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XVI.

Wieder waren Tage vergangen.

Frau von Tempelburg war ersichtlich schlechter Laune.

Sie hatte – während alle andern arbeiteten – nichts zu tun und langweilte sich.

Wie anders, wie ganz anders hatte sie sich das Zusammensein mit Manfred vorgestellt. Wie hatte sie triumphiert, als sein Brief eine Zusage auf ihre Einladung brachte, wie hatte sie so fest und bestimmt angenommen, daß der einst so heiß Geliebte nun ausgeschmollt habe und gewillt sei, das Leben künftighin ebenso leicht zu nehmen wie sie.

Wohl kannte sie seinen ernsten, gottesfürchtigen Charakter, doch hatte sie diesen nur als ein »Erziehungsresultat«, als eine »Marotte« erachtet, welche der Mensch ändern kann, wie jede andere Ansicht.

Daß er eine Liebe, welche ihn so völlig beherrscht hatte, in derart kurzer Zeit überwinden oder gar vergessen könne, schien ihr völlig ausgeschlossen. Sie war durch die Triumphe, welche sie in dem letzten Vierteljahr gefeiert, mehr denn je in der Überzeugung bestärkt, daß ein Mann, welcher ihr seine Liebe geschenkt, nie wieder von dieser Leidenschaft geheilt werden könne, um so mehr, wenn diese derart geschickt geschürt wurde, wie Severa es täglich aufs neue bei dem Vetter versuchte.

Daß diese Bemühungen keinen Erfolg, wenigstens keinen sichtbaren, hatten, kränkte ihre Eitelkeit auf das empfindlichste, und wenn sie sich auch stets aufs neue versicherte, daß die Kälte und Zurückhaltung Manfreds nur eine respektvolle Scheu vor dem Kammerherrn – oder die Maske für den schweren Kampf zwischen Stolz und Liebe war, so währte dieser ihrer Ungeduld doch zu lange und das Einförmige und Reizlose dieses so völlig »entgleisten« Aufenthalts machte sie nervös.

Was bot ihr das Leben denn noch anderes als wie Genuß, Vergnügen, Zerstreuung?

Was nützen ihr Geld, Gut und vornehmer Namen, wenn sie nicht vor der Welt damit prunken kann?

Ihr Herz ist leer und öde, – und um es auszufüllen streut sie giftigen Samen aus, damit der betäubende Duft seiner Purpurblüten die Narkose ausübt, welche es über seine Armut täuscht.

Stille und trautes Behagen kennt sie nicht mehr, und mag sie auch nicht mehr!

Eine fiebrische Unruhe glüht in ihrem Innern, die hetzt und jagt und treibt sie in das bunte, tolle Leben hinein.

Sie will und muß genießen, sonst erträgt sie das Dasein nicht.

Ihr Gatte ist ihr anfänglich nur langweilig gewesen, mit der Zeit wird er ihr mit seinen unerwünschten Zärtlichkeiten geradezu widerwärtig.

Schon jetzt empfindet sie ihre Ehe wie eine fatale Bürde, welche sie am liebsten abschütteln möchte, – wenn nur das Geld nicht wäre, diese schwere, klirrende Kette, welche sie erbarmungslos an die Seite des ungeliebten Gatten schmiedet. Ohne Geld kann sie nicht mehr existieren! Im Gegenteil, je mehr sie davon besitzt, desto mehr verlangt sie!

Wie eine krankhafte Gier nach dem roten, gleißenden Gold ist es über sie gekommen, und die Leidenschaft, eine Rolle in der Welt durch äußere Mittel zu spielen, steigert sich mehr und mehr und grenzt schon an das Verschwenden. Aber was nützt es ihr, ob sie sich alles und jedes gewährt, ob kein Wunsch mehr zu kostspielig ist?

Sie langweilt sich dennoch! Und weil sie sich so glühend wünscht, noch einmal in den Armen Manfreds jenes süße, entzückende Märchen einer ersten Liebe zu träumen, einer Liebe, welche ihr mehr und mehr als Paradies erscheint, weil sie sie verloren hat, so wird dieser einzig unerfüllte Wunsch zur Leidenschaft, welche sie von Tag zu Tag mehr beherrscht!

