Hilda Bergmann
Vom Glöckchen Bim und andere Geschichten
Hilda Bergmann

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Der Paradiesvogel.

Auf einem Baume des Paradieses saß der Paradiesvogel. Er hatte eine Kehle so grün wie Smaragd und Augen wie funkelnde Rubine. Seine Flügel waren zimtrot, der lang herabwallende Schweif trug Federn aus purem Gold. Der Schnabel war gelb und die zierlichen Füße hatten die Farbe des Himmels. Schon von weitem schimmerte und schillerte der schöne Vogel wie ein glitzerndes Juwel. Stieg er flügelrauschend in die Höhe, so leuchtete er im Sonnenschein und sein goldener Schweif durchzog die Luft wie der eines Kometen. 134

Eines Tages flog der Paradiesvogel zu dem ungeheuren Tore, das den Garten verschloß.

»Ich habe gehört,« sagte er zu dem Hüterengel, der mit dem flammenden Schwerte das Paradies bewachte, »daß es den Menschen auf der Erde draußen nicht zum Besten geht. Sie haben Sorgen, Mühsal, Krankheiten und viele Beschwerden zu ertragen. Ich möchte einmal zu ihnen hinausfliegen.«

»Was willst du dort beginnen?« fragte der Hüterengel. »Kannst du ihnen Sorgen, Mühsal und Beschwerden abnehmen?«

»Das nicht,« entgegnete der Paradiesvogel. »Aber ich kann ihnen Schönheit und Freude bringen. Ich kann ihnen das Lied des Paradieses singen und einen Schimmer seines Glanzes in ihr Leben tragen. Wie froh und dankbar werden alle Geschöpfe sein, wenn sie vom Paradiese hören!«

»Wenn du dich nur nicht täuschest,« erwiderte kopfschüttelnd der Engel. »Es soll schon vorgekommen sein, daß Boten und Propheten gesteinigt wurden, wenn sie die Welt beglücken wollten. Bist du so sicher, daß man auf der Erde draußen noch ans Paradies denkt? Aber wenn du durchaus willst, kannst du es ja versuchen.«

Der Engel öffnete das große Tor spaltbreit und der Vogel entflog. Tag und Nacht rauschten seine Flügel durch die Stille der Luft. Unter ihm lag baumlose Steppe, unter ihm dehnte sich endlos gelber Wüstensand. Felsen kamen, weiße Felsen, und wo sie endeten, begann tiefblau das Meer. Der Paradiesvogel flog dahin, unermüdlich und unermüdet. Irgendwo jenseits des Meeres mußte Land sein und dort traf er die Geschöpfe, denen er vom Paradiese erzählen wollte. Während sich unter ihm die Wogen hoben und senkten, dachte der Vogel immer nur daran, wie sehr er die Geschöpfe beglücken wollte.

Schließlich endete das Meer, ein grüner Strand schob sich heran, Wälder erschienen, Wiesen und Felder schlossen sich daran. Auf 135 einem vereinzelten Baume inmitten einer weiten Sumpflandschaft saß eine Schar schwarzer Krähen.

»Vögel!« rief der Paradiesvogel freudig. »Wie gut, daß ich zuerst meinesgleichen antreffe. Mit denen kann ich mich am besten verständigen!«

Er ließ sich langsam herab, umkreiste den Krähenbaum und setzte sich flügelschlagend auf einen Ast. Die Krähen rückten ungehalten von dem strahlenden Besucher fort und erwiderten kaum seinen Gruß. In mürrischem Schweigen saßen sie da und musterten den Ankömmling.

»Sie sind wohl aus dem Ausland?« krächzte endlich eine der Krähen und hüpfte auf den Fremdling zu. »Man merkt es an Ihrer schreienden und aufdringlichen Kleiderpracht. Bei uns liebt man die grellen Farben nicht. Sehen Sie sich nur um: solides, gediegenes Schwarz überall, das ist dauerhaft, praktisch und schmutzt nicht.«

»Höchstens noch Schwarz mit Grau,« rief eine Nebelkrähe und lüftete die Flügel. »Aber ein solches Glänzen und Schillern ist im höchsten Grade unfein.«

»Es paßt vielleicht in einen Hühnerhof,« sagte eine dritte, »aber nicht zu den freien Vögeln des Waldes.«

Der Paradiesvogel saß zusammengekauert auf seinem Ast. Alle freundlichen Worte waren ihm in der Kehle steckengeblieben. Er verbarg den Kopf im Gefieder, als ob er schliefe, und schämte sich von ganzem Herzen der häßlichen Worte der Krähen.

