Hans Dominik
Atomgewicht 500
Hans Dominik

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Leicht nachhallend verklang der Glockenschlag einer großen Standuhr im Vorraum, als Dr. Wandel und Robert Slawter in das Zimmer des Chief Managers eintraten.

»Ah, die Herren sind auf die Sekunde pünktlich«, empfing sie Mr. Dowd. »Nehmen Sie bitte Platz, ich bin gespannt, was Sie mir zu melden haben.«

Bevor der Doktor sich setzte, stellte er eine Aktentasche neben sich auf den Fußboden und tupfte sich die Stirn mit dem Taschentuch.

»Ist Ihnen warm, Herr Doktor?« fragte Dowd.

»Danke, Mr. Dowd, das geht vorüber«, erwiderte der Doktor, »kommen wir zu unserm Bericht. Der Versuch hat genau das ergeben, was er nach der Theorie erbringen mußte. Rund fünfzig Kilogramm eines neuen Stoffes mit dem Atomgewicht fünfhundert . . .«

»Fünfzig Kilogramm? . . . Einen Zentner, Herr Doktor? Das muß ein tüchtiger Brocken sein. Haben Sie eine Probe davon mitgebracht?«

Der Doktor bückte sich und griff nach seiner Aktentasche. Der Chief Manager bemerkte, daß es dem Deutschen einige Mühe bereitete, sie mit beiden Armen bis zur Tischhöhe emporzuheben, und die Mahagoniplatte knackte hörbar, als er die Tasche darauf niederlegte.

»Da haben Sie das Objekt«, sagte Dr. Wandel. Dabei zog er eine apfelgroße, schwärzlich glänzende Kugel aus der Tasche und rollte sie über den Tisch zu Mr. Dowd hin. Eine Weile starrte der Chief Manager das merkwürdige Gebilde ratlos an. Dann griff er danach, wollte es aufheben und spürte, daß es mit einer Zentnerlast auf die Tischplatte drückte.

»Eigenartig, Herr Doktor! In der Tat merkwürdig! Man sieht dem Ding sein Gewicht nicht an. Jetzt verstehe ich, warum Ihnen warm war. Aber . . .« trotz aller Verwunderung kam der praktische Amerikaner in Mr. Dowd zum Durchbuch ». . . zu was ist der Stoff denn gut, Doktor?«

»Es ist gespeicherte Energie, Mr. Dowd«, antwortete ihm Dr. Wandel.

»Gespeicherte Energie? Well, Sir! So eine Art von Akkumulator. Schwer genug ist der Brocken dafür. Alle Akkumulatoren sind verdammt schwer, egal, ob's Blei oder Ihr Stoff hier ist. Ich fürchte, das wird der praktischen Verwendbarkeit hinderlich sein.«

»Dieser Energiespeicher ist enorm leicht, Mr. Dowd«, fiel ihm der Doktor ins Wort.

»Leicht, Herr Doktor?« Der Chief Manager schüttelte ungläubig den Kopf. »Merkwürdige Ansicht von Ihnen, einen Zentner nennen Sie leicht. Kann ich beim besten Willen nicht finden. Wie viele Kilowattstunden gibt der Brocken denn her?«

Dr. Wandel öffnete den Mund, um etwas zu sagen, aber Slawter hielt ihn zurück.

»Schätzen Sie mal selbst, Mr. Dowd«, wandte er sich an den Chief Manager. »Ich bin neugierig, um wieviel sie sich dabei verschätzen werden.«

Unschlüssig blickte Dowd auf den Brocken und auf Slawter. Eine Zahl lag ihm auf der Zunge. Er wollte sie nennen und scheute sich doch, sie in Gegenwart der beiden Fachleute auszusprechen, in dem unbestimmten Gefühl, sich zu blamieren.