Sie möchte bis an die Grenzen der Möglichkeit mit ihm kokettieren – und er macht es ihr unmöglich, indem er stets fremde Menschen zwischen sie stellt, welche jedes Aussprechen stören!

Sie möchte bis an die Grenzen der Möglichkeit Asche anblasen, und schürt dadurch in dem eigenen Herzen eine verzehrende Glut.

Ist sein Benehmen Wahrheit oder Komödie? Will er sie tatsächlich meiden oder nur für ihre Treulosigkeit strafen?

Sie klein und elend machen, bis sie als sein ohnmächtiges Werkzeug willenlos zu seinen Füßen liegt?

Wie bäumt sich ihr Selbstbewußtsein, ihr Eigendünkel gegen solche Demütigung auf! So süß auch diese Niederlage in jener Stunde sein mag – ihrem stolzen Herzen ist es doch sympathischer den Mann, welchen sie einst spottend von sich stieß, zum zweitenmal, kraft ihrer Reize, an sich zu ziehen, um sich mit ihm zu amüsieren, wie mit einem Spielzeug!

Ihn macht die Langweile hier sicher; wo kein Gegner ist, droht kein Unterliegen!

Das soll anders werden!

Morgen trifft das Ehepaar d'Auvergne hier ein!

Hat Severa jemals einen glühenderen Verehrer besessen als diesen kleinen Franzosen, diesen causeur par excellence?

Seine Leidenschaft war so amüsant, – die etwas indolente Gräfin so gar nicht eifersüchtig – bis jetzt noch nicht – hoffentlich rafft sie sich zu etwas Feuer auf, denn gerade dieses gibt jedem Flirt erst den dramatischen Reiz!

Ob Manfred es ebenso fischblütig mit ansehen wird, wenn Monsieur le Vicomte in seiner unvergleichlichen Weise die Schleppe seiner Herzenskönigin trägt?

Welche Genugtuung für Severa, wenn sie dann den Spieß umkehren und den spröden Liebhaber auf die Folter spannen kann, so wie er sie jetzt bis zur Migräne ärgert und aufregt!

Wird sie auch heute abend vergeblich an dem Fenster ihres Ankleidezimmers stehen und nach dem seinen hinüberschauen?

Nicht einmal die Gardine hat sich bisher geregt, keine Rose leuchtet als symbolischer Gruß zu ihr herüber!

Sie sollte über den Philister lachen, – wenn sie es nur könnte!

Ach, wie anders würde Graf d'Auvergne diese Chancen ausnutzen!

Nun sitzt der Narr drunten und malt mit einem Eifer und einer Hingabe das ausdruckslose Gesicht des Kammerherrn und freundet sich von Tag zu Tag mehr mit ihm an, – ja, der steife Höfling hat es schon über sich gebracht, den fremden Künstler als »lieben Vetter« anzuerkennen!

Alles Opposition gegen sie!

Voll fiebrischer Aufregung erwartet Severa am andern Tag ihre Gäste.

Und sie kamen.

Der kleine, bewegliche Franzose mit dem aschgrauen, verlebten Gesicht und dem nadelspitzen Bärtchen auf der Oberlippe, mit Augen, welche so dunkel sind »wie Paris bei Nacht« (ein Scherz, welchen Severa noch vor seiner Ankunft kolportiert hat), und welche mehr in ihren Blicken ausdrücken, als ein Zola in zwanzig Bänden an »Interessantestem« schreiben könnte.

Madame la Comtesse ist weder schön noch geistreich, noch irgendwie anziehend, aber sie stammt aus einem der reichsten Bankiershäuser und hatte bei der Wahl ihres Gatten wohl nur an die neunperlige Krone gedacht, – obwohl man in Nizza behauptete, es habe tatsächlich eine Zeit gegeben, während welcher sie in ihren hübschen Armand verliebt gewesen sei, und so gut sie konnte mit ihm kokettiert habe.

Lang ist's her.

Jetzt ist sie eine phlegmatische, dicke Frau, bei welcher alle Toilettenkünste in Anwendung gebracht sind.

Beide Ehegatten exzellieren in Eleganz!