»Vielleicht haben sie doch heimliche Sehnsucht nach dem Paradies,« dachte er bei sich und hörte zu, worüber sie sprachen. Aber da ging die Rede nur über die besten Jagdplätze und wo man die fettesten Mäuse finge. Und als der Paradiesvogel leise wie aus Schlaf und Traum eine süße, selige Melodie des Paradieses ertönen ließ, da fingen die Krähen an, mit rauhen Stimmen Krah, 136 Krah zu schreien, und in diesem Geschrei ging das Lied des Paradieses unter. Dann hob sich die schwarze Schar wie auf Befehl in die Luft und verschwand in dem nahen Walde.

»Wie verächtlich sie mich angeschaut haben,« sagte der Paradiesvogel bekümmert und schüttelte den Kopf. »Ich hätte nie gedacht, daß man mich auf der Erde so unfreundlich aufnehmen würde. Aber vielleicht verstehen es diese schwarzen Vögel nicht besser. Es ist wohl zu lange her, daß sie vom Paradiese hörten. Ich will es anderswo versuchen.«

Der Vogel schwang die Flügel. Freude und Vertrauen kehrten in sein Herz zurück. Die rubinfarbenen Augen glänzten. Er überflog lange Strecken unbebauten Landes, dann kamen Bauernhäuser, Scheunen und Gärten.

Auf einer Wiese spielte eine Kinderschar und ließ bunte Papierdrachen in die Luft steigen. Plötzlich erschien der große, glänzende Vogel unter den Drachen und lenkte alle Augen auf sich.

»Kleine Menschen!« dachte der Paradiesvogel und ließ sich langsam tiefer herab. »Ich will ihnen mein Lied singen! Ich will ihnen vom Paradies erzählen! Welche Freude wird das für sie sein.«

Inzwischen schrien und lärmten die Buben, einer immer lauter als der andere.

»Ein Goldgockel!« rief der eine und zeigte auf den Vogel, der über den Köpfen kreiste.

»Dummkopf! Ein gelber Adler,« schrie ein zweiter.

»Er hat einen goldenen Schweif,« sagte ein dritter. Alle starrten gebannt in die Höhe. Einer der Knaben bückte sich und als der Vogel näher herabkam, warf er ihm einen Stein gerade zwischen die Augen, sodaß er geblendet zu Boden stürzte. 137

»Eine goldene Feder, eine goldene Feder,« schrie und johlte die Kinderschar und jedes von ihnen riß an dem Schweife des Paradiesvogels.

»Mir gehört er!« sagte der Knabe, der den Stein geschleudert hatte, und hob den Vogel auf. Dieser hatte die Augen geschlossen, an Stelle des Schwanzes besaß er nur noch ein paar kümmerliche Stummeln.

»Kommt her, wenn ihr euch traut,« setzte Peter fort, als die andern murrten. Er war der Stärkste von ihnen, er setzte immer seinen Willen durch. Auch jetzt wagte niemand, ihm zu widersprechen. Peter band dem Vogel die Füße zusammen und trug ihn nach dem väterlichen Bauernhofe.

»Was bringst denn da, Peter?« fragte die Bäuerin.

»Das ist ein ausländischer Hahn, aber ein gerupfter,« sagte der Bauer.

»Tu ihn in den Hühnerstall, vielleicht wird er zu sich kommen. Schöne Federn hat er ja, schönere als unser Gockel.«

»Und goldene Schwanzfedern!« triumphierte der Peter und zeigte auf sein Hütlein.

»Gold!« rief die Bäuerin und ihre Augen glänzten. »Gib ihn in den Hühnerstall und füttere ihn gut, damit ihm neue Schwanzfedern wachsen. Dann werden wir reich und kaufen uns so viele Wiesen und Felder, als wir wollen.«

So saß der Paradiesvogel im Hühnerstall und hatte Zeit, über sein Schicksal nachzudenken. Sein 138 Körper schmerzte ihn, die goldenen Schwanzfedern waren dahin. Am bittersten aber war die Enttäuschung. Die Kinder, denen er Freude bereiten wollte, hatten ihn überfallen und verstümmelt wie einen Feind.

