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XXII.

Die Theaterproben in dem Schloß waren tadellos verlaufen.

Nie waren die Gegensätze zwischen den beiden »schönsten Frauen des Landes« so grell zutage getreten, wie bei diesem Spiel, und schon jetzt tobte der Sturm »im Wasserglas«, das heißt bei dem kleinen Publikum, welches während der Proben zugegen war, welcher der beiden Rivalinnen die Palme des Sieges zuzuteilen sei.

Prinzessin Ingeborg stellte sich in jeder Geste und Miene »selber dar«!

Ihre süße, mädchenhafte Zartheit und Anmut, das Erröten und beinah schüchterne Aufschauen zu dem Geliebten, ihr holdes Lächeln und die weichen, so sehr graziösen Bewegungen, das alles paßte nur zu gut zu dem goldumflossenen Köpfchen und wirkte, vereint mit dem Liebreiz der glockenhellen Stimme, geradezu bezaubernd auf den Zuschauer.

Neben ihrer kindlich zierlichen Figur wuchs Severas wundervolle Gestalt stolz und imponierend empor, ohne dabei der Geschmeidigkeit und Grazie zu entbehren!

Alles war Glut und Leben an ihr!

Die dunklen Augen brannten mit faszinierendem Blick, die roten Lippen trotzten, schmollten und begehrten – ihre Stimme klang einschmeichelnd wie Sirenengesang, und dennoch gab sie sich und ihre Liebe nicht voll zärtlicher Innigkeit dem Erwählten hin, wie es ihre Partnerin tat, sondern forderte gebieterisch und nahm sieghaft zu eigen, was sich nicht freiwillig ihren Reizen beugte.

Die Toiletten der Prinzessin waren äußerst kostbar und geschmackvoll, die der Frau von Tempelburg geradezu raffiniert.

In der ganzen Residenz sprach man von nichts anderem mehr als dieser unvergleichlichen Aufführung, diesem Lustspiel, welches ein so großes Stück Wahrheit barg.

Die beiden Rivalinnen, welche an diesem Abend nicht nur in dem Stück, sondern in der Tat um den Sieg der Schönheit stritten! Die hervorragendsten Maler versuchten sich durch gute Konnexionen Zutritt zu der Aufführung zu verschaffen, und immer lauter und dringlicher ward der Wunsch aus allen Gesellschaftskreisen laut, die Aufführung möchte zu wohltätigem Zweck und einem größeren Publikum zugänglich, wiederholt werden. –

Ricardo Gardeno, der Gottbegnadete, welchem die beneidenswerte Auszeichnung geworden, die Proben leiten zu dürfen, ward von allen Seiten um seinen Schiedsrichterspruch bestürmt, welche der beiden »Rivalinnen« seiner Ansicht nach die Unwiderstehlichere sei?

Aber der große Tragöde zuckte nur lächelnd die Achseln und sagte: »Das ist ja vollkommen Geschmackssache, meine Herrschaften, und der meine dürfte in diesem Falle durchaus nicht maßgebend sein!«

Dennoch tuschelte man, der geniale Künstler sei fraglos ganz und gar von Frau von Tempelburg erobert.

Er verwende keinen Blick von ihr, – sein Auge flamme ihr voll Leidenschaft zu und werde zwar verstohlen, aber doch merklich von der schönen Frau ebenso heiß erwidert.

Sowie die Gemahlin des Kammerherrn in die Kulissen trete, sei Ricardo Gardeno ihr Schatten, und diese so auffälligen Huldigungen schienen die Kronprinzessin nicht zu verstimmen, sondern im Gegenteil zu erfreuen.

»Das imponiert mir!« habe sie mit ihrem strahlenden Lächeln gesagt, »denn ich sehe daran, wie aufrichtig er ist, und wie wenig er sich von einer Fürstenkrone blenden läßt!«

Die Bewunderer der hohen Frau kolportierten dieses freimütige Wort zwar voll Begeisterung, aber es hinderte sie nicht, immer deutlicher über die »doch etwas allzu durchsichtige Koketterie« Severas zu skandalieren, welche sich durchaus nicht geniere, den Künstler in süße Fesseln zu schlagen!

