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XXVI.

Das war ein Erfolg, wie ihn das ehrwürdige alte Hoftheater seit langen Jahren nicht gesehen hatte!

Jedermann hatte das Gefühl, daß jenes faszinierend schöne Weib auf der Bühne sich heute selber übertraf. Der Impresario riß die Augen weit auf und rieb sich schmunzelnd die Hände.

Welch einen Aufschwung nahm Dalja Samara, welch eine ungeahnte Höhe des Könnens entwickelte sie plötzlich!

Bisher hatte sie hauptsächlich durch ihre Schönheit, ihre Eleganz und Eigenart gewirkt, dies verhehlte sich wohl niemand, welcher etwas von wahrer Kunst verstand, – aber heute abend ... da lag denn doch etwas in ihrem Spiel, welches hoch über alle Mache emporragte.

Diese Leidenschaft war echt, – dieses Verzweifeln an allem war kaum noch Komödie!

Ja sterben! nur sterben! – solch finstere Entschlossenheit, solch ein Ekel vor dem Dasein war wohl noch nie zuvor in so krassen, lebenswahren Farben auf den Brettern wiedergegeben worden.

Das Publikum raste in stürmischstem Beifall.

Zuerst hatte man wohl noch vorsichtig nach der Hofloge emporgeschielt, welch eine Losung die kleinen Händchen Ihrer Majestät ausgeben würden, als man aber sah, daß die Königin, tief ergriffen, sich über die Sammetbrüstung neigte, anerkennenden Gruß hinabzusenden, da kannte man keine Zurückhaltung mehr, und als gar jene wundervolle Szene im Kerker in der überraschenden Wiedergabe des »Studienkopfes« an Frau Severas Triumphzug gemahnte, da stieg der Beifall zu nie gekannter Höhe.

Der Studienkopf!

Auch in dem Herzen der Königin erwachte die Erinnerung an eine schöne, glückliche Zeit, in welcher sie – von der Welt kaum geahnt – den seligsten aller Siege gefeiert – den über das Herz ihres Gatten, welcher ungeachtet all der blendenden Bezauberungskünste jener »Nebensonne« seiner Liebe voll begeisterter Ritterlichkeit treu geblieben!

Und dieses beglückende Bewußtsein machte Königin Ingeborg mild und nachsichtig; sie vergaß in ihrer aufrichtigen Bewunderung all das, was zwischen der letzten Begegnung mit Severa und diesem Wiedersehen lag, – sie wollte der Künstlerin vergeben, was sie der treulosen Frau ehemals so übel genommen!

Einer der Kammerherren und der Generalintendant beeilten sich, der ehemaligen Frau von Tempelburg die beglückende Mitteilung zu machen, daß Ihre Majestät den gnädigen Wunsch geäußert, Madame Samara in der Zwischenpause in dem Teesalon zu empfangen!

Severas Auge flammte, als sie diese Nachricht erhielt, sie bat um die Erlaubnis, Ihrer Majestät den Fürsten U., ihren Verlobten, präsentieren zu dürfen.

Hocherhobenen Hauptes schritt sie dem bedeutungsschweren Wiedersehen entgegen.

Rechts und links bekannte Gesichter!

Lauter Menschen, welche ehemals den Stab über sie gebrochen, welche sie nicht mehr für »voll« erachtet hatten, seit sie an Ricardo Gardenos Hand einer abenteuerlichen Künstlerlaufbahn entgegeneilte.

Jetzt, wo sie am Arm eines hochrespektablen Mannes, eines Fürsten, der Loge ihrer sehr huldvollen Königin entgegeneilte, neigten sie sich alle vor ihr, die ehemals gelästert und hochmütig den Kopf zur Seite gedreht hatten.

Und dann stand sie vor ihrer ehemaligen Gönnerin, sich küssend über die huldvoll dargereichte Hand zu beugen.

Welch ein Augenblick!

Severas Herz stürmte, ihre Pulse flogen wie bei einer Fieberkranken.

Sie fühlte und wußte es, daß dieser Augenblick der Höhepunkt ihres Lebens war.

