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XIV.

Nicht die Freude, sondern Schmerz und Trauer offenbaren eines Menschen Herz.

Wenn der große, heilige Ernst des Lebens mit ehernen Fingern anklopft, tut es sich auf und läßt auf seinen tiefsten Grund blicken.

Da zeigt sich oft als Talmi, was man für Gold gehalten, und manch unscheinbares Steinchen, welches kaum der Beachtung wert schien, erweist sich als ein Brillant voll solch wundervollem Feuer und solcher Farbenpracht, daß man nicht müde wird, voll Entzücken zu schauen. Es entschleiert sich der Leichtsinn, welcher philosophiert: »Glücklich ist, wer vergißt, was nicht mehr zu ändern ist!« Da macht sich die Selbstsucht und Genußsucht breit, welche alle Trauer als lästiges Hindernis, als übles memento mori von sich abschüttelt und zynisch lächelt: nur nicht Nachdenken! – sich nicht von dunkeln Schatten bange machen lassen! Alles ist eitel, – das ist die einzige Wahrheit, welche uns das Sterben und Verderben ringsum beweist! Darum freut euch des Lebens, so lang' noch das Lämpchen glüht!

Oder die Verzagtheit weist allen Trost und alles Hoffen von sich, um zu finsterer Verzweiflung zu werden.

Unglauben und Brutalität gehen Hand in Hand.

Selig aber das Menschenherz, welches tief und verborgen liegt, wie ein stiller See. Kommt die Nacht, die dunkle, schwarze Nacht des Leids und der Prüfung, so spiegeln sich in ihm doppelt hell und klar des Himmels Sterne, und läßt der Sturm auch seine Wasser zittern, daß sie als Tränenströme über ein frisches Grab fluten, – tief auf des Sees Grund wohnt dennoch der Frieden und die Ruhe einer gottseligen Ergebung, welche nicht rechtet, hadert und philosophiert, sondern geduldig spricht: »Dein Wille geschehe.«

Wie still und dunkel war es in dem Hause der Rätin Hoff geworden, nachdem man ihren Sohn, an welchem ihr Herz voll Freude und Hoffnung gehangen, hinaus in sein letztes, stilles Kämmerlein getragen, und doch waren es Stunden der Erquickung, welche Manfred in der ersten Trauer dort verlebte.

Gespräche, welche sonst so selten in der großen, leichtlebigen Gesellschaft angeregt werden, ergaben sich hier ganz von selbst, und wenn er in Ethels jungem Herzen auch längst schon den köstlichen Kern geahnt hatte, jetzt offenbarte er sich in seiner ganzen Lauterkeit. Schlicht und einfach, oft voll rührender Kindlichkeit, war ihr Glauben und Hoffen, und wenn sie die weinende Mutter mit ihrer sanften, freundlichen Stimme tröstete, dann wußte und fühlte man, daß sie keine schönen Redensarten machte, sondern daß es ihre Überzeugung war, wenn sie die Trauernde eines seligen, ewigen Wiedersehens versicherte.

Dann leuchteten die Augen, welche sonst kaum schön zu nennen waren, in seliger Verklärung, und auf der reinen Kinderstirn lag ein Frieden, welcher seinen Abglanz auch auf das blasse Antlitz der Witwe warf und in Manfreds Herzen unauslöschliche Spuren hinterließ.

Um so peinlicher berührte in dieser Gebetsstille ein Brief Severas, welche mit ein paar schwülstigen Phrasen der Mutter kondolierte und nur den einen Trost hatte: »Es ist ja so gut für ihn, Mama! – Was hätte aus ihm werden sollen? Er war zu allem zu krank! Und ein Mensch, welcher nichts auf der Welt erreicht, verliert nichts mit ihr!« – Dann erzählte sie von Interlaken, von dem eleganten Hotel und dem großen Trubel, in welchem man leben müsse, und daß es ihr so peinlich sei, noch immer bunte Toiletten tragen zu müssen, aber die Trauerausstattung sei nicht so schnell zu beschaffen und erwarte sie diese erst daheim in Laubsdorf. – Glücklicherweise ahne ja hier niemand den Verlust, welcher sie betroffen. In kurzer Zeit würden sie nun wieder nordwärts reisen und habe ihr Gatte angeordnet, daß Miß Maud und Ethel schon jetzt nach Laubsdorf vorausreisen sollten, um dort für die nötige Behaglichkeit zu sorgen. – Daß Manfred der Mutter in der schweren Zeit so treulich beigestanden, finde sie rührend! Sie sei ihm sehr dankbar dafür und freue sich darauf, ihm dies bald persönlich zu sagen und ihm die Hand drücken zu können. Einstweilen lasse sie ihn sehr herzlich grüßen!

