Hans Bethge
Der gelbe Kater
Hans Bethge

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Hoher Besuch

Es ist gewiss nicht angenehm, wenn Einem der Tod im Traum erscheint. Ich meine, der persönliche Tod, der Greis mit der Hippe, das Skelett oder der Jüngling mit der Fackel oder wie sich Seine Majestät sonst verkappen mag. Unheimlich aber ist es (und ich wünsche Dir nicht, dass es Dir je geschieht), wenn Einem der Tod im wahrhaftigen Leben begegnet, d. h. wenn er vor Dich hintritt, mit Dir spricht, scherzt vielleicht, wie ein alter Vertrauter, dann wieder verschwindet und Dir als Andenken einen lila Schlafrock und eine baskische Mütze zurücklässt.

Eines Abends im Sommer sass ich bei geöffneter Balkontür in meinem Zimmer am Schreibtisch und las. Es war schon spät, draussen regte sich nichts, höchstens einmal das ferne Kläffen eines Hundes oder ein leises Wehen in den Blättern der südlichen Palmen. Der Mond lag über der Welt und der Schimmer der Sterne. Da klopfte es an die Zimmertür, merkwürdig hart, schwer und langsam. Mechanisch sagte ich ›Herein‹. Die Tür tat sich auf, und in die Stube trat rauschend der Tod.

Er sah eigentümlich aus. Er trug einen langen Rock aus blasslila Seide, der mit erbsengelber Seide gefüttert war. Auf dem Kopfe hatte er eine dunkelblaue baskische Mütze, an den Händen graue Glacéhandschuhe. Ein grauseidenes 165 Tuch schlang sich malerisch um seinen Hals, und in der rechten Hand hielt er ein funkelndes Florett. Er war hoch, stattlich, aber grässlich knochig. Es verbreitete sich eine Kühle im Zimmer, sobald er eingetreten war.

»Guten Abend« sagte er lässig, indem er sich an den Türpfosten lehnte »Was machst Du?«

Ich war so überrascht, dass ich nicht antworten konnte.

»Sei doch nicht so erschreckt« sagte er freundlich und liess das Florett spielend hin und her pendeln. »Ich tu Dir nichts. Es ist sonderbar, welche Angst Ihr noch immer vor mir habt. Es hat sich so manches geändert auf der Erde im Laufe der Zeiten, aber hierin seid Ihr immer dieselben geblieben. Ihr seid doch recht blöde, trotz Eurer Weisheit.«

»Das Leben ist Alles, was wir haben« wagte ich nun zu sprechen »Und Du nimmst es uns.«

»Das Leben ist gar nichts, und Euch will es Alles erscheinen. Das Leben? Du lieber Gott. Was will denn das Leben heissen? Ein Muss. Ein Traum. Ein Hinrieseln und Verpuffen von Gefühlen. Ein Spuk. Eigentlich ein Garnichts. Ihr solltet nicht daran denken, dass Ihr es habt. Nehmt es hin, da Ihr einmal dazu bestimmt seid, und fasst es auf als einen flüchtigen Duft, durch den Ihr schreitet. Dem Einen ist er süss, dem Andern herbe. Aber es ist nur ein Duft und bedeutungslos.«

»Was aber kommt danach? Das ist es, was uns die Ruhe nimmt.«

»Ihr seid Narren.«

»Wieso?«

»Ihr liebt es, Euch Märchen zu ersinnen für die Zukunft. Märchen für die kommenden Tage Eures Lebens und Märchen 166 darüber hinaus für das, was Ihr die Ewigkeit heisst. Und das Schlimmste ist: Ihr glaubt an diese Märchen. Gerade wie die Kinder an die Geschichten glauben, die ihnen die Mutter erzählt. In die Vergangenheit legt Ihr keine Märchen hinein. Warum nicht? Weil Ihr die Vergangenheit erfahren habt und wisst, dass sie märchenlos ist. Die Zukunft wird auch einmal Vergangenheit sein und märchenlos wie sie.«

»Wo willst Du hinaus?«

»Du bist schon gewesen, als Du noch nicht geboren warst. Warst Du glücklich damals?«

»Das weiss ich nicht.«

»Du bist ein Kameel.«

»Erlaub mal.«

»Wenn Du nicht weisst, ob Du glücklich warst oder nicht, so bist Du ein Kameel. Sage mir: bist Du glücklich, wenn Du schläfst? Ich meine, wenn Du fest schläfst, traumlos, tief?«

»Ja, dann bin ich sehr glücklich. D. h. ich weiss es nicht in den Momenten. Ich werde mir erst später, wenn ich wieder wach bin, bewusst, dass jener Zustand ein sehr glücklicher war.«

»Aha, bravo, jetzt kommen wir den Dingen schon näher. Ihr Menschen (und Du bist wie die Andern) meint, dass Ihr nur dann ganz glücklich seid, wenn ihr von Eurem Glücke wisst. Das Glück, das Ihr bewusstlos geniesst, rechnet Ihr kaum. Und doch ist es das tiefste, das reinste, das eigentliche. Es ist das grosse Glück, das Ihr genossen habt, als Ihr noch nicht geboren waret. Damals waret Ihr selig. Ihr werdet es wieder sein. Freut Euch darauf.«

Der Tod nahm eine frische Rose aus einem Glas, das auf einem Tischchen neben der Türe stand. Indem er sie 167 zum Gesicht führte, um daran zu riechen, welkte sie, und ihre Blätter flatterten zu Boden.