Da ist wohl nichts an ihnen, was nicht der allerletzten Mode entsprochen hätte, ja, Madame hat öfters behauptet, sie sei damit schon um ein halbes Jahr voraus!

Der Graf hat kaum den Fuß auf die Erde gestellt, als er seine blendend schöne Wirtin schon wie in einem wahren Paroxismus des Entzückens mit ausgesuchtesten Galanterien umgibt. Severa nimmt sie mit der Huld einer Königin entgegen, aber dem scharfen Auge Manfreds entgeht es nicht, wie bei aller anscheinenden Gelassenheit doch hie und da ein Blitz aus ihren Augen bricht, – abgeschickt, um zu zünden!

Seidenrauschend, von Spitzen umrieselt und von zartem Parfüm umhaucht, mit einem Hut, welcher selbst Severa im ersten Moment durch seine himmlisch schicke Eleganz verblüfft, »wogt« die Gräfin aus dem Wagen heraus.

Während sie dem Kammerherrn die fette, kleine Hand zum Kuß bietet, starren die farblosen Augen sehr ungeniert nach dem Schloß, es mit kritischem Blick zu mustern, dann lächelt sie ein wenig Dank auf die höflichen Worte Tempelburgs und wendet sich zu Severa, diese mit einer halben Umarmung an sich zu ziehen.

» Ma chère – ma bien aimée!« sagt sie dazu und noch ein paar weitere Worte, welche niemand recht versteht, und dann sieht sie sich müde im Kreis um – macht plötzlich große, runde Augen und starrt auf die schlanke, imposante Männergestalt, welche droben an der Freitreppe neben der grünumsponnenen Säule steht!

»Ah ... Sie haben Gäste, meine Liebe?«

»Nur einen Verehrer für Sie, teuerste Gräfin!«

»O Sie scherzen!«

»Ich bahne dem Eroberer nur den Weg!«

»Lassen Sie sich nicht eifersüchtig machen, Graf!«

»Das werde ich nur, wenn man wagen wollte, Ihrer Frau Gemahlin die Schleppe zu tragen, bester Tempelburg! Das ist mein Vorrecht!«

»O, Scherz à bas! Wer ist jener blonde Riese?«

»Ein Vetter meiner Frau, gnädigste Gräfin!«

»Ein Jünger der Kunst!«

»Entzückend! Hoffentlich Sänger?«

»Doch nicht! Er stiehlt den schönen Damen die Gesichter!«

»Ah – Maler?«

»Wie interessant!«

»Bekannter Namen bereits?«

»Das will ich meinen! Ein Stern am Himmel der Kunst, welcher in kürzester Zeit eine Sonne werden wird!«

»Vortrefflich! – Ich habe ein tendre für berühmte Künstler, er wird Glück bei mir haben!« und die Gräfin starrt durch ihre Lorgnette noch einen Moment zu dem »Glücklichen« auf.

Dann schiebt der Kammerherr Ethel, welche bescheiden zur Seite steht, in den Vordergrund.

»Gestatten Sie, Frau Gräfin, – mein Töchterchen!«

Die Angeredete blickt überrascht auf das junge Mädchen, ihr Gesichtsausdruck bekommt etwas Stupides.

»Töchterchen? Mon Dieu ... Ich denke, Sie sind jung verheiratet?!« schreit sie auf.

Severa lacht, als sich auch in dem Gesicht d'Auvergnes ein starres Staunen malt.

»Stieftochter, meine Beste! Ein Hochzeitsgeschenk meines Gatten, welches er mitbrachte!«

»Soso!«

»Welche Überraschung!«

Der Franzose flüstert Severa eine etwas frivole Bemerkung zu, welche diese durch ein feines Stirnrunzeln rügt, aber sie lacht dazu und der Graf lacht mit, – Madame jedoch hat Ethel auch die Hand sehr herablassend zum Kuß gereicht und schüttelt den Kopf.