»Sehr gütig, – ich danke, liebe Tante!« sagte der junge Künstler mit seltsam hartem Klang in der Stimme. »Ich werde wohl Severa vorerst noch nicht wiedersehn, da ich endlich in der Lage bin, an die See reisen zu können, um dort notwendige Wasserstudien zu machen!« Sein Blick traf Ethel und wurde weich. »Wie werden mir die trauten Abendstunden so sehr fehlen! Es war schön, auch die innersten und heiligsten Gedanken einmal austauschen und versichert sein zu können, daß man verstanden wird. – Wann werden Sie wohl nach Laubsdorf abreisen müssen, Ethel?«

Auch über ihr junges Gesicht flog ein trüber Schatten.

»Noch hat Papa keinen Termin bestimmt! Er schrieb nur in dem letzten Brief, daß alle Logierzimmer im Schloß und auch diejenigen in dem sogenannten Witwenhause, in welchem Großmama während ihrer letzten Lebensjahre wohnte, instand gesetzt werden sollten, – Mama beabsichtige viele Gäste während des Sommers zu laden.«

»Auch jetzt noch, nachdem sie die Trauernachricht erreichte?«

»Doch wohl.« Ethel senkte das Köpfchen sehr tief. »Papa schrieb, als die Nachricht von Maxels Tod bereits eingetroffen war.«

Minutenlange Stille.

Manfred starrte schweigend vor sich nieder.

»Sie werden doch nicht plötzlich abreisen, Ethel, wir sehen uns wohl noch einmal hier und sagen einander Lebewohl?«

»Gewiß, – wir müssen uns doch Lebewohl sagen!« wiederholte sie mit stockender Stimme. »Wer weiß, wie lange wir fern bleiben müssen!«

Sah sie tatsächlich blasser aus bei diesen Worten wie sonst, oder war es nur die Beleuchtung? Es dämmerte bereits und begann draußen zu regnen.

Die Tropfen schlugen hart gegen die Fenster, und die Rätin blickte besorgt auf.

»Welch ein Wetter plötzlich! Ihr habt den Wagen bestellt, Ethel? – Aber Manfred kam mit der Bahn, – du wirst sehr naß werden, mein armer Junge, bis du heimkommst!«

»Wenn es Ihnen nicht zu zeitraubend ist,« sagte die Engländerin, »wäre es viel besser, wenn Sie mit uns führen, Herr Hoff! Es ist ja so viel Platz im Wagen.«

»Wenn Sie mich mitnehmen wollen, wäre ich sehr dankbar. Ich opfere dadurch freiwillig eine ganze Stunde Zeit, und müßten Sie sich verpflichten, Miß Maud, mich dafür zu entschädigen!«

Er sagte es mit einem Anflug seiner alten Heiterkeit, und die Damen schauten sehr überrascht auf.

»Wenn Sie nicht sehr unbescheiden sind, wollen wir sehen, was sich tun läßt! Also stellen Sie eine gerechte Forderung!«

»Ich tue es. – Sie, Miß Maud und auch Ethel, behaupten, sich für meine Schöpfungen zu interessieren, dafür verlange ich einen Beweis. Ich habe ein neues Bild auf der Staffelei, welches in drei Tagen nach Hamburg abgeht, das möchte ich Ihnen so gern zeigen und wissen, ob es Ihnen gefällt. – Tante Klara hat versprochen, morgen einen Besuch in Villa Freya zu machen, um die Neueinrichtungen anzusehen, – ich würde mich so sehr freuen, wenn die Damen Zeit fänden, mich in meinem Atelier aufzusuchen!«

Ethel sah plötzlich dunkelrot aus und schaute mit flehendem Blick auf die Rätin.

