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XXI.

Kammerherr von Tempelburg beobachtete es voll heimlichen Staunens, daß seine sonst so unersättlich vergnügungssüchtige Frau plötzlich alle Einladungen ablehnte und stunden-, ja halbe Tage lang sich in ihrem Zimmer einschloß. – Sie erledigte nur die notwendigsten Besuche bei Gräfin Herdern und fuhr zu den Proben der Theatervorstellung. Um so überraschter war er, als die seit Tagen Unsichtbare plötzlich in sein Zimmer trat. Das war seit langer Zeit nicht mehr vorgekommen, daß Severa ihn freiwillig aufsuchte, und darum ging es wie ein Schein jäher Freude über die welken, farblosen Wangen des Vernachlässigten, als die schlanke Gestalt so unvermutet zwischen den Portieren erschien.

Aber dieser Schein erlosch sehr schnell, als er in das marmorkühle Antlitz der jungen Frau sah, welches sich ihm mit einem ganz sonderbaren Ausdruck zuwandte.

Es war nicht nur die gewohnte Übellaunigkeit, welche sich darin spiegelte, es lag etwas Forschendes, Entschlossenes in den kalten Augen, welches den Mann, der sich seit vielen Monaten schon um alles Glück betrogen sah, vollends erbitterte.

»Ah, Severa, du? Welch eine seltene Ehre tust du mir und diesem Zimmer an!«

Sie zuckte nur nachlässig die schönen Schultern und nahm ihm gegenüber Platz.

Die kalkweißen Falten ihres übereleganten Morgenkleides hoben sich grell von dem dunkelblauen Saffianleder des Sessels ab, – wie ein Hauch der Kälte ging es von ihr aus und Tempelburg war es, als fröstele ihn heut noch mehr in ihrer Nähe, wie sonst. –

Da sie noch immer schwieg und nur mit scharfem Blick seinen Schreibtisch überflog, fuhr er etwas ironisch fort: »Der Schlüssel zu deinem Boudoir schließt wohl nicht mehr?«

»Warum interessiert dich das?«

»Weil du dich um diese Zeit einzuschließen pflegst!«

»Dessen bedarf es nicht mehr, – ich kann jetzt meine Rolle.«

»Ah – du studiertest die ›Rivalin‹?«

»Vermutete deine Eifersucht anderes?« Sie wollte sehr gleichgültig sprechen, aber der Spott klang doch durch ihre Stimme.

Er lehnte den Kopf müde gegen den Sessel zurück und sah noch älter aus als sonst.

»Eifersüchtig? – Ach nein, durch solche Danaidenarbeit strenge ich mich nicht an.«

»Sehr vernünftig!«

»Und du befiehlst?« –

Sie lachte hart auf. »Sind dir von Baumeier und Hardt schon die Rechnungen eingeschickt?«

Er zuckte zusammen. »Nein. Wozu das auch? Du beziehst dein Toilettengeld und hast deine Rechnungen selber zu begleichen.«

»Toilettengeld! Du berührst das Thema, welches ich soeben mit dir erörtern wollte. Lange Umschweife sind nicht meine Art, also kurz heraus, ich bin in diesem Monat nicht ausgekommen und werde es auch die nächsten Monate schwerlich. Bei den ungeheuern gesellschaftlichen Ansprüchen, welche an mich gestellt werden, ist es ganz undenkbar, daß ich mich mit den paar Talern einrichten kann!«

»Paar Talern!! Herr des Himmels! wenn du das Vermögen, welches du für deine Toiletten, Reisen, die Spielverluste in Monte Carlo und sonstigen Luxus verschwendetest, nur eine Bagatelle nennst, so hast du einen eigenartigen Begriff von dem Werte des Geldes!«

Severa drehte sehr gelassen die Brillantringe an ihrem Finger.

»Wohl möglich. – Ich habe leider eine sehr reiche und üppige Phantasie vom Schicksal als Patengeschenk erhalten, und die kleinliche Knauserei und ein spießbürgerlich berechnender Sinn gehen mir völlich ab. – Du hast mir ehemals gesagt, das Schuldenmachen sei dir verhaßt, und du würdest es niemals dulden, – eh bien! – so gib mir die Mittel, um alles sofort bar bezahlen zu können. – Zu den Theaterproben und der Aufführung brauche ich viel neue und elegante Toiletten, denn du kannst unmöglich verlangen, daß ich ein und dasselbe Fähnchen zweimal in derselben Saison trage!« Sie schwieg. Ihr Blick blitzte herausfordernd zu ihm herüber.