»Sie sind sehr ungalant, bester Kammerherr! Wissen Sie nicht, daß große Töchter eine Mutter alt machen? Und diese Tochter ist sehr groß bereits! sehr groß! Aber doch sicher noch im Stift oder Kloster?«

Tempelburg dienert etwas befangen. »Doch nicht! Es war der Wunsch ihrer verstorbenen Mutter, daß das Kind im Hause erzogen wird!«

»Seltsam! – Und nicht allzu angenehm für eine junge Hausherrin!« Die Gräfin ging glatt zur Tagesordnung über. »Lassen Sie uns nicht länger zögern ... ich freue mich auf die Bekanntschaft des jungen Malers! – Wie heißt er?«

Der Kammerherr bietet höflich den Arm, die Sprecherin die Stufen der Freitreppe empor zu führen, und Ethel tritt heiß errötend zurück, nachdem der Graf ihr scherzend die Innenfläche der Hand geküßt und ihr »tief in die Augen« geschaut hat. Neben dem Fliedergebüsch steht sie und schaut mit wunderlichem Empfinden nach der Terrasse empor, wo Manfred soeben der Französin vorgestellt wird.

Ein ganz fremdes Gefühl preßt ihr das Herz zusammen.

Wie im Traum hat sie den Begrüßungsreden zwischen ihren Eltern und deren Gästen gelauscht.

Hörte sie wahrlich recht?

Sprach die unsympathische, dicke Dame mit dem häßlichen Ausdruck im Gesicht, wirklich im Ernst?

Und war es ein Scherz von Severa, Manfred Hoff einen künftigen Verehrer der Gräfin zu nennen?

Welch ein unverständlicher Scherz!

Wie war überhaupt die ganze Unterhaltung so seicht, leichtfertig und wenig herzlich!

Ethel hatte geglaubt, eine Begrüßung zwischen Freunden müsse ganz, ganz anders ausfallen! Und wie man über Manfred verhandelte, halb spöttisch, halb anerkennend, – o, heiße Schamesröte ist in Ethels Wangen gestiegen, sie hatte das Empfinden, als ob ihr Bestes, Heiligstes mit unsauberer Hand aus seiner stolzen Höhe herabgerissen würde!

Ihr reines, lauteres Wesen entsetzte sich über die dreiste Ungeniertheit, mit welcher diese Weltdame einen fremden Herrn durch die Lorgnette anstarrt, und nun steht sie hochklopfenden Herzens und beobachtet aus der Ferne die erste Begrüßungsszene zwischen der Fremden und Manfred.

Wie eine jähe, heiße Angst überkommt es sie, der junge Künstler könne sich von der Eleganz, dem Titel und den Mitteln der Französin imponieren lassen und sich wegwerfen, dieser leichtfertigen Frau die Langeweile zu vertreiben und sich zum Spielzeug in ihren Händen zu machen.

Und doch! Nein – nein und tausendmal nein! Dies ist ja ganz unmöglich! Schon der Gedanke allein ist ein Verrat an dem stolzen, lauteren Herzen dieses Mannes, welcher nie das Haupt vor einer Blume neigen wird, welche er als Giftkraut erkennt!

Das Blut steigt noch heißer in Ethels Wangen, sie sieht, wie Manfred vor der Gräfin steht und sie wohl sehr höflich, aber unendlich kühl und förmlich begrüßt.

Die Französin scheint ihm sehr angenehme Dinge zu sagen, – es geht wie ein leichtes Zucken um seine Mundwinkel, mehr erstaunt wie geschmeichelt schaut er auf sie nieder, und als sie ihm voll graziöser. Lässigkeit die Hand zum Kuß reicht, neigt er sich so flüchtig darüber und tritt so auffällig zurück, daß Madame wohl merken muß, – wie wenig Wert der deutsche Bär auf solche Auszeichnungen legt! –

Severa scheint die frostige Art des Vetters mehr zu amüsieren, wie im Interesse ihres Gastes zu beunruhigen, sie sieht strahlend heiter aus und läßt es sich nicht nehmen, den lieben Besuch auch persönlich nach dem Logierzimmer zu führen!

Die nächsten Tage dünken Manfred wenig erquicklich.

Während er den Kammerherrn malt, erscheint Severa fast jedesmal in dem improvisierten Atelier, entweder im Reitkleid oder in entzückend geschmackvoller Matinee, und sie teilt dem Gatten in heiterster Weise mit, daß sie mit dem Grafen spazieren reite oder im Park promeniere, oder droben in dem dämmrig stillen Musiksalon etwas musiziere!