Eine kleine Weile anregenden Plauderns, ein kurzer, kurzer Augenblick auf schwindelnder Höhe, – ein Triumphieren und Herabschauen auf Ungezählte, welche sie beneiden, – und dann zurück auf die Bretter, sich unter Blumen begraben zu lassen! –

Sterbeszenen! –

Wunderlich! – Wie oft schon ist sie voll raffiniertester Kunst auf der Bühne gestorben, ohne daß auch nur einer ihrer Gedanken bei dem tiefen Ernst solcher Darstellung war, und heute?

Wie kochte soeben noch das Blut in ihren Adern, und wie eisig kalt kriecht es ihr plötzlich zum Herzen!

Sterben! –

Wie graue Nebel wallte es vor ihren Augen, darin versinken die gleißenden Bilder voll Pracht und Herrlichkeit, welche sie soeben noch berauschten! Wie ein fernes, gleichgültiges Tosen hallt der Beifallssturm in ihren Ohren, sie vernimmt ihn kaum noch, sie verneigt sich vor dem Publikum, wieder und wieder ... wie im Traum.

Und dann eine kurze, ungeduldige Bewegung gegen alle, welche sie beglückwünschend umdrängen wollen, – gleich einer Nachtwandlerin schreitet sie nach ihrer Garderobe.

Die Kammerfrau will ihr mit einer wichtigen Meldung entgegentreten, Severa hebt mit finsterem Blick die Hand.

»Schweigen Sie! – gehen Sie! ich will allein sein!«

»Aber ... gestatten ...«

»Gehen Sie!« ruft die Gefeierte mit zornblitzendem Auge; »ich schelle, wenn ich Ihrer bedarf.«

Die Dienerin verneigt sich und zieht sich etwas empfindlich zurück; ihr Blick schweift nach der offenen Türe des Nebenzimmers, in dessen Schatten eine schlanke Männergestalt harrend steht; sie zuckt die Achseln und verschwindet. Severa aber wirft sich in einen Sessel und preßt sekundenlang die Hände vor ihr Antlitz. Wie ein kurzes, qualvolles Aufstöhnen ringt es sich aus ihrer Brust, – ein scharfes, leises Lachen ... und dann eine tiefe Stille.

Die Hände sinken nieder, das schöne Antlitz spiegelt voll unheimlicher Deutlichkeit die Gedanken, welche hinter der Stirn brüten.

Auf der Höhe!

Nun hat sie erreicht, was ein Menschenleben an höchsten Zielen bieten kann.

Und was ist es?

Sieghafte Schönheit, Reichtum, Ruhm und Glanz.

Was sie begehrte, ist ihr geworden, – – sieht so etwa das Glück aus?

Ein bitteres Lächeln irrt um ihre Lippen.

Nein! es ist kein Glück! Wehe ihm, wenn es der lechzenden Menschenseele nichts anderes bieten kann als die grauenvolle Wahrheit: »Und im Genuß verschmacht' ich vor Begierde!«

Das ist kein Glück, sondern Höllenqual, das ist kein Genießen und Ausruhen auf dem Gipfel des Daseins, sondern ein zerrinnendes Phantom, eine glänzende Maskerade der Täuschung und Sinnengaukelei, die keinen Bestand hat, deren Süßigkeit am Ende doch nur bitter schmeckt, deren brennender Durst nie gestillt wird!

Weltlust, du falsche, trügerische ohne Segen und ohne Ewigkeitsbestand, wie zerrinnst du so haltlos unter den Fingern, wenn man glaubt, dich gefaßt zu haben!

Wehe ihr, die vergeblich das wahre Glück suchte! die alle Reizmittel durchkostete und doch nicht satt wurde, die anbetend vor toten Götzen kniete und doch keinen Frieden heimtrug!

Frieden!

Wie ein Stich geht es durch Severas Herz und eine Wunde, welche lange Jahre hinter buntem Maskenflitter versteckt lag, bricht mächtig auf und blutet.

Frieden!

