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XXV.

Die romantische Entführungsgeschichte der schönen Frau von Tempelburg, welche ihr glänzendes Heim, ihre viel beneidete gesellschaftliche Stellung im Stich gelassen, um bei Nacht und Nebel mit dem berühmten Schauspieler Ricardo Gardeno nach Rußland zu entfliehen, wirbelte einen ungeheuren Staub auf!

Wochenlang besprach man nichts anderes, als diesen unerhörten Skandal.

Die Zeitungen des In- und Auslandes waren voll davon, man ward nicht müde, die pikantesten und interessantesten Details zu veröffentlichen, und in der Hofgesellschaft der heimatlichen Residenz wußte ein Augenzeuge immer mehr wie der andere zu berichten, wie auffällig sich das Verhältnis zwischen Severa und dem Tragöden schon während der Theaterproben zu den »Rivalinnen« angesponnen.

Man erzählte sich, daß die Kronprinzessin außer sich über den schmählichen Verrat und Treubruch der von ihr so warm protegierten Frau sei, niemand dürfe den Namen der Frau von Tempelburg noch vor ihr erwähnen; voll Abscheu habe sie die Bilder der Ehrvergessenen aus ihrem Zimmer entfernen lassen, – dem so sehr beklagenswerten Kammerherrn hatte sie jedoch schon wiederholt Beweise ihrer aufrichtigen Teilnahme gegeben, wie auch die gesamte königliche Familie dem schwer geprüften Mann ihr Wohlwollen in keiner Weise entzogen hatte.

Man begriff es jedoch vollkommen, daß Herr von Tempelburg seine sehr angegriffene Gesundheit in ausländischen Bädern kräftigen und gleicherzeit den peinlichen Auseinandersetzungen bei seiner Scheidung aus dem Wege gehen wollte, – sein Abschiedsgesuch ward infolgedessen bewilligt, und der Kammerherr reiste nach dem Süden ab. –

Seine Tochter blieb vorerst im Schutz der älteren englischen Erzieherin und der Stiefgroßmutter Hoff auf Laubsdorf zurück.

Die einzige Persönlichkeit, welche von dem skandalösen Ende der Tempelburgschen Ehe nicht überrascht schien, war Kronprinz Georg.

Er hatte seltsamerweise nie viel Sympathien für die schöne Gemahlin des Kammerherrn gehegt und es stets ungern gesehen, daß Prinzessin Ingeborg eine so freundschaftliche Vorliebe für die ehrgeizige und genußsüchtige Frau gehabt.

Noch hatten die Zeitungen sich nicht über das so sensationelle Ereignis beruhigt, als bereits eine neue Alarmnachricht durch die Spalten lief.

Frau Severa von Tempelburg hatte unter dem Pseudonym einer Madame Dalja Samara in Petersburg die weltbedeutenden Bretter betreten, um als Partnerin ihres Geliebten die Desdemona und Julia zu spielen!

Der Andrang des Publikums sei ein unerhörter, der Beifall ein geradezu frenetischer gewesen. Es ist leider eine traurige Tatsache, daß in der Welt eine schöne Sünderin tausendmal mehr Sympathien begegnet, wie die makelloseste Heilige!

Die russischen Zeitungen konnten die hinreißende Schönheit, das wunderbare, so höchst eigenartige Spiel der neuen, aus der Liebe geborenen Künstlerin nicht genug rühmen!

Man feierte sie als mutiges, selbstloses Weib, welches ohne Besinnen Glanz, Reichtum und Stellung geopfert, um dem Mann ihrer Wahl, dem bürgerlichen Schauspieler in ein ungewisses Leben hinaus zu folgen!

Die Neugierde, die Vielgenannte zu sehen, trieb das Publikum zu Haufen in das Theater, – die blendend schöne Erscheinung, die geradezu märchenhaften Toiletten des »neuen Sterns« taten das ihre, um eine Frau, welche vor wenigen Wochen noch von niemand als Schauspielerin gekannt war, im Handumdrehen zu dem umjubelten und gefeierten »Ereignis« des Petersburger Winters zu machen.