»Großmama ... ach, wie schön wäre das!«

»Wunderschön! Ich bin mit diesem Vorschlag sehr einverstanden!« versicherte Miß Maud, und Frau Hoff nickte mit ernstem Blick.

»Du machst uns durch diese Einladung eine große Freude, Manfred, – wir kommen gern.«

Und sie kamen.

Noch wohnte Manfred in demselben einfachen Haus wie zuvor.

Die Rätin stieg langsam, öfters ruhend, die vielen, steilen Treppen empor und Miß Maud stützte sie, – Ethel aber eilte schnellfüßig voraus, und ihr leuchtender Blick grüßte die schlichten, weißgetünchten Wände, als wollte sie sagen: »O ihr Beneidenswerten, die ihr dem Genie ein Heim gebt!«

Nicht einmal kam ihr der Gedanke: »Wie ärmlich, wie wenig meiner würdig ist dieses Treppenhaus und diese Wohnung!«

Nicht einmal faltete sie zornig die Stirn, wie ehemals Severa, als die einfache Holzstiege höher und höher emporführte!

Gerade so mußte es ja sein!

Nahmen nicht ihr Herz und ihre Seele einen gar hohen Flug, um einem gottbegnadeten Künstler in den Himmel seiner hohen und heiligen Schönheitsideale zu folgen?

Was fragte sie nach der Beschaffenheit des Weges, wenn ihr das leuchtende Ziel vor Augen steht?

Ach, und welch ein Ziel!

Wie haben sie diese letzten Wochen erkennen gelehrt, welch ein Künstler und Mensch Manfred Hoff ist!

Keines von jenen modernen Zerrbildern, welche sich nur die sonnenlichten Schwingen des Genius leihen, um allen Schmutz der Welt und der Seele heuchlerisch dahinter zu verstecken. Manfred gehört nicht zu den modernen Tempelstürmern der Kunst, welche das Bild der reinen, makellosen Göttin der Schönheit von dem Altar stoßen, um eine Dirne darauf zu setzen und sie als Freiheitspriester mit Giftblüten und Unkraut zu kränzen!

Ehemals waren die Künstler die Lieblingskinder Gottes, und wen der Kuß des Genius zum Maler, Dichter oder Musiker geweiht, der stand dem Himmel näher als andere Sterbliche, dem war schon in diesem Leben ein Blick in das unverhüllte Reich der Herrlichkeit gestattet, und damit ihm die heilige Pflicht geworden, solche Gottesherrlichkeit der Mitwelt in hehrem Priestertum zu künden!

Wo aber bleibt einer Lilie fleckenloses Weiß, wenn sie mit schmutzigen Fingern dargeboten wird? Was wird aus dem reinen Tau des Himmels, fängt man ihn in besudelter Schale auf?

Was bleibt von dem Urbild höchster, sittlicher Vollendung und Schönheit, wenn man es mit Kot bewirft und es der Gemeinheit zum Hüten gibt?

Nicht nur die Kunst selber soll das Bild des Göttlichen in sich tragen, sondern auch die, welche auserwählt wurden, eine Kunst zu üben!

Mögen sie immerhin den Spiegel der Wahrheit emporhalten, in welchem sich eine Welt voll Licht und Schatten wiedergibt – er wird auch Laster und Schuld als abschreckendes Beispiel zeigen und dennoch den tiefen Ernst göttlicher Gerechtigkeit tragen, wenn nicht der Lehrmeister selbst diesen Spiegel durch einen Gifthauch trübt, welcher Gut und Böse unkenntlich macht!

Wie lange aber ist der Künstler schon zum verlorenen Sohn geworden, welcher seinem Vaterhaus, dem Himmel, entfremdet, hinaus zog in die Welt, im Sumpf und Schmutz die Schweine zu hüten?