Da flüstert es wieder so leise und traut, wie ehemals im Mondschein unter den Blütenbäumen, Manfreds Stimme, welche ihr die Wahl stellt zwischen all der schalen Last, dem toten Glanz, den die Welt gibt, und der treuen, genügsamen Liebe, auf deren Antlitz Himmelsfrieden leuchtet!

Und sie wählte die betrügerische Lust, welche verging, ehe sie im Genuß satt geworden.

O der Torheit, der sinnlosen Verblendung!

Was ist noch auf der Welt, was jene verschmähte Liebe ersetzen kann?

Nichts, nichts.

Auf dem Gipfel aller Weltherrlichkeit erkennt sie es!

Wie öde, wie leer ... wie tot in ihrem Herzen! Ein Augenblick des Triumphs ... und das Erreichte wird langweilig wie alles andere ... und das so heiß Ersehnte verlor den Reiz und ist nur eine Scherbe mehr auf dem Trümmerhaufen aller zusammengebrochenen Illusionen!

Nichts freut, nichts reizt, nichts befriedigt sie mehr!

Eine grauenvolle, bleischwere Dämmerung lastet auf ihr, die Übersättigung schafft ihr einen Ekel vor allem ... und eine Stimme hohnlacht: Es ist alles eitel! Es ist alles Lug und Trug! – Wofür ... wozu ... warum noch leben?

Severa krampft wie in leidenschaftlicher Verzweiflung die Hände ineinander.

Ja! wofür noch leben?

Was bietet ihr denn die Zukunft? – Nichts, das sie nicht schon durchkostet hätte und von dessen Nichtigkeit sie nicht überzeugt wäre!

Wofür noch leben? Für einen Fürsten, den sie nicht liebt?

O, wie ekelt sie dieses glänzende Dasein an! Wie stirbt sie inmitten all seiner scheinbaren Herrlichkeiten an Langeweile! Eine ewige, brennende Sehnsucht im Herzen und keine Ruhe, keinen Frieden, welcher sich an dem Erreichten genügen läßt!

Nein, ruhelos, friedlos stürmt und hetzt und jagt sie weiter ... greift mit den Händen in die leere Luft und erhascht weder das Glück noch die Befriedigung!

Und solch ein Leben weiter schleppen, – noch immer weiter, wo sie doch genau weiß, daß sein Inhalt nur eine große, fürchterliche Lüge ist?

Severa erhebt sich und wankt an den Tisch.

Tief zu unterst in einem Schmuckkasten liegt ein Revolver, dieser beste Arzt für alle die, denen das Leben Herz und Seele vergiftet hat.

Ein irres, qualvolles Lächeln.

Sie nimmt die Waffe zur Hand und läßt den Hahn knacken.

Wäre das nicht ein effektvoller, dramatischer Schluß für ihr verfehltes Leben, wenn sie es gerade jetzt, gerade in dieser Stunde von sich würfe, wo die Welt sie anstaunt, ihr zujauchzt und sie beneidet als Schoßkind des Glücks, welches alles erreichte, wonach Menschen streben?

Ja, ein brillanter Abgang! ein sensationeller Tod, wie man ihn so oft auf den Brettern applaudiert hat.

Ein kurzer, scharfer Knall ... ein verkräuselndes Rauchwölkchen und alles ist vorbei, – zerstiebt, vergangen und im nächsten Augenblick vergessen!

Ihr Leben ist wie ein Rauch! – Heißt es nicht sogar in der Bibel so?

Das Leben der Gottlosen, Verworfenen und ewig Verlorenen, welches nichts hinterläßt wie einen gellen, einschneidenden Mißklang, – das Leben derer, welche keinen Frieden haben!

Gleichviel.

Ihr Leben ist ein solch inhaltloses und leeres gewesen, – es soll vergehen wie Rauch!

Mit zitternden Händen wühlt Severa die kleinen Patronen zwischen den Perlen und Brillanten heraus und ladet die Waffe.

Jahrelang hat sie damit kokettiert, sie bereit gehalten zu ihrem Schutz gegen liebestolle Anbeter oder unberechenbare Neider ..., nun richtet sie den blanken Lauf gegen die eigene Stirn, auf welcher zwischen düster gefurchten Brauen das Kainsmal des Unfriedens brennt.

