Hans Dominik
Atomgewicht 500
Hans Dominik

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»Kommen Sie mit in den Garten, Doktor«, begrüßte Joe Schillinger seinen Freund, »das Wetter ist heut prachtvoll. Wir wollen draußen zusammen Kaffee trinken.«

Das Landhaus Schillingers lag neben dem Werk am Saint-Clair-See, und der Garten dahinter erstreckte sich bis an das Seeufer.

Es war ein lauschiges Plätzchen, zu dem er den Doktor führte. Nach Norden hin hatten sie einen Ausblick auf eine bewaldete Hügelkette, vor ihnen dehnte sich die weite Wasserfläche.

Interessiert hörte Joe Schillinger an, was ihm Dr. Wandel über die Ereignisse der letzten Tage erzählte, aber er zog die Brauen hoch, als er die letzte Neuigkeit erfuhr.

»Oh, Doktor, das tut mir leid um Sie«, meinte er besorgt, »es war doch ein feiner Job bei der United. Warum haben Sie sich die Stellung nicht gehalten?«

»Weil es nicht weiter ging, mein lieber Schillinger. Sie waren ja neulich selber mit dabei. Ist das noch ein haltbarer Zustand, wenn man seine Versuche heimlich bei Nacht und Nebel wie ein Dieb machen muß?«

»War nicht schön, Doktor. Ich will's Ihnen zugeben, aber Sie haben damals Erfolg gehabt. Danach hätte doch alles gut werden müssen . . .«

»Sie unterschätzen die Niedertracht Ihrer lieben Mitmenschen. Zur Zeit spielt sich bei der United etwas ab, ich weiß nicht, ob ich's ein Trauerspiel oder eine Posse nennen soll. Jedenfalls habe ich keine Lust, dabei mitzuwirken. Ich ziehe es vor, mir die Dinge mal von draußen anzusehen.«

Schillinger schüttelte den Kopf. »Draußen sind heut viele in den Staaten, mein lieber Doktor, die brennend gern einen Job hätten. Haben Sie wenigstens was anderes in Aussicht? Sie erwähnten früher mal Verhandlungen mit der Dupont Company.«

Dr. Wandel zog ein Schriftstück hervor. »Bitte sehr, Mr. Schillinger, Sie dürfen den Vertrag lesen, den die Dupont-Leute mir bieten. Es hängt nur von mir ab, ob ich ihn annehmen will.«

Schillinger griff danach und begann ihn durchzulesen. Mit jeder Seite, die er las, wurde er vergnügter.

»Großartig ist das! Ganz famos haben Sie das gemacht, Doktor«, sagte er, als er damit zu Ende war. »Sie passen in die Staaten.«

»Das ist noch nicht so ganz 'raus, mein lieber Schillinger«, meinte Dr. Wandel nachdenklich. »Der Vertrag da . . .« er deutete auf das Schriftstück in Schillingers Hand, »liest sich ganz gut, aber für mich hat er doch einige Schönheitsfehler.«

Schillinger las den Vertrag noch einmal durch und warf ihn auf den Tisch.

»Ich kann nichts Bedenkliches oder gar für Sie Nachteiliges finden, Doktor. Die Company will Sie sofort mit einem sehr anständigen Gehalt einstellen und sichert Ihnen einen hohen Anteil an den wirtschaftlichen Erträgnissen Ihrer Entdeckungen zu. Was wollen Sie noch mehr?«

»Dasselbe, was ich bei der United hatte, Mr. Schillinger. Alle Patente, die auf meine Entdeckungen genommen werden, sollen mir gehören.«

Schillinger schüttelte den Kopf. »Ich fürchte, mein lieber Doktor, das werden Sie bei der Company nicht durchsetzen.«

»Ich werde es bei der Company auch durchsetzen oder auf den Vertrag verzichten, Mr. Schillinger. Die Welt ist groß genug.«

Joe Schillinger griff nach seiner Kaffeetasse. Als er sie wieder absetzte, fragte er unvermittelt:

