gelernt, er hat der Liebe süße Macht empfunden, sein Leben war kein vergebliches, es war in allem Leid dennoch gar reich an Glück. Sie aber geht ihren dunklen Weg so ganz allein. Kein Stern ist ihr jemals erstrahlt, kein warmer Lenzeshauch hat je eine Knospe in ihrem Herzen wachgeküßt, kein liebes, teures Bild hat sie voll Wonne oder Weh als Heiligtum in ihrem Herzen aufstellen dürfen – einsam, dunkel, kalt ist es um sie her geblieben.

Ist er wahrlich ärmer noch wie sie, er, der die Liebe kennen lernte – der noch eine Mutter besitzt?

Nein – und doch leidet er wohl noch mehr wie sie. Des Weibes ewiger Anteil ist der Schmerz; sie ist zur Dulderin geboren, sie trägt auf ihren schwachen Schultern doppelt so schwere Lasten wie der Mann, still, ohne Klage, lächelnd. Des Mannes Natur aber sträubt sich gegen Weh und Leid, wie gegen ein bitteres Unrecht. Er, der gewohnt ist, trotzig gegen alles anzukämpfen, was ihn in seiner Siegeslaufbahn hemmt, er verzweifelt gegenüber einer feindlichen Macht, welche er nicht mit Fäusten packen und niederzwingen kann. Seine Titanenkraft zerschellt an einem Körnlein wahren Leids, ein Thränentropfen wird zur unerträglichen Bürde für ihn, dieweil das Weib manch schweres Thränenkrüglein ungebeugt und kaum bemerkt durchs Leben trägt.

Der Mann widersetzt sich dem Schicksal, die weiche Frauenseele beugt sich ihm, und das macht eine gleiche Last gar ungleich.

Charitas verschlingt die Hände im Schoß und lehnt das schöne Haupt lächelnd zurück.

Eine unglückliche Liebe! Diese Überzeugung erfüllt sie mit einer großen Beruhigung.

Das Bild jener Anderen und das ernste Kleid des Priesters sind die Schranken, welche ihren Verkehr mit Herrn von Torisdorff aus das neutrale Gebiet echter und harmloser Freundschaft verweisen werden.

Sie braucht nicht zu fürchten, ihrem jungfräulichen Stolz und ihrer Würde etwas zu vergeben, wenn sie die seltene Freude eines Gedankenaustausches im öfteren Sehen mit ihm genießt.

Sie kann ihm mit aller Offenheit und ehrlicher Freude begegnen, sie kann sich ohne Scheu geben wie sie ist, ohne den häßlichen Nebengedanken, er könne diesen Verkehr mißdeuten.

Der schrille Ton der Klingel läßt das junge Mädchen aus ihren Gedanken aufschrecken.

Sie eilt zur Thür und tritt ein.

Ihr erster Blick in das scharfe, grämliche Gesicht der Tante, welches ihr mit den bedrohlich funkeluden Augen unter der großen Rüschenhaube entgegenblickt, verrät ihr, daß die Fran Rätin schlecht geschlafen hat.

»Wirklich? Hörst du mich diesmal klingeln?« höhnt ihr die schrille Stimme entgegen. »Heute nacht hattest du wohl Pech in den Ohren, oder warst du zu faul, um dich zu erheben? Aber natürlich, was kümmert es dich denn, ob ich Hilfe brauche! Von Dankbarkeit ist ja keine Rede! Denkst wohl, ich hätte es als eitel Wonne empfunden, dich kleinen Schreibalg ehemals die halben Nächte herumzuschleppen, dich mit Aufopferung meiner eigenen Gesundheit zu warten und zu pflegen –«

Herr Schaddinghaus, welcher bei den letzten Worten in Schlafrock und Morgenkappe in der Thür des Nebenzimmers erschienen war und die letzten Worte hörte, konnte ein spöttisches Lächeln nicht unterdrücken. Frau Selma aber fuhr in höchstem Diskant entrüstet fort: »Und nun, wo man die kleinste Gegenleistung verlangt für all die Last, welche man gehabt, liegt die träge Person wie ein Murmeltier und rührt sich nicht!«

Erschrocken blickte Charitas in das unsympathische Gesicht der Sprecherin.

