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XXIII.

Welch ein Schneesturm war das!

Scharf aus dem Norden brauste er heran und peitschte die Hagelschauer gegen die Fenster, als habe ein feindliches Heer seine Schrotladungen über das einsame Häuschen der Rätin geschüttet. Die kahlen Lindenzweige der Allee ächzten unter der blinkend weißen Last; oft krachte es hell durch den Sturm, wenn ein Ast splitternd herniederbrach. –

Wie das im Schornstein heulte!

Wie schrill es um die Ecken pfiff und wie die alte Wetterfahne, die rostzerfressene, so angstvoll vom Dach schrie.

Ja, ein tolles Wetter!

Wie die Schneemänner waren die drei lieben Gäste der Großmama die Treppe emporgestapft, und Manfred Hoff hatte erst sehr höflich den Mantel der Miß Dranmoore abgeklopft und Muff und Boa auf dem Flur abgeschüttelt: als er dann hastig nach Ethels Pelz greifen wollte, sah er, daß er zu spät kam und die Rätin bereits den beschneiten über einen Stuhl an dem warmen Herdfeuer ausbreitete.

Das junge Mädchen löste gerade den Hut von dem schlanken Köpfchen, und Manfred sah noch die letzten Schneesternchen in dem dunkeln Haar blitzen.

Ohne daran zu denken, ob solche Hilfeleistung gestattet sei oder nicht, hob er die Hand und stäubte die schmelzenden Flocken von dem glänzenden Scheitel.

Es war doch so kalt in der Welt und dennoch durchflutete es ihn wie heiße Glut, als seine Hand die duftigen Haarwellen berührte und unversehens die weiße Schläfe der Geliebten streifte.

Ethel hatte das Köpfchen tief geneigt.

»O ich danke, Vetter Manfred, bemühen Sie sich nicht!« sagte sie leise, aber es schien, als ob ihre frostgeröteten Wangen sich noch höher färbten.

»Sie haben hoffentlich recht hohe Pelzgummischuhe angehabt, meine Damen? – Darf ich vielleicht auch bei diesen meine Dienste als polnischer Leibeigner anbieten?«

Miß Maud lachte. »Wenn wir einmal den Bettelstudent aufführen, dürfen Sie mit dem Spiegel knien, – eher nicht. Das einfachste wäre es, wir zögen uns in Severas Mädchenstübchen zurück und wechselten das Schuhzeug, welches ich vorsichtshalber in doppelter Auflage für uns mitgebracht habe!«

»Das war vernünftig, meine liebe Maud!« lobte Großmama, »aber ich bitte euch, in mein Schlafzimmer zu treten, da in Severas Kammer ein Gast logiert!«

»Ein Gast?!«

Eine Frage war's, welche höchlichst überrascht, wie ein Dreiklang an das Ohr der Sprecherin schlug.

Diese lächelte.

»Ja, ein Gast! und zwar ein völlig fremder und euch allen unbekannter! Also verzichte ich darauf, euch raten zu lassen!«

»Aber eine Vorstellung des unbekannten Gottes?«

»Göttin, wenn ich bitten darf!«

»Um so besser!«

»Ist es ein verschleiertes Bild, oder bekommen wir sie zu sehen?«

»Je nachdem! Miß Maud wird vielleicht von ihr durch eine gewährte Audienz ausgezeichnet! Bitte, tretet also hier bei mir ein – –«

»Nein, nein, Großchen! erst müssen wir des Rätsels Lösung haben!«

Die Rätin legte zärtlich den Arm um die Enkelin.

»Es ist eine sehr klägliche und unglückselige Lösung, mein Liebling! Gestern brannte in der Beckerstraße ein Haus ab, welches zumeist von armen Leuten bewohnt war, die durch das Unglück bei der harten Kälte obdachlos wurden. Auch meine arme, alte Flickguste, welche ehemals für Severa schneidern half, befand sich unter den so schwer Heimgesuchten und holte ich das verlassene Wurm infolgedessen zu mir her!«

»O, wie lieb, wie gut von dir, Großmama! Aber warum darf nur Maud sie sehen?«

»Weil sie krank ist, mein Herz! Sie klagt über Schmerzen im Hals, und ehe ich nicht weiß, daß es sich nur um eine leichte Erkältung handelt, möchte ich dich von ihr fernhalten!«