»Sehen Sie nur, wie hochmütig er ist!« sagte eine kleine, weiße Henne zu ihrer Nachbarin im Hühnerstall. »Er macht nicht einmal die Augen auf, um uns anzusehen. Wahrscheinlich hält er sich für etwas Besseres als unsereins. Seit er hier ist, hat er noch kein Wort gesprochen, nicht einmal gegrüßt.«

»Vielleicht ist er krank,« entgegnete die Nachbarin. »Er schaut so traurig aus. Oder hat er Heimweh. Ich kann mir gut denken, daß man nicht sprechen will, wenn man Schmerzen hat oder wenn einen das Heimweh quält.«

»Er ist eingebildet, das ist es!« meinte eine dritte, »obzwar er zerlumpt und herabgekommen genug aussieht. Solche ausländische Vögel sind immer eingebildet.«

Der Paradiesvogel öffnete die Augen nicht. Sehnsüchtig dachte er an seine Heimat, das Paradies. Aus seiner Kehle kamen leise Töne voll fremden Wohllauts, voll fremder Schönheit. Er sang von den sanften Matten und blühenden Auen des Paradieses, von seiner ewigen Sonne, von seiner himmlischen Lust.

»Paradies? Was ist das?« fragte neugierig eine gesprenkelte Henne. »Haben Sie schon davon gehört?«

»Ach, das wird so eine neumodische Erfindung sein,« erwiderte die weiße. »Reden wir lieber von etwas Vernünftigem!« Und sie begann mit lautem Gackern zu erzählen, wieviel große, weiße Eier sie gelegt hatte, und in diesem Gegacker ging das leise, schöne Lied des Paradiesvogels unter.

»Piep, piep, piep,« lockte am nächsten Morgen die Bäuerin ihr Hühnervolk und öffnete die Stalltüre. 139

»Wo steckt mein Goldgockel?« fragte Peter, der neben der Mutter stand. »Man muß ihm die Flügel stutzen, damit er nicht fortfliegt.«

Die Bäuerin nickte. Sie hatte die ganze Nacht von den goldenen Schwanzfedern des fremden Vogels geträumt und ihr Herz war voll Habgier.

»Im Winkel sitzt er,« sagte sie. »Ich lock' ihn jetzt heraus und du fängst ihn und schneidest ihm die Schwungfedern ab.«

»Piep, piep, piep,« lockte sie mit schmeichelnder Stimme. Der Paradiesvogel regte sich nicht. Ungeduldig kam Peter herbei.

»Ich hol' ihn mir,« rief er und schob die Mutter zur Seite. In diesem Augenblicke rauschte es mit mächtigem Flügelschlage an ihm vorbei, hob sich empor, strahlte in der Morgenbläue wie ein Kleinod, smaragdgrün, zimtrot und blau und verschwand in den Wolken.

»Wohin jetzt?« dachte der Paradiesvogel, als er der Gefangenschaft im Hühnerstall entronnen war. »Meine bisherigen Erlebnisse waren nicht sehr heiter. Ich hatte mir die Erde anders vorgestellt. Aber ich darf doch nicht aufhören, jemanden zu suchen, den ich mit dem Schimmer des Paradieses beglücken kann.«

Er überflog Straßen und Pappelalleen, Kanäle und Windmühlen, Ebenen und Flüsse. Er sah Dörfer und Städte, aber er fürchtete sich herabzukommen, und am allermeisten fürchtete er die Kinder. Endlich erblickte er ein Häuschen am Rande einer kleinen Stadt, das ihn anlockte. Es hatte freundliche, bunte Fensterläden, einen Vorgarten voll Blumen und einen Springbrunnen darin.

»Gewiß wohnen hier freundliche Menschen,« dachte der Paradiesvogel; »Menschen, deren Sinn vielleicht nach dem Paradiese steht. Sie werden wohl keine Steine auf mich werfen und mir die Federn ausreißen wollen.«

Langsam ließ er sich herabgleiten und setzte sich ans offene Fenster. 140

»O, ein fremder Papagei!« rief eine Frauenstimme. »Was für schöne Farben er hat! Wie glänzend seine Federn sind! Und er kommt gerade jetzt zu uns, wo unser alter Papagei gestorben ist.«

»Er ist ganz zutraulich und zahm,« erwiderte ein Mann. »Wahrscheinlich ist er schon lange in Gefangenschaft. Gib ihm Futter, vielleicht bleibt er dann bei uns!«

Die Frau warf Sonnenblumenkerne auf das Fensterbrett und der Paradiesvogel kam näher. Da fühlte er sich aber auch schon mit hartem Griffe gepackt, ein Eisenring schnappte an seinem Fuße ins Schloß, eine lange Kette hielt ihn fest.

