Hilda Bergmann
Vom Glöckchen Bim und andere Geschichten
Hilda Bergmann

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Wie der Hamster zu einem Orden kam.

Es war ein Sonntag im Spätsommer. Glockenton hing in der Luft, die Sonne leuchtete und die Wiese atmete köstlichen Wohlgeruch aus. Vor ihrer Haustüre im hohen Grase saß Frau Feldmaus und las ihrem reichen und vornehmen Vetter, dem Hamster, die Zeitung vor.

Der Herr Vetter, von Fett und Würde gebläht, saß trotz des warmen Tages im schönen, braunen Hamsterpelz in seinem Lehnstuhl, hielt die Hände über dem Bäuchlein gefaltet und erwiderte von Zeit zu Zeit: »Was Sie nicht sagen! Was Sie nicht sagen!« Er hielt es für vornehm und angebracht, seine armen Verwandten mit »Sie« anzusprechen.

»Schlechte Ernte heuer in der Gegend infolge anhaltender Trockenheit?« wiederholte er dann. »So, so!« Und er dachte an seine wohlgefüllten Kornspeicher und seine verborgenen Weizenkammern, in die er seit Wochen schöne, feste Körner getragen hatte, und rechnete im Geheimen aus, wie er, wenn ein hungriger Winter käme, seine Vorräte um teures Geld an die Nachbarn verkaufen wollte.

Die Feldmaus dagegen seufzte tief und wischte sich mit dem Schürzenzipfel die Tränen aus den Augen, denn sie hatte sieben 96 unversorgte, junge Feldmäuse unten in ihrer Wohnung und wußte nicht, womit sie die im kommenden Winter ernähren sollte.

Da ging mit einemmal ein leises Rauschen durch das Gesträuch und ein Wiegen und Klingen durch die Halme und mit ihren Leibmusikanten, den Grillen, und ihrer geflügelten Leibgarde, den Libellen und Hummeln, kam die Elfe Traumseele des Weges.

»O, der Herr Hamster,« sagte sie, als sie ihn erblickte, und lächelte. »Ein seltener Besuch auf unserer Wiese! Denn hier gibt es nichts zu holen als Blumenduft und nichts zu ernten als Grillensingsang und Sonnentau. Nichts für den reichen Herrn Hamster mit seinen Kornspeichern und Weizenkammern!«

»Ach, mit dem Reichtum ist es nicht so weit her,« sagte der Hamster und machte ein betrübtes Gesicht. »Mißernte in der ganzen Gegend wegen andauernder Trockenheit! Viel zu tun, viel zu tun, Frau Else, um die Speicher nur zum dritten Teil für den Winter zu füllen!« setzte er knurrend hinzu und sah mit mißbilligenden Blicken über die Wiese hin, wo die Schmetterlinge durch die Luft taumelten und schaukelten, die Grashüpfer ihre tollsten Freudensprünge machten und das Gras, »dieses unnütze Unkraut«, wie es der Hamster bei sich nannte, im Winde grüne Wellen schlug.

»Lauter leichtfertiges Gesindel, diese Libellen, Grillen, Falter und Grashüpfer!« brummte bei diesem Anblick der Hamster in seinen Bart. »Was tut dieses liederliche Volk mit seiner Zeit? Was leistet es für seine Mitbürger? Ich schleppe den ganzen, lieben Tag Vorräte zusammen und diese Gesellschaft kennt nichts als ihr Vergnügen!«

Inzwischen war die Feldmaus in ihrer unterirdischen Wohnung verschwunden und kam jetzt wieder zum Vorschein, einen Stuhl in der Hand, den sie mit dem Schwänzchen sauber abwischte, und die sieben kleinen Feldmäuse hinter sich, denen sie in der Eile noch rasch die Nasen geputzt und die Samtfellchen gebürstet hatte. 97

»Ach, liebe Frau Waldelfe,« fing sie jetzt zu klagen an und wischte mit dem Schürzenzipfel die Tränen aus den Augenwinkeln, »was soll denn nun aus uns werden! Die ganze Ernte ist dies Jahr mißraten und jetzt wird der Winter kommen und alles wird knapp und teuer werden. Wovon sollen wir armen Leute mit den vielen Kindern nun leben?«