»Aber Großchen, ich fürchte mich doch nicht!«

»Das weiß ich!«

»Ich gehe doch immer in das Armenhospital!«

»Gewiß, dafür habe ich aber nicht die Verantwortung! In meinem Hause möchte ich jedwede Vorsicht üben.«

»Sehr recht, Tante! Ich finde es über jedes Lob erhaben, wenn junge Damen Samariterdienste tun, aber ich fürchte, Ethel ist doch allzu unbesorgt und muß bedenken, daß die Jugend viel leichter zu Ansteckungen neigt, wie ältere Menschen.«

Die Rätin hatte die Türe zu ihrem Schlafzimmer geöffnet und ihre Enkelin und Miß Dranmoore mit freundlicher Fürsorge hineingeschoben, – jetzt trat sie mit Manfred in das warme, dämmrig stille Wohnzimmer.

»Ei, welche Besorgnis plötzlich?« lächelte sie fein, »früher kanntest du diese nicht, sondern wiesest jede Ängstlichkeit mit der Versicherung zurück, daß wir überall in Gottes Hand stehen und uns ohne des Höchsten Willen kein Leid widerfahren kann!«

Manfred war an den Ofen getreten, die Hände gegen die warmen Kacheln auszustrecken; die alte Dame sah nicht, wie ihm das Blut in die Wangen schoß.

»Gewiß, Tante ... dies ist auch jetzt noch meine Überzeugung, dennoch ... du verstehst wohl ... ist es Pflicht, Menschen, die so impulsiv handeln wie Ethel, zu warnen, und sie vor einem ›Zuviel‹ zu bewahren.«

»Du hast recht! und wer vermöchte das besser wie du! – Das arme Kind hat außer Maud ja niemand, der sich in Liebe um sie sorgt!«

»Niemand, der sich in Liebe um sie sorgt!« wiederholte Manfred leise.

»Sie wird nun achtzehn Jahre alt, und steht Welt und Leben noch so fern und fremd wie ein Kind. – In ihrem Alter war ich schon Braut.«

»So findest du es nicht richtig, daß man Ethel so zurückhält? Es ist doch ihr eigener Wunsch, noch keine Bälle und Feste zu besuchen.«

»Ein unnatürlicher Wunsch für ein junges Mädchen,« die Sprecherin stellte geschäftig die Kaffeetassen auf den Tisch und nahm kleine Serviettchen aus dem Schrank, »welchen man einzig durch die Annahme erklären kann, daß ihr Herz sie durchaus nicht unter fremde Menschen in den Ballsaal zieht!«

»Wie meinst du das?«

Manfreds Stimme klang leise und unsicher.

Die Rätin sah sehr harmlos aus.

»Nun, ich glaube, daß Ethel ihr liebes, frommes, reines Herz bereits verschenkt hat, und daß ihr darum alle Tänzer, welche im Ballsaal auf sie warten, gleichgültig sind!«

»Ihr Herz verschenkt? – Das, das glaubst du tatsächlich, Tante?«

Wie ein halberstickter Aufschrei klang es von seinen Lippen, mit ungestümen Schritten ging er im Zimmer auf und nieder.

»Kennt sie denn schon so viele der jungen Kavaliere, daß sie wählen konnte?«

Großchen zuckte die Achseln.

»In Laubsdorf verkehrten die Offiziere der nahen Garnisonen allerdings sehr viel im Hause!« fuhr Manfred fort und strich nervös mit der schlanken, weißen Hand durch die blondlockigen Haare, so völlig von diesem Gedanken benommen, daß er es gar nicht bemerkte, wie scharf ihn die beinahe schalkhaften Blicke der alten Dame beobachteten.

»Offiziere? – warum muß es denn gerade ein Offizier sein?« – wiegte die Rätin den Kopf und nahm die silberne Zuckerdose zur Hand, sie noch einmal mit einem Tuch abzureiben, »Ethel ist ein so reich begabtes Kind, sie hat so viel künstlerische Interessen, so viel Verständnis für Musik und Malerei, – warum sollte es nicht einer jener gottbegnadeten Menschen, ein Künstler sein, welcher in ihrem Herzen siegte, ohne es zu ahnen?!«

Mit einem scharfen Ruck blieb Manfred vor der Sprecherin stehen und starrte sie aus weit offenen Augen an.