Tempelburg richtete sich strammer empor.

Sein fahles Gesicht färbte sich plötzlich höher, wie ein ironisches Lächeln zuckte es um seine Lippen.

»Unsere Gedanken haben sich heute seltsam begegnet,« – sagte er mit heiserer Stimme, »ich hatte dieselbe Absicht, wie du, über das Toilettengeld mit dir zu reden!«

»Ah! – du siehst also ein?«

Er kreuzte wie in jähem Entschluß die Arme über der Brust und sah sie starr an.

»Ja, ich sehe ein, daß alles und jedes in unserem Hause sehr anders werden muß, wenn ich nicht in allernächster Zeit vor dem Bankerott stehen soll! – Eine törichte Schwachheit, eine verächtliche Angst vor dem Augenblick, dir eine solch unliebsame Enthüllung machen zu müssen, schloß mir bisher die Lippen, aber die bittere, eiserne Notwendigkeit löst mir heute die Zunge, und ich bin froh, daß die Stunde gekommen ist, wo wir uns aussprechen können. – Hier auf dem Schreibtisch liegen die Abrechnungen meines Bankiers; – möchtest du nicht einen Blick hinein werfen?«

Ihr Blick schillerte, – ein spöttischer Ausdruck neigte ihre Mundwinkel.

»Ich verzichte!«

»Interessiert es dich tatsächlich nicht, einmal die Höhe der Summen kennen zu lernen, welche du in den wenigen Jahren sündhaft und gewissenlos vergeudetest?«

»Nein, – nicht im mindesten!«

Heiße Röte des Zornes stieg langsam in den Wangen des Kammerherrn empor und färbte auch die Stirn. Er erhob sich, versenkte die Hände in die Taschen seines Jacketts und blieb mit finsterem Blick vor ihr stehen.

»Durch deine Verschwendungssucht bist du auf dem besten Wege mich zu ruinieren!« stieß er mit heiserer Stimme hervor. »Mein ehemals so großes Barvermögen ist in geradezu erschreckender Weise zusammengeschmolzen, und da Laubsdorf das Eigentum meiner Tochter ist, ist jede Möglichkeit ausgeschlossen, Hypotheken darauf aufzunehmen! Wenn ich es aber auch könnte, schwöre ich dir doch, daß es nie und nimmermehr geschehen würde, denn die Zeit ist um, in der ich mich zum willenlosen Narren eines pflichtvergessenen Weibes machte!«

Tempelburg atmete schwer auf und strich mit dem Batisttuch über die Stirn, auf welche die qualvolle Erregung feuchte Perlen trieb.

Sein Blick brannte auf dem schönen, regungslosen Antlitz seiner jungen Frau und das Herz hämmerte ihm in der Brust bei dem Gedanken an die verzweifelt leidenschaftliche Szene, welche nun unausbleiblich kommen mußte.

Um so überraschter war er, als Severa voll größter Gelassenheit die Spitzen an ihrem Ärmel zurecht zupfte und kaum zu ihm aufsah.

»Tatsächlich? Wie töricht von dir, mir das nicht längst zu sagen. Nun willst du alle Schuld auf mich schieben, und dennoch war es einzig und allein dein Fehler, wenn alles so kläglich wie ein Schattenbild zusammenschrumpfte, was ich für wahr und unerschütterlich gehalten. Wenn eine Frau der Ansicht ist, einen sehr reichen Mann zu heiraten, so kann man es ihr durchaus nicht verargen, wenn sie ihren Passionen freien Lauf läßt, um so mehr, wenn man ihr in rücksichtsloser Weise die volle Wahrheit der Verhältnisse vorenthält!«

Tempelburg wich ganz entsetzt zurück.

»Severa! Deine Worte schlagen jedweder Wahrheit in das Gesicht! Hundertmal habe ich dich gebeten, deine Ausgaben einzuschränken, in der Haushaltung sparsamer zu sein, auf diese oder jene Reise zu verzichten ...«

Sie erhob sich brüsk und maß ihn mit funkelndem Blick vom Scheitel bis zur Sohle.

