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Zweites Capitel.
Belinda's Kaufpreis.

Es ließ sich nicht bestreiten, daß diese Strümpfe ein unpassendes, nur durch Zufall zusammengekommenes Paar waren. Belinda stopfte nicht und nähte nicht; ihre Kleidungsstücke gingen ungezählt zur Wäscherin und kamen ebenso wieder, oder kamen auch, je nach den Fügungen des Zufalls, nicht wieder. Einer natürlichen Wahlverwandtschaft folgend, pflegten die übrig gebliebenen einzelnen Strümpfe, die vielleicht von haltbarerem Gewebe waren als ihre Cameraden, sich endlich ohne Rücksicht auf die Verschiedenheit in Farbe und Muster, zusammenzufinden.

Das ursprüngliche Aussehen der beiden Strümpfe, die Belinda jetzt trug, hätte sich schwer bestimmen lassen. Der eine war vielleicht ehedem grau, der andere braun gewesen, alle Beide aber waren zerrissen, und der Eindruck, den sie auf den Beschauer hervorbrachten, wurde durchaus nicht geschwächt durch ein Paar abgetragene, landesübliche Sandalen – auf baskisch: espurgottes – eine Art von leinenen, roth gestickten Pantoffeln, die hoch über dem Knöchel mit wollenen Schnüren gebunden waren.

Außerdem trug Belinda ein schwarzes, fuchsig gewordenes Kleid von unbeschreiblichem Stoff, und einen Hut von naturfarbenem, grobem Stroh, der so jede Form verloren hatte, daß man ihn auf einem menschlichen Kopfe sehen mußte, um ihn überhaupt als Hut zu erkennen. Ihr Haar hatte sie in feste, abscheuliche Flechten gezwängt, die am unteren Ende, nach Art der spanischen Bäuerinnen, mit einem Bande zusammengebunden waren, und dies Band, das ehemals grün gewesen, zeigte kaum noch eine Spur seiner ursprünglichen Farbe.

Es lag nichts Anmuthiges, nicht einmal etwas Malerisches in der Erscheinung und doch ging Niemand, der ein im Beobachten geübtes Auge hatte, an ihr vorüber, ohne sich nach dem jungen Mädchen mit dem abgetragenen Kleide, den zerrissenen Strümpfen und dem sonnenverbrannten, vornehmen Gesichtchen umzusehen, das jetzt die übermüthige Lustigkeit eines Pariser Straßenjungen zur Schau trug, und im nächsten Augenblicke den Ausdruck eines Weibes, das von der Frucht der Erkenntniß gegessen und ihren Geschmack bitter gefunden hat.

»Spanien oder Clapham?« fragte sich Belinda. noch einmal, indem sie sich von dem Rasen – wenn man ein Gemisch von Staub und dürren Halmen mit dem Namen Rasen beehren darf – träge aufrichtete, wiederholt gähnte und dann einen Brief aus ihrer zerrissenen Tasche zog, der, in charakterloser Schulmädchen-Handschrift, auf seegrünes, englisches, dickes Briefpapier geschrieben war, das der Absenderin sicherlich doppeltes Porto gekostet hatte.

Sie las:

»Meine theuerste Belinda.«

»Theuerste!« … unterbrach sie sich; »wie kann sie mich Theuerste nennen, während sogar Papa »mein liebes, kleines Mädchen« für genügend hielt. Aber Rose muß heucheln, selbst wenn sie schreibt.« Doch weiter:

»Du wirst Dich wundern, hoffentlich aber auch freuen, wenn Du hörst, daß ich die weite Reise nach dem südlichen Frankreich mache, um Dich zu sehen. Ich versichere Dich, daß mir, wenn ich Saint Jean de Luz auf der Karte ansehe, jedesmal der Athem vergeht und vor der Bucht von Biscaya habe ich immer einen Abscheu gehabt, und im Waggon zu schlafen, wie so viele Menschen thun, ist mir rein unmöglich, und dann fürchte ich mich so sehr vor fremden Betten.

Es versteht sich von selbst, daß mich Spencer begleitet, und da hier in der Nachbarschaft einige Fälle von Blattern vorgekommen sind und ich mich so sehr davor scheue, sagt Dr. Pikney, das Klügste, was ich thun könnte, wäre, meinen Koffer zu packen und mich davon zu machen. Ich bin übrigens schon drei Mal wieder geimpft und obwohl die Aerzte es nicht zugeben, bin ich überzeugt, daß die Pocken jedesmal ein bischen herausgekommen sind. Hoffentlich weiß man im Süden nichts von der Krankheit – solltest Du aber noch nicht wieder geimpft sein, so laß es als Vorsichtsmaßregel thun, ehe ich komme.

Ich hoffe, liebes Kind, daß Du mich recht wohl aussehend finden wirst; ich bin noch in Trauer, in Halbtrauer natürlich nur, denn der gute Onkel Robert ist bereits seit drei Monaten todt, und die Putzmacherin schalt, daß ich noch länger dabei bleiben wollte. Aber in solchen Dingen folge ich meinem Gefühl, nicht der Mode, und was kann auch kleidsamer sein als ein reich garnirtes helllila Seidenkleid oder eine weiße, mit schwarzem Sammt und reichen Fransen besetzte Polonaise? Wissen möchte ich nur, ob in ausländischen Badeorten runde Hüte oder Façonhüte Mode sind? Ich habe an das Modejournal geschrieben, um mich darnach zu erkundigen, fürchte aber, daß ich die Antwort vor meiner Abreise nicht mehr bekomme. In London sieht man nichts, als die breiten, niedrigen Hüte, die mich gar nicht gut kleiden, und die nachgerade unerträglich gemein geworden sind. Wahrhaftig, die Toilette ist, wie ich oft zu Spencer sage, eine unablässige Prüfung. Thäte ich's nicht für die, welche ich lieb habe, so möchte ich … aber dies ist ein Thema, über das ich lieber nicht sprechen will.