»Erinnern Sie sich noch unserer ersten Unterredung, Doktor, als Sie vor einem guten halben Jahr nach Detroit kamen? In großen Umrissen sprachen Sie mir von Ihren Absichten. Ich fragte Sie, weshalb Sie es nicht lieber versuchten, Ihre Pläne in Deutschland zu verwirklichen. Sie wichen meiner Frage damals aus, heute möchte ich sie wiederholen.«

»Und ich, mein lieber Schillinger, will versuchen, Ihnen darauf so gut zu antworten, wie es mir heut möglich ist. Der Autoklav, den Sie bei der United gesehen haben, ist erst ein bescheidener Anfang . . .«

»Na, ich danke, Doktor!« unterbrach ihn Schillinger. »Das stählerne Ungeheuer . . . an dreihundert Tonnen hatte der Apparat wohl . . . das nennen Sie bescheiden?«

»Bescheiden klein und kümmerlich im Vergleich zu dem, was noch kommen muß, mein Lieber. Was sind vierzigtausend Grad Wärme und hunderttausend Atmosphären gegenüber den Verhältnissen, unter denen sich die Materie im Innern der Sonne befindet. Verzehnfachen . . . vielleicht verhundertfachen muß ich die Werte, wenn ich mein Ziel erreichen will.«

»Sie schweifen ab, Doktor«, unterbrach ihn Schillinger, »warum machen Sie das alles nicht in Deutschland?«

»Ihre Frage ist schnell beantwortet, Mr. Schillinger. Weil ich die großen für meine Versuche erforderlichen Mittel in Deutschland viel schwerer auftreiben könnte als hier in den Staaten. Es dreht sich dabei um Dollarmillionen. Die amerikanische Industrie ist eher in der Lage, solche Summen für Versuche aufzubringen als die deutsche. Das ist der einfache Grund dafür, daß ich meine praktischen Arbeiten hier in den Staaten begonnen habe und nicht in der Heimat.«

Ein Schein des Verständnisses lief über Schillingers Züge, ging in ein Lächeln und schließlich in ein behagliches Lachen über.

»Doktor! Doktor!« rief er und schlug mit der Hand auf den Tisch. »Das ist ja köstlich! Unsere Industrie soll das hohe Lehrgeld für Sie zahlen, und hinterher dampfen Sie mit Ihren Entdeckungen einfach ab.«

Während Schillinger sprach, blickte ihn Dr. Wandel ernst an, und schroff fuhr seine Antwort in dessen Lachen:

»Sie irren sich, Mr. Schillinger. Ich bin kein Betrüger! Ihre Industrie soll einen vollen Anteil an meinen Entdeckungen haben. Sie wird ihre Auslagen hundertfach wieder hereinbekommen. Nur mein gutes Recht lasse ich mir nicht nehmen. Fair play für beide Teile. Danach werde ich handeln.«

»Aber die United, Doktor Wandel?« wollte Schillinger einwenden. »Wie sind Sie mit der auseinandergekommen?«

»Die eigene Schuld der Leute, Mr. Schillinger. Wer ein faules Spiel mit mir versucht, muß die Folgen tragen.«

Auch Schillingers Miene wurde ernst, während er weitersprach. »Die United hat einen langen Arm, Doktor. Wenn sie Ihnen übelwill, wird sie Sie zu erreichen wissen, wo immer in den Staaten Sie sich auch aufhalten mögen. Davor würde Sie auch die Dupont Company nicht schützen können.«

Dr. Wandel lehnte sich in seinen Stuhl zurück und griff nach einer Zigarette. »Ihre Andeutungen interessieren mich, Mr. Schillinger«, sagte er zwischen zwei Rauchwolken. »Würden Sie die Liebenswürdigkeit haben, sich etwas genauer zu erklären?«

»Was ist da viel zu erklären, Doktor? Daß die United Chemical die . . . sagen wir mal, schärfsten Rechtsanwälte in ihren Diensten hat, wissen Sie wohl selber.«

Der Doktor nickte. »Das ist mir nicht unbekannt, aber ich denke, ich brauche sie nicht zu fürchten.«

Schillinger zuckte die Achseln. »Bei euch in Deutschland vielleicht. Bei uns in den Staaten denkt man anders darüber. Wir kennen die Methoden unserer großen Konzerne. Doch wozu reden wir überhaupt über diese Dinge? Bei Ihnen liegt die Sache ja, Gott sei Dank, sehr harmlos. Professor Melton hat die Erfindung gemacht, die eigentlich Sie machen sollten. Danach hat's einen Krach gegeben, und die United hat Ihnen den Stuhl vor die Tür gesetzt. So ist es doch gewesen, Doktor Wandel, wenn ich Sie recht verstanden habe?«

Der Doktor ließ sich Zeit, bevor er antwortete.

