Hans Dominik
Atomgewicht 500
Hans Dominik

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Professor Melton lag krank in seiner Wohnung, und es war zweifelhaft, ob er wieder auf seinen Posten zurückkehren würde. Sein Assistent, Phil Wilkin, lief herum wie ein Hund, der seinen Herrn verloren hat und einen neuen sucht. Diesmal wollte er den richtigen Anschluß nicht verpassen, aber vorläufig war es noch ganz ungewiß, wer der kommende Mann sein würde. Alles war möglich, und die Ungewißheit bereitete dem Assistenten unruhige Tage.

Dazu kam noch, daß seit der Erkrankung Meltons die Verantwortung für die laufenden Arbeiten der Abteilung auf seinen Schultern lag. Fast jeden Tag verlangte Direktor Clayton über die eine oder die andere Angelegenheit Auskunft von ihm, und es war nicht immer angenehm, was Wilkin dabei zu hören bekam. Mit Eifer hatte er sich an die Analyse jener strahlenden Flüssigkeit gemacht, die aus dem Laboratorium Slawters stammte, und hoffte auf ein Wort der Anerkennung, als er Clayton das Ergebnis brachte, aber der Direktor hatte auch daran allerlei auszusetzen.

»Soweit ganz gut und schön, Mr. Wilkin«, sagte er und gab ihm ein Photo zurück, »es ist Ihnen gelungen, das Spektrum des strahlenden Stoffes aufzunehmen, aber das genügt uns nicht. Wir wollen wissen, woraus der Stoff besteht, um ihn dann selbst herzustellen.«

Vergeblich bemühte sich Wilkin, ihm klarzumachen, daß es sich hier um ein neues, bisher unbekanntes Element handle, bei dem man von keiner Zusammensetzung reden könne. Vergeblich schilderte er dem Direktor die tagelangen schwierigen Untersuchungen, in deren Verlauf es ihm endlich gelungen sei, das Spektrum des neuen Stoffes auf die photographische Platte zu bannen. Clayton war nicht zufrieden und machte aus seiner Meinung kein Hehl.

Dabei tat er dem Assistenten in diesem Falle bestimmt Unrecht. In der Flüssigkeitsmenge, die Wilkin zur Untersuchung erhalten hatte, befanden sich ja nur unvorstellbar geringe Mengen jenes neuen strahlenden Stoffes, den Dr. Wandel in Salisbury hergestellt hatte. Nur wenige Millionstel eines Milligramms enthielt die Flüssigkeit, und es war ein chemisches Meisterstück, den neuen Stoff so nachzuweisen, wie Wilkin es getan hatte. Aber Clayton war anderer Meinung, und Clayton war Direktor. Also behielt er recht, und Wilkin kehrte in einer wenig rosigen Laune in sein Zimmer zurück.

Auch die Stimmung MacGans war nicht sehr hoffnungsvoll, obwohl sich Tom White mit Rat und Tat um ihn bemühte. Für den nächsten Tag war der Versuch angesetzt, der über so vieles entscheiden sollte. MacGan hatte den Autoklav aus der Dammgrube herausheben und wieder frei aufstellen lassen, wie es bei dem Experiment Dr. Wandels gewesen war. Er hatte ferner versucht, die einzelnen Phasen des Experiments mit den dazugehörigen Werten schriftlich niederzulegen, und dabei eine Unterstützung durch Tom White gefunden, die ihm bisweilen an das Wunderbare zu grenzen schien. Wo sein eigenes Gedächtnis versagte und er unsicher wurde, sprang White mit Zahlen und Werten ein, als ob er bei dem damaligen nächtlichen Versuch selber mitgeholfen hätte, und er nahm dem Iren dadurch manche Sorge von der Seele.

Blieb nur noch die schwierige Frage der Elektrodenstifte. MacGan wußte nur, daß sie damals aus einem dunkel schimmernden Metall bestanden. Tom White hatte aus Salisbury außer einer schriftlichen Anweisung, aus der er seine Weisheit schöpfte und an MacGan weitergab, auch noch ein paar solcher Stifte erhalten, aber er war vorläufig noch unschlüssig, wie er damit operieren sollte. Er konnte einfach so tun, als ob er sie nachträglich beim Kramen in dem Zimmer des deutschen Doktors gefunden hätte, aber nach reichlicher Überlegung sah er davon ab, denn die Möglichkeit, sich dadurch verdächtig zu machen, lag zu nahe.

»Wenn ich nur wüßte, was für Elektroden Doktor Wandel benutzt hat!« stöhnte MacGan verzweifelt.

»Ich hörte ihn gelegentlich von Wolfram-Elektroden sprechen«, sagte White, und begierig griff der Ire diese Möglichkeit auf. Metallisches Wolfram war in dem Werk der United leicht zu beschaffen, und eine Stunde später steckten ein paar Wolfram-Elektroden in den Stromzuführungen des Autoklavdeckels.