Meine theuerste Belinda, ich werde Dir, wenn wir uns wiedersehen, einige Neuigkeiten mitzutheilen haben, die für unser Beider Zukunft von Wichtigkeit sind. Sehr erfreut bin ich darüber, daß Du Augustus Jones' Bekanntschaft gemacht hast. Er ist einer meiner größten Günstlinge und hat mich geradezu gezwungen, mit ihm zu correspondiren – junge Männer sind oft so thöricht – und ich bin doch, wie ich ihnen immer sage, nachgerade eine alte Frau! Was Du über sein ordinäres Wesen sagst, ist lächerlich. Was kommt darauf an, ob sein Vater mit patentirten Kohlenbecken gehandelt hat oder nicht. Die Frage lautet heut' zu Tage: hat der junge Mann Geld? Darauf, wie es erworben ist, kommt nichts an. Hoffentlich ist er noch in St. Jean de Luz, wenn ich hinkomme, was ziemlich zu gleicher Zeit mit diesem Briefe geschehen wird. Grüße Deine vortreffliche Freundin, Miß Burke von mir.

Deine Dich liebende Mutter
Rose.«              

» P. S. Augustus Jones besitzt eine elegante, im feinsten Geschmack eingerichtete Villa in Clapham. Ich habe, zu Lebzeiten seines Vaters, häufig mit dem guten Onkel Robert dort gegessen. Augustus, das kann ich Dich versichern, liebe Belinda, wird für jedes Mädchen, das glücklich genug ist, ihn zu gewinnen, eine vortreffliche Partie sein«

Belinda drückte den Brief unwillig zusammen, warf ihn zwei- oder dreimal wie einen Ball in die Luft, steckte ihn zerdrückt wie er war, wieder in die Tasche, und kehrte zum Aufbau ihrer Luftschlösser zurück.

»Spanien oder Clapham?«

Eben hatte sie sich diese inhaltschwere Frage zum dritten Male vorgelegt, als ein junger Engländer im modernsten Hydepark-Anzuge aus der Thür des nahen Hotels »Isabella« trat, das junge Mädchen erblickte und sich ihr näherte.

Der junge Mann sah sehr blühend aus und war, soweit es auf die Züge ankam, nicht entschieden häßlich, aber entschieden gewöhnlich. Die Art und Weise, wie er seinen Hut trug, seine Schmucksachen, sein Halstuch, kurz Alles in seinem Aeußeren verletzte, man wußte kaum warum, den guten Geschmack. Dazu kam, daß sein Gesicht von Mücken arg zerstochen war, und Mückenstiche sind durchaus nicht geeignet, selbst bedeutendern Männern, als Mr. Jones, etwas Vornehmes zu geben..

»Eine elegante Villa in Clapham … eine vortreffliche Partie für jedes Mädchen, das glücklich genug sein wird, ihn zu gewinnen!« dachte Belinda, während der Held ihres Luftschlosses näher kam. »Wie schade, daß Rose dies Glück nicht für sich selbst in Anspruch nimmt … ich werde versuchen, die Heirat zu Stande zu bringen, sobald ich sie beisammen habe.«

Dabei lachte sie laut auf – nicht wie junge Damen, die Alles fein und zierlich thun, zu lachen, und noch weniger, wie englische Schulmädchen zu kichern pflegen. Belinda's Lachen war ohne alle Heiterkeit, das scharfe, spöttische Gelächter eines Kobolds.

Mr. Jones Angesicht, das zu allen Zeiten in warmen Farben prangte, hatte, als er sie erreichte, das dunkle Roth eines reifen Liebesapfels angenommen.

»Guten Tag, Miß Belinda!« rief er näher tretend; »auf mein Wort, Sie haben das einzige Bischen Schatten im ganzen Orte gefunden! Freut mich, daß sie Ihre eigenen Gedanken so amüsant finden.«

Dabei versuchte Augustus in Ton und Haltung den vornehmen Dandy zu spielen, wie er ihn auf der Bühne hatte darstellen sehen, was ihm indessen nicht besonders gelang.

Belinda schob ihren zerrissenen Hut etwas von der Stirne zurück, streckte die Füße mit den schäbigen Sandalen im Staube aus, und warf Mr. Jones einen jener Blicke zu, mit denen kleinere Knaben größere betrachten, die sie herausfordern möchten, deren Stärke sie aber vorher zu messen suchen. Dann begann sie zu pfeifen.

»Ich glaubte, Sie hätten mir gestern versprochen, diese … diese unweibliche Kunstfertigkeit aufzugeben;« bemerkte Mr. Augustus nach einer kleinen Weile.

»Und ich glaubte,« entgegnete das junge Mädchen, »daß Sie versprochen hätten, das unschickliche: ›Miß Belinda‹ nicht mehr zu brauchen. Wenn Sie die Courage hätten, mich einfach Belinda zu nennen, so könnte ich das ertragen, da Sie den Muth aber nicht haben und für nöthig halten, mich zu tituliren, so sagen Sie, wie sich's gehört, Miß O'Shea. Sie glauben nicht, wie albern Miß Belinda klingt.«

Die Liebesapfel-Färbung verbreitete sich über Ohren und Nacken des armen Mr. Jones.

»So soll es denn in Zukunft zwischen uns einfach Belinda sein,« stotterte er. »Nicht wahr? Ich versichere Sie, daß es mich glücklich macht! Aber nun muß ich Sie auch um etwas bitten,« fuhr er fort, indem er sich ein vergleichsweise reines Plätzchen aussuchte, um seine Hydepark-Eleganz darauf niederzulassen. »Ich darf Sie wohl bitten, mich Augustus zu nennen.«

Sie sah ihn mit Ihren furchtlosen Kinderaugen durchdringend an.

»Augustus! … ich hoffe, daß Sie mir einige Makaronen mitgebracht haben, Augustus … Augustus, unterlassen Sie es gefälligst, Costa zu treten, wenn Sie glauben, daß ich es nicht bemerke! Nein, Mr. Jones, ich kann es nicht. Und wenn ich Sie bis zu meinem Tode alle Tage sähe und dabei hundert Jahre alt würde, könnte ich Sie doch nicht Augustus nennen. Es ginge vielleicht einmal … sechsmal, wenn Sie mich ordentlich bestechen, aber von Grund meines Herzens nie!«

»In andern Fällen scheinen Sie solcher vertraulichen Benennung doch nicht gerade abgeneigt,« bemerkte Mr. Jones gereizt … »Ich glaube gehört zu haben, daß Sie die Hälfte aller hier anwesenden englischen und amerikanischen Knaben beim Vornamen nennen.«

»Ja, das sind Knaben!« entgegnete Belinda mit einem Lächeln voll unbewußter Koketterie. »Möchten Sie etwa, daß ich zu meinen Spielkameraden, zu den Knaben, mit denen ich Ball schlage, Herr sagte? Möchten Sie das?«

»Ich möchte vor Allem, daß Sie überhaupt nicht Ballschlagen;« erwiderte der junge Mann in halb zärtlichem Beschützertone. »Ich liebe einen Anstrich von Chic, so gut wie nur irgend ein Mann, (der arme Augustus sprach das Wort wie »Tschick« aus), aber es muß der richtige Chic sein, bong tong, und so weiter. Aber was … ich bitte Sie … was würde man in England von einem jungen Mädchen denken, das man in solcher Gesellschaft Ball spielen sähe!«

Belinda warf ihm unter den langen, dunkeln Wimpern einen scharfen Blick zu.