»Bitte, schätzen Sie nur«, ermunterte ihn Slawter, »ich werde ›Mehr‹ oder ›Weniger‹ sagen, je nachdem Sie vorbeigeschätzt haben.«

Ungefähr erinnerte sich Mr. Dowd noch, daß in den Vorbesprechungen mit Slawter und Dr. Wandel sehr große Zahlen genannt worden waren. Er versuchte es aufs Geratewohl, aber er gebrauchte die Vorsicht, seine Schätzung in eine Frage zu kleiden.

»Sollte etwa eine Million Kilowattstunden in der kleinen Kugel stecken?« sagte er zögernd.

Über die Züge Dr. Wandels ging ein Lächeln. Slawter platzte los:

»Sie unterschätzen den Stoff gewaltig, Mr. Dowd.«

Dowd merkte, daß er sich bedeutend verschätzt haben mußte. »Tausend Millionen!« sagte er, um etwas zu sagen.

»Mehr, viel mehr, Mr. Dowd«, rief Slawter.

»Noch mehr als eine Milliarde Kilowattstunden? Herrgott im Himmel, dann gebe ich's auf! Sagen Sie mir schon, Doktor, wieviel Energie in dem verteufelten Brocken steckt.«

»Etwas mehr als eine Billion Kilowattstunden, Mr. Dowd. Sagen wir rund eine Billion. Die gibt das Stück her, wenn wir es mit Wasser zusammenbringen.«

Dowd sah den Brocken mit einem scheuen Blick an. »Tausend Milliarden Kilowattstunden? Kaum glaublich, Doktor. Es wäre ja schauderhaft, wenn diese Riesenenergie auf einmal frei würde . . .«

Dr. Wandel nickte. »Sie haben sehr recht, Mr. Dowd. Es empfiehlt sich dringend, den Stoff trocken aufzubewahren, wenn man nicht unliebsame Überraschungen erleben will. Mit dem Stück hier könnten Sie die Stadt Salisbury ohne Schwierigkeiten in einen Aschenhaufen verwandeln.«

»Hm, hm! Doktor, ein verdammt gefährliches Zeug! Aber . . .« Mr. Dowd kam auf seine anfängliche Frage zurück, »wozu kann man es gebrauchen?«

»Das möchte ich Ihnen praktisch vorführen, Mr. Dowd«, entgegnete ihm Dr. Wandel. »Würden Sie die Güte haben, uns zum Kesselhaus zu begleiten.«

»Mit Vergnügen, Herr Doktor.« Dowd stand auf, griff nach seinem Hut und blieb zögernd stehen, als er sah, daß der Doktor die Kugel wieder in seine Aktentasche schob.

»Es wird Ihnen zu schwer werden, Herr Doktor«, meinte er und wollte nach dem Klingelknopf greifen, »ich werde jemand kommen lassen, der Ihnen die Tasche trägt.«

»Ist nicht nötig, Mr. Dowd, wir brauchen sie vorläufig nicht. Am liebsten wäre mir's, wenn Sie sie in Ihren Safe schlössen. Dann sind wir sicher, daß nichts damit passiert.«

»Wie Sie wünschen, Herr Doktor!« Dowd zog einen Schlüsselbund aus der Tasche. Die schwere Stahltür eines in die Wand eingebauten Tresors öffnete sich und schnappte hinter der Tasche wieder ins Schloß.

»Gehen wir, meine Herren«, sagte der Chief Manager.

An der Südwestecke des ausgedehnten Werkgeländes lag das Kraftwerk, welches die Energie für die verschiedenen Abteilungen der Dupont Company lieferte. Ungefähr dreihunderttausend Pferdestärken wurden hier in mächtigen Turbo-Aggregaten erzeugt und in Form hochgespannter Elektrizität den Verbrauchsstellen zugeleitet.

»Es trifft sich günstig, Mr. Dowd«, sagte Dr. Wandel, als sie das Kesselhaus betraten, »daß gerade ein Großleistungskessel für zehntausend Pferde außer Betrieb ist. Er wurde vor drei Tagen entleert. Man hat ihn inzwischen gereinigt und wieder mit Wasser gefüllt. An ihm sollen Sie sehen, was unser Stoff leisten kann.«

Sie waren inzwischen weitergegangen und standen vor einem Riesenkessel, der sich wohl an die dreißig Meter in die Höhe reckte.