Da ich schwieg, fuhr der Tod fort:

»Ihr glaubt nicht, wie komisch Ihr seid, wenn Ihr Euch selbst so wichtig nehmt. Ihr meint, dass Ihr der Ewigkeit würdig seid, Ihr haltet Euch für das Höchste und Grösste der Welt. Wisst Ihr, was Ihr zu bedeuten habt? Pass auf. Die Welt, in der Ihr lebt, ist so gross, dass Euer Verstand nicht ausreicht, diese Grösse zu denken. Sie ist voll von Sonnen, um die sich zahllose andere Sterne bewegen. Eine von jenen Sonnen ist die, von der Ihr Leben und Licht erhaltet. Und eins der endlosen Gestirne, die sich um jene Sonne drehen, ist Eure Erde. Es macht für die Welt nichts aus, ob Ihr auf dieser Erde wandert oder nicht. Es würde sich im Weltraum Alles genau so regeln, auch Eure Erde würde genau so kreisen, wenn Ihr sie nicht bewohntet. Aber Ihr seid einmal da (weshalb, darf ich nicht sagen) und habt Euer Leben zu tragen. Es ist ein lumpiges Leben, und wenn Ihr klug seid, haltet Ihr es nicht für wert, um darüber zu tüfteln. Lebt, liebt und sterbt, es ist Alles gleich. Die Sterne kreisen weiter. Was liest Du da?«

»Einen Filosofen.«

»Pfui, Du bist abgeschmackt. Die Filosofen sind die einfältigsten unter den Denkern, denn sie verleiden sich und den Andern das Leben mit Gewalt. Sie sind die unangenehmste Gattung unter Euch. Lass sie in Ruhe. Lies lieber einen Dichter, die mag ich gerne.«

Er richtete sich auf, knöpfte seinen Rock zu und wollte sich offenbar zum Gehen anschicken. Jetzt erst bemerkte ich, dass ihm am linken Arm eine goldene Krone hing. 168

»Warum schmückst Du Dich nicht mit der Krone?« fragte ich.

»Später« entgegnete er »Ich setze sie nur auf, wenn ich dienstlich komme. Dann habe ich auch den Purpur an. Bei privaten Besuchen bediene ich mich einer behaglicheren Kleidung.«

»Willst Du schon gehen?«

»Ich muss, meine Pflichten rufen mich. Leb wohl und sei weise.«

Und dann, mit einem Lächeln:

»Auf Wiedersehen.«

»Auf Wiedersehen« sagte ich.

Er schritt an mir vorüber, der Balkontür zu, eine eisige Kühle wehte mich an. Er trat auf den Balkon hinaus und war schnell in der Mondnacht verschwunden.


Was war das gewesen? Holla! Habe ich geträumt, habe ich fantasirt, habe ich Fieber, oder was? Ich springe auf und laufe durchs Zimmer, es pocht und brennt in mir. Hier, hier hatte er gestanden, hier an dem Türpfosten. Es war sicher keine Täuschung, wir haben uns ja so klar unterhalten, ich höre seine Stimme noch – und da . . . da liegen auch noch die welken Rosenblätter auf den Dielen. Ich trete auf den Balkon hinaus, von wo er verschwunden ist. Über dem Geländer des Balkons hängt im Mondlicht der lilaseidene Rock, und die baskische Mütze liegt darauf. Erst wage ich die Sachen nicht zu berühren, dann greife ich herzhaft zu und trage sie ins Zimmer. Ich setze die Mütze auf und ziehe den Rock an, beides passt mir vortrefflich. Ich nehme ein Florett von der Wand, lehne mich an den Türpfosten 169 und stelle mir vor, dass ich jetzt Seine Majestät sei. Ich nehme eine Rose aus dem Glas und rieche daran, aber die Blätter fallen nicht zu Boden.

Seit jenem Abend trage ich den lila Rock als Schlafrock und die baskische Mütze als Hausmütze. Kenner sagen mir, dass die baskische Mütze echt und die Seide des Schlafrocks das vorzüglichste Fabrikat sei, das man sich denken könne.


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