Der Theaterdirektor machte glänzende Geschäfte und rieb sich vergnüglich die Hände; Ricardo Gardeno, der klug berechnende, triumphierte, daß sein schlauer Plan so glänzend geglückt und sein Name mit einem Schlag noch einmal aus die schwindelndste Höhe des Ruhms erhoben war, Severa aber wühlte mit blitzenden Augen in Gold, Juwelen und Blumen und berauschte sich an dem Beifallstosen des Publikums. –

Empor! – immer weiter empor!

Wie ein unheilbares Fieber hatte es sie erfaßt. Sie gönnte sich keine Ruhe, sie lernte Tag und Nacht neue Rollen, sie probte ... überlegte ... sann mit ruheloser Ungeduld über neue, sensationelle Toiletten nach ... fand diesen und jenen Erfolg noch nicht groß, die Reklame noch nicht wirksam genug!

Zufrieden war sie nie, denn wie ein ungestillter Durst brannte das Verlangen nach höchsten Zielen in ihr, und das, was sie erreichte, deuchte ihr stets noch zu wenig!

Sie hatte Ricardo Gardeno nie geliebt, – sie kannte ihn bald als einen Tyrann, welcher noch kaltherziger, ruhmsüchtiger und unersättlicher war, wie sie. Dem ersten kurzen Rausch folgte ein schnelles Erwachen, aber auch die unerbittliche Erkenntnis, daß das Schicksal sie rettungslos zusammengeschmiedet hatte.

Da gab es kein Entrinnen mehr.

Den Erfolg bei dem Publikum, all ihre Popularität verdankten, sie der romantischen Liebesgeschichte ihrer Flucht und gemeinsam ausgeübten Kunst.

Würden sie sich trennen, wäre das Interesse der Welt mit einem Schlag vernichtet, der flammende Enthusiasmus wohl schnell erkaltet.

Dies sahen sie beide ein, und der Eigennutz, die zitternde Gier nach Lorbeer und Gold zwang sie, die Rolle des interessanten Liebespaares weiter zu spielen, ob sie ihnen noch sympathisch war oder nicht.

So verging Jahr um Jahr.

In ruhelosem Wanderzug ging es durch die Welt.

Severa hatte erreicht, was sie wollte, – sie war eine der berühmtesten und gefeiertsten Schauspielerinnen geworden, und als sie »hinter den Kulissen« mit Gardeno gebrochen und aufatmend die Sklavenringe auch seiner Tyrannei von sich geschleudert, als sie leben und genießen konnte, wie sie wollte, da war es wieder eine andere Schlange, welche heimlich ihre Giftzähne in ihr ruhe- und friedloses Herz schlug.

Öfter und immer öfter las sie in den Zeitungen den Namen Manfred Hoff.

Seine genialen Meisterwerke fanden mehr und mehr Anerkennung, er stieg langsam, aber stetig zu immer größeren Ehren, ausgezeichnet und bewundert von den Besten seiner Zeit.

Und einmal brachte eine illustrierte Zeitung sogar seine ausführliche Biographie mit Porträt von ihm selbst, seiner jungen Gattin und seinem Söhnchen und einer Abbildung seines Ateliers.

Ein leiser, halb erstickter Aufschrei rang sich von Severas Lippen.

Dieses junge Weib mit dem glückverklärten, milden Engelsgesicht ist Ethel! – Ethel von Tempelburg!

Severas Augen brennen wie im Fieber, als sie in der Biographie liest, daß die Ehe eine ideal-glückliche, durch keinen, auch nicht den leisesten Mißklang gestörte sei. – Die tiefe Neigung des Künstlers datiere schon jahrelang zurück, seit er Gelegenheit gehabt, die liebliche Tochter des Kammerherrn von Tempelburg in deren Elternhaus kennen zu lernen. Man rühmt das volle, harmonische Seelenleben der jungen Gatten, welche in großer Zurückgezogenheit nur der Kunst und Wohltätigkeit, der zärtlichsten Sorge für ihr Kind leben!