»Severa!«

Ein lauter Anruf, durch welchen Empörung und Verachtung zittert, – ein Herzustürmen über die Schwelle des Nebenzimmers und ein kurzes, leidenschaftliches Ringen mit der Wahnwitzigen!

Severa ist zurückgetaumelt, als habe sie ein Schlag getroffen.

Mit weit offenen Augen starrt sie auf den Eindringling, welcher mit der kraftvollen Rechten ihr Handgelenk umklammert und die Waffe niederzwingt.

»Manfred!« schreit sie auf, glühende Blutwellen schießen in ihr Gesicht und leuchten selbst durch die Schminke, voll Verzweiflung versucht sie sich frei zu ringen, ihr Atem keucht, eine wilde, triumphierende Entschlossenheit flammt in den dunkeln Augen.

»Was willst du hier?« ruft sie außer sich voll beißenden Hohns, »mein Leben konntest du vernichten, aber über meinen Tod gebietest du nicht!«

Er zwingt ihre Hand so gewaltig nieder, daß Severa mit leisem Schmerzenslaut auf die Knie bricht. »Nein, dem Tod vermag ich nicht zu gebieten, wohl aber einer Erbärmlichen, welche ruchlos genug ist, ein entwertetes Leben noch durch Selbstmord zu beenden! Wer gibt dir das Recht, einen Namen, welchen deine braven Eltern so hoch in Ehren hielten, einen Namen, welchen auch ich führe und teuer und wert halte, derart durch den Schmutz zu ziehen und ihn zum Schluß der schamlosen Komödie durch solche Verruchtheit zu brandmarken? – Daß du gesunken bist, Severa, tief gesunken, trotz der scheinbaren Sonnenhöhe, auf welcher du triumphiertest, wußte ich lange, daß du aber nicht nur Herz, Ehre und Gewissen unter die Füße in den Schmutz tratest, sondern sündhaft genug bist, auch deine Seele für alle Ewigkeit zu morden, – das lehrte mich erst diese grauenhafte Stunde, – Gott sei es geklagt!«

Der Revolver polterte zur Erde, mit leisem Ächzen schlug Severa die Hände vor das Antlitz und sank noch tiefer auf den Knien zusammen, Manfred aber raffte die Waffe schnell empor und trat ausatmend einen Schritt zurück.

Voll tiefen Wehs ruhte sein Blick auf der zusammengebrochenen Gestalt.

»Severa!« fuhr er gemäßigter fort. »Kennst du nicht das furchtbare Geschick derer, welche ungerufen vor Gottes Richterstuhl treten? Hattest du wahrlich den zynischen Mut – um kein schärferes Wort zu gebrauchen – noch diese letzte, grauenhafte Sünde auf die Wagschale deiner Schuld zu werfen, damit sie sich nie wieder heben könne, damit sie rettungslos hinabsänke in ewige Finsternis, aus welcher kein Hoffnungsstern mehr aufstrahlt? – Denke nach! Was tatest du Gutes in deinem Leben, das solche Sündenlast heben könnte? Nichts! – nichts!«

»Nein ... nichts ... nichts ...« klang es wie ein leises Röcheln zu ihm empor, Severa schüttelte das wüste Haar aus der Stirn und starrte den Sprecher mit glanzlosem Blick an, »warum auch? – Da ich nichts Gutes empfing, – warum denn Gutes tun?«

»Solche Undankbarkeit charakterisiert dich! Unter Millionen von Weibern ist keine zweite, über welche Gottes Langmut und Güte so viel weltliche Pracht und Herrlichkeit gehäuft, wie über dich!«

Sie schüttelt mit bitterem Lächeln den Kopf. »Das hat Gott getan? – Sollte aus dessen Hand nicht Besseres kommen, als solch hohltönende Schellen?«