»Tante! weißt du, was du da sagst?! – Ich bin auch ein Künstler!«

»Gott sei Dank, daß du's bist!«

»Und der Sinn deiner Worte ... ist's denn nicht eine Unmöglichkeit, daß ein Mädchen wie Ethel jemals einen armen, sang- und klanglosen Maler heiratet?!«

»Einen solchen wohl nicht, aber einen berühmten Meister, des Namen in aller Munde ist!«

»Der bin ich noch nicht, Tante!«

Flammende Glut brannte in Manfreds Wangen, mit bebenden Händen umkrampfte er die Rechte der alten Dame.

»So? wirklich noch nicht?« Die Rätin lachte leise auf. »Je nun, es lohnte sich wohl schon, daß du mal über diese beiden Kardinalfragen nachdächtest!« – und sie wandte sich zur Türe, in welcher die hagere Gestalt der Engländerin auftauchte und rief dem nachfolgenden Enkeltöchterchen zu: »Bitte, bring die Waffeln aus der Küche mit, Ethel, ich habe sie in die Warmröhre gestellt!«

»Wie ist das so wundervoll gemütlich!« sagte Mißchen am Kaffeetisch und machte es sich in ihrem Sofaeck noch bequemer, »hier hört man erst, was für ein Wetter draußen ist! Haben Sie sich auch nicht erkältet, Herr Hoff? Sie sehen so erhitzt aus!«

Manfred schrak empor und schüttelte den Kopf: »Bei Kälte und Hitze berühren sich ja meistens die Gegensätze, Miß Dranmoore.«

»Sehr wahr, meine Hände fangen an zu brennen!«

»Ethel, reich Manfred bitte einmal die Herzen!« Großchen deutete sehr harmlos auf die Platte voll Waffeln, welche in goldgelber Herzform auf dem Tisch dufteten, und fuhr heiter fort: »Wie unsere Erinnerung oft so eng mit irgendeinem Anblick verbunden ist! So oft ich Waffeln sehe, muß ich an meine Verlobung denken!«

»Ah! inwiefern?«

»Wir feierten den Geburtstag meines Vaters und mein Mann, damals noch ein blutjunger Referendar, erschien nachmittags auch als Gratulant. Wir waren uns heimlich schon seit längerer Zeit gut, aber das bindende Wort zu sprechen wagte der so völlig Mittellose nicht. – Ich stand am Kaffeetisch und ordnete die Tassen, Fritz half mir dabei und im Nebenzimmer saß das Geburtstagskind von den Gästen umringt und ließ sich durch Musikvorträge feiern. Seine kleine Nichte Emmy – du kanntest sie noch als Majorin von Lenz, Manfred! – sang ein sehr niedliches Liedchen, welches damals recht in Mode war:

»Ach geh nicht von hier
Und bleibe bei mir –
Ich schenk' dir mein Herzchen,
So gut bin ich dir!«

Zwischen Fritz und mir, die wir uns zum erstenmal allein im Zimmer befanden, herrschte eine schwüle, verlegene Stimmung. Wir schwiegen beide sehr befangen, nur unsere Augen sprachen in verstohlenen Blicken, und die kleinen Teller, welche er mir zureichte, klirrten seltsam in seiner Hand.

Wir lauschten der Musik, und bei Emmys Worten wurden wir beide feuerrot. Fritz aber nahm plötzlich eine Herzwaffel von der Schüssel, legte sie auf eins der Tellerchen und bot sie mir dar.

»Ich schenk' dir mein Herzchen,
So gut bin ich dir!«

wiederholte er leise, und dabei sahen wir uns in die Augen ... und im nächsten Moment hielt er mich im Arm und küßte mich. Da hatten wir uns verlobt. – Wenn ich nun solch ein Waffelherz sehe, so denke ich stets an das kleine Lied –« und die Rätin summte leise die Melodie, und ihr Blick schweifte feuchtglänzend in die Ferne.

»O, wie interessant!« nickte Miß Dranmoore und sah ganz gerührt aus, »dies Lied mußt du lernen, Ethel, es gefällt mir sehr!«

»Ich schenk' dir mein Herzchen,
So gut bin ich dir!«

wiederholte Manfred leise, und sein Blick streifte verstohlen das Gesichtchen seiner Nachbarin, welche gerade die Platte zur Hand genommen hatte, dem jungen Maler auf Geheiß der Rätin zu servieren – er nahm eine Waffel und versuchte zu scherzen.