Severa starrt noch einen Augenblick mit finsterm Blick in das süße, lächelnde Knabengesicht ... und dann knäuelt sie das Papier zusammen und schleudert es weit von sich.

Einer ihrer wilden, unberechenbaren Wutanfälle tritt ein, vor denen die Kammerfrau zittert und unter denen die leidenschaftliche Künstlerin selber am furchtbarsten leidet.

Nun verfolgt sie Tag und Nacht das selige Glück Manfred Hoffs.

O, wie haßt sie ihn! – wie packt sie plötzlich eine zornige Reue über ihre Flucht mit Ricardo Gardeno! Wäre sie daheim geblieben, so hätte sie die Macht gehabt, sein lachendes Glück zu zerstören, sich zu rächen an ihm dadurch, daß sie gegen ihn intrigierte, daß sie seine Ehe mit Ethel verhinderte! – Sie hätte es gekonnt, – fraglos gekonnt, – und statt dessen gab sie selber den Weg frei und ließ dem Gehaßten freie Bahn, die Geliebte zu erringen!

Mordendes Gift ist dieser Gedanke in Severas Herz geworden!

Rache! Rache nehmen an ihm, der ihre Hand ehemals im kronprinzlichen Schloß so beleidigend von sich gewiesen! – Konnte er ihr nicht vergeben, so vergab sie ihm erst recht nicht!

O, wäre sie daheim geblieben, Rache an ihm zu nehmen!

Das wäre eine Genugtuung, ein wahres Triumphieren gewesen!

Was hat sie denn durch ihre Flucht erreicht?

Alles, was ein Weib an Ruhm und Ehren einsammeln kann.

Ihr Vermögen ist zu Millionen angewachsen und vergrößert sich von Tag zu Tag, denn Severa ist geizig, sie scharrt das Gold zusammen, sie gibt nie einen Heller an Arme, sie wirft die Bettelbriefe in das Feuer und weist alle Bittsteller ab. Voll nimmersatter Gier versteht sie es, ihre Anbeter auszubeuten. Perlen und Juwelen, – mehr, immer noch mehr! – Severa ist nie zufrieden! Und wenn sie einmal eine Stunde allein in ihrem Zimmer sitzt, stützt sie das Haupt mit finsterm Blick in die Hand.

Um sie her funkelt und gleißt es, – die Salons sind überladen von Kostbarkeiten, was es an Schönem und Geschmackvollem auf dem großen Jahrmarkt des Lebens zu erhandeln gibt, was man für höchste Preise kaufen kann, ist in dem Heim der gefeierten Tragödin zusammengetragen, aber Severa hat sich an den Anblick gewöhnt, er fesselt ihr Auge nicht mehr, er ist ihr langweilig geworden.

Sie sinnt darüber nach, was ihr denn eigentlich noch fehle? –

Täglich schäumt der Sekt in ihrem Glase, täglich flüstern Worte der Leidenschaft und Liebe in ihr Ohr, und manchmal greift das schöne, kaltherzige Weib mit geschlossenen Augen gewaltsam in die Purpurrosen hinein, sich an dem Becher der Lust zu berauschen, zu laben! zu genießen! voll wilden, unersättlichen Verlangens nach dem Glück!

Aber sie kann es nicht erreichen, nicht halten und fassen!

Die roten Rosen entblättern unter ihren nervösen Händen, und die Dornen schneiden scharf und weh in das Fleisch, – ihre zuckenden Lippen schlürfen den Sekt, wie die einer Verschmachtenden und dennoch erquickt und belebt er sie nicht, kaum daß seine Schaumperlen minutenlang ein falsches Behagen spiegeln!

