Hans Bethge
Der gelbe Kater
Hans Bethge

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Vorfrühling

Die Fenster zum Atelier standen geöffnet. Es drang herein wie Verkündigung, wie ein beglückendes Versprechen. Die schrägen Strahlen der Sonne, fast silbern, scheu, von einem Himmel, der weissblau war und sich am Horizont in ein mattes Grau verlief. Die Luft ging frisch, etwas feucht, es hatte die verflossene Nacht geregnet. Die Gardinen bewegten sich sachte wehend hin und her.

Das Atelier lag im obersten Stock, nach einem Platze hinaus, der das Plateau eines Hügels bildete und mit Kastanien bestanden war. Man konnte von hier oben den grössten Teil der Stadt überblicken, über die Häuser hin, aus denen da und dort die Türme der Kirchen oder Kuppeln öffentlicher Gebäude ragten, über die Fabrikschornsteine fort, bis ins Feld. Nicht immer freilich. Oft lagerten Dunstwolken über dem Häusermeer, die die schwere Luft nicht emportragen konnte; oft drückten Nebel darauf, verschoben und verwirrten Alles; oft liess es der Qualm der Fabrikessen nicht zu. Aber wenn es klar war, war es ein ergreifendes Bild, geschaffen für ein empfindendes Auge, wert, sich hinein zu versenken. Von doppeltem Wert aber für einen Künstler. Wer hier wohnte, stand wie ein Herrscher über den Andern und durfte mit ungebundenem Blick auf sie hinuntersehen. Er war dem Treiben entrückt und dennoch mitten zwischen ihm. Er hatte über sich und in der Ferne die Freiheiten 47 der Natur, die sein erregtes Blut sänftigten, zu seinen Füssen den ewigen, erbarmungslosen Fleiss, der ihn selber zu neuer Betätigung trieb, wenn seine Schaffenslust zu erlahmen begann. Der Lärm der Menschen drang nur verworren herauf. Dieser neue Stadtteil war noch wenig belebt. Man fühlte sich den ziehenden Wolken näher als dem Treiben der Erde.

Er stand vor der Staffelei, in die Arbeit vertieft. Das Bild war klein und erst im Entstehen begriffen. Der Eintritt in einen Wald um die Jahreszeit, die jetzt die Tiefen der Welt durchbrauste. Vorfrühling. Neben der Leinwand waren eine Fotografie und eine Anzahl Farbenskizzen, die er im Freien aufgenommen hatte, an die Staffelei geheftet. Es war Alles nach Wunsch gelungen, das Bild versprach etwas Ausserordentliches zu werden. Er war zufrieden mit sich wie selten und betete, dass sein Interesse nicht erlahmen möge. Er war noch nie so vollkommen in einer Stimmung aufgegangen.

Die ersten, erwachenden Färbungen, die sich herauskämpfenden Knospen der Blätter und Blüten, das Ringen nach dem Werden, die erste, ursprüngliche Kraft der Erde – das war das Erhabenste im Wechsel der Natur. Es zu gestalten freilich unendlich schwer. Die ganze Zeit wie ein süsses Ahnen, – das Bild musste diese Empfindung auszulösen wissen. Ein Treiben, Verlangen nach der Blüte, – die Vorstellung der Blüte selbst durfte nicht dabei erweckt werden. So musste es in der Luft ziehen, durch die eben die neu gewordene Sonne mit wärmendem Hauch sich zu zwingen suchte; so musste es aus dem Boden steigen, ein 48 schwellender Erdgeruch, mit den Spitzen der jungen Gräser und Kräuter zugleich; so musste es in dem Bache fliessen, dessen Wasser übergetreten waren und die Wiesen mit strotzendem Leben tränkten.