»Diese dunkelgebräunte, wenn ich bitten darf, verehrte Stiefcousine!« lachte er. »Ich habe eine so große Vorliebe für dunkle Schönheiten, und wenn ich einmal einer jungen Dame ›so gut bin‹, daß ich ihr ›mein Herzchen‹ schenke, so muß sie eben solch goldbraun leuchtendes Haar haben, wie der ›Frieden‹, welchen ich jüngst hier malte!«

»Wozu Ethel Modell gesessen?«

»Just die!«

»Das freut mich!« Die Rätin schenkte dem jungen Maler eine zweite Tasse Kaffee ein, »dann hast du guten Geschmack.«

»Ich liebe nun durchaus keine schwarzen Herzen!« zuckte Ethel die Achseln und versuchte auf den scherzenden Ton einzugehen, obwohl sie heiß erglüht war und ihre Verlegenheit kaum meistern konnte: »Hier, das allerblondeste und fleckenloseste ist mein Geschmack, und es kommt mir wahrhaft barbarisch vor, daß ich es wohl oder übel in Stücke brechen muß!«

»Ja, das ist barbarisch!« nickte Manfred und sah plötzlich nachdenklich vor sich nieder, »hoffentlich behandeln Sie nur die gebackenen Herzen so grausam – oder sind Sie unbarmherzig genug, auch eines aus Fleisch und Blut in so viele Stücke zu zerreißen?«

»Oh! oh!!« schüttelte Miß Maud den Kopf. »Halten Sie meine liebe Kleine für solch eine Turandot?«

»Wer weiß!«

Ethel kramte in ihrer Arbeitstasche, um eine Stickarbeit auszupacken und vor sich auf den Tisch zu legen. Sie neigte das Köpfchen sehr tief.

»Ich werde nie in die Verlegenheit kommen, ein Menschenherz gut oder schlecht zu behandeln, da sich mir wohl niemals eins auf Gnade oder Ungnade ergeben wird! – Und weil Sie eine so schlechte Meinung von mir haben, ›Stiefvetter‹ Manfred, sollen Sie mir zur Strafe die verwirrte Seide sehr ordentlich und gründlich nach ihrer Farbe sortieren!«

Sie schob dem neben ihr Sitzenden die glänzenden Seidendocken zu und der junge Künstler nahm sie nachdenklich zur Hand.

»Welch ein gordischer Knoten! Ich entsinne mich noch sehr wohl, daß meine Mutter oft lange Zeit geduldig vor derart verwirrtem Garn saß, um es zu lösen. Es war ein Aberglauben dabei! Gelang die schwierige Arbeit, so ging ein Wunsch, welchen sie im geheimen getan, in Erfüllung. Soll ich auch einmal abergläubisch sein?«

»Erlaubt ist, was gefällt!«

»Aber bitte den Wunsch laut sagen!«

Leises Gelächter.

Manfred nur blieb ganz ernst.

»Wenn der Knoten gelöst ist, – eher nicht!«

»Ah, also dann erfahren wir deines Herzens geheimstes Wünschen doch! Nun wollen wir alle den Daumen halten, daß du über die heimtückischen Fädchen siegen möchtest!«

Die Sprecherin erhob sich und griff nach ihrer Brille, um ebenfalls eine Arbeit zur Hand zu nehmen; fleißig und geschickt schafften die Hände der drei Damen, und die Unterhaltung war angeregt und heiter, wie stets an dem gemütlichen Tisch der Großmama.

Manfred zog zu allgemeiner Belustigung sehr interessiert die Fäden aus dem dicken Flausch und ordnete sie fein säuberlich wie Farbenkleckse auf der Palette; – der Sturm draußen tobte immer heftiger und schüttete seine Schneeschauer gegen die Scheiben, und Miß Dranmoore kroch noch tiefer in ihre Sofaecke hinein und sagte noch einmal so recht aus vollster Überzeugung:

»Wie ist das so gemütlich!«

Ja, wie gemütlich!

Manfred hatte es noch niemals so empfunden wie heute.