»Ah! und diese ewigen Nörgeleien, welche ich lediglich für Geiz und Unduldsamkeit hielt, werden jetzt zum Strick gedreht, an welchem du die Zentnergewichte aller Verantwortung mir um den Hals hängen willst? – Solch eine Feigheit sieht dir ähnlich! – Was wollen denn all diese kläglichen Ermahnungen zur Sparsamkeit bedeuten, wenn man mich dabei nach wie vor in dem Glauben läßt, daß du über Millionen verfügst? – Du sagst, ich hätte gewissenlos gehandelt? – Du hast es getan, und dich klage ich an vor Gott und der Welt! Bin ich geistesschwach oder ein törichtes Kind, welchem man jede klare Einsicht in die Vermögensverhältnisse, wozu eine Gattin berechtigt ist, verweigert? War es nicht von Anfang an deine Pflicht, mir schwarz auf weiß zu zeigen: so viel Vermögen besitzen wir, – so viel Zinsen dürfen wir verbrauchen, – so und so müssen wir uns infolgedessen einrichten? – Ich versichere dich, daß es geschehen wäre! Aber anstatt so ehrenhaft und aufrichtig zu handeln, täuschst du mich von Tag zu Tag, läßt mich unbeirrt in falschem Glauben in den Tag hinein leben, und nun, wo deine Komödie ›vom reichen Mann‹ uns zugrunde gerichtet hat, da bin ich es gewesen, die leichtsinnig gewirtschaftet hat! Empörend ist es! empörend!«

Der Kammerherr war an den Schreibtisch zurückgewichen, wie ein Schwerkranker, mit weit aufgerissenen Augen, nach Atem ringend, stützte er sich auf die spiegelnde Platte. –

»Severa ... du bist ungerecht! ... nur meine so unendlich große Liebe zu dir ... die Sorge, deine Freude an dem Luxus schmälern zu müssen, – die Angst, alsdann weniger von dir geliebt zu werden, schloß mir die Lippen! und außerdem dachte ich – alles Geschäftliche sei doch die Sache des Mannes und dürfe eine Frau nicht belästigen, dir zuliebe, nur dir zuliebe wollte ich ...«

»Blödsinn!« unterbrach sie ihn rauh. »Wenn du deine fünf Sinne zusammen hattest, mußtest du dir sagen, daß ein Bankrotteur wohl am wenigsten auf die Liebe einer Frau zu rechnen hat, daß aber rückhaltloses Vertrauen stets und von jedem Weibe anerkannt wird!« – – Sie trat an das Fenster und starrte in den verschneiten Garten hinaus. »Wenn du glaubst, daß man mit hungern und darben die Liebe schürt, dann irrst du! Ich habe mich kaum bei aller Pracht und Herrlichkeit in deinem Hause glücklich gefühlt, – wie unerträglich wird das Dasein jetzt erst werden, wo der Mangel aus allen Ecken und Enden grinst!«

»Severa!« – er deckte aufstöhnend die Hand über die Augen, – »hast du denn keinen Funken von Mitleid und Erbarmen in deinem Herzen?«

»Für dich? Zum Dank für die rücksichtsvolle Art und Weise, mir die Zukunft zu gestalten?« Sie lachte leise und hohnvoll auf: »Bitte verschone mich nun wenigstens mit lyrischen Szenen und der absurden Versicherung deiner Liebe! Wenn diese so töricht und schwach war, daß sie mich nicht einmal vor dem Zusammenbruch des Hauses, in welches ich dir vertrauend folgte, schützen konnte, so hast du wohl jedes Anrecht darauf verscherzt. Aber genug der überflüssigen Worte. Ich werde also künftighin die Küchenschürze umbinden und eine Hausfrau nach Gevatter Schuster und Schneiders Geschmack werden. – Wie denkst du, daß wir das künftige Leben einrichten?« Ihr Blick haftete auf seinem tiefgeneigten Antlitz, dessen fliegende Röte einer schier leichenhaften Blässe gewichen war, aber es lag nichts Feindseliges, Erbittertes oder Verzweifeltes in ihrem Blick, sondern eher ein triumphierendes Blitzen, eine große Selbstzufriedenheit, welche philosophiert: »Wohl mir, daß ich zur rechten Zeit die rettende Brücke von den lecken Planken nach den Gestaden des Glücks geschlagen! – Wie amüsant ist es, jetzt deine greulichen Pläne für eine unerträgliche Zukunft zu hören, mit dem Gedanken, daß diese Pläne nie zur Wirklichkeit werden! – So hört man hinter dem sichern, warmen Ofen voll behaglichen Gruselns die Geschichte eines Schiffbrüchigen an!«

Der Kammerherr sah nicht den Ausdruck ihres Gesichts, er starrte vor sich nieder, ebenso resigniert und apathisch, wie er es schon seit Jahresfrist gegen den Sturm geworden war, welcher wie ein unentrinnbares Schicksal aus dem duftigen Boudoir seiner schönen Gemahlin gegen ihn heranbrauste.