Man wollte dies oder jenes verfängliche Wort aufgefangen, Blicke und Handküsse beobachtet haben, welche das Maß einer harmlosen Bewunderung und Anerkennung überstiegen. Je nun, die Ansichten des Italieners waren ja nicht maßgebend, und die große Menge und der von ihr gezollte Beifall wird bestimmend sein, wer die Palme des Sieges verdient!

Die Aufführung war gekommen.

Severa betrat die Bühne, einen Strauß ganz unbeschreiblich schöner und kostbarer Blüten in der Hand, welche sie sehr bedeutsam, mit vielsagendem Blick an die Lippen hob, als Ricardo Gardenos leidenschaftliches Auge sie schon von weitem grüßte.

Er lächelte und verneigte sich tief, – sehr tief. Sie trug seine Blumen; – hätte er noch gezweifelt, daß sie die Rolle der Julia als »doch nicht für sie geeignet« beiseite werfen würde, jetzt wußte er es genau, daß er in der Tat ihr Romeo geworden, daß sich für die Welt eine Sensation vorbereite, wie er sie schon lange voll brennenden Ehrgeizes ersehnte! –

Er hatte nicht viel Gelegenheit, ihr nah zu sein, ja, sie schien sich ihm absichtlich etwas fern zu halten, nur wenn sie gespielt hatte, suchte ihr Blick den seinen in besorgter Frage: »Bist du zufrieden mit mir?«

Ein beispielloser Erfolg krönte das Werk.

In dem allgemeinen Jubel und Trubel war es unmöglich, zu konstatieren, welche von den beiden Schönen wohl die Allerschönste gewesen, und dieses Überbrausen der hohen Wogen war wohl sehr geschickt in Szene gesetzt, um ein Urteil nach Möglichkeit zu vermeiden, denn es stand wohl außer Frage, daß Severas glühende Leidenschaftlichkeit hinreißender wirkte, wie die holde Anmut der Prinzessin.

Für letztere begeisterten sich hauptsächlich die Damen, während die meisten Männerherzen, ob sie wollten oder nicht, heimlich oder offiziell, doch hellauf für die bestrickende Zauberin glühten, deren dunkle Augen gefährlicher wie je auf sie hernieder glühten.

Und der Gatte der Umjubelten? – Ist er nicht unsagbar stolz auf seine schöne Frau?

Leider war der Kammerherr nicht anwesend. Er hatte einen zweiwöchigen Urlaub angetreten, um sich in der Klinik eines bedeutenden Chirurgen einer leichten Operation zu unterziehen, welche ein Jagdunfall notwendig gemacht.

Frau von Tempelburg schien seine Abwesenheit durchaus nicht tragisch zu nehmen, sie hatte kaum ein Wort des Bedauerns für ihn und die Herren, welche sie umschwärmten, fanden das sehr vernünftig, – nichts ist langweiliger, wie eine Frau, welche für ihren Gatten schwärmt und die moderne Ehe, welche ebenso leicht geknüpft wie gelöst wird, ist nach dem Geschmack des sezessionistischen Zeitalters die einzig vernünftige und richtige.

Um so mehr staunte man, daß Severa sogleich, nachdem die höchsten Herrschaften sich zurückgezogen, ebenfalls nach Hause gefahren war, ohne, wie sonst üblich, noch in kleinem, intimem Kreise eine Stunde in dem ersten und fashionabelsten Hotel, welches seine Salons für diesen Zweck bereit hielt, zu verplaudern.

Daß Ricardo Gardeno sich ebenfalls sehr eilig verabschiedet hatte, bemerkten wohl nur die Damen, welche den »Göttlichen« angeschwärmt und zu tief in seine gefährlichen Augen geschaut hatten! –

Villa Freya lag in tiefem Dunkel, als lange nach Mitternacht Frau von Tempelburg heimkehrte. Sie betrat hastig das elegante Vestibül.

»Wer ist von der Dienerschaft noch wach?« –

Der Galonierte, welchen sie gefragt, riß erschrocken die verschlafenen Augen auf.