Er trat ein paar Schritte von dem Bilde fort und betrachtete es. Darauf legte er Pinsel und Palette aus der Hand und setzte sich auf den Schemel, der neben der Staffelei stand. Er breitete die eine Hand vor die Stirn und schloss die Augen. Er hatte Kopfweh, lange, leise Stiche. Nach einer Weile erhob er sich wieder und betrachtete noch einmal eingehend das Bild. Endlich drehte er es um, damit es ihn, wenn er sich von neuem daran machte, möglichst fremd ansähe und seine Schwächen um so schneller offenbare. Er trat an das Fenster und sog die starke Luft ein. Es war ein Balsam, kräftigend, köstlich. Wie musste es jetzt fern, einige Stunden weit, auf den Feldern und Wiesen sein. Er öffnete die Glastür des Balkons, der sich etliche Schritte neben dem Fenster befand, und trat hinaus. An den Pfosten gelehnt, blickte er über die verschlungene Stadt hinab.

Es war silbern klar. Der Himmel dehnte sich wolkenlos, wie ein sonntägliches Tuch. Hier und da blitzten goldene Spitzen in der Sonne auf. Der Rauch der Schornsteine zerflatterte schnell. Ganz hinten im Freien das gewundene Band des Flusses, die Felder, ein scheinbar endloser Wald zur Rechten, mehrere kleine Gehölze. Und über Allem die tief aufkeimende Frühlingsmacht, die die Verzagten mit neuem Hoffen, die Kranken mit Erquickung stählte, den Gesunden und Glücklichen erhöhte Schaffensziele gab. 49

Indem er das Bild mit ruhigem Auge in sich hineintrank, kam ihm die Lust, sich ins Freie zu retten. Sein Kopfweh hatte nachgelassen; draussen, hoffte er, würde es in kurzer Zeit ganz verschwinden. Er warf, auf das Eisengeländer des Balkons gestützt, noch einen Blick auf den breiten Platz unten, dessen Bäume die dicken Knospenknollen mit jedem Tage goldiger emporschickten. Jetzt machte er einen unwillkürlichen Ruck mit dem Oberkörper. Er sah etwas. Unten ging ein Mädchen über den Platz. Er hatte in letzter Zeit schon oft bemerkt, wie sie vorüberschritt und emporsah. Er konnte ihr Gesicht nicht erkennen, da sie verschleiert ging. Dass sie sehr jung war, verriet die Art, wie sie sich bewegte. Er war schon einmal ihretwegen die Treppen hinabgeeilt, aber vergebens, denn als er unten ankam, war sie verschwunden. Er trat nun schnell in das Atelier zurück, griff nach Stock und Hut und steckte ein Skizzenbuch ein. Dann sprang er hinunter. Vor der Tür sah er sich um. Das Mädchen war fort.

Er kam in Strassen, wo das Leben in höchsten Wellen schlug. Hier konnte ein Bewusstsein der gegenwärtigen Werdezeit nicht gedeihen, und das war begreiflich. Ein schmalster Streifen Himmel zog sich zwischen den Dachrampen hin, die Luft war verdorben und beklemmend. Hier hatten die Menschen nicht Musse, sich dem Gedanken an die hereinbrechende Gnade hinzugeben. Arbeit, Arbeit, Arbeit: eine Stunde wie die andere. Das füllte ihre Tage aus und ihre Empfindungen. Es war unendlich traurig. Der Maler bedauerte im Stillen die Tausende, die um ihn her hasteten 50 und es mussten. Er war doch glücklich, wahrhaft glücklich! Er kam sich wie ein König vor. Aber wie ein König ohne Macht, der Keinem helfen kann. Mit jedem Schritt, den er tat, trieb es ihn sehnsüchtiger hinaus. Er nahm einen Wagen, damit er das Gewirr schneller hinter sich habe.