Wie selten blitzt noch ein Ewigkeitsfunken aus seinen Augen oder seinen Werken!

Irrlichter sind es geworden, welche ihn und andere irre führen.

In dem »Lichtraum« Manfred Hoffs aber flutete es so sonnig klar und rein, als ob auch nicht ein Stäublein der verlorenen Welt in diese Höhe empordringen könne.

Alles ist hier verschmäht, was sonst das Atelier eines modernen Malers interessant und originell macht.

Unendlich einfach, ohne kostbare oder sensationelle Dekorationen, durch nichts anderes geschmückt als die Werke des jungen Meisters selbst.

Studien, Skizzen und einzelne Bilder aus seiner »Werdezeit« hängen an den Wänden, inmitten des hohen, luftigen Raumes steht auf einer Staffelei die neueste Schöpfung »Stilles Glück«, welches die Damen sehen wollen, ehe das Gemälde versandt wird.

Als einziger Schmuck steht seitlich auf dem Tisch, welcher die Malutensilien trägt, ein Strauß, Wiesenblumen, Vergißmeinnicht, Johannisblumen, Hahnenkamm und Ehrenpreis, zierliche Rispen und Gräser, graziös geneigte Ähren.

Die Damen sind eingetreten, und in Ethels Augen liegt ein Ausdruck, als empfinde sie die Nähe des Genius so weihevoll, daß sie am liebsten die Hände falten möchte.

»Ja, das ist Glück!« lächelt Miß Maud vor das Bild tretend, »auch Sie fanden es in der Hütte eher, wie in einem Palast!«

Ist es tatsächlich nur ein Stück gespannter Leinwand, oder schaut man wirklich hinein in die saubere, klein Stube, wo der heimkehrende Fischer, ein »Urdeutscher« in hohen Krempstiefeln, den Südwester vermögen auf dem sturmzerzausten Haar, voll jauchzender Wonne sein dralles Büblein aus der Holzwiege hebt.

Neben ihm das blühende Weib, welches lachend den Arm um ihn legt, beleuchtet von dem flackernden Herdfeuer, über welchem der Kessel dampft, neben ihr auf der Erde ein zweites Kind; welches mit derben Fäustchen an dem Netz zerrt, welches der Vater voll zappelnder Fische heimgebracht.

Die Tür steht offen – man sieht auf Riedgras, welches eine frische Brise landein weht – und dahinter die blaue – fern, fernhin verschwimmende See, vom Abendgold gesäumt. Es ist kein neues, eigenartiges Motiv, welches Manfred Hoff gewählt hat, und dennoch neu, denn so viel lachendem Glück, so viel inniger Zufriedenheit wie in diesen Gesichtern begegnet man selten im Leben.

»Ah – da hinten sitzt ja noch eine Gestalt am Herd, so im Schatten, daß man sie auf den ersten Blick gar nicht sieht!« sagt die Rätin und rückt die Brille zurecht. »Was bedeutet sie, Manfred? Den Großvater?«

Der junge Maler lächelt. »Sie bedeutet die Hauptperson, Tante, den Begründer dieses ›stillen Glücks‹, welcher den Segen ins Haus trägt – –«

»Jener alte Mann?«

»Es ist ein Bettler, Miß Maud, welchem die junge Frau das Brot gebrochen!«

»Ah! Welch ein sinniger Gedanke.«

»Nur ein Stücklein Wahrheit.«

Manfreds Blick haftet auf Ethels leuchtendem Angesicht. »Sind Sie nicht auch der Ansicht, daß nur da das wahre Glück wohnen kann, wo man es nicht nur für sich selbst begehrt, sondern auch andern mitteilen will?«