»Also nicht Ballschlagen, nicht Bolero tanzen, nicht pfeifen, nicht mit Costa im Mondschein spazieren gehen … ich möchte wirklich wissen, was ich eigentlich thun soll, Mr. Jones?«

Eine Londoner Schönheit, die bereits mehrere Saisons durchgemacht, wäre nicht im Stande gewesen, einen Erben sicherer und unbefangener zur Erklärung zu bringen.

Mr. Jones betrachtete die silberne Tänzerin, die den Griff seines Spazierstöckchens schmückte, dann die große Camee, die er in dem Ringe am kleinen Finger trug, und gab endlich seinen Gefühlen Ausdruck.

»Ich wünschte, Miß Belinda … Belinda … bitte um Verzeihung, Miß O'Shea« – er wäre und wenn es sich um sein Leben gehandelt hätte, nicht im Stande gewesen, sie vertraulich bei ihrem Taufnamen zu nennen, während sie in ihrem zerrissenen Röckchen, dem Aushängeschild ihrer Armuth, neben ihm saß und das vornehme Gesichtchen zu ihm erhebend, mit ihren dunkeln Augen ihn und seine Rede zu Atomen zu zerpflücken schien. »Ich wünschte,« fuhr Mr. Augustus Jones mit einiger Anstrengung fort, »daß Sie sich in jeder Hinsicht Ihre Mama zum Muster nähmen. Sie ist mein Ideal; eine vollkommene Lady!«

»Also Rose's Beispiel soll ich folgen! danke schön! Jetzt weiß ich doch genau, was ich zu thun und zu lassen habe!« rief Belinda spöttisch. »Vor Allem ist das Ballspiel verpönt.«

»Es ist das letzte Spiel, das sich eine Engländerin von bong tong erlauben würde;« sagte Augustus im Tone eines Orakels und warf mißbilligende Blicke auf die Schistera, das von Rohr geflochtene Instrument, mit welchem in den baskischen Provinzen der Ball geschleudert und gefangen wird. »Ich bin überzeugt, daß Mrs. O'Shea über dies Spiel ganz meiner Meinung sein würde.«

»Aber ich liebe es leidenschaftlich!« rief Belinda. »Leidenschaftlich … wahnsinnig! Was liegt mir daran, ob ich ein Lady bin oder nicht? Wenn Sie das Spiel verstünden, würden Sie nicht eine solche Nachtmütze sein, von › bong tong‹ zu reden. O, der Augenblick!« rief das junge Mädchen und schlug die schlankem braunen Hände zusammen, »der entzückende Augenblick wenn das Spiel auf zwanzig steht … der Ball bei dem Feinde ist … nun durch die Luft geflogen kommt … die Entscheidung in dem Schlage der eigenen Schistera liegt … Nun schlägt man zu … nun … aber was kann es nützen,« unterbrach sie sich selbst, indem sie einen Blick des Mitleids auf ihren unwissenden Zuhörer warf; »was kann es nützen, mit Leuten, die nichts davon verstehen, von dem Spiel zu sprechen! … Da ist aber weiter der Bolero … den würden Sie doch wohl hin und wieder gestatten; so im Zwielicht unter den Bäumen …«

»Ich habe nicht das Geringste gegen den Bolero, den Fandango oder die andern landesüblichen Cancans, wenn sie nur von den richtigen Leuten getanzt werden;« entgegnete Mr. Jones in schnarrendem Tone. »Im Gegentheil, so oft eine dieser baskischen Weiber ihre barbarischen Grimassen zum Besten gegeben hat, und mir ihren zinnernen Sammelteller hinhält, gebe ich ihr meine paar Sou mit dem größten Vergnügen.«

Belinda's Augen schleuderten ihm Speere zu.

»Ich kann mir nicht denken, daß Sie irgend Jemand bei irgend einer Gelegenheit mit Vergnügen einen Sou geben!« rief sie mit zorniger Emphase. »Außerdem sprechen Sie von Alledem, wie der Blinde von der Farbe. Sie verstehen das Land und seine Bewohner ebensowenig wie ihre Tänze, und messen Alles mit der Elle Ihres Clapham'schen Geschmacks. Aber wir wollen uns nicht weiter streiten. Ich habe meine Ansichten, Sie die Ihrigen und ohne Zweifel wird Rose Ihnen zustimmen. Beiläufig gesagt, wußten Sie, daß meine Mama nach St. Jean de Luz kommen würde, Mr. Jones?«

Mr. Jones zauderte. Talleyrand's Rath, nie dem ersten Impulse zu folgen, weil er ein guter sein könnte, war ein Hauptgrundsatz dieses vortrefflichen jungen Mannes, obwohl er nie von Talleyrand gehört hatte. Vorsicht, Mißtrauen, Unglauben an jede Art von urprünglicher Regung hatten, im Verein mit einer besonderen Begabung für Kochapparate, den älteren Jones Schritt für Schritt von dem bescheidenen Plätzchen hinter dem Ladentische bis zu der Villa in Clapham geführt – und Vorsicht, Mißtrauen, Unglauben an jede Art von Impuls waren angeborene, in Blut und Leben übergegangene Eigenschaften des Sohnes.