»Ich denke, wir ziehen uns mit Ethels Erlaubnis mehrere Jahre nach Laubsdorf zurück, bis ich mich wieder etwas arrangiert habe!« sagte er tonlos, »vielleicht kann man durch große Sparsamkeit einen Teil des verlorenen Kapitals wieder einbringen! Not lehrt beten – und ich denke, du findest dich in das Unvermeidliche, wenn du es mußt

»Gewiß! wenn ich es muß!« wiederholte sie mit sarkastischem Lächeln. »Aber ich erkläre dir noch als ›letzten Willen‹ sehr energisch, daß ich vor der Aufführung bei Hofe nie und nimmermehr das Exil Laubsdorf betrete! Das siehst du wohl selber ein, daß ich die Kronprinzessin nicht derart im Stich lassen kann!« –

»Selbstredend, – wir werden den geeigneten Zeitpunkt abwarten. Meine Erkrankung wird den stichhaltigen Grund abgeben.«

»Gut. – Also bis dahin soll die ›alte Burschenherrlichkeit‹ noch leben, blühen und gedeihen! – Ein paar Wochen noch leben und genießen und dann? après nous le déluge!« – Sie warf das Haupt in den Nacken und musterte die hagere, zusammengesunkene Gestalt ihres Mannes noch einmal mit einem beinah grausamem Blick. »So wären meine Wünsche also an den Konsequenzen deines falschen Spiels gescheitert, – gut, ich füge mich fürerst in das Unabänderliche und gehe. – Du wirst sehen, daß ich sogar den Mut habe, zu einer Aufführung bei Hofe nur ein ›aufgearbeitetes‹ Kleid zu tragen! Dies wird das erste Opfer sein, welches ich dir bringe!«

Er blickte auf und sah sie zweifelnd an.

»Das würde mir allerdings imponieren! Je eher du dich gewöhnst, dir Wünsche zu versagen, desto besser.«

Ihre Hand lag schon auf der Türklinke.

»Ganz recht: je schneller der Entschluß, desto wirksamer. – Adio!« –

Ihre Lippen zuckten wie in verhaltenem Lachen, – mit leisem Klang rauschte die seidengefütterte Schleppe über die Schwelle, und nur der zarte Hauch von Heliotrop, welcher die schlanke Gestalt der schönen Frau stets umschwebte, wie der Duft die Blüte, blieb wie eine Erinnerung an sie zurück und legte sich schwer auf die Nerven des Zurückbleibenden. Herr von Tempelburg wühlte die nervös bebenden Finger in das spärliche Haupthaar und starrte auf die vor ihm liegende Zeitung nieder, bis die Buchstaben wie schwarze Kobolde durcheinander wirbelten.

Die Zeit, welche hinter ihm lag, war eine Kette bitterster Enttäuschungen und qualvoller Aufregung, – die aber, welche nun vor ihm lag, war wohl noch bei weitem furchtbarer, und wenn er an den Aufenthalt in Laubsdorf dachte, welcher so völlig anders sein muß und wird, wie die Jahre vorher, an all das sparen, einrichten und entbehren, und er stellte sich dabei Severas bitterböses Gesicht, ihre Launen und Zornesergüsse vor, so fühlte er ein Würgen im Hals wie ein Mensch, der zu ersticken droht. Früher, wenn er dem tollen Treiben seiner verschwenderischen Frau keinen Einhalt mehr gebot und resigniert zusah, wie sie ihn pekuniär zugrunde richtete, da waren es noch andere Gefühle, welche ihn heimlich dabei beherrschten.