Sein Blick ruhte oft verstohlen auf Ethels liebem, freundlichem Gesicht, auf den kleinen Händen, welche so anspruchslos schafften, welche so weich und lind waren, so ganz dazu geschaffen, sich wie Balsam auf Wunden, wie ein Gebet auf ruhelose Herzen zu legen! –

O wie liebte er diese warmen, zarten Mädchenhände, diese klaren Unschuldsaugen, in welchen eine Welt voll Liebe schlief!

Und während die Damen immer lebhafter plauderten, saß er immer nachdenklicher und ließ den vollen Zauber dieser trauten Abendstunde auf sich wirken.

Dabei schlug sein Herz erregter und sehnsuchtsvoller wie je in der Brust.

Die geheimnisvollen Worte der Großmama glichen kleinen Steinen, welche man in einen stillen See wirft.

Das Wasser schrickt empor und zieht seine Kreise, erst kleine, dann immer größere und größere, welche sich wie in blauen Mädchenträumen verlieren, zitternd und verschwimmend und dennoch sich dehnend zu einem großen Ring.

Was bedeuteten die seltsamen Worte der alten Frau?

Hatte sie mit dem Scharfblick mütterlicher Liebe seines Herzens seligste und geheimste Gedanken erraten?

Ahnte sie, wie all sein Denken voll hoffnungslosem Sehnen nur noch einer einzigen galt und wollte sie ihn milde trösten, oder hatte sie etwa auch in Ethels Herz einen tieferen Blick getan und hielt sie seine Liebe doch nicht für so bar jeder Aussicht auf Glück?

Wäre es möglich, daß Ethel tatsächlich seine tiefe Neigung erwidert, daß er als titel- und mittelloser Mann dennoch als Freier am Hause des Kammerherrn anklopfen darf? – Herr von Tempelburg, welcher selber eine Trägerin seines Namens, ein schlichtes Fräulein Hoff heimgeführt hatte, stellte seiner Werbung vielleicht keine unüberwindlichen Hindernisse in den Weg, denn er sieht, wie strahlend der Stern des Ruhmes am Himmel des jungen Künstlers emporsteigt, er weiß, daß Manfred bereits über bedeutende Einnahmen verfügt, – nein, der Vater würde gewiß dem Glück der Liebenden am wenigsten in den Weg treten – aber Severa! sie, die tödlich Beleidigte, wird sie nicht alles aufbieten, um seine Hoffnungen zu vernichten?

Sich zu rächen für die Schmach, welche sie glaubt durch ihn erlitten zu haben?

Der Gedanke an das grausame, leidenschaftlich hassende Weib schnürt Manfred die Kehle zusammen und treibt nachtschwarze Wolken vor das strahlend sonnige Zukunftsbild, welches sein Herz sich ausmalt!

»Also heute morgen ist dein Vater endgültig aus der Klinik heimgekehrt?« fragt die Rätin soeben die Enkelin; »daß ihr ihn völlig erholt findet, sagtest du schon. Ist Severa bei ihm?«

Ethel zuckte die Achseln. »Heute vormittag hat sie Papa nur flüchtig begrüßt, da sie in das Palais fahren mußte. Sie erteilte uns dann Erlaubnis, schon mit dem Vieruhrzug hierher zu fahren, da sie dem Genesenen am Nachmittag und Abend Gesellschaft leisten werde.«

»Hm ... Severa hat während der verflossenen Wochen viel Feste besucht?«

»Wie stets, Großmama. Sie liebt ja den Trubel so sehr. In der letzten Zeit haben wir sie kaum noch während des Frühstücks gesehen.« –

»Nun, ich denke, Ethel, dein Mann wird sich mal nicht über eine vergnügungssüchtige Frau zu beklagen haben!« Die Rätin erhob sich und ordnete auf einem Tablett Kaffee und Gebäck.

»Und nun, liebe Maud, bitte ich Sie um die Gefälligkeit, mich zu meiner armen Patientin zu begleiten, ein wenig für ihre Bequemlichkeit zu sorgen! Nein, nein, dich kann ich nicht gebrauchen, Ethel, – heute noch nicht! – Aber später mal, so Gott will!«

Miß Dranmoore hatte sich eilig erhoben und eine kleine Lampe, welche auf dem Nebentisch stand, angesteckt.

Die beiden Samariterinnen wechselten noch ein paar Worte und verließen alsdann das Zimmer.

Für kurze Augenblicke blieb es still.