Erst wurde die Gegend menschenstiller, dann kam eine Reihe rasselnder Fabriken, endlich fingen die Felder an. Auf einer Chaussee ging es weiter. Rechts und links lagen hellgrüne Saaten, hier stärker, dort schwächer entwickelt, und dazwischen unbestellte, braunschwarze Erdstreifen. Die Flanken des Weges waren mit Ebereschen bepflanzt, deren Knospen noch kaum, kaum sichtbar waren. Die Felder waren von Gräben durchschnitten, an deren Rändern Erlengebüsche wuchsen. Diese zeigten sich noch ganz durchsichtig, doch lag auf ihren Ästen schon ein braungrüner Schimmer und liess die drängende Arbeit des jugendlichen Saftes ahnen, der in ihren Adern trieb.

Der Maler liess das Auge nach allen Seiten wandern, während die Sonne ihm ihre Strahlen ins Antlitz warf und ein laukühler Wind ihm entgegenfuhr. Er hätte am liebsten laut gejubelt. Die armen Menschen hinter ihm. Er sah sich nicht um.

Jetzt tauchte ein Dorf auf, teilweise mit villenartigen Häusern, die sich Leute aus der Stadt hatten erbauen lassen. Hundegebell und das Gackern von Hühnern liess sich hören. Dicht vor dem Ort verliess er die Droschke und schickte sie in die Stadt zurück. Er selbst schlug einen Seitenweg ein, der in den Wald führte.

51 Während er hier ging, musste er wieder an das Mädchen denken. Dass sie den Platz seinetwegen so häufig passirte, war klar; sonst hätte sie nicht immer zum Atelier hinaufgesehen. Er hatte keine Ahnung, wer sie sein konnte. Sein Wunsch, sie kennen zu lernen, wuchs mehr und mehr.

Ja, er wollte sie kennen lernen. Und wäre es nur, um ihr eine Freude zu bereiten, denn sie sehnte sich offenbar auch danach. Nur verliess sie immer im letzten Augenblick der Mut.

Oder war das vielleicht nur ein Schlich, um sich begehrenswerter zu machen?

Er wurde unwillig über diesen Gedanken. Möglich war es ja, freilich, er konnte es nicht wissen. Aber er mochte nicht daran glauben. Der Gedanke nahm ihm eine schöne Zukunft fort, die er immer verlockender zu empfinden begann.

Wenn er nur einmal ihr Gesicht sehen könnte. Dann würde er sofort wissen, mit wem er es zu tun hatte.

Er hatte, während er so nachdachte, vor sich auf den lehmigen Weg geblickt. Nun schrak er zusammen und hob den Kopf, als plötzlich eine Schar Feldtauben ein Ende neben ihm mit knatterndem Flügelschlag in die Höhe ging. Sie flogen den Bäumen zu und verschwanden über ihnen. Er selbst hatte den Wald auch bald erreicht.

Es waren Buchen von verschiedenem Alter, mit zahlreichem Untergehölz. Am Rande standen ein paar Kiefernkrüppel. Er trat ein und folgte einem schmaleren Pfad, der rechts ablenkte. Unten lag noch das vermoderte Laub vom verflossenen Jahre. Auch an den jungen Eichen, die vereinzelt 52 herumstanden, hingen noch die braunen, zusammengeschrumpften Blätter. Mitunter löste sich eines und schwebte schwankend zur Erde, um dort zu vergehen und dem Boden, der es hervorgebracht hatte, neue Nahrung zu geben. Dann ein neues Gebären, ein neues Vergehen, ein ewiger Kreislauf.

Nach einer Weile öffnete sich eine Lichtung. Es war wunderbar zu sehen, wie hier das Gras und die Moose, die am Rande eines schmalen Wasserstreifens standen, schon eine ungleich kräftigere Färbung angenommen hatten als unter den Ästen der Bäume, wo noch das Grau vor dem Grün überwog. Die Sonne schien voll über den Raum. Millionen von Tautropfen, die über die Halme hin zerstreut lagen, glänzten wie lachende Sterne. Die Fläche des kleinen Wassers glitzerte in zahllosen Wellchen.