Nein, sie ist nicht glücklich!

Sie hastet, sucht, jagt und stürmt ruhelos weiter und weiter auf schwindelnder Bahn, – und doch, wohin sie auch blickt, grinst sie doch nur dasselbe graue Gespenst der Langeweile, der Übersättigung und Unzufriedenheit an!

Was fehlt ihr noch?

Die Liebe? – Ach, nur zu viele Herzen fliegen ihr zu, – keines aber wird zu jener warmen, leuchtenden Frühlingssonne, welche noch einmal Maienblüten aus dem öden, harten Boden ihres eigenen Herzens zaubert.

Wie ein ferner, ferner Traum liegt jener selige Lenzesabend hinter ihr, wo zwei starke Arme sie umfingen und des schönsten Mannes Lippen so heiß und doch so rein und keusch auf den ihren brannten.

»Eines aber kann ich dir geben, Severa, was die Welt nie und nimmer geben kann, – den Frieden!« – Sprach er nicht so?

Lächerlich! Der Frieden ist es nicht, welcher ihr fehlt, der kommt von selbst, wenn sie alles andere gefunden, was sie ersehnt!

Aber was ersehnt sie denn noch?

Was fehlt noch, was sie nicht schon besäße?

Der Beifall der Menge?

Ach, wie schnell hat sich ihr Ohr an den Applaus und Jubel des Publikums gewöhnt.

Es ist nichts Besonderes mehr für sie, gefeiert zu sein.

Was gibt solch ein leerer Schall?

Allabendlich umtost sie der Beifall ... ein paar Minuten kitzelt er ihr Ohr, schmeichelt er ihrer Eitelkeit, und wenn das Rufen und Klatschen verklungen, wenn sie allein in ihren prachtstrotzenden Salons sitzt, dann ist es desto stiller ... grauenhaft still um sie her.

Zerstreuung, Abwechslung! – Von einem Vergnügen zum andern jagt sie und will vergessen, daß fern in der Heimat ein ernster, blonder Mann in stillem Stübchen sein junges Weib im Arm hält, daß er ein goldlockiges Kind herzt ... daß auf seinem Antlitz ein wundersames Leuchten liegt, der heilige Gottesfrieden.

Sie will vergessen, aber sie kann es nicht!

Was sind denn alle Vergnügungen? – Truggold, welches nicht zahlt, – Arzenei, welche vergiftet. – Was fehlt ihr noch zum Glück?

Alles, was sie ehemals besessen und verächtlich von sich geworfen, erscheint ihr nun wie ein verlorenes Paradies, und das, was sie dafür eingetauscht, war nur ein kurzer Wahn, welcher sie betrog und nicht erfüllte, was er versprach!

Eine Schauspielerin!

Die romantische Liebesgeschichte ihrer Flucht, die verschiedenen »Affären«, welche sie später durchlebte, all die kleinen, bizarren Abenteuer, durch welche sie sich »anregen« wollte, haben ihrem Ruf derart geschadet, daß man wohl das schöne Weib, die eigenartige Künstlerin in ihr feiert, sie selber aber als Mitglied der Gesellschaft in die Kreise verweist, welche sie sich selber zum Umgang gewählt. Und dieses Bewußtsein, in der Gesellschaft, darin sie ehemals eine Rolle gespielt, unmöglich geworden zu sein, nagt wie fressendes Gift an ihrem hochmütigen Herzen.

Sie will zurück um jeden Preis!

Was liegt ihr noch an Rosen und Lorbeeren?

Voll krankhaften, fiebrischen Verlangens streckt sie nun die Hände wieder nach einer Krone aus, bereit, alles dafür hinzugeben, was sie so ungestüm begehrt und erreicht!

Aber seltsam, – so groß die Schar ihrer Anbeter ist, so klein ist die Zahl derer, welche ernsthafte Heiratsabsichten haben.