Dann fragte Manfred leise:

»Hat Großmama recht, Ethel, werden Sie sich in der Tat nicht nach dem Trubel und Jubel der großen Geselligkeit sehnen? Noch sahen Sie ja nichts von der Welt. Aber wenn Sie erst einmal den Fiebertraum einer Saison kennen lernten, werden Sie nicht doch anders urteilen?«

Sie blickte auf.

Wie der verkörperte Frieden lächelte ihr liebes Gesicht.

»Ich kenne genug von den geselligen Freuden, um zu wissen, wie leer und kalt sie das Herz lassen, wie wenig wahres Glück sie geben können!«

»Sie sind zu jung, – solche Worte klingen beinahe unnatürlich in dem Mund eines achtzehnjährigen Mädchens! Wenn ich Sie nicht so völlig verstünde, Sie nicht so gut kennen gelernt hätte, wie es der Fall ist, ich würde es für unmöglich halten, daß Sie auf die Dauer dieser Ansicht treu bleiben.«

»Da Sie mich aber kennen, glauben Sie es?«

»Ja, ich glaube und begreife es, denn unser Ideal von dem wahren Glück ist fraglos dasselbe: Es ist nur ein einziger Grund- und Eckstein, auf welchem es erbaut werden kann!«

»Kenne ich diesen?«

»Sie kennen ihn nicht nur, sondern verkörpern für mich seinen Begriff, – es ist der Frieden, – der heilige, große Herzensfrieden, welcher seine Kraft aus den Quellen des Himmels schöpft!«

Sie lächelt, und ihr Blick trifft leuchtend den seinen.

»Ja, der Frieden!« wiederholt sie leise.

»Soll ich Ihnen einmal ausmalen, wie das Glück unsrer Zukunft, der Ihren sowohl wie der meinen, aussehen muß?«

Sie nickt: »Anders, ganz anders wie das meiner Stiefmutter!«

»Das gebe Gott! – Sehen Sie sich um in diesem Stübchen, wie warm, wie hell, wie traut! – Draußen liegt die Welt im Sturm – in der wilden Jagd nach dem Götzen Gold, im ruhelosen, mordenden Kampf um die Güter dieser Welt, Ehre, Erfolg, Ruhm und Genuß! Über Leichen führt der Weg, Trümmer und Scherben, entblätterte Rosen, zerschellte Lebensschifflein türmen sich zu dem grausen Berg, auf dessen Spitze die Fata Morgana des so heiß und gewissenlos begehrten Glückes lockt! – Wer erreicht sie? Unter Tausenden kaum einer – und gelingt es ihm wahrlich, so wird er das Glück, welches er erreichte, nie erkennen und als Segen empfinden, denn es ist nur Trug und Schein, welcher blendet, ohne zu erwärmen!«

»Und so sprechen Sie, ein Künstler, dessen ganzes Dasein doch in Ruhm und Erfolg gipfeln muß, falls es kein verfehltes sein soll?«

Beinahe erschrocken sah er sie an.

»So glauben Sie, Ethel, all mein Schaffen und Wirken als Künstler buhle lediglich um den Beifall der Menge, um Erfolg und Anerkennung?«

»Sie müssen doch darum werben, denn eine Kunst, welche keine Lorbeeren erntet, ist keine Kunst!«

»Wahrlich nicht? – Wehe uns, wenn wir all die ungezählten Scharen von Künstlern, wahren, edlen, großen und echten Künstlern sehen könnten, welche unbekannt und ungenannt gestorben und verdorben sind, ohne je ein Lorbeerblatt gepflückt zu haben. – Denken Sie an Lortzing! er ist sozusagen verhungert, – er ist bei Lebzeiten kaum beachtet worden, – sind das, was er hinterließ, keine Kunstwerke? – Und der Dichter Kleist, – sind seine Werke, welche die deutsche Nation von dem Unglücklichen erbte, Kunstwerke oder nicht? – Nein, manch mittelloser Künstler ist wohl auf den Erfolg angewiesen, weil er ihn für seine Existenz nötig hat, er ist die Keule, mit welcher die Not in dem brutalen Kampf um die Existenz niedergeschlagen wird, aber mit seinem tiefinnersten Menschen, mit seinem künstlerischen Schaffen hat der Flitterkram von Ruhm und Ehrenbezeugungen nichts zu tun, sie sind nicht die Blüten und Früchte an seinem Lebensbaum, sondern nur die bunten, prunkenden Blätter, welche der Herbst golden und purpurn in sein Laub flicht. – Sie sind an und für sich tot und wertlos, aber sie schmücken, und es liegt leider in der menschlichen Natur, daß auch ein solcher Schmuck ein begehrtes und erfreuliches Gut für sie ist! Dennoch wird für einen wahren Künstler stets das Schaffen und das ideale Gestalten selbst sein eigentlichstes Glück ausmachen! Ist dies der Fall kommt zumeist alles Äußerliche von selbst. – Ich habe ehemals in meinem kalten Mansardenstübchen mit derselben Begeisterung für die Sache gemalt, wie jetzt in dem schönen, eleganten Atelier. Ich habe Erfolg gehabt und bin überraschend schnell bekannt geworden, ich sah die Paläste der Großen und die Prunkgemächer der Reichen, aber nie und nimmermehr werde ich das Glück darin suchen! Wollen Sie wissen, Ethel, wie für mich das schönste, liebste und köstlichste Ziel aussieht, nach welchem ich strebe?«