Ihr Blick streift dann in gespanntem Forschen das Antlitz des Vetters, und wenn dieser voll denkbarster Gelassenheit seine Farben mischt und ihre Anwesenheit kaum beachtet, geschweige sich über ihre Tete-a-tetes mit dem Franzosen erregt, – so fliegt ein schneller Schatten über ihr schönes Gesicht und die schlanken Finger umkrampfen nervöser wie je Reitgerte oder Blumenstrauß. Herr von Tempelburg sieht immer unruhiger aus und bemüht sich vergeblich, die schlechte Laune zu bemeistern, um so mehr, seit die Frau Gräfin auf den Einfall gekommen ist, der Arbeit des jungen Malers zuzusehn.

Sie liegt in Morgenkleidern, welche die ihrer Wirtin um jeden Preis überflügeln sollen und wahre Kunstwerke raffiniertesten Geschmacks sind, in dem niedern Sessel, seitwärts der Staffelei, raucht Zigaretten und kokettiert mit den farblosen Augen zu Manfred empor. Das Erscheinen ihres Gatten und Severas versetzt sie jedesmal in zynische Heiterkeit.

Sie macht ungeniert ihre Scherze über diesen »Flirt«, welcher nächstens als französisches Lustspiel – in Deutschland leider verboten! – über die Bretter gehen werde, – sie ermahnt, »falls die zwei Liebchen beabsichtigten, durchzubrennen«, in der Zerstreutheit nicht nach Trouville zu fahren, denn da wolle sie auch noch hin –! und dann neckte sie den Kammerherrn in mehr oder minder harmloser Weise mit seiner Vertrauensseligkeit und schürt den Funken glimmender Eifersucht zur Flamme!

Es ist fürchterlich, unter solchen Umständen porträtieren zu müssen und Manfred ist glücklich, daß er wenigstens den Kopf schon zum größten Teil auf der Leinwand hatte, ehe die Frau Gräfin das Atelier mit ihren widerwärtigen Besuchen beehrte!

Je mehr Manfred die Pariserin ignoriert und für ihr Kokettieren unempfänglich ist, je mehr langweilt sie sich, je bissiger wird ihr »Geplauder« und je mehr amüsiert sie sich, Herrn von Tempelburgs Eifersucht zu schüren. Ob diese sich der jungen Frau gegenüber äußert, oder ob Severa sich über andere Dinge ärgert – sie ist launenhaft, gereizt, kapriziöser denn zuvor. Sie scheint immer lebhafter bemüht, den Graf zu ihrem willenlosen Sklaven zu machen, und je mehr es ihr gelingt, desto unbefriedigter erscheint sie.

Immer ungeduldiger brennt ihr Blick auf Manfreds gleichgültigem Gesicht, und als er an einem der nächsten Abende sich von allen Anwesenden verabschiedet hat und diese längst in ihren Zimmern wähnt, öffnet sich plötzlich wieder die Türe zu dem Balkon und Severa tritt heraus.

Sie hat nur ein weißes Spitzenkleid übergeworfen, an den wundervollen nackten Armen blitzen die Armspangen mit Juwelen und das dunkle Haar flutet aufgelöst über den Nacken.

Wie eine Nachtwandlerin schreitet sie in das silberne Mondlicht.

Ihre Augen scheinen geschlossen, aber blitzartig bricht ein Blick unter den dunkeln Wimpern hervor und überzeugt sich, ob Manfred auch heute, wie die Abende zuvor, hier zurückgeblieben. Ein tiefer Seufzer bebt von ihren Lippen, – ein Ausdruck qualvollen Schmerzes liegt auf dem schönen Antlitz, sie breitet die Arme wie in namenloser Sehnsucht zum Himmel und dann schrickt sie jäh zusammen, – die Augen erschreckt aufreißend, – die Hände gegen die Brust drückend, »Manfred ... du bist noch hier?«

Er ist aufgesprungen.