»Zu solchen kann auch die beste Gabe entwertet werden, wenn sie in den Dienst des Fürsten dieser Welt gestellt wird! Hast du jemals Besseres verlangt? Du standest am Scheideweg und hast selber gewählt. – Und wohin führte dich der Weg, den du Verblendete einschlugst? Graut es dich nicht selber, wenn du auf ihn zurückblickst? Da ist wohl kaum eine Stunde, welche es lohnt, gelebt zu haben! – Jene Perlen und Juwelen dort, jener Lorbeer und all die Blumen, die man über dich geschüttet, sie wiegen schwer in den Schacherhänden der Welt, aber wo blieben sie, wenn jetzt eine dieser Revolverkugeln ihr trauriges Ziel gefunden hätte? – Eine Handvoll Spreu, welche dahinstiebt, wenn der gewaltige, heilige Sturm des Todes seinen Besitzer faßt und ihn mit schwarzen Fittichen emporträgt vor Gottes Richterstuhl, wo das Gold keine Seele mehr freikaufen kann von ewigem Verderben, wo ein Schuldbuch aufgeschlagen wird, dessen blutrote Zahlen keine Bankaktie, kein Adelsbrief mehr tilgen können! – Severa! hast du in deinem verlorenen und vergeudeten Leben nie daran gedacht, wie dir in solcher Stunde der Abrechnung wohl zumute sein wird? – Hast du es auch in diesem grauenvoll ernsten Augenblick nicht erwogen, ob du bereit warst, vor deinem Gott zu stehen, ob du selber die Gnadenfrist, welche er dir noch gegeben, abkürzen durftest? – Sieh! noch einmal, vielleicht zum letztenmal, hat sein Erbarmen gesprochen, wie einst zu dem nutzlosen Baum: ›Gib ihm noch dieses eine Jahr Frist, – vielleicht daß er doch noch Früchte trägt!‹ – Willst du auch jetzt noch dieser furchtbar mahnenden Stimme dein Ohr verschließen? – Noch ist es nicht zu spät, Severa, – auch in der zwölften Stunde wird dem noch aufgetan, welcher mit zerbrochenem Herzen anklopft!«

Severa hatte sich langsam, von seinem Arm gestützt, erhoben, – sie stand halb abgewandt, die eiskalten Hände gegen die hämmernden Schläfen gedrückt, unfähig, seinem klaren, bittenden Blick zu begegnen.

Noch einmal hob der alte Trotz, die ätzende Bitterkeit ihr Haupt.

»Bist du nur gekommen, um mir all diese harten Worte zu sagen?« stieß sie rauh hervor, »dich stolz über mich zu erheben, dich zu weiden an meiner Ohnmacht und Verzweiflung? – Freundschaft und Liebe zeigten dir gewiß nicht den Weg zu mir, was also sonst?«

Er nahm milde ihre Hand in die seine und schüttelte seufzend den Kopf. »Nein, Severa, vor solchem Pharisäertum hat Gottes Gnade mich bewahrt. Ich kam als ernster Bote, – von dem Lager einer Schwerkranken ... welcher die Nachricht von dem Selbstmord ihrer Tochter wohl der bitterste Tropfen in dem Leidenskelch gewesen wäre!«

Die Tragödin fuhr zusammen, – sie hob wie in entsetzter Abwehr die zitternden Hände, unheimlich weit und groß starrten ihn die dunkeln Augen an.

»Meine Mutter ... sag's, Manfred ... sie ist krank ... sie stirbt ...?«

»Das verhüte Gott! Wäre es möglich, ihr den heißesten Wunsch zu erfüllen, um welchen sie unter ungezählten Tränen in täglichem Gebet gefleht hat, so wäre ihr teures Leben wohl noch zu erhalten!«

Severa taumelte einen Schritt näher und umklammerte seinen Arm.

»Welch ein Wunsch?«

»Ihre arme, verlorene, so innig geliebte Tochter als eine reuig Heimkehrende noch einmal an das Herz drücken zu können!«

»Gott, – o Gott!«

Einen Augenblick herrschte tiefe Stille – nur das leise Schluchzen, welches Severas ganzen Körper erschütterte, klang wie eine selige Friedensbotschaft an das Ohr des lauschenden Mannes.