Für MacGan war damit auch diese Sorge erledigt, doch für Tom White noch nicht. Er mußte ja die Elektroden durch jene anderen Metallstifte aus Salisbury ersetzen, ein Geschäft, bei dem Zuschauer durchaus unerwünscht waren. Er beschloß, den Austausch während der Mittagspause vorzunehmen, und blieb zu dem Zweck unauffällig in der großen Halle zurück, wie er das in den letzten Tagen aus andern Gründen schon des öfteren getan hatte.

Kaum war er allein, als er die Schrauben an dem Autoklav löste, den Deckel mit Hilfe des Kranes heraushob und mit der Geschwindigkeit eines Taschenspielers die Stifte auswechselte. Das war glücklich gelungen, und eben wollte er den Kran mit dem schweren Deckel am Haken wieder in Bewegung setzen, als er Schritte vom andern Ende der Halle her vernahm.

Ein heftiger Schreck fuhr ihm in die Glieder. Während er den Kranhaken niedergehen ließ, spähte er angestrengt nach der Seite hin, von der das Geräusch kam, und übersah dabei, daß die Elektrodenhalter beim Absenken des Deckels an den Autoklavkörper aneckten und stark verbogen wurden.

Allmählich verhallten die Schritte. An dem Klappen einer Tür merkte er, daß der Störenfried die Halle verlassen hatte, und er konnte sich wieder mit ungeteilter Aufmerksamkeit seiner Arbeit widmen. Der Deckel lag bereits auf der Autoklavöffnung auf. Er brauchte nur noch die schweren Schraubenmuttern aufzusetzen und fest anzuziehen. Nach kurzer Zeit war das erledigt, und aufatmend kehrte er in sein Zimmer zurück, um sich von dem ausgestandenen Schreck zu erholen . . . und danach noch etwas anderes vorzunehmen.

Sein Zimmerchen im Verwaltungsgebäude hatte er ja vor einer Woche räumen müssen, und damit war sein Geheimtelephon, dem er so wertvolle Informationen verdankte, hinfällig geworden. Aber Tom White war ein rühriger Kopf und nicht gewillt, ohne weiteres auf ein so leistungsfähiges Hilfsmittel zu verzichten.

Freilich konnte er nicht daran denken, den Draht von dem Lauschmikrophon im Raum des Präsidenten Chelmesford einfach bis zu seinem jetzigen Zimmer zu verlängern, denn die Gefahr einer baldigen Entdeckung wäre allzu groß gewesen. Aber seit Tagen benutzte er die Mittagsstunden dazu, die Lichtleitungen des Werkes zu untersuchen, und hatte schließlich ein Kabel entdeckt, dessen Mantel eine zusammenhängende metallische Verbindung zwischen dem Verwaltungsgebäude und der Abteilung Melton bildete. Der Rest war für einen Mann wie Tom White eine Kleinigkeit. In Chelmesfords Zimmer hatte er schon gestern das Lauschmikrophon an das Lichtkabel angeschlossen, jetzt brauchte er nur noch einige Verbindungen in seinem eigenen Raum herzustellen. Kaum hatte er die Batterie angeschlossen, als ein Rauschen im Telephonhörer ihm auch schon zu seiner Befriedigung verriet, daß das Mikrophon arbeitete. Die Anlage war in Ordnung, die einseitige Verbindung zwischen Tom White und Mr. Chelmesford wiederhergestellt.

Schon im Laufe des Nachmittags fand er Gelegenheit, sie zu benutzen und beachtenswerte Neuigkeiten zu erfahren. Er hörte, wie bei Chelmesford der Tischapparat klingelte, und hörte den Präsidenten gleich darauf sagen:

»Nicht durchs Telephon, Clayton. Die Sache ist zu wichtig, kommen Sie bitte zu mir herüber.«

»Ist mir auch lieber so«, lachte White vor sich hin, »da kann ich euch alle beide hören.«

Kurz darauf trat Clayton in Chelmesfords Zimmer.

»Wir wollen die Angelegenheit lieber von Mund zu Munde besprechen«, empfing ihn der Präsident. »Ich weiß nicht, Clayton ich habe in letzter Zeit ein unbestimmtes Gefühl, als ob mit unserm Haustelephon nicht alles in Ordnung ist.«

»An meinem Apparat habe ich nichts gemerkt. Haben Sie Störungen oder Nebengeräusche in Ihrer Leitung?«

»Das nicht gerade, Clayton, aber manchmal werden die ankommenden Gespräche bei mir plötzlich schwächer, als ob noch jemand mithörte.«

»Das könnte die Hauszentrale sein, Mr. Chelmesford«, meinte Clayton. »Die Beamten schalten sich gelegentlich ein, um die Verbindung zu kontrollieren.«

»Vielleicht, vielleicht auch nicht, Clayton. Auf jeden Fall will ich unsere Leitungen in den nächsten Tagen durch einen erfahrenen Mann genau untersuchen lassen . . .«

Tom White überkam bei den Worten des Präsidenten ein unbehagliches Gefühl. Wenn ein Fachmann die Telephonleitungen in den Direktionsräumen auf etwaige Anzapfungen untersuchte, konnte er auch leicht Whites Mikrophonanlage entdecken, und dann war Holland in Not. Während er noch überlegte, wie er sich davor schützen könne, gaben die Worte Claytons seinen Gedanken eine andere Richtung.