»Sie correspondiren mit Rose, das weiß ich!« rief Belinda, indem sie sein Gesicht beobachtete »Warum wollen Sie sich Ihrer kleinen Schwachheit schämen? Junge Männer sind so thöricht, wie Rose sagt. Ich sehe, daß Sie ebenso gut wie ich selbst davon unterrichtet sind, daß meine Stiefmama nach St. Jean de Luz kommt.«

»Nun ja, ich weiß, daß Mrs. O'Shea kommen wird, gewiß;« antwortete Augustus, der nach flüchtigem Besinnen herausgefunden haben mochte, daß es in diesem Falle nichts schaden würde, die Wahrheit zu sagen. »Ich habe sogar mit der heutigen Post einige Zeilen aus Paris von ihr bekommen … hier in der Tasche steckt der Brief –« Augustus war discret genug, ihn daselbst zu lassen – »und so viel ich daraus ersehen kann, werden wir schon heute Abend das Vergnügen haben, Mrs. O'Shea und Capitän Tempel zu sehen.«

Eine dunkle Röthe überfluthete Belinda's Gesicht.

»Capitän Tempel! Was wollen Sie damit sagen?« rief sie aus. Sie hatte nur zu gut verstanden, was er meinte und erröthete vor Scham über den eigenen Verdacht. »Rose kommt doch natürlich allein mit ihrem Kammermädchen.«

»Ja natürlich!« wiederholte Augustus mit jenem affectirten Schnarren, das Belinda so widerwärtig war. »Ich würde auch nicht einen Augenblick glauben, daß Mrs. O'Shea in diesem oder irgend einem andern Falle, sich anders, als mit der höchsten Schicklichkeit benehmen würde, aber wenn wir Alles in Erwägung ziehen, Miß Belinda, so ist es doch gar nicht so merkwürdig, daß Capitän Tempel zu derselben Zeit dieselben Gegenden des südlichen Frankreich bereist, wie Mrs. O'Shea und ihr Kammermädchen.«

Sein Lächeln, sein Ton und eine plötzliche, schmerzhafte Erinnerung an gewisse sentimentale Andeutungen in mehreren von Rose's letzten Briefen machte Belinda's Verdacht zur Gewißheit.

»Wenn ich dächte … wenn ich so etwas glauben müßte!« rief sie aus und brach plötzlich ab, indem sie ihre sonnenverbrannten Hände ballte und die Lippen zusammenpreßte.

»Wenn Sie glauben müßten, daß zwei Menschen, die sich in ihrer Jugend geliebt haben – ich nehme an, daß Sie von der romantischen Geschichte unterrichtet sind? – wenn Sie glauben müßten, daß zwei Menschen, die sich vor zwölf oder noch mehr Jahren geliebt haben, endlich dazu kämen, sich zu heiraten und glücklich zu sein, was wäre das weiter?« fragte Augustus. »Diese Heirat würde sogar, soviel ich beurtheilen kann, auf Ihr Leben keinen bedeutenden Einfluß haben.«

»Wenn Rose wieder heiratet, so schwöre ich, weder mit ihr, noch mit ihrem Manne mein Lebenlang auch nur ein Wort zu sprechen!« rief Belinda heftig. »Ich will es aber auch nicht glauben, bis ich es aus ihrem eigenen Munde höre und bin nicht im Mindesten neugierig auf die Geschichte. Was ich wissen möchte ist nur, ob er dunkel oder blond ist? … Sind Sie denn stumm geworden, Mr. Jones? Ich frage Sie, welche Art von Mann dieser elende Capitän Tempel ist?«

»Roger Tempel ist blond … gelb eigentlich … Alle diese ostindischen Burschen sehen sich ähnlich. Er kneift die Augen zu, wenn er mit Einem spricht … verteufelt ungezogene Manier. Ich habe das eine oder andere Mal bei Ihrer Mama mit ihm gegessen, ehe ich London verließ, aber wir hatten uns nicht zwei Worte zu sagen. Ich mag diese Kamaschenhelden nicht leiden. Für meinen Geschmack haben sie zu viel vom Handwerk an sich.«

»Zu viel von was?« fragte Belinda mit tiefer Verachtung. Ach, das einzige menschliche Wesen, das sie je geliebt hatte, war ja von demselben Geist erfüllt gewesen, wie Capitän Tempel.

»Zu viel vom Handwerk … von ihrem Handwerk! Zu viel Herablassung gegen andere Leute, deren Beruf nicht, wie der ihrige, im Ladestock und der Putzbürste liegt.«

»Und ich,« sagte das junge Mädchen mit Entschiedenheit, »ich liebe die Soldaten, und wenn ich jemals heiraten sollte, so müßte es ein Soldat sein. Wie verschieden wir, Sie und ich, doch in allen Dingen denken … Wahrscheinlich liegt's im Blute! Wir O'Shea's sind ein kampflustiges Geschlecht. Zwei Großoheime von mir sind neben einander dort, jenseits der Berge, bei Badajoz, gefallen.« Sie deutete mit einer Kopfbewegung auf die ferne Kette der spanischen Pyrenäen. »Auch mein Papa war Soldat, und obwohl er zufälliger Weise nicht in unsern ausländischen Kriegen verwendet wurde, kann ich Sie doch versichern, daß er manche große und muthige That bei den verschiedenen Aufständen in Irland vollbracht hat. Sie haben wahrscheinlich keinen Verwandten bei der Armee, Mr. Jones?«

»Keinen, außer einem Onkel von mütterlicher Seite, der Militärschneider war;« hätte Mr. Jones antworten müssen, wenn ihm darum zu thun gewesen wäre, die Wahrheit zu sagen. Statt dessen umging er die Antwort mit ziemlichem Geschick, indem er zur Hauptangelegenheit zurückkehrte. »Nun denn Miß O'Shea,« sagte er, »wenn Sie so große Vorliebe für das Kriegshandwerk fühlen, so haben Sie ja einen besonderen Grund, Ihrem neuen Papa gut zu sein.«

Belinda raffte die Schistera auf, die neben ihr lag, und für einen Augenblick war der Stand der Dinge ein bedrohlicher … Es bedurfte keiner weiteren Herausforderung, um das kriegerische Blut der O'Shea's, das in ihren Adern floß, zu entzünden.