Der Maler machte halt und sah sich nach einem Fleck um, wo er sich niederlassen konnte. Er entdeckte einen Baumstumpf unmittelbar am Waldrand. Hier setzte er sich und tat die Augen weit auf und fühlte die sieghaften Regungen um sich her, die sich ihm selbst mitteilten und ihn selig machten.

Die gegenüberliegende Seite der Wiese begrenzte eine junge Birkenschonung. Etwas Zarteres war nicht zu denken. Die kindlichen Stämme mit der weissen Haut strebten aus dem Boden hervor wie geheime Liebeswünsche dieser keuschen Natur. Auf den biegsamen, dünnen Zweigen, schön wie Kinderarme, lag ein gelblicher, wundersam verschleierter Glanz, wie der Anfang einer nahenden Erfüllung.

Das war überwältigend. Was bedeutet, so fragte er sich, gegen diese Entstehungssüssigkeit all der lohende Reichtum des Sommers und der bunte Verfall im Herbst? Zwar 53 auch jene Zeiten vermögen in die Tiefen zu dringen, – aber nur in die schmerzlichen der Sehnsucht, nie in die lachenden der Kraft. Sie versprechen nichts mehr für die Zukunft, wenigstens keine freudige Entwickelung mehr, höchstens noch einen Nutzen. Der ist fruchtbar, aber er schliesst zugleich die grausamste Zerstörung in sich.

Hier hingegen war Verheissung, Jugend.

Was aber ist süsser: der Wunsch oder die Gewährung, die Morgenröte oder der Tag, die gläserne Quelle oder der getrübte Fluss, ein Kinderauge oder ein Mannesauge, der Gedanke oder die Tat, das Empfangen oder das Gebären?

Und so geht es durch die ganze Welt.

Diese verschlossene Au mit den jungfräulichen Birken war ein Gemälde. Er griff nach dem Skizzenbuch, liess aber gleich wieder ab, denn er erinnerte sich, dass er keine Farben bei sich habe; ohne die war es unmöglich. So gab er sich ganz dem Schauen hin. Aber die Schaffenslust, die in ihm aufging, war unbezwingbar. Er sehnte sich danach, jetzt vor seinem Bilde zu stehen. Jeder Strich wäre ihm gelungen! Warum war er auch von Hause fortgegangen? Warum hatte er nicht wenigstens Farben zu sich gesteckt? O die Zeit, die er hier vertrödelte! Er schalt sich und bereute seinen Ausflug, wurde unruhig und stand auf. Er musste sofort nach Haus an die Arbeit. Noch einmal umfing er den schönen, stillen Raum mit den Blicken, dann ging er. Einmal hörte er zur Seite tiefer im Gehölz ein Knacken. Er sah hin und bemerkte zwei junge, entfliehende Rehe. Dann kam er wieder aufs Feld und an dem Dorfe vorbei auf die 54 Landstrasse. Vor ihm lag die graue, scheinbar endlose Stadt. Da er sie betrachtete, wurde ihm, als ob seine ganze Arbeitsfreude wieder verschwand. Aber er schritt rüstig zu. Je näher er kam, desto schwerer wurde die Luft, es war ganz auffallend. Ein paar stuckernde Bauernwagen fuhren an ihm vorüber. Er beneidete die Insassen, die dem Licht entgegenfuhren. Jetzt kamen die ersten Gebäude. Jetzt war er wieder mitten in dem Gelärm und Gehast.

Er sprang auf eine Pferdebahn und trat in den Wagen. Da erschrak er: ihm schräg gegenüber sass eine alte Dame und neben ihr das Mädchen. Sie trug wieder das graue Kleid, auch den Schleier. Als er sie ansah, fühlte er, wie ihre Lippen sich aufeinanderpressten.