»Nun,« lächelte die Else freundlich und ihre Stimme klang wie das Läuten silberner Glöckchen. »Dann wird eben Herr Hamster seine Speicher und Vorratskammern öffnen und euch davon geben. Er ist doch Junggeselle und ganz allein, wofür hätte er sonst so fleißig gesammelt?« Und die Elfe fuhr dem kleinsten Feldmäuschen, das an einer Brotrinde knabberte, über den Kopf und die rosenrote Schnauze.

Dem Hamster aber stieg bei diesen Worten der Elfe alles Blut zu Kopf und wütend schrie er sie an: »Da kennen Sie mich aber schlecht, Verehrteste! Für diese Tagediebe und Faulenzer, Müßiggänger und Landstreicher sollte ich gearbeitet und mich geplagt und meine Kammer mit den schönen, gelben Getreidekörnern gefüllt haben? Und vielleicht sollte ich Ihre singende, tanzende, fliegende Gesellschaft auch noch ernähren? Wer arbeitet denn überhaupt etwas auf Ihrer Schlemmerwiese? Das ist ja ein Springen, ein Jubeln, ein Honigschlürfen, als ob die Welt ein ewiger Kirchtag wäre. Diese Herrschaften zum Beispiel,« und er wies mit dem Zeigefinger nach dem musizierenden Grillenvölkchen, »diese Herrschaften zirpen den Sommer lang auf ihren Geigen und Mandolinen. Ist das vielleicht eine ernsthafte, einträgliche Beschäftigung?«

»Bitte, wir sind Musiker und Künstler,« erwiderten die Grillen beleidigt und stellten ihr Gezirpe ein. »Das ist eben unser Beruf!«

»Nun, dann verhungert meinethalben im Winter!« schrie der Hamster mit gesträubtem Fell, »und laßt ehrsame, fleißige Bürger in Frieden! Und seht einmal diese buntscheckigen Leichtfüße,« setzte 98 er fort und zeigte auf die Schmetterlinge. »Was leisten sie eigentlich? Wozu sind sie auf der Welt?«

»Wir gaukeln und schweben,
geflügeltes Leben,
wir Kinder des Schönen.
Magst scharren und raffen,
magst spotten und höhnen,
wir spinnen und schaffen
am Schleier des Schönen,«

antworteten die Schmetterlinge und flatterten mutwillig um des Hamsters Kopf.

»Auf Ihrer ganzen sauberen Wiese arbeitet niemand als vielleicht ein paar Bienen und Ameisen, verehrte Frau Elfe,« beendete der Hamster seine Rede. »All die andern unnützen Kreaturen mögen nur im Winter zugrundegehen, es ist nicht schade um sie!«

Das siebenfache Geheul der erschrockenen Feldmausjungen, die immer Hunger hatten, antwortete den groben Worten des Hamsters und die Feldmaus schluchzte herzbrechend dazwischen. Doch die Elfe strahlte den brummigen Gesellen mit Augen an, die hell wie die Sonne und klar wie der Waldbach waren, und dem Hamster wurde es seltsam warm unter seinem dicken Pelze. Dann sagte sie: »Meine Tagediebe und Leichtfüße müssen Sie mir schon in Frieden lassen, verehrter Herr Hamster! Die gehören nun einmal zur Wiese wie das ganze liebe, unnütze Blumendurcheinander. Aber für Ihre armen Verwandten hier, besonders die Familie Feldmaus, werden Sie doch etwas übrig haben? Sehen Sie doch, wie allerliebst diese kleinen Feldmäuschen sind! Denken Sie aber nicht, daß wir Ihre sauer erworbenen Vorräte umsonst in Anspruch 99 nehmen möchten,« setzte sie hinzu, als der Hamster wieder vor Ärger zu schnaufen begann. »O nein, mein lieber Freund! Sie müßten es durchaus nicht ohne Lohn tun!«