Die, welche mit den Millionen einer Schauspielerin ihr Leben genußreich gestalten wollen, sind fast immer Träger eines Wappenschildes, welches derart ramponiert ist, daß es sich nicht lohnt, es neu zu vergolden.

Eine Stellung bei Hofe und in der Welt kann ihr ein solcher Kavalier doch nicht geben, und ohne diese Garantie macht sie sich nicht zur Sklavin eines leichtsinnigen Flaneurs.

Endlich, – endlich scheint ihr auch dieser Wunsch erfüllt zu werden!

Ein russischer Fürst, dessen Machtstellung auch ihr die ersehnte Stellung garantiert, äußerte ernste und reelle Heiratsabsichten.

Severa triumphiert.

Ja, eine Fürstenkrone, – das war es, was ihr noch fehlte!

Diese und noch ein Letztes!

Sie will noch einmal in die heimatliche Residenz zurückkehren, sie will das Haupt hoch erheben über all jene Neider und Verleumder, welche ehemals so selbstgerecht den Stab über die entflohene Gattin des Kammerherrn gebrochen. Die Kronprinzessin Ingeborg ist seit zwei Jahren regierende Königin und Mutter eines Prinzen geworden, ihre Macht steht auf dem Gipfel, – ein gnädig anerkennendes, verzeihendes Wort aus ihrem Munde erhebt die ehemalige Freundin wieder turmhoch über die Schar der Verächter, an welchen sie sich rächen will.

Danach lechzt ihre Seele.

Voll fieberischer Aufregung betreibt sie alle Vorbereitungen für diesen letzten, großen Sieg. Die Fürstenkrone und ihn erringen, – dann hat sie das Glück erreicht, das volle, große, heiß begehrte Glück!

Ein begabter junger Schriftsteller ist wie berauscht vor Wonne, als die gefeierte Tragödin ihn beauftragt, ein Drama für sie, – ganz allein für sie zu schreiben, so wie es in Paris Sarah Bernhard in Mode gebracht.

Ein sensationelles Stück, welches Severa Gelegenheit gibt, ihr glänzendes Können, ihre märchenhaften Toiletten zu entfalten und mit all jenen »raffinierten Tricks zu arbeiten,« welche einen der großartigsten Erfolge garantieren. Der Höhepunkt soll eine Kerkerszene sein, in welcher die Geliebte des Nero, mit Ketten an die Mauer geschmiedet, ihres Richterspruchs harrt. Sie, welche voll kühner Entschlossenheit den blutdürstigen Tyrannen erdolchen wollte, um das unglückliche Rom und ihren zum Tode verurteilten Verlobten zu retten, ist dem Verrat zum Opfer gefallen und harrt der Schergen, welche sie abholen wollen, dem kaiserlichen Unmensch als lebende Fackel zu leuchten.

Der Studienkopf!

Nicht umsonst hat Severa mit dem sensationellen Erfolg gerechnet, welchen die Erinnerung an das ehemals so berühmte und begeistert angestaunte Bild hervorrufen muß!

Der Studienkopf! – Land und Leute haben ihn noch nicht vergessen und die junge Königin erst recht nicht.

Severa hat einen Brief an Gräfin Herdern gerichtet, ein Meisterstück klügster Berechnung.

Sie hat voll glühender Beredsamkeit ihre ehemalige Flucht entschuldigt.

Bei der Ausführung der »Rivalinnen« sei es ihr klar geworden, daß sie nur Befriedigung in der hohen und idealen Kunst finden könne, welche seit jeher ihr Herz mit unüberwindlicher Sehnsucht erfüllt habe!

Der Erfolg, welchen sie als Künstlerin zu verzeichnen habe, beweise es, daß dieser unwiderstehliche Drang eine Offenbarung gewesen, welche sie der heiligen Kunst in die Arme führen sollte und mußte.