Ethel nickt. »Selbstverständlich!«

»In der habgierigen und selbstsüchtigen Welt findet man diese Ansicht nur so selten, daß man sich stets von neuem freut, wenn man ihr bei lieben Menschen begegnet!« schaltet Miß Maud eifrig ein und ist so in den Anblick des Bildes versunken, daß sie gar nicht bemerkt, wieviel mehr Ethels Augen, als die Lippen antworten. »Siehst du, Kind, wie Herr Hoff die Schürze der Fischerin schattiert hat? Ich sagte dir neulich gleich, du darfst nie das tiefe Schwarz nehmen, sondern immer eine dunkle Abtönung jener selben Farbe, welche du schattieren willst!«

»Wie? Ethel malt auch?«

»O nein, nein! Meine kläglichen Versuche kann man nicht malen nennen!«

»Du bist zu bescheiden, Kind! Glauben Sie mir, Herr Hoff, sie hat entschieden Talent und malt sehr hübsch!«

»Welch eine Überraschung, Ethel! Und davon sagten Sie mir noch nie ein Wort?«

»Weil es wirklich keines Wortes wert ist! Welch ein junges Mädchen versuchte sich heutzutage nicht im malen!«

»Je nun, – wohl mit dem größten Unterschied! Haben Sie Unterricht genommen? Und bei wem?«

Miß Maud legte den Arm um ihre Schülerin.

»Ich will Ihnen erzählen, wie Ethel ›Malerin‹ wurde!« scherzte sie. »Aus Zufall erfuhren wir von einem alten Mann, einem Landschaftsmaler, welcher im größten Elend, ohne Verdienst und Hilfe beinah verhungerte. Um ihm direkt Almosen zu geben, war er, wie manche verschämte Arme, zu empfindlich. Hilfe tat aber sehr dringend not, und da der Unglückliche nicht einmal mehr über Farben und Leinwand verfügte und alle Arbeiten für sein bißchen Brot und die Dachstubenmiete verschleudert hatte, so kam Ethel auf den Gedanken, ihn zu bitten, ihr Lehrer zu werden! Es fanden sich glaubhafte Gründe, daß er in das hübsche Gartenhaus bei uns übersiedelte und quasi als ›Hauslehrer‹ freie Station bekam! Dafür unterrichtete er Ethel, freilich in seiner sehr altmodischen Manier, und da sein Augenlicht sehr geschwächt ist. kommt er auch oft mit den Farben ins Unklare, – aber dies alles ist Nebensache! Er ist versorgt, der unglückliche Alte, und malt nun voll zitternden Eifers seine naiven Bildchen, welche ihm von unsern guten Freunden alle abgekauft werden. ›Sehen Sie, gnädiges Fräulein!‹ sagte er neulich, ›nun sterbe ich doch noch mal als reicher Mann!‹ – An diesem Tage hatte er seine letzten Schulden abbezahlt.«

Eine tiefe Rührung lag auf Manfreds schönem Antlitz.

»So haben Sie also auch – wie die Leute in der Hütte hier – den ›armen Alten‹ am Herd sitzen,« sagte er mit wunderlichem Klang in der Stimme, »da kann und wird das Glück auch nicht ausbleiben, – glauben Sie mir! Aber gar zu gern möchte ich einmal Ihre Arbeiten sehn, Ethel, und die allzu schwarzen Schatten ein wenig weicher gestalten!«

Das junge Mädchen ward dunkelrot.

»Ich hoffe, daß Sie uns einmal besuchen werden, dann will ich tapfer sein und meine Kunstwerke Ihrer Kritik unterbreiten!«

»Du wirst doch Severa bei ihrer Heimkehr begrüßen, Manfred?« bat die Rätin voll beinahe ängstlicher Dringlichkeit. »Leider muß ich heute abend schon wieder nach X. zurückfahren, sonst hättest du schon heute den Tee in Villa Freya trinken müssen!«

Der junge Maler stand halb abgewandt und öffnete eine Mappe, um ihr verschiedene Skizzen zu entnehmen.

Er sah sehr ruhig und gelassen aus, nur mühten sich seine Finger etwas unsicher und erfolglos, die Bandschleife zu lösen.