Dann richtete sich Dalja Samara mit jähem Ruck empor, stürmte zum Tisch und setzte eine silberne Klingel in Bewegung.

Schon im nächsten Moment, als habe die Kammerfrau bereits voll Ungeduld auf dieses Zeichen gewartet, öffnete sich die Türe.

»Geben Sie mir Mantel und Kopftuch, – legen Sie alle Sachen hier zusammen, – ich muß sogleich nach dem Vorort X. hinausfahren ...«

»Seine Durchlaucht warten schon sehr ungeduldig im Foyer!«

»Melden Sie ihm, daß meine Mutter schwer erkrankt sei ... alles Nähere teile ich ihm morgen mit, – auch Sie werden meine Befehle erhalten. Steht der Wagen bereit?«

»Schon seit einer Stunde, – eine große Menschenmenge umlagert ihn, um Madame noch einmal zu sehen.«

Severa hört die letzten Worte kaum, sie nestelt mit bebenden Händen den kostbaren Pelz zu, und die Kammerfrau schlingt voll heimlichen Staunens den Spitzenschal um das so auffallend veränderte, leichenhafte Gesicht ihrer Herrin.

»Du begleitest mich, Manfred?«

»Selbstverständlich.«

Sie stützt sich schwer auf seinen Arm.

»Wer ist bei der Kranken?«

»Ethel pflegt sie. Wir beabsichtigen, sie so bald wie möglich zu uns in die Stadt zu holen.«

»Nein, nein, – es ist nicht nötig, – ich bin ja nun zur Stelle ... und ... und ... kann, so Gott es gnädig will, noch gut machen, was ich so schwer gesündigt.«

Leise, ganz leise, wie ein Selbstgespräch klangen die letzten Worte, – eisige Schneeluft wehte ihnen aus dem schmalen Flur entgegen, welchen sie hastig durchschritten.

Vor der kleinen Seitentür des Theaters harrte die elegante Equipage.

Lauter, stürmischer Jubel harrender Enthusiasten begrüßte die gefeierte Künstlerin.

Severa hob die zitternde Hand wie in stummem Flehen: »Schweigt, ach schweigt!«

Sie sprang in den Wagen, Manfred gab die Adresse der Rätin in dem Vorstadtort an und erklärte dem Kutscher die Notwendigkeit dieser eiligen Fahrt – die Pferde zogen mit knatternden Hufen an und fern und ferner verklang das jubelnde Hurra.

Severa aber preßte das Gesicht in die Hände und seit langen Jahren zum erstenmal stürzten die Tränen erlösend aus ihren Augen.

Manfred aber faltete mit leuchtendem Blick die Hände und schaute schweigend in die dunkle Nacht hinaus.

Sie weint! Dem Himmel sei Lob und Dank.

* * *

Jahre waren vergangen.

Der Wirbelsturm stets neuer Ereignisse fegte über die Welt, – was stolz und hoch gestanden, sank zur Ruine zusammen, was ehemals in aller Leute Mund war und die Gemüter bis zur Fieberglut erregte, war überwunden und vergessen.

»Das Alte sinkt, es ändern sich die Zeiten« und der Name Dalja Samara wäre wohl auch wie ein Hauch verklungen, wenn nicht hie und da in der Nationalgalerie die Menschen vor dem »Studienkopf«, einem Erstlingswerk des berühmten Professors Hoff, gestanden und ihn noch ebenso bewundert hätten, wie vor Jahren, als das herrliche Bild seinen Triumphzug durch die Welt begann und zum Schicksal seines schönen Originals wurde.

Dann gedachte man auch dessen noch.

Die heranwachsende Jugend erfuhr voll Interesse, daß die Tragödin Dalja Samara, welche als Geliebte des berühmten Ricardo Gardeno plötzlich am Himmel der Kunst aufgetaucht sei, ehemals zu diesem Studienkopf Modell gesessen.