»Ganz recht, Mr. Schillinger. So ist es gewesen . . . Jetzt möchte ich nach Detroit zurückkehren und alles für meine Fahrt nach Salisbury vorbereiten.«

Schillinger schüttelte ihm zum Abschied die Hand.

»Recht so, Doktor. Frische Fische, gute Fische. Machen Sie einen verständigen Kontrakt mit den Dupont-Leuten und lassen Sie mich bald wissen, wie die Sache ausgelaufen ist.« –

Der junge Werkchauffeur, der Dr. Wandel in die Stadt zurückbrachte, wunderte sich über die Schweigsamkeit seines Fahrgastes.

Vergeblich versuchte er ein Gespräch mit ihm anzufangen. In sich gekehrt saß der Doktor im Wagen, allzusehr beschäftigte ihn das Gehörte.

An einen wirklichen Erfolg Meltons vermochte er nicht zu glauben. Nur noch um Tage konnte es sich nach seiner Meinung handeln, dann mußte das Kartenhaus dieses Professors in sich zusammenfallen . . . und dann? . . . Wenn die United danach doch zu dem Entschluß kam, auf ihn zurückzugreifen? . . . Er bereute es jetzt, daß er in der Erregung Clayton gegenüber von seinen Arbeiten mit dem neuen Apparat gesprochen hatte Der Direktor brauchte dieser Spur nur nachzugehen, der biedere MacGan nur eine unvorsichtige Äußerung fallen zu lassen, und das Unglück war da.

Unablässig beschäftigten sich seine Gedanken mit dieser Möglichkeit. – –

Am folgenden Tage, als er die Reise nach Salisbury antrat und der Zug ihn durch die Fluren von Virginien und die Berge von Kentucky zur atlantischen Küste trug, gelang es ihm, den Druck abzuschütteln. Er war entschlossen, auf dem Wege weiterzugehen, den er sich vorgezeichnet hatte.

*

Elf Tage waren verflossen, seitdem Dr. Wandel nach Salisbury gefahren war. In dem Detroiter Werk der United Chemical gingen die Dinge ihren alten Gang weiter. Jeden zweiten oder dritten Tag setzte Melton, von Phil Wilkin assistiert, einen neuen Versuch an, und stets fand sich zum Schluß ein wenig von dem strahlenden Stoff in der Stahlkugel.

Aber der Professor wurde nicht recht froh darüber, denn die letzten Male war die Ausbeute zusehends geringer geworden, obwohl er sich immer noch peinlich genau an die Bedingungen seines ersten Versuches hielt.

Vergeblich hatte er mit Wilkin hinter verschlossenen Türen stundenlange Beratungen, um die Ursachen dafür zu ergründen. Vergeblich begann er auf den Rat seines Assistenten die Bedingungen ein wenig zu verändern, immer spärlicher bildeten sich dabei die strahlenden Kristalle in dem Autoklav. Der einzige Mann im Werk, der ihm wohl Auskunft hätte geben können, Tom White, hatte triftige Gründe zu schweigen.

Mit Besorgnis sah White, daß die Kristallmenge, die er bei seinem letzten Aufenthalt in Dr. Wandels Zimmer mitgehen ließ, während dieser letzten elf Tage doch verhältnismäßig schnell abnahm. Notgedrungen mußte er seinen Vorrat strecken, wenn er sein altes Spiel weitertreiben und Melton noch eine Weile länger nasführen wollte. So kam es, daß die Mengen des strahlenden Stoffes, die er vor jedem Versuch in den Autoklav hineinschmuggelte, immer kleiner wurden und daß der Professor immer geringere Ausbeute feststellen mußte.