»Außer der Jungfer und mir niemand. Euer Gnaden.«

»So; dann werden wir uns einmal ohne Köchin behelfen,« nickte Severa überraschend gnädig: »Signor Gardeno hat sich noch über die Kosten der Regie mit mir auseinanderzusetzen, und wünschte dies sogleich zu tun, da er in den nächsten Tagen abreist. Entzünden Sie das elektrische Licht in dem gelben Salon und meinem Boudoir. Stellen Sie eine Flasche französischen Sekt im Eiskübel auf, sowie das Tablett mit Delikateßschnitten und Kuchen, welches ich befahl, für mich bereit zu halten. – Wenn der Wagen des Signore vorfährt, führen Sie den Herrn sogleich in den Salon.« –

»Befehl, Frau Baronin.«

Der Diener eilte die Treppe empor, die Befehle auszuführen, und Severa trat in ihr Ankleidezimmer.

Die Zofe erwartete sie mit stark geröteten Augen.

»Sie sind wohl furchtbar müde, Minna?« – fragte die schöne Gebieterin so teilnehmend, daß die Jungfer über solch ungewohnt gütigen Ton beinah erschrak.

»O nein, nein, gnädige Frau! – ich war nur ein wenig eingeschlafen!«

»Sie hatten in letzter Zeit viele unruhige Nächte« – fuhr die Gemahlin des Kammerherrn freundlich fort, »ich merke es an mir selber, wie marode das macht. Und doch kann ich mich vor zwei bis drei Stunden nicht zur Ruhe legen, da ich mit Signor Gardeno auf Wunsch der Prinzessin noch die ganzen Unkosten der heutigen Aufführung berechnen muß! Sehr lästig, das! – Geben Sie mir das neue Morgenkleid, welches gestern geschickt wurde, und dann gehen Sie und legen Sie sich schlafen!«

»O, Frau Baronin, um keinen Preis!« –

»Still! Sie sehen aus wie eine Leiche, und morgen müssen Sie voraussichtlich die ganze Nacht wachen, da das Stück im Pavillontheater wiederholt werden soll, und Sie hinter den Kulissen, in der Garderobe, auf mich warten müssen. Übermorgen reisen wir vielleicht die Nacht hindurch. – Also schlafen Sie. Ich kann das Fehlende am Tage nachholen, Sie aber nicht.«

Minna hatte bei den »Aussichten« auf die folgenden Nächte erschreckt aufgeschaut.

»Aber wer soll Euer Gnaden nachher die Haare lösen?« fragte sie noch einmal schüchtern.

»Das besorge ich selbst, – es wird gehen. Also schlafen Sie.«

»O, Frau Baronin sind allzu gütig, tausend Dank!« – und die Zofe arrangierte noch schnell die blaßblauen Seidenschleifen an den Ärmeln des wunderschönen Morgenkleides und zupfte die Spitzen zurecht, – dann knixte sie mit mühsam verhaltenem Gähnen und huschte eilig durch die Türe.

Severa warf noch einen Blick in den hohen Wandspiegel und prüfte sorgsam ihr Bild. Die weiße, weiche Seide des Kleides schleppte lang über den Teppich, kostbare Spitzen wogten daran nieder, schmeichelnde Bänder schlangen sich graziös hindurch.

Es war ein Meisterstück raffiniertesten Geschmacks, und in solcher Schönheit wohl noch von keiner Julia getragen.

Die junge Frau hob die Arme, welche unbekleidet, wie zartrosa Marmor aus dem Duft von Gaze, Spitzen, Chiffon und Seidenplissees der übereleganten, weit offen zurückfallenden Ärmel auftauchten, und löste hastig ihr Haar. –

In zart gekreppten Wogen fiel die dunkle Pracht über Rücken und Schultern, nur von dem schmalen, brillantbesetzten Goldreif zusammengehalten, welchen Severa bereits in ihrer Schatulle bereit gelegt hatte.

Noch einen Strauß stark duftender Tuberosen an dem tiefen Ausschnitt befestigt, und »die Schönste der Schönen« schaute mit einem Blick stolzen Triumphes ihr hinreißend schönes Bild.

So viel war gewiß, mit einer solchen Julia hatte Ricardo Gardeno noch nicht gespielt!« –

Mit fiebernden Pulsen, glühend vor Erregung, trat sie ihm entgegen.

Nicht ihm und seiner Person galt ihr stürmender Herzschlag, denn seltsam – so viel Glück der faszinierende Italiener sonst bei Frauen hatte, das kalte Herz Severas hatte sich nicht um einen Funken für ihn erwärmt.