»Du hast geschellt, liebe Tante? Ach, ich bitte tausendmal um Verzeihung – ich begreife gar nicht, daß ich es nicht gehört haben sollte; ich war doch während des ganzen Gewitters auf.«

»Na natürlich, wirst wohl wieder mit dem halben Körper aus dem Fenster gelegen haben!«

»Was wünschtest du denn von mir, liebe Tante? Es thut mir gar zu leid – aber nach dem Gewitter habe ich wohl wirklich sehr fest geschlafen,«

Die Stimme des jungen Mädchens klang sehr weich. Sie kniete neben dem Bett nieder und begann den Fuß, welchen die Frau Rätin gebieterisch hinstreckte, zu massieren.

»Ein Brausepulver solltest du mir anrühren, dummes Ding! Könntest es doch bald wissen, daß Gewitter mich aufregt und ich zur Beruhigung einer Limonade oder dergleichen bedarf. Aber natürlich, irgend welche Überlegung gibt es ja bei dir zerfahrenem Geschöpf nicht. – Au! Bist du rein von Sinnen? Du drückst mir ja den Fuß aus dem Gelenk!«

»Na, sie muß sich doch rächen für die kleinen Wahrheiten, welche du ihr sagst«, schallte die heisere Stimme des Rats aus dem Nebenzimmer herüber. – Die langen Fingernägel seiner Gattin gruben sich in den weichen Arm der Nichte.

»Unterstehe dich, boshaft zu werden, nichtswürdiges Geschöpf!« zischte sie, »ich werfe dich auf der Stelle zum Hause hinaus.«

Charitas neigte das tief erbleichte Antlitz wie ein Opferlamm, welches sich geduldig seinen Peinigern überläßt. »Ich gehe, wenn du es wünschst, Taute«, murmelte sie tonlos.

»Ei gewiß! Das könnte dir schlechten Person passen, uns jetzt den Bettel vor die Füße zu werfen!« höhnte Frau Selma, aber sie sah doch ein wenig betroffen aus. »Das würde ja aller himmelschreienden Undankbarkeit die Krone aufsetzen! Sich seit Kindesbeinen an bei uns durchfüttern und hegen und pflegen lassen, und dann, Wenn es gilt, genossene Wohlthaten zu vergelten, das Bündel zu schnüren! Was willst du denn werden, he? Komödiantin oder Straßendirne? – He?!«

Herr Schaddinghaus stand mit drohend erhobener Zahnbürste bereits auf der Schwelle.

»Vorläufig bedürfte es wohl noch meiner Erlaubnis, du saubere Mamsell, ob ich dich ziehen lasse oder nicht! Noch bist du nicht volljährig und unterstehst der Gewalt deines Vormundes, und der bin ich! – Verstanden? Hast ja später noch Zeit genug, ans Abenteuer auszuziehen, für jetzt aber will ich dir noch deine Wandergelüste austreiben!«

Charitas antwortete nicht, sie war so sehr an diese moralischen Mißhandlungen gewöhnt, daß sie das Unerträgliche schweigend duldete; jedes Wort reizte die Pflegeeltern, die Schale ihres Zorns aufs neue auszugießen. Demütig, auf der harten Erde kniend, massierte sie die Tante, Glied um Glied, den ganzen Körper, eine stundenlange Arbeit, bis ihr vor Anstrengung die Arme zitterten und feuchte Tropfen auf der Stirn perlten. Zwischendurch mußte sie das Frühstück zureichen, denn die Frau Rätin trank den Kakao im Bett, und wenn all diesen Ansprüchen genügt war – dreimal in der Woche wurden noch recht umständliche Waschungen und Abreibungen vorgenommen – dann ließ sich die »leidende« Dame ohne jedwede eigene Hilfeleistung ankleiden, frisieren uud bei schmutzigem Wetter im bequemen Sitzwagen durch den Garten fahren.

Glied um Glied reihte sich das mühselige, quälende Tagewerk zusammen, zu einer Kette, deren ewig gleichmäßiger Druck die junge Sklavin ihrer Pflichten beinahe zusammensinken ließ.

Hörte die Tante auf zu nörgeln, zu ironisieren und zu schelten, so begann der Rat, seiner ewigen Unzufriedenheit Luft zu machen. Er gehörte zu den unglücklichen Naturen, welche ewig mißvergnügt sind und beim besten Willen nie zufriedengestellt werden können. Schien am Morgen die Sonne in sein Zimmer, so ächzte und stöhnte er über die verfluchte Helle, welche ihn blende und geradezu krank mache, denn seine Augen seien bereits entzündet von dem Geblitze und Gefunkel, es sei eine klägliche, mangelhafte Welt, auf welcher ein anständiger Mensch gar nicht existieren könne. Und wenn der Himmel bedeckt war, so schimpfte er erst recht, dann war's ein regnerisches Sauwetter oder ein Wind, um die Schwindsucht zu kriegen, und ein Nebel, bei welchem sich der Gesundeste die Gicht holen müßte. Die paar Tage mit Sonnenschein seien nachgerade schon zu zählen!