»Ich … ich kam eigentlich, um Sie einzuladen, mit mir zu Harambour zu gehen,« sagte Mr. Jones, indem er hastig aufstand. »Seien Sie mir nicht böse, Belinda« – in der Entfernung, in der er sich jetzt von ihr befand, konnte er sie Belinda nennen – »lassen Sie uns unsere Streitigkeiten durch Makaronen beilegen.«

Jeder Mensch, sagt der Cyniker, hat seinen Kaufpreis. Belinda war, wie Mr. Jones nach kurzer Bekanntschaft herausgefunden hatte, durch Makaronen zu bestechen. Eigentlich konnten als Belinda's Preis, in diesem unreifen, unfertigen Stadium ihres Seelenlebens, alle Arten von Süßigkeiten bezeichnet werden. Sie fand Engelhaare – cabello de angel – glasirte Aprikosen, Chocoladecream, alle die verschiedenen, halb spanischen, halb französischen Conditorwaaren, an denen die Läden von St. Jean de Luz so reich sind, delicat, aber mehr als für alles Andere schwärmte sie für Makaronen, ein Hauptproduct des Ortes, wie schon die Geschichte der Tage berichtet, in denen der große Napoleon und der englische Herzog nacheinander hier Quartier genommen.

Dazu kam, daß Belinda nie Geld hatte. Das elende Sümmchen, das ihr alljährlich zufiel, nachdem Miß Burke den Löwenantheil ihres kleinen Einkommens verschlungen, das elende Sümmchen, das ihr für Kleidung, Porto, Taschengeld, Conditorwaaren u. s. w. blieb, war so bedauerlich schnell verthan, und nachdem es verschwunden, blieb sie völlig insolvent zurück!

Ein siebzehnjähriges Kind, ohne einen Sou für Makaronen, und ein Augustus Jones, dessen Taschen von englischen Banknoten strotzten, und der bereit war, die ersehnte Süßigkeit für sie zu kaufen! bedarf es einer tieferen Kenntniß menschlicher Natur, um vorauszusehen, wie die Dinge aller Wahrscheinlichkeit nach enden mußten, wenn nicht etwa ein anderer Held, der etwas Süßeres als Makaronen zu bieten hatte, in Belinda's kleinem Lebensdrama auftrat!

Sie zauderte ein wenig, überlegte, aber in der nächsten Minute hatte sie den Platz verlassen, und ging an Mr. Jones Seite durch die Hauptstraße der Stadt, dem Conditorladen zu.

St. Jean de Luz hielt in diesem Augenblicke die übliche Mittagsruhe. Die Balcone waren verödet, selbst die Kirchen, die Morgens und Abends mit Fächern, Gebetbüchern und liebäugelnden Pärchen überfüllt sind, waren leer. Ein oder zwei Ochsenkarren standen auf dem Markt, die Ochsen in ihren braunen Kattunkitteln mit Ochsenphilosophie geduldig in's Leben blickend, während ihre Herren im nächsten Weinschank schliefen. Ein Zug spanischer Maulthiere, die mit den geschorenen Rattenschwänzen ärgerlich nach den Fliegen schlugen, stand im Schatten und neben ihnen, mit dem Gesicht auf der Erde, lag der Treiber. Andere lebende Wesen waren nicht zu sehen, außer etwa einem gelegentlich vorüberschlendernden, halb gebratenen, durch Murray's Handbuch geleiteten Britten, und fünf oder sechs gespensterhaften Straßenhunden, denn in St. Jean de Luz schlafen die Straßenhunde nie. Da eben die Zeit der Ebbe war, hauchten die Mündung des Flusses und der Hafen übelriechende Düfte aus; die fernen Berge mit ihrem schattenlosen Ockergelb waren geradezu eine Qual für das Auge, und eine zitternde, durchdringende, unerträgliche Hitze lag wie ein Feuerregen über dem Allen.

Und Mr. Jones war durchaus unfähig, diese Temperatur mit Anmuth zu ertragen. Als sie die Conditorei erreichten, befand er sich in einem Zustande sichtlicher Auflösung, und verwünschte Klima, Straßenpflaster, Umgegend und Volk in den häßlichsten Ausdrücken und mit der ganzen Unwissenheit eines Londoner Zierbengels.

»Er ist schrecklich, schrecklich gemein!« dachte Belinda, während sie ihre Makaronen verzehrte, und unter den Wimpern hervor das feuchte, mit Blüthen und Moskitostichen bedeckte Antlitz ihres Gefährten betrachtete … »Wenn die Makaronen nur auf anderem Wege zu bekommen wären!«

Das waren sie aber nicht – und sie waren so ausgezeichnet gut, frisch von diesem Tage! – Und nach den Makaronen gab es Vanille-Eis und Chocoladencream und dann abermals Makaronen. Und dann – so großmüthiger Laune war Augustus diesen Nachmittag, – begaben sie sich aus dem Laden unter den erfrischenden Schatten des Zeltes, an der Außenseite, und Belinda wurde aufgefordert, sich irgend ein kühlendes Getränk zu bestellen, während Mr. Jones – der als echter Engländer den Glauben festhielt, daß Alkohol und ein Thermometerstand von 110 Grad im Schatten zusammengehören – im entsetzlichsten Französisch Branntwein und Selterwasser verlangte, und sich anschickte, an ihrer Seite eine Cigarre zu rauchen.

Vielleicht erscheint der Minnedienst, in dem die Gunst der Dame durch Conditoreiwaaren gewonnen wird, als ein sehr sonderbarer – aber wer mit offenen Augen durch's Leben geht, weiß wohl, daß die meisten Verschiedenheiten im Leben nur an der Oberfläche liegen, nur zufällige Abweichungen in der Localfarbe sind. Die menschliche Natur, welch' Kleid sie auch tragen, welchem Theil der Erde sie entstammen mag, ist im Grunde immer dieselbe. Hätte Augustus Jones irgend einer reiferen Londoner Belinda den Hof gemacht, so würde er ihr statt der Süßigkeiten, je nach Umständen, Armbänder, Theaterbillets oder Blumensträuße dargebracht haben, und schwerlich hätte Jemand das sonderbar gefunden.

Mr. Jones rauchte seine Cigarre; Belinda schlürfte ihre Eis-Orgeade nach spanischem Gebrauch durch ein Röhrchen, und so schlich langsam eine Stunde dahin.

Die Sonne senkte sich westwärts hinter die alten, hohen Häuser mit den dunkelrothen Ziegeldächern, die am Hafen von St. Jean de Luz stehen, und in den Straßen wurde eine verhältnißmäßige Kühlung fühlbar. Nach und nach öffneten sich einige Fensterläden, schläfrige Gesichter blickten über die Balcone, die Ochsentreiber kamen träge aus der Weinschänke heraus und der Maulthiertreiber richtete den Kopf auf, stützte sich auf den Ellbogen, rieb seine hübschen Augen, fluchte ein Bischen auf die Maulthiere, bekreuzte sich und wickelte sich eine Cigarrette. Die Welt erwachte!