»Nun haben wir ihn!« sagte die Frau und holte den Papageienständer herbei. »Jetzt kann er uns nicht mehr fortfliegen. Er soll alle Tage sein Futter und sein Wasser bekommen und wird gewiß auch »Lora« und »Guten Tag« sagen lernen wie unser alter Papagei.«

»Ihr dummen Menschen!« dachte der Paradiesvogel und sah die beiden mit seinen rubinfarbenen Augen traurig an. »Ich bin doch freiwillig zu euch gekommen! Ich will euch doch einen Schimmer des Paradieses bringen. Und ihr legt mich an die Kette und macht mich zum Gefangenen.«

Er saß aus seiner Stange und hörte zu, wenn Mann und Frau miteinander sprachen. »Vielleicht haben sie Sehnsucht nach dem Paradies,« sagte er zu sich. »Dann will ich ihnen mein himmlisches Lied singen. Um wieviel mehr wird es sie entzücken, als die dummen Worte, die sie mir vorsagen.«

Aber weder Mann noch Frau dachten an himmlische Dinge. Der Mann klagte darüber, wie mühsam seine Arbeit sei und wie schön es wäre, reich zu sein und nicht arbeiten zu müssen. Auch die Frau sprach viel vom Gelde und von den bunten Sachen, die man dafür kaufen könne. Dann war noch vom Essen und von den Kleidern die Rede und manchmal von den Leuten, die zu Besuch in das Häuschen kamen; vom Paradiese sprach man nicht. 141

Immer trauriger saß der Paradiesvogel auf der Stange des verstorbenen Papageis. Seine glänzenden Federn wurden matt, seine schönen Augen trübe.

»Der Vogel ist krank, ich glaube, er wird eingehen,« sagte eines Tages der Mann. »Stellen wir ihn doch in den Garten in die Sonne!«

»Ach, um das dumme Tier ist es nicht schade!« entgegnete die Frau. »Nicht das kleinste Wörtchen hat es nachsprechen gelernt, soviele Mühe ich mir auch gab. Da war unsere Lora viel klüger und gelehriger!«

Dennoch nahm sie den Ständer mit dem angeketteten Vogel und stellte ihn in das Gärtchen. Die Blumen blühten, der Wind wehte im Gezweig, die Sonnenstrahlen glitten über des Paradiesvogels Gefieder. Der Springbrunnen warf seine Wasserstrahlen in die Luft. Der Vogel dachte an seine Heimat und versank in Träume. Halb unbewußt öffnete er den Schnabel und sang das Lied des Paradieses. Um ihn herum lärmten unzählige Spatzen. Sie mußten sehr unmusikalisch sein und sie hatten ja auch keine Ahnung, welch vornehmer Gast unter ihnen weilte. Denn alsbald überschrien sie seine leise Stimme mit ihrem derben Geschimpfe und balgten sich um die Futterkörner des fremden Vogels.

Der Paradiesvogel verstummte. Er machte keinen Versuch, die Spatzen zu übertönen. Er hatte es aufgegeben, den Geschöpfen einen Schimmer des Paradieses zu bringen. Der Ring scheuerte seinen Fuß wund, die Kette drückte ihn. Noch mehr drückten ihn Kummer und Enttäuschung.

»Lange macht's der Vogel nimmer,« sagte nach einiger Zeit der Mann. »Er ißt nicht und trinkt nicht und versteckt seinen Kopf im Gefieder.«

»Am besten, man schlachtet ihn,« entgegnete die Frau. »Wenn er nicht allzu zäh ist, kann man ihn zubereiten wie einen Fasan, 142 dann hat man einen Braten und die Federn geben einen hübschen Ausputz für meinen neuen Hut.«

»Nicht schlachten! Nicht schlachten!« kam eine Stimme aus der Türe und ein kleines Mädchen blickte schluchzend und mit entsetzten Augen zur Frau auf.