»Überzeugen Sie sich bitte, Mr. Dowd«, sagte Slawter und riß mehrere Feuertüren auf, »die Roste sind leer. Es ist kein Feuer unter dem Kessel. Fassen Sie auch an die Wandung, der Kessel ist völlig kalt.«

»All right, Slawter«, nickte Dowd, »geht in Ordnung. Bin verdammt neugierig, was jetzt kommen soll; den Stoff haben Sie doch in meinem Safe gelassen.«

»Nicht alles, Mr. Dowd. Etwas davon ist hier in der Tube.«

Dr. Wandel zog eine Glastube aus der Westentasche, ein winziges, kaum strohhalmdickes Röhrchen. Es war eine Tube des kleinsten Typs, in dem die Company Arzneimittel in Tablettenform auf den Markt brachte. Er hielt dem Chief Manager das Röhrchen hin. Der kniff die Augen zusammen, um besser sehen zu können, und nickte.

»Eine dunkle Pille steckt in dem Röhrchen. Wenn's Ihr Stoff ist, möchte ich sie nicht schlucken.«

Der Doktor konnte ein Lächeln nicht unterdrücken. »Möchte ich Ihnen auch nicht empfehlen, Mr. Dowd. Die Kalorienmenge verträgt der beste Magen nicht. Aber unserm Kessel hier wollen wir die Pille mal eingeben und zusehen, wie sie ihm bekommt. Jetzt müssen wir ein wenig klettern.«

Der Doktor ging auf eine schmale eiserne Leiter neben der Kesselwand zu und begann sie emporzusteigen. Dowd und Slawter folgten ihm.

»Es geht nicht anders, meine Herren«, sagte Dr. Wandel, als er endlich in schwindelnder Höhe haltmachte, »hier haben wir die einzige Möglichkeit, das Stückchen sicher in den Kessel und in das Wasser hineinzupraktizieren.«

Noch während er es sagte, öffnete er einen stehenden Hahn an der Kesseldecke, kippte das Röhrchen in die Hahnöffnung aus und schloß den Hahn wieder.

»Fertig, meine Herren! Wir wollen wieder hinuntersteigen und uns die Sache von unten besehen. Wir werden nicht lange zu warten brauchen.«

Die Anwesenheit Dr. Wandels und seiner Begleiter war nicht unbemerkt geblieben. Einige der Kesselwärter kannten Mr. Dowd vom Ansehen. Sie wußten, daß er der erste Mann in der Company war, und beeilten sich, seine Gegenwart weiterzumelden. Als Mr. Dowd von der letzten Stufe der eisernen Stiege wieder auf den Fußboden trat, stand Ingenieur Fletcher, der Leiter der Kesselanlage, vor ihm und fragte nach seinen Wünschen.

»Nichts von Bedeutung, Mr. Fletcher«, winkte Dowd ab. »Wir wollen hier nur einen Versuch an dem Kessel machen.«

»Der ist aber außer Betrieb, soll ich ihn anheizen lassen?« erkundigte sich der Ingenieur dienstbeflissen.

»Danke, Mr. Fletcher, nicht nötig. Uns ist der Kessel gerade so recht, wie er ist«, erwiderte Dowd.

An der Art, wie er es sagte, merkte Fletcher, daß der Chief Manager auf seine weitere Gegenwart keinen besonderen Wert legte, und zog sich zurück. Aber es interessierte ihn doch brennend, was Dowd und Slawter und der neue Doktor, über den schon allerhand Gerüchte im Werk umliefen, mit seinen Kesseln vorhatten, und von einem versteckten Winkel aus beobachtete er die folgenden Vorgänge.

Er sah, wie Dr. Wandel eine Feuertür öffnete, sah die dunkle Höhlung mit den leeren Rosten, sah, wie Dowd die Hand hineinstreckte und sie schleunigst wieder zurückzog.