Sie ließ die fleißigen Hände im Schoße ruhen und nickte mit leuchtenden Augen.

Manfred aber neigte sich noch näher, und durch seine Stimme bebte es wie flehende Sehnsucht.

»Keine prächtigen Salons und keine hochmoderne Villa, Ethel, sondern ein trautes, stilles Häuschen, fernab von der breiten Heerstraße, in Blüten und Frühlingsgrün gebettet, möchte ich besitzen! Kein stolzes, sieggewohntes und vergnügungssüchtiges Weib darf darin herrschen, sondern ein schlichtes, treues Lieb soll meine Muse sein, mit verständnisinnigem Blick meine Werke schauen, die frommen Hände mir auf die Stirn legen, wenn mir Kraft und Segen nötig sind! Ein Weib, Ethel, welche ich als verkörperten Frieden geschaut, welche selbstlos, mild und barmherzig ist und freudig bereit, den Überfluß aus unserm Haus in die Hütten der Armut zu tragen! Je weniger der Mensch für sich begehrt, desto reicher ist er, nicht Geld und Banknoten machen den Wohlstand aus! und nur da, wo in den Menschenherzen der Friede Gottes wohnt, – nur da allein ist auch das Glück daheim!« –

Der Sprecher nahm die kleine Mädchenhand in die seine und umschloß sie mit festem Druck.

»Ethel,« sagte er weich, »so träume ich in stillen Stunden von meiner Zukunft, – glauben Sie wohl, daß solch ein Traum jemals zur Wahrheit werden kann?«

Sie war heiß erglüht und die dunkeln Wimpern senkten sich tief auf ihre Wangen.

»Das gebe Gott!« antwortete sie leise.

»Sind auch Sie meiner Ansicht, Ethel?«

»Vollkommen! Sie wissen, wie fern mir schon jetzt die große Welt liegt!«

»Ja, ich weiß es!« Wie ein geheimer Jubel klang es zu ihr nieder: »und dieses Wissen und Überzeugtsein durchleuchtete meinen Traum wie seliges Morgenrot! – Und dennoch ...« Manfred atmete plötzlich schwer auf und gab ihre Hand wie in gewaltsamem Entschluß frei. »Es ist doch immer noch ein großer Unterschied, ob man sich nur freiwillig von der Welt zurückzieht, ohne alle Brücken hinter sich abzubrechen, oder ob man endgültig mit allen Standesvorrechten und Gewohnheiten bricht!«

»Wie meinen Sie das?«

»Wenn Sie jetzt den Hoffesten fernbleiben, ist es Ihr eigener, freier Wille, welcher jeden Augenblick geändert werden kann; wenn Sie aber einen Mann mit bürgerlichem Namen freien, so leisten Sie damit endgültig Verzicht darauf, eine Rolle in der Hofgesellschaft zu spielen!«

Ethel errötete noch tiefer. »Dieses Opfer ist wohl gar nicht nennenswert angesichts eines Glückes, welches ich dafür eintausche, denn wenn ich einmal heirate, so geschieht es aus Liebe, und wer einen Himmel erwerben kann, fragt wohl nichts mehr nach der Welt.«

Wie schlicht sagte sie es, und dennoch – welch eine Überfülle, welch ein Reichtum lautersten Empfindens lag in den wenigen Worten!