»Und der wäre?« knurrte der Hamster mißtrauisch wie geizige Leute sind, wenn sie einen Angriff auf ihre Tasche befürchten. »Nun,« sagte die Elfe, »Geld können wir Ihnen keines anbieten, das wächst auf unserer Wiese nicht. Aber ich denke da zum Beispiel an ein reizendes Ding, das man außen am Pelze tragen kann, einen Schmuck, wenn Sie wollen, den großen Sternblumenorden erster Klasse am grünen Band. Sie wären übrigens der erste Hamster, der diese seltene Auszeichnung besäße.«

Der Hamster dachte nach:

»Der große Sternblumenorden erster Klasse, das klingt nicht übel. Und was würden die andern Hamster dazu sagen? Ob man sich dann nicht sogar ›Edler von Hamsterbau‹ nennen könnte? Aber teuer wäre der Spaß, viele schöne, goldgelbe Getreidekörner würde er kosten!« Eitelkeit und Geiz stritten in seinem Innern. »Der Sternblumenorden am grünen Band würde ja nicht übel zu meiner Figur passen,« sagte er zur Elfe, »aber ich muß mir die Geschichte doch noch überlegen.«

»Tun Sie das,« antwortete Traumseele. »Und wenn Sie einverstanden sind und Ihre Vorratskammern der notleidenden Nachbarschaft öffnen wollen, dann hissen Sie eine grüne Fahne am Eingang Ihres Baues.«

Am andern Morgen flatterte ein großes, grünes Huflattichblatt vor dem Haustor des Hamsters und bei Frau Feldmaus und den andern armen Verwandten gab es großes Jubelgeschrei. Mit Handtaschen und Rucksäcken, mit Koffern und Körben kam alt und jung 100 angerückt und stürzte sich in die unterirdischen Speicher und Gewölbe des reichen Vetters. Ehe der Tag um war, stand alles leer.

Der Hamster war in sehr griesgrämiger Stimmung. Er hatte den Handel schon längst bereut und er bereute ihn noch mehr, als er am Abend die zertretenen Wege, das niedergestampfte Gras und die eingedrückten Tore seiner Behausung sah.

Da kam mit Glockenblumenläuten und Grillenmusik die Waldelfe des Wegs und hielt vor dem Hamster an. »Jetzt kommt die Belohnung,« lächelte sie und hing dem Hamster den versprochenen Orden feierlich um den Hals. Die schönste und größte Sternblume der Wiese, schneeblanke Strahlen um eine goldgelbe Scheibe, hatte man gewählt und ein Ordensband aus den feinsten Grashalmen geflochten; nun baumelte das Ehrenzeichen der Elfe auf des Hamsters braunem Fell. 101

Er war sehr stolz auf den ungewohnten Schmuck und sah geschmeichelt drein bei dem Gedanken, wie sehr er nun alle anderen Hamster überragen werde; so ging er, nachdem er sich von der Elfe verabschiedet hatte, würdevoll seiner Wohnung zu.

Wohl kränkte er sich sehr, als er die gähnende Leere seiner Kammern gewahrte, doch tröstete er sich mit dem Orden, der seine Brust zierte. »Ich bin der erste Hamster mit dem großen Sternblumenorden am grünen Bande,« sagte er und ging zu Bette.

Aber wie sah das Ehrenzeichen am nächsten Morgen aus!

Welk hing die Sternblume an ihrem Ordensband und dieses selbst zerfiel in eine Handvoll dürrer Halme. Durch die Luft wehte ein Hauch von Wiesenduft und klang ein Gelächter wie von seinen, silbernen Glöckchen. Wutverzerrten Gesichts verließ der Hamster seinen Bau und die ganze Gegend. 102

Seit jenem Tage ist es nie mehr vorgekommen, daß ein Hamster etwas von seinen Vorräten an seine notleidenden Nachbarn abgegeben hätte. Die Wiese aber grünt und blüht allsommerlich, die Grillen geigen, die Grashüpfer schwirren, die Schmetterlinge tanzen und alles freut sich der schönen, sonnigen Zeit.

 


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