»Nonsens«, brummte er vor sich hin, »was macht der Chief Manager da für ein Theater? Der Kessel ist doch kalt . . . oder . . .« eine Möglichkeit kam ihm in den Sinn . . . »sollte vielleicht ein Kesselwärter die Ringleitung geöffnet und von den andern Kesseln her heißen Frischdampf in den kalten Kessel gelassen haben?« Das wurde öfter gemacht, um schneller wieder in Betrieb zu kommen, aber man tat es doch erst, nachdem die Feuer auf den Rosten brannten. Es schien auch nicht der Fall zu sein. Soweit er von seinem Standort erkennen konnte, war das Ventil der Dampfleitung geschlossen.

Während er sich noch den Kopf darüber zerbrach, was das Ganze bedeuten könnte, sah er, wie der deutsche Doktor mit Dowd sprach und gleichzeitig auf die Meßinstrumente an der Kesselwand deutete. Er blickte auch dorthin und glaubte seinen Augen nicht trauen zu sollen. Die Manometerzeiger, die vor kurzem noch auf Null standen, wie es sich für einen kalten Kessel gehört, waren beträchtlich gestiegen. Schon zeigten sie einen Druck von fünf Atmosphären an, und während er sich noch mühte, ihren Stand genau zu erkennen, sah er, daß sie unablässig weiterkletterten . . . sieben Atmosphären, zehn Atmosphären . . . also mußte die Ringleitung doch offen sein, eine andere Erklärung für diese Erscheinung gab es nicht.

Auf die Gefahr hin, unangenehm aufzufallen, näherte sich Mr. Fletcher wieder der Gruppe vor dem Kessel. Von seinem Schlupfwinkel aus hatte er nicht hören können, was dort gesprochen wurde und daß das Gespräch sich zuletzt um seine Person drehte.

»Geheimhalten läßt sich die Sache hier im Kesselhaus natürlich nicht, Mr. Dowd. Es bleibt uns nichts anderes übrig, als Fletcher ins Vertrauen zu ziehen«, sagte Dr. Wandel gerade, als der Ingenieur auf der Bildfläche erschien. In diesem Augenblick erreichte der Dampfdruck in dem feuerlosen Kessel mit fünfunddreißig Atmosphären eben den Betriebsdruck der Anlage. Fletcher sah es und rieb sich die Augen. Dowd winkte ihm, nahe heranzukommen, und sagte:

»Wir brauchen Ihre Unterstützung bei der weiteren Durchführung des Versuchs. Bevor wir damit beginnen, verlange ich Ihr Wort darauf, Mr. Fletcher, daß Sie über alles, was Sie dabei sehen, gegen jedermann schweigen. Ein vorzeitiges Bekanntwerden dieser Dinge wäre uns höchst unerwünscht.«

Der Ton, in dem Dowd es sagte, und der Blick, mit dem er Fletcher ansah, bewirkten, daß der Ingenieur sofort das verlangte Versprechen gab.

»Es ist gut, Sir«, nickte Dowd. »Wollen Sie, Herr Doktor«, er wandte sich an Dr. Wandel, »Mr. Fletcher nun erklären, wie Sie den Versuch weiter gestalten wollen.«

»Ich bitte Sie, Mr. Fletcher, den Dampf aus diesem Kessel ohne Benutzung der Ringleitung direkt auf eins der zehntausendpferdigen Turboaggregate zu geben«, sagte der Doktor. »Ich muß Sie auch bitten, die erforderlichen Ventilbewegungen selber zu machen. Ihre Belegschaft soll von diesen Dingen möglichst wenig sehen und hören.«

»Sofort, Herr Doktor«, erwiderte Fletcher und kletterte auf derselben Leiter empor, die vor einiger Zeit Dr. Wandel mit seinen Begleitern benutzt hatte. Er mußte hier ein paar Ventile zu- und ein anderes aufdrehen. Dann kam er wieder herunter, eilte in den neben dem Kesselhaus liegenden Turbinensaal, schaltete auch dort an Ventilen, kehrte zurück und meldete:

»Das Aggregat läuft unter voller Last von diesem Kessel.« Sein Atem ging stoßweise, während er die Worte hervorbrachte. Er wußte selber nicht: kam es von dem eigenen Lauf oder von der Aufregung über das Unerklärliche, Ungeheuerliche, das er soeben miterlebt hatte? Immer wieder kreisten seine Gedanken um den einen Punkt: ein Kessel, unter dem keine Feuer brennen, treibt eine zehntausendpferdige Maschine.

Seine Augen gingen zu den Meßinstrumenten. Der Dampfdruck in diesem verhexten Kessel machte nicht die geringste Miene, zu fallen, im Gegenteil, er stieg immer höher. Schon überschritten die Zeiger die roten Warnungsstriche auf ihren Skalen.

»Schalten Sie noch ein zweites Aggregat von derselben Größe auf den Kessel, Mr. Fletcher!« sagte Dr. Wandel. Ohne Widerspruch führte der Ingenieur den Auftrag aus. Er dachte im Augenblick gar nicht mehr daran, daß dieser Kessel nach seinen Rost- und Heizflächen überhaupt nur für die Speisung eines Aggregates bemessen war. Die für ihn ganz unerklärlichen Vorgänge hatten ihn völlig verwirrt. Dowd aber konnte seine Verwunderung nicht verbergen.

»Wie ist es möglich, Doktor«, fragte er, »daß der Kessel das Doppelte von dem leistet, für das er gebaut ist?«

Der Doktor zog ihn zur Seite und flüsterte ihm zu:

»Er könnte ein Vielfaches leisten. Wir könnten mit dem einen Kessel auch die dreihunderttausend Pferde des ganzen Kraftwerkes leisten. Es wäre dazu nur nötig, ein paar Gramm mehr von dem Stoff in das Wasser zu werfen.«

Einen Augenblick stand Dowd sprachlos, dann flüsterte er zurück: »Wirklich, Herr Doktor? Das ist wunderbar. Warum tun wir's nicht?«

»Weil es vorläufig noch zu gefährlich wäre, Mr. Dowd. Wir stehen erst am Anfang der neuen Technik. Es wird noch viel Entwicklungsarbeit kosten. Sie sehen ja, daß ich mich auch geirrt habe. Ich hatte die Pille für die Leistung von zehntausend Pferden abgewogen, aber der Energiestrom fließt in den ersten Stunden doch stärker ab. Ein Glück, daß wir hier ein zweites Aggregat zur Verfügung haben, um den überschüssigen Dampf loszuwerden. Andernfalls hätte der Kessel böse abgeblasen.«

»Ich glaube, ich werde verrückt«, sagte zur selben Zeit Fletcher zu Robert Slawter und faßte sich verzweifelt an den Kopf. »Um alles in der Welt bitte ich Sie: Wie ist so etwas möglich? Kein Feuer auf den Rosten, und der Kessel liefert Dampf für zwanzigtausend Pferde. Geben Sie mir eine Erklärung dafür!«

»Ich will es versuchen, Mr. Fletcher. Die Sache ist einfach die: Das Feuer liegt nicht auf den Rosten, es steckt im Kesselwasser selber.«

»Mir unverständlich, Mr. Slawter. Da bin ich genau so klug . . . oder so dumm wie vorher.«

»Haben Sie schon mal etwas von Atomenergie gehört, Mr. Fletcher?«

Der Ingenieur schüttelte den Kopf. »Gehört habe ich allerlei, habe es aber bis jetzt für Schwindel gehalten.«

»War eine falsche Meinung von Ihnen, Sir, lassen Sie sich eines Besseren belehren. Wir haben dem Wasser in diesem Kessel eine Substanz zugefügt, die Atomenergie in Form von Wärme in genügender Menge erzeugt, um den Dampf für zehn- bis zwanzigtausend Pferde zu liefern.«

Fletcher öffnete den Mund und vergaß, ihn wieder zu schließen.