»Ich muß jetzt gehen!« rief Belinda aufspringend, als die Thurmuhren Fünf schlugen. »Sobald die Sonne den oberen Platz nicht mehr bescheint, versammeln wir uns alle dort zu einer großen Ballpartie.«

»Wir? Wer sind wir?« fragte Mr. Jones mit zärtlichem Lächeln. Der Branntwein mit Selterwasser hatte ihn mild gestimmt. Aber leider macht ein zärtliches Lächeln nur den halben Eindruck, wenn es durch Mückenstiche beeinträchtigt wird.

»O, die gewöhnliche Bande: Jack Alston und Tom und ich, gegen die beiden Washingtons und Moriz La Ferté. Für welche Seite wollen Sie wetten? Sie müssen nicht nach dem urtheilen, was Sie gestern Abend gesehen haben. Jack Alston und ich können die Andern schlagen, wenn wir unser Bestes thun.«

»Am liebsten wettete ich darauf, daß Sie Jack Alston und die Andern das Spiel allein ausmachen ließen,« sagte Augustus, indem er aufstand, und sein zerstochenes, rothfleckiges Gesicht dem Belinda's näherte. »Ich möchte glauben können, daß Sie mir gut genug sind, Miß O'Shea, um diese Jungen ein für allemal aufzugeben, wenn ich Sie darum bitte.«

Sein Ton war ernster, als ihn Belinda je gehört hatte und sie schwankte, oder schien zu schwanken. Die Erinnerung an genossene Makaronen, die Hoffnung auf künftige Makaronen, geschmeichelte Eitelkeit, daß ein erwachsener Mann – und wenn es auch nur ein Augustus Jones war – sich so lebhaft für sie interessirte, alle diese Gründe, und vielleicht noch ein tieferer, bewegten das junge Mädchen. Sie schwankte, schlug die Augen nieder und spielte unentschlossen mit den Schnüren ihrer Schistera.

»Wollen Sie mir versprechen, dies verdammte Spiel nie wieder zu spielen, weder heute, noch einen andern Abend?« flüsterte Augustus mit gesteigerter Emphase.

Noch ein Augenblick und Belinda hätte sich sicherlich zu Gott weiß welchen unglückseligen Versprechungen hinreißen lassen – aber als die Worte schon auf ihren Lippen schwebten, erschien ein unerwarteter Gegner von Augustus Jones, ein Bundesgenosse für Ballspiel, Bolero, und alle übrigen unschicklichen Freuden ihres Lebens auf dem Schauplatze.

»Costa! sieh da, Costa! Alter Bursche … wo hast Du denn den ganzen Tag gesteckt?« rief Belinda. »Ruhig, niederlegen! Wann wirst Du endlich begreifen, daß Mr. Jones Deine Aufmerksamkeiten nicht zu würdigen versteht?«

Costa war ein alter, vornehm aussehender spanischer Jagdhund, vielleicht nicht von reinster Abkunft, aber ein edles Thier, trotz des Fleckens auf seinem Wappenschilde. In seinem Benehmen lag viel von der ernsten Würde seiner Nation, und sein Gesicht verrieth Klugheit und feines Gefühl. Auf manchem der Bilder von Velasquez ist ein Hundekopf, wie der Costa's zu sehen.

Seine Bekanntschaft mit Belinda war, wie fast Alles im Leben des jungen Mädchens, durch den Zufall vermittelt worden.

Der Madrider Hidalgo, dem das arme Thier gehörte, hatte zu Ende der vorjährigen Badesaison nach Paris reisen müssen und hatte den Hund, mit echt spanischer Gleichgiltigkeit, dem Hungertode in den Straßen von St. Jean de Luz preisgegeben. Eine Zeit lang hielt Costa Leib und Seele nach Kräften zusammen, aber je hagerer sein armer Körper wurde, um so häufiger wurden auch die Stöße und Schläge der Hausfrauen, die ihn unbefugterweise um ihre Thüren schleichen sahen. Endlich bestand er nur noch aus Haut und Knochen, und besaß kaum noch so viel Kraft, daß er sich mühsam an den Rinnsteinen hinschleppen, und mit hungrigen, flehenden Augen zu den Vorübergehenden aufblicken konnte.

So fand ihn Belinda, die zufällig Geld hatte, da eben ihre Vierteljahrsrente eingetroffen war, und die sich in diesem Augenblick mit all' der geistigen Leichtigkeit, welche eine volle Börse zu geben pflegt, auf dem Wege nach dem Makaronenladen befand.

»Wie, Costa, lieber Freund! (sie kannte den Hund und seinen Namen sehr genau und hatte ihn oft bewundert, wenn er in bessern Tagen majestätisch hinter seinem Herrn einher schritt,) »Costa, lieber alter Freund, dahin ist es mit Dir gekommen? Hat Dich die Bestie dem Hungertode preisgegeben?«

Sie vergaß ihre Makaronen, führte Costa zum Fleischer, ließ ihm zu fressen geben und würde ihn mitgenommen und beherbergt haben, hätte sich nicht Miß Burke entschieden dagegen aufgelehnt. Sie erklärte, daß es für Belinda's unsterbliche Seele weit förderlicher sein würde, sich um die Regeneration der Menschheit zu kümmern, als um das Leben oder Sterben eines elenden Hundes. Ein Schlag auf den Kopf und ein Untertauchen in die Fluthen der Nivelle würden in diesem Falle die größte Wohlthat sein. Miß Burke würde sich gern bereit finden lassen, irgend einen Mann oder Jungen zur Vollführung dieses Werkes zu dingen, und – –

»Auf Ihre Gefahr geschieht es, wenn Sie Costa ermorden lassen!« rief Belinda mit drohenden Augen. »Das Obdach mögen Sie ihm verweigern, wenn Sie wollen … er mag das Quartier der Bettler theilen, wenigstens bis der Winter kommt; für sein Futter werde ich sorgen. Was liegt mir an der Menschheit? aber den Hund habe ich lieb … und was Sie betrifft! so dingen Sie einen Mörder, machen Sie sich zur Mitschuldigen des Mordes … doch auf Ihre Gefahr, Madame!«

So hatte sie Costa's Leben – so wenig dies arme Leben werth sein mochte – zwei Mal gerettet.