Er starrte unablässig zu ihr hinüber. Sie war noch sehr jung, achtzehn etwa, und von einer seltsamen Schönheit, die wohl nicht jeden fesseln konnte. Echt germanisches, flachsblondes Haar, das Gesicht von südlicher Sinnlichkeit, besonders der Mund. Die Augen wieder gut deutsch himmelblau. Das ganze Ding noch in drängender Entwickelung. Ein Versprechen, aber ein wundervolles, süsses. Gerade wie die Welt vor den Toren, in der er sich eben gebadet hatte.

Wenn ihre Blicke sich trafen, war es jedem von ihnen, als ob in ihrem Innern etwas stocke. Als die Pferdebahn hielt, erhob sich die alte Dame und schritt hinaus. Das Mädchen, jedenfalls ihre Gesellschafterin, folgte ihr. Auch der Maler stand auf, um den Wagen zu verlassen. Zwischen der Tür raunte er ihr zu:

»Seien Sie heut Abend um acht vor meinem Hause.«

55 Dann sprang er nach ihr ab und blieb an einem Schaufenster stehen. Als die beiden Frauen ein Ende entfernt waren, folgte er ihnen langsam, beglückt, voll lachender Träume, während sein Auge die junge Königsgestalt vor sich mit Entzücken verschlang.

Zuhaus machte er sich sofort an das Bild. War seine Lust beim Eintritt in die Stadt schon fast wieder gewichen, so hatte sie ihm die Begegnung mit dem Mädchen von neuem zurückgeben. Er korrigirte fast gar nicht. Es wurde ihm spielend leicht. Und dabei empfand er, dass ihm unter der Hand etwas Ausserordentliches gelang.

Erst gegen Abend, als das Licht nachliess, legte er die Palette beiseite. Er fühlte sich sehr ermattet. Da er das Mittagessen versäumt hatte, ging er hinunter in irgend ein Restaurant und liess sich etwas Warmes geben. Dann suchte er einen Freund auf, plauderte mit ihm und sah voll Unruhe fortwährend nach der Uhr. Endlich verabschiedete er sich. Er lief noch schnell durch einige Strassen und stand ein Viertel vor acht in grösster Erregung auf dem Platz zu Füssen seiner Wohnung.

Auch die letzte Viertelstunde verstrich. Es schlug acht von den Türmen.

Sie war pünktlich. Trotzdem überraschte es ihn, als er sie kommen sah. Wieder wurde beiden, sobald sie sich anblickten, als ob in ihnen etwas stille stände. Als sie sich die Hände gaben, behielten sie sie eine Weile ineinander, 56 ohne es zu wollen, wie unter einem Zwang. Dann gingen sie nebeneinander langsam fort, einem öffentlichen Parke zu.

Es war ihnen gequält zu Sinne. Sie fingen an von den alltäglichen Dingen zu sprechen und blieben schliesslich dabei; sie wagten nicht auf sich selbst und ihre Gefühle zu kommen. Sie mühten sich ab, das Gespräch aufrecht zu erhalten; es hielt sehr schwer. Bald sehnten sie sich beide, dem verfehlten Beginnen ein möglichst schnelles Ende zu machen. Dabei aber spürten sie doch, dass sie im Grunde ganz nahe verwandt waren, dass der Eine dem Andern die grössten Wonnen bescheren könne.

So aber war es eine Qual.

Jeder erwartete von dem Andern, dass er mit flinker Hand den Zaun niederreisse, der zwischen ihnen stand. Aber Keiner wagte es, da Keiner das zu ergreifen wagte, was jenseits davon lag, obwohl er es brennend begehrte.

Nachdem sie so eine Weile in schmerzender Stimmung gegangen waren, bat sie umzukehren, da man sie zu Haus vermissen würde. Der Rückweg war das gleiche, noch stiller vielleicht. Auf dem Platz vor seiner Wohnung gab sie ihm zu verstehen, dass er sie verlassen möge, damit sie nicht von den Leuten der Gegend, in der sie wohnte, zusammen gesehen würden.