»Fassen Sie sich, Mann, und hören Sie aufmerksam zu«, fuhr Slawter in seiner Erklärung fort, »das Weitere geht Sie persönlich an. Wir haben die Quelle der Atomenergie in dem Kessel da aufgedreht, aber wir können sie nicht nach Belieben wieder abstellen. Sie müssen ihm für die nächste Zeit dauernd so viel Dampf entnehmen, daß der Druck nicht über die zulässige Grenze steigt, sonst können Sie in Ihrem Kesselhaus eine fröhliche Himmelfahrt erleben.«

Dr. Wandel und Dowd hatten inzwischen ihre Unterredung beendet und traten wieder näher heran.

»Ich bin eben dabei, Mr. Fletcher Anweisungen für die nächsten Tage zu geben«, wandte sich Slawter an den Doktor. »Sie müssen also«, fuhr er zu Fletcher fort, »die Manometer dieses Kessels genau so sorgfältig beobachten, als ob starke Feuer unter ihm wären, und den Wasserstand auf der vorgeschriebenen Höhe halten. Für die nächsten zwölf Stunden müssen noch zwanzigtausend Pferde an dem Kessel hängen. Später werden Sie mit der Belastung heruntergehen können.«

»So ist es, Mr. Fletcher«, mischte sich der Doktor ein. »Ich bitte Sie dringend, alles das selbst zu besorgen und Ihre Leute von dem Kessel fernzuhalten. Ich oder Mr. Slawter werden des öfteren hierherkommen und nach dem Rechten sehen.«

»Ich erwarte, Mr. Fletcher, daß die Anweisungen genau ausgeführt werden«, schloß Dowd die Besprechung und verließ mit Slawter und dem Doktor das Kesselhaus.

»Sie sagten, Doktor Wandel, daß man mit dem neuen Stoff von einem einzigen Kessel aus unser ganzes Kraftwerk betreiben könne«, nahm er die Unterhaltung wieder auf, während sie zu dritt über den Werkhof gingen.

»Gewiß, Mr. Dowd«, stimmte der Doktor ihm bei. »Man könnte es. Man braucht dazu nicht einmal einen so großen Kessel, theoretisch wenigstens würde es auch ein viel kleineres Gefäß tun. Aber das Problem birgt große Gefahren in sich. Ich warne dringend davor, mit dem Stoff, wie wir ihn jetzt haben, derartige Versuche anzustellen. Es könnte äußerst unliebsame Überraschungen dabei geben . . .«

»Wieso das, Doktor?« warf Dowd ungeduldig ein.

»Lassen Sie mir noch etwas Zeit, Mr. Dowd. In acht, spätestens vierzehn Tagen gedenke ich Ihnen einen andern Stoff zu liefern, der sich besser dazu eignet. Wenn alles so geht, wie ich es erwarte, wird die Company in Zukunft keine Kohlen mehr zu kaufen brauchen.«

Der Chief Manager blieb stehen.

»All right, Doktor! Das soll ein Wort sein. In vierzehn Tagen hängt das ganze Kraftwerk an einem Kessel . . .«

Sie hatten inzwischen die Stelle erreicht, an der ihre Wege sich trennten. Dowd ging nach dem Direktionsgebäude hinüber, Slawter und der Doktor wandten sich ihrer Abteilung zu.

»Sie hatten Mr. Spinner einen Bericht versprochen«, erinnerte Slawter seinen Begleiter.

»Nach dem Essen, mein lieber Slawter«, wehrte der Doktor ab. »Unser Besuch im Kesselhaus hat länger gedauert, als ich dachte. Ich habe rechtschaffenen Hunger. Nach Tisch soll Mr. Spinner eine Anweisung erhalten, die dem braven MacGan hoffentlich aus allen seinen Nöten hilft.«

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