Hans Dominik
Atomgewicht 500
Hans Dominik

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Während in Detroit Präsident Chelmesford zu der Ansicht neigte, daß die Company ihm seinen Direktor entführt hätte, waren in Salisbury Mr. Dowd und Robert Slawter umgekehrt der Meinung, daß Dr. Wandel durch die United verschleppt worden sei. Unberechtigt war diese Vermutung nicht, denn was Mr. Spinner im Laufe des Vormittags ermitteln konnte, klang ziemlich verdächtig.

Die braune Limousine war früher als erwartet gekommen. Sie hatte kurze Zeit vor dem Hause des Doktors gehalten und war dann wieder fortgefahren. Zu jener Zeit befand sich Wandel, wie aus den Aussagen des Hauspersonals hervorging, allein in der Wohnung.

Fest stand jedenfalls, daß der Doktor ebenso spurlos verschwunden war wie die Limousine. Außerdem aber – und dieser Umstand bereitete Mr. Spinner besonders Kopfzerbrechen – fehlte auch jede Spur von dem Wagen der Company. Weder Lawrence noch Gordon hatten seit zwölf Stunden ein Lebenszeichen von sich gegeben.

»Geben Sie mir doch eine Erklärung für das unbegreifliche Schweigen Ihrer Leute«, sagte Mr. Dowd während der Besprechung, die er mit Spinner am Vormittag hatte, zum vierten oder fünften Male. Doch ebenso wie früher blieb der Nachrichtenchef die Antwort schuldig, denn er scheute sich, Dowd gegenüber die schlimme Möglichkeit auszusprechen, um die seine Gedanken sich schon seit Stunden drehten.

Im Geiste sah er den blauen Wagen irgendwo an der Landstraße zwischen Salisbury und Detroit als Wrack im Graben liegen und seine Leute verwundet in einem Hospital. Nur das konnte seiner innersten Überzeugung nach der Grund sein, der so bewährte Leute wie Lawrence und Gordon davon abhielt, sich zu melden und Bericht zu geben.

Dowd merkte, daß Spinner mit etwas zurückhielt. Er hatte Gedanken, die von denen des Nachrichtenchefs nicht allzu verschieden waren, und sprach sie aus.

»Ihren Leuten muß etwas Ernstliches zugestoßen sein, Spinner.«

Spinner zuckte die Achseln. »Vielleicht haben Sie recht, Mr. Dowd . . . obwohl ich's mir nicht denken kann.«

Dowd machte eine Bewegung, als ob er die Einwände Spinners vom Tisch fegen wollte.

»Redensarten, Spinner! Damit kommen wir nicht weiter; an die Tatsachen müssen wir uns halten. Ach was, das hat ja alles keinen Zweck! Ich werde den Stier bei den Hörnern packen.«

Er griff zum Telephon und verlangte eine Fernverbindung mit Detroit und der United. Spinner machte Miene zu gehen, doch Dowd hielt ihn zurück.

»Bleiben Sie hier, Mr. Spinner. Es ist gut, wenn Sie mithören, was die United zu sagen hat.«

Für derartige Fälle war der Apparat des Chief Manager mit einem zweiten Hörer ausgerüstet. Er schob ihn Spinner hin und wartete auf die Verbindung.

Auf Chelmesfords Tisch meldete sich das Telephon. »Eine Verbindung mit Salisbury«, wurde von der Hauszentrale durchgesagt; eine Flut von Gedanken wirbelte durch den Kopf des Präsidenten, als er es hörte. Verbindung mit Salisbury? . . . Das konnte nur die Company sein. Wollten die Banditen mit ihm über die Freilassung Claytons verhandeln? Zuzutrauen wäre denen die Unverschämtheit schon. Chelmesford hatte keine gute Meinung von der Konkurrenz und hielt sie jeder Schandtat für fähig. Er war entschlossen, eine Antwort zu geben, die Hörner und Klauen hatte.