Nun dachte er plötzlich an die Öde, die eintreten musste, wenn sie gegangen sein würde. Sein Verhalten erschien ihm auf einmal in dem richtigen Licht, läppisch, kinderhaft. Wie konnte er von ihr verlangen, dass sie sich ihm offenbare, wenn er sich selbst wie ein Tölpel benahm! Im letzten Moment fragte er noch, wann sie sich wieder treffen könnten.

Ihre Augen sahen teilnahmlos an ihm vorbei. 57

»Morgen um die gleiche Zeit« sagte sie.

Dann reichten sie sich wieder die Hände. Diesmal wand sie die ihrige schnell aus seiner los, als täte es ihr weh, wenn er sie länger behielte.

Darauf gingen sie nach Hause. Jeder mit schalem Herzen, verdrossen über sich selbst und über den Andern.

Am folgenden Tage war es ihm unmöglich, einen Pinsel anzurühren. Er war abgespannt, denn er hatte die Nacht fast nicht geschlafen. Der bleierne Himmel, der sich über die Welt gespannt hatte, machte ihn müde und traurig. Der Gang mit dem Mädchen erschien ihm jetzt wie ein Traumbild der verflossenen Nacht. Er konnte sich kaum erklären, dass er sich so benommen habe, wie er es wirklich getan hatte, und doch fühlte er, dass es genau wieder so kommen würde, wenn sie von neuem zusammen wären.

Aber bei dem Gedanken sprang er auf.

Nein! War er denn ein Schulbube? War er feige?

Heute Abend sollte es anders werden!

Heute Abend . . . o wenn es doch erst wieder Abend wäre!

Die Stunden schlichen. Er wurde immer ungeduldiger. Hundertmal trat er vor das Bild hin, um anzufangen; hundertmal gab er es wieder auf. Er konnte sich nicht entschliessen, überhaupt irgend etwas zu beginnen. Er lief durch das Atelier, die Treppen hinab und durch die Stadt, dann wieder nach Haus und von neuem durch das Zimmer, und Alles zweck- und planlos. Dabei hatte er Kopfweh, dass es kaum zu ertragen war. Und dann fragte er sich wieder: Ja, was willst 58 Du denn eigentlich? Was hast Du denn vor? Was quälst Du Dich denn?

In den ersten Nachmittagstunden kam der Postbote und brachte ihm ein kleines Couvert mit unbekannter Handschrift. Er setzte sich auf den Divan und öffnete es. Auf dem Kärtchen stand:

»Kommen Sie nicht heute Abend. Wir gehören nicht zusammen. Um mit Lügen anzufangen, sind wir doch beide zu ehrlich.«

Er legte das kleine Schreiben neben sich. Es war, als ob es ihm eine grosse Stille brächte. Er stand langsam auf, ergriff den Hut und ging mit festen Schritten zur Tür. Da wandte er sich noch einmal um und sah das Bild an.

Er kam zurück, nahm es mit leisem Kopfschütteln, das wie stumme Verzweiflung war, von dem Gestell und lehnte es zu den andern, unvollendeten, an die Wand.

Hierauf ging er hinab und ohne Ziel durch irgendwelche Strassen. Er kam in das Quartier der Eleganz. Die Häuser hatten hier breite Vorgärten. Vor einem blieb er erstaunt stehen. Er sah mit grossen, scheuen Augen durch das Eisengitter auf einen leuchtenden Fleck. Es war eine lila Crocusblüte, die dort am Rande eines Beetes stand.

Es fröstelte ihn. Er war tief erschrocken.

»Ah – es giebt schon Blüten?!« dachte er.

Und dann mit grossem Zagen:

»O wehe, wehe, nun ist die gute Zeit vorbei.«

Seine Augen wurden trübe. Er schlich weiter durch die Menschen hin, aber er hörte und sah sie nicht.

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