Kam mittags Rindfleisch auf den Tisch, so sollte es lieber Hammelfleisch sein, und servierte man anderen Tags Hammelbraten, so hatte er just auf eine Kalbskeule Appetit.

Recht konnte es ihm nie gemacht werden, und seine Gattin behauptete voll kalter Anzüglichkeit, der Oppositionsteufel sei erst in ihn gefahren seit er zum Abgeordneten gewählt, – da müßten wohl die Ansteckungsbazillen in der Luft herumgeflogen sein!

Auch heute war dem Herrn Rat a. D. die Fliege an der Wand ein Ärgernis.

Die Frühstückssemmeln waren so steinhart, daß er sich eine Säge ausbat, um sie zu zerkleinern, und dabei hätte er gestern erst betont, daß er sie ganz besonders etwas weich liebe.

»Unsinn! Gerade im Gegenteil!« fuhr Frau Selma bissig auf. »Du hast neulich geschimpft, daß sie ›knatschig und plitschig‹ seien, wie sitzen gebliebener Pudding! Da sollten sie ja mit Gewalt rösch gebacken werden.«

»Weil du sie gern knusperig ißt und keine Rücksicht nehmen willst, legst du mir diese gemeine Lüge in den Mund«, fuhr Herr Schaddinghaus wütend auf.

»Eine Lüge? Ich lüge nicht!« gellte es ihm entgegen, »Charitas, du hast es auch gehört, du wirst mir beistimmen – «

»Ich entsinne mich wirklich nicht, liebe Tante!«

»Natürlich, du heuchlerische Person steckst ja immer mit ihm zusammen unter einer Decke! Wenn es heißt, gegen mich angehn, dann marschiert ihr immer Arm in Arm! O, glaubt ihr, ich wüßte nicht längst, was ich weiß? – Natürlich, um die Herren herumschwänzeln thut ja jedes Frauenzimmer und wäre es selbst so ein häßlicher, grauköpfiger Knickstiefel wie mein teurer Gatte!«

»Bildest du dir ein, – du wärest schön?« krähte der Rat mit wieherndem Gelächter, und Frau Selmas Teint färbte sich noch um einen Schein gelber.

»O ja, ich brauche mich nicht vor harten Semmeln zu scheuen, ich trage noch keine Porzellanfabrik im Munde!«

»Aber dafür eine Perrücke wie der große Kurfürst!«

»Das ist gleichgültig, – wenn nur noch Haare auf den Zähnen vorhanden sind, um die Brutalitäten des Herrn Gemahls abzutrumpfen!«

»Das hat man billig, wenn man das Blaue vom Himmel lügt! Gegen solche Waffen kämpfen anständige Menschen ebenso vergeblich, wie auch die Götter umsonst gegen deine Dummheit zu Felde ziehen würden!«

»Ja, du hast recht, dumm war ich, wenn auch nur einmal im Leben, als ich dich rüden Kerl zum Manne genommen!«

»Ja, du nahmst mich! – Da gab es leider Gottes kein Entrinnen mehr!«

»Soll das etwa heißen, ich hätte dich gefangen?« hohnlachte Frau Schaddinghaus und rückte die Brille zurecht, um den Geliebten ihrer Seele mit vernichtendem Blick zu treffen.

»Gefangen? – Mehr wie das! – Mit Leimstiebeln! Schon damals ward ich durch Vorspiegelung falscher Thatsachen getäuscht, belogen, ins Garn gelockt! Hahaha! – Die adelige Tante mit der großen Erbschaft, hahaha, das war auch so 'ne knatschige Semmel, was?«

»Unverschämtheit!«

»Wahrheit!«

Charitas hatte längst die Thür hinter sich zugezogen; mit einer leidenschaftlichen Bewegung, wie von höchstem Ekel und Abscheu ergriffen, preßte sie die Hände gegen die Brust, und ihr mildes Dulderantlitz hob sich wie in verzweifelter Frage zum Himmel: »Wie lange soll ich das Furchtbare noch ertragen, o Herr, mein Gott?!«


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