Fester preßte er den Hörer ans Ohr, als die ihm bekannte Stimme des Chief Manager der Company in dem Apparat ertönte. Nur wenige Sekunden hörte Chelmesford zu, dann brüllte er wütend in sein Mikrophon:

»Sind Sie toll geworden, Dowd? Wir haben Ihnen den Doktor nicht gestohlen! Wir denken nicht daran. Im Gegenteil! Heute nacht haben Sie unsern Direktor Clayton ausgehoben . . .«

In Salisbury sah Dowd verblüfft Spinner an, der ein nicht minder verdutztes Gesicht machte. War das ein dreister Bluff von Chelmesford, oder was hatte es sonst zu bedeuten? Ein paar hundert Meilen von ihnen entfernt polterte Chelmesford weiter.

»Es soll der Company verdammt schlecht bekommen, Mr. Dowd. Die Polizei ist dem blauen Wagen auf der Spur. Man hat Ihre Leute beobachtet.«

In Salisbury deckte Dowd sein Mikrophon mit der Hand ab.

»Was halten Sie davon?« raunte er Spinner zu.

»Denen drüben scheint auch einer abhanden gekommen zu sein«, flüsterte der Nachrichtenchef zurück.

»Hängen lasse ich die Kerle!« brüllte Chelmesford in seinen Apparat und machte eine kurze Pause, um Atem zu schöpfen. Dowd benutzte sie, um zu antworten.

»Vergessen Sie nicht, Chelmesford, die Leute aus einer braunen Limousine daneben hängen zu lassen. Die haben's zum mindesten ebenso . . .«

Chelmesford ließ ihn nicht ausreden.

»Die braune Limousine?« fuhr er dazwischen. »Was haben Sie damit gemacht? Unser Wagen ist verschwunden.«

»Vielleicht geben Sie uns eine Spur, wo wir unsern Wagen zu suchen haben.«

»Ich will Ihnen einen Tip geben, Dowd«, erboste sich Chelmesford von neuem, »Ihre Leute sind heute nacht in Detroit bei Direktor Clayton vorgefahren und haben ihn mitgenommen. Wohin, das werden Sie wohl besser wissen als ich.«

»Unmöglich! Kann ja nicht sein . . .« Dowd konnte seine Verwunderung über die unerwartete Mitteilung nicht unterdrücken. Chelmesford hielt es für Verstellung. Er kam dadurch noch stärker in Harnisch und sprudelte etwas heraus, das er eigentlich nicht sagen wollte.

»Alles ist möglich, Dowd. Ich will Ihnen noch etwas anderes erzählen. Sie haben sogar die Frechheit gehabt, des Nachts in unser Werk zu gehen und allerlei zu stehlen unter Führung dieses deutschen Doktors, den wir Ihnen gestohlen haben sollen. Umgekehrt wird ein Schuh draus, Mr. Dowd. Der Doktor karriolt in den Staaten umher und führt unsern Direktor Clayton als Gefangenen mit sich.«

Dowd ließ den Präsidenten noch eine Weile weiterreden und beriet sich bei abgedecktem Mikrophon eilig mit Spinner.

»Ich rate Ihnen dringend, Direktor Clayton schleunigst freizulassen. Es ist für alle Teile besser, Mr. Dowd, wenn die Sache ohne die Hilfe der Polizei geregelt wird«, beendete Chelmesford seinen langen Erguß.

»Richtig, Mr. Chelmesford! Das ist das erste vernünftige Wort von Ihnen. Nun hören Sie mich mal eine Minute ruhig an. Ich gebe Ihnen mein Wort darauf, Chelmesford, daß die Company niemals daran gedacht hat, sich der Person Claytons zu bemächtigen. Wenn er tatsächlich mit Doktor Wandel zusammen ist . . .«

»Das ist er sicher«, fuhr Chelmesford dazwischen.