»Man hört ja niemals mehr von dieser Künstlerin,« forschten die Wißbegierigen. »Ist sie gestorben und verdorben, oder lebt sie noch? – und wo? Und welches war ihr Schicksal?«

Dann zuckten die Alten die Schultern, »Man weiß es nicht so recht. Solch eine Künstlerlaufbahn, und namentlich diejenige der schönen Madame Samara, gleicht einem Kometen. Jählings auftauchend aus nächtigem Dunkel, ziehen sie eine Zeitlang ihre leuchtende Straße am Himmel der Kunst, blenden für kurze Zeit die Augen, sprühen und glühen wie ein seltenes Phantom, zu welchem sich aller Blicke staunend heben – und unerwartet, wie sie gekommen, versinken sie wieder in Finsternis und Vergessenheit, kaum daß man ahnt, wo sie geblieben! – Madame Samara hat die Welt ständig durch kleine und große Überraschungen in Atem gehalten, die wunderlichste all ihrer Extravaganzen aber war die letzte, welche sie in Szene gesetzt.

Nach einem beispiellosen Erfolg in ihrer Heimat, welcher fraglos den Höhepunkt ihrer Karriere bildete, verschwand sie spurlos von der Bühne der großen Welt, und monatelang ahnte man nicht, wo die kontraktbrüchige, exzentrische Dame geblieben.

Sie hatte ihre Verlobung mit einem bekannten, fürstlichen Diplomaten der Newastadt gelöst, ohne daß man anfänglich den Grund erfuhr, ebenso brach sie ihr Gastspiel an dem Hoftheater unvermutet ab und zahlte ihrem Impresario eine immense Abstandssumme, welche all ihre Verpflichtungen löste.

Erst viel später erfuhr die verblüffte Menge, daß die berühmte Frau an das Krankenlager ihrer Mutter geeilt war, das Kostüm der römischen Sklavin mit einem ernsten Diakonissenkleid zu vertauschen.

Nicht, daß sie aus einem Widerspruch in den andern verfiel und diesen entsagungsvollen Beruf zu dem ihren machte, sie waltete aber voll Aufopferung ihres schweren Amtes, die vom Schlag gerührte, völlig hilflose alte Frau zu pflegen.

Man staunte in der Welt, schüttelte den Kopf und begriff diese Schrulle der ehemals so leichtlebigen Frau nicht – sie war zu langweilig, um die große Menge auf die Dauer zu interessieren, und so unermüdlich ehemals die Zeitungen in die Lärmtrompete gestoßen, als es galt, die pikante Entführungsgeschichte Ricardo Gardenos und seiner Geliebten bis in alle Details bekannt zu machen, so bald schwiegen sie jetzt über die kapriziöse Diva, welche Buße getan und als »verlorene Tochter« in die Arme der Mutter zurückkehrte.

Neue Sterne tauchten auf, neue, interessante Skandale ereigneten sich, und niemand hatte mehr Zeit und Lust zurückzublicken auf sinkende Größen.

Wie schnell vergißt die Welt selbst die, welche ehemals ihre Lieblinge gewesen.

* * *

In dem Vorort X., in dem kleinen, bescheidenen Gartenhäuschen wohnt noch immer die greise Rätin Hoff.

Kaum, daß ein Blick noch über den Lattenzaun streift, wenn in sonniger Mittagsstunde eine hohe, schlanke Frauengestalt im schlichten dunkeln Kleid den Krankenwagen durch die stillen Gartenwege schiebt.

Frau Severa ist noch immer schön, selbst unter den ergrauenden Scheiteln, ja, der Professor Hoff, ihr Vetter, blickt oft sinnend in das Antlitz der Alternden und ihm deucht, sie sei jetzt erst schön, wahrhaft schön geworden.

Kein Mensch ahnt es, wieviel schwere, bittere Seelenkämpfe dieser verklärten, milden, gottergebenen Schönheit vorausgegangen sind.

Es ist Severa nicht leicht geworden, das zu werden, was sie nun ist, – allen Flitter und Tand von sich abzustreifen, um das lautere Gold ernster Pflichterfüllung dafür einzutauschen.