Gleichgültig war er ihr, – ebenso gleichgültig wie alle anderen Sklaven, welche den Nacken vor ihrer Schönheit beugten, er, der dunkeläugige Südländer, welchem die Welt zujubelte und welcher in nichts, ach in gar nichts jenem blonden, stolzen, rechtschaffenen Manne glich, um dessen Liebe sie vergeblich gebettelt hatte! Nur nicht an ihn denken! –

Nicht sich in die Qual jenes Sinnens und Grübelns versenken, welche ihr immer tiefer den Pfeil in die Wunde drückt!

Vergessen! vergessen, genießen und beseligt sein, das ist ihr gierig, unersättliches Verlangen, ihr ungestillter Hunger nach dem Glück!

Kann es ihr Ricardo Gardeno auch nicht selber geben, so. hebt er sie doch mit seiner genialen, starken Hand auf die Höhe empor, wo es wohnt. –

Er kommt!

Sein leichter, eleganter Schritt klingt auf dem Teppich.

Bei ihrem Anblick bleibt er wie geblendet stehen, zwinkernd kneift er die Augen zusammen, um sie alsdann desto größer und flammender aufzureißen.

Ein leises, halb ersticktes »Ah!« höchsten Entzückens, und er breitet die Arme nach ihr aus, und von seinen Lippen klingen voll unwiderstehlicher Innigkeit die Worte Romeos:

»Auf leichten Liebesflügeln überflog
ich diese Mauer, denn Steinschranken hemmen
die Liebe nicht, die wagt, was sie vermag! –
O Julia! –

Severa lächelte.

So war es recht! – Sofort mit beiden Füßen in die schöne, leidenschaftsheiße Rolle hineingesprungen! –

Mit schnellem Schritt stand sie neben ihm, ihre Arme umschlangen graziös seinen Nacken, und mit einer Weichheit, welche selbst den klangverwöhnten Mimen überraschte, perlten die italienischen Worte, gleich süßer Musik von ihren Lippen:

»Und willst schon gehn? Noch ist der Tag nicht nah;
Es war die Nachtigall und nicht die Lerche,
Die hellen Ton's dein banges Ohr erschreckte!
Auf dem Granatbaum singt sie jede Nacht.
Geliebter, glaub', es war die Nachtigall!« –

Das Haupt vorgeneigt, wie ein Mann, der sich gewaltsam zwingt, gegen sein Gefühl anzukämpfen, um in diesem Augenblick nur Kritiker zu sein, lauschte Gardeno. Nur etwas heißer umschloß sie sein Arm, als er, wie so oft schon, einer Julia antwortete:

»Die Lerche war's, des Morgens Herold! nicht
Die Nachtigall! Sieh, welche neid'schen Streifen
Im Ost die sich verziehnden Wolken säumen!
Die Nacht hat ihre Kerzen ausgebrannt.
Und auf der Berge Nebelgipfel steht
Hoch auf den Zeh'n der strahlensfrohe Tag.
Ich geh' und lebe – oder bleib' und sterbe!« –

Severa neigte sich vor, voll betörender, zauberischer Schalkheit lächelt sie flehend zu ihm auf.

»Das ist kein Tagslicht dort! ich weiß es, – ich! –
Es ist ein Meteor der Sonn' entflammt.
Dein Fackelträger diese Nacht zu sein.
Dir auf dem Weg nach Mantua zu leuchten!
Drum weile noch! du brauchst nicht fortzugehn!«

Noch nie hatte Ricardo Gardeno sein Blut so heiß in dieser oft gespielten Szene wallen fühlen, wie in diesem Augenblick.

Klang auch das Italienisch seiner wundervollen Partnerin nicht völlig rein, so war es doch richtig und voll bestrickenden Wohllauts und wirkte im Verein mit der blendenden Schönheit geradezu berauschend auf ihn.

Er hatte viel erwartet, – so viel nicht.

O du holdselige Göttin Fortuna! Bleibst du deinem Günstling so treu? Läßt du ihn unvermutet eine Iduna auf dem Weg der Kunst finden, welche dem Alternden noch einmal die zauberkräftigen Äpfel reicht, ihn selig zu verjüngen, ihn noch einmal zu begeistern und zu entflammen, daß er den Romeo besser spielt – er fühlt's! – wie in den Tagen seines höchsten Jugendruhmes?