Alles Blut brauste schwindelnd nach Manfreds Herz, seiner nicht mehr mächtig breitete er die Arme aus und rief mit halb erstickter Stimme: »Und wer ist es, Ethel, den du liebst? – Sage es ihm, daß er den Mut findet, sein Kleinod zu eigen zu nehmen!«

Einen Augenblick bangen, schamvollen Ringens, dann hielt er eine bebende Mädchengestalt in seinen Armen, und zwei rosige Lippen flüsterten ganz nah den seinen voll süßer Scheu und Verlegenheit scherzend:

»Ich schenk dir mein Herzchen,
So gut bin ich dir!« –

»Ethel! – meine Ethel!«

Der Sturm braust und die Eiskörner prasseln gegen die Scheiben, in dem kleinen Stübchen der Witwe aber ist's Frühling geworden, da sprießen die duftigsten Blumen aus den Dielen empor, da knospt und mait es im silbernen Mondlicht, und die Nachtigall singt leise wie im Traum ihre bräutlichen Lieder! –

Wo Großmama und Miß Maud nur bleiben! Das selige Paar vermißt sie nicht, wundert sich auch gar nicht des langen Alleinseins! –

Weder Manfred noch Ethel haben es bemerkt, wie die Türe sich lautlos öffnete, wie die weißen Scheitel der Rätin einen Augenblick aus dem Dunkel hervorleuchten, wie ein tränenglänzender Blick zärtlichster Liebe sekundenlang auf dem jungen Paar weilt, – wie die braunen Türflügel sich langsam wieder schließen.

Manfred aber hält die Geliebte im Arm, und als der erste Rausch des Glücks verflogen, da neigt er das Antlitz plötzlich sorgenvoll, und eine jähe Blässe deckt es.

Nun fällt der Reif in der Frühlingsnacht, – seine Befürchtungen muß er Ethel mitteilen, er muß es, so blutsauer es ihm auch wird.

Voll leiser Hast erzählt er ihr alles, was sie bisher noch nicht geahnt, seine erste, schwärmerische Liebe zu Severa, – ihr schmählicher Verrat und Treubruch – alles, was zwischen dem Einst und Jetzt liegt!

Mit weit offenen Augen lauscht das junge Mädchen, – und als er von Severas racheerfülltem Sinn, von ihrer Unversöhnlichkeit spricht, welche fraglos seiner Werbung den heftigsten Widerstand entgegensetzen wird, da füllen sich diese klaren Augen mit Tränen jäher Angst, und Ethel schließt die Arme fester um den Geliebten und flüstert erschreckt:

»Du hast recht, Manfred! Du beurteilst meine Stiefmutter nur allzu richtig! – Ach, Papa wollte dich jüngsthin zum Diner laden, aber Severa strich mit finsterm Blick deinen Namen aus und erklärte: »Er war oft genug bei uns, – fürerst wünsche ich ihn nicht wieder im Hause zu sehen!« – Ich begriff diese zornige Stimmung nicht und habe mir damals auch keine Sorge darum gemacht, weil es mir ja sicher war, dich hier bei Großchen zu sehen, nun aber wird mir alles klar – ach, und wenn der liebe Gott sich nicht unserer Liebe erbarmt und ein Wunder tut, so haben wir wohl nicht auf die Erfüllung unserer Wünsche zu hoffen, denn Papa tut ja um des lieben Friedens willen alles, was die Grausame befiehlt!«

Manfred war bis in die Lippen erbleicht, aber er zog die Geliebte innig an die Brust und küßte den seufzenden kleinen Mund.

»Unbesorgt, mein Lieb, wir wollen nicht vor der Zeit verzagen, sondern in Geduld und Treue hoffen! Der liebe Herrgott kann ja Wunder tun und tut sie auch heutigentags noch sicher, wenn man seiner Macht und Hilfe vertraut!«

Der schrille Klang der Entreeglocke tönte durch den stillen Flur, – Manfred schrak empor und Ethel griff mit feuchtem Blick nach ihrer Arbeit, mit bebenden Fingerchen die Nadel zu führen. Draußen klang der Schritt der Rätin, welche ging, die Tür zu öffnen, und der junge Maler nahm die verwirrte Seide zur Hand und blickte traurig darauf nieder, – ach, wie unlöslich schien ihm der bunte Knoten in diesem Augenblick zu sein!


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