Ein anderer Weg als derjenige der Flucht habe ihr seinerzeit nicht zu Gebote gestanden, sonst würde sie ihn fraglos gewählt haben, denn keine Menschenzunge könne die Qual schildern, welche sie unter dem schmählichen Verdacht einer Liaison mit Ricardo Gardeno gelitten. Er sei ihr freundschaftlicher Helfer und Berater gewesen, nichts anderes, – ein wehrloses Weib aber sei ja jeder Verdächtigung gegenüber machtlos. – Die romantische Liebesgeschichte sei ihr eine große Reklame gewesen, welche sie viel schneller wie sonst bekannt gemacht und ihr emporgeholfen habe, und nur darum, der augenblicklichen Notlage gehorchend, habe sie sich nicht sofort von Gardeno getrennt, erst dann, als sie auf eigenen Füßen gestanden, sei der Welt durch ihre endgültige Trennung von dem großen Tragöden bewiesen, daß das Band, welches sie beide verbunden, einzig ein freundschaftliches im Interesse der Kunst gewesen sei.

Und nach dieser sehr erregt gehaltenen Einleitung folgte eine Schilderung der seelischen Zustände, welche sie seit ihrer Flucht gemartert und auch jetzt noch ihr ganzes Dasein vergifteten!

Am unerträglichsten sei ihr der Gedanke, daß Ihre Majestät die Königin, welche sie ehemals durch so viel Gnade und Güte ausgezeichnet habe, ihr noch immer zürne und sie in ständiger Ungnade aus ihren Augen verbannt halte.

Mit flehenden, herzbewegenden Worten bat sie alsdann die Gräfin, Ihre Majestät zu bewegen, nur einer einzigen ihrer Darstellungen im Theater beizuwohnen, wenn Hochdieselbe sich überzeuge, daß Severa das schwere Opfer ihrer Flucht nicht umsonst gebracht und tatsächlich hohe Ziele erreicht habe, so werde die hohe Frau gewiß nicht unversöhnlich zürnen! Nur ein einzig gnädiges Lächeln, ein Beifallsnicken sei mehr wert für sie, wie aller Lorbeer, welchen sie so überreich in der Welt geerntet. – Die huldvolle Verzeihung Ihrer Majestät bedeute neuen Lebensodem für sie, die müde, sehnsuchtskranke, deren Herz so lange, schwere Jahre unter der Qual bitterster Selbstkritik und eigener Vorwürfe gelitten!

Die Hofdame hatte ein paar Minuten unschlüssig gestanden und den überraschenden Brief nachdenklich angestarrt!

Dann war sie in schnellem Entschluß nach den Gemächern der Königin geschritten.

Deuchte es doch der Gräfin selber hochinteressant, die ehemalige Frau von Tempelburg als berühmte Darstellerin auf den Brettern wiederzusehen!

Jedenfalls soll Ihre Majestät Kenntnis von dem Brief erhalten, und alsdann ihre Entscheidung treffen!

* * *

Das Königliche Schauspielhaus war ausverkauft. Noch nie hatte sich eine derart erlesene Gesellschaft darin zusammengedrängt, wie an diesem Abend, welcher das Gastspiel der vielgenannten, vielgelästerten und vielgerühmten Madame Dalja Samara brachte! Das Andenken der schönen Frau von Tempelburg lebte noch zu frisch in aller Gedächtnis, und das Interesse an ihrem Werdegang, die Aufregung über ihre sensationelle Flucht war trotz der Reihe von Jahren, welche zwischen dem Einst und dem Jetzt lagen, noch lebendig genug, um das anwesende Publikum in fieberhafter Spannung zu erhalten.

Wird Ihre Majestät die Königin in dem Theater erscheinen?

Die Ansichten waren sehr verschieden, und die Gerüchte, welche darüber auftauchten, widersprachen sich ständig.

Blieb die Königin fern, war Frau Severa gerichtet und keiner der alten, ehemals so guten Freunde kannte sie mehr.