»Pardon, Severa ... ich ahnte nicht, daß du zurückkommen würdest! Die Nacht ist so schön – ich wollte gern noch eine Zigarre hier rauchen! Aber gut, daß du mich hineinjagst, – schlafen ist gesünder wie träumen!«

Er will mit einem Gute Nacht! an ihr vorüber zur Türe schreiten, – sie streckt wehrend den Arm aus.

»Bleib. – Ich will dich nicht vertreiben ... Der Balkon ist groß und hat für uns beide Platz!«

Er weicht noch mehr zurück.

»Gleichviel, – es ist schon sehr spät!«

»Nicht für mich! Ob man schlaflos in den Kissen liegt und die Hand auf ein krankes Herz preßt, oder ob man sein Leid und Weh unter den freien Himmel trägt, das ist gleich.« – Sie macht eine kurze Pause, ihr Haupt sinkt tief zur Brust, leise, ganz leise fährt sie fort: »Aber du! – du willst nicht in meiner Nähe sein, du meidest mich ... Du gehst mir so geflissentlich aus dem Wege, als trüge uns nicht mehr ein und dieselbe Scholle – als sei nie eine Brücke über den Abgrund zu schlagen ...«

Seine Brauen furchen sich, ein beinahe ironisches Lächeln spielt um seine Lippen.

»Du scherzest! Wenn man so gut unterhalten wird wie du, würde ein dritter nur stören!«

Ihr Auge blickt jäh auf,– ihre zitternde Hand tastet nach den weißen Rosen, welche über das Geländer ranken.

»Manfred ... bist du eifersüchtig auf jenen ... O, wenn du wüßtest, wie gleichgültig mir solch ein Schleppenträger ist!«

Hastig, atemlos, ohne daß sie es will, hat sie die Worte hervorgestoßen.

Seine Gestalt reckt sich und wächst noch höher empor.

»Daran habe ich um deiner Ehre willen nie gezweifelt!« sagt er kalt, »und eifersüchtig? Was sollte mich zu einer solch unberechtigten Torheit veranlassen?«

Sie tritt einen Schritt näher, sie verschlingt wie beschwörend die Hände.

»Manfred! quäle mich nicht! Täusch' uns nicht beide durch solch ein erkünsteltes Wesen! – Wenn du mir noch zürnst, wenn du mich hassest um meiner vermeintlichen Untreue willen, so sage es offen – so zeige es ehrlich! – Schlage mich zu Boden! Vernichte mich in heiligem Zorn, – aber sieh nicht so gleichgültig drein und sprich nicht Worte, welche ja doch nicht wahr sind!«

Er kreuzt gelassen die Arme über der Brust, in seine Stirn steigt heiße Glut.

»Ich verstehe dich nicht! Wir befinden uns doch nicht auf der Bühne, um in einem französischen Sensationsdrama tätig zu sein! Deine ›vermeintliche‹ Untreue ist für mich ein überwundener Standpunkt, sonst würdest du mich nicht als Gast in deinem Hause sehen. Daß wir uns in jugendlicher Übereilung einst Worte sagten, welche nur Gott und der Frühlingswind gehört, und welche weder Schwüre waren noch irgendwelche Verpflichtungen auferlegten–nach Ansicht der Welt, – ist eine kleine Episode, welche man leicht durchstreichen kann. – Du hast es getan und deine energische Hand löschte sie damit aus meinem Gedächtnis! – Warum also noch in welkem Laub wühlen, da ringsum so viel frische Rosen blühen?«

Ihr schönes Antlitz sah noch geisterhafter aus. Sie warf beinahe trotzig das Haupt zurück.

»Du spottest! – Deine Worte sind bittere Ironie! So leicht vergißt sich Liebe nicht!«

»Wahrlich nicht? Ich dächte, du hättest es bewiesen!«

»Was habe ich bewiesen?! Daß ich mich aus Vernunftsgründen, und nur aus Vernunft einer Notwendigkeit beugte! – Sonst nichts!« – Sie deckte die Hand über die Augen, ihre Stimme sank zum Flüstern herab. »Du durftest nicht gebunden sein! Bei unserer Mittellosigkeit wäre für dich die Ehe ein Unglück gewesen! Ein Künstler muß frei sein! Nichts darf sich als Bleigewicht an seine glänzenden Schwingen hängen! – Künstler dürfen nicht für eine Person leben, sie gehören der ganzen Welt und sind die Sonnen im nächtigen Leid und Elend, welche eine ganze Menschheit erwärmen und beglücken sollen! – Um deinetwillen, Manfred, ward ich, was ich jetzt beklagenswerterweise bin, – weil du nicht an dich und deine Zukunft dachtest, darum mußte ich es tun, – um jeden Preis!«