»Ich hoffe es, liebe Tante, kann aber noch so gar nichts Bestimmtes sagen. Severas Häuslichkeit wird sehr unruhig und ganz im Geschmack der modernen und eleganten Welt gehalten sein. Du weißt, wie unsympathisch mir das ist – –«

»Es wird hoffentlich auch stille Stunden bei ihr geben –«

»Wahrhaft stille Stunden, in unserm Sinne, wohl gewiß nicht, liebe Tante, – aber was verschlägt das? So lange dein liebes, gastliches Haus uns offen steht, werde ich Miß Maud und Ethel, so Gott will, recht oft bei dir sehen, und Ethel bringt ihre Bilder mit, und wenn sie nicht bereits eine große Meisterin ward, welche keiner Hilfe mehr bedarf, so gestattet sie mir vielleicht, daß ich ein wenig schattieren helfe!«

Er versuchte zu scherzen, und Ethel zuckte ebenfalls neckend die Achseln und antwortete:

»Ich bin überzeugt, daß Sie mich um Nachhilfestunden bitten, wenn Sie erst meine Kunstwerke angestaunt haben!«

Aber die Rätin sah ernst aus, und als sich die Damen nach kurzer Zeit verabschiedeten, hielt sie die Hand des Neffen mit festem Druck.

»Manfred!« bat sie leise, »ich weiß nicht, ob Severa unrecht gegen dich gehandelt hat, ob Sie dir ein Leid zufügte! Ich habe es gefürchtet und Gott mit heißen Tränen gebeten, es zu verhüten! Wie es nun auch sein möge, vergiß es nicht, daß ›Vergeben‹ unsere schönste Tugend ist! Wenn du nicht um meiner Tochter willen in ihrem Hause verkehren möchtest, so tue es um Ethels und um meinetwillen!«

Um Ethels willen!

Ach, die Sprecherin ahnte wohl nicht, wie dieses Wort ihn ins Herz traf.

»Ich danke dir für diese treue Mahnung, liebe Tante!« antwortete er hastig und küßte die Hand der alten Dame. »Sie soll nicht vergeblich sein!«

Und dann saß er allein in seinem Atelier, in tiefen Gedanken verloren vor seinem Bild.

Ihm war's, als läge nun, da Ethels fromme Kinderaugen es so entzückt geschaut, eine besondere Weihe darüber.

Noch glaubt er ihre Nähe zu spüren, – ach, so anders, so ganz anders wie damals die Anwesenheit Severas, welche keine andern Spuren zurückließ als die grausam zertretenen Blumen auf der Erde.

Da hatte sein Herz wie im ersten, süßen Rausch eines Liebestraumes heiß und unruhevoll in seiner Brust geschlagen, hatte gebangt und gezittert um sein Glück, als sei ihm damals schon ein Ahnen gekommen, daß es gar bald in Trümmer gehen werde!

Torheit!

Was da vergeht und verweht, ist niemals Glück gewesen, nur eine Seifenblase, welche wie eine Fata Morgana in trügerischen Bildern schillert. Das wahre Glück ist ein Stücklein Ewigkeit, es trägt göttlichen Adel und überdauert Welt und Zeiten, – der Tod kann es unterbrechen, aber er vernichtet es nicht.

Severas Liebe ist nie sein Glück gewesen, wie bald ist er sehend geworden, Gottes Gnadenwege zu verstehen.

Als sie damals nach ihrem kurzen Besuch aus diesen Räumen schied, blieben sie öde und leer, jetzt aber, da Ethels kleiner Fuß über die Schwelle geschritten, ist es, als ob ein Segen zurückgeblieben wäre, welcher den schlichten Raum in einen Tempel wandelt.

* * *

Drei Wochen sind vergangen.

Miß Maud war an einer heftigen Erkältung erkrankt, und Ethel war nicht von ihrer Seite gewichen.

Die so schön geplanten stillen Stunden im Hause der Rätin waren eine unerfüllte Hoffnung geblieben.

Für Manfred war es wohl günstig, denn eine Fürstin L., welche auf der Durchreise in der Residenz weilte und sich für den »Studienkopf« begeistert hatte, bat den jungen Künstler, in größtmöglicher Eile ein Porträt von ihr zu malen, womit der Gatte am Hochzeitstag des jungen Paares überrascht werden sollte.