Kam sie aber, nahm sie der ehemaligen, so sehr begünstigten Freundin huldvoll wahr – und bestätigte es sich vollends als Wahrheit, was die Morgenblätter als neue Überraschung gebracht, nämlich die Verlobung der schönen Künstlerin mit einem bestbekannten russischen Fürsten – nun, so brach wohl die himmelhohe Scheidewand, welche die unüberlegte Flucht ehemals zwischen Severa und der guten Gesellschaft aufgerichtet, wie ein Kartenhaus zusammen und die »verlorene Tochter« kehrt triumphierend heim, die ehemals verlassene Position sieghaft wieder einzunehmen!

Welch eine Aufregung! welch ein Raunen, Flüstern, Für- und Widerreden!

In der Intendantenloge hatte ein älterer Herr mit weißem Haupthaar, dunkel gewichstem Schnurrbart und einem wahren Ordenspanzer aus der Brust Platz genommen.

Der Intendant und seine Familie begrüßen ihn auf das zuvorkommendste und durch das Theater geht ein Flüstern hoher Überraschung: »Der russische Fürst! Die Verlobung ist Tatsache!«

Severa hatte außergewöhnlich früh ihre Toilette beendet.

Sie stand auf der Bühne vor dem kleinen Guckloch des Vorhangs und starrte voll fieberischen Interesses in den Zuschauerraum.

Ihr schönes Antlitz war leichenblaß unter der Schminke, ihr Atem ging schwer und keuchend, regungslos, wie ein steinernes Bild, stand sie auf ihrem Beobachtungsposten, und ihr Blick zuckte über all die bekannten, so lange nicht mehr geschauten Gesichter derer, welche ihr ehemals so wichtig, so maßgebend gewesen!

Aber so viel der ehemalig guten Freunde sie auch entdeckte, voll bebender Ungeduld suchte und suchte sie ringsumher ... nur zwei Menschen waren es, für welche sie heute abend hier auf den Brettern stand!

Die Königin! – Manfred! –

Werden sie kommen? Einer kommt gewiß nicht, Otto Tempelburg, – er ist tot, schon lange tot. –

Da! ... Da! ... endlich! –

Severa preßt das Gesicht gegen den Vorhang ... eine Bewegung in dem ganzen Theater ... eine große, sichtbare Aufregung ...

Die Königin ist vorgefahren! –

Wie ein feuriger Strom rieselt es durch Severas Glieder, – ein wildes, leidenschaftliches Frohlocken geht durch ihre Seele, – sie hat gesiegt! –

Wie ein jäher Schwindel faßt sie dieser höchste, krankhaft ersehnte Triumph – und dann, nach tiefem – tiefem Atemzug kriecht es wieder so kalt, so eisig kalt an ihr Herz heran wie zuvor, die alte Schlange, welche sich zeitlebens durch das Paradies ihres erträumten Glücks geringelt! – Wo bleibt Manfred?«

Sie sieht ihn nicht, nirgends ... so rastlos wie ihr brennender Blick ihn auch sucht!

Er kommt nicht, – nein, – er kommt nicht, er hat nichts mehr mit Severa Hoff gemein und eine Madame Samara interessiert ihn nicht, wie er niemals Sympathien für die Damen der Bretter gehabt hat! –

Ein Frösteln geht durch sie hin, – wie ein kurzes Röcheln ringt es sich von ihren Lippen.

Ein Klingelzeichen!

Der Regisseur tritt vor und verneigt sich mit ein paar höflichen Worten sehr tief.

»Ihre Majestät hat die Loge betreten.«

Severa richtet sich jäh empor, nickt kurz und tritt in die Kulissen zurück. – Ihre Kammerfrau hält ein Glas sehr starken Weins bereit, Madame Dalja Samara stürzt ihn hinab und gibt dem Regisseur mit blitzendem Auge ein Zeichen. – »Ich bin bereit!«

Langsam, beinahe feierlich rauscht der Vorhang in die Höhe.


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