Und mit einem Jauchzen in der Stimme, wie sie echter und liebestrunkener nie klingen kann, umschlingt er die Geliebte noch gewaltiger.

»Laß sie mich fangen! mich zum Tode führen,
Ich bleibe gern, wenn du mich halten willst!
Ich sag', das Grau ist nicht des Morgens Auge,
Der bleiche Abglanz nur von Cynthias Stirn!
Nicht Lerchenschmettern ist's, was über uns
Hoch oben an des Himmels Wölbung schlägt!
Mehr macht das Bleiben, als das Gehn mich froh –;
Komm, Tod! willkommen! Julia will es so!
Nein, Herz, es ist nicht Tag! Komm, plaudern wir!« –

– – – Und Severa-Julia, wird sie nun auch den Ton flehender Angst treffen, die bange Innigkeit, welche ihn aus ihren Armen treibt? –

Ja, sie trifft ihn! –

Wundersam, – sie, die nie eine Mimik studiert hat, blickt mit Augen zu ihm auf, so entsetzt, so schreckensvoll, als verzehre sie plötzlich eine heiße Angst um den Geliebten.

»Es ist's! es ist's! – schnell fort! – hinweg von hier!
Es ist die Lerche, die so rauh verstimmt,
Aus scharfer Kehle schrillen Mißton singt!
Man sagt, die Lerche schlage süße Triller, –
Doch diese nicht! sie schlägt uns auseinander!
Auch sagt man, Lerch' und Kröte tauschten Augen,
O hätten sie die Stimmen auch getauscht.
Da Arm von Arm uns diese Stimme schreckt
Und wie ein Jagdruf jäh zur Flucht dich weckt.
Doch geh jetzt! immer heller wird der Morgen!« –,

»Und immer dunkler unser Weh und Sorgen!« –

Und Ricardo Gardeno preßt Julia an sich und küßt voll flammender Leidenschaft ihre Lippen, wieder und wieder ... so wie er, der Müde, Übersättigte, lange nicht mehr geküßt hat!

Severa erglüht, aber sie wehrt ihm nicht.

»So brich herein, Tag! – Leben, flieh hinaus!«

Und Ricardo-Romeo kost sie abermals voll stürmischer Glut, wie er es auf der Bühne sonst nicht tat.

»Noch einen letzten Kuß! und ich muß gehn!«

Spielt Severa noch Komödie?

Nein, dies muß Wahrheit, echte, volle, heiße Liebesglut, stürmischstes Empfinden sein.

»Freund! Gatte! Herz – muß ich dich scheiden sehn?
Gib Nachricht jeden Tag mir in der Stunde,
Viel Tage dehnen sich in der Minute,
Ach diese Rechnung bringt mich hoch zu Jahren,
Eh' ich dich wiederseh, mein Romeo!« –

Nein, sie spielt es nicht, sie ist es selbst, und ihre Leidenschaft reißt ihn mit sich fort, daß auch er nicht mehr Romeo scheint, sondern ist! –

Wie stürmt und braust ihm die selige Erregung durch die Seele!

Das Leben, welches so fad und seicht mit lauen Wellen um seine Füße spielte, die Glut allmählich zu löschen, welche früher seine Darstellungen so unwiderstehlich machte, ist plötzlich von einem Sturmwind aufgewühlt und facht das Feuer gewaltiger an, denn je zuvor!

Das hat ihm gefehlt!

Daran krankte während der letzten Jahre seine Kunst und auch er selbst, daß keine Julia, keine Desdemona und wie sie alle heißen, für welche er aus Liebeswahnsinn in den Tod gehen muß, daß keine von allen ihn noch einmal zum Jüngling machte! –

Und nun fand er sie, die beglückende Göttin der Jugend, welche seinen sinkenden Stern noch einmal aufflammen lassen wird, wie eine Sonne! –

Nicht die Sensation allein, mit welcher er anfänglich rechnete, wird neuen Lorbeer und neue Rosen auf dem Pfad eines viel Genannten wuchern lassen, sondern die wahre, echte Kunst wird es noch einmal sein, welche an einem Johannistrieb ehrenvoll die Früchte reifen läßt! Man wird das interessante Liebespaar, die entflohene Gattin des reichen, vornehmen Mannes zum Tagesgespräch machen und die Zeitungsspalten mit ihrem Roman füllen, und wenn die skandallustige Menge das Theater stürmt und die Vielbesprochenen sieht und hört, so wird man nicht nur ihn – sondern auch das Weib beneiden, welches Namen, Reichtum und Stellung von sich warf um eines wahrhaft großen Künstlers willen!