Und das Thier belohnte sie dafür mit jener absoluten, blinden, unbegrenzten Dankbarkeit, die eine Tugend des Hundes – vielleicht ausschließlich eine Tugend des Hundes ist. Ohne jede Erklärung verstand er die heikle Natur des zwischen ihm und Miß Burke bestehenden Verhältnisses, aber aus Rücksicht für Belinda verrieth er diese Kenntniß nie durch etwas Anderes, als ein heimliches Rollen der Augen oder ein Emporziehen der Oberlippe.

Jeden Morgen pflegte er mit dem Ernst und der Würde eines Bischofs vor der Hofthüre der Burkeschen Wohnung zu sitzen, um auf den leichten Schritt seiner kleinen Wohlthäterin zu warten, wechselte jedoch augenblicklich und mit der unbefangensten Miene den Platz, wenn Miß Burke anstatt Belinda's erschien. Jeden Abend führte er das junge Mädchen getreulich bis an die Hausthür, ließ sich aber nie, auch nicht durch scherzende Einladungen Belinda's dazu bringen, die Schwelle zu überschreiten. Wenn die Eigenschaft der Selbstachtung in dem Herzen eines Thieres existiren könnte, so hätte man sagen mögen, daß dieser verhungerte, verlassene, spanische Hund sie besessen.

Selbstachtung, Dankbarkeit, Liebe! Die Liste der Tugenden Costa's ist eine lange; aber er hatte auch Laster, welche den Tugenden die Wage hielten. Die Gesellschaft betrachtete ihn im Allgemeinen als ein ausgestoßenes, diebisches, unverbesserliches Geschöpf und mit vollem Recht! Die Gesellschaft ist mit ihren Verdammungsurtheilen ja immer im Rechte! … Und konnte es denn anders sein? Wie hätte Costa, als er weder Nahrung noch Obdach besaß, das anständige, philisterhafte Leben fortführen können, das ihm in den futterreichen Tagen des Hidalgo, seines Herrn, so leicht geworden war?

So lange Belinda Geld hatte, aß er Fleisch – war ihre Casse geleert, so bekam er alle Rinden und Speiseabfälle, die das junge Mädchen den eigenen Mahlzeiten absparen, bei Seite schaffen und in ihrer Tasche fortbringen konnte, ohne daß es Miß Burke bemerkte. Aber Rinden und Abfälle genügten nicht, um Costa zu erhalten. Er mußte aufhören ehrlich zu sein, oder sterben, und – viele Christen haben dasselbe gethan! – er zog es vor, die Ehrlichkeit zu opfern.

In seiner Jugend zum Jagdhund erzogen, hatte er bis dahin mit dem ganzen Stolz der ungeprüften Tugend an den Ehrbegriffen seines Standes festgehalten, die den Mord zahmen Geflügels als unverzeihliche Gemeinheit brandmarken. Aber andere Zeiten, andere Sitten! Legt ein Stand Pflichten auf, wie viel mehr noch ein leerer Magen!

Anfangs hatte Costa noch einige Regungen des Gewissens, einige Nachklänge der alten edeln Gesinnung zu überwinden, suchte sich nur seine Opfer aus und verfolgte sie, ohne sie zu tödten. Aber endlich, an einem Herbstabend, als sein Hunger sehr heftig wurde, – es thut mir leid, sagen zu müssen, daß Belinda Zeugin des Verbrechens war! – mordete er eine fette, alte Henne, die auf ihrer Stange sitzend eingeschlafen war, verschlang sie mit Wonne bis auf die Federn und hatte mit dieser Schandthat sein Gewissen für alle Zeiten getödtet.

Von nun an wurde Costa der abwärts führende Pfad nur allzuleicht. Die Bemerkung, daß Niemand ein so vollendeter Bösewicht wird, als der, welcher einst ein Gentleman war, ist keine neue. Während ein gewöhnlicher Hund seine Diebstähle und Mordanfälle in grober Straßenräuberart ausgeführt hätte, der Entdeckung und Strafe auf dem Fuße folgen mußte, ging Costa, dem hundert Erinnerungen aus seiner früheren Laufbahn zur Seite standen, seinen verbrecherischen Weg in schlauer, kunstgerechter, waidmännischer Weise.

Natürlich wurde er bald »verdächtig« – es gab keine Hausfrau im meilenweiten Umkreise von St. Jean de Luz, die ihn nicht von Ansehen oder dem Namen nach gekannt hätte – aber doch blieb er am Leben. Der Südländer verbindet mit der größten Gleichgiltigkeit für Leiden und Qualen der Thiere einen seltsamen Aberglauben in Bezug auf das Tödten derselben. Er kann einen verschmachtenden Hund langsam hinsterben sehen, aber er schlägt ihn nicht todt, er ist im Stande, eine kranke Katze lebendig zu begraben, aber er wirft sie nicht in's Wasser.

Costa lebte also – lebte ein ehrloses, träges, gesetzloses Leben, aber seine Treue, Liebe und Dankbarkeit für das junge Mädchen, das ihn gerettet hatte, wuchs mit jedem Tage.

So verschieden documentirt sich die Entartung bei dem Hunde und dem Menschen!

War Belinda spät Abends aus, was sehr oft geschah, so hielt Costa mit dem Willen und der Kraft, es mit einem halben Dutzend Carlisten auf einmal aufzunehmen, an ihrer Seite Wache; spielte sie Ball mit ihren nicht eben allzufeinen Cameraden, so saß er mit dem Ausdruck der Ueberlegenheit blinzelnd im Schatten, nahm zwar kein Interesse an den frivolen Einzelheiten des Spieles, war aber jeden Augenblick bereit, falls sich Streitigkeiten erheben sollten, als Richter und Vollstrecker des Gesetzes auf Belinda's Seite zu treten. Er wußte, ob sie froh oder traurig, reich oder arm war; er kannte ihre Freunde, wie ihre Feinde und hatte vom ersten Zusammentreffen bis zum heutigen Tage drohende Blicke auf die Waden des Herrn Augustus Jones geworfen.