Jener erste, entschlossene Schritt, welcher sie aus der Theatergarderobe in die stille Krankenstube führte, war nur der Anfang einer schweren Krisis, während welcher Licht und Schatten, Gut und Böse in ihrem Herzen um den Sieg stritten. Aber das edle Samenkorn war auf ihres Herzens Grund gefallen und es hatte zwei treue Gärtner gefunden, welche voll nimmermüder Ausdauer das zarte Keimchen pflegten und hüteten, bis es höher und höher wuchs zum kraftvollen Pflänzchen, bis es endlich nach manch warmem Tränenregen Blüten und Frucht trug. – Ethel und Manfred! In ihrem trauten, gesegneten Heim, darinnen Glück und Gottesfrieden wohnten, kam endlich auch Severas Herz, das freud- und friedlose, zur Ruhe.

Sie beteiligte sich anfangs voll Zweifel und Gleichgültigkeit an all den opferfreudigen Werken der Liebe und Barmherzigkeit, welche das Leben dieses jungen Paares ausfüllten, – auch die sehr schwere und »geisttötende« Pflege der gelähmten Mutter kam ihr unendlich sauer an, aber was wohl der strengsten Zuchtrute nicht geglückt wäre, Ethels holdem Beispiel und Manfreds begeisterter Freude und Anerkennung gelang es.

Nur um seine Augen zu sehen, welche mit einem Blick innigster Liebe und Verehrung auf ihr ruhten, bezwang sich Severa anfänglich, ihre so unsympathische Pflicht zu erfüllen, bis sie mehr und mehr den Segen spürte, welcher darinnen lag, bis ihr selber die Augen hell und klar wurden, den lichten Engel zu erkennen, welcher ihr Begleiter geworden war.

Da schmolz das harte, kalte Herz, – da ward es Frühling in der verdunkelten Seele, wie ein Wunder ging ihr die Erkenntnis für Höheres, Besseres und Edleres auf.

Schaudernd schlug sie die Hände vor das Antlitz, wenn sie an die übeln, vergeudeten Jahre zurückdachte, welche hinter ihr lagen.

Als sie einst die, von Maxel hinterlassene Geige voll Wehmut in der Hand hielt und durch Ludolf die fromme Lüge erfuhr, mit welcher man dem Sterbenden » ihr Geschenk« in die Hand gelegt, – da brach sie mit heißem Schluchzen auf die Knie und kannte keinen sehnlicheren Wunsch mehr, als Ethel und Manfred diese unaussprechliche Liebestat zu vergelten.

Wie das am besten geschah, wußte sie.

Da gab sie all die vielen Tausende, welche sie voll unersättlicher Gier ehemals zusammengescharrt, hin, um als »unbekannte Geberin« ein Asyl für Lungenkranke zu bauen und ein Stipendium für unbemittelte junge Musiker zu stiften, – sie selber aber zog wieder ein in das stille, sonnige Mansardenstübchen, welches sie ehemals mit so unzufriedenem, hochfahrendem Sinn verlassen, und sie arbeitete für die Armen und pflegte, sorgte und wartete voll zärtlicher, rastloser Liebe die kranke Mutter, welche nicht mehr sprechen konnte, aber mit feuchtglänzendem Blick die Hand zum Segen auf das Haupt ihrer Tochter legte.

Manfreds Kinder waren die Lieblinge ihres Herzens, in ihrer innigen Zuneigung fand sie Ersatz für alles, was das Leben ihr selber an Mutterglück versagt, in ihnen sah sie ihre reinsten und höchsten Ideale verwirklicht.

Da lernte sie es endlich kennen, ein Leben, welches auf schmaler, dorniger Straße dahinführt, und welches dennoch mit jedem Schritt dem Ziel näher kommt, nach welchem sie vergeblich auf den steilsten und blendendsten Höhen der Welt gesucht hatte, – das große, wahre, schuldlose Glück, welches nur Gottes Engel auf die Erde herabtragen, und welches nur dann echt und von Bestand ist, wenn es eines Himmels Krone auf dem Haupt trägt, – den Frieden!

Ende!


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