Ricardo Gardeno ist nicht nur klug und berechnend, er ist auch eitel, maßlos eitel, und die goldenen Äpfel Idunas wiegen in seiner Hand schwerer wie alle Rosen und Feuerlilien, welche er so überreich im Leben auf heimlichen Pfaden gepflückt! – Erfolg!

Ruhm – Ehre – Erfolg!

Das sind die drei gewaltigen Riesen, welche das Rad seines Lebens schwingen, und die Liebe ist nur die Sklavin, welche in ihren Diensten steht!

Auch die Liebe dieser so überraschend gefundenen Julia ist ihm nur darum wert, weil sie in ihm ein Feuer entfacht, dessen Kraft seinen Siegeswagen aufs neue zu schwindelnden Höhen treibt!

In seinem Kopf haben schon während der Proben und Aufführung der »Rivalinnen« die Pläne für die Zukunft eine feste Gestalt gewonnen.

Schon im Schloß überzeugte er sich von dem wirklich großen, schauspielerischen Talent Severas, – ihre Leistung als Julia hat all seine Erwartungen in hohem Grade übertroffen.

Sie hat wohl ein paar Fehler im Italienischen gemacht, – wer aber hört die aus dem schönen Ganzen heraus? – Noch dazu im Ausland, wo kaum ein Mensch seine Muttersprache versteht? Sie lernt sehr leicht und schnell, sie verfügt über eine modulationsfähige, sehr sympathische Stimme, – all ihre Bewegungen sind von einer angeborenen Grazie und hoheitsvollen Würde, das Dämonische, Leidenschaftliche wird ihr vielleicht noch besser glücken wie die rein lyrischen Rollen, und ihr Äußeres, ihre blendend schöne Erscheinung wird und muß auch das kälteste Publikum zu einem Beifallssturm hinreißen!

Was zögert er also, die Geliebte zu seiner Schülerin zu machen, auf daß sie in stürmischem Siegeslauf ihre Lorbeeren noch auf die seinen häufe? –

Fester, ungestümer schließt er sie an seine Brust.

Sein Blick taucht in den ihren, als könne und wolle er sich nie wieder von ihrem Auge losreißen.

»Leb wohl! So oft Gelegenheit sich beut,
Werd' ich dir, Liebe, meine Grüße senden!«

Da lächelt Severa-Julia seltsam.

»Sag, glaubst du, daß wir je uns wiedersehn?

Es liegt etwas Dringliches, Forschendes in dieser Frage, welche mehr Ricardo Gardeno wie dem Romeo gilt.

»Ich zweifle nicht! und all dies Weh wird dann
Uns Stoff zu süßer Unterhaltung bieten!«

Da ringt Severa plötzlich die weißen Hände, und ein Klagelaut, erschreckend echt, bricht über ihre Lippen. Ihr Blick schweift wie in weite Ferne, ihr Haupt neigt sich wie in sehnsuchtsvollem Schmerz.

»Ach Gott, voll trüber Ahnung ist mein Herz!
Mir ist, als sah ich dich da unten jetzt
Tot auf dem Grunde eines Grabes liegen;
Trügt mich mein Auge nicht, so schaust du blaß!«

»Glaub' Liebe, so sieht dich mein Auge auch!
Der durstge Gram trinkt unser Blut, – leb' wohl!«

Und wieder ein stürmisch, leidenschaftsvolles Küssen und Herzen!

Seine Lippen brennen auf den ihren, bis Severa sich atemlos aus seinem Arm ringt, sich in den nächsten Sessel wirft und hell auflacht.

»Wenn ein Mund seine Kritik in Küssen ausspricht, so ist die meine in diesem Augenblick nicht schlecht ausgefallen!«

Er streicht das wirre Haar aus der Stirn und schaut wie mit trunknem Blick auf sie nieder.

»Ich verschmachte an dieser Kritik!«

Sie richtet sich auf und füllt zwei Gläser voll Sekt.

Mit zauberischem Lächeln reicht sie ihm den perlenden Trunk dar.