Manfred hatte sich unverzüglich an die Ausführung des Auftrages begeben und voll unermüdlichen Fleißes gearbeitet, nur abends, wenn er rasten mußte, wandelte er hinaus in das Villenviertel der Residenz, um sich in den blütenduftigen Gärten, welche Villa Freya umgaben, zu erfrischen.

Dann schaute er mit leuchtendem Blick zu den erhellten Fenstern empor und sah im Geist eine holde, kleine Samariterin, welche die fromme Tugend mehr schmückte, wie ein königliches Geschmeide.

Er erkundigte sich bei dem Portier nach dem Ergehen der Erzieherin und schickte ihr seine Grüße, welche auf demselben Wege voll herzlichen Dankes erwidert wurden.

Dann schrieb die Rätin eines Tages ein paar Zeilen.

Miß Maud habe sich so weit erholt, daß sie nach Laubsdorf übersiedeln könne. – Schon für den morgenden Tag sei die Abreise der beiden Damen festgesetzt, da der Kammerherr seine und Severas Ankunft für Anfang der nächsten Woche auf dem Gute angemeldet habe.

Miß Maud lasse es sich nicht nehmen, persönlich Sorge zu tragen, daß alles für den Empfang auf das beste vorbereitet werde.

Sie sowohl wie Ethel ließen ihn vielmals grüßen und bedauerten sehr, ihn nicht noch einmal gesehen zu haben.

Beide hofften auf den Herbst, wo er doch gewiß ein häufiger Gast in der Villa Freya sein werde.

Manfred ließ, den Brief sinken und neigte das Haupt tief zur Brust.

Wie lange währt es noch bis zum Herbst!

Wie einsam ist es ihm plötzlich in der großen, menschenüberfüllten Residenz geworden.

Und doch – was hilft es!

Wozu soll sein Interesse für Ethel führen?

Will er um sie werben?

Das Blut schießt ihm heiß in die Wangen.

Oft ist es ihm gewesen, als leuchte es ganz besonders warm und innig in den blauen Kinderaugen, wenn Ethels Blick den seinen trifft.

Kinderaugen!

Ja, Ethel ist noch ein Kind, ein holdes, von der Welt und ihrem süßen Gift unberührtes Kind.

Wird sie es bleiben?

Wird ihr Blick ihm noch entgegenstrahlen wie jetzt, wenn sie erst ausgeführt wird in die lockende Pracht und Herrlichkeit, welche das Herz einer Severa in wenigen Tagen betörte? Wenn sie erst kennen lernt, was ihr jetzt noch fremd ist, die teuflische Gewalt von Geld, Gut und Ehre vor den Menschen, wird sie dasselbe Kind bleiben, welches es so »selbstverständlich« findet, daß wahres Glück tief, tief versteckt nur da wohnt, wo man es nicht für sich selbst begehrt?

Manfred stützt das Haupt in die Hände, – solche Gedanken tun ihm weh.

In seinem Herzen lebt zwar eine heilige, feste Zuversicht, ein goldener Glaube an Ethels standhaften Sinn, aber noch blutet darin die Wunde, welche die Welt und deren Falschheit ihm geschlagen, und macht es krank.

Und der Kammerherr, – dieser reiche, vornehme, einflußreiche Mann, wird er seine Tochter, die bald viel umworbene, einem mittel- und titellosen Künstler zum Weibe geben?

O des wahnwitzigen Gedankens!

Nein, er wird nicht so vermessen sein und Ethel zum Weib begehren, – aber Herz und Seele an ihrem Sein und Wesen erquicken, das kann, will und darf er!

Bald aber hat er sein Porträt vollendet, und dann?

Die Arbeit wird ihm über die lange Trennung wohl sicher hinweghelfen.

Hinaus in die Welt, reisen ... sehen ... studieren! Wie lang jeder Tag ... wie endlos jede Stunde. Er begreift es selber nicht, daß es ihm so schwer wird, weiterzuleben, wie er jahrelang zuvor gelebt.


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