»Geben Sie sich Mühe, nicht ängstlich auszusehen, Mr. Jones,« sagte Belinda, indem sie den Gesichtsausdruck ihres Verehrers mit spöttischen Blicken beobachtete. »Wenn Sie sich ganz ruhig verhalten, beißt Costa vielleicht nicht. Hunde wissen es so genau, wenn man sich vor ihnen fürchtet! Willst Du etwa Makaronen haben, mein alter Costa? Wie, willst Du? … Mr. Jones, Costa sagt, er möchte Makaronen!« – Wie wir sehen, ließ sich Belinda durch keine Art von falschem Stolz zurückhalten, wenn es sich darum handelte, milde Gaben für ihre Freunde zu erbitten. »Costa will Makaronen haben und ich besitze auch nicht mehr einen Sou.«

Sie kauerte sich nieder, schlang den einen Arm zärtlich um den Hals des alten Hundes und blickte mit den reizendsten, flehendsten Mienen zu Augustus Jones empor.

Aber Mr. Jones knöpfte seine Taschen zu. Er war nicht gerade ein Geizhals, wie manche Leute behaupteten. Er gab willig Geld aus für Reitpferde, Armbänder, Theaterlogen, Kirchen, die prächtige Fenster brauchten, philanthropische Unternehmungen, deren Quittungen veröffentlicht wurden, – für seine Laster, seine Tugenden, für alles Mögliche; aber einem Hunde Makaronen kaufen! … zu solcher absoluten Verschwendung, zu solch' muthwilligem aus dem Fenster werfen des Geldes konnte sich Mr. Jones nicht entschließen.

Wäre er im Stande gewesen, die Sache als Speculation in's Auge zu fassen, als Thorheit, die ein Mittel zum Zweck werden konnte, so hätte er wohl anders gehandelt. Hätte er sich in's Gedächtniß gerufen, und gesagt: »Du hast den Wunsch, eine, deinen Ansichten nach, vortheilhafte Heirat zu schließen; es ist von jeher das Verlangen deines Herzens gewesen, dein Geld mit aristokratischem Blute zu vermählen und da du an günstigerer Gelegenheit zweifelst, möchtest du diese zerlumpte kleine Zigeunerin, die Enkelin des großen Earl of Liskeard, zum Weibe nehmen. Schmeichele ihren Launen, erfülle selbst diesen kindischen Wunsch, wenn du dein Ziel erreichen willst;« hätte sich Mr. Jones das zu sagen vermocht, so wäre Costa ohne Zweifel zu den verlangten Makaronen gekommen.

Aber diese Wahrheit begriff er nicht. Es fehlte ihm dazu an allen den Eigenschaften, welche der Einbildungskraft, nicht der Vernunft entstammen, und so sah und ging er nie weiter, als sein eigenes kleines Licht leuchtete. Er verabscheute alle Hunde, verabscheute Costa insbesondere, beehrte ihn mit jenem bittersten Hasse, welcher aus Furcht entspringt – und so knöpfte denn Mr. Jones, wie schon gesagt, seine Taschen zu.

»Makaronen für Costa!« wiederholte Belinda, indem sie ihre kleine, braune, bittende Hand nach ihm ausstreckte. »Er möchte sie nicht? … Das werden Sie sehen, sobald Sie es versuchen! Als Maria José neulich hier war, hat er ihm für zwei Francs auf einmal gegeben und Costa hatte sie verschlungen, ehe man nur: Prosit die Mahlzeit! sagen konnte.«

»That er das wirklich?« rief Augustus, der ärgerlich aussah, ob über den Hinweis auf einen Nebenbuhler, oder über Belinda's gemeine Ausdrucksweise, – wer konnte das sagen? »Das einzige, was ich darauf bemerken kann, ist, daß es mir leid thut, hören zu müssen, wie unvernünftig Mr. Maria José sein muß, um sein Geld so unsinnig zu verschleudern.«

Belinda ließ Costa los, sprang auf und stellte sich aufrecht und entschlossen vor Augustus hin, während ihr schmales Kindergesichtchen wie eine Granatblüthe flammte.

»Wollen Sie damit sagen, Mr. Jones, daß, wenn ich Sie bäte, Costa für zwei Francs Makaronen zu geben, Sie mir das abschlagen würden?«

»Ich würde das Geld lieber dem ersten hilfsbedürftigen Menschen schenken, der mir auf der Straße begegnete,« antwortete Mr. Jones im Schulmeisterton.

»Wollen Sie Costa für einen Franc Makaronen geben, jetzt gleich?«

»Ich … ich habe nie gehört, daß man Hunde mit Makaronen füttert, und halte das für ein verdammt lächerliches Geldverschleudern,« stammelte Jones, ohne die Hand in die Tasche zu stecken. »Ich kann, wenn es darauf ankommt, ebenso gut freigebig sein, wie andere Leute, Miß Belinda, aber wenn ich einen besonderen Wunsch habe und zwar einen sehr entschiedenen Wunsch, so ist es der, gutes Geld nicht wegwerfen zu sehen.«

Belinda betrachtete ihn von dem zerstochenen Gesicht bis zu den Spitzen seiner lackirten Stiefel und ihre klaren Augen sahen ihn nicht nur körperlich vom Kopf bis zu den Füßen, sondern blickten bis in seine innerste Seele.

»Ah, ich verstehe, und weiß nun auch, warum Costa Sie vom ersten Augenblicke an gehaßt hat. Hunde sind gar nicht so dumm! Sie sagen, wenn Sie einen besonderen Wunsch hätten, so wär's der, gutes Geld nicht weggeworfen zu sehen. Wenn ich aber eine besondere Neigung habe, und zwar eine sehr entschiedene, so ist's die: Geld wegzuwerfen! Geld! – pah! – was ist Geld? Kleine Stücke schmutziges Silber, denen bald dieser, bald jener Kopf aufgeprägt ist und die nur so viel werth sind, als man Zuckerwerk dafür bekommt. Geld auszugeben, wegzuwerfen, in die Winde zu verstreuen, ist eine meiner besten Freuden! Ball schlagen, Bolero, tanzen, Freiheit, süße Freiheit sind die andern. Und ich werde meine Neigungen wohl ebenso wenig aufgeben, wie Sie die Ihrigen. Leben Sie wohl, Mr. Jones.«

Dabei drehte sie sich auf den Hacken um und ging von dannen, indem sie ihre Schistera in einer Weise hin und her schwenkte, die Mr. Jones in seinen zartesten Gefühlen verletzen mußte, und Costa spazierte mit so hoch erhobenem Kopfe hinter ihr her, als wenn er sich Herr der Situation fühlte.



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