»Wir haben die Nachricht aus zuverlässiger Quelle«, sagte der Direktor. »Es ist Miller gelungen, im Kraftwerk als Kesselwärter anzukommen. Ingenieur Fletcher versucht die Sache geheimzuhalten, aber das läßt sich natürlich nicht machen. Die Tatsache steht fest, daß ein Kessel ohne Feuerung seit mehreren Tagen Dampf für fünfzigtausend Pferde liefert.«

»Zum Teufel, Clayton, wie ist das möglich!« Chelmesford ließ seine Faust krachend auf den Tisch fallen.

»Darüber konnte unser Mann nichts in Erfahrung bringen, Mr. Chelmesford«, antwortete Clayton. »Aber nach unsern eigenen Erfahrungen mit den strahlenden Stoffen Doktor Wandels gibt es nur eine Erklärung dafür: der Doktor muß in das Kesselwasser eine tüchtige Dosis von diesem Stoff getan haben.«

»Sie haben recht«, fuhr Chelmesford auf. »Aber dann, Clayton . . . ja dann . . .«

». . . betreibt die Konkurrenz in Salisbury ihre Maschinen bereits mit Atomenergie«, vollendete Clayton den Satz.

Zum zweitenmal schlug Chelmesford in hellem Ärger auf den Tisch, während die Worte von seinen Lippen sprudelten. »Und wir sitzen hier und haben noch gar nichts, Clayton! Das ist ja zum Haareausraufen! Bei uns wurde der erste strahlende Stoff hergestellt, und jetzt haben wir das Nachsehen. Die Company hat sich den deutschen Doktor gelangt, nimmt uns den Wind aus den Segeln, und wir sind glücklich so weit gekommen, daß wir auf einen lächerlichen Laboratoriumsdiener zurückgreifen müssen, um überhaupt etwas zustande zu bringen. Eine unhaltbare Situation, Clayton! Das muß von Grund auf geändert werden. Der Doktor muß wieder her, und wenn ich ihn nachts aus seinem Bett hole.«

Clayton hielt es für zwecklos, dem Präsidenten ins Wort zu fallen, und wartete geduldig, bis dessen Redefluß allmählich versiegte.

»Wir wollen den morgigen Tag noch abwarten, Mr. Chelmesford«, schlug er dann vor. »Morgen wird MacGan den Versuch Doktor Wandels wiederholen. Wir wollen sehen, was dabei zustande kommt, und danach unsere weiteren Entschlüsse fassen.«

»Einen Tag können wir in Teufels Namen noch zugeben, Clayton, obwohl ich mir wenig davon verspreche.« Während Chelmesford antwortete, redete er sich in eine neue Erregung hinein. »Was soll dabei herauskommen? Im günstigsten Falle dasselbe gefährliche Zeug, das uns hier die halbe Bude abgebrannt hat. Was anderes kann doch dabei nicht herauskommen . . . Nein, Clayton, ich bleibe dabei, wir müssen den Doktor wieder nach Detroit holen.«

»Leicht gesagt, aber schwer getan«, murmelte Tom White vor sich hin. »So leicht gibt Mr. Dowd den Deutschen nicht wieder heraus.«

»Gutwillig oder böswillig, mir egal, auf welche Weise es geschieht, Clayton«, polterte Chelmesford weiter.

Tom White pfiff durch die Zähne vor sich hin. »Gutwillig kommt der Doktor nicht. Hat von euch genug. Böswillig? Wir wollen doch ein Briefchen schreiben, auf daß Onkel Joshua seine Augen offenhält.«

»Doktor Wandel hat einen festen Vertrag mit der Company, den er nicht einseitig lösen kann, das erschwert die Sache gewaltig«, sagte Clayton.

»Ach was! Verträge«, knurrte Chelmesford. »Mit uns hatte er ja auch einen Vertrag . . .«

»Gehabt, Mr. Chelmesford, wir haben ihn leider freigegeben. Die Company wird sich hüten, dieselbe Dummheit zu machen.«

»Bestimmt nicht, verehrter Herr Präsident!« lachte Tom White vor sich hin. Das Lächeln verschwand aus seinem Gesicht, als er die nächsten Worte Chelmesfords hörte.

»Ich glaube daher, Clayton, daß der Mann gutwillig nicht zu uns zurückkommt. Überlegen Sie sich den anderen Weg. Wir wollen morgen nachmittag weiter darüber sprechen.«

Tom White hörte, wie Clayton das Zimmer des Präsidenten verließ, und blieb nachdenklich an seinem Tisch sitzen. Was sollte er jetzt tun? Die von Chelmesford für morgen angesetzte Besprechung war von größter Wichtigkeit. Unbedingt mußte er sie mit anhören, um entsprechende Warnungen nach Salisbury geben zu können. Aber dazu brauchte er seine Geheimverbindung und riskierte Kopf und Kragen, wenn Chelmesford etwa schon morgen vormittag die Telephonleitungen untersuchen ließ. Während er noch darüber grübelte, meldete sich sein Tischtelephon. Er wurde in der großen Halle verlangt, um bei den Vorbereitungen für den morgigen Versuch mitzuhelfen.

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