Zuerst war er Narr genug, sich einzubilden, wenn alles verbraucht sei und die Not die Gesetze schreibe, werde das unsinnige Leben ein Ende haben und Severa, die Reuige, Zerknirschte, eile in seine Arme zurück, nun endlich voll und ganz ihm in der trauten Stille des Landlebens anzugehören!

Damals liebte er sie noch. –

Dann, als es ihm von Tag zu Tag entsetzlich klarer ward, daß die Unersättliche nie und nimmer zärtliche Gefühle in ihrem kalten Herzen für ihn gehegt, daß ihre Ehe nichts wie Berechnung, und ihre Treuschwüre und Liebesworte nur Falsch und Meineid gewesen, da schlich sich die Erbitterung in sein Herz und er empfand eine grimme Schadenfreude, wenn er ihr das geforderte Geld mit vollen Händen hinwarf! War es doch seine Rache für ihr trügerisches Spiel! –

Hatte sie ihn nur um seines vermeintlichen Reichtums willen gefreit, so gab es wohl keine empfindlichere Strafe für sie, als sich selber durch eigene Schuld zur Bettlerin zu machen!

Dann folgte auf das unsinnige Genießen der Katzenjammer, auf den kurzen, üppigen Traum das greuliche Erwachen! –

Oft hatte der Kammerherr ingrimmig aufgelacht, wenn er an die Stunde dachte, in welcher er dem gewissenlosen Weib die große, bleibende Ebbe in dem Geldschrank zeigen würde! –

Dann sah er sie blaß, zornig, leidenschaftlich und verzweifelt die Hände gegen die Stirn schlagen und hörte ihren Schreckensruf: »Weh mir! was habe ich Unglückselige getan!« –

»Du hast geerntet, was du gesät hast!« wollte er kalt und streng erwidern – und wenn sie bitterlich schluchzend zusammenbrach und ihm ein neues Leben voll Reue, Bescheidenheit und Opfermut gelobte, dann wollte er großmütig vergeben und die schöne Büßerin vielleicht – vielleicht noch einmal lieb gewinnen!

Ja, so hatte er geträumt, und ingrimmig auf die Stunde der Vergeltung gewartet, – und als sie heute vorzeitig kam?!

O Narr! Narr! Narr! der er war! –

Vor seinen Ohren schwirrt ein Wort Shakespeares, welches er unlängst auf der Bühne gehört: »O du listiger Teufel! wer kann ein Weib verstehn?«

Ja, er verstand jetzt sein Weib, diese listige Teufelin!

Reue! Zerknirschung!! Abbitte!!!

War er toll gewesen, sich Severas Antlitz als das einer büßenden Magdalena vorzustellen? Hatte sie ihn zugrunde gerichtet?

Trug sie auch nur die mindeste Schuld an dem Bankerott, welcher über sie hereinzubrechen droht?

O nein! –

Mit zornblitzendem Blick setzt sich die schöne Sünderin auf den Richterstuhl und macht es dem sprachlos verblüfften Gatten klar, daß er, ganz allein er der Verantwortliche ist, der Pflichtvergessene und Betrüger, welcher seinem harmlosen, vertrauenden Weib falsche Tatsachen vorgespiegelt, welcher sie durch scheinbare Reichtümer arglistig getäuscht hat, sie in die verhaßten Fesseln seiner Ehe zu locken! Und alles, was sie sagt, klingt so überzeugend und wahr, daß jeder Fremde, Uneingeweihte Partei für die arme, so empörend hinter das Licht geführte Frau haben muß! –

Die Rollen sind urplötzlich getauscht und nicht Severa wird in Laubsdorf als Büßerin einziehen, sondern er schreitet schuldbewußt, verachtet und bitter angefeindet, von Vorwürfen überhäuft, gleich einem Verbrecher über die Schwelle!

O ewiges Entsetzen – welch ein Dasein muß das werden! –

Was hat er gesündigt, daß ein solches Strafgericht über ihn hereinbricht? –

Wird solch ein Leben überhaupt zu ertragen sein?

Wie ein eisiges Grauen schleicht es durch die Glieder des Kammerherrn und sein Blick richtet sich so entsetzt nach der Türe, als fürchte er, sie könne sich abermals öffnen, um ihm das Antlitz seiner Gattin zu zeigen!

Herr von Tempelburg hat nie zu den geistreichen und schlagfertigen Männern gezählt; er hat auch selten, fast nie etwas erlebt, was eine besondere Energie und Umsicht von ihm verlangte.