»Ich glaube Ihren Worten, Mr. Chelmesford. Wenn Clayton also mit dem Doktor zusammen ist, dann ist er aus freien Stücken bei ihm und nicht als Gefangener.«

»Aber, zum Teufel, Dowd!« Chelmesford mußte sich die Stirn mit seinem Taschentuch trocknen, »warum meldet sich keiner von den beiden? Wir wissen nicht, wo Clayton steckt, Sie scheinen auch nicht zu wissen, wo der Doktor ist, die Geschichte ist ganz unerklärlich.«

»Deswegen habe ich Sie ja angerufen, Mr. Chelmesford.«

»Jawohl, Dowd, weil Sie uns in dem unberechtigten Verdacht hatten, daß wir . . .«

»Na, mein lieber Chelmesford, so ganz unbegründet war der Verdacht nicht.«

»Ein Irrtum von Ihnen, Chelmesford. Wir haben unsern Wagen nicht nach Detroit geschickt. Es ist uns rätselhaft, was der da zu suchen hatte.«

»Für uns aber nicht, Dowd. Ihre Leute haben hier in unserm Werk ganz gehörig gestohlen . . .«

»Begreife ich nicht, Chelmesford, dazu hatten sie von uns keinen Auftrag.«

»Ist mir egal, Dowd. Viel Freude werden Ihre Banditen an der Beute nicht haben, das Zeug ist höllisch explosiv. Vielleicht sind sie damit schon irgendwo unterwegs in die Luft geflogen; nur um Clayton würde es mir leid tun, wenn er die Himmelfahrt mitgemacht hat.«

Wieder ging in Salisbury ein Raunen zwischen Spinner und Dowd hin und her. Der Nachrichtenchef wußte etwas von den Absichten Dr. Wandels, den gefährlichen Stoff in Detroit unschädlich zu machen.

»Hören Sie noch, Dowd?« fragte Chelmesford ungeduldig.

»Jawohl, Mr. Chelmesford. Ich glaube jetzt eine Erklärung zu haben. Doktor Wandel ist in Ihr Werk gekommen, um Sie von dem Explosivstoff zu befreien . . .«

Chelmesford griff sich an den Kopf. Dunkel kam ihm die Erinnerung, daß ja Smith etwas Ähnliches gefunkt hatte. Um Sein oder Nichtsein der United sollte es gehen. Damals hatte er das Blatt achtlos beiseitegeschoben, jetzt kam ihm der Satz wieder ins Gedächtnis.

»Ihre Erklärung ist vielleicht richtig, Mr. Dowd«, antwortete er in einem Ton, der sich erheblich von seiner früheren Schroffheit unterschied. »Scheußlich, wenn sie dabei verunglückt wären.«

»Wir wollen's nicht hoffen, Chelmesford. Im Augenblick können wir nichts anderes tun als auf ein Lebenszeichen warten.«

»Es bleibt uns nichts anderes übrig«, bestätigte Chelmesford die Meinung des Chief Manager der Company.

»Ich werde Sie wieder anrufen, Mr. Chelmesford, sowie ich etwas höre; ich bitte um Ihren Anruf, sobald Sie etwas erfahren«, beendete Dowd das lange Gespräch.

*

»Nicht mehr viel Treibstoff im Tank, Doktor«, sagte Schillinger nach einem Blick auf die Benzinuhr.

»Reicht's noch bis Danville, Schillinger?«

»Bis dahin kommen wir bequem. Sind ja höchstens noch zehn Minuten, Doktor.«

»Gut, dann wollen wir auf dem Flugplatz von Danville landen. Sie können da Treibstoff nehmen und zum Saint-Clair-See zurückfliegen.«

»Ich denke, Sie wollen nach Salisbury?« sagte Schillinger etwas verwundert. »Ich bin gern bereit, Sie dorthin zu bringen.«

»Nicht nötig, mein lieber Schillinger, ich will Ihre Gefälligkeit nicht zu sehr in Anspruch nehmen. Fliegen Sie nur ruhig zurück. Ich habe in Danville eine andere Gelegenheit weiterzukommen. Übrigens . . .« er sah zur Seite nach dem andern Sessel, in dem Clayton schlummerte, »ich bitte Sie, über das, was wir heute früh über dem Eriesee erlebt haben, nicht weiter zu reden. Je weniger davon gesprochen wird, um so besser ist es.«

»Schade, Doktor!« Schillinger lachte und ließ seine Zähne blitzen. »Mit Ihnen ist es immer die alte Sache. Man erlebt interessante Abenteuer in Ihrer Gesellschaft und soll nachher den Mund halten. So war's bei dem nächtlichen Versuch in der United, und jetzt wird's wieder so.«

»Hilft nichts, mein lieber Schillinger. Es ist auch zu Ihrem eigenen Besten, wenn Sie schweigen.«

Schillinger kam nicht zum Antworten, denn es war inzwischen Zeit geworden, die Landung vorzubereiten. Er stellte den Motor ab, und im Gleitflug ging die Maschine nach unten. Angenehm beruhigend war die plötzliche Stille nach dem Motorlärm, aber auf Clayton hatte sie eine andere Wirkung. Sein Atem wurde unregelmäßig, er machte ein paar Bewegungen und öffnete schließlich die Augen.

»Was ist? Wo sind wir?« brachte er noch schlaftrunken hervor, als das Flugzeug auf dem Boden aufsetzte und ausrollte.

»Sie haben einen gesunden Schlaf, Mr. Clayton. Wir sind in Danville.«

»Danville? . . .« Clayton rieb sich die Augen. »Wie kommen wir nach Danville, Doktor Wandel?«

»Es liegt mir bequem auf dem Wege nach Salisbury. Ich will von hier aus nach Südosten weiterfahren. Freund Schillinger wird tanken und zum Saint-Clair-See zurückfliegen. Wenn Sie es wünschen, nimmt er Sie mit.«

»Aber mit größtem Vergnügen, Mr. Clayton«, versicherte Schillinger. »In gut zwei Stunden sind wir da. Ich lasse Sie dann in meinem Wagen gleich zum Werk bringen. Das ist wohl das einfachste und nächstliegende.«

»Doch nicht ganz, Mr. Schillinger. Das Nächstliegende ist, daß wir alle drei hier mal erst ordentlich frühstücken. Ich habe mir die Nacht um die Ohren geschlagen und habe gehörigen Appetit.«

Noch während er sprach, öffnete der Doktor die Tür und kletterte über die Schwinge auf den Boden. Die beiden andern folgten ihm und reckten und dehnten ihre vom langen Sitzen steif gewordenen Glieder.

»Ich gehe mit Mr. Clayton immer voraus ins Restaurant«, sagte der Doktor. »Besorgen Sie Ihre Tankerei und kommen Sie dann nach.«

Damit griff er Clayton unter den Arm und zog ihn mit sich fort.

»All right, Doktor! Bestellen Sie ein ordentliches Steak für mich«, rief ihm Schillinger nach und ging auf die Suche nach einem Tankwagen.

In den frühen Morgenstunden war das Flugplatzrestaurant noch fast unbesucht, und Dr. Wandel fand ohne Mühe einen Tisch, an dem er ungestört mit dem Direktor plaudern konnte.

»Hören Sie, Mr. Clayton«, sagte er, nachdem die Bestellungen erledigt waren, »es trifft sich gut, daß wir ein Viertelstündchen für uns haben. Wir wollen die Zeit benutzen, um die Bilanz in Sachen United contra Company zu ziehen.«

»Ich habe sie bereits gezogen, Herr Doktor Wandel«, erwiderte Clayton. »Einen schweren Fehler haben wir begangen, als wir auf Professor Melton hörten und Sie gehen ließen. Auch Mr. Chelmesford sieht das heute ein. Sie müssen wieder zu uns kommen, Doktor . . . Ich bin bevollmächtigt, Ihnen jeden Vertrag zu bieten, den Sie wünschen. Die United garantiert Ihnen ein völlig ungehindertes Arbeiten und stellt Ihnen die Mittel dafür in unbegrenzter Höhe zur Verfügung . . .«

Eine Weile hörte der Doktor ruhig mit an, wie sich Clayton in verlockenden Vorschlägen überbot, dann stellte er unvermittelt eine Frage, die gar keinen Zusammenhang mit dem Gesprächsthema zu haben schien.

»Wissen Sie, Mr. Clayton, wie die Alten die Fortuna, die Göttin der glücklichen Gelegenheit, darzustellen pflegten?«

»Keine Ahnung, Doktor«, sagte Clayton, zu dessen starken Seiten antike Kunstgeschichte nicht gehörte.

»Ich will es Ihnen sagen, Clayton. Nach vorn hin trug diese Göttin volles Lockenhaar, aber ihr Hinterkopf war ratzekahl geschoren.«

»Muß riesig komisch ausgesehen haben«, warf Clayton ein, der nicht merkte, wohinaus der Doktor wollte.

»Mag schon sein, Mr. Clayton, aber es liegt ein tiefer Sinn in dieser Darstellung. In dem Augenblick, in dem einem die glückliche Gelegenheit begegnete, mußte man sie bei der Stirnlocke packen und festhalten. Im nächsten Moment war es schon zu spät. Da bot das kahle Hinterhaupt der greifenden Hand keinen Halt mehr. Haben Sie mich verstanden, Mr. Clayton?«

»Ich will nicht hoffen, Herr Doktor«, begann Clayton stockend, »daß Sie damit auf Ihre Stellung zur United anspielen. Fehler kommen überall vor, aber die meisten lassen sich wiedergutmachen.«

»Die meisten? . . . Vielleicht, Clayton. Aber doch nicht alle. In unserm Falle ist es zu spät dafür. Die Aufgaben, die ich in Ihrem Auftrage und für Sie lösen wollte, habe ich nun für die Company gelöst.«

»Sagen Sie das nicht, Doktor Wandel, lassen Sie diese Worte ungesprochen sein, ich bitte Sie darum«, Clayton stieß die Sätze erregt heraus. »Die United braucht Sie, Doktor. Die United rechnet auf Sie. Die United verspricht, jeden Ihrer Wünsche zu erfüllen. Bei uns und für uns müssen Sie das große Problem lösen, für das ich Sie schon einmal gewonnen hatte.«

»Es ist zu spät, Clayton. Diesmal hat die United das Spiel verloren. Das ist die Bilanz, die gezogen werden muß. Mit ihr müssen Sie rechnen, wenn Sie nun Entschlüsse fassen und mit Salisbury verhandeln wollen.«

»Wir werden nicht verhandeln, Doktor.«

Dr. Wandel blieb unbewegt. »Ich mache Ihnen einen Vorschlag«, meinte er gelassen. »Kommen Sie jetzt mit mir nach Salisbury. Ich will Ihnen rückhaltlos alles zeigen, was dort während der letzten Wochen geschaffen wurde. Es wird Sie am ehesten davon überzeugen, daß ein Kampf zwecklos ist.«

Clayton sah ihn ungläubig an. »Sie wollen die Geheimnisse der Company der Konkurrenz zeigen?« fragte er zweifelnd. »Ich fürchte, Doktor Wandel, die Herren Dowd und Alden werden damit wenig einverstanden sein.«

»Es sind keine Geheimnisse mehr, Mr. Clayton. Die Schutzansprüche der Company sind in Washington angemeldet. Sie können nicht nur unsere Anlagen, sondern auch unsere Patentschriften sehen.«

Clayton schwieg und überlegte. Sollte er die Einladung des Doktors annehmen? War es nicht sogar seine Pflicht, sich von dem Stand der Dinge bei der Konkurrenz zu unterrichten, wenn sich die Gelegenheit so günstig bot?

»Angenommen, Herr Doktor«, Clayton warf die letzten Bedenken über Bord. »Ich werde Sie begleiten. Wenn Sie Nackenschläge davon haben, ist es Ihre eigene Schuld.«

»Darum keine Sorgen, Mr. Clayton. Dowd und Alden sind mit allem einverstanden, was ich für richtig halte. Das ist der Unterschied zwischen Detroit und Salisbury.«

Clayton machte ein Gesicht, als ob er etwas Bitteres verschluckt hätte; er suchte noch nach einer Entgegnung, als Schillinger in den Raum kam.

»Ihr Steak ist bestellt, es kann gleich serviert werden«, empfing ihn Dr. Wandel. »Mr. Clayton hat sich übrigens anders besonnen, er wird nicht mit Ihnen zurückfliegen, sondern mit mir weiterfahren.«

»Vermutlich in dem blauen Rennwagen, in dem Sie zum Saint-Clair-See kamen?« meinte Schillinger. »Vor fünf Minuten ist er angekommen. Eine tüchtige Leistung. Nur eine Stunde mehr als das Flugzeug hat er gebraucht. Meine Hochachtung, die Kerls können fahren.«

»Hundertvierzig Pferde sind hundertvierzig Pferde, mein lieber Schillinger, die schaffen schon etwas. Aber wir haben noch einen weiten Weg vor uns, entschuldigen Sie, wenn wir Sie allein frühstücken lassen. Die Zeit drängt.«

Zusammen mit Clayton verließ Dr. Wandel den Raum. Kopfschüttelnd sah Schillinger ihnen nach. – –

In der zweiten Post fand Chelmesford einen Brief, der aus New Haven datiert war. Das Schreiben kam von Professor Melton. Er teilte darin mit, daß er es nach den bedauerlichen Vorfällen der letzten Wochen ablehnen müsse, seine Stellung bei der United weiter zu versehen.

»Es hat ihn noch niemand darum gebeten«, knurrte Chelmesford vor sich hin. Verdrießlich las er den Brief weiter.

»Ich habe es vorgezogen«, schrieb Melton, »eine Professur für angewandte Chemie an der Yale-Universität anzunehmen, die meine Leistungen besser zu schätzen weiß als die United . . .

Die Lizenzen für die Ausbeutung meiner Erfindungen durch Ihren Konzern wollen Sie von jetzt an auf mein Konto bei der Saving Bank in New Haven überweisen . . .«

Der Präsident versah den Brief mit einer Randbemerkung für die Finanzabteilung und legte ihn in die Postmappe. Dann griff er wieder zum Telephon und fragte bei der Sicherheitsabteilung an, ob White festgenommen worden sei. Wütend knallte er den Hörer auf den Apparat, als er das negative Ergebnis erfuhr. – –

Bowser hatte mit seinen Freunden auf dem Flugplatz und dem Bahnhof gesprochen, und sie hatten ihm zugesagt, den Verdächtigen festzunehmen. Aber Tom White ließ sich weder auf dem Flugplatz noch auf dem Bahnhof sehen. Nicht ohne Grund hielt er beide Orte für Gefahrenpunkte erster Ordnung und hielt es für klüger, sie zu meiden.

Als er den Pförtner glücklich passiert hatte und das Werk ein Stück hinter ihm lag, war es das erste, daß er sich einen Hut und Mantel kaufte. Die Stücke, die er erstand, waren keineswegs neu. Obwohl seine Brieftasche gut gefüllt war, suchte er für seinen Kauf einen Second-hand Shop, einen besseren Trödelladen, auf.

Der Mann, der aus dem Laden nach einiger Zeit wieder auf die Straße trat, erinnerte in keiner Weise mehr an einen besseren Angestellten der United Chemical. Viel eher konnte man ihn seinem abgerissenen Äußeren nach für einen der Allzuvielen halten, die sich in den amerikanischen Millionenstädten umhertreiben, bis sie enttäuscht und zermürbt der Stadt den Rücken kehren und wieder aufs Land hinauswandern.

Tom White in seiner neuen Aufmachung schien dies Stadium erreicht zu haben. Gemächlich schlenderte er durch weniger belebte Seitenstraßen in südlicher Richtung weiter, machte bei jedem Polizeiposten ein geschicktes Umgehungsmanöver und kam schließlich auf die große Landstraße, die von Detroit über Toledo nach Cincinnati führt. Ein paar Kilometer marschierte er auf ihr noch weiter, dann machte er sich's nach Landstreicherart im Chausseegraben bequem und harrte der Dinge, die da kommen sollten.

Der Platz war nicht ungeschickt gewählt. Nach beiden Richtungen konnte White die Straße weithin überblicken, und wenn etwas Unerwünschtes daherkam, war's für ihn ein leichtes, sich hinter einer dichten Feldhecke unsichtbar zu machen. Etwa ein Stündchen mochte er da gelegen haben, als im Norden auf der Straße eine Staubwolke sichtbar wurde.

Für White war sie Veranlassung, nach seiner Brieftasche zu greifen, eine Zehndollarnote herauszuziehen und zwischen zwei Finger zu nehmen.

Ein paar Minuten noch, dann kam es herangeprasselt. Ein mammuthafter Lastkraftwagen mit einem kaum minder gewaltigen Anhänger. White sprang aus dem Graben. Auf die Gefahr hin, unter die Räder zu kommen, stellte er sich mitten auf die Straße, schwenkte seine Banknote und brüllte dem Chauffeur etwas zu. Ob der ihn bei dem Lärm verstanden hatte, war fraglich, den Zehndollarschein aber bemerkte er und zog die Bremsen. Nur wenige Worte wurden gewechselt. Der Geldschein wanderte in die Tasche des Fahrers, Tom White kletterte auf den Anhänger und kroch unter die Plane. Schon ratterte der Lastzug in Richtung auf Cincinnati weiter. Zur selben Zeit etwa, zu der in Detroit Leute von der Werkwache der United sorgsam jeden Reisenden musterten, der einen Eisenbahnwagen oder ein Flugzeug besteigen wollte. – –

Die Sirenen der United heulten zu Mittag. Chelmesford blieb im Werk und nahm dort einen kurzen Imbiß, um möglichst bald wieder an seine Arbeit zu kommen. Direktor Clayton fehlte ihm an allen Ecken und Enden. Wohl oder übel mußte er heute dessen Arbeit mit übernehmen, und seine Laune war alles andere eher als gut, als gegen drei Uhr nachmittags sein Fernsprecher sich meldete.

»Ferngespräch aus Salisbury«, meldete die Zentrale.

Ah! Das konnte nur Dowd sein. Hatte er endlich etwas über den Verbleib Claytons erfahren, und rief er deswegen an? Da war auch schon die Stimme von Dowd im Apparat.

»Hallo, Chelmesford! Ihr vermißter Direktor hat sich glücklich wieder angefunden . . .«

»Wo steckt er? Wo haben Sie ihn entdeckt?« fragte Chelmesford atemlos.

»Einen Augenblick, Mr. Chelmesford. Sie können ihn gleich selber sprechen. Er sitzt hier neben mir.«

Hätte der Blitz neben dem Präsidenten der United eingeschlagen, so wäre die Wirkung kaum größer gewesen.

»Was? Wie . . . Clayton bei Ihnen?« Den Hörer in der Hand, war Chelmesford unwillkürlich aufgesprungen. Mit einer matten Gebärde ließ er sich wieder in den Sessel fallen, als er die Stimme Claytons im Apparat vernahm.

»Hallo, Chelmesford! Hier Clayton . . . Ja, Sie haben recht gehört. Ich bin hier bei Mr. Dowd in Salisbury . . . Wie ich dahin gekommen bin? . . . Was ich da zu suchen habe? . . . Ja, das ist eine lange Geschichte, Mr. Chelmesford, viel zu lang, um sie Ihnen durchs Telephon zu erzählen. Das müssen wir von Mund zu Mund durchsprechen. Jetzt kann ich Ihnen nur sagen, daß es sich um Dinge handelt, die für die United von größter Wichtigkeit sind. Ich habe mir ein gutes Flugzeug bestellt. Wenn es klappt, kann ich noch vor Werkschluß bei Ihnen sein.«

Chelmesford wollte noch etwas wissen, wollte fragen, Clayton wehrte ab.

»Keine Zeit jetzt mehr, Mr. Chelmesford. Ich muß zum Flugplatz, der Pilot wartet. Heute abend wollen wir in Detroit alles besprechen.«

*


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