»Weine nur nicht, Margretlein,« sagte der Mann freundlich und streichelte der Kleinen die Wange. »Und wenn du ihn haben willst, dann nimm dir den bunten Vogel nach Hause. Bei uns gedeiht er ohnehin nicht.«

»Meinetwegen,« stimmte auch die Frau zu. Margretleins Augen strahlten durch die Tränen wie Sonnenstrahlen durch Regengewölk. Die Frau löste den Ring vom Fuße des Vogels, das Kind nahm mit Herzklopfen das kostbare Geschenk in Empfang.

»Nicht schlachten!« flüsterte Margretlein noch einmal, wickelte den Vogel in ihre Schürze und drückte ihn fest an sich. »Komm, armes Tierchen, es soll dir nichts geschehen.« Und nachdem es sich bedankt hatte, stolperte das Nachbarskind glückselig ins Freie.

Nicht einen Augenblick dachte die zärtliche, kleine Seele daran, den schönen Vogel gefangen zu halten. Margretlein lief über Wiesen und Felder bis zu einem großen Baume, der einsam auf grüner Matte stand.

»Hier wird dich niemand einfangen,« sagte die Kleine und setzte 143 den Vogel auf einen herabhängenden Ast. Er funkelte in den Strahlen der untergehenden Sonne in allen Farben seines bunten Gefieders. Seine Augen leuchteten in ihrem alten Glanz. Er öffnete den Schnabel und sang das Lied vom Paradiese, von seinem ewigen Grün, seinen spiegelnden Teichen, seinem klaren Lichte, seiner himmlischen Schönheit. Margretlein stand und horchte. Jeder Ton des fremden Vogels schien ihr vertraut. Sehnsucht nach etwas unendlich Fernem, unsagbar Schönem und Großem erfaßte sie. Der Paradiesvogel endete mit einem langgezogenen Triller, er schien zugleich zu jauchzen und zu schluchzen. Endlich, endlich hatte er eine Seele gefunden, die ihn verstand, die er mit seinem Gesang beglückte. Vergessen waren alle schlimmen Erfahrungen.

»Habe Dank, kleines Mädchen, habe Dank,« sang er. »Jetzt weiß ich, daß ich nicht vergebens auf die Erde gekommen bin.«

Er hob sich von seinem Aste in die Luft, er umkreiste Margretlein mit rauschendem Flügelschlag. Dann stieg er kerzengerade in die Höhe und verschwand im Gewölk des Abends. Vor Margretleins Füße aber fiel eine seiner schönen, zimtroten Schwungfedern, ein Andenken an den Vogel des Paradieses.

»Schenk' mir die rote Kielfeder!« baten die Geschwister daheim Margretlein. Doch diese konnte sich von der Feder nicht trennen. Der Vater schnitt sie ihr zurecht und zeigte ihr, wie man damit schreiben könne. Und o Wunder, die Feder lief wie von selbst über das Papier und schrieb die schönsten Geschichten.

Der Paradiesvogel flog Tag und Nacht durch die Luft, bis das ungeheure Tor des Paradieses vor ihm auftauchte.

»Wie ist es dir ergangen?« fragte der ernste Hüterengel, als er ihm öffnete. »War auf Erden die Freude groß, als du kamst? Und wo hast du deine schönen, goldenen Schwanzfedern gelassen?«

Der Paradiesvogel flog mit beglücktem Flügelschlage in den Garten. »O,« sagte er mit strahlenden Augen, »ich habe viel 144 gesehen und erlebt, Gutes und Böses, Schönes und Häßliches. Manchmal glaubte ich, daß die Geschöpfe der Erde nichts mehr vom Paradiese wissen wollten. Aber da kam eine kleine Seele und hat mir das Vertrauen wiedergegeben. Eine kleine Menschenseele hat mein Lied gehört und den Schimmer des Paradieses in sich aufgenommen. Sie trägt für immer die Sehnsucht nach dem himmlischen Garten in sich. Sie singt mein Lied nach, einstweilen leise und für sich, später wird sie es aber laut und für alle anderen singen. Nein, es war wirklich nicht vergeblich, daß ich auf die Erde geflogen bin.«

Mit diesen Worten verschwand der Paradiesvogel im Innern des ewigen Gartens.


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