Alles rollte sich glatt und ereignislos ab, und wenn seine erste Ehe auch nicht sonderlich glücklich war, so glich sie doch nur einem unbeschriebenen Blatt im Gegensatz zu der zweiten unglückseligen, welche einen wahren Sensationsroman repräsentierte, der in dieser Stunde seinen Höhepunkt erreicht hatte.

Herr von Tempelburg barg grausend das Antlitz in den Händen, wenn er an die Tiefen dachte, in welche sein Lebensweg jetzt hinab führte! –

* * *

Währenddessen hatte Severa ihr Boudoir erreicht.

Sie warf sich auf den Diwan nieder und blickte mit halbgeschlossenen Augen in die züngelnden Flammen des Kaminfeuers, welches aller Zentralheizung zum Trotz noch immer sein poetisches Dasein in den lauschigen Boudoirs schöner Frauen fristet.

Sie sah weder erregt noch sonderlich durch die einschneidenden Erörterungen ihres Mannes erschreckt aus.

Im Gegenteil, eine gewisse Genugtuung, ein Ausdruck behaglicher Überlegenheit lag auf dem schönen, herzlosen Gesicht. –

Wenn ihr während der letzten Tage hie und da noch Zweifel gekommen waren, wenn sie voll kühler Berechnung erwog, ob sie tatsächlich den kühnen Schritt wagen und eine ungewisse Zukunft gegen all die sorglose Pracht ihres jetzigen Lebens eintauschen solle, – so waren nun plötzlich die Würfel gefallen und drängten ihr die Entscheidung auf, als habe das Schicksal selber ihrem Schwanken und Zögern ein Ende bereiten wollen!

Je nun, das Schicksal und sie waren seit jeher gute Freunde gewesen!

Es schickte ihr immer zur rechten Zeit das, was sie just zu ihrem Glück gebrauchte!

Damals die Heirat, – jetzt die Freiheit. –

Fortuna selber flog aus der buntschillernden Kugel voran, lachte ihr zu und winkte: »Folge mir – dann erhaschst du mich!« –

Die Jagd nach dem Glück! –

Ist es wahr, daß sie Frieden und Ruhe raubt? daß man sich an dem vollen Becher immer nur neuen Durst trinkt, bis man inmitten der lockenden, gleißenden, betörenden Flut mit trockenen Lippen, verschmachtet? –

Narrheit! –

Noch hat Severa sich nicht ein einziges Mal satt getrunken an diesem trügerischen Becher! – Nur Schaum und Traum – Lug und Trug war es gewesen, womit sie sich den brennenden Mund genetzt!

Vor ihr aber in der Ferne rauscht und sprudelt der Springquell des Lebens und des Glückes – und an grünem Ast schwankt die Frucht vollen Genusses, welche sie endlich, endlich satt machen wird!

Nein, sie zögert nicht länger, – sie hat in dieser Stunde endgültig gewählt und entschieden! Was sie aufgibt, ist ein Nichts, – die Trümmer und Scherben einer Existenz, welche sie im Sturmlauf nach hohem Ziel unter die Füße tritt. –

Jenen mattäugigen, energielosen Schwächling, welcher sich wie ein Knabe von ihr gängeln ließ, welcher nicht einmal Manns genug war, sein Hab und Gut vor einem Weib zu schützen – ihn hatte sie nie geliebt – und seit dieser Stunde! verachtete sie ihn!

Sich von ihm zu trennen ist eine Wohltat und kostet weder Kampf noch Träne, – der Reichtum ist zerronnen und mit ihm zerstiebt die Rolle, welche sie in der Gesellschaft gespielt, wie eine Seifenblase!

Was sie aufgibt ist nichts, – was sie eintauscht wird aber viel sein, – sehr viel, – alles! – Also va banque!

Severa spielt mit sicherer Hand einen neuen Trumpf aus, – wird ihn Fortuna stechen, oder gewinnt sie den ganzen, zauberischen Inhalt des Füllhorns, – welcher bei diesem Hasard der Einsatz ist?

Mit sieggewissem Lächeln greift die schöne Frau nach dem Shakespeare und lernt, fiebernd vor Ungeduld und leidenschaftlicher Sehnsucht nach dem erträumten Glück die Rolle der Julia. –

Komm, Ricardo Gardeno – ich bin bereit! –


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