Sorgfältig hielt Melton alle Kristalle, die er bisher auf diese Weise erhalten hatte, in seinem Laboratorium unter Verschluß. Dort lagen sie in einer schweren Bleibüchse, die ständig von einem Wasserstrom gekühlt wurde. Er hatte keine Ahnung, daß Tom White an einer anderen Stelle des Werkes eine ähnliche Büchse verborgen hielt, mit deren Inhalt er ihn noch über die nächsten Wochen am Narrenseil führen wollte.

Ein drittes, sehr viel kleineres Büchschen stand schließlich noch auf dem Schreibtisch von Direktor Clayton. Es enthielt nur eine winzige Probe des neuen kostbaren Stoffes, kaum viel größer als ein starker Stecknadelkopf. So war eine Wasserkühlung hier nicht erforderlich, obwohl auch diese winzige Menge hinreichte, um den Bleibehälter recht fühlbar zu erwärmen.

Direktor Clayton war stolz auf dieses Stück. Selten nur unterließ er es, wenn Besucher bei ihm waren, den kleinen Kristall mit einer Glaspinzette herauszunehmen und dem einen oder anderen Neugierigen elektrische Schläge damit zu versetzen. – –

Es war um die zehnte Vormittagsstunde des zwölften Tages. Clayton saß an seinem Schreibtisch, hatte ein Aktenstück vor sich und arbeitete darin. Halb unbewußt sog er ein paarmal schärfer die Luft ein, weil er irgendeinen fremdartigen Geruch zu spüren glaubte, doch er war zu sehr in seine Tätigkeit versunken, um weiter darauf zu achten. Jetzt aber ließ er die Feder doch sinken, weil ihm ein scharfer Brandgeruch in die Nase stieg. Er blickte auf und sah, daß Qualm von der Stelle aufstieg, wo die kleine Büchse stand. Rings um die Büchse herum kräuselte sich die Lackpolitur der Tischplatte in Blasen, war das Holz bereits zum Teil verkohlt.

Er lief zum Nebentisch und griff nach einer gefüllten Wasserkaraffe. Eilte damit zurück, um das Wasser über die Brandstelle auszugießen, doch bevor er sie erreichte, ging das Verhängnis schon weiter. Die Büchse verlor plötzlich ihre Form. Geschmolzen floß das Blei auseinander und breitete sich auf der Tischplatte aus. Im nächsten Augenblick stand der Tisch in hellen Flammen. Es war vergeblich, daß er den Inhalt der Karaffe darüber ausgoß. Nichts anderes blieb ihm mehr übrig, als auf den Korridor zu stürzen und Feueralarm zu geben. – –

Mr. Dowd, der General Manager der Dupont Company, war zähe, aber Dr. Wandel war noch zäher. Er setzte seinen Vertrag mit der Company so durch, wie er ihn haben wollte, und sobald die Unterschriften unter dem Abkommen standen, begannen seine Besprechungen mit Robert Slawter.

Um ganz neue, völlig unbekannte Stoffe handelte es sich dabei, um Erscheinungsformen der Materie, die eines Menschen Auge noch niemals erblickt hatte, die auf der Erde überhaupt nicht vorkamen. Mit schwindelndem Kopf versuchte Slawter den Ausführungen des Doktors zu folgen und sah aus dessen Feder endlose Formeln auf das Papier fließen. Und wenn er es eben als hoffnungslos aufgeben wollte, den verwickelten Ableitungen noch weiter zu folgen, dann gab es plötzlich eine knappe, kurze Berechnung, und mit einer fast nachtwandlerischen Sicherheit schrieb der Doktor die Drücke und Temperaturen nieder, bei denen dieser oder jener Stoff sich bilden mußte. – –

Nur langsam gewöhnte sich Robert Slawter im Laufe der nächsten Tage an die außergewöhnlichen Zahlen und Verhältnisse, mit denen Dr. Wandel operierte. Dann aber kam die Reihe zu erstaunen an den Doktor. Im Eifer des Gesprächs kam Slawter wieder auf jenen nächtlichen Versuch in Detroit und den Erfolg, der dabei erreicht worden war, zu sprechen, und jetzt ließ Dr. Wandel nicht locker.