Er stand wie erstarrt, das Haupt vorgeneigt, als traue er seinen Ohren nicht. – Ein seltsames Feuer glomm in seinen Augen und die Lippen bebten, als stürmten ungesprochene Worte bitterster Verachtung über sie hin!

Und dann zuckte ein Lachen über das schöne, grimmige Gesicht.

Sie sah es nicht, er stand tief im Schatten.

»Solch ein Opfermut ist wirklich rührend und ich danke ihn dir aufrichtig, um so mehr, als deine kluge Theorie sich in der Praxis glänzend bewährt hat! – Du hast recht, ein Künstler darf sich nicht voreilig binden, er muß freie Hand behalten, um Lorbeer, Gold und Rosen desto reichlicher greifen, zu können! – Solche Erkenntnis kommt oft plötzlich.«

Ihre Augen glichen dunkeln Schatten, sie glitt lautlos einen Schritt näher und versuchte, seine Züge zu erkennen.

Er sprach so ruhig, so gleichgültig, es klang in der Tat so gar nicht nach Spott und Bitterkeit. Wäre es möglich? Hätte er jede zärtliche Regung für sie tatsächlich aus der Erinnerung verwischt?

Wie ein Messerstich geht es durch ihr heißes, begehrliches und selbstbewußtes Herz.

»Plötzlich!« wiederholt sie mechanisch, »ja, es kommt vieles so überraschend schnell im Leben. Gold und Lorbeer sind dir – wie ich höre – in dem letzten Vierteljahr geradezu märchenhaft in den Schoß gefallen, – du hast deine Bilder brillant bezahlt bekommen und bist als ›Schönheitsmaler‹ bei den Damen der oberen Zehntausend in Mode gekommen! Ich weiß, was das besagen will. – O ja, – Lorbeer und Gold erntest du, – ich denke mir, die Rosen bleiben auch nicht aus?«

Täuschte er sich?

Dieser lauernde, halb erstickte Klang in ihrer Stimme, – dieses nervöse Beben der zusammengekrampften Hände ... – –

Entweder eine großartig gespielte Komödie oder eine Leidenschaft, welche aus funkelnden Augen der Eifersucht schaut.

Ein Gefühl unaussprechlichen Widerwillens schnürt ihm die Kehle zusammen.

Daß Severas Herz ein sehr empfänglicher Boden für die Giftsaat der Welt war, hat er in jener Stunde erkannt, als sie sich voll schnöder Geldgier von ihm abwandte, daß diese Saat aber so pfeilschnell emporschießen und ihre verderblichen Blüten tragen werde, hatte er doch nicht geglaubt.

Und ist dies erst die Blüte, – wie wird die Frucht sein, welche sie trägt!

Er weicht von dem schönen Weib zurück, als wehe ein Pesthauch aus diesen Purpurblüten zu ihm herüber.

»Ich liebe die Rosen nur dann, wenn sie in dem Gottesgarten der Tugend erblühen!« sagt er so ruhig und ernst, daß seine Stimme wie tönendes Erz klingt. »Das solltest du wissen, Severa. Nach solchen Rosen werde ich stets ein herzliches Verlangen tragen, und die herrlichste und fleckenloseste von ihnen wird, so Gott will, einst an meiner Brust blühen. – Aber zu solchen Erörterungen dürfte jetzt wohl nicht die gegebene Stunde sein. – Dein Gatte vermißt dich – und ich vermisse den Schlaf. – Also Gute Nacht! – Bleib nicht mehr zu lange hier, der Nachttau fällt stark, und wenn er auch kein Reif in der Frühlingsnacht ist, so möchte er doch Spuren hinterlassen!«

Er verbeugt sich sehr förmlich, wartet ihre Antwort nicht ab, sondern schreitet hastig an ihr vorüber durch die offene Tür.


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