»Trink neues Leben und sprich!«

Er hebt den zart geschliffenen Kelch.

»Es lebe das Glück, die Liebe und die Zukunft!«

Sie zuckt die schönen Schultern.

»Mein Glück im Salon? Meine Liebe zu Herrn von Tempelburg? Meine Zukunft hier im Hause?«

Er stürzt den Inhalt seines Glases hinab, stellt mit scharfem Ruck das geleerte auf den Tisch zurück und faßt jählings Severas Hände.

»Nein! Glück, Liebe, Zukunft an meiner Seite auf den Brettern, welche uns noch mehr wie eine Welt – ja, ein ganzes Himmelreich bedeuten!«

Und er sinkt vor ihr nieder und preßt ihre Hände an die Lippen, voll ungestümer Leidenschaft fluten die Worte von seinen Lippen, ein Liebeswerben, untermischt von Bewunderung für ihr Talent, von siegfreudiger Zuversicht auf ihre Erfolge, welche sie als seine Schülerin und Partnerin feiern wird.

»Gib auf, was du hier an müden, farblosen Lebensfreuden besitzest! zerreiß, was dich kettet und bindet an die mordende Langeweile eines ewigen Einerleis, – komm und entflieh deinem Kerker, an meinem Herzen des Daseins höchste Fülle zu genießen! Was kein anderer dir jemals geben kann, streue ich mit verschwenderischen, nimmer leeren Händen auf deinen Weg des Glücks, – Gold, Ehre, Ruhm! Genuß und die lockenden Freuden dieser schönsten aller Welten! – Komm!«

Wie diese Worte in ihr Ohr klingen, – wie eine unwiderstehliche Zukunftsmusik, welche die leise, bange Flüsterstimme des Gewissens laut übertönt! –

Gold, Ehre, Ruhm! Genuß und alle lockenden Freuden dieser Welt!

Ist's nicht all das, was sie voll unersättlicher Gier ersehnt?

Jenes Traumbild aus schwindelnder Höhe, zu welchem sie voll brennenden Glücksdurstes empor strebt, ohne auf den Weg zu blicken, welcher hinaufführt.

Endlich! endlich winkt das Ziel!

Severa preßt ihre marmorkühlen Wangen an sein fiebrisch heißes Gesicht.

»Ich komme! – Wann?«

»In fünf Tagen ist mein hiesiges Gastspiel beendet, ich werde nicht weiter in Deutschland gastieren, sondern direkt mit dir nach Petersburg gehen. Auf der Reise werden wir Zeit finden, die ganze Rolle der Julia einzustudieren, – in Kürze folgt die Desdemona, und nach ihr all jene klassischen und modernen Frauengestalten, deren Partnerrollen ich spiele. Wenn du eifrig mit mir studierst, wagen wir sobald wie möglich dein erstes Auftreten!«

Ihr Auge blitzt in leidenschaftlichem Triumph.

»Ich werde eifrig sein, du sollst staunen!«

Sie liegt in seinem Arm, – sie flüstern und besprechen alles Nähere zur Flucht, bis der Schlag der Uhr sie emporschrecken läßt. Lachend zeigt er die blendend schönen Zähne:

»Die Lerche ist's, und nicht die Nachtigall! Leb meine Julia, leb wohl! – morgen auf Wiedersehn!«

»O neidisch böse Lerche!«

»Mein bist du, – mein!«

»Auf ewig!«

Er ging.

Vor dem Spiegel steht Severa und löst den goldenen Reif aus dem Haar.

Ein tiefer Atemzug höchster Genugtuung hebt ihre Brust. – Welch einen Sieg hat sie erfochten! Wo tausend andere jahrelang mühsam am Boden flattern, hebt sie die glänzenden Schwingen, sogleich zur Sonne aufzusteigen.

Gold! Ehre! Genuß! Alle Freuden dieser Welt! Was könnte ein anderer ihr mehr geben?

Da klingt's wie eine leise, traumhafte Stimme an ihr Ohr: »Den Frieden, Severa! den Frieden, welchen dir Gold, Ruhm und alle Freuden dieser Welt nicht geben können!«

Ein zorniges Auflachen. – Severa preßt die Hände gegen die Ohren und schüttelt in wildem Trotz das Haupt.


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