Wort für Wort preßte er aus Slawter alles heraus, was der wußte, und erfuhr schließlich auch, daß Slawter einen strahlenden Kristall von jenem Versuch her im Besitz habe.

»Ich wäre schon glücklich, Herr Doktor«, versuchte Slawter dem Gespräch eine andere Wendung zu geben, »wenn es uns nur gelänge, bei uns hier das gleiche zu erreichen. Es ist ein vollwertiger Radiumersatz. Es wäre ein Millionengeschäft für unsern Konzern.«

Dr. Wandel schüttelte den Kopf. »Das ist es eben leider nicht, mein Lieber. Ich fürchte, wir werden mit den wenigen Proben, die wir davon haben, sehr bald unliebsame Überraschungen erleben. Wo bewahren Sie den Kristall auf?«

Erst nach längerem Zögern öffnete Slawter die Tür zum Nebenraum und deutete auf eine kleine Bleibüchse, die dort in einem Spülbecken unter einem rauschenden Wasserstrom stand. Sie enthielt den einzigen Kristall, den Tom White bei dem nächtlichen Experiment in Detroit gefunden und in Slawters Auftrag nach Salisbury gebracht hatte.

»Was verstehen Sie unter unliebsamen Überraschungen?« fragte Slawter unsicher.

Dr. Wandel warf wieder eine seiner mathematischen Entwicklungen auf das Papier. »Hier haben Sie die Formel für die Zerfallskurve des neuen Stoffes in Abhängigkeit von der Zeit. Sie sehen . . .« er setzte Zeitangaben in die Formel und machte ein paar Stichproben. »Sie sehen, Mr. Slawter, daß der Zerfall intensiv heftiger wird, bis es schließlich zu einer Explosion der Kristallatome kommt.«

Noch einmal überprüfte Dr. Wandel seine Formel, warf einen Blick auf die Uhr und sprang jäh auf.

»Was haben Sie, Doktor?« fragte Slawter beunruhigt.

»Noch zwölf Minuten, Mr. Slawter. Die Wärmeentwicklung wird enorm sein. Hier im Laboratorium können wir den Stoff nicht lassen. Kommen Sie schnell!«

Mit einer Zange packte der Doktor die Büchse, eilte damit ins Freie und lief über den weiten Vorhof. Slawter hatte Mühe, ihm zu folgen.

Am Ende des Hofes, wo eine Mauer ihn gegen das freie Feld abschloß, befand sich eine ziemlich hohe Halde. Sie enthielt in der Hauptsache erdige Rückstände aus der Leichtmetallfabrikation, die sich nicht weiter verwerten ließen. Dort angekommen, schleuderte Dr. Wandel das Büchschen auf den Haldenhang hinauf.

»Was machen Sie, Doktor?« keuchte Slawter, vom Laufen noch außer Atem. »Es ist die einzige Probe, die wir haben.«

Der Doktor faßte ihn am Arm und zog ihn ein gutes Stück zurück.

»Sie werden sie nicht mehr lange besitzen«, sagte er mit einem Blick auf die Uhr. »Noch etwa fünf Minuten, mein lieber Slawter, dann dürfte das Feuerwerk losgehen.« Während er das sagte, ließ er seinen Blick prüfend in die Runde gehen »Gut dreihundert Meter von hier bis zu den nächsten Werkbauten. Das dürfte genügen, die werden nicht Feuer fangen. Aber wir stehen noch zu dicht dabei. Kommen Sie, Mr. Slawter! Vorsicht ist das bessere Teil der Tapferkeit.«

Er ergriff Slawter beim Arm und zog den Widerstrebenden über die halbe Länge des Werkhofes mit sich. »So, mein Lieber, hier können wir meinetwegen stehenbleiben und die Dinge abwarten.«

»Ich begreife nicht, was Sie wollen, Doktor Wandel«, stieß Slawter unwillig heraus und wollte wieder zu der Halde zurückkehren. Rein mechanisch faßte der Doktor seinen Arm und hielt ihn zurück, ohne seine Frage zu beantworten. Er schien plötzlich in Gedanken versunken zu sein. Wie im Selbstgespräch bewegten sich seine Lippen und formten Worte.

»Wie wird Melton das überstehen? . . . Zu spät, jetzt noch zu warnen . . .« er griff wieder nach der Uhr, »noch eine Minute, dann wird's hier brennen . . . und in Detroit auch . . .«

»Lassen Sie mich endlich los, Doktor!« rief Slawter jetzt in offenem Ärger und versuchte seinen Ärmel aus der Hand des Doktors freizubekommen. »Was soll denn der . . .«

»Unsinn« wollte er sagen, stockte plötzlich und starrte zu der Halde hinüber. An der Stelle, wo Dr. Wandel das Büchschen hingeworfen hatte, flammte es plötzlich hell auf, stand einen kurzen Moment wie ein weißglühender Fleck und wurde schnell größer. Jetzt schon so groß wie ein Wagenrad, jetzt doppelt und dreimal so groß. Jetzt deckte die Glut schon den halben Haldenhang. Jetzt begannen die erdigen Massen zu fließen und in feurigen Bächen hinabzurieseln. So stark wurde der Glanz der hellen Weißglut, daß sie den Blick senken mußten; so gewaltig wurde die strahlende Hitze, die von der Brandstelle ausging, daß sie sich weiter und immer weiter zurückziehen mußten. Erst als sie den Werkbau erreichten, machten sie halt.

Robert Slawter war leichenblaß. Unfähig, ein Wort hervorzubringen, blickte er auf das Glutmeer und blieb auch stumm, als nun Werkleute, durch den Feuerschein alarmiert, aus den Hallen und Schuppen auf den Hof stürzten, als Sirenen aufheulten und die Feuerwehr der Company mit Löschgeräten anrückte.

Der Gedanke an die fürchterliche Gefahr, der er nur durch einen Zufall entronnen war, verschlug ihm die Sprache. Ein einziges Feuermeer wäre jetzt seine ganze Abteilung, wenn er nicht – gegen seinen Willen eigentlich – Dr. Wandel gegenüber das nächtliche Experiment in Detroit wieder erwähnt und von dem unheimlichen Kristall gesprochen hätte. Weder er selber noch der Doktor und wohl auch keiner von seinen Leuten hätten sich retten können, wenn dieser Atombrand im Laboratorium zum Ausbruch gekommen wäre . . .

Er schöpfte ein paarmal tief Atem und versuchte der Erstarrung Herr zu werden, in die der nachträgliche Schreck ihn versetzt hatte; nur allmählich wurde seine Brust freier. Er hörte, daß Dr. Wandel auf die Feuerwehrleute einsprach, und erfaßte auch endlich den Sinn seiner Worte.

»Stehenbleiben! Nicht weitergehen!« schrie der Doktor die Mannschaften an. »Löschen ist zwecklos! Ihr riskiert unnötig eure Haut dabei. Die Sache da drüben wird ganz von allein aufhören. Hiergeblieben, zum Donnerwetter!« Seine Stimme überschlug sich bei den letzten Worten.

Der größte Teil der Leute folgte seiner Weisung und blieb stehen, aber eine kleine Gruppe vermochte ihren Tatendrang nicht zu zügeln. Im Vertrauen auf ihre feuerfesten Asbestanzüge näherte diese Mannschaft sich der Brandstelle, rollte Schläuche aus und ließ ihre Motorspritzen angehen.

»Zurück, Leute! Deckung nehmen!« schrie der Doktor die Nächststehenden an, packte Slawter beim Arm und zog ihn mit sich in die nächste Halle. Sie sahen noch, wie sich ein halbes Dutzend armstarker Wasserstrahlen in den Glutherd ergoß, und dann sahen sie nichts mehr. In wenigen Sekunden war der ganze weite Hof in undurchdringliche Dampfschwaden gehüllt. In dem Augenblick, in dem die gewaltigen Wassermassen in die Glut fielen, verzischten und versprühten sie auch schon zu dichtem Dampf.

»Bei Gott, Doktor Wandel, was ist das?« stammelte Slawter, der endlich die Sprache wiedergefunden hatte.

»Ein höchst törichter und gefährlicher Versuch Ihrer Feuerwehr«, knurrte Dr. Wandel unwillig. »Hoffentlich sehen die Dummköpfe es bald ein und kommen glimpflich davon.«

»Aber, Doktor, warum soll unsere Wehr nicht löschen?« fragte Slawter verwirrt.

»Weil's Unsinn ist, Mr. Slawter«, erwiderte Dr. Wandel gereizt. »Der Kristall, der jetzt da drüben im Atombrand zerpufft, liefert ungefähr die gleiche Hitzemenge, wie wenn man im Zeitraum weniger Minuten fünfhundert Tonnen Steinkohle abbrennen wollte. Was soll das bißchen Wasser dabei nutzen? So was muß man sich einfach austoben lassen, bis es von selber zu Ende geht. Etwas Brennbares, das dabei Feuer fangen könnte, ist ja in der alten Halde, Gott sei Dank, nicht vorhanden . . .« Der Doktor schwieg eine kurze Weile, blickte durch die Hallenfenster ins Freie und sprach dann weiter. »Na, wie's scheint, sehen die Herrschaften schon ein, daß sie Unfug treiben, und nehmen allmählich Vernunft an.«

In der Tat wurden die Dampfschwaden jetzt lichter und verzogen sich allmählich. Es ließ sich erkennen, daß die Löschmannschaft die Pumpen abgestellt hatte und sich nach der Halle hin zurückzog; aber die Verfassung, in der die Leute hier ankamen, ließ mancherlei zu wünschen übrig. Fast jeder von ihnen hatte mehr oder weniger starke Verbrühungen durch den heißen Dampf abbekommen.

»Ist euch ganz gesund«, brummte der Doktor vor sich hin. »Warum habt ihr nicht auf mich gehört? Hätte noch viel schlimmer kommen können.«

»Sie wollen das jetzt einfach so weiterbrennen lassen, Doktor Wandel?« riß ihn eine Stimme aus seinem Selbstgespräch.

Es war Lee Dowd, der auf den Feueralarm herbeigeeilt war und die Frage an ihn richtete. Er mußte sie ein zweites Mal stellen, bevor Dr. Wandel antwortete.

»Weiterbrennen?« . . . Sie irren sich, Mr. Dowd. Es ist nichts Brennbares in der Halde vorhanden. Es stecken nur ein paar Milliarden Kalorien in den Erdmassen, die ein strahlender Stoff bei seinem plötzlichen Zerfall zurückgelassen hat. Das wird vielleicht noch einige Tage glühen und Hitze ausstrahlen und dann von selber zur Ruhe kommen.«

Lee Dowd machte eine abwehrende Bewegung. »Wie denken Sie sich das, Doktor? Es ist ausgeschlossen, daß wir die glühenden Massen hier tagelang in der Nähe unserer Werkbauten dulden können. Wenn unsere eigenen Mannschaften nicht damit fertig werden, wird uns die Stadtverwaltung die Feuerwehr von Salisbury auf den Hals schicken.«

Dr. Wandel zuckte die Achseln. »Dann kann ich Ihnen nur empfehlen, Mr. Dowd, diese unerbetene Hilfe wieder nach Hause zu schicken. Es genügt vollständig, wenn unsere Werkfeuerwehr ein paar Brandwachen aufstellt, solange das Zeug da drüben noch glüht. Ich schätze, daß der ganze Spuk in achtundvierzig Stunden zu Ende ist. Entschuldigen Sie mich jetzt, Mr. Dowd. Wir haben wichtigere Dinge zu tun. Kommen Sie, Mr. Slawter, wir wollen in Ihr Büro gehen.«

Verdutzt blickte Dowd den beiden nach, und kopfschüttelnd kehrte er in das Direktionsgebäude zurück. Wenn dieser Doktor so weiter feuerwerkt, dann kann es hier ja noch ganz lustig werden, ging es ihm durch den Kopf. Er kannte den wahren Zusammenhang der Dinge ja nicht und hielt das Ganze für ein verunglücktes Experiment Dr. Wandels.

Erst gewisse Nachrichten in den Abendzeitungen sollten ihn in dieser